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 Betreff des Beitrags: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 20.12.2014 13:54 
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VISIONARIUM - Das Magazin für Horror, Mystery, Bizarro, Urban Fantasy, Dark Fiction, Steampunk, Noir, SF und New Weird

Zitat:
"Lassen Sie sich entführen in die abgründigen Welten der Phantasie! Visionarium ist Ihr Refugium, in dem Sie mit Gleichgesinnten in rauschhaften Exzessen zwischen Wahn und Erleuchtung schwelgen können. Es versteht sich als eine Art Neuauflage der legendären Weird Tales für den deutschsprachigen Raum und will - beginnend mit Jänner 2014 - Ihr Vademecum sein, wenn sich Ihr Geist aufschwingt in neue Höhen literarischer Schwärmerei.
Nur zu, machen Sie es sich gemütlich.
Nur nicht ganz so sehr."

Bernhard Reicher auf: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***

Visionarium # 1 – Tod und Verdammnis

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Ich bin durch Zufall über dieses Magazin (Edition Gwydion, 120 Seiten) gestolpert, welches sowohl als Printausgabe als auch als E-Book erhältlich ist. Natürlich habe ich mich für erstere Variante entschieden. Wer gerne abgründige Geschichten liest und sich nicht nur für die Stories interessiert, sondern auch für das, was dahinter ist bzw. sein kann, der ist hier goldrichtig. Ich bin jedenfalls hellauf begeistert!

Die Aufmachung ist absolut hochwertig, in allen Belangen. Angefangen vom tollen Cover über die schaurig-schöne Begrüßung, dem angenehmen Layout, den genialen Illustrationen und der charmanten Vorstellung aller Beteiligten bis hin zum faszinierenden Inhalt, dem erstklassigen Lektorat und dem angenehmen (Schundheft-)Format stimmt hier einfach alles.

Herzstück des Magazins sind die drei Kurzgeschichten, die allesamt aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Die sind natürlich Geschmackssache. Ich fand sie alle, obwohl höchst unterschiedlich, ganz toll.

Im Wald von Martin Compart: Das kleine Mädchen im Wald weiß noch nicht, daß es bald sterben wird. Aber es fühlt instinktiv, daß von dem Mann, der hier herumschleicht, Gefahr droht. Schnell eilt die Kleine zurück zu Vater, Mutter und Schwester, um sie zu warnen. Im Wald ist schnörkellos, knochentrocken, hammerhart und gut. Ein Auftakt nach Maß.

Children of the Revolution von Christina Scholz: Auf dem Weg zu seiner Unterkunft stolpert der Protagonist nachts über das Gelände der Technischen Universität in Dortmund. Dort geht beunruhigendes vor sich, wie unser Held bald erkennen muß. Children of the Revolution beginnt harmlos und humorig, steigert sich aber bald zu einem grausig-famosen Höllentrip. Der Stoff, aus dem Alpträume sind!

Ein strahlend schöner Morgen von John Aysa: Irgendwann in der Zukunft. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die Erde, die Menschen verstecken sich in ihren abgedunkelten Wohnungen, denn schon wenige Minuten im prallen Sonnenlicht können irreparable Schäden verursachen. Das unerbittliche Schicksal führt einen Polizisten, eine Kleinfamilie und eine Hure zusammen. Ein strahlend schöner Morgen ist ein ungeschönter Blick in eine postapokalyptische Hölle, gut durchdacht, glaubhaft geschildert, kompromißlos umgesetzt.

Damit nicht genug gibt es ein ausführliches und hochinteressantes Interview mit dem Schriftsteller Andreas Gruber (Das Eulentor) sowie einen Artikel über Genre-Crossover-Romane. Der Geheimtipp ist dann allerdings die Lektüre über zwei Menschen, die Lovecrafts Große Alten so ernst nehmen, daß sie sie zu beschwören versuchen. Wieso sie das tun und was dabei herauskommt wird so packend geschildert, daß tatsächlich eine Gänsehaut über meine Haut kroch. Da spielt es gar keine Rolle, ob man das Gelesene für bare Münze nimmt oder nicht. Es ist einfach kreuzunheimlich.

Der große Nachteil von Visionarium ist, daß nun der Appetit auf mehr geweckt wurde. Nicht nur auf weitere Ausgaben des Magazins (welche ich bereits bestellt habe), sondern auch auf weitere Arbeiten der vorgestellten Autoren. Die beiden Abenteuer des Söldners Gill (Der Sodom-Kontrakt und Die Lucifer-Connection) von Martin Compart scheinen ebenso Pflicht zu sein wie die Romane Prinzessin von John Aysa, die Straße der Toten von Joe R. Lansdale, Das Eulentor von Andreas Gruber sowie der Comic Neonomicon von Alan Moore und Jacen Burrows.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 21.12.2014 00:23 
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Also STRASSE DER TOTEN kann ich eigentlich nicht empfehlen. Für mich war das die langweiligste Lektüre, die der sonst so verläßliche Lansdale abgeliefert hat. Da würde ich DRIVE INN deutlich eher ans Herz legen.

NEONOMICON ist zwar auch nicht gerade Moores beste Arbeit, aber trotzdem ein ziemlicher Hammer!


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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 21.12.2014 13:56 
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chrysagon hat geschrieben:
Also STRASSE DER TOTEN kann ich eigentlich nicht empfehlen. Für mich war das die langweiligste Lektüre, die der sonst so verläßliche Lansdale abgeliefert hat. Da würde ich DRIVE INN deutlich eher ans Herz legen.

NEONOMICON ist zwar auch nicht gerade Moores beste Arbeit, aber trotzdem ein ziemlicher Hammer!


Danke für die Warnung. Lansdales The Drive-In-Trilogie kenne ich schon, und was soll ich sagen... zählt zum Besten, was ich je gelesen habe. Werde mir von der Straße der Toten bei Gelegenheit ein eigenes Bild machen. Da ist ja auch die Geschichte Dead in the West mit dabei, die ich schon im Original gelesen habe und spitze fand. Diese Melange aus Horror und Western hat ziemlich genau meinen Geschmack getroffen. :D

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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 01.01.2015 13:26 
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Visionarium # 2 – Illusion und Wirklichkeit

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In Ausgabe 2 bekommt der geneigte Fan auf wiederum 120 Seiten ein breites Spektrum an lesenswertem Stoff geboten, diesmal unter dem Motto "Illusion und Wirklichkeit", wobei das hohe Niveau des Vorgängers locker gehalten wird. Gleich mal zu den Kurzgeschichten.

Verloren im Papierblumenfeld von Gord Rollo: Ein kleiner, haßerfüllter Junge im Koma, angetrieben vom Wunsch, ins Leben zurückzukehren. Doch um das zu schaffen, muß er große Qualen auf sich nehmen. Schöne Geschichte, die auf zwei Ebenen spielt und mit einer garstig-genialen Pointe ausklingt.

At the Lake of Madness von Edie Calie: Die Berge rund um Bad Gastein. Diese Idylle hat sich ein Pärchen für einen kleinen Wanderurlaub ausgesucht. Ziel sind zwei abgelegene Seen. Doch das Grauen, mit dem sie dort konfrontiert werden, übersteigt ihre schlimmsten Alpträume. Mein absoluter Favorit dieser Ausgabe. Eine großartige, packende und gänsehautverursachende Story im Geiste Lovecrafts, die den altmodischen Schrecken gekonnt in die idyllische Alpenlandschaft Österreichs überträgt. Schaurig schön.

Das Medium von Melchior v.·. Wahnstein: Die letzte Hoffnung für die verzweifelten Eltern eines entführten Mädchens ist ein bekanntes Medium, das einen Dämon beschwört, um den Aufenthaltsort der Kleinen zu eruieren. Das Spektakel wird live im Privatfernsehen übertragen. Die schwächste Geschichte dieser Ausgabe, aber immer noch richtig gut. Flüssig geschrieben, mysteriös, abgründig, gespickt mit perversen Einfällen und einigen Twists.

Ebenfalls mit am Start: Ein Kurzbericht über eine Begegnung mit Franz Rottensteiner (ihm verdanken wir u. a. die kultige violette Phantastik-Reihe beim Suhrkamp-Verlag), ein Artikel über die philosophischen Hintergründe der TV-Serie True Detective, eine Reportage über einen Ausflug ins auch heute noch unheimliche Transsilvanien sowie eine Vorstellung aller am Magazin beteiligten Menschen.

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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 17.01.2015 14:00 
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Visionarium # 3 – Zauber und Fluch

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Das anspruchsvolle Magazin aus Österreich (diesmal 150 Seiten stark) geht in die dritte Runde und legt gleich nach dem wie immer hochcharmanten Vorwort mit einer immens verstörenden Geschichte von Graham Masterton los, die keine Gefangenen macht. Eine weltweite Erstveröffentlichung übrigens!

Betrachter von Graham Masterton: Ihr kennt bestimmt alle den Spruch "Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters". Nun, was passieren kann, wenn man diese Worte falsch auffaßt, wird in dieser schonungslosen Short-Story geschildert, die mit zum Grausigsten zählt, was ich je gelesen habe. Und doch entwickelt sie einen perversen hypnotischen Sog, so daß man einfach weiterlesen muß! Nur für starke Nerven und robuste Mägen geeignet.

Der Wechselbalg von Karin Elisabeth: Eine junge Frau. Eine verbotene Liebe. Eine Totgeburt. Eine zweite Chance. Karin Elisabeth führt uns in ihrer Geschichte etwa 100 Jahre in die Vergangenheit nach Prag; auch stilistisch und sprachlich ist Der Wechselbalg wunderbar altmodisch. Wer dem ablehnend gegenübersteht, dem sei gesagt, daß die so packende wie glaubwürdige Schilderung des tragischen Geschehens einfach mitreißt.

Meine Hoffnung von Philipp Schaab: Ein junger Mann trifft am Nebelsee ein bezauberndes Mädchen, dem er sofort verfällt. Doch mit dem ersten Kuß wird sich alles ändern. Meine Hoffnung ist das literarische Äquivalent von einem filmischen Mood Piece. Eine unglaublich melancholische Stimmung zieht sich durch diese außergewöhnliche Reise, wo die Hoffnung zuletzt stirbt. Egal, worauf man schlußendlich hofft.

Eine Kurzrezension des Stummfilmes Orlac's Hände (1925), gekoppelt mit einem Interview des Mitherausgebers Thomas Ballhausen, ein Gespräch mit Karlheinz Schlögl über den Golkonda-Verlag sowie ein Bericht über London in Fantasy-Romanen (inkl. einem Interview mit Mike Shevdon) runden diese gelungene Ausgabe ab.

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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 14.02.2015 13:36 
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Visionarium präsentiert: Abyssos - Geschichten aus dem Abgrund

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Mit welchem ungeheuren Elan und welchem erfrischenden Enthusiasmus die Macher des Magazins Visionarium zu Werke gehen, sieht man unter anderem auch daran, daß sie bereits eine 160 Seiten starke Sonderausgabe veröffentlicht haben. Visionarium hat unter dem Motto "Abyssos - Geschichten aus dem Abgrund" zu einem Kurzgeschichtenwettbewerb aufgerufen, und die zehn besten, von einer Jury ausgewählten Stories (plus eines Gedichtes zur Einstimmung) liegen nun in dieser Form vor.

Werner Skibars Einmal werde ich Madeleine wiedersehen beginnt in den 1930er-Jahren und handelt von einem Jungen, der in seine wunderschöne Halbschwester verliebt ist. Eine verbotene Liebe, die keine Zukunft hat, zumal der Zweite Weltkrieg vor dem Ausbruch steht. In Zähne von Thomas McSweeny rächt sich ein nachtragender Zahnarzt an seiner Ex und stößt damit eine Tür auf, die er besser niemals geöffnet hätte. Die abgefahrenste und schrägste Geschichte stammt von Karin Reddemann und heißt Gut geträumt, Bruder. Darin bekommen es zwei Brüder mit einer riesigen, gefräßigen, ejakulierenden Made mit Zylinder zu tun. Nach Marrakesch entführt uns Philipp Schaab und läßt in Amal drei Touristen nach einem Bombenanschlag durch die verzweigte Stadt irren. Im Anschluß finden wir uns plötzlich mit der kleinen Mareike auf einem Rummelplatz wieder. In Matrjoschka von Jan Lindner fragt sie ihren Papa, welches Tier er gerne sein würde, und staunt nicht schlecht. Um eine mysteriöse Tenorblockflöte geht es in Andrea Tillmanns' In den tiefsten Tönen. Der Spieler entlockt dieser Flöte nämlich solch tiefe Töne, daß er damit quasi die Welt aus den Fugen hebt. Apokalyptisch wird es auch in Die Evokations-Theorie, wo die Zivilisation zerfällt, als eine Art Tollwut um sich greift. Mit viel schwarzem Humor und bösartigen Spitzen schildert Klaus Schwab, wie sein egoistischer Protagonist eine Gruppe kennenlernt, welche ausgerechnet die Großen Alten beschwören will, um das Chaos zu beseitigen. Die Legende besagt, daß der Teufel höchstpersönlich die Burg Rheingrafenstein auf ihren Felsen gesetzt hat. Und tatsächlich scheint es dort zu spuken. Doch Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?, wenn er doch so nett ist und eigentlich nur spielen will? Die siebenjährige Hedwig bestimmt nicht, wie Corinna Schattauer in ihrem grausigen Beitrag so kindlich plausibel und unschuldig naiv enthüllt. Es folgt Abgrund ruft nach Abgrund von Erik R. Andara, wo es der Protagonist Lester mit einem blutrünstigen Dämon zu tun bekommt, der als erstes das Herz seiner Freundin verspeist. Irgendwie blöd, hat er ihn doch selbst gerufen. Und zum Ausklang kredenzt uns Mike Jansen mit Herr Steckelbein ein leckeres Fantasy/Horror-Gebräu in postapokalyptischer Zukunft. Der titelgebende Antiheld verfolgt eine Art Zombie und bringt ihn auch zur Strecke, doch dann... ach, das müßt ihr schon selbst lesen.

Die thematische und stilistische Bandbreite der Stories ist enorm, wobei selbst die schlechteste Geschichte immer noch gut ist. Ich hätte nie gedacht (dummer Ignorant, der ich war), daß es im deutschsprachigen Raum eine solch schillernde Autorenvielfalt im Genre gibt, die noch dazu so fantastische, großartige und abgründige Geschichten zu erzählen imstande sind. Asche über mein Haupt. Meine Favoriten in diesem Band sind die Stories, die den Zuschauer so gekonnt wie geschickt mit bösartigem Humor und/oder grotesken Ideen ködern, bis er sich hilflos in ihrem Netz verfängt: Gut geträumt, Bruder, Die Evokations-Theorie und Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? fallen meiner Ansicht nach in die Must-Read-Kategorie.

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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 07.03.2015 13:59 
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Visionarium Sonderheft # 1 – Sündhafte Vergnügungen

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Nach der tollen Kurzgeschichtensammlung Abyssos - Geschichten aus dem Abgrund folgt mit Sündhafte Vergnügungen gleich ein weiteres Sonderheft aus dem Hause Visionarium. Das Backcover teast schon mal vielversprechend: "Guilty Pleasures werden von uns nicht schamhaft verschwiegen, im Gegenteil - im ersten Visionarium Sonderheft zelebrieren wir die perverse Faszination an allem, was Gott verboten hat!" Sex, Drugs & Rock 'n' Roll also? Fast. Das 230 Seiten starke Büchlein ist in fünf Themengebiete unterteilt: Sex, Drogen, Gewalt, Nerdtum und Hauntology. Zu jedem Thema wird uns eine "lustvoll ungesunde Kurzgeschichte" kredenzt; außerdem werden die verschiedenen Abschnitte durch diverse Interviews, Reportagen und Hintergrundberichte abgerundet.

In Jeta A. Zhitias Eröffnungsstory Für Sara entflammt von Kindheit an eine verbotene Liebe zwischen Sara und unserem Protagonisten. Verschachtelt erzählt, mit einem Gespür für Poesie, wird das gegenseitige Begehren glaubhaft und nachvollziehbar geschildert. Die letzten beiden Worte der Geschichte überraschten mich nicht; tatsächlich habe ich sie erwartet.

Der Beitrag zur Drogen-Thematik stammt von Karin Jirsak und heißt Afterhour. Jetzt ist es schon wieder passiert. Eigentlich wollte Wanda niemals mehr bis zum Blackout saufen, doch nun wacht sie ohne Erinnerung an die vergangenen Stunden mitten in der Nacht im Spreewaldpark auf. Die Suche nach einem Ausgang aus dem umzäunten Gelände des lange verlassenen Vergnügungsparkes entwickelt sich zu einer beunruhigenden Odyssee. Locker, salopp und schwarzhumorig in der Egoperspektive geschrieben, entwickelt die Story von der ersten Zeile einen schönen Fluß, der einen nicht mehr los läßt. Und wenn einem dann dämmert, worauf das Ganze hinausläuft, bleibt einem glatt die Luft weg. Großartig.

Nun wird es richtig abartig! In John Aysas Achtarm-Skizzen überrennen sexgeile Tentakelmonster die Welt. Der Autor gewährt uns einen kleinen, ungeschönten Blick in ein blut-, schleim- und spermatriefendes Endzeitszenario, wie es sich selbst Hieronymus Bosch in seinen schlimmsten Alpträumen nicht auszumalen gewagt hätte. Eine schonungslos-deftige Gewalt-Hentai-Porno-Tour-de-Force. Gut geschrieben, aber fast schon zu krass.

In Tabula Rasa von J. H. Praßl steht die 12jährige Protagonistin, nachdem sie nachts von drei Männern überrumpelt wurde, am Scheideweg. Wird sie sterben oder überleben? Ist sie Opfer oder Täter? Angesiedelt in einer mittelalterlichen Rollenspielwelt schildert das Ehepaar Praßl packend und nachvollziehbar den beinharten Überlebenskampf eines jungen Mädchens in den Fängen von Scheusalen, wobei auch ihre Gefühle in dieser Extremsituation nicht zu kurz kommen. Stark.

Die letzte Kurzgeschichte stammt von Thomas McSweeny und heißt Teufelstum. Irgendwann mußte es ja mal passieren. Dies ist die erste Story in einem Visionarium-Magazin, mit der ich nicht viel anfangen konnte. Zugegeben, die Geschichte um Verführung und Beschwörung, Lust und Malerei ist gut geschrieben und strahlt eine eigentümliche Faszination aus, aber irgendwie wollte der Funke nicht überspringen.

Zu jede dieser fünf Geschichten gibt es eine treffende Illustration bzw. Photographie, und all die Künstler, die an diesem Buch - in welcher Form auch immer - mitgearbeitet haben, werden auf bewährte Weise vorgestellt. Des Weiteren bekommt der geneigte Leser Folgendes geboten: Ein hochinteressantes Interview mit einem Sexualmagier (was es nicht alles gibt!); ein faszinierendes Gespräch mit einem gewissen Herrn Leopold, einem erfahrenen Psychonauten, der mit bewußtseinserweiternden Drogen und Substanzen schon manch außergewöhnliche Reise vollführt hat; ein knochentrockenes Interview mit einem ehemaligen Fremdenlegionär, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt; ein Gespräch mit dem Ehepaar Praßl über gelebte Fantasy-Rollenspiele; einen erhellenden Einblick in die Seelenlandschaft der Lektorin Juliane Ehgartner; eine Reportage über ein Vater-Sohn-Sammlergespann (der Vater sammelt u. a. Karl May-Romane, der Sohn deutsche Horrorschundhefte); eine kritische Betrachtung des sogenannten Totenfunks; sowie ein (gleichermaßen amüsantes wie beunruhigendes) Gespräch mit einem Chaosmagier über magische Rohrkrepierer. Wie man sieht, gibt es also viel Schönes im ersten Visionarium-Sonderheft zu entdecken. Klare Kaufempfehlung!

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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 04.04.2015 12:20 
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Visionarium # 4 – Rätsel und Wunder

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Rätselhaft und wundersam startet das österreichische Phantastik-Magazin ins Jahr 2015. Das Konzept ist seit Ausgabe 1 unverändert, und das ist auch gut so, funktioniert es doch nach wie vor prächtig und zeigt nicht die geringsten Abnutzungserscheinungen. Der allgemeine Qualitätsstandard ist so dermaßen hoch, daß man sich ernsthaft wundert, wie es die Macher dieser Gazette immer wieder schaffen, das Niveau beizubehalten. Auch diesmal sind drei Kurzgeschichten am Start, mit denen ich gleich mal beginnen möchte.

Ein Junge namens Dexter steht im Zentrum von Scott Nicholsons Hounds of Love. Sein Elternhaus ist zerrüttet, die Mutter Alkoholikerin, Gewalt steht an der Tagesordnung. Obwohl es ihn schmerzt, gibt er die Gewalt an Tiere weiter, die er anschließend im Wald verscharrt. Doch zu Halloween geschieht etwas Seltsames. Diese so verstörende wie faszinierende Erzählung überzeugt auf allen Linien. Teils Milieuschilderung, teils Coming-of-Age-Drama, teils Horrorschocker, teils Love-Story, Nicholson spielt geschickt mit Erwartungen und Ängsten, beherrscht auch die leisen Töne und endet seine von Tragik umwobene Geschichte auf eine schaurig-schöne Weise, die einen frösteln läßt.

Für Martin, den Protagonisten in Sönke Hansens Story Maria, beginnt das Unheil, als er seinen Wagen auf einem Behindertenparkplatz abstellt. Bald findet er sich in einer alten Waldhütte wieder, seinem Entführer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Nur noch ein Wunder könnte ihn retten, doch mit Wundern ist das halt so eine Sache. Wow, diese Erzählung macht keine Gefangenen, ist schonungslos, krass, unbarmherzig, blutig, grausam, und richtig fies. Eine beinharte Rachephantasie, jedoch nicht ohne (pechschwarzen) Humor und einem bösen Twist.

Mike Jansens Kurzgeschichte Auftrag in Amlwch bietet einen wunderbaren Kontrast zu Sönke Hansens splattrigem Mini-Epos. Der Londoner Polizist James of Wheatfen wird anno 1881 nach Amlwch, der nördlichsten Stadt von Wales, versetzt, um das rätselhafte, spurlose Verschwinden eines angesehenen Mannes aufzuklären. Jansen erweist mit seiner akribisch recherchierten und mit Unmengen an Details gespickten Erzählung den großen, alten Meistern der Schauerliteratur die Ehre. Die düstere Atmosphäre trieft zwischen den Zeilen hervor, der altmodische Stil (inklusive unheilschwangeren Tagebuchaufzeichnungen) fasziniert, und das Grauen schleicht sich unendlich langsam ins Leben des klugen, aufrechten Polizisten. Man könnte glatt glauben, daß Auftrag in Amlwch gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde. Und das ist durchaus als großes Kompliment zu verstehen.

Auch sekundärliterarisch gibt es in Visionarium # 4 wieder Spannendes, Interessantes und Informatives zu entdecken. Neben Interviews mit dem UFO-Experten und Sachbuchautoren Roland M. Horn sowie dem Schriftsteller und Comicautoren Mike Carey (Felix Castor, Lucifer) entführt uns Jörg Vogeltanz in seine Guilty Pleasure Zone und damit in das Reich des Nazipunks. Ausgehend von der grausigen Realität enthüllt der famos geschriebene Artikel gräßliche (Fast?-)Fakten (Vampir-Lager) ebenso wie bizarre Gerüchte (Reichsflugscheiben, die "Glocke") und alternative Geschichtsszenarien in Romanform (Bitter Seeds). Fantastische Illustrationen von Timo Grubing, Daniela Barbist und Michael Wittman sowie die unverzichtbare Vorstellung aller am Heft beteiligten Menschen runden das 170 Seiten starke Magazin (ohne die Vorstellungen und die (Werbe-)Hinweise auf andere Visionarium-Ausgaben sind es immer noch 130 Seiten) perfekt ab.

Visionarium hat sich innerhalb kürzester Zeit zu meinem absoluten Lieblingsmagazin gemausert. Ich bin sehr gespannt, was die Zukunft noch bringen wird. Die Vorfreude auf viele weitere wunderbare Lesestunden ist jedenfalls sehr groß.

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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 14.06.2015 12:29 
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Visionarium # 5 – Träume und Schatten

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Auch die mittlerweile fünfte Ausgabe des anspruchsvollen Phantastik-Magazins aus Österreich erfreut den geneigten Leser mit sagenhaft gutem Stoff für Augen und Gehirnzellen, womit der Wonnemonat Mai doch noch gerettet werden konnte. Beim Eurovision Song Contest losten wir ja mit null Punkten leider (und unverdientermaßen) gehörig ab, aber aufs Visionarium ist halt Verlaß! Denn dieses räumt in souveräner Manier einmal mehr die Höchstpunktezahl ab. Und zwar mit folgenden Inhalten auf 172 Seiten:

In Jeff Strands aberwitziger Kurzgeschichte Bad Bratwurst muß der arme, unter Kundenschwund leidende Wurstladenbesitzer Klaus gegen die Verlockung ankämpfen, seine traditionellen Bratwürste aus leckerem Menschenfleisch herzustellen. Das ist nicht leicht, wo doch die Nachfrage angeblich so groß ist und sich die Umstände gegen ihn verschworen zu haben scheinen. In Bad Bratwurst erklimmt der Autor luftige Höhen des bitterbösen, pechschwarzen Humors, als unser Held mit immer grotesker werdenden Situationen konfrontiert wird. Das Ergebnis ist eine derbe, urkomische, jedoch immens schmackhafte Story, die man so schnell nicht vergißt.

Da kann R. C. Doege mit seiner Geschichte Leere Häuser nicht ganz mithalten, obwohl sie ebenfalls sehr gut ist. Just an seinem siebenunddreißigsten Geburtstag schwappt eine Art Midlife-Crisis über den Protagonisten hinweg und Erinnerungen an längst vergangene Zeiten prasseln auf ihn nieder. Aber warum fühlen sich diese nur so ungemein lebendig und echt an? Diese Story fasziniert mit ihrer ungewöhnlichen Struktur, der wehmütigen Stimmung und dem mysteriösen Ende, das einen so verwirrt wie beunruhigt zurückläßt.

Den grandiosen Abschluß bildet Paul Finchs Beitrag Tok. In einer Wohnsiedlung geschehen Nacht für Nacht grausame Morde. Aus Sorge um seine dort lebende Mutter reist Don mit seiner Frau Bernadette an, nicht ahnend, daß er diese damit in große Gefahr bringt. Im Grunde ist Tok eine klassische Gruselgeschichte, die Finch geschickt in die heutige Zeit transferiert hat. Aberglaube, exotische Gottheiten, soziale Problematiken und Rachegelüste vermischen sich zu einem unheimlichen Leseerlebnis, welches unaufhaltsam seinem Höhepunkt zusteuert.

Neben diesen drei Kurzgeschichten weiß auch der sekundärliterarische Teil einmal mehr zu überzeugen. Das Interview mit dem Schriftsteller Thomas Ballhausen (der als Zugabe gleich die kleine aber feine Erzählung Kleine Zeichenkunde beisteuerte) vermittelt interessante Einblicke in seine Schreibtechnik. Dr. Nachtstrom referiert in seinem Essay Zwischen Realität und Fiktion über Schlafstörungen, Perry Rhodan und Raumschiff Enterprise, bevor er schließlich Carlos Castaneda und Robert Monroe näher beleuchtet. Und Bernhard Reicher fördert in seinem ausführlichen Gespräch mit einem ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter, der nach einem fatalen Motorradunfall einen Monat im Koma lag, so erstaunliche wie außergewöhnliche Informationen über Ausbildung, Techniken sowie dessen Nahtoderlebnis und sein Leben danach zu Tage. Ob man diesen Schilderungen jetzt Glauben schenkt oder nicht, faszinierend ist das lockere Gespräch allemal. Und die gewohnt tollen Illustrationen sowie die sympathische und informative Vorstellung der am Magazin Beteiligten muß man ebenfalls nicht missen. Was sich hinter dem famos gestalteten, schaurig-schönen Cover versteckt, ist einmal mehr allererste Sahne und somit wärmstens zu empfehlen.

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 Betreff des Beitrags: Re: VISIONARIUM - Absinth für den Geist - Dr. Nachtstrom & B. Reicher
BeitragVerfasst: 01.11.2015 13:36 
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Visionarium # 6 – Geister und Götter

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Geister und Götter bilden den thematischen Schwerpunkt in der mittlerweile sechsten Ausgabe des unverzichtbaren österreichischen Phantastik-Magazins. Die Mischung ist einmal mehr bestens gelungen, womit für jeden Leser/jede Leserin etwas Interessantes dabei sein sollte.

In Justin Isis' Kurzgeschichte Das Zerstören heiliger Gegenstände mit Hilfe von Sexualsekreten geht es, wie der Titel schon anklingen läßt, um das Zerstören heiliger Gegenstände mit Hilfe von Sexualsekreten. Man sollte sich von dem etwas sensationsheischenden Titel auf keinen Fall abschrecken lassen, entwickelt diese originelle, gewagte und immens faszinierende Erzählung doch einen unwiderstehlichen Sog, der einen nicht mehr losläßt.

Sascha Lützeler verbeugt sich mit Der Hüter des Todes vor Kultautor H. P. Lovecraft. Wissenschaftliche Forschungen, monströse Wesen, grausige Zeremonien und kompromißloser Hinterwäldlerhorror vermischen sich zu einer starken, auf mehreren Zeitebenen spielenden Geschichte, die keine Gefangenen macht.

So toll diese (allesamt mit einer famosen Illustration geschmückten) Stories auch sind, das Highlight aus meiner Sicht ist Scream Angel von Douglas Smith. Auf ca. dreißig Seiten schafft er ein kühnes, packendes, erschreckendes und doch menschliches Science-Fiction-Fantasy-Epos um eine Droge, die aus Menschen perfekte aber gewissenlose Tötungsmaschinen macht. Der Held hat den Absprung geschafft, wird aber von der Vergangenheit eingeholt. Der aufwühlende Showdown der Geschichte zählt zum Besten, was ich seit langer Zeit gelesen habe.

Im sekundärliterarischen Bereich spannt Dr. Nachtstrom in seinem Essay Age of Godpunk. Die Rückkehr der Götter einen Bogen von Perry Rhodan-Miterfinder Walter Ernsting und Erich von Däniken zu den Autoren Dan Simmons und Markus Heitz. Darauf aufbauend diskutieren Dr. Nachtstrom und Bernhard Reicher über die Mythologie der Götter in Comics und der Literatur, streifen solche Kapazunder wie Neil Gaiman, Terry Pratchett, Grant Morrison, Alan Moore, Jeffrey J. Kripal, Barry Windsor-Smith und... Superman. Des Weiteren hat Johann Peterka Lovecrafts klassische Erzählung Die Musik des Erich Zann als kurze aber stimmungsvolle Graphic Novel umgesetzt. Und der umtriebige Chaosmagier Frater Werbär 08 gewährt uns in Radau am Rande des Wahnsinns noch einen kleinen Einblick in seine Erfahrungen mit Astralebenen, Dämonen und Exorzismen.

Somit steht auch die Nummer Sechs vom Visionarium den Vorgängern in Nichts nach und entpuppt sich einmal mehr als spannende, abwechslungsreiche und hochinteressante Lektüre für Leser/innen mit Anspruch.

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