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 Betreff des Beitrags: DIE UNHEIMLICHE MACHT - Michael Mann
BeitragVerfasst: 03.08.2013 00:17 
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Die unheimliche Macht
(The Keep)
GB 1983
von Michael Mann
mit Scott Glenn, Jürgen Prochnow, Ian McKellen, Gabriel Byrne



Denkt man an gelackte 80er-Jahre Bildästhetik, an denkt man an Michael Mann. Bevor er seine berühmt-berüchtigte Serie „Miami Vice“ als Kreativ-Produzent durch den Äther jagte, hatte Herr Mann bereits bei drei Langfilmen den Regiestuhl besetzt. Und in jedem Fall der letzte davon zeigt bereits deutlich Manns Stil auf (Zeitlupe, Lichtsetzung, Musikuntermalung; auch als Videoclipästhetik bezeichnet). Die Rede ist von „The Keep“, der im deutschen Sprachraum als „Die unheimliche Macht“ vermarktet wurde.
1941 bekommt ein Trupp deutscher Soldaten den Auftrag, eine Burg in den Karpaten strategisch zu sichern. Trotz der Warnung der Wächter nehmen die Soldaten eins der vielen dort errichteten Silberkreuze aus der Haltung und erwecken damit nicht nur eine dämonische Kraft, sondern empfehlen sich auch für die Einstellung ihrer künftigen Soldzahlungen. Weitere Opfer unter der Mannschaft lassen den Hauptmann um eine Verlegung der Truppe beim Generalstab bitten. Was er bekommt, ist jedoch ein SS-Trupp, der entsendet wird, die Dinge auf ihre Weise zu regeln. Deren Vorgesetzter glaubt trotz aller Indizien an einen Partisanenhintergrund und beginnt das angrenzende Dorf zu terrorisieren. Schließlich wird zur Entschlüsselung einer alten Inschrift ein jüdischer Professor aus dem KZ zur Burg beordert. Parallel macht sich ein junger Grieche ebenfalls auf dem Weg in die Karpaten, weil er mit der unheimlichen Macht und dem dazugehörigen Geheimnis der Burg verbandelt ist.
Klingt auf dem Papier nach einer interessanten Geschichte: Das ultimative Böse trifft auf dessen dämonische Spiegelung. Parabel, ick hör dir trappsen! Doch leider steht die Produktionsgeschichte dem ganzen entgegen. Als Paramount als vertreibendes Studio (Der Film ist eine britische Produktion.) den Endschnitt, welcher sich angeblich zwischen 3 und 4 Stunden bewegte, sah, zeigten sie ihre unheimliche Macht und verbannten den Regisseur und Drehbuchautor kurzerhand aus dem Schnittraum. Den Herren lag offensichtlich mehr an einem geradlinigen Horrorfilm, weshalb sie „The Keep“ auf knapp 100 Minuten Kinolaufzeit zurechtstutzten.
Dabei ist die erste Hälfte der finalen Version durchaus goutierbar, weil sie im Großen und Ganzen erkennen lässt, welchen Erzählduktus, welches Timing sich wohl Mann für seinen Film vorgestellt hatte. Wenn alle tragenden Charaktere vor Ort in den Karpaten sind, treten die Eingriffe – und damit die Probleme des Films – überdeutlich zu Tage. Der zweite Abschnitt des Films verkommt zur reinen Aneinanderreihung der Szenen, die für den Ausgang der Geschichte notwendig waren, oder aber Schauwerte versprachen. Denn zunächst wird der Hauptplot links liegen gelassen und sich auf die Beziehung zwischen dem Griechen und der Tochter des Professors konzentriert (inklusive einer Sexszene), obwohl diese, zumindest in der finalen Version, lediglich emotionalen Zuckerguss-Charakter besitzt, als dass sie die weiteren Vorgänge beeinflussen würde. Was darauf folgt, ist dann schon das 20-minütige Finale, in dem der Wehrmachtshauptmann urplötzlich erzählt, was er in der Burg über das Wesen und sich herausgefunden hat, ohne dass der Weg zu dieser Erkenntnis vollends nachvollziehbar wäre. Auch werden der Name des Griechen sowie der unheimlichen macht erst hier beiläufig und zum ersten und einzigen Male erwähnt. Kurzum: Die Dramaturgie geht im zweiten Teil des Films irgendwo die Karpatenwand hinunter, und auch der Schnitt ist teilweise eher zusammengetackert als montiert. Und der in der Geschichte angelegte Subkontext über das Entstehen des Bösen auf der Welt sitzt in der Zelluloid-Wartehalle für Arbeitslose und weint. Nur ein-zwei Andeutungen und ein paar bedeutungsschwangere Sätze verirrten sich in den fertigen Film, so dass der von Mann historisch gewählte Hintergrund spekulativ, austauschbar und beliebig wirkt.
Abseits der produzentenbedingten Eingriffe ist auch die Darstellung der Nazis problematisch. Strickt doch der Film – unbewusst oder nicht – an der vor allem in Deutschland nach dem Krieg zurechtgelegten und zur Zeit der Produktion noch immer aktuellen Mär von der sauberen Wehrmacht und der bösen SS. Dies mag in der Figurenkonstellation zu anfangs noch dramaturgischen Zwecken folgen, wird jedoch spätestens zur Hälfte des Film ärgerlich, wenn die Macht den Professor fragt, wer für das momentane Unheil auf der Welt (= WWII) verantwortlich ist, und als Antwort erhält, dass es ein Wahnsinniger in Berlin und seine schwarzen Truppen sei. (Hier wäre jedoch interessant, ob dies in der Originalfassung auch so gesagt wird, oder ob die Synchronisation eventuell etwas nachgebessert hat.)
Auf der Habenseite stehen für mich die pulsierende Musikuntermalung von Tangerine Dream, das Kreaturendesign in seinen verschiedenen Stadien der Manifestierung (wobei die letzte davon eine eindeutige Reminiszenz an Paul Wegeners Golem darstellt), die visuellen Effekte, welche zur damaligen Zeit durchaus in die obere Liga gehören sowie eine doch streckenweise ästhetisch ansprechende Regieleistung mit einigen einprägsamen Momenten. Die gelungenste Sequenz stellt für mich die unbeabsichtigte Befreiung der eingesperrten Macht durch die beiden Soldaten dar, inklusive einer sehr langen rückwärtigen Kamerafahrt von der Großaufnahme eines am Seil hängenden Soldaten hin zu einer alten rituellen Zeremonienstelle. Die Darsteller gehen völlig okay, werden hier aber nicht bis aufs Äußerste gefordert. Klar sollte bei der Herangehensweise aber in jedem Fall sein, dass man es bei dem Film mit keinem grimmigen Horror in spannungszerfetzender Manier zu tun hat.
Dass Michael Mann sein Frühwerk in der veröffentlichten Fassung nicht mag, liegt auf der Hand. Dass er es war, der bei Paramount erfolgreich gegen eine DVD-Auswertung insistieren konnte, erscheint mir nicht wirklich schlüssig (Als wenn ein Major darauf hört, was ein Regisseur möchte oder nicht.). Ebenfalls wird in den Tiefen des Netzes kolportiert, dass sich Paramount nicht mit Tangerine Dream über eine Weiterverwendung des Soundtracks einigen konnte. Was auch immer ausschlaggebend war, Tatsache ist, dass „Die unheimliche Macht“ noch einer DVD/Blu-Ray-Auswertung harrt. Ob noch unveröffentlichtes Material von damals erhalten geblieben ist, entzieht sich ebenso meiner Kenntnis. Ein Director‘s Cut wäre aber sicherlich eine interessante und lohnende Sache.
Meiner Besprechung lag die Verleih-Kassette zur Grundlage, bei der die Geometrie-Fetischisten der CIC den Film hübsch rechteckig abgetastet haben. Laut der ofdb soll im Pay-TV jedoch mal eine breite Version gezeigt worden sein.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die unheimliche Macht - Michael Mann - GB 1983
BeitragVerfasst: 03.08.2013 00:41 
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Basiert übrigens auf dem Roman "Das Kastell" von F. Paul Wilson. Ein sehr düsterer und brutaler Roman, abseits der üblichen Vampir-Schiene. Den Film hab ich noch nicht gesehen, kann mir aber nur schwerlich vorstellen, dass man das Buch werksgetreu umsetzen kann.

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Zensor, der - Beamter gewisser Regierungen, dessen Aufgabe es ist, geniale Werke zu unterdrücken. In Rom war der Zensor
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(Ambrose Bierce - Des Teufels Wörterbuch, 1911)


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 Betreff des Beitrags: Re: Die unheimliche Macht - Michael Mann - GB 1983
BeitragVerfasst: 03.08.2013 01:27 
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Malastrana hat geschrieben:
Basiert übrigens auf dem Roman "Das Kastell" von F. Paul Wilson. Ein sehr düsterer und brutaler Roman, abseits der üblichen Vampir-Schiene. Den Film hab ich noch nicht gesehen, kann mir aber nur schwerlich vorstellen, dass man das Buch werksgetreu umsetzen kann.


Hmmm, werksgetreu kann es wohl schon daher nicht sein, weil Mann den Vampirpart verändert hat.
Hier saugt das Monster die Lebensenergie/Seele/...seiner Opfer eher ein (so klar wird das im Film nicht besprochen).
Ansonsten kann ich nicht viel dazu sagen, da ich die literarische Vorlage nicht gelesen habe. Nur so viel, wie nahe dran Mann war, bleibt derzeit nur eine Vermutung. Dass die veröffentlichte Fassung ob ihrer Fokussierung auf solide Genreunterhaltung die Vorlage nur sehr unzureichend trifft, erscheint aber auch ohne die Kenntnis des Buches als wahrscheinlich.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die unheimliche Macht - Michael Mann - GB 1983
BeitragVerfasst: 03.08.2013 06:34 
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marc666 hat geschrieben:
Denkt man an gelackte 80er-Jahre Bildästhetik, an denkt man an Michael Mann. Bevor er seine berühmt-berüchtigte Serie „Miami Vice“ als Kreativ-Produzent durch den Äther jagte, hatte Herr Mann bereits bei drei Langfilmen den Regiestuhl besetzt. Und in jedem Fall der letzte davon zeigt bereits deutlich Manns Stil auf (Zeitlupe, Lichtsetzung, Musikuntermalung; auch als Videoclipästhetik bezeichnet). Die Rede ist von „The Keep“, der im deutschen Sprachraum als „Die unheimliche Macht“ vermarktet wurde.

Den Stil erkennt man bereits ab Langfilm Nummer Eins. Danach sind es ohnehin nur noch leichte Variationen des Grundthemas.

Es wäre wohl wirklich zu schön, wenn der Film tatsächlich mal seinen Weg auf DVD, geschweige denn Blu-ray Disc, finden würde. Auf der VHS kann man zwar die Musik genießen, aber das war es eigentlich auch schon so ziemlich.

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE UNHEIMLICHE MACHT - Michael Mann
BeitragVerfasst: 22.06.2015 08:45 
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Ein kleiner Traum ist letzte Woche Donnerstag für mich wahr geworden: The Keep als 35mm-Projektion sehen dürfen. Im Dänischen Filminstitut in Kopenhagen gab es die "Psych-Out!"-Reihe, bei der monatlich ein entsprechendes Zelluloid-Doppelprogramm aufgefahren wird. Und so ratterte im Doppelpack zunächst "The Keep" (als Kopie aus dem Schwedischen Filminstitut(!), dementsprechend im O-Ton mit schwedischen UT) über die Leinwand und hinterher gab es noch Beyond the Black Rainbow (als OV).

Bisher kannte ich nur das deutsche Video. Und mein Gott, nie hätte ich gedacht, dass es so krass die Bildkomposition zertrümmert. Was da im Kino zu sehen war, sah immer wieder toll aus. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Kinoversion irgendwo zwischen möglicher Trashgranate und mittelschwerer Katastrophe schwankt. Mir als Mann-Fan Banane und trotzdem 6 Punkte.

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE UNHEIMLICHE MACHT - Michael Mann
BeitragVerfasst: 09.12.2016 10:09 
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Ich bin gerade eben völlig zufällig über den Film gestolpert und konnte es gar nicht glauben... Die Bilder sehen super aus. Die Schauspieler-Riege klingt auch viel versprechend und der TD-Soundtrack ist auch großartig. Schade, dass der Film an sich aber wohl die Erwartungen nicht erfüllt.

Sehen würde ich den Film aber doch schon gerne. Klingt einfach alles zu gut, als dass es so schlecht sein kann.
Scheinbar ist aber nur die US Laserdisc annähernd eine Alternative. Die deutsche VHS muss ja grausam aussehen und ist auch unter 90 EUR scheinbar nicht zu haben.

Es gibt übrigens auch eine Dokumentation zu dem Film bzw. seiner Entstehen. So wie es sich anhört ist die in den letzten Zügen:
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 Betreff des Beitrags: Re: DIE UNHEIMLICHE MACHT - Michael Mann
BeitragVerfasst: 09.12.2016 17:46 
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Logan5514 hat geschrieben:
Scheinbar ist aber nur die US Laserdisc annähernd eine Alternative. Die deutsche VHS muss ja grausam aussehen und ist auch unter 90 EUR scheinbar nicht zu haben.

Es gibt allerdings noch sehr gute TV-Ausstrahlungen in anamorphem 2,35:1.

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE UNHEIMLICHE MACHT - Michael Mann
BeitragVerfasst: 09.12.2016 18:59 
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Wenn ich mich recht entsinne, ist/war beim US iTunes mal 'ne Version drin.

Ja, bei der VHS ist halt das entstellende 1,33:1 ein wahrer Graus. Okay, wenn man die "richtigen Bilder nicht kennt, geht es sogar halbwegs.

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