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 Betreff des Beitrags: EIN DRITTEL DER NACHT - Andrzej Zulawski
BeitragVerfasst: 17.10.2015 21:03 
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Ein Drittel der Nacht
Trzecia część nocy
Polen 1971
Regie: Andrzej Żuławski
Drehbuch: Andrzej Żuławski
Kamera: Witold Sobocinski
Hudba: Andrzej Korzynski
Darsteller: Leszek Teleszynski, Małgorzata Braunek, Jan Nowicki, Hanna Stankówna, Alicja Jachiewicz, Jerzy Stuhr, Tadeusz Huk, Grażyna Barszczewska, Marek Walczewski, Anna Milewska


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Die übernatürliche Glückssträhne des jungen Witwenwaisen Michal endet schlagartig als einbeinige Ballsportkrüppel ihn in einer Treibjagd durch das tiefste Innere der städtischen Krankenhauskatakomben hetzen. Denn als er die Versehrten abschüttelt steckt er in einer Sackgasse, im Schummerlicht bettet eine herrenlose Pritsche. Er zieht das Leichentuch zurück und entdeckt sich selbst.
Bei jemandem, der sich selbst als Leichnam entdeckt, muss etwas gewaltig schief gegangen sein. Drehen wir die Zeit zurück und sprechen über den Ist-Zustand: Eine namenlose Macht tollwütiger Militärs hat Besitz ergriffen von Polen. Die Besatzer sind allmächtig und skrupellos. Sie können auf einem belebten Markt einfach jungen Männern in die Köpfe schießen und kein Gesetz kann sie in ihrer Mordlust zügeln. Die Zeiten sind so verkommen, dass es der sicherste Beruf ist, als Typhuskranker Läuse mit Blut zu füttern um damit Impfstoff für die Wehrmachtsbanden zu produzieren. Mit dieser Arbeit bekommst du sichere Papiere und Lebensmittelmarken.
Michal hat Glück. Er hat eine dieser begehrten Stellen ergattern können. Doch Licht und Schatten liegen nah beieinander. Am deutlichsten lässt sich das an seiner familiären Situation herausstellen, denn in seiner Vergangenheit stapeln sich die Leichen. Bevor er die Stelle antritt, musste er mit ansehen, wie eine Reitereinheit in ihrem kaltfarbenen Herrenhaus sowohl seine Mutter als auch seine Ehefrau Helena und den gemeinsamen Sohn Lukas tötet. Drei Generationen werden grundlos ausgelöscht. Michal flieht in die Stadt und stößt auf seinen alten Freund Oleg. Dieser arbeitet für die Partisanen und der Witwer hatte kaum Grund sich eine andere Tätigkeit zu suchen. Doch das Unglück heftet sich an den Geschundenen. Oleg wird bei der Kontaktaufnahme mit dem Vorgesetzten von der Gestapo erschossen, Michal kann angeschossen fliehen. Er spurtet durch den düsteren Schutt der einst prunkvollen Stadt. Er hetzt sich auf allen Vieren ein Treppenhaus hinauf, die Gestapo folgt ihm dicht. Kurz vor dem Ergreifen färbt das Unglück jedoch auf einen anderen ab. Ein Mann im Treppenhaus trägt den gleichen beigenen Mantel, wird verwechselt, angeschossen und verschleppt. Der Überlebende setzt die Flucht fort und landet in einer kleinen Wohnung, jene des Verwechselten und Verschleppten, er erblickt dessen Frauen in Wehen. Die Frau des Fremden ist seine eigene Frau, die jüngst getötete Helena. Dort steht er nun, mit der Frau und einem Neugeborenen.

Der Film kommt immer wieder auf das Johannesevangelium des NT zurück, das Apokalypse ist, und damit folgerichtig Äquivalent der Geschichte Polens. Zitiert wird dreimal mit längeren Texten. Zu Beginn ist es Ehefrau Helena die laut liest: Und der vierte Engel posaunte: und es ward geschlagen der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne, dass ihr dritter Teil verfinstert ward und der Tag den dritten Teil nicht schien und die Nacht desgleichen. Auch zu Ende wird Sie es lesen, während die Kamera auf vier Reiter blendet, die nichts anderes sein können als die Reiter der Apokalypse. Doch in der Mitte spricht Herr Rosenkrantz, ein alter Bekannter Michals. Es ist eine bizarre Stelle auf einem Friedhof, Herr Rosenkrantz trägt eine Strumpfmaske. Die Stelle ist zu bizarr und zu genau platziert um nichts zu bedeuten. Doch mir fehlt die interpretatorische Fähigkeit.

Kommen wir zu anderen Stellen. Die Geburt des Kindes der Doppelgängerin. Ist das Kind erst in die Welt gesetzt und der Blutschleim notdürftig abgewischt steht die Mutter prominent neben einem Kreuz. Die Analogie ist naheliegend. Doch die Geburt eines Kindes findet auch im Johannes statt. Dort begleitet die Geburt ein Drache, der der Teufel ist. Können wir daraus Rückschlüsse ziehen? Im Laufe des Filmes stürzt Michal viele Personen ins Unglück. Sie etwa hat ihren Mann seinetwegen verloren. Der eigene Vater meint, dass Michal wohin er auch komme, die Typhusläuse und damit das Unglück mitschleppe. Doch wir sind im Zweiten Weltkrieg und Michal ist Slawe, kein Deutscher. Ihm aus den Vorfällen einen Strick drehen zu wollen, wäre abscheulich. Er ist kein Teufel.
Gehen wir den nächsten Schritt zum Partisanenführer. Er ist blind. Blinde gelten oft als Seher, ihnen wird ein besonderer Blick auf die Wirklichkeit nachgesagt. Da sie die Fähigkeit haben, hinter die dünne Haut des Sichtbaren zu blicken. Hören wir uns an, was er zu sagen hat:
I feel more and more strongly that we are sinking into a world where all things have become alike. Action and passivness, cruelty and indifference.
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Doch ich höre auf damit, den Film zusammenzufassen. Was bleibt? Es ist ein Zulawskifilm. Dass es hysterisch und wild wird, ist naheliegend. Ich könnte den Text vollstopfen mit Adjektiven und Ist-Beschreibungen aus der Lyrik Alfred Lichtensteins. Zulawski verarbeitete Erlebnisse seines Vaters, der Teil dieser Typhusanstalt war. Das heißt, es gab sie. Ich habe Läuse, Polen, Zweiter Weltkrieg gegoogelt und stieß auf die Geschichte des Biologen Rudolf Weigls, der das Leben tausender Rettete indem er sie zu Kriegswichtigen erklärte. Aus den Därmen der Läuse wurde das Serum entwickelt. Auch eine andere Stelle verdient Erwähnung. Das töten von Menschen durch das in den Laderaum geleitete Abgas von LKWs. Der serbische Schriftsteller David Albahari schrieb den genialen Roman: Götz und Meyer der sich damit befasste. Die Verarbeitung der im Film dargestellten historischen Stoffe durch andere slawische Intelektuelle sind Legion. Die Nazideutschen treten nicht explizit auf, ihre Herkunft schwingt mit. Zulawski setzt auf die gleichen Mittel wie der tschechische Regisseur Zbynek Brynych in: Der fünfte Reiter ist Angst.
Warum Michal ausgerechnet seine just gestorbene Frau in Lemberg (vermutlich) wiederentdeckte, möchte ich so einfach wie möglich deuten: Sie ist es nicht. Er sprang dem Tod von der Schippe durch eine schwere Typhuserkrankung. Er sieht, wie seine Liebsten getötet werden und landet traumatisiert in einer Stadt. Er sieht im Film auch immer wieder seinen toten Sohn und es gibt Sequenzen, die eher in Sackgassen endende Traumvisionen seinerseits sind.

Und wegen der "Glückssträhne " zu Beginn. Da mag sicher jemand Einwände haben und an meinem Gesunden Menschenverstand zweifeln und rufen: "Du Zyniker! Er hat gesehen, wie sein eigener Sohn totgeschaufelt wurde!".Ja hat er. Aber wir sind in Polen, nicht in Entenhausen. Er ist der Katholik Michal, nicht Gustav Gans. Da gelten andere Parameter. Er hat Dinge überlebt, die kaum jemand überleben könnte. Er hat sich aus schlimmsten Situationen gewunden. Dass um ihn herum immer wieder Personen treten und die Bibel zitieren, legt den Verdacht nahe, dass auch er Christ ist und da ist der Schritt zur Vorstellung eines Nachlebens nicht weit hergeholt. Er ist eine Art Hiob. Nach dem Verlust der eigenen Familie sofort wieder Lebensgrund und-Mut zu finden und für andere Sorgen zu müssen ist sicher kein häufiges Vorkommnis.

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"I can cope with alienation technique as long as the girls get their tits out."


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