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 Betreff des Beitrags: AUGEN OHNE GESICHT - George Franju
BeitragVerfasst: 21.05.2015 18:24 
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DAS SCHRECKENSHAUS DES DR. RASANOFF
(Ot: LES YEUX SANS VISAGE)
(Frankreich / Italien 1959)

(TV-Titel: AUGEN OHNE GESICHT)

Pierre Brasseur - PROFESSOR GÉNESSIER, Dr. für Chirugie
Alida Valli - LOUISE, seine Assistentin
Edith Scob - CHRISTIANE, Tochter des Professors

Regie: GEORGES FRANJU

Laufzeit ca. 86 min

FSK ab 18 Jahren

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Professor Génessier ist von Schuldgefühlen geplagt und besessen davon, das Gesicht seiner Tochter Christiane wieder schön zu machen. Dieses wurde durch einen Autounfall verunstaltet, den er selbst verschuldet hatte. Der Professor, der in der Öffentlichkeit einen guten Ruf hat, läßt diese im Glauben seine Tochter wäre tot, aber tatsächlich hat er sie in seiner Villa untergebracht, um in aller Ruhe zu tun was zu tun ist, um Ihr Gesicht wieder herzustellen. Zu diesem Zweck hat er sich im Keller einen OP-Raum eingerichtet und seine Assistentin Louise bringt eine junge Frau mit, die eine Unterkunft sucht. Sie wird betäubt und sie landet auf dem Operationstisch, wo ihr die Gesichtshaut chirugisch entfernt und diese dann auf Christiane's Gesicht transplantiert wird. Génessier und Louise begehen somit ein Verbrechen an dieser jungen Frau. Aber der Organismus von Christiane stößt diese fremde Gesichtshaut wieder ab, aber ihr Vater will nicht aufgeben und somit soll eine weitere "Spenderin" ihr Gesicht verlieren.

Der französische Regisseur Georges Franju hat hier einen für damalige Zeiten einzigartigen Film geschaffen, der seiner Zeit ein wenig voraus war. Nüchtern, fast klinisch laufen die Geschehnisse hier ab und der Zuschauer wird Zeuge bei diesem Streifen. Er ist geradezu durchzogen mit sehr stimmungsvollen Schwarzweiß-Bildern und G. Franju setzt auf diese Schwarzweiß-Photographie, wobei die Dialoge fast nur auf das notwendigste beschränkt sind. Einige dieser Bilder sind von einer wunderbaren schönen düsteren Poesie und ich will das mal am Beispiel einer Szenerie verdeutlichen:

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Christiane trägt eine weiße Maske. Wem sollte sie sich auch zeigen mit ihrem im Grunde genommen nicht mehr vorhandenem Gesicht. Wo sollte sie auch hingehen, denn ihr Leben ist traurig und sie würde am liebsten nicht mehr leben wollen. Sämtliche Spiegel sind aus dem Haus entfernt worden. Christiane geht durch das schloßähnliche Haus ihres Vaters und schaut sich dabei um. Dabei sind ihre Bewegungen die einer jungen Frau, die sich bewußt ist nicht so zu sein wie andere in ihrem Alter, denn ihr bleibt vieles versagt. Und bei der ganzen Szenerie hört man eine schöne ruhig klingende Musik des Filmkomponisten MAURICE JARRE die das Ganze wunderbar unterstützt, inklu. der schönen Kameraführung usw.

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Christiane geht durch Haus

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Oder auch später, wenn Christiane durch lange Gänge geht oder später weiße Tauben freiläßt, dann sind dies Bilder von z.T. düsterer schöner Poesie, denn auch diese Sequenzen sind in ihrer Wirkung einmalig. Überhaupt ist dieser SW-Film mit seinen Bildern durchkomponiert. Die Atmosphäre ist eher Gothic-Horrormäßiger Natur und z.T. eisig, denn der Film hat auch nicht den geringsten Ansatz von Ironie. Auch die Protagonisten agieren bis zum Ende todernst. Über die Personen erfährt man nur stückchenweise etwas. Statt Dialoge hier auszuwalzen konzentriert sich G. Franju vielmehr auf die Aussagekraft der Bilder die, die wahre Erzählsprache dieses Filmes sind. Dies alles zusammen genommen haben ein kleines Meisterwerk der Filmkunst entstehen lassen und ich wage mal zu vermuten, das der spätere "Poet des Horrorfilms", JEAN ROLLIN in Georges Franju seinen Lehrmeister hatte denn es würde so einiges dafür sprechen. Wer die Filme eines Jean Rollin kennt und diesen hier, der müßte in etwa wissen, was ich meine.

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Hinzu gesellt sich eine Operations-Szenerie, die auch damals in ihrer Deutlichkeit wohl ihrer Zeit weit voraus gewesen ist und in der ursprünglichen deutschen Kinofassung dementsprechend gekürzt war. Das trotzdem mal wieder auf reißerische Vermarktung gesetzt wurde, das beweist der bescheuerte alte deutsche Kinotitel, denn aus Génessier machte man Rasanoff. Man verkannte auch damals dieses Filmwerk total und bezeichnete ihn fälschlicherweise sogar als frühen "Splatterfilm". Erst der damalige TV-Sender N3 erkannte das hohe Potenzial, das in diesem kleinen aber feinen Film steckte und sendete ihn ungeschnitten mit neuer richtiger Sychronisation. Die alte Synchro muß ziemlich daneben gewesen sein. Aus dem französischen Titel LES YEUX SANS VISAGE wurde nun bei N3, endlich richtig übersetzt AUGEN OHNE GESICHT.

Hier gibt es auch noch einen jungen CLAUDE BRASSEUR zu entdecken, der einen Polizisten spielt und der später vor allen Dingen in vielen französischen Filmen bekannt geworden ist. Er ist auch der Sohn des Hauptdarstellers.

Die Musik von Maurice Jarre gefällt teilweise. Die Titelmusik hört sich z.B. nicht nach atmosphärischen Horror an, sondern eher wie Jahrmarkts-Schaubuden Musik. Passt meiner Meinung nach nicht so recht. Gut, ist jetzt mein persönlicher Geschmack und andere mögen dies vielleicht anders sehen. Sieht man davon einfach mal ab, so hat M. Jarre hier auch schöne ruhige Klänge geschaffen, wie die weiter oben z.B. beschriebene Sequenz. Der Fimmusiker dürfte für viele auch kein Unbekannter sein,...schuf er doch unvergessliche Kompositionen zu Filmen, wie LAWRENCE VON ARABIEN, DOKTOR SCHIWAGO usw.

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Hier haben wir definitiv ein kleines Meisterwerk des schwarzweißen- und teils poetischen Horrorfilms, dessen Anschauung sich immer wieder lohnt.

AUGEN OHNE GESICHT ist mal beim Label eyecatcher in einer großen Hartbox mit dem Titelaufdruck: DAS SCHRECKENSHAUS DES DR. GÉNESSIER erschienen und hatte nur eine Auflage von 500 Stück. Eine kleine Hartbox gab/gibt es auch, allerdings mit dem Titelaufdruck: AUGEN OHNE GESICHT. Die neue und bessere Synchro ist bei beiden Ausgaben mit drauf, aber man kann ihn sich auch im Originalton mit deutschen Untertiteln anschauen. Es lohnt sich diesen Film sein eigen nennen zu dürfen!

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Das Label Concorde veröffentlichte diesen Film ebenfalls unter dem Titel AUGEN OHNE GESICHT, der allerdings leider gekürzt ist und zusätzlich die alte Kinosynchro, neben der neuen TV-Synchro beinhalten soll.


10/10 Alten Schwarzweiß-Klassikern :jc_doubleup:




ZUSÄTZLICHE ANMERKUNGEN:
Wem diese Geschichte im nachhinein irgendwie bekannt vorkommt braucht sich nicht zu wundern. Im Jahre 1969 entstand eine Art Remake mit dem Titel DIE GESCHÄNDETE ROSE (La Rose Ecorchee) von CLAUDE MULOT, der ja sogar auf DVD erschien. Der Film gefiel mir zumindest leider gar nicht und und kann in keinster Weise mit dem Original konkurrieren.

Dann, im Jahre 1988 kam das nächste Remake,...der Film FACELESS (Les Predateurs De La Nuit) von JESS FRANCO. Dieses Remake bezeichne ich als gelungen. An die Bildsprache und Atmosphäre kommt Franco zwar auch nicht an das Original heran, aber sein FACELESS ist sehr professionell in Szene gesetzt und kann man guten Schauspielern, wie HELMUT BERGER, BRIGITTE LAHAIE, CAROLINE MUNRO usw. aufwarten. Für Franco-Verhältnisse ist er aufwendig gemacht, wobei die Kamera ebenfalls gut ist. Vor Jahren erschien mal eine DVD, die nur im Original mit deutschen Untertiteln versehen ist.

Ferner inszenierte der spanische Regisseur PEDRO ALMODOVAR im Jahre 2011 den Film DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE. Dieses weitere Remake erschien beim Label Universum auf DVD und der lief auch schon im TV beim Sender Arte. Aber Almodovar ging hier ein wenig andere Wege. Hier ging es nicht mehr nur darum mit aller Gewalt einem durch Verbrennung entstellten Gesicht eine neue Gesichtshaut zu verpassen, sondern gleich ganzkörperlich und im weiteren Verlauf bis zum Ende gibt es eine echt bizarre Überraschung, die ich aber keineswegs vorweg nehmen will. Almodovar blieb bei dem ganzen offenbar auch hier wieder seinem Thema Geschlechterkampf treu und herausgekommen ist eine bizarre Mischung aus Thriller, Drama und sogenannter Mad Scientist-Thematik. Ein fast schon absurder Film, der es aber insich hat. Der Arzt wird von ANTONIO BANDERAS dargestellt, der besessen davon ist eine neue bessere Haut für den Menschen zu erschaffen und auch anzuwenden. Dabei will er auch den Tod seiner Tochter rächen, die sich durch Vergewaltigung das Leben nahm. Eine sehr interessante Variante dieser Thematik und ich habe den Film bei Erstsichtung echt mit Spannung verfolgt.

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 Betreff des Beitrags: Re: AUGEN OHNE GESICHT - George Franju
BeitragVerfasst: 23.05.2015 11:49 
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Einer meiner absoluten Favoriten. Ein so wünderschöner wie tieftrauriger Film.

M E I S T E R W E R K !

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 Betreff des Beitrags: Re: AUGEN OHNE GESICHT - George Franju
BeitragVerfasst: 23.05.2015 19:58 
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Ich liebe diesen grandiosen Film.

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 Betreff des Beitrags: Re: AUGEN OHNE GESICHT - George Franju
BeitragVerfasst: 24.05.2015 16:59 
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Ein beeindruckender Film der das poetische und das Grausame traurig und schön verbindet. 9/10


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 Betreff des Beitrags: Re: AUGEN OHNE GESICHT - George Franju
BeitragVerfasst: 25.05.2015 19:43 
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Auf der richtig guten und ungekürzten Criterion Scheibe findet sich noch eine Dokumentation die nicht jedermanns Geschmack sein dürfte: BLOOD OF THE BEASTS. Dort berichtet er über die Schlachthöfe in Paris im Jahre 1949. Das dreht einem schon den Magen um....


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 Betreff des Beitrags: Re: AUGEN OHNE GESICHT - George Franju
BeitragVerfasst: 26.05.2015 12:27 
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Das ist Le sang des bêtes, der Kurzfilm mit dem Franju sich einen Namen gemacht hat.


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