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 Betreff des Beitrags: OSS 117 - ER SELBST IST SICH GENUG - Michel Hazanavicius
BeitragVerfasst: 13.02.2012 17:09 
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OSS 117 – ER SELBST IST SICH GENUG
[OSS 117 - RIO NE RÉPOND PLUS][FR][2009]

Bild

Regie: Michel Hazanavicius
Darsteller: Jean Dujardin, Louise Monot, Rüdiger Vogler, Alex Lutz, Reem Kherici


„Donnerwetter! Mit Juden Jagd auf nen Nazi machen - lustige Idee.”
„Und warum?“
„Weil man euch gleich erkennt.“
„Ach ja? Woran?“
„Naaa.. an der Nase!“

Professor von Zimmel [Rüdiger Vogler], ein ehemaliger SS-Bonze, bietet dem französischen Geheimdienst einen Mikrofilm mit den Namen sämtlicher französischer Kollaborateure des Zweiten Weltkriegs an. Seine Forderung: Nur Agent Hubert Bonisseur de La Bath [Jean Dujardin], genannt OSS 117, darf das gute Stück persönlich in Empfang nehmen.
Also reist dieser als Reporter getarnt (worauf aber niemand hereinfällt) nach Brasilien, um den Deal abzuwickeln.
Doch kaum angekommen, wird er vom israelischen Geheimdienst entführt, welcher ihn zu einer Zusammenarbeit überreden möchte.


„Wir wollen Von Zimmel entführen und ihn für seine Verbrechen zur Rechenschaft ziehen.“
„Welche sind das?“
„Na, seine Beteiligung am Holocaust.“
„Ach das! Jaaa... Das war ja auch'n Ding!“

Darum stellen sie ihm als Partnerin Oberstleutnant Dolores Koulechov [Louise Monot] zur Seite, die er zunächst für seine Tippse hält:

„Ich bin nicht Ihre Sekretärin!“
„Ach nein? Wessen denn dann?“

Um das Versteck des untergetauchten Professors aufzuspüren, suchen sie seinen Sohnemann Heinrich [Alex Lutz] auf, der in einer Hippie-Kommune lebt. Da er für seinen Vater nur Verachtung übrig hat, schließt er sich ihnen vorbehaltslos an.

Gemeinsam versuchen sie nun, Von Zimmel aufzuspüren, wobei nicht nur Nazi-Schergen immer wieder versucht sind, ihnen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, sondern auch ein paar Chinesen, denen OSS 117 einst in die Suppe spuckte, und die ihn deshalb am liebsten tot sehen würden.

RIO NE RÉPOND PLUS ist die zweite Parodie auf die originale OSS-117-Reihe, die von 1956 bis 1969 unter wechselnder Hauptbesetzung als französisches Pendant zu einem ungleich berühmteren britischen Spion ausgebaut wurde (obwohl sie eigentlich sogar schon eher das Licht der Leinwand erblickte).

Jean Dujardin schlüpft auch hier wieder absolut gekonnt in die Rolle des selbstverliebten, sexistischen, weltfremden, rassistischen, antisemitischen und strohdoofen Geheimagenten, der als arroganter Gockel von einem Fettnapf in den nächsten tritt.

Die optische Imitation des arglosen 60er-Jahre-Kintopps ist abermals hervorragend geglückt:
In quietschbunten Farben werden (deutlich mit Archivmaterial angereichert, um Produktionsgröße vorzutäuschen) exotische Ferne-Länder-Klischees zelebriert, die mit der Realität nicht viel am Hut haben.

Dazu gesellen sich stilechte Retro-Frisuren und Modeerscheinungen, welche Charme und Schick früherer Zeit wieder aufleben lassen.

Genau wie beim Vorgänger macht sich jedoch auch hier eine gewisse Ziellosigkeit in Sachen Komik bemerkbar, da sich die Macher nicht entscheiden konnten, worin genau denn nun eigentlich der Witz des Ganzen liegen soll.

Auf der einen Seite sorgt natürlich das gekonnte Spiel mit den typischen damaligen Genreklischees für Amüsement:
So wird sinnlos am Lenkrad herumgeschraubt, während die Landschaft im Hintergrund allzu offensichtlich lediglich auf der Leinwand vorbeizieht, und der Held überlebt fern jeder Logik jeden noch so dichten Kugelhagel, während eine Kugel aus seiner Pistole gleich mehrere Gegner ins Gras beißen lässt.

Auf der anderen Seite jedoch stößt die Hauptfigur mit ihren Machosprüchen und ihren aus fehlender Intelligenz resultierenden rassistischen Beleidigungen den Mitmenschen ständig vor den Kopf.

Daraus ergibt sich ein deutlicher Widerspruch, denn wenn man schon bemüht war, die Stereotypen der Originale anzuwenden, dürfte sich keiner der Beteiligten über OSS' frauenfeindliche Allüren oder weltfremde Art echauffieren, waren die damaligen Euro-Agenten doch genau das: sexistisch und rassistisch, und damit enorm erfolgreich.

Was das angeht, ist OSS' amerikanischer Kollege BLACK DYNAMITE z. B. wesentlich konsequenter: Dort entsteht der Witz durch das gekonnte Wiederkäuen jeder nur erdenklichen Blaxploitation-Banalität - wozu eben auch gehört, dass sich die Frauen der Titelfigur aufgrund ihrer Machosprüche zu Füßen werfen, statt sie mit einer Schelle zu quittieren, wie es eigentlich logisch wäre.

Anders verhält es sich hingegen beim ähnlich gelagerten, doch in seinem Humor gänzlich verschiedenen AUSTIN POWERS, bei welchem die Komik aus der Tatsache resultiert, dass die Titelfigur lediglich glaubt, mit solch einem Verhalten könne man Erfolg haben (was freilich nicht der Wahrheit entspricht).

OSS 117 kann sich im Gegensatz dazu nicht für eine Humorvariante entscheiden und verwendet daher einfach beide – was ein homogenes Ganzes verhindert, da sie sich gegenseitig im Weg stehen.

Auch im Charakter OSS' finden sich erstaunliche Widersprüche: So ist er die meiste Zeit schlichtweg unfähig, einfachste Zusammenhänge herstellen zu können, im nächsten Moment dann aber plötzlich doch der gescheihte Superagent, der er vorgibt zu sein, z. B. wenn er im Aufzug zwei feindliche Agentengruppen geschickt gegeneinander ausspielt oder plötzlich besser kämpfen kann als der brutale Nazi-Wrestler.

Zudem lässt sich eine gewisse Gag-Einfallslosigkeit nicht leugnen: Fast sämtliche Lacher basieren darauf, dass die Hauptfigur wieder eine frauen- oder fremdenfeindliche Bemerkung macht oder aufgrund eines misslungenen Witzes in einen endlosen Lachanfall versinkt, was sich auf Dauer etwas abnutzt.
Anderweitig gelagerte Späße hingegen verpuffen meist ohne Wirkung, wie der Moment, in dem OSS seinen ersten Joint raucht und schließlich Teil einer Hippie-Mega-Massen-Rödelei wird, was nicht mal im Ansatz irgendwie komisch ist – selbst der spätere Rückbezug, als er einen der Teilnehmer zufällig wiedertrifft, geriet völlig witzlos.

Trotz einiger Defizite bleibt ER SELBST IST NICHT GENUG ein gelungener und ausreichend amüsanter Zeitvertreib - das liegt vor allem an dem fantastisch aufspielenden Hauptdarsteller, der sein dummes Grinsen monatelang vor'm Spiegel geprobt haben muss, und der liebevoll dem Original nachempfundenen Optik, die einen in goldene Eurospy-Zeiten zurückversetzt. Für weitere Auftritte sollte jedoch gelten: Unkonventionelle Sprüche und albernes Kichern sind nicht genug!

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