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 Betreff des Beitrags: MORD IM SPIEGEL - Guy Hamilton
BeitragVerfasst: 27.05.2014 06:27 
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MORD IM SPIEGEL / THE MIRROR CRACK'D (1980)

in den Hauptrollen Angela Lansbury als Miss Marple
Geraldine Chaplin, Tony Curtis, Edward Fox, Rock Hudson, Kim Novak und Elizabeth Taylor
mit Wendy Morgan, Margaret Courtenay, Charles Gray, Anthony Steel, Marella Oppenheim und Maureen Bennett
eine Produktion der EMI Films | G.W. Films | im Verleih der Neue Constantin Film
nach dem Kriminalroman von Agatha Christie
ein Film von Guy Hamilton


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»Weißt du dass nur zwei Dinge existieren, die ich nicht an dir mag? ...Dein Gesicht!«


In dem kleinen englischen Ort St. Mary Mead findet ein wahrhaftiges Happening statt. Ein Filmteam aus Hollywood hat sich angemeldet um einen Film über das Leben der Maria Stuart abzudrehen. Die Hysterie ist groß und der Empfang der Filmdiva und Hauptdarstellerin Marina Gregg (Elizabeth Taylor) ist furios. Schon beim Gala-Empfang kommt es zu kleineren Zwischenfällen, als Marina und ihre Erzfeindin und Schauspiel-Kollegin Lola Brewster (Kim Novak) aufeinandertreffen und sich am liebsten die Augen auskratzen würden. Plötzlich aber hält jeder der Gäste den Atem an, denn es ist ein rätselhafter Mord an einer völlig unbeteiligten Frau geschehen. Sie wurde vergiftet. Hat es das richtige Opfer getroffen, oder galt der Anschlag eigentlich Marina Gregg? Um den nebulösen Fall zu klären, taucht Inspektor Craddock (Edward Fox) von Scotland-Yard auf der Bildfläche auf, doch schnell muss er bemerken, dass er allseits auf hohe Widerstände trifft. Zum Glück kann er auf die Kombinationsgabe seiner Tante Jane Marple (Angela Lansbury) bauen, die die Zusammenhänge langsam entwirren kann...

In der Liste meiner Lieblingsfilme darf Guy Hamiltons Agatha Christie-Adaption selbstverständlich nicht fehlen. Eine solche, ganz persönliche Liste ist mitunter geprägt von Filmen, die eigentlich keine großen Meisterwerke oder Klassiker darstellen, zu denen man aber einen ganz besonderen Draht verspürt, und das von Anfang an. "Mord im Spiegel" ist so ein klassischer Fall. Zwar ist die Inszenierung sehr ambitioniert und für meine Begriffe hervorragend aufgebaut, aber es hätte sicherlich genügend Luft nach oben gegeben. Der Haupt-Knackpunkt ist vermutlich die Präsentation der Titelrolle, die neben der dominierenden Interpretation der Elizabeth Taylor eher zur Nebenrolle abqualifiziert wirkt, was selbst mich anfangs eher gestört, und gleichzeitig insofern entlarvt hat, dass ich Vergleiche zu den Verfilmungen mit Margaret Rutherford gezogen hatte, was man sich hier unbedingt, und generell sparen sollte. Der Film war gleich bei der ersten Ansicht sehr faszinierend, da es Höchstleistungen in nahezu allen Bereichen zu finden gibt. Da wären natürlich die beteiligten Interpreten zu nennen, vor allem aber haben mich die scharfzüngigen Dialoge und die brillanten Charakterzeichnungen restlos überzeugt, überhaupt ist es bei jeder neuen Ansicht so, dass man immer wieder etwas Neues entdecken kann. Die Ausstattung und das Setting wirken überaus klassisch, die handwerkliche Verarbeitung hält Kniffe bereit, die für breite Zustimmung sorgen und bei der ersten Konfrontation mit dieser mysteriösen Geschichte tappt man im Dunkeln, obwohl es einem so vorkommt, als könne man den Mörder beim Namen nennen. Das raffinierte an der Erzählung ist, dass sich die Hintergründe nur langsam erschließen, was einen gelungenen Spannungsbogen inmitten der eigentlichen Idylle offeriert und im Endeffekt ist diese straffe Assoziationskette als beinahe perfekt zu bezeichnen.



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Ganz besonders gefällt mir persönlich ja immer das Konzept, wenn Schauspieler im selben Film auch Schauspieler zu interpretieren haben. Im besten Fall sieht man dann nämlich eine wesentlich höhere Präzision bei erschwerter, weil doppelter Anforderung, und das ist in "Mord im Spiegel" definitiv der Fall. So beginne ich auch mit der eigentlichen Hauptrolle des Szenarios: Elizabeth Taylor. Sie bekommt die große Bühne gleich im zweifachen Sinne geebnet und ich muss gestehen, dass ich sie vor dieser Rolle immer als ziemlich uninteressant empfunden hatte, was sich hier allerdings schlagartig änderte. Als Marina Gregg jongliert sie nämlich mit ihrem eigenen Image und lässt die Schauspielerinnen Taylor/Gregg ineinander übergehen. Die allerbesten Zeiten liegen bei der einen weit, und bei der anderen noch weiter zurück, das Thema Konstitution und Comeback werden hemmungslos angeschnitten, Allüren, wütende und temperamentvolle Ausbrüche, aber auch zerbrechliche und labile Tendenzen sind an der Tagesordnung, ja, und was wäre eine richtige Diva, die ihrem jeweiligen Gegenüber nicht auch im Alltag ihre Rollen von einst auftischen würde? Elizabeth Taylor löst diese Aufgabe einfach nur großartig. Ihre Auftritte wurden ab Mitte der Siebziger Jahre sporadischer, 1980 war "Mord im Spiegel" sogar ihre einzige Arbeit fürs Kino. Bei Marina Gregg liegt dies alles schon ein bisschen weiter zurück. Sie fürchtet sich insgeheim vor einem Comeback, das missglücken könnte, man sieht ihr die große Angst an, dass die Leute sie vergessen und abgeschrieben haben könnten, aber es wird mit perfekter Gestik und Mimik überspielt. Als Zuschauer ist man jedenfalls hin- und hergesissen wegen ihrer launischen und undurchsichtigen Performance, was allerdings heißt, dass man haufenweise große Momente serviert bekommt.

Das ist vor allem der Fall wenn sie Lola Brewster alias Kim Novak in die Hände fällt. Bereits die erste Begegnung ist ein herrlicher Schlagabtausch der die Luft brennen, und nach Gift und Galle riechen lässt. Die beiden Rivalinnen hassen sich wie die Pest und untermauern dies mit überaus zynischen Kommentaren, die bevorzugt unter die Gürtellinie der anderen gehen. Novak spielt ebenfalls ausgezeichnet, da sie das Kunststück hinbekommt, eine durchschnittliche Schauspielerin, und eine affektierte, oberflächliche und recht einfältige Frau darzustellen, die als Waffen ihre weiblichen Attribute Gewinn bringend einsetzen konnte. Wo sie noch über die mittlerweile schwerfällige Verfassung ihrer Kontrahentin lästert, sieht sie noch etwas frischer aus, weil sie dem Vernehmen nach den Zahn der Zeit immer wieder hat korrigieren lassen. Da sie mit einem bekannten Produzenten verheiratet ist, hat sie noch eine Karriere, auch dass sie offenbar ein Flittchen ist, wird des Öfteren (sogar von ihr selbst) angedeutet und in manchen Situationen, insbesondere bei der Befragung durch die Polizei, verliert sie die Kontrolle und zeigt ihr ordinäres, und eigentlich wahres Gesicht. Klasse! Geraldine Chaplin wirkt wie eine graue Maus zwischen all dem Glamour, aber sie stellt ein offenes und ehrliches Sprachrohr in dieser Scheinwelt dar. Im Film selbst fällt ein Kommentar über sie, das den Nagel absolut auf den Kopf trifft, sie sei »attraktiv in einer Art die unberechenbar ist«. Warum hat sie ihre besten Jahre als Assistentin des Regisseurs Rudd, und Marina Greggs Mann verschenkt? Es ist die Hoffnung auf mehr, die sie Durchhalten lässt, denn ganz offensichtlich besteht eine intimere Beziehung zwischen den beiden. Die schön voneinander differenziert wirkenden Charaktere machen jedenfalls ein Spektakel aus dem ohnehin hochinteressanten Verlauf.



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Angela Lansburys Darstellung der Miss Marple soll relativ nahe an der Romanvorlage sein, was sich allerdings meiner Kenntnis entzieht. Lansbury halte ich generell für eine besonders qualifizierte und überzeugende Interpretin und darüber hinaus eigentlich nahezu perfekt für die Darstellung der Miss Marple, und sie holt das Optimum aus ihrer zugegebenermaßen, vom Drehbuch stiefmütterlich behandelten Rolle heraus. In St. Mary Mead ist sie ganz offensichtlich eine Instanz die von den Bewohnern geschätzt und respektiert wird, was sich gleich zu Beginn des Films deutlich zeigt. Dieser ist übrigens sehr originell, da er in Schwarz/Weiß, und in einem Kriminalfilm im örtlichen Kino beginnt, und Miss Marple den Zuschauern mit ihrer wachen Kombinations- und Auffassungsgabe auf die Sprünge helfen muss. Zu kritisieren ist, dass sie den Fall quasi aus dem Off, und ans "Krankenbett" gefesselt lösen wird, daher nur wenig oder gar keinen Kontakt mit den Hauptverdächtigen hat. Ansonsten ist ihre alternative Interpretation der Hobby-Detektivin sehr gelungen und empfiehlt sie für ihren späteren Dauerbrenner "Mord ist ihr Hobby". Die Herren der Schöpfung wirken insgesamt ziemlich untergeordnet und haben dementsprechend die vermeintlich schwächeren Parts erwischt, was man allerdings bei diesem Star-Aufgebot relativ sehen sollte. Edward Fox' ebenfalls gänzlich alternative Interpretation des Inspektor hat bei mir eine lange Anlaufzeit nötig gehabt, um die im Endeffekt sehr gelungene Zeichnung des, im wahrsten Sinne des Wortes Fuchses, schätzen zu lernen. Er ist durch und durch ein Gentleman mit allen dazugehörigen Attributen, er behandelt seine Verdächtigen höflich und mit Respekt, daher wird der von ihnen und vom Zuschauer auch lange unterschätzt, bis er mit den besten Manieren zuschnappt und teils heftige Reaktionen hervorruft, wie beispielsweise von Lola Brewster, die ihm nur noch hinterher brüllt: »Ich scheiß auf Scotland-Yard!«. Das internationale Star-Karussell dreht sich mit Rock Hudson und Tony Curtis natürlich weiter, wenn auch nicht ganz so spektakulär. Insbesondere Curtis' Rolle geht ein wenig inmitten der übermächtig wirkenden Konkurrenz unter, dennoch bringt er eine Zeichnung des Produzenten zustande, wie man ihn sich mit all den dazu gehörenden Klischees vorstellt. Hudson als Regisseur wirkt überaus ambivalent. Man nimmt ihm die tiefe Zuneigung zu seiner Frau unbedingt ab, aber eben nicht die bedingungslose Treue. Insgesamt sind alle Beteiligten, besonders aus der Hollywood-Clique, undurchsichtig, aber offensichtlich miteinander verstrickt, und es entstehen versteckte Hinweise, die den Täter dort ausmachen könnten.

So muss man schon sehr genau zuhören, um die Bruchstücke dieses Spiegels zusammensetzen zu können. Dass eine unbeteiligte Frau ermordet wurde, zwingt den diffusen Verdacht in jede Himmelsrichtung, später wird es präziser, aber man kann das Puzzle ohne Miss Marples' Hilfe zunächst unmöglich deuten. Es bekommt der Inszenierung unheimlich gut, dass das finale Puzzlestück in diesem Cluedo bis zum bitteren Ende hinausgezögert wird. Selbst dass letztlich immer wieder sehr melodramatische Komponenten zusammen kommen, steht der Geschichte gut zu Gesicht, denn der recht tragische Fall von Mord als erstes Mittel der Wahl wirkt auch nicht gerade herkömmlich. Es entsteht zugegebenermaßen eine ganz eigenartige Variante der Vorhersehbarkeit im Rahmen eines Mordes ohne Motiv, der glasklare Aufbau trägt zum späten Verständnis bei und sorgt für einen Twist, der eigentlich keiner ist, aber dennoch als solcher wahrgenommen wird. Begrüßenswert bei Hamiltons Beitrag ist, dass überaus klassische Elemente eine perfekte Symbiose mit modernen, oder vielleicht eher zeitgemäßen Inhalten eingehen konnte. Englische Ruhe und provinzielles Flair werden durch eine Horde Hollywood-Vandalen gestört, was in jeder Hinsicht gut eingefangen wurde. Die Bildkomposition ist hervorragend, sie hebt Edles und Gewöhnliches nach Herzenslust vor, was nicht nur für die Settings gilt, sondern auch für die Charaktere. Musikalisch gesehen gibt es sehr Einprägsames und es ist in jedem Moment ein Genuss, zuzuhören, vor allem auch im akustischen Bereich wenn besonders wichtige Momente eingefangen werden. Insbesondere die Schlüsselszene dieser Produktion gehört zu meinen persönlichen Favoriten der großen Film-Momente. Die stechende Akustik, die Blitzmontage der Bilder und der Personen sorgt für einen atemberaubenden Moment, der sich in den umher stehenden Beteiligten widerspiegelt. Großartig! "Mord im Spiegel" ist immer wieder gerne gesehen, denn für mich fehlt es hier an Nichts. Dass man im Szenario alles zwischen Durchschnitt und großem Kino ausfindig machen kann, ändert nichts an der Tatsache, dass einer der persönlichen Lieblingsfilme immer großartig ist, egal ob Luft von unten oder von oben geschnuppert werden kann. Eines bleibt jedoch unbestritten, dass diese Produktion kleine Lehrstunden in Sachen Dialoge wie Peitschenhiebe, Star-Kino der Extraklasse und besonderer Unterhaltung mit Whodunit-Bonus liefert.


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