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 Betreff des Beitrags: LOST HEARTS - Lawrence Gordon Clark
BeitragVerfasst: 30.12.2016 12:20 
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Lost Hearts
(Ghost Story for Christmas: Lost Hearts)
Großbritannien 1973 - Directed by Lawrence Gordon Clark
Starring: Simon Gipps-Kent, Joseph O'Conor, James Mellor, Susan Richards, Christopher Davis, Michelle Foster...


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Das Herz. Das Wichtigste aller Organe. Ohne Herz kein Leben. Ohne Herz keine Liebe. Es ist das Zentrum des Körpers. Einerseits der Antrieb, der Motor. Andererseits der Sitz der Gefühle, des Mutes. Wenn man Mut faßt, wenn man sich überwindet, um etwas Bestimmtes zu tun, sagt man auch: Man nimmt sich ein Herz. Manche nahmen diese Redensart wörtlich. Die Azteken schnitten lebendigen Menschen das noch schlagende Herz aus dem Leib, um es ihrem Sonnen- und Kriegsgott Huitzilopochtli bzw. der Sonne selbst zu opfern. Ähnliche Opferriten führten auch die Maya durch. Von Liberias ehemaligem Präsidenten Charles Taylor heißt es, daß er die Herzen von (toten) Soldaten verspeist hätte, entweder, um ihre Stärke, ihre Kraft und ihren Mut in sich aufzunehmen, oder um auf diese Weise seine Rache zu vollziehen und die Opfer über den Tod hinaus zu demütigen. Auch Mr. Abney verzehrt Herzen. Kinderherzen. Gewissen okkulten Büchern zufolge ist dies einer der Wege, um Unsterblichkeit zu erlangen. Die im Dezember 1895 erstmalig erschienene Erzählung Lost Hearts (deutsche Titel: Eine Herzenssache, Ein Herzensvetter bzw. Verlorene Herzen) ist eine der grausamsten Geschichten, vielleicht sogar die grausamste Geschichte, die der britische Schriftsteller M.R. James je geschrieben hat. (Aus heutiger Sicht erscheint das alles dennoch sehr zahm.) Üblicherweise begnügte sich der Autor ja mit subtilen Andeutungen, um seinen Lesern das Fürchten zu lehren, doch bei Lost Hearts machte er eine seiner wenigen Ausnahmen.

Für die Nummer Drei der populären "A Ghost Story for Christmas"-Reihe der BBC, ausgestrahlt am 25. Dezember 1973, einigten sich die Verantwortlichen auf eine Verfilmung ebendieser Kurzgeschichte, welche M.R. James übrigens nicht zu den Favoriten seines Schaffens zählte. Im Gegensatz zu The Stalls of Barchester und A Warning to the Curious bekam Lawrence Gordon Clark nun Unterstützung zur Seite gestellt, hatte also nicht mehr die alleinige Kontrolle über das Projekt. Rosemary Hill übernahm die Produktion, und Robin Chapman adaptierte die Erzählung zu einem Drehbuch. Ob dies der Grund dafür ist, daß der fünfunddreißigminütige Lost Hearts gegenüber dem grandiosen Vorgänger A Warning to the Curious abfällt, ist schwierig zu beurteilen. Vielleicht gab die nicht sonderlich originelle Geschichte auch einfach nicht mehr her. Der elfjährige Waisenjunge Stephen (Simon Gipps-Kent) findet Unterschlupf bei seinem exzentrischen Vetter Mr. Abney (Joseph O'Conor), der, wie sich alsbald herausstellt, Garstiges im Schilde führt. An Stephens zwölften Geburtstag gedenkt er, dem Jungen das pochende Herz aus dem Leib zu schneiden. Der arme Knabe ahnt zwar, daß in dem Haus seltsame Dinge vor sich gehen, aber da er dem ach-so-netten Erwachsenen vertraut, trottet er wie ein dummes Lämmchen zum Schlächter. Sein Schicksal scheint besiegelt, wären da nicht die ruhelosen Geister von Giovanni (Christopher Davis) und Phoebe (Michelle Foster), zwei unschuldige Kinder, welche Abneys abscheulichen Machenschaften bereits zum Opfer gefallen sind. Joseph O'Conor (The Black Windmill) drückt gehörig auf die Tube und weckt mit seiner verschlagen-kauzigen Darbietung Erinnerungen an die böse Hexe, die Hänsel im Knusperhäuschen gefangen hält und unaufhörlich mästet, um ihn - wenn er fett genug ist - zu fressen.

Trotz der grausigen Thematik ziehen sich ein märchenhaftes Flair sowie ein morbider schwarzer Humor durch das düstere Geschehen, wodurch Lost Hearts leichter zu goutieren ist. Auf der einen Seite ist da Abney mit seinem schrulligen Gehabe und den perfiden Wortspielen, auf der anderen Seite die beiden rachsüchtigen Geisterkinder mit ihren mitunter doch recht seltsamen Gepflogenheiten (Giovanni spielt z. B. gerne seine Drehleier). Während O'Conor seinen Abney mit verschrobenem Overacting in Camp-Nähe rückt, drohen die Gespenster, denen etwas zutiefst Melancholisches anhaftet, ins Trashige abzugleiten. Zwar gibt es einige wunderbar stimmungsvolle Kameraeinstellungen (wie beispielsweise die Momente im nebeligen Wald von Lincolnshire), aber die ausgedehnten Sequenzen im alten Herrenhaus verursachen kaum Grusel, sondern sorgen eher für ein leichtes Grinsen, was aber keinesfalls heißen soll, daß die Spukgestalten nicht auch creepy sind. Wenn sie sich mit starren, bleichen Gesichtern langsam der Kamera nähern und die Finger mit den langen, scharfen Nägeln bedrohlich bewegen (und Giovanni auch noch den Leierkasten bedient), dann hat das schon eine gewisse schaurige wenn auch ausgesprochen merkwürdige Qualität. Der Spezialeffekt der offenen Brustkörbe verstärkt zwar die der Geschichte innewohnende Brutalität, kann aber aufgrund seiner billigen Umsetzung nicht überzeugen. Trotz dieser Defizite ist mir Lost Hearts sehr ans, ähm, Herz gewachsen. Auch wenn die Umsetzung als Ganzes nicht unbedingt gelungen ist, so bietet sie doch zahlreiche starke Einzelszenen, eine schöne, triste, altmodische Gruselstimmung und zwei denkwürdige Geister, denen man unwillkürlich die Daumen drückt. Außerdem weiß der Kurzfilm so prächtig zu unterhalten, daß man über seine Schwächen gerne hinwegsieht.

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