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 Betreff des Beitrags: THE DRIVE-IN - Joe R. Lansdale
BeitragVerfasst: 20.10.2012 12:46 
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The Drive-In:
A B-Movie with Blood and Popcorn, Made in Texas
USA 1988 - Written by Joe R. Lansdale

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Es ist Freitag. Und wie jeden Freitag wird auch dieses Mal wieder die "All Night Horror Show" in Texas größtem Drive-In-Kino, dem Orbit, präsentiert. Dieses Mal stehen I Dismember Mama, The Toolbox Murders, The Evil Dead, Night of the Living Dead und The Texas Chainsaw Massacre auf dem Programm. Das umzäunte Orbit ist riesig, bietet Platz für etwa viertausend Autos. Die Filme laufen auf sechs Leinwänden, jede davon ist so hoch wie ein sechsstöckiges Haus. Kein Wunder, daß die Besucher in Massen zu diesem allwöchentlichen Spektakel strömen, darunter auch die drei Freunde Bob, Randy und Jack sowie deren neue Bekanntschaft Willard. Mit Bobs Truck geht es also auf ins Drive-In, die Vorfreude ist groß, und ein schöner Platz ist bald gefunden. Die Show beginnt, die Laune ist prächtig, das Blut auf der Leinwand spritzt, doch Mitte des zweiten Filmes, The Toolbox Murders, passiert es. Wie aus dem Nichts erscheint ein monströser, grellroter Komet, der das Drive-In mit gleißend hellem Licht flutet. Und dann, gegen sämtliche Gesetze der Natur, beginnt der Komet zu lächeln. Er fletscht kurz seine gewaltigen Zähne, macht anschließend wieder kehrt, und entschwindet so plötzlich, wie er gekommen ist. Danach ist nichts mehr wie es war. Der Mond, die Sterne, die gesamte Umgebung außerhalb des Drive-Ins, alles ist verschwunden, verschluckt von einer undurchdringlichen, vollkommenen Schwärze, die sich wie ein riesiger, alles verschlingender Blob über das Autokino gestülpt hat. Und dieser Blob läßt kein Entkommen zu, wie ein unvorsichtiger Besucher am eigenen Leib erfahren muß. Sekunden, nachdem er seine Hand in die schwarze Masse gesteckt hat, wird er von der Substanz regelrecht gefressen, sein Fleisch wird unaufhaltsam zersetzt, bis nur noch eine dickflüssige, stinkende Brühe von ihm übrig ist. Damit ist auch dem letzten Zweifler klar: sämtliche Besucher sind gefangen im Drive-In. Und eine Weisheit bewahrheitet sich ganz schnell: "People ain't nothing but animals".

Was für ein verdammt großartiger Roman! Lansdale bedient sich bei seiner apokalyptischen Vision aus dem reichhaltigen Fundus der Horror-, Science-Fiction-, Endzeit-, Exploitation- und Trashfilmgeschichte, mixt das Ganze aber dermaßen gekonnt und raffiniert zusammen, daß etwas richtig Großes und völlig Eigenständiges dabei entsteht. Er läßt seiner überbordenden Phantasie quasi freien Lauf, und die dankt es ihm, indem sie prompt Amok läuft. Trotz der übernatürlichen, teils grotesken Elemente hat der in der Ich-Perspektive (aus der Sicht des etwa achtzehnjährigen Jack, erste Reihe fußfrei) geschriebene Roman stets etwas unangenehm realistisches und zutiefst pessimistisches an sich; der unaufhaltsame Zusammenbruch der Gesellschaft, die Unmöglichkeit des gesitteten Zusammenlebens in einer Extremsituation, der schleichende, im Chaos endende Wahnsinn (begünstigt u. a. durch die eintönige und nicht gerade gesunde Nahrung wie Popcorn, Schokolade und Limonade und den unaufhörlich laufenden Filmen), all das wird durchaus glaubhaft und nachvollziehbar beschrieben.

Lansdales trockene, mit pechschwarzem Humor gespickte Schreibweise trifft sicher nicht jedermanns Geschmack, vor allem, da die zahlreichen Gewaltdarstellungen knallhart, unverblümt und auf eine hysterische Weise auch irgendwie komisch geschildert werden. Doch das Lachen bleibt einem ob des allgegenwärtigen Wahnsinns meist im Halse stecken ("The humour is nothing more than a clown suit on a corpse", wie Lansdale es formulierte). Seine dem Splatterpunk-Phänomen zugeordneten Werke (neben The Drive-In vor allem The Nightrunners, The Night They Missed the Horror Show und On the Far Side of the Cadillac Desert With Dead Folks) zählen zum besten und kompromißlosesten, was diese kurzlebige Welle zu bieten hatte. The Drive-In ist ein ungemein wilder, phantasievoller, pulpiger und kultiger Ritt durch die Apokalypse, den man sich als Genrefan keinesfalls entgehen lassen sollte, am besten im Doppelpack mit Stephen Kings thematisch verwandten wenn auch weit konventionelleren The Mist (den ich ebenfalls ganz toll finde).

Mit The Drive-In 2: Not Just One of Them Sequels (1989) und The Drive-In: The Bus Tour (2005) fand die Geschichte zwei gelungene, interessante und originelle Fortsetzungen. Daß The Drive-In der Stoff für einen richtig genialen Film ist, hat nicht nur Phantasm-Mastermind Don Coscarelli bemerkt, der sich 1989 um die Filmrechte bemühte. Den Zuschlag bekam leider jemand anderes, und der Film wurde nie gemacht. Immerhin hat Coscarelli mit Bubba Ho-Tep und der Masters of Horror-Episode Incident On and Off a Mountain Road zwei Vorlagen von Joe R. Lansdale mehr als nur adäquat verfilmt. Umso schmerzlicher ist es darüber nachzudenken, was sein The Drive-In-Movie hätte sein können...

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Zuletzt geändert von Randolph Carter am 21.12.2014 13:48, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: THE DRIVE-IN - Joe R. Lansdale
BeitragVerfasst: 20.10.2012 12:53 
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Bei Joe R. Lansdale macht man eigentlich nie was falsch! Der Mann hat es einfach drauf, gute, originelle Bücher zu schreiben, ohne flach oder blutgeil zu wirken. Das vorgestellte Buch werd ich mir demnächst auch zulegen.

Mein Favorit ist bisher seine GOTT DER KLINGE Sammlung, dicht gefolgt von DIE WÄLDER AM FLUSS.

Kann der Mann eigentlich was Schlechtes schreiben? ;)

BTW: Die Handlung von DRIVE-IN erinnert etwas an das relativ aktuelle Stephen King Buch DIE ARENA (zwar 1976 begonnen aber erst 2009 vollendet). Nur das Lansdale etwas früher mit nem vollständigen Buch am Start war.

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Zensor, der - Beamter gewisser Regierungen, dessen Aufgabe es ist, geniale Werke zu unterdrücken. In Rom war der Zensor
ein Inspektor der öffentlichen Moral; die öffentliche Moral moderner Nationen verträgt jedoch keinerlei Inspektion.
(Ambrose Bierce - Des Teufels Wörterbuch, 1911)


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 Betreff des Beitrags: Re: THE DRIVE-IN - Joe R. Lansdale
BeitragVerfasst: 20.10.2012 13:10 
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Malastrana hat geschrieben:
Kann der Mann eigentlich was Schlechtes schreiben? ;)


Aus eigener Erfahrung: Nein! :P

Kenne zwar nicht alles, aber doch einiges von dem Mann, und er hat mich noch nie enttäuscht. Egal ob seine tollen "Hap & Leonard"-Romane, sein stimmungsvolles Period-Piece The Bottoms, oder seine Splatter-Western-Novelle Dead in the West, Lansdale schafft es einfach spielerisch, glaubwürdige und plastische Figuren zu entwickeln und sie Kopf voraus in haarsträubende Abenteuer zu werfen. Ein begnadeter Geschichtenerzähler, hat mal jemand gesagt. Kann dem nicht widersprechen.

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 Betreff des Beitrags: Re: THE DRIVE-IN - Joe R. Lansdale
BeitragVerfasst: 20.10.2012 14:58 
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Die Short Story "Die Nacht, in der sie den Horrorfilm verpassten" (Enthalten in "Splatterpunk" Band 1)
hat mich damals irgendwann in den 90ern derart umgehauen dass ich mir unbedingt noch mehr von diesem Mann besorgen musste. THE DRIVE-IN ist auch spitze!
Ich kann den Autoren auch nur wärmstens empfehlen.


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 Betreff des Beitrags: Re: THE DRIVE-IN - Joe R. Lansdale
BeitragVerfasst: 20.10.2012 17:43 
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Teufelsanflöter hat geschrieben:
Die Short Story "Die Nacht, in der sie den Horrorfilm verpassten" (Enthalten in "Splatterpunk" Band 1)
hat mich damals irgendwann in den 90ern derart umgehauen...


Die ist mir auch in Erinnerung geblieben - ein bitterböses Stück Literatur!

Die Hap und Leonard-Sachen sind auch spitze :good:

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Zensor, der - Beamter gewisser Regierungen, dessen Aufgabe es ist, geniale Werke zu unterdrücken. In Rom war der Zensor
ein Inspektor der öffentlichen Moral; die öffentliche Moral moderner Nationen verträgt jedoch keinerlei Inspektion.
(Ambrose Bierce - Des Teufels Wörterbuch, 1911)


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