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 Betreff des Beitrags: MATANGO - ATTACK OF THE MUSHROOM PEOPLE - Ishirô Honda
BeitragVerfasst: 20.03.2010 17:23 
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MATANGO („Attack of the Mushroom People“, Japan, 1963) R: Ishirô Honda

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Ein Club gut betuchter Lebemänner und –damen begibt sich auf einen sommerlichen Törn mit der Segelyacht eines reichen Industriellen. Am Abend werden sie von einem schweren Unwetter heimgesucht, das die Segel zerfetzt und das Boot fahruntüchtig schlägt. Wenig später stranden sie auf einer einsamen Insel. Dort liegt einiges im Argen: Das geheimnisvolle Eiland ist nicht nur menschenleer, auch sämtliche Tiere und Vögel machen einen großen Bogen um die nebelverhüllte Landmasse. Essbares ist kaum zu finden – lediglich fahle Pilze sprießen allerorts. Kurz darauf entdeckt die Reisegruppe eine alte gestrandete Fregatte, die völlig zerfallen und von Pilzen überwuchert ist. Trotzdem quartieren die Überlebenden sich in dem Wrack behelfsmäßig ein und planen ihr weiteres Vorgehen. Der Funkkontakt zur Außenwelt ist abgebrochen, Nahrungsmittel sind knapp und reichen nur für wenige Tage. Ein verzweifelter Kampf um die nackte Existenz nimmt seinen verhängnisvollen Lauf, der erschwert wird durch Streit, Missgunst und Intrigen innerhalb der Gruppe. Aber es lauert eine weitere Gefahr auf die Überlebenden – ganz so unbewohnt scheint die Insel doch nicht zu sein…

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MATANGO entpuppte sich als faustdicke Überraschung, hatte ich doch einen herkömmlichen, solide gestrickten und leicht naiven Japan-Monsterfilm erwartet, wie Regisseur Ishirô Honda (u.a. GODZILLA) sie in den 60er und 70er Jahren zuhauf fabriziert hat. Dagegen hätte ich auch nicht das Mindeste einzuwenden gehabt – MATANGO ist jedoch eine fulminante und enorm spannende Mixtur aus Psycho-Drama und Horrorthriller mit Anleihen an H.P.Lovecraft.
Schon die Rahmenhandlung erinnert frappierend an eine Story des großen amerikanischen Schriftstellers: Rückblickend legt der einzige Überlebende der Ereignisse eine Beichte ab – aus der Zelle einer Nervenheilanstalt! Beim Establishing-Shot verharrt die Kamera zunächst auf den bunten Jahrmarktlichtern des Tokioter Vergnügungsviertels Shinjuku, dann fährt sie langsam durch ein vergittertes Fenster zurück und enthüllt den Erzähler, der mit dem Rücken zum Betrachter gewandt sitzt und mit brüchiger Stimme Bericht ablegt… Ein sehr gelungener Einstieg.

Der Club der neureichen Söhne und Töchter (der einer elitären Studentenverbindung entsprungen ist) besteht aus dem verwöhnten Industriellen-Spross Kasai (Yoshio Tsuchiya), dem versnobten Möchtegern-Schriftsteller Etsuro (Hiroshi Tachikawa), der schönen aber hochnäsigen Sängerin Mami (Kumi Mizuno), dem jungen Universitätsprofessor Kenji (Akira Kubo), sowie dessen schüchterner Assistentin Akiko (Miki Yashiro). Vervollständigt wird das ungleiche Team durch den Schiffskapitän Sakuta (Hiroshi Koizumi), der in Kasais Schuld steht und ihm daher zu Diensten sein muss, sowie dem eigens für die Fahrt angeheuerten Bootsmann Senzo (Kenji Sahara).

Bei diesen unterschiedlichen Charakteren verwundert es natürlich nicht, dass Konflikte vorprogrammiert sind. Bereits durch die Figurenkonstellation liefert die Geschichte emotionalen Sprengstoff: Während in der „normalen Welt“ die Fronten zwischen arm und reich, zwischen Herrenmenschen und Lakaien klar gezogen sind, lösen sie sich in der bestehenden Extremsituation mehr und mehr auf, bis sie gewaltsam zusammenbrechen. Der Konflikt, der die ungleiche Gemeinschaft auf engstem Raum zusammenpfercht, reißt allen Beteiligten schonungslos die Masken herunter.
Der elitär denkende Kasai besteht selbst in der Enge des Wracks auf seine private Kabine und isoliert sich von den anderen; Sakutas Hass auf seinen ehemaligen Chef Kasai entlädt sich in Ungehorsam – er repariert das lecke Schiff und macht sich schließlich allein aus dem Staub; der egoistische und triebgesteuerte Prolet Senzo bunkert die knappen Lebensmittel für sich selber und denkt nur an seine eigene Lustbefriedigung; Mami setzt ihre Reize manipulativ ein und wiegelt die Männer gegeneinander auf; Feigling Etsuro gibt sich zunächst als rückgratloser Opportunist, nur um später die Macht (in Form des einzigen Gewehres) an sich zu reißen (er fordert u.a., daß die beiden Frauen sich den Männern sexuell unterwerfen müssen!); lediglich Kenji stellt so etwas wie eine Heldenfigur dar, ist jedoch mit der Situation hilflos überfordert.
Zwischen den Überlebenden entbrennt ein zermürbender Psychokrieg, der mitunter auch klassenkämpferische Züge trägt und schließlich in handfester Gewalt eskaliert. Spätestens, als die ersten der Hunger leidenden Verzweifelten damit anfangen, die überall auf der Insel wachsenden Pilze zu verzehren, gerät die Situation endgültig aus dem Ruder. Zuerst verändert sich ihr Bewusstsein, danach der Körper…

Lobenswert an dem dicht gestrickten Drehbuch ist auch die völlige Abwesenheit von Humor – die Geschichte wird mit dem angemessenen Ernst vorgetragen und steuert erbarmungslos auf die unausweichliche Katastrophe zu, bis sie schließlich in einem alptraumhaften Finale kulminiert.
Ein echter optischer Leckerbissen sind auch die detailverliebten Studiosets und Modelllandschaften. Auf vorzügliche Weise spiegelt sich der innere Verfall der Protagonisten im Äußeren wider. Zunehmend fällt das verrottende Schiffswrack dem allgegenwärtigen Pilzbefall anheim, der ekelhafte gelbe Staub der Sporen dring in jede Fuge und Spalte. Die Ausstatter und Modellbauer haben hier Meisterliches vollbracht: Die klaustrophobische Morbidität des Wracks ist ebenso großartig gelungen, wie die überquellende Flora des Dschungels im Inselinneren. Und ein besonders tiefer Kotau gebührt dem Spezialeffekt-Designer Teruyoshi Nakano – die „Mushroom People“ der amerikanischen Tagline des Films tauchen zwar erst in der letzten halben Stunde auf, dafür handelt es sich aber zweifellos um die originellsten Monster der Filmgeschichte. Nakano ist es zugute zu halten, daß seine Kreaturen absolut überzeugend und kein bisschen lächerlich wirken.

Kurzum: Eine leider unterschlagene Perle des asiatischen Gruselkinos der 60er und ein absolut grandioser Vorläufer des heute so beliebten „J-Horrors“, dessen Obskurität unverdient ist.

In Deutschland ist der Film nie erschienen, weder im Kino, noch als VHS- oder DVD-Auswertung. Scheinbar wusste man mit Hondas Geschichte wenig anzufangen – für die 11 Uhr-Vorstellungen des Jugendkinos war er zu ernsthaft und düster, während ein Erwachsenenpublikum auf japanische „Monster“-Filme eher uninteressiert reagierte.
Hiermit sei also ein schallender Aufruf an alle in Frage kommenden Labels gerichtet! (Anolis? Das wäre ein fleisch-, äh, pilzgewordener Traum!)

Die amerikanische DVD-Ausgabe von Media Blasters/Tokyo Shock ist Bestandteil des wunderbaren TOHO-Packs, das außerdem zwei weitere unbekannte Filmjuwelen von Ishirô Honda enthält: den tollen THE MYSTERIANS („Weltraumbestien“, 1957) und die Godzilla-Variante VARAN – THE UNBELIEVABLE (1958). Unter den Extras findet man u.a. ein sehr amüsantes, halbstündiges Interview mit Teruyoshi Nakano.

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 Betreff des Beitrags: Re: MATANGO - Ishirô Honda
BeitragVerfasst: 21.03.2010 01:25 
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Ich bin mal wieder am sabbern. Hört sich saugut an das Teil. Klassenkampf und Bewusstseins erweiternde Pilze: diese Kombination kriegen wohl nur die Japaner hin. :D

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 Betreff des Beitrags: Re: MATANGO - ATTACK OF THE MUSHROOM PEOPLE - Ishirô Honda
BeitragVerfasst: 03.11.2012 12:45 
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Matango
(Attack of the Mushroom People / Matango: Fungus of Terror)
Japan 1963 - Directed by Ishirô Honda

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Am Anfang war die Stimme. Die Stimme in der Nacht. Und diese Stimme war die Inspiration für einen der schönsten japanischen Monsterfilme aller Zeiten. Matango basiert lose auf William Hope Hodgsons schaurig-schöner Kurzgeschichte The Voice in the Night. Diese tolle, im wahrsten Sinne des Wortes haarsträubende Short Story aus dem Jahre 1907 war der sprichwörtliche Funke, der das Feuer entfachte. Das lodernde Flammenmeer, das sich daraus entwickelte, hat mit der Vorlage fast nichts mehr gemein... da haben die Autoren ihrer Phantasie freien Auslauf gewährt.

Matango ist ein hinreißend bizarrer Überlebenstrip auf einer mysteriösen Insel im Südpazifik, inszeniert vom Vater des Kaiju Eiga, des japanischen Riesenmonsterfilmes: Ishirô Honda (1911 - 1993). Honda ließ unter anderem Godzilla durch Tokio toben (Gojira, 1954), machte mit einer knuffigen Riesenmotte die Lüfte unsicher (Mosura, 1961), und sorgte 1968 mit Kaijû Sôshingeki (Frankenstein und die Monster aus dem All) für die vielleicht herrlichste und gelungenste Monsterklopperei der Filmgeschichte. Doch fünf Jahre, bevor es soweit war, ließ er für die Toho Company die "Mushroom People" aufmarschieren, die - wie könnte es anders sein - ihre Existenz der Radioaktivität verdanken (kaum ein japanischer Monsterfilm ohne Anspielung auf Hiroshima und Nagasaki).

Ein verheerender Sturm setzt dem fröhlichen Segeltörn von sieben höchst unterschiedlichen Menschen ein jähes Ende. Die Schiffbrüchigen, das sind: der Kapitän Naoyuki Sakuta (Hiroshi Koizumi), sein Maat Senzô Koyama (Kenji Sahara), der millionenschwere Schiffsbesitzer Masafumi Kasai (Yoshio Tsuchiya), der junge Psychologieprofessor Kenji Murai (Akira Kubo), der Schriftsteller Etsurô Yoshida (Hiroshi Tachikawa), die hübsche Studentin Akiko Sôma (Miki Yashiro) sowie das trällernde Filmsternchen Mami Sekiguchi (Kumi Mizuno). Als nach einiger Zeit eine kleine, unbekannte Insel vor ihnen auftaucht, ist die Freude groß, und die Gruppe findet sogar Unterschlupf in einem alten, gestrandeten Schiffswrack, welches fast zur Gänze von einer seltsamen Pilzkultur überwuchert ist. Von der ehemaligen Besatzung fehlt jede Spur. Und nicht nur das: eine Fauna ist praktisch nicht existent; selbst Vögel meiden die von einem allgegenwärtigen Nebel umhüllte Insel wie der gemeine Vampir die Knoblauchsuppe. Dafür gibt es Pilze. Unmengen von Pilzen. Als der knappe Proviant dann langsam zur Neige geht, schürt das die aggressive Stimmung unter den Überlebenden, und nach und nach kommen deren unschöne Charaktereigenschaften zum Vorschein, was bald zu einer Eskalation der Lage führt. Und dann entdeckt man auch noch, daß es draußen, inmitten der üppigen, überwiegend aus Pilzen bestehenden Vegetation, doch irgendeine Art von Leben gibt.

Matango zählt zu der Art von Monsterfilm, der nicht eindeutig Stellung bezieht. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, daß die Pilzmenschen - auch wenn man die vage Bedrohung, die aufgrund ihrer unheimlichen Andersartigkeit von ihnen ausgeht, nicht leugnen kann - keinesfalls die Bösen sind. Diese "Ehre" gebührt eher den Überlebenden des Unglücks, die überwiegend ziemlich unsympathisch gezeichnet sind. Ein harmonisches Zusammenleben der Gruppe scheint unmöglich, und so ist es nicht verwunderlich, daß die Männer und Frauen nach und nach den süchtig machenden Pilzen verfallen. Denn deren Verzehr setzt nicht nur eine Metamorphose in Gang, sondern sorgt auch für schräge Halluzinationen und einen Zustand der absoluten Glückseligkeit. Der unvergeßliche Auftritt der "Mushroom People" gegen Ende des Filmes (unterlegt mit einer irrwitzigen Geräuschkulisse, einer Kakophonie des Wahnsinns), die mit weit ausgebreiteten Armen unbeholfen durch die Botanik tapsen, als ob sie den letzten Menschen nicht töten, sondern umarmen und Willkommen heißen wollen, ist dann der fantastische Höhepunkt dieses wunderbaren Streifens.

Die mit viel Liebe zum Detail gestalteten Sets sind ebenso atemberaubend wie das exzellent komponierte Breitwandbild (Tohoscope) und die charmanten Ganzkörpermonsterkostüme (an vorderster Front bei den Spezialeffekten: der legendäre Eiji Tsuburaya). Das sehr bedächtige Tempo, mit dem sich das Szenario entfaltet, fällt kaum ins Gewicht, da Matango optisch viel zu bieten hat und auch die schauspielerischen Leistungen sehr gut sind. Dazu kommt, daß Honda einige nette Suspense-Szenen gelingen und daß er - sobald sich das Geschehen auf die Insel verlagert - eine dichte, unwirkliche Stimmung etabliert, die den Zuseher schnell in ihren Bann zieht. Auch wenn man es aufgrund des amerikanischen Titels vermuten könnte... Matango ist kein alberner Trash-Knaller, sondern ein toller, düsterer und faszinierender Horrorfilm, der sich sehr ernst nimmt und der auf pulpige Weise großartig unterhält. Eine ganz dicke Empfehlung!

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Zuletzt geändert von Randolph Carter am 07.02.2015 12:38, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: MATANGO - ATTACK OF THE MUSHROOM PEOPLE - Ishirô Honda
BeitragVerfasst: 06.02.2015 22:11 
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In Deutschland - leider bisher - sträflich vernachlässigter Film.

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