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 Betreff des Beitrags: Die KURZFILME des Briten SAM WALKER
BeitragVerfasst: 10.11.2012 13:52 
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In Sam Walkers grandiosen und trotz diverser Auszeichnungen leider viel zu unbekannten Kurzfilmen verwandeln sich harmlose Orte in Stätten des absurden Grauens. Es sind Örtlichkeiten, die jeder kennt, und mit denen eigentlich niemand etwas Schreckliches verbindet. Ein Theater, ein öffentliches Schwimmbad, oder ein Fließband in einer Fabrik. Doch schon nach kurzer Zeit bricht er aus dem Vertrauten aus, oft mit brachialer Gewalt. Fast alles läuft ab wie bekannt, lediglich ein, zwei Details fallen aus dem Rahmen. Die Auswirkungen sind jedoch so gravierend, daß man sich in einem verzerrten Spiegeluniversum wähnt.



Duck Children
Großbritannien 2001 - Directed by Sam Walker & Bob Blundon

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Duck Children zählt zu den bizarrsten und verstörendsten Filmen, die mir je untergekommen sind. Ein irrwitziger, kaum in Worte zu fassender Alptraum aus der What-the-Fuck?-Abteilung der Filmgeschichte. Dabei beginnt alles ganz harmlos. Der schwere, grüne Vorhang eines Theaters wird manuell per Handkurbel geöffnet, die noch leere Bühne kommt langsam zum Vorschein. Das Bühnenbild vermittelt eine unspektakuläre Naturlandschaft. Ein großer Fluß schlängelt sich durch Wiesen und Hügel, im Vordergrund Bäume und Büsche, im Hintergrund ein beigefarbener Himmel. Und dann beginnt die Aufführung, die man wohl nie mehr vergißt. Acht Kinder betreten die Bühne und stellen sich in Formation auf. Sie tragen einfach gestaltete Entenkostüme, auf ihren Köpfen sitzen Masken, und über ihre nackten Füße sind gelbe Gummihandschuhe gestreift. Kaum haben sie mit ihrem befremdlichen Gruppentanz begonnen, fällt auf, daß eines der Entlein (Emily Gostlin) Schwierigkeiten hat, sich in die Tanzchoreographie einzufügen. Sie scheint etwas planlos zu sein, versucht sich an den anderen zu orientieren, die eine hübsch synchrone Performance abliefern. Vergebens... das junge Mädchen hinkt ihren Tanzpartnern stets etwas hinterher. Plötzlich schwebt ein weißgekleideter Engel (Bethen Jennings) von der Bühnendecke. Der freundlich lächelnde Himmelsbote präsentiert einen Teller mit zwölf Keksen. Gierig greifen die kleinen Hände zu, und die Kinder verschlingen die leckeren Kekse im Handumdrehen. Lediglich das eine Entlein, das schon unangenehm aufgefallen ist und in dessen Gesichtszügen man ein verwirrtes "Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?" zu lesen glaubt, ist zu langsam und geht leer aus. Auf der linken Seite erscheint auf einmal eine große, primitive Maske, die Züge grob geformt, das linke Auge lustig an einer Springfeder baumelnd, und beobachtet kurz die Szene. Die maskierte Gestalt zieht sich wieder zurück, und der Engel entschwindet nach oben. Der Tanz geht weiter, aber recht hektisch, fast panisch. Da schiebt sich hinter dem Vorhang ein Gewehrlauf hervor, der Mann mit der Maske betritt die Bühne, streichelt seine Waffe, tanzt unbeholfen herum, zielt, und erlegt die erste Ente per Kopfschuß. Während noch die Federn der getroffenen Ente durch die Luft wirbeln, hat der Maskenmann schon das nächste Kind im Visier.

Acht Minuten dauert Duck Children, welcher fast zur Gänze mit einem lauten, disharmonischen, enervierenden Soundtrack unterlegt ist, der aus einer kurzen, sich kontinuierlich wiederholenden Passage besteht, so als ob eine Schallplatte steckengeblieben wäre. Wenn dann der Abspann läuft, herrscht Totenstille. Selbst die Musik hält den Atem an, geschockt ob der dargebotenen Absonderlichkeit. Duck Children hinterläßt Eindruck. Enorm viel Eindruck. Die starke Wirkung entsteht vor allem im kongenialen Zusammenspiel von Bild und Ton, wodurch eine heftige Sogwirkung entfacht wird, der man sich kaum entziehen kann. Das krasse, groteske Geschehen hat absolute Alptraumqualitäten und hallt im Kopf des Zuschauers noch lange nach, nicht zuletzt, da man auf eine etwaige Erklärung vergeblich wartet. Walker und Blundon konfrontieren den Zuseher mit einer so drastischen wie unerklärlichen Theateraufführung, die wie eine zischende, fauchende Dampfwalze über sein verdattertes Publikum hinwegrattert. Interpretationsspielraum ist vorhanden, so man denn die Muse hat, sich mit dem eben Gesehenen auseinander zu setzen. Die harmlose erste Hälfte steht in völligem Kontrast zur schonungslosen Zweiten, was die düstere, nihilistische Stimmung nur noch verstärkt. Ein wenig haftet dem bizarren Geschehen eine unwirkliche, märchenhafte Stimmung an, doch selbst das tut der Effektivität keinen Abbruch. Sogar das hysterische Lachen, das anfangs noch im Hals kitzelte, ist am Ende spurlos verschwunden. Duck Children ist meiner bescheidenen Meinung nach ein immens verstörender, kompromißloser Kurzfilm, der seinesgleichen sucht. Ein Meisterwerk, ohne wenn und aber.



Pool Shark
Großbritannien 2003 - Written & Directed by Sam Walker

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Wenn etwas einen Ort heimsucht, an dem es überhaupt nichts verloren hat, ist das bisweilen sehr beunruhigend, egal, wie absurd die Situation im Grunde ist. Über einen Clown im Zirkus lacht man (meistens). Wenn derselbe Clown um Mitternacht vor deinem Haus sein Zelt aufschlägt und mit regungsloser Miene durch ein Fenster stiert, ist das extrem gruselig. Ein Tiger im Zoo oder in der Savanne ist normal. Wenn er aber wie in Stephen Kings Kurzgeschichte Here There Be Tygers (Achtung - Tiger!; 1968) plötzlich in einer Schultoilette herumlungert, fällt das Herz in die Hose. Im Meer muß man mit Haien rechnen, das ist ihre Welt. Wenn aber die charakteristische Flosse plötzlich in einem gut besuchten, öffentlichen Hallenbad auftaucht, dann ist der Schreck riesengroß. Gleichzeitig möchte man aber auch lauthals loslachen, so abartig komisch und irreal erscheint die Situation, verstärkt in diesem Falle noch doch die heitere Musik, die das Freßgelage begleitet. Ein Mann (Nathan Hughes) kommt zum Trainieren ins Schwimmbad, steigt ins Wasser, sieht sich um, bemerkt die paar Männer, Frauen und Kinder in der Loge, die gespannt auf etwas zu warten scheinen, geduldig der Dinge harren, die da kommen sollen (ein Pensionist sondiert die Lage sogar mit einem Fernglas). Der Mann denkt sich nichts dabei, setzt seine Schwimmbrille auf und beginnt mit dem Training. Irgend etwas reißt ihn dann plötzlich aus der Konzentration, und als er erkennt, was es ist, ist es schon fast zu spät. Inmitten der unbekümmert Badenden aus allen Altersklassen - vom Kleinkind bis zur Oma - befindet sich ein Hai, und der ist verdammt hungrig. Abgesehen von ihm (und den Damen und Herren in der Loge) scheint niemand etwas von der tödlichen Gefahr zu bemerken (schon gar nicht der übermüdete Bademeister, der seine Augen kaum offen halten kann); selbst als das Büffet eröffnet ist und das große Raubtier einen nach dem anderen verschlingt, kommt keine Panik auf.

Knackig, komisch, kurzweilig, und sehr, sehr böse, so kann man Sam Walkers achtminütigen Pool Shark in etwa umschreiben. Die genial-schräge Idee wird ausgesprochen flott und ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen. Harmlose Omas kommen ebenso zum Handkuß wie ein süßes kleines Kind, dessen abgetrennter Arm dank des übergestülpten Schwimmflügels im Anschluß auf dem Wasser treibt. Walker spielt geschickt mit Ängsten, läßt die Kamera immer mal wieder abtauchen, um sich den zappelnden Beinen von unten zu nähern. In Gedanken begleitet man diese Szenen unwillkürlich mit dem berühmten Jaws-Theme von John Williams. Der rettende Ausstieg scheint unerreichbar, ja, fast meilenweit entfernt zu sein. Und von den Gaffern braucht man sich keine Hilfe zu erwarten, die rühren keinen verdammten Finger. Das nicht zu begreifende Grauen wird fast ausschließlich - und sehr effektiv - über die Gesichter der Badegäste transportiert. Vor allem Nathan Hughes liefert diesbezüglich eine famose Performance ab... in seiner Mimik spiegeln sich Ungläubigkeit, Verzweiflung und Unverständnis. Technisch gibt es nichts zu bekritteln, und der Hai, der nur wenige Momente zu sehen ist, sieht durchaus ansprechend aus. Daß nichts erklärt wird, überrascht nicht, schließlich ist das ein Markenzeichen von Sam Walker, daß er seine teils wahnwitzigen Ideen generell unkommentiert läßt. Aber es funktioniert auch so blendend, und wenn man unbedingt eine Erklärung für das abstruse Geschehen braucht, muß man eben selbst seine Phantasie spielen lassen. Pool Shark ist ein bissiges, kultiges, schwarzhumoriges Horror-Häppchen für zwischendurch, das auch wiederholtem Ansehen locker stand hält. Sozusagen ein kleines Hai-light!



Tea Break
Großbritannien 2004 - Directed by Sam Walker

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Der Arbeitstag beginnt. Die Stechuhr wird bedient, der Arbeitsraum aufgesucht, das Licht angemacht. Der Zeitplan wird penibelst eingehalten. Punkt neun Uhr, keine Sekunde früher, keine Sekunde später, beginnt der kräftige Mann (Jeremy McNeill) mit seiner Arbeit. Er ist nicht mehr der Jüngste, hat die Fünfzig schon überschritten, und in seinem Mundwinkel steckt eine Zigarette. Seine Arbeitskleidung besteht aus einer blauen Montur und einer weißen Schürze, und auf seinem Kopf sitzt eine braune Haube. Gelangweilt, emotionslos und routiniert verrichtet er seine Tätigkeit. Jeder Handgriff sitzt, nichts bringt ihn aus der Ruhe. Man meint seine Gedanken fast hören zu können: "Es ist ein Scheißjob, aber jemand muß ihn halt machen." Das zu bearbeitende Material rollt auf dem laut quietschenden Fließband heran, der Mann drückt den roten Knopf, um das Band anzuhalten, das Material wird in Position gebracht, die lange, scharfe Klinge des am Band installierten Hebelschneiders saust herab. Blut bespritzt seine Hand, welche er mechanisch an seiner Montur abwischt. Das ins Gesicht spritzende Blut ignoriert er. Das Fließband rattert wieder, begleitet von einem lauten, stampfenden Soundtrack. Der nächste Mensch rollt heran. Nackt, gefesselt, den Mund mit einem Klebeband versiegelt. Weiter geht die monotone Arbeit, immer dieselbe Abfolge, immer dieselben Handgriffe. Die Klinge wird nach unten gedrückt, der Kopf abgetrennt und achtlos in einem bereitstehenden Behälter entsorgt. Die kopflose Leiche entfernt sich, das nächste Stück Fleisch rollt heran. Dutzende Hälse werden fachmännisch durchtrennt, einer nach dem anderen. Das geht "ruck zuck", wie Major Kottan sagen würde. Just als der Mann die Klinge zum wiederholten Male herabsausen lassen will, bimmelt die Glocke an der Wand. Es ist elf Uhr. Pausenzeit. Das Opfer auf der Schlachtbank atmet auf, obwohl die Klinge seine Haut ritzt. Noch mal davongekommen, oder? Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Die Pointe des knapp siebenminütigen Kurzfilmes ist schon im Titel enthalten. Aber das spielt keine Rolle. Sam Walkers Inszenierung ist beinhart, kompromißlos, mit Blick fürs Wesentliche. Die vielen, oft sekundenkurzen Schnitte in Kombination mit dem scheppernden Score geben dem Film einen verstörenden Rhythmus und eine ganz eigene Dynamik. Die Bildsprache ist düster und trist; bunte Farben sind kaum zu finden. Es könnte sich um einen x-beliebigen Fabrikarbeiter handeln, der stumpf seine ewig gleiche Tätigkeit am Fließband verrichtet (so wie einst von Charles Chaplin in seinem wunderbaren Modern Times (1936) urkomisch thematisiert). Der Unterschied ist, daß es sich beim zu bearbeitenden Material um lebende Menschen handelt, die voller Grauen und sich hilflos windend ihrem Schicksal ins Auge blicken. So müssen sich Tiere auf der Schlachtbank fühlen, die ihr Leben lassen müssen, weil der Homo Sapiens sie zum Fressen gern hat. So wie andere lästige Fliegen erschlagen, enthauptet der beleibte Mann Mensch um Mensch: ohne jegliches Mitgefühl. Ob hinter dem absurden Fließbandmassaker ein tieferer Sinn verborgen ist, sei dahingestellt. Darüber darf jeder selbst gerne spekulieren. Aber selbst wenn man über das Geschehen nicht weiter nachdenkt, ist Tea Break ein bitterböser, staubtrockener und überaus makabrer Kurzfilm, unter dessen Oberfläche ständig ein tiefschwarzer, typisch britischer Humor hervorlugt. Man würde wohl lauthals lachen, wenn einem selbiges nicht im Halse stecken bleiben würde.



Filmographie Sam Walker (Regie)


1999

South American Getaway


2000

The Gas Mask Film
The Magic Picture Show
Diverse Animationsfilme in Zusammenarbeit mit der in Bristol ansässigen Animationsfirma Bolex Brothers


2001

Duck Children (in Zusammenarbeit mit Bob Blundon)


2003

Pool Shark


2004

Tea Break


2006

Exmoor National Park
The Spoilt Earth (in Zusammenarbeit mit Emma Landolt)


2007

Bad Dog


2009

Hamlet


2012

Bite Horse


PS: Wer die Kurzfilme sehen will... Duck Children, Tea Break und The Spoilt Earth findet man bei Vimeo, Pool Shark gibt's auf YouTube.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die KURZFILME des Briten SAM WALKER
BeitragVerfasst: 10.11.2012 20:24 
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Sehr interessant, danke für den Tipp! Werde nachher mal reinschauen.

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Higurashi no Naku Koro ni


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