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 Betreff des Beitrags: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 25.06.2014 11:34 
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Curd Jürgens   Irmgard Schönberg   in

DER ZWEITE FRÜHLING (1975)

mit Anna Orso, Umberto Raho, Barbara Betti, Linda Sini, Philippe Hersent, Barbara Rath, Jeff Roden und Eddie Constantine
eine deutsch-italienische Produktion der Point | im Verleih der Scotia
ein Film von Ulli Lommel


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»Das heißt du bumst dich immer noch durch die Gegend?«


Der Lebemann und Klatschkolumnist Fox erlebt seinen verspäteten zweiten Frühling und er entschließt sich dazu, zu heiraten. Seine junge und überaus schöne Frau Gertrud (Irmgard Schönberg) scheint sehr verliebt zu sein und glaubt, mit ihm das große Los gezogen zu haben, doch die glückliche Stimmung schlägt bereits auf der Hochzeitsreise um, da immer wieder alte Gesichter aus der Vergangenheit auftauchen und das junge Glück unterwandern. Irmgard zieht sich daher mehr und mehr zurück und muss sehr schnell merken, dass sie sich zu leichtfertig einer Illusion hingegeben hat, genau wie Fox sich eingestehen muss, dass eine Verjüngungskur in Form einer Ehe nicht funktionieren, und die verlorene Zeit auch nicht wieder zurück bringen kann. Gertrud reagiert immer abweisender, geht schnellstens eigene Wege, straft ihren Mann mit Verachtung, bis sie zu drastischeren Mitteln greift, die in Demütigungen und sexuellen Ausschweifungen gipfeln. Wer bekommt von wem einen Spiegel vorgehalten..?

Bei Ulli Lommels "Der zweite Frühling" fragt man sich binnen kürzester Zeit, wo man eigentlich gelandet ist, da sich der Film doch sehr ungewöhnlicher Schauwerte bedient, die alles andere als herkömmlich sind. Was Curd Jürgens angeht, so darf man sicherlich behaupten, dass diese Partizipation einer Kulturrevolution gleicht und insofern beispiellos geblieben ist, da man allerhand zu hören und vor allem zu sehen bekommt. Dies äußert sich nicht nur in den teilweise herrlich ordinären Dialogen, sondern auch darin, dass der Hauptdarsteller viel häufiger tiefe körperliche Einblicke gewährt, und im quantitativen Sinne damit sogar alle beteiligten Damen zu übertrumpfen versucht. Gut, am besten ist es wohl, direkt mit einer kleinen Kostprobe der Dialogarbeit anzufangen, die sich in der Sauna abspielt. Dort macht sich eine offensichtlich nymphomanisch veranlagte Dame sicherheitshalber komplett frei und spricht einige Männer an, da sie es mal wieder ordentlich braucht. Fox und sein Freund Antonio beobachten dieses Spektakel und es kommt Folgendes dabei heraus:

»Sieh dir die Mutter an. Junge hat die gewaltige Titten. Oh Mann würd ich die gern ficken! ...Ich würde ihr jetzt gerne einen von hinten reintun!«
»...Mein Freund da drüben lässt mir keine Ruhe. Er möchte Sie gerne ficken! Erfüllen Sie ihm doch den Wunsch.«
»Da müsste ich aber erst mal seinen Schwanz sehen...«


Es folgen FSK-12-Blow-Job und Sex-Szene, aber es wird ja nicht bei dieser einzigen bleiben, denn der weltbekannte Hauptdarsteller wird auch noch selber ran müssen und einer jungen Dame »das Maul stopfen«. Es soll kein falscher Eindruck entstehen, denn es wäre zu einfach oder sogar ungerechtfertigt, Lommels Film lediglich als platten & ordinären Sex-Reißer abzuqualifizieren, denn in dieser Geschichte steckt weitaus mehr Tiefgang drin, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Aber auch das stellte sich erst nach mehrmaligem Anschauen heraus. Dass der Zeitgeist in dieser Produktion gerne hin und wieder das Regiment führt, lässt einen interessanten Mittelweg zwischen Qualitätsansprüchen und Unterhaltungsambitionen entstehen. Es kommt zu einer guten Schilderung von fatalen Illusionen und auch die Oberflächlichkeit der Schickeria wird ordentlich zerpflückt, ohne verzerrt oder unglaubwürdig zu wirken. Dieser begehrte Einblick hinter mögliche Kulissen wurde oft angestrengt, fand aber genau so häufig eine ziemlich holprige Darstellung in diversen Filmen. Die Regie behält es sich vor, einen unempfindlichen Blick zu riskieren und diesen genauso nüchtern nahe zu bringen, was wiederum eine empfundene Glaubwürdigkeit zur Folge hat. Ob das zu viel hinein interpretiert ist in ein Szenario, in dem man den Schwanengesang des Curd Jürgens überdeutlich vernehmen kann? Es bleibt Ansichtssache. Zugegebenermaßen hat mich Ulli Lommels Film bei der Erstansicht beinahe peinlich berührt, da der Blick auf Curd Jürgens' blanken Hintern garantiert nicht das zu Erwartende gewesen war und rein gar nichts mehr von seriöser Weltstarbesetzung mit sich brachte. Alles relativiert sich mit der Zeit, so dass heute unterm Strich ein progressiver Film mit sehr mutiger Darstellung stehen geblieben ist.



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Curd Jürgens, der zu dieser Zeit mehreren Filmen beigewohnt hat, die heute eher in der Versenkung verschwunden sind und seinerzeit größere oder kleinere Flops waren, bestimmt die Geschichte im Einklang mit seiner außergewöhnlich schönen Partnerin Irmgard Schönberg, die man hier leider in ihrem ersten und gleichzeitig letzten Film begleiten, oder besser gesagt bewundern darf. Jürgens bringt die richtigen Voraussetzungen für einen Charakter wie den verlebten Fox mit und weiß diese auch präzise zu transportieren. Der neue Lebensabschnitt soll nicht nur eine Kehrtwendung bedeuten, sondern gleichzeitig einen Schlussstrich im Bezug auf das bisherige, ausschweifende Leben darstellen. Man sieht ihm an, dass er zumindest die besten Vorsätze hat und dass er absolut darauf vertraut, dass ihm seine junge Braut dabei helfen wird, alles hinter sich zu lassen. Doch die Vergangenheit stellt sich in Windeseile nicht nur als Gegenwart, sondern auch als Zukunft heraus und zerstört die frische Ehe noch bevor sie überhaupt richtig anfangen konnte. Nach wenigen Tagen kommt bereits irgend eines von Fox' abgelegten Flittchen daher, die sich in der feudalen Villa einnistet und schließlich zu ganz bestimmten Diensten bereit steht, die nach alten Verhaltensmustern auch gierig in Anspruch genommen werden. Irmgard Schönberg als Gertrud beginnt ab diesem Zeitpunkt eine Metamorphose durchzumachen. Von der unscheinbaren, nahezu unschuldig wirkenden Frau die behütet wurde wie Kronjuwelen, verwandelt sie sich in eine kalt kalkulierende Person, die plötzlich aus dem Hinterhalt konspiriert und sie beginnt daran zu arbeiten, ihrem Mann seine Heiligtümer zu rauben um ihn systematisch zu zerstören. Zunächst vergiftet sie seinen über alles geliebten Hund, um seinen Stolz später mit noch drastischeren Mitteln zu brechen. Die Frage, warum diese Frau, die doch plötzlich alles im Überfluss zur Verfügung hat zu solchen Mitteln greift, ist sehr interessant, und in dieser Geschichte quasi der einzig greifbare Gegenpol zur hemmungslos dargestellten Mechanik der Interaktion und der Zwischenmenschlichkeit. So entsteht der tiefere Sinn groteskerweise aus all der dargestellten Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit. Der Verlauf spitzt sich immer mehr zu und insbesondere Irmgard Schönberg provoziert den Zuschauer in äußerst auffordernder Manier, so dass man nichts anderes sagen will, als dass diese heilige Hure ziemlich beachtlich wirkt!



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Ulli Lommel gelingt es bei "Der zweite Frühling" eine sehr faszinierende Atmosphäre zu kreieren, die vor allem eins bewirkt, nämlich für Verwirrung und Unentschlossenheit zu sogren. Bei allen Veranschaulichungen die doch im Endeffekt ziemlich gewöhnlich, vielleicht sogar vulgär wirken, und einer Sex-Posse genau so gut gestanden hätten, bleibt es das tragende elegante Element, das diesen Film ungemein aufwertet. Herrliche Bildkompositionen, ein beneidenswertes Flair, die heißkalte Atmosphäre und die Liebe zum Detail bestimmen das komplette Geschehen, sonnengetränkte Kamera-Einstellungen und idyllische Momente beeinflussen die Szenerie, die wunderschöne Musik von Stelvio Cipriani wirkt wie ein Puffer zwischen der latenten Hysterie, die sich vor allem in Wort und Tat widerspiegelt, aber auch in der feinfühligen Diskretion der Emotionen. Was dieser vertrauten Geschichte ebenfalls zu Gute kommt ist, dass sie nicht um falsches Verständnis buhlt, aber diverse Eindrücke und Klischees richtiggehend diktiert. Dass die Regie zu schemenhaft vorgegangen ist, kann als Teil des Konzeptes betrachtet werden und insgesamt bleibt diesem sehr interessanten Spielfilm eigentlich nichts vorzuwerfen. Warum aber findet er sich in der absoluten Belanglosigkeit wieder? Vermutlich liegt es an Curd Jürgens' Darbietung, die vergleichsweise tatsächlich wie ein kleiner bis großer Kulturschock wirkt. Der Spiegel beäugte den Film seinerzeit mit zynischer Härte, er sei »der beste schlechte Film der Saison« und vielleicht ist sogar etwas Wahres dran, wenn man die Schwemme an Produktionen betrachtet, die ähnliche Inhalte rauf und runter ratterten. Im Grunde genommen hebt sich "Der zweite Frühling" augenscheinlich wenig von anderen Filmen dieser Art ab, sondern reiht sich eher in die Riege der Plagiate ein, die nach Herzenslust inszenatorische und thematische Komponenten recycleten. Aber was solls, Lommels Beitrag hat zumindest rückwirkend gesehen einen nahezu unüberschaubaren Unterhaltungswert und ist im Bereich der zumindest mutmaßlichen Progressiv-Beiträge in recht guter Gesellschaft gelandet. Einschätzungen zwischen kompromittierendem Trivial-Sex und tiefgründiger Gesellschaftskritik mit doppelbödiger Charakterzeichnung sind daher sowohl als auch gerechtfertigt. Eingefleischte Curd-Jürgens-Fans sollten allerdings vielleicht eher wegschauen. Nicht, weil es nichts zu sehen und zu hören gibt, sondern weil das hier krasse Gegenteil der Fall ist. Die Prognose der Geschichte wirkt unerm Strich sehr sarkastisch, da die selbstverliebte und versnobte Schickeria Ihresgleichen wohl stets alles verzeihen wird. In diesem Beitrag kann der intesessierte Zuschauer letztlich alles zwischen Gut und Böse ausfindig machen.


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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 25.06.2014 12:50 
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Das sieht ja aus, als wäre es direkt aus der Hölle. Der Film könnte im grindhouse Doublefeature mit Wolke 9 laufen, eh? :mrgreen:
Und was macht der Mann auf dem zweiten Bild? Ist er tot? Schläft er?

Tolle Besprechung jedenfalls, den tät' ich mir auch gerne ansehen.

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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 25.06.2014 13:11 
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Prisma hat geschrieben:
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ultrastruktur hat geschrieben:
Und was macht der Mann auf dem zweiten Bild? Ist er tot? Schläft er?

Nach zu ausgiebiger Lendenakrobatik ist der erschöpfte Curd Jürgens im Schoße seiner Zwischenmahlzeit eingeschlafen. :lol:
Die junge Braut ist von diesem Szenario weniger erfreut und der zweite Frühling neigt sich rapide dem Ende zu.


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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 25.06.2014 13:18 
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...Aber da steht doch noch eine Frau hintendran? War sie die ganze Zeit anwesend? Und was macht das Portrait-Bild, das an die Stehlampe angelehnt ist? Steht das da immer? Musste es abgehängt werden, damit Curd beim arbeiten nicht draufschauen muss?
Das sieht alles so furchteinflößend aus.

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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 25.06.2014 20:12 
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Die Dame im Hintergrund ist die Ehefrau, sie war aber nicht die ganze Zeit anwesend, obwohl das hier auch gut gepasst hätte.
Sie wirft einen kurzen Blick auf Fox und seine Kleine (die sie ja bereits aus der Badewanne kennt) und geht dann einfach wieder.
Über die vorhandenen Requisiten habe ich mir allerdings noch keine tiefgründigeren Gedanken gemacht. :lol:


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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 25.06.2014 21:03 
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Prisma hat geschrieben:
Nach zu ausgiebiger Lendenakrobatik ist der erschöpfte Curd Jürgens im Schoße seiner Zwischenmahlzeit eingeschlafen. :lol:

Man hätte es nicht schöner formulieren können!


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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 25.06.2014 22:05 
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Geile Vorstellung!

Wieder so hervorragend geschrieben dass man Lust auf den Film bekommt. Was ist denn da in Curd Jürgens gefahren! :shock: Mit 60 macht er noch so einen Film. Faszinierend!
Und was für eine Rolle spielt denn Eddie Constantin?

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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 26.06.2014 20:43 
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Danke für die Blumen! :)

anti hat geschrieben:
Und was für eine Rolle spielt denn Eddie Constantin?

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Eddie Constantine hat eine kurze Gastrolle, aufgeteilt in drei kleinere Auftritte. Er spielt den alternden Sänger Frank Cabot der Fox bittet, sein Comeback zu arrangieren. Er und Fox treffen sich per Zufall in der Via Veneto (zuvor sieht man Eddie Constantine übrigens dabei, wie er sich dort von Ulli Lommel höchstpersönlich die Schuhe putzen lässt, der ein Cameo hat), sie heben gemeinsam einen in einer Discothek und im Finish hat er seinen Gesangsauftritt vor antiker Kulisse, um das groteske Ende des Films einzuleiten. Ach ja, seine Devise lautet übrigens: »Reichlich Alkohol, viele Weiber und nicht zu viel Arbeit.« :lol:


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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 13.07.2014 00:14 
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Eben nochmal angeschaut und mich an den sagenhaften Dialogen erfreut! :lol:

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»Sag' mal, machst du es dir auch manchmal allein?
Ich mache es mir am liebsten mit einer warmen Dusche!
Es ist wundervoll, ich male mir dabei die schönsten Dinge aus.
Und du? Ah, ah...wie findest du es am schönsten?
Versuchs doch auch mal. Du glaubst gar nicht, wie schön das ist.«


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 Betreff des Beitrags: Re: DER ZWEITE FRÜHLING - Ulli Lommel
BeitragVerfasst: 08.02.2018 19:37 
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Der zweite Frühling – Ulli Lommel

(Deutschland / Italien 1975)

5.1.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, 2,35:1)



Inhalt:

Der renommierte Journalist Fox hat die 60 bereits überschritten und hat sich in die beträchtlich jüngere Gertrud verliebt, der er ein luxuriöses Leben bieten kann und die er heiratet. Anstatt die Hochzeitsnacht zu genießen erfährt Gertrud jedoch schon hier eine erste Hürde ihres zukünftigen Ehelebens, als Fox ihr erklärt: „Wir schlafen heute Nacht nicht miteinander, die Spannung muss erhalten bleiben, der Funke darf nicht erlöschen!“. Gertrud schreibt daraufhin in ihr Tagebuch: „Meine Hochzeitsnacht habe ich mir anders vorgestellt…“ Gertrud stellt sich im Laufe des Ehelebens nach und nach als hypersensibel heraus und fällt in Ohnmacht, wenn sie sich auch nur beim Schälen eines Apfels in den Finger schneidet. Sie freundet sich mit der Haushälterin Maria an, die zu ihr in die Badewanne steigt, beide flirten: „Sag mal, machst du´s dir auch manchmal allein?“

Fox sauniert derweil mit einem Freund: „Die Hitze macht mich so geil, ich würd´ jetzt gern einen reinschieben“ – Fox geht daraufhin zu einer kleinen Gruppe von anderen Saunagästen: „Ich kann mir das nicht länger ansehen (…) Er will Sie gerne ficken“. Die angesprochene Dame antwortet: „Da muss ich erstmal seinen Schwanz sehen“ – „Ich werd´s ihm sagen“, geht zurück, „sie will erstmal deinen Schwanz sehen“. Fox´ Freund will nun das Thema endlich wechseln, doch Fox hat Freud gelesen und die Dame bläst mittlerweile einem anderen Gast den Schwanz.

Fox will nun auch Maria „das Maul stopfen“ und schiebt ihr seinen Schwanz in den Mund: „Deswegen bist du doch hergekommen“ und nimmt sie sich, nach seinem Höhepunkt schläft er erschöpft auf ihr im Wohnzimmer ein, was seine nach Hause kommende Frau diskret bemerkt. Gertud beginnt ihren Mann immer mehr zu hassen, vergiftet seinen Hund und geht nun auch fremd; als Fox das bemerkt, muss er kotzen, was Gertud mit wonneerfülltem Blick genießt. Aufgrund der ihm zu Herzen gehenden Demütigung stirbt Fox im Auto an einem Infarkt und fällt mit seinem Gesicht auf seine Lenkradhupe. Gertud geht einfach und führt auf der Beerdigung ihres Mannes bereits wieder Gespräche übers Heiraten.



Review:

Ulli Lommel („Die Zärtlichkeit der Wölfe“, 1973, „The Boogey Man“, 1980, „Daniel, der Zauberer“, 2004) stand noch am Anfang seiner Regiekarriere, als er „Der zweite Frühling“ drehte. Der Ästhetik des Films merkt man die Mitarbeit des Kameramanns Lothar E. Stickelbrucks („Maladolescenza“, 1977) an, in themengerecht sehr herbstliche Bilde taucht er die gediegene Ehetristesse Fox´ und Gertruds. Diese durchgängig edlen Bilder stehen auch in einem einfallsreichen Kontrast zur Drastik des Wortschatzes, deren sich besonders die ältlichen Männer im Film bedienen, vor allem Curd Jürgens´ Rolle des Journalisten Fox. Dennoch ist die Bildästhetik in „Der zweite Frühling“ überaus passend: Der Herbst des Lebens, in dem sich Fox befindet wird gespiegelt in herbstlichen Landschaften, Kameraschwenks auf Totenmasken und in-und-aus dem Bild trübender Spazierstockgänger; der Pomp und Luxus, die Früchte seines beruflichen Erfolgs sind, wird stilgerecht in Scope portraitiert. Überall sehen wir aus der Zeit gefallene Antiquitäten: Fox´ Landsitz könnte auch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Das Liebesleben – vom Flirt auf einer Party bis zum Sex – der jungen Leute kann er nicht mehr richtig nachvollziehen, trotz seiner bemühten altersweisen Gelichgültigkeit, die sich in Direktheit, z. B. während des Saunabesuchs, äußert. Die Monotonie des sprachlichen Ausdrucks Fox´ und die die anfangs ungewollten, später absichtlichen Demütigungen ihres Gatten passiv hinnehmende bildschöne und jugendlich wirkende Gertrud sollen dem Zuschauer aufzeigen, wie schwer, ja unmöglich die Kommunikation zwischen Menschen scheint, deren Lebensalter eine ganze Generation trennt.

Das Ende des Films, wo sich Gertrud die scheinbare Kälte ihres verstorbenen Mannes angeeignet hat, lässt bei anzüglichen Blicken auf steinerne Statuen antiker Götter erahnen, dass der Film die Geburt einer Schwarzen Witwe schildert, die schon auf ihr nächstes Opfer lauert.


Der Film wurde auf dem 17. außerordentlichen Filmkongress es Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Großteil des Publikums als Höhepunkt des Filmfestivals betrachtet. Zudem war der Film bereits der vierte, der dem Alkoholismus huldigt: „Du hast dich gut gehalten.“ – „Du kennst meine Devise: Viel Weiber, viel Alkohol und wenig Arbeit!“ Prost!


Fazit:

Formvollendetes Kunstwerk, der mehrdeutig nicht nur einen „Zweiten Frühling“ erzählt und Curd Jürgens in einer Rolle zeigt, mit der kaum jemand rechnen wird.


Wertung:

9,5 / 10


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