Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
Aktuelle Zeit: 06.12.2016 13:09

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 6 Beiträge ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: BLUTSPUR - Terence Young
BeitragVerfasst: 02.11.2014 19:45 
Online
Benutzeravatar

Registriert: 07.2013
Beiträge: 2770
Geschlecht: männlich


BLUTSPUR / BLOODLINE (1979)

in den Hauptrollen Audrey Hepburn als Elizabeth Roffe
Ben Gazzara, James Mason, Claudia Mori, Irene Papas, Michelle Phillips, Maurice Ronet, Romy Schneider, Omar Sharif, Beatrice Straight und Gert Fröbe
mit Wolfgang Preiss, Pinkas Braun, Ivan Desny, Dietlinde Turban, Vadim Glowna, Walter Kohut, Charles Millot, Hans von Borsody , Dan van Husen, u.v.a.
eine Produktion der Paramount | NF Geria III-Produktion | Bavaria Film | im Verleih der CIC
nach dem Roman von Sidney Sheldon
ein Film von Terence Young


Bild


»Die Arbeit einer Frau ist wohl nie zu Ende«


Sam Roffe, der Chef eines internationalen und mächtigen Pharma-Konzerns mit Hauptsitz in Zürich, kommt bei einem Ausflug in den Bergen unter mysteriösen Umständen ums Leben. Seine Tochter Elizabeth Roffe (Audrey Hepburn) erbt das Imperium und steht vor einer schweren Aufgabe. Die Familien- und Vorstandsmitglieder drängen sie, die Firma in eine offene Aktiengesellschaft umzuwandeln. Als durch das Auftauchen eines gewissen Inspektor Max Hornung (Gert Fröbe) eine wichtige Sitzung unterbrochen wird, stellt sich durch seine Berichterstattung heraus, dass es kein Unfalltod war, sondern Mord. Der Kreis der Verdächtigen ist mit der Familie und Vertrauten aus der Firma schnell gefunden, denn alle befinden sich aus unterschiedlichen Gründen in effektiven Geldnöten und haben daher ein Motiv. Für Elizabeth werden Vertraute zu Fremden und Freunde zu Feinden, auf wen kann sie sich noch verlassen? Der erste Mordanschlag auf die neue Chefin des Konzerns lässt nicht lange auf sich warten, doch wer steckt dahinter? Zur gleichen Zeit muss sich Inspektor Hornung mit einer erschütternden Mordserie an jungen Prostituierten befassen. Es tauchen Porno-Filme auf in denen die Morde in allen Einzelheiten gefilmt wurden und tatsächlich führt die Spur nur in eine Richtung, und zwar direkt in die Chefetage von Roffe...

Bild Bild

Die amerikanisch-deutsche Co-Produktion "Blutspur" wurde von James Bond-Regisseur Terence Young inszeniert und wartet mit einer unglaublichen Vielzahl an Stars auf, die Besetzung ist bis in die kleinsten Nebenrollen spektakulär. Mit den Hauptrollen scheint das Ensemble der internationalen Starbesetzung beinahe eine Garantie für einen Volltreffer zu sein, doch die Rechnung geht leider nicht optimal auf. Die Großproduktion war definitiv auf einen weltweiten Kinoerfolg zugeschnitten, bei der Kritik ist "Blutspur" allerdings im Großen und Ganzen einstimmig durchgefallen. So lautete beispielsweise das Urteil der Frankfurter Rundschau: »Fad und konturenlos schleppt sich irgendeine mörderische Angelegenheit durch eine Unternehmerfamilie, vielmehr eine Ansammlung mehr oder weniger umsatzträchtiger Stars, die sich orientierungslos der Kamera präsentieren, indes im Hintergrund ihre Agenten aufpassen, daß jeder seine Großaufnahme kriegt. Ein trüber Film.« Der Film nach dem gleichnamigen Roman von Sydney Sheldon wurde jedenfalls ein Flop auf ganzer Linie. Die Regie hat bei allen günstigen Grundvoraussetzungen den Überblick über die Geschichte verloren, die Handlungsstränge wurden wenig geschickt, teils sogar wenig sinnvoll ineinander verstrickt. Die Parallelhandlung rund um die Mordserie wurde außerdem viel zu isoliert dargestellt und erscheint bei der ersten Betrachtung wenig schlüssig, und wenn überhaupt nur insofern, dass man ausreichend Exposition mit an Bord haben wollte, auch wenn sie sich auch beim mehrmaligen Ansehen langsam erschließt. Doch diese zweite Chance hat der Film wohl in den wenigsten Fällen bekommen.

Die Szenerie wurde mit bedeutenden (Alt-)Stars ausstaffiert, jedoch festigt sich schnell der Eindruck, dass man es beim Starring außer mit Audrey Hepburn, Ben Gazzara und Gert Fröbe nur noch mit Nebenrollen zu tun hat, die wesentlich an Bedeutung verlieren, da mehr als die Hälfte dieser Herrschaften Rollen bekleiden, die letztlich irrelevant erscheinen, da sie im Nichts verschwinden. Aber Hauptsache, man hat es mit einem Rudel Verdächtiger zu tun. Die uneingeschränkte Hauptrolle spielt die damals fast fünfzigjährige Audrey Hepburn, die auch hier immer noch eine reife Schönheit ausstrahlt und eine zeitlose Eleganz transportiert. Elizabeth Roffe ist eine scheue Frau, die plötzlich mit schwierigen Aufgaben betraut wird. Dabei erscheint sie allerdings, im Gegensatz zu den allgemeinen Hoffnungen des Roffe-Clans, sehr souverän und zielstrebig zu sein. Sie behauptet sich gegen den Zweifel schürenden Maurice Ronet, die scharfzüngige Romy Schneider, den wohlwollend zuredenden, aber Bedenken äußernden James Mason und das scheinbar freundschaftlich Rat gebende Duo Irene Papas und Omar Sharif. Auch der Vertraute ihres Vaters Ben Gazzara der sich besonnen zurückhält, scheint einen gewissen Einfluss auf sie zu haben. Doch trauen kann sie letztlich keinem, nur ihrer loyalen Sekretärin. Elizabezh arbeitet sich in die Konzernstrukturen hinein, sie geht der Vergangenheit auf den Grund, die intelligente Frau möchte keinen unvorbereiteten Schritt wagen und auf jede Situation vorbereitet sein. Sehr überzeugend wirkt Audrey Hepburn, wenn sie ihre Verwandtschaft in Schach hält und mit sauberen Methoden und gewissenhaften Entscheidungen ihren Willen durchsetzen kann. In der Handlung ist sie (vielleicht neben Gert Fröbe) die einzig sympathische, beziehungsweise integre Person. Wie gesagt, auch in fortgeschrittenem Alter hat die zauberhafte Audrey Hepburn nicht das Geringste von ihrem Charme und ihrer Klasse verloren.

Bild Bild

Romy Schneider spielt Hélène Roffe-Martin und was leider direkt negativ auffällt ist, dass die Familienverhältnisse nicht ausreichend durchleuchtet sind. Es ist eben alles auf einen ominösen Rätselfaktor zugeschnitten. In der Romy-Schneider-Literatur wird "Blutspur" meistens kaum und nur am Rande erwähnt, ihr Auftritt gehört zu den belanglosen ihres Schaffens. Zum einem hat das mit ihrer Auftrittsdauer zu tun und zum anderen handelt es sich von der Anlegung her um eine wenig relevante Rolle. Die meisten ihrer anglo-amerikanischen Engagements sollten für sie eben keine sehr ergiebige Schaffensperiode werden. Ihr Charakter ist als eine Art angriffslustige Kobra angelegt, sie reagiert giftig, hat ihr Umfeld in der Hand, diverse Aussagen reihen sie in den Kreis der Verdächtigen ein, ihre paar Einstellungen sind angenehm mitzuverfolgen, allerdings handelt es sich im Gegensatz zu ihren großen, tragischen Frauenrollen um eine leichte, wenig in Erinnerung bleibende Fingerübung. Dennoch strahlt sie auch hier in sinnlicher Schönheit und gefährlicher Nähe. Ihren Einstieg in das Szenario hat Romy Schneider übrigens bei einem Formel 1 Rennen, und das auch noch als Pilotin, die einen Grand-Prix gewinnt (!). Um ein Image der modernen, selbstbewussten und auf eigenen Füßen stehenden Frau zu servieren, die gerne mit dem Feuer spielt und das Schicksal herausfordert, hätte es bestimmt hunderte, weniger lächerliche Einfälle gegeben. Nichtsdestotrotz, Romy Schneider bereichert pauschal jeden Film und auch hier sind ihre paar Minuten wirklich nett anzusehen.

Gert Fröbe, dem die Inspektor-Rolle immer sehr gut gestanden hat, kann auch hier mit seiner eigenwilligen und leicht skurrilen Art überzeugen. Weniger gut steht seinem Inspektor, dass er mit zu viel unfreiwilliger Komik ausgestattet wurde. Um den Mörder und den Drahtzieher zu finden, verlässt er sich beispielsweise gerne auf Computer, die er befragt und die ihm schließlich alle relevanten Informationen ausspucken. Ben Gazzara hinterlässt als Vertrauter bei Roffe einen unscheinbaren Eindruck, in den Kreis der Verdächtigen wird er jedoch geschickt integriert, wie das bei fast allen anderen Hauptrollen der Fall ist. James Mason als Sir Alec, der in erheblichen Geldnöten steckt, da seine junge attraktive Frau sein komplettes Vermögen verjubelt, wirkt solide (falls man von seiner offensichtlichen Unterforderung mal absieht). Irene Papas und Omar Sharif mussten für humoristische Komponenten herhalten und wirken meistens deplatziert, Maurice Ronet als Hélènes Mann und Untergebener, bleibt in seinen wenigen Einstellungen ebenfalls blass. Der präzisere Einsatz und ein konsequenteres in Szene setzen der jeweiligen Charaktere wäre dringend erforderlich gewesen. So bleibt lediglich eine erstaunliche Ansammlung von Stars, deren Potential nicht erkannt und demnach auch nicht genutzt wurde. Es ist allerdings zu betonen, dass die Interaktionsleistungen in den meisten Szenen-Abfolgen in einem Maße funktionieren, von denen andere Produktionen nur träumen können.

Bild Bild

"Blutspur" ist schnell abgestempelt, denn die anscheinend unzähligen Ungereimtheiten, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film ziehen, sind nicht wegzudiskutieren und die Tatsache der überdurchschnittlich günstigen, aber ungenutzten Voraussetzungen, die in keiner Relation zum Endergebnis mehr stehen, wirken zusätzlich negativ in diesen Eindruck hinein. Wenn man die Grundstory einmal separat betrachtet muss man zugeben, dass es sich um einen sehr interessanten Stoff handelt. Leider verlor die Regie den roten Faden und ab irgend einem Zeitpunkt den Fokus bei der Inszenierung, viele Inhalte wurden schwammig bearbeitet und finden keinen zufrieden stellenden Abschluss, man verliert sich in diffusen Andeutungen. Gerade bei diesem Film verlangt man als Zuschauer aber lückenlose Aufklärung, was viel zu häufig versäumt wurde. Wie gesagt, das Ganze entfaltet sich flüssiger und präziser, bei der zweiten oder dritten Chance, seine Vorzüge werden leider von den vielen Unzulänglichkeiten überlagert. Das Staraufgebot überzeugt aufgrund der kurzen Anwesenheitsdauer und der unpräzisen Zeichnungen nur phasenweise, es entsteht sogar hin und wieder der Eindruck, dass man viele Zugpferde mutwillig verheizt hat. Die zahlreichen Aufnahmen an Original-Schauplätzen wirken einerseits exklusiv, andererseits zu überladen, da es durch zu abrupte Ortswechsel zu empfundenen Gedankensprüngen kommt.

Bemerkenswert ist die Musik von Ennio Morricone (die phasenweise deutlich an "Exorzist II - Der Ketzer" erinnert). Experimentierfreudig und selbstsicher begleitet sie jeden Moment der etwas zu langen Geschichte, der einige Straffungen gut bekommen wären. Beim Thema Spannung und Tempo gibt es wesentlich weniger Probleme als beim großen Thema Logik, dem Zuschauer werden teils konfuse Inhalte zum Fraß vorgeworfen. Erwähnenswert ist, dass man der Produktion in jedem Detail, in jedem Setting und in jedem Accessoire das Produktionsbudget deutlich ansieht, so dass "Blutspur" insgesamt einen eleganten Charakter transportieren kann. Der größte Schuss in den Ofen ist allerdings das Finale. Hier hätte man sich etwas Geistreicheres einfallen lassen, oder wenigstens das Verständnisproblem beheben müssen. Man muss als Zuschauer äußerst wachsam und aufmerksam sein, weil man von Regie und Drehbuch weitgehend alleine gelassen wird. So bleibt ein Verlauf zurück, der sich im Endeffekt quasi selbst überholt hat. Persönlich (und auch schon häufig) gesehen, schätze ich diesen Film sehr, der in seiner zwar diffusen Silhouette immer ein Stück mehr Faszination und Verständnis preisgeben konnte. Er zählt zu den wenigen Produktionen, auf die ich immer große Lust habe sie mir nochmals anzusehen, weil der Film in seiner beinahe misslungenen Form etwas Nonkonformistisches besitzt und oftmals bleibt es eben auch nicht aus, dass flächendeckende Kritik bei mir stets zu einer gewissen Aufwertung führt. 'Bloodline' ist sozusagen eine Art Mikrokosmos, in dem nahezu alles zwischen Gut und Böse ausfindig zu machen ist.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BLUTSPUR - Terence Young
BeitragVerfasst: 03.11.2014 19:30 
Offline

Registriert: 11.2009
Beiträge: 531
Geschlecht: nicht angegeben
Highscores: 4
Interessantes Review! Hab den vor längerer Zeit gesehen und kann mich erinnern, dass mich die Auflösung tatsächlich völlig ratlos zurückgelassen hat. Der Film wurde ja vor Veröffentlichung recht stark gekürzt (die Ursprungsfassung lief wohl über 2 1/2 Stunden gelaufen sein) und ich dache mir, dass es damit zu tun haben muss. Auch mehrere Schauspieler, die in Vor- bzw. Abspann noch genannt werden, tauchen in der bekannten Fassung dann gar nicht auf.

In den USA soll ja eine deutlich längere Fassung in Fernsehen gelaufen sein, bei der dann allerdings die Mord-/Sexszenen stark gekürzt waren. Habe immer gehofft, dass die mal veröffentlicht wird, aber da der Film ein solcher Flop war, ist das wohl eine vage Hoffnung.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BLUTSPUR - Terence Young
BeitragVerfasst: 04.11.2014 23:22 
Online
Benutzeravatar

Registriert: 07.2013
Beiträge: 2770
Geschlecht: männlich
Das mit dem Ende des Films kann ich sehr gut nachvollziehen, da es mir genauso ging und das legt sich auch nicht wieder. Man mag es mal dahin gestellt sein lassen, wie mühsam oder nicht es vom Aufbau her wirkt, zu einem entsprechend zufriedenstellenden Finale zu gelangen. Es gibt ja immerhin einen soliden Spannungsaufbau und sehr raffiniert eingefangene Bilder, doch wenn dann urplötzlich Ende zu lesen ist, lässt die Regie den Zuschauer förmlich gegen eine Wand rennen und es bleiben einfach zu viele Fragen offen. Wie geht es weiter mit Elizabeth, was war der Hintergrund der Mordserie, was geschieht mit dem Roffe-Konzern, und so weiter.

Kürzungen merkt man dem Verlauf übrigens wirklich sehr deutlich an. Im Abspann steht sogar eine gewisse Dame namens Ursula Buchfellner, deren Szenen aber leider entfernt wurden, wie man nachlesen kann. Da dürfte definitiv weiteres Material aussortiert worden sein, das vielleicht nicht so unwichtig war. Ansonsten wirken dutzende Szenen mit expliziterem Inhalt stark gestrafft und auch auf der Handlungsebene ist es dem Empfinden nach so, dass sich Unklarheiten aufbauen, was aber genauso gut am Drehbuch liegen kann. Eine längere Fassung wäre daher ohne jeden Zweifel hochinteressant! Naja, trotz allem mag ich Terence Youngs Film wirklich sehr gerne - irgendwie.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BLUTSPUR - Terence Young
BeitragVerfasst: 05.11.2014 14:42 
Offline

Registriert: 06.2010
Beiträge: 361
Geschlecht: nicht angegeben
Toller Edelsleaze. Bitte rausbringen.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BLUTSPUR - Terence Young
BeitragVerfasst: 15.06.2015 15:16 
Online
Benutzeravatar

Registriert: 07.2013
Beiträge: 2770
Geschlecht: männlich
"Blutspur" gilt ja im Allgemeinen nicht als der beste Vertreter seiner Gattung und daher eilt ihm sein Ruf, belanglos zu sein, immer wieder gerne voraus. So hat der Film von Anfang an wenig Beachtung gefunden, was dann sicherlich auch gleichzeitig auf den begleitenden Soundtrack von Ennio Morricone zutrifft. Hier mal ein kleiner Eindruck der Titelmusik, die sowohl passend, als auch konträr zum Gesamtwerk im Ohr bleibt. Ich finde die Komposition sehr gelungen, naja, und den Film an sich natürlich auch.


www.youtube.com Video From : www.youtube.com


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BLUTSPUR - Terence Young
BeitragVerfasst: 26.09.2016 08:09 
Online
Benutzeravatar

Registriert: 07.2013
Beiträge: 2770
Geschlecht: männlich


BildBildBild

● ROMY SCHNEIDER als HÉLÈNE ROFFE-MARTIN in
BLUTSPUR (US|D|1979)



Die Dreharbeiten zu "Blutspur" fanden für Romy Schneider bereits vor der Premiere zu dem soeben abgedrehten Film "Eine einfache Geschichte" statt und sie ist nur einer von vielen internationalen Stars, der Glanz und Gloria in Terence Youngs prestigeträchtiges Projekt bringen sollte. Schon in ihrer ersten Szene bekommt der Zuschauer unmissverständlich aufgezeigt, mit wem man es bei Hélène zu tun bekommt. Eine dominante, starke und selbstbewusste Frau, bei der der Begriff modern viel zu antiquiert klingen möchte. Damit auch dem letzten Zuschauer ein Licht aufgeht, fährt die halsstarrige Dame im besten Alter einen Formel 1 Sieg nach Hause, diktiert folglich eine Episode eines klassischen Männersports, was einfach seltsam anmutet, gerade weil man Romy Schneider als Ebenbild der starken Frau zur Verfügung hatte und kein derartig überspitztes Geschütz hätte auffahren müssen. Die jubelnde Siegerin stellt sich in ihrer ersten Szene wahlweise gleich selbst vor, als sie die Todesnachricht von ihrem Cousin Sam Roffe bekommt, der gleichzeitig Chef eines Pharma-Imperiums war. »Mit 64 hat er endlich eingesehen, wo er hingehört!«, hört man sie unsentimental sagen, was mit einem triumphierenden Lächeln untermalt wird, welches in dieser Situation keinesfalls alleine auf den Sieg beim F1-Grand Prix zurückzuführen ist. Hélène Roffe-Martin ist nur eine von vielen Angehörigen, respektive gierigen Hyänen, die nun große Liquidität und ein vollkommen sorgenfreies Leben wittern und die neue Chefin des Konzerns daher zur Umwandlung in eine Aktiengesellschaft überreden wollen. Bei Romy Schneider nimmt man in diesem Verlauf vielleicht ein klein wenig irritiert zur Kenntnis, dass sie nicht, wie zu dieser Zeit allgemein üblich, der alleinherrschende Star des Szenarios ist, sondern eine untergeordnete Nebenrolle zugunsten Audrey Hepburns hat, wie übrigens alle anderen Interpreten des Starring auch. Dennoch kommt man in den Genuss von genügend Kostproben ihrer bemerkenswerten Anpassungsfähigkeit.

Die Kopplung durch Disziplin und Schauspiellaune macht so gut wie jeden Auftritt von Schneider sehenswert, auch wenn man hier sicherlich nicht ihren ganz großen Wurf geboten bekommt. Hélène wirkt so, als verspeise sie Männer gerne zum Frühstück und im Umgang mit Frauen zielt sie resolut auf deren Augen ab, um sie ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit auszukratzen. Es bereitet der versnobten Dame sichtlichen Spaß, Personen ihrer Umgebung zu brüskieren, kommandieren und von oben herab zu behandeln, denn bei ihren finanziellen Mitteln braucht der Ton erst gar nicht mehr die Musik zu machen. Eine empörte Irene Papas ist bei der Vorstandssitzung die Zielscheibe für ihre Verachtung, ihre Angriffslustigkeit und ihren Zynismus, was die Erfüllung in folgendem Satz findet, als es um ein Indiz im mittlerweile bestehenden Mordfall geht: »Ich lese eben Zeitungen, Simonetta. Ohne dabei die Lippen zu bewegen.« Derartig giftig wird man Romy Schneider hier häufiger erleben und es macht dabei jeweils Spaß ihr dabei zuzusehen, wie sie mit Schlagfertigkeit, Intelligenz und Rücksichtslosigkeit zu jonglieren weiß. Wenn man im Bezug auf Romy Schneiders üblicherweise vollkommen prominente Einsätze darüber hinwegkommt, dass sie dramaturgisch nur eine untergeordnete Funktion ausfüllt, ist mit dieser nicht uninteressanten Rolle sehr gut auszukommen, denn die eben nicht unbegrenzt vorhandenen Möglichkeiten werden optimal ausgefüllt. Da es sich hier um Star-Kino handelt, arbeitet die Kamera brav Großaufnahmen ihrer Interpreten ab, rückt sie temporär in den Fokus und im Allgemeinen sieht man die Bemühung, die Unterschiede der Charaktere hervorzubringen. In der Silhouette einer Dame von Welt steht Romy Schneider ihren Mann und legt durch ihre Stärke vergnügt die Schwächen anderer offen und solange man sich an ihre Spielregeln und Wünsche hält, fährt sie die Krallen nur mit halber Kraft heraus. Das Fazit für Hélène zieht sie in einer Szene jedenfalls selbst: »Was soll ich machen? Ich hab mir meinen Charakter eben nicht ausgesucht!«


➥ ROMY SCHNEIDER


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 6 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
© phpBB® Forum Software | phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker