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 Betreff des Beitrags: MALPERTUIS - Harry Kümel
BeitragVerfasst: 22.02.2015 15:15 
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Götterdämmerung im Haus der Finsternis

Malpertuis (Belgien/F/D 1972, Regie: Harry Kümel)

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Der junge Seemann Jan (Matthieu Carrière) legt mit seinem Schiff in seiner Heimatstadt Antwerpen an, verfolgt eine Person, die er für seine Schwester Nancy (Susan Hampshire) hält, landet in einer rummelligen Hafenkaschemme und wird schließlich im Gewühl mit einem Totschläger niedergeschlagen. Als er wieder erwacht, befindet sich er sich in Malpertuis, einem ihm verhassten Haus, in dem der uralte Patriarch Cassavius (Orson Welles) seit Langem schon im Sterben liegt und eine illustre Truppe an sonderbaren Gestalten lebt. Da ist u. A. der schmierige Dideloo (Michele Bouquet), der derangierte Taxidermist Philarette (Charles Janssen), der hysterische Lampernisse (Jean-Pierre Cassel), die verführerische Alice (Susan Hampshire zum Zweiten), deren zwei abweisende Schwestern, der schöne Mathias (Daniel Pilon), der autoritäre Herr Eisengott (Walter Rilla) und die kalte, aber wunderschöne Euralye (Susan Hampshire zum Dritten). Während alle anderen darauf warten, dass der ungeliebte, bettlägerige Cassavius endlich das Zeitliche segnet, will Jan nur weg aus diesem "Höllenloch". Doch das von Eisengott verlesene Testament des Herrn von Malpertuis, sieht zum Erschrecken der Gruppe vor, dass jeder Erbe dass riesige Anwesen nicht zu verlassen hat. Nun gefangen in den gespenstischen Räumen, versucht Jan hinter das Geheimnis des Gebäudes und seiner seltsamen Bewohner zu gelangen. Umgarnt von der begehrenswerten Alice, der auch Herr Dideloo verfallen ist, wandelt der Seemann durch die unheimlichen Gänge und Korridore und kommt viel zu spät zur Erkenntnis, dass er besser längst hätte die Flucht ergreifen sollen! (Die seltsamen Filme des Herrn Nolte - Blog, leicht geändert)

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Lange ist es her, seit ich diesen Film zum ersten (und bis heute einzigen) Mal gesehen habe. Ich erinnere mich noch, wie ich damals hartnäckig meinen Vater genervt habe, doch das Gruselkabinett (auf N3) einzuschalten. Die Inhaltsbeschreibung ließ auch eher auf einen harmlosen altbackenen Geisterhaus-Grusel schließen, so dass mein Vater offenbar keine Bedenken hatte. Was wir stattdessen zu sehen bekamen, hat sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingebrannt. Nichts hätte mich auf diesen cineastischen Rausch der Sinne vorbereiten können. Und wie sich herausstellen sollte, handelte es sich um die einzige Gelegenheit, diesen Film überhaupt zu Gesicht zu bekommen - in deutscher Sprache! Nach langer (und leider erfolgloser) Suche nach eben jener TV-Ausstrahlung, musste ich schließlich (-nach gut 30 Jahren-) auf eine englischsprachige Kopie der Cannes-Version ausweichen. Diese Version dürfte auch der damaligen TV-Ausstrahlung entsprechen, zumindest die Laufzeitangaben alter TV-Programme lassen darauf schließen (ca. 100 Min.).

Ich hatte etwas Angst vor dieser erneuten Sichtung, nach so langer Zeit. Würde der Film meinen wilden Erinnerungen heute noch gerecht werden? Oder habe ich mir diesen aufregend-surrealen Trip ins finsterste Märchenreich nur eingebildet? In Anbetracht meines damaligen Alters hielt ich letzteres für wahrscheinlicher. Doch da waren sie wieder, jene Bilder, die mich im zarten Alter von 10 Jahren ebenso verstört wie beeindruckt haben. Und tatsächlich hat "Malpertuis" nichts von seiner magischen Kraft verloren. Kein Film, sondern ein auf Film gebannter Traum - ungreifbar, intensiv, verwirrend und auf bizarre Weise wunderschön. Ein unglaublicher Film, der bis heute im Dunkel der Vergessenheit sein Dasein fristet und nur darauf wartet, wieder entdeckt zu werden.

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In seiner Machart reiht sich "Malpertuis" in eine Riege traumartiger Filme ein, die jeder für sich einzigartig sind. Dazu gehören für mich z. B. "Die Stunde des Wolfes" von Ingmar Bergman, "Der Teuflische" von Mario Bava oder auch "Suspiria" von Dario Argento. Und auch "Wenn die Gondeln Trauer tragen" von Nicholas Roeg, "Possession" von Andrzej Zulawski und "Messias des Bösen" von Willard Huyck. Alles Filme, die sich nicht mit konventionellen Maßstäben erfassen lassen. Filme, die man nicht einfach nur sieht, sondern in die man eintauchen muss. Filme, die erlebt und gefühlt werden wollen und die sich einer nüchternen Betrachtungsweise entziehen. Schimmernde Perlen aus den dunkelsten Tiefen des Märchenreichs - irreal, verstörend und zugleich wunderschön.

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Nach "Blut an den Lippen" nahm sich Harry Kümel einen Roman von Jean Ray vor. Es geht um ein altes Haus, voller verwinkelter Flure und endlos scheinenden Treppen. Treppen, die in die eigenen entlegensten Abgründe zu führen scheinen. Ein Mikrokosmos, so komplex und fascettenreich, wie beklemmend und abgründig. Fantastisch eingefangen von Kamermann Gerry Fisher, der äußerst stilsicher zwischen erdfarbenen und grell-bunten Farbkompositionen wechselt. Dazu die sehr schöne Musik von Georges Delerue. Und dieser tiefschwarze skurrile Humor, am ehesten noch vergleichbar mit den Werken von David Lynch. Ein weiteres beeindruckendes Beispiel dafür, dass der Übergang zwischen Humor und Horror oft fließend ist. Wenn z. B. die gesamte Verwandschaft sich immer wieder im Wohnzimmer des Hauses versammelt und dort immer die immer gleiche Platte läuft. Wie Karrikaturen des Schreckens wirken sie. Durch die diffuse Beleuchtung und die leicht verzerrte Weitwinkeloptik, wirkt das Ganze zusätzlich befremdlich. Wenn dann die Platte an einer Stelle plötzlich anfängt zu springen und schließlich in einer Endlosschleife hängenbleibt, nimmt das Szenario zunehmend bedrohliche Züge an. Schon bald regiert der pure Wahnsinn auf Malpertuis.

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Das Ende schleudert den Zuschauer von einem Moment zum anderen in die nüchterne Umgebung der vertrauten modernen Welt, die der Film bis dahin so konsequent ausgespart (ausgesperrt) hat. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zuende... soviel darf verraten werden.

Internationaler Trailer

Wiederaufführungs-Trailer

Bleibt nur zu hoffen, dass dieses Juwel auch hierzulande bald eine VÖ auf BD/DVD erfährt und endlich jene Anerkennung findet, die ihm gebührt. Das Label BILDSTÖRUNG wäre hierfür wie geschaffen. Ein deutsche Tonspur ist jedenfalls definitiv vorhanden. Die Ausstrahlung im Gruselkabinett war übrigens am 01. August 1986. Laut folgender Quelle, wurde "Malpertuis" bereits am 26. März 1984 auf Nord 3 (ebenfalls im Gruselkabinett) ausgestrahlt: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***
Muss doch mit dem Teufel zugehen, wenn diese Fassung nicht irgendwo aufzutreiben ist. :unknown:

10/10

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PHOBOS (Trailer - deutsch)


THC statt TTIP!


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 Betreff des Beitrags: Re: MALPERTUIS - Harry Kümel
BeitragVerfasst: 22.02.2015 15:32 
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... da schließ ich mich an.... sowohl bei der Bewertung, als auch bei dem dringlichen Wunsch nach einer deutschsprachigen VÖ mit der O-Synchro.... dabei könnte man auch gleich eine BD draus machen, denn der Film schreit geradezu nach high def. !!!

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Psychotronikfilmfreak


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 Betreff des Beitrags: Re: MALPERTUIS - Harry Kümel
BeitragVerfasst: 22.02.2015 16:53 
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Perfekt beschrieben! MALPERTUIS habe ich Anfang der 80er Jahre im Kino gesehen (auf deutsch!), und die Bilder haben sich auch in mein Gedächtnis eingegraben. Weswegen die flämische Version mittlerweile auf meinem Einkaufszettel steht. Nur bestellen müsste man mal ...

Aber Bildstörung wäre tatsächlich ein geeignetes Label.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Betreff des Beitrags: Re: MALPERTUIS - Harry Kümel
BeitragVerfasst: 22.02.2015 17:02 
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Danke für die Vorstellung! Den kenne ich trotz klassischen Besetzungs-Beuteschemas noch gar nicht.
Die Screenshots machen sehr viel her, wirkt von der Komposition ziemlich aufwendig und elegant.
Wie macht sich hier denn die Susan Hampshire bei ihrer Mehrfachanforderung?


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