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 Betreff des Beitrags: MORD AN EINEM CHINESISCHEN BUCHMACHER - John Cassavetes
BeitragVerfasst: 12.06.2013 15:37 
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Mord an einem chinesischen Buchmacher (The Killing of a Chinese Bookie; USA 1976)
R: John Cassavetes

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Da hat es Nachtclubbesitzer Cosmo Vitelli endlich geschafft seinen Club Crazy Horse West abzubezahlen, da stürzt er sich schon in die nächste Schuldenfalle. Beim Pokern verliert er satte 23000 Dollar, die er absolut nicht aufbringen kann. Seine Schuldner geben ihm aber eine Möglichkeit seine trotzdem zu begleichen. Cosmo soll einen angeblichen chinesischen Buchmacher um die Ecke bringen mit dem die Spielclubbesitzer Ärger haben.

John Cassavetes dürfte vielen hier vor allem als Schauspieler bekannt sein durch Filme wie Robert Aldrichs Das dreckige Dutzend oder Roman Polanskis Rosemary‘s Baby. Aber auch im italienischen Genrekino hat er ein paar Spuren hinterlassen und zwar in Alberto De Martinos tollem Roma come Chicago (Mord an der Via Veneto) sowie in Giuliano Montaldos Gli intoccabili (Die Unschlagbaren). Seine Gagen, die er für seine Schauspielarbeit erhalten hatte steckte er meist in die Verwirklichung eigener Projekte. Dazu zählt auch The Killing of a Chinese Bookie (Mord an einem chinesischen Buchmacher), der zu meinen absoluten Lieblingsfilmen aus dem US-Kino zählt. Als Regisseur, Cassevetes gilt er als Erfinder des amerikanischen Independent Kinos, lieferte er dabei einige Glanzstücke ab, einige davon mit seiner Frau Gena Rowlands und Peter Falk, einem meiner Lieblingsschauspieler (und das nicht nur wegen Columbo :) ).

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Zu diesen Glanzstücken zählt nun auch The Killing of a Chinese Bookie, der sich leider als finanzieller Flop entpuppte und zu einem späteren Zeitpunkt sogar noch einmal stark gekürzt in die Kinos kam. In dem stürzt sich der Nachtclubbesitzer Cosmo Vitelli eigentlich völlig unnötig ins eigene Verderben. Ben Gazzara ist einfach großartig als Cosmo und bildet das unbestrittene Zentrum des Films. Über Cosmos Leben, seine Vergangenheit erfährt man den ganzen Film über nichts außer dass er in New York geboren ist und vermutlich mal im Krieg war. Cosmo ist einsam, sucht Geborgenheit bei seinen Mädels, fährt mit ihnen in der Gegend rum, geht mit ihnen ins Kino, etwas Trinken oder in Spielcasinos. Eine von ihnen ist seine Freundin, deren Mutter er selber als eine Art Mutterersatz betrachtet. I can‘t give you anything but love singt Mr. Sophistication ständig auf der Bühne, während sich die Zuschauer an dem gestrippe der Tänzerinnen aufgeilt. Cosmo kann das Lied schon lange nicht mehr hören. Mr. Sophistication ist eine weitere tragische Figur, sieht er sich doch als Künstler, der nur ein wenig Anerkennung möchte, meist aber nur als Witzfigur wahrgenommen wird. Die Selbstsicherheit, die Lockerheit eines erfolgreichen Nachtclubbesitzers und Künstlers (er hat alle Vorführungen auf der Bühne selbst erdacht und einstudiert) verliert er zunehmend ebenso sowie den Halt seiner Mädels, selbst seine "Mutter" will ihn nicht mehr ihm Hause haben. Nur in seinem Club, da fühlt er sich wohl, da ist er der Boss, da hat er seinen letzten großen Auftritt. Cosmo ist am Ende aber The show must go on.

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Die Kamera ist immer nah ab geschehen, nah an den Figuren, beobachtend, kreist sie vor allem um Cosmo. Der Soundtrack kommt nur spärlich dafür aber umso eindringlicher zum Zug. Vor allen Dingen das Lied Rainy Fields of Frost and Magic, welches gespielt wird als ein junges Mädchen für Cosmo vortanzt, ist einfach wunderbar, tragisch und fast schon herzzerreißend. In der deutschen Fassung wurde das Stück gegen ein anders Lied ersetzt. Erwähnt werden muss auch noch der ausgezeichnete Schnitt. Wer sich den Film zu Gemüte führen möchte sollte auf alle Fälle auf die englischsprachige Originalfassung zurückgreifen. Die deutsche Synchronisation ist doch ziemlich misslungen: schwache Stimmen, wenig Atmosphäre und teilweise andere (!) Musik, warum auch immer. In der deutschen Fassung verliert der Film so sehr von seiner Intensität und seiner Faszination. Die DVD von Koch Media lohnt sich nicht nur deshalb, weil man die ungeschnittene Originalfassung bewundern kann. Man bekommt auch eine Bonus-DVD serviert mit einer 200 minütigen Dokumentation über Cassavetes.

The Killing of a Chinese Bookie ist ein wundervoller Film, visuell und schauspielerisch beeindruckend und ein Glanzstück des US-amerikanischen Kinos. Ein großartiger, ein wundervoller Film, der einen von Sekunde um Sekunde immer mehr in seinen Bann zieht und nicht mehr los lässt. Ein seltenes cineastisches Erlebnis, welches ich jeden nur wärmstens ans Herz legen kann.


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Trailer:
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Rainy Fields of Frost and Magic
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 Betreff des Beitrags: Re: MORD AN EINEM CHINESISCHEN BUCHMACHER - John Cassavetes
BeitragVerfasst: 14.06.2013 20:09 
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Ja, den mag ich auch. Sehr sogar. Verdammt sehr sogar. 10/10


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 Betreff des Beitrags: Re: MORD AN EINEM CHINESISCHEN BUCHMACHER - John Cassavetes
BeitragVerfasst: 04.09.2017 16:34 
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Mit dem Film begibt sich Cassavetes genremäßig auf neues Terrain.
Zwar sind Figuren und Inszenierung gewohnt hervorragend, aber das Niveau seiner bisher für mich besten Filme GESICHTER und EINE FRAU UNTER EINFLUSS erreicht er hier nicht ganz.
Er lässt sich anfangs Zeit für Millieubeschreibungen, arbeitet sich langsam an die Kernsache heran.
Der titelgebende Mord an dem chinesischen Buchmacher kommt erst nach 55 Minuten erstmals zur Sprache.
Bis dahin lernen wir die Welt des Cosmo Vitelli genauer kennen, dürfen uns über Mr. Sophistication (Meade Roberts), dessen Maske glatt dem Hirn eines gewissen Signor Fellini entsprungen sein könnte, amüsieren und des Anblicks leicht bekleideter Damen erfreuen.
Ab dem Mord wird's rasanter, Vitelli wird zunehmend nervöser, die Spannung steigt.
Als Gegenpol gibt's weiterhin die Shows im Crazy Horse West, die Lockerheit ausstrahlen.
Jene Szenen sind immer wieder Highlights, speziell auch im Bezug auf Ausleuchtung und Kameraarbeit.
Meade Roberts ist großartig als Mr. Sophistication, die Mädels nicht zu verachten (u.a. gibt's ein Wiedersehen mit der Russ-Meyer-Stammschauspielerin Haji) und Ben Gazzara ebenfalls bestens besetzt.
Die musikalische Untermalung gefällt auch und so bleibt eigentlich kaum ein Kritikpunkt.
Lediglich die manchmal ein bisschen zähe Anfangsphase trennt den Film von den echten Meisterwerken Cassavetes'.
9/10


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 Betreff des Beitrags: Re: MORD AN EINEM CHINESISCHEN BUCHMACHER - John Cassavetes
BeitragVerfasst: 04.09.2017 17:14 
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Stanton hat geschrieben:
Ja, den mag ich auch. Sehr sogar. Verdammt sehr sogar. 10/10


Ich kann Deine Worte nur zitieren und mich Deiner Aussage komplett anschließen - aber bitte in der originalen Sprachfassung ansehen...


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 Betreff des Beitrags: Re: MORD AN EINEM CHINESISCHEN BUCHMACHER - John Cassavetes
BeitragVerfasst: 04.09.2017 20:39 
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Howard Vernon hat geschrieben:
Stanton hat geschrieben:
Ja, den mag ich auch. Sehr sogar. Verdammt sehr sogar. 10/10

...aber bitte in der originalen Sprachfassung ansehen...

...was ich auch getan habe (ein Ausschnitt aus der deutschen Synchro auf YT hat mir gereicht), aber trotzdem erreicht der chinesische Buchmacher nicht die Intensität und Brillanz von GESICHTER oder EINE FRAU UNTER EINFLUSS.


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 Betreff des Beitrags: Re: MORD AN EINEM CHINESISCHEN BUCHMACHER - John Cassavetes
BeitragVerfasst: 13.09.2017 19:41 
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Der Vollständigkeit halber habe ich mir mal die 78er-Schnittfassung angeschaut.
Die ist wirklich ein Paradebeispiel dafür, wie man durch Umschnitte und Kürzungen einen sehr guten Film zerstören kann.
Bereits die Anfangsphase ist stark verkürzt und auch wenn die in der Originalfassung für mich stellenweise doch zäh war, hat mir trotzdem einiges gefehlt.
Der gesamte Film wirkt in der Fassung des Öfteren in der Szenenfolge beliebig aneinandergereiht, so etwas wie einen Rhythmus vermisst man hier komplett.
So wird das eine ziemlich anstregende Angelegenheit, die man sich m.M.n. getrost sparen kann.
Besser die originale, 22 Minuten längere, 76er-Schnittfassung anschauen und dafür einen ordentlichen Film mit der vollen Dröhnung Cassavetes bekommen.
Für die 78er-Fassung gebe ich nur 5/10.


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