Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
Aktuelle Zeit: 23.01.2017 17:54

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 7 Beiträge ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: BIS DAS BLUT GEFRIERT - Robert Wise
BeitragVerfasst: 11.05.2014 01:12 
Online
Benutzeravatar

Registriert: 07.2013
Beiträge: 2884
Geschlecht: männlich


BIS DAS BLUT GEFRIERT / THE HAUNTING (1963)

mit Julie Harris, Claire Bloom, Richard Johnson, Russ Tamblyn, Fay Compton, Diane Clare und Lois Maxwell
eine Produktion der Argyle Enterprises | im Verleih der Metro-Goldwyn-Mayer
ein Film von Robert Wise


Bild Bild


»Es starrt mich an!«


In der alten Villa namens Hill House geschehen seit nun mehr 90 Jahren merkwürdige Dinge, und das Unglückshaus, wie es die Leute nennen, soll verflucht, und durch und durch böse sein. Immer wieder kam es dort im laufe der Jahre zu mysteriösen Todesfällen, die nicht restlos aufzuklären waren. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung hat es sich Doktor John Markway (Richard Johnson) nun zur Aufgabe gemacht, die übernatürlichen Phänomene dieses angeblich unbewohnten Spukhauses zu untersuchen, und möglicherweise aufzuklären, da ihm die Erbin des alten Gemäuers das Anwesen für eine bestimmte Zeit zur Verfügung stellt. Dazu wählt er sich drei weitere Personen aus, die ihm bei der ungewöhnlichen Aufgabe behilflich sein sollen, und die gewisse Kriterien erfüllen. Eleanor (Julie Harris) ist eine von ihnen, und fühlt sich bereits beim Anblick des Hauses bedroht. Die anfängliche Euphorie der Beteiligten schlägt schnell in Angst und Hysterie um, denn Nachts geschehen dort unglaubliche Dinge, die nicht logisch zu erklären sind. Hat Hill House tatsächlich ein Eigenleben..?

"Bis das Blut gefriert" gilt als stiller Klassiker seiner Gattung, und zieht in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Register. Zunächst muss man diesem Film von Regisseur Robert Wise einmal bescheinigen, dass er wirklich blendend funktioniert, da er ganz klassische Elemente mit einer innovativen Herangehensweise verbindet, die vor allem im handwerklichen Bereich zu finden sind. Allerdings überrascht diese Produktion auch mit einer nicht gerade alltäglichen Sparsamkeit angesichts typischer Horror- und Gruselelemente, die allerdings andernorts nicht zu finden ist, und hauptsächlich im Spektrum der Psyche breite, aber vor allem anspruchsvolle Register zieht. Das einzige, was leicht übertrieben, folglich reißerisch wirkt, ist zumindest der deutsche Titel, da er sich trotz eines gewissen Wohlklangs nicht im Entferntesten bewahrheitet, falls man sich denn als Zuschauer angesprochen fühlt. Eine weitere große und angenehme Überraschung stellt die Hierarchie der beteiligten Personen dar, denn hier wurden die Rollenverteilungen begrüßenswerterweise einfach umgekehrt, so dass die Herren (üblicherweise im Fokus stehend), der Dominanz der Damen unausweichlich bis ausschließlich untergeordnet wurden, was hinsichtlich des Themas zusätzlich Verwirrung stiftet, da analytische Sachlichkeit gegen Emotionen und Temperament arbeitet, und somit vor allem die großartige Interpretation von Julie Harris nochmals begünstigt. Der Film lebt von seiner schweren, unbehaglichen Atmosphäre, seinen stilsicheren Typisierungen und kitzelt die Nerven mit eleganten Effekten. Außerdem hält er es im Endeffekt für überhaupt nicht notwendig, für lückenlose Aufklärung zu sorgen und spricht somit die Fantasie, aber auch die Offenheit der Zuschauer-Gemeinde an.


Bild Bild


Beinahe alles in diesem Film ist der exzellenten Darbietung der US-Amerikanerin Julie Harris ("Jenseits von Eden") untergeordnet. Eleanor, die ihre besten Jahre der kranken Mutter opferte, hatte bislang nichts vom Leben. Bis zur Selbstaufgabe pflegte und betreute sie sie bis zu deren Tode, und lebte bei ihrer Schwester, bei der sie auf der Couch schlafen durfte, aber nie Anerkennung oder Wertschätzung erfuhr. Trotz großer Schuldgefühle nimmt sie das ungewöhnliche Angebot zu diesem Experiment an, da sie sich in ihrer Vorstellung daraus einen euphorischen Neuanfang geformt hat. Glänzend wirken die Sequenzen, wenn Eleanor innere Monologe führt, das Für und Wider gegeneinander abwägt, sich in schwierigen Situationen zum Durchhalten animiert und in hysterischen Momenten selbst beruhigt, sich Gegebenheiten schön redet oder sich falsche Tatsachen glaubhaft versichert. Neben dem Spukhaus ist sie die Schlüsselfigur der Geschichte, bei der sich der Zuschauer zusehends fragen muss, ob es sich tatsächlich um übernatürliche Vorkommnisse im Haus, oder um eine schwerwiegende schizoaffektive Störung der Protagonistin handelt, und sich alles nur in ihrer verzerrten Fantasie abspielt. Eine hochinteressante Variation, die in diesem Genre damals noch eher in den Kinderschuhen steckte, dann später ausgiebig, leider meistens primitiv und selten überzeugend ausgeschlachtet wurde. Subtile Spannungsmomente sind hier jedenfalls vorprogrammiert, und "Bis das Blut gefriert" hat keine hysterischen Rundumschläge und Effekthascherei nötig gehabt. Als Gegenstück zu Eleanor fungiert Claire Bloom als Thea, die angeblich mit telepathischen Fähigkeiten ausgestattet sein soll. Sie repräsentiert die selbstbewusste, bodenständige und moderne Frau ihrer Zeit und ist somit alles, was Eleanor nicht ist. Claire Bloom spielt ihre kühle Distanz zu den Dingen klassisch aus, sie überzeugt mit zynischen Attacken und leuchtet schwarz in einer mysteriösen Aura. Ob sie schließlich nur der Spiegel, oder das Sprachrohr gewisser Einbildungen ist, entscheidet der Zuschauer. Überhaupt ist jede einzelne Einführung und die Entwicklung der unterschiedlichen Charaktere bemerkenswert dicht, das kompetente Zusammenspiel wirkt hochklassig. Richard Johnson als Initiator des Ganzen trumpft in einigen Momenten groß auf, doch immer wirkt es so, als würde er von den Damen in die zweite Reihe verwiesen, was bei Russ Tamblyn noch auffälliger in Erscheinung tritt.

Für mich war "Bis das Blut gefriert" in erster Linie eher der geglückte Versuch, in die Untiefen der menschlichem Psyche einzublicken. Das Grusel-Element kommt selbstverständlich aussagekräftig zum Tragen, da »Es«, wie es von allen nur genannt wird, allgegenwärtig zu sein scheint. Das Haus als Verkörperung des Bösen, und vor allem dessen Inszenierung wurde exzellent im Bilde festgehalten. Nach diversen filmischen Horror- und Grusel-Ungeheuerlichkeiten- und Volltreffern der letzten Jahre, hatte ich mich zuerst einmal richtiggehend neu zu orientieren, und habe um ehrlich zu sein, viele herkömmliche Effekte oder eine alternative Auflösung vermisst. Die Mischung, die man in dieser Produktion geboten bekommt wirkt letztlich jedoch nicht nur interessant, sondern hinsichtlich des Versuches, mehrere Fragmente im Film zu vereinen auch fesselnd und intelligent. Der hohe Anspruch der Geschichte wirkt manchmal etwas (Genre-)fremd, aber warum sollte man sich immer nur passiv berieseln lassen? Das langsame Tempo schürt Spannungszustände, die durch halluzinatorisch wirkende, und oftmals Schwindel erregende Kamerafahrten plötzlich forciert werden, die akustischen Finessen wie Poltern, Klopfen, Rufen oder Atmen sorgen für klassische Gänsehaut-Momente. Vollkommen faszinierend wirkt die elegante Bildkomposition, die mit Hilfe von raffiniertem Licht- und Schattenspiel für ein Gefühl der Vollkommenheit sorgt, wozu der glasklare Aufbau, angefangen mit der Erklärung, wie alles begann, bis hin zu einem denkwürdigen Finale, sein Übriges tut. Insgesamt kommt es in diesem Beitrag nur zu wenigen Längen, und ich muss schon sagen, dass man diesen Film schon einmal gesehen haben sollte, wenn man sich für das Spektrum der Angst, oder blendende schauspielerische Leistungen interessiert. Schön, einen Film gesehen zu haben, der sich in aller Konsequenz von einheitlichen Produktionen abheben wollte und das schließlich auch konnte. Ursprünglich wollte ich diesem Beitrag vorwerfen, dass er es eigentlich kaum schafft, einen das Fürchten zu lehren. Wenn sich die komplexe Handlung aber gesetzt, und die Gier nach primitiven Effekten gelegt hat, sollte man verstehen, dass dieser Film den Zuschauer auf einer ganz anderen Ebene ansprechen will, und nach alternativen Berührungspunkten sucht. Ein auf seine Weise sehr beunruhigender Klassiker des Genres!


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BIS DAS BLUT GEFRIERT - Robert Wise
BeitragVerfasst: 11.05.2014 08:11 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 11.2009
Beiträge: 1312
Wohnort: Il cimitero senza croci
Geschlecht: weiblich
Ein sehr schöner Text. Besonders der von dir hervorgehobene Aspekt der "umgekehrten Rollenverteilung" bzw. dessen Effekt und die notwendige Offenheit des Publikums für dieses schöne Exempel psychologischen Horrors kann ich nur unterstreichen.
Dieser Film hat einen fixen Platz in meiner Sammlung. Mir ging es ähnlich (dass ich mich betreffend Sehgewohnheiten etwas umstellen musste), aber alles in allem halte ich "Bis das Blut gefriert" auch für sehenswert.
Und dein Review hat mich jetzt dazu inspiriert, ihn demnächst wiedermal in den Player zu legen... Danke. :mrgreen:

_________________
SCHATTENLICHTER


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BIS DAS BLUT GEFRIERT - Robert Wise
BeitragVerfasst: 11.05.2014 09:05 
Online
Benutzeravatar

Registriert: 07.2013
Beiträge: 2884
Geschlecht: männlich
Dann danke ich dir für die nette Rückmeldung!
Dafür, dass ich den Film mittlerweile so hervorragend finde, darf ich fast gar nicht erzählen, wie ich darauf aufmerksam wurde. Den hatte ich mir damals eigentlich nur wegen dem Edgar Wallace Film "Das Geheimnis der weißen Nonne" zugelegt, weil dort auch Diane Clare mitspielt, die ich aber in "Bis das Blut gefriert" die ersten paar Mal gar nicht erkannt habe, weil die Rolle so klein ist. :lol:
Aber so soll es im Rahmen meines Auswahl-Kriteriums Schauspieler auch sein, dass der Film letztlich zur Hauptattraktion wird, obwohl die darstellerischen Leistungen hier wirklich herausragend sind! Ich denke mal, dass die psychologische Komponene insbesondere ohne Julie Harris auch nur halb so gut funktioniert hätte. Dass dieser Film schließlich keinen strahlenden Helden nötig hatte, kann man rückblickend nur als Glücksfall bezeichnen, und das Unerwartete kommt, bei mir zumindest, früher oder später immer gut an.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BIS DAS BLUT GEFRIERT - Robert Wise
BeitragVerfasst: 11.05.2014 13:39 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 03.2014
Beiträge: 1322
Geschlecht: männlich
Sehr guter Film und ich halte ihn für einen der besten seiner Art in Sachen UNHEIMLICHE HÄUSER oder SPUKHÄUSER.

Allein schon der Anfang, wo Dr. Markway von diversen seltsamen unheimlichen Ereignissen berichtet, die sich im HILL HOUSE zugetragen haben und man als Zuschauer dieses mit entsprechenden Szenerien serviert bekommt, zeugt von starker Atmosphäre, die auch nur in schwarzweiß wirkt.

Hier fliesst weder Blut, noch finden sonstige Gewalttätigkeiten statt, was der Film auch gar nicht nötig hat. Durch diverse Kamaraeinstellungen, Toneffekte, das Haus ansich mit seinen alten Inneneinrichtungen,...schuf R.Wise ein ständiges Klima der Angst und Bedrohung.

Die Schauspieler trugen ihr übriges dazu bei, allen voran Julie Harris, die immer voller innerer Unruhe, aber auch eher schüchtern ist. Claire Bloom ist der zynische Gegenpart und passt wunderbar. Richard Johnson als Dr. Markway ist ebenfalls exzellent.

Wer den Film noch nie sah,...empfehle ich, sich den spät Abends bei Kerzenschein, wenn alles ruhig ist anzusehen. Ihr werdet dadurch zusätzlich eine unheimlich Atmosphäre haben, die der Film zwar eh sowieso schon hat, aber es erhöht das unheimliche Flair :!:
:good:





Im Jahre 1999 drehte Paul Verhoevens Kameramann JAN DE BONT ein Remake.
DAS GEISTERSCHLOSS, so der Titel ist mit Liam Neeson, Catherine Zeta-Jones usw. zwar nicht schlecht besetzt,...kann aber dem Original in keinster weise das Wasser reichen. Hier rauben u.a. neumodische Computeranimationen dem Haus seine Atmosphäre. Auch die Darsteller können nicht mit denen des alten Films konkurieren


:hutheben:

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BIS DAS BLUT GEFRIERT - Robert Wise
BeitragVerfasst: 11.05.2014 14:38 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 01.2010
Beiträge: 761
Wohnort: Laratown (naja: Köln)
Geschlecht: männlich
Einer meiner Filme für die einsame Insel. 10/10. Für mich definiert der Film Atmosphäre und Spannung in einem Gruselfilm.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BIS DAS BLUT GEFRIERT - Robert Wise
BeitragVerfasst: 11.05.2014 19:08 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 11.2009
Beiträge: 7767
Wohnort: Zwischen Rübenbergen und dem schönen Nordharz
Geschlecht: männlich
Großartiger Film, wohlige Gruselschauer bester Sorte! Unverzichtbar!

_________________
Blap V 3.0 regaining paradise

***
Vom Ursprung her verdorben


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: BIS DAS BLUT GEFRIERT - Robert Wise
BeitragVerfasst: 11.05.2014 21:08 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 05.2011
Beiträge: 1215
Geschlecht: männlich
Graf von Karnstein hat geschrieben:
Auch die Darsteller können nicht mit denen des alten Films konkurieren


Abgesehen von Lili Taylor, die zu meinen aktuellen Lieblingsschauspielerinnen gehört. Ansonsten stimme ich dir jedoch zu, vor allem was die CGI angeht.

_________________
Bild
Higurashi no Naku Koro ni


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 7 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
© phpBB® Forum Software | phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker