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 Betreff des Beitrags: IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE - Adrian Hoven
BeitragVerfasst: 23.07.2013 14:06 
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IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE / DAS SCHLOSS DER GEHENKTEN (1968)

mit Janine Reynaud, Claudia Butenuth, Michel Lemoine, Elvira Berndorff, Jan Hendriks, Vladimir Medar und Howard Vernon
eine Produktion der Aquila Film im Verleih der Constantin
ein Film von Percy G. Parker




Bild Bild Bild Bild


»Vom Gürtel nieder sind es Kreaturen!«


Während einer Orgie verabredet sich Baron Brack (Michel Lemoine) mit der jungen Elena (Elvira Berndorff) in seinem nahe gelegenen Jagdhaus, um sie sich dort gefügig zu machen. Elenas Schwester Vera (Janine Reynaud) und andere Gäste dieser Party suchen die beiden Vermissten, bis sie schließlich auch fündig werden. Doch die eben missbrauchte Elena flieht, und landet im unheimlichen Schloss des Grafen Saxon (Howard Vernon). Auch die Anderen treffen wenig später dort ein und werden als Gäste aufgenommen. Sie erfahren, dass der Graf vor wenigen Tagen seine Tochter Katharina (Claudia Butenuth) verloren hat, und zu dessen erstaunen sieht ihr Marion (ebenfalls Claudia Butehuth), die Verlobte von Baron Brack, zum Verwechseln ähnlich. Dies bringt den Grafen auf eine teuflische Idee, er will seine tote Tochter wieder zum Leben erwecken. Eine wollüstige Nacht der verbotenen Leidenschaften beginnt, ein Monster trachtet Brack nach dem Leben, jeder ist in Gefahr und das Schicksal nimmt schließlich seinen schrecklichen Lauf...

Bei "Im Schloss der blutigen Begierde" handelt es sich um eine Produktion aus Adrian Hovens berüchtigter Aquila-Schmiede. Eins muss man dem Österreicher und seiner Experimentierfreudigkeit allerdings lassen. Egal wie die Endprodukte letztlich aussehen mögen, unkonventionelle oder mutigere Beiträge, die stets gut auf den jeweiligen Zeitgeist abgestimmt wirkten, und ihrer Zeit sogar manchmal eine Nasenlänge voraus waren, kamen schon häufiger dabei heraus. Über das, was hier allerdings zusammengeschnipselt wurde, lässt sich durchaus streiten. Die Verleih-Werbung griff damals in die Vollen und stellte den potentiellen Zuschauern beispielsweise die Frage nach guten Nerven, und dass man mit dieser Voraussetzung dann in jenem Film auch genau richtig sei. Gute Nerven braucht man phasenweise tatsächlich, allerdings aus diversen anderen Gründen. Bis heute halten sich Gerüchte, dass ein gewisser Herr namens Jess Franco seine Hände hier im Spiel gehabt haben soll, was dieser auf Anfragen jedoch stets leugnete, obwohl sich hier unzählige Parallelen zu seinem unverkennbaren Bearbeitungsstil finden lassen. Regie führte aber Percy G. Parker alias Adrian Hoven, und man sieht seinem Film schon an, dass er genaue Vorstellungen von zeitgenössischer Unterhaltung hatte, und davon, noch eine ordentliche Schippe draufzulegen. Wie dem auch sei, entstanden ist ein mutmaßlicher Horrorfilm mit eindeutigem Sex-Einschlag, der diese Fragmente hin und wieder mit Shakespeare-Zitaten aufzuwerten versucht.

Die Besetzung ist ebenso eigenartig wie bezeichnend. Janine Reynaud, die Vulgärste unter den Damen in diesem Szenario (und meiner persönlichen Ansicht nach unter allen Schauspielerinnen überhaupt), liefert ihre übliche laszive Show ab, bei der einem manchmal Hören und Sehen vergehen könnte, und der Appetit obendrein. Die Darbietung der feuerroten Französin könnte man eigentlich als belanglos klassifizieren, wenn sie teilweise nicht so abstoßend wirken würde. Vera verabredet sich als erste mit dem lüsternen Unhold Baron Brack, doch ihre kleine Schwester kommt ihr zuvor. Man wird letztlich den Eindruck nicht los, dass Vera dieses unliebsame Séparée bestimmt besser gefallen hätte als Elena, Brack vermutlich nicht, da sie sicherlich keinen Widerstand geleistet hätte. Janine Reynaud wirkt hier jedenfalls noch mehr aufgeheizt als sonst, was vermutlich daran liegen mag, dass Androgene in der Luft gelegen haben. Bei der endlos erscheinenden Traumsequenz, in der eine Vergewaltigung hemmungslos ausgeschlachtet, und aus allen Winkeln gezeigt wird, kommt sie erst richtig auf Touren; oder im Schloss: Am Tisch liebäugelt sie mit Brack, schafft dabei das Kunststück, in jeder der Einstellungen den gleichen Gesichtsausdruck beizubehalten, sie lutscht dabei unästhetisch an einem Knochen herum und der Wein läuft ihr am Kinn herunter. Wer es so mag? Ich jedenfalls mag Madame Reynaud ungerne etwas abgewinnen.

Michel Lemoine liefert da Ähnliches, was durch sein plastisch wirkendes Gesicht, und seine weit aufgerissenen Augen mit wirrem Blick zusätzlich negativ verstärkt wird. Genau wie Kollegin Reynaud hat man es meines Erachtens bei ihm ebenfalls mit einem Darsteller der untersten Kategorien zu tun. Naja, denkt man an die Geschichte, so muss man sich entsetzt eingestehen, dass man quasi zwei Idealbesetzungen serviert bekommt. Elvira Berndorff spielt hier in ihrem ersten und einzigen Film mit. Sie durfte zeigen, was sie außer ihrer Schauspielkunst noch alles unter dem Ensemble zu bieten hatte, wirkt aber wirklich gar nicht einmal so miserabel, wie man vielleicht denken würde. Aber so sahen eben Karrieren unter Adrian Hoven aus. Dem Produzenten des Films Pier A. Caminnecci wurde ebenfalls eine Rolle zugeschustert, und er wirkt erstaunlich passabel bei dem, was er zu leisten hatte. Jan Hendriks ist ebenfalls mit von der Partie, und er spielt wie gewohnt solide, im Gesamtgeschehen gesehen jedoch überaus unscheinbar. Über ihn sicherte sich Adrian Hoven schließlich seinen persönlichen, obligatorischen Auftritt, denn er synchronisierte Jan Hendriks. Howard Vernon wirkt schon alleine aufgrund seiner Erscheinung, und es sieht wieder einmal so aus, als habe man derartige Rollen ausschließlich für ihn alleine erfunden. Besonders interessant ist der, in einer Doppelrolle angelegte Auftritt von Claudia Butenuth, die ich selten einmal unsicher gesehen habe, hier allerdings schon irgendwie. Sie musste nicht nur die schwierige Anforderung der zwei Charaktere meistern (ergo: das Tragen einer Perücke und einige lyrisch angemalte Monologe), sondern sie hatte auch die endlos gestreckt wirkende Vergewaltigungssequenz abzuspulen. Im Endeffekt wirken alle Darsteller jedoch unglaublicherweise wie die perfekte Besetzung!

Diese Produktion von 1968 veranschaulicht - temporär gesehen - schon so manche gewagte Szene, die für Aquila-Verhältnisse aber fast schon wieder verhalten wirken. Auch hat "Im Schloss der blutigen Begierde" einige positive Komponenten zu bieten. Zunächst wäre hier die Musik des Niederländers Jerry van Rooyen anzumerken, die wie immer besonders eingängig und gut abgestimmt wirkt, auch die rasante Kamera-Arbeit zeigt zahlreiche Kostproben in den Bereichen Exposition und Einfallsreichtum, immer wieder kommt eine dichte Atmosphäre zum Vorschein und die Ausstattung, die Schauplätze und die schönen Bilder wirken stimmungsvoll. Die kraftvollen Farben stehen jedoch im Kontrast zu einigen farblosen Charakteren, die Dialoge sind eigentlich nur von zweierlei Art, nämlich entweder trivial, oder anzüglich, da halfen auch keine Anflüge von großen Zitaten. Unabhängig von den teils anstrengend wirkenden Inhalten der Traumsequenz, ist diese sehr stilsicher inszeniert worden. Die Story ist äußerst dünn, was die endlos erscheinenden, einkopierten Szenen einer originalen Herz-Operation, die bestimmt nicht Jedermanns Geschmack sein dürfte aber anatomisch sehr wertvoll ist, deutlich hervorheben. Es dauert fast ewig, bis die Geschichte etwas an Fahrt aufnimmt, und dem Anschein nach ist dann auch alles wieder im Handumdrehen vorbei, Paukenschläge sucht man eigentlich vergeblich, im Gegensatz zu Sex, Nötigung und Ähnlichem. Aber was gibts überhaupt zu diskutieren? Der Titel des Films trifft hier den Nagel schon irgendwie auf den Kopf. Wie gewöhnlich kann ich also sagen, dass mir auch dieser Film trotz diverser Unzulänglichkeiten ganz gut gefällt, weil ich ihn als eigenartig progressiven Beitrag empfunden habe. Objektiv gesehen hat man es wahrscheinlich nur mit einem weiteren frag- und denkwürdigem Feuerwerk aus der Aquila-Schnipselküche zu tun, obwohl man versuchte, dem ganzen einen tieferen Sinn mitzugeben. Als Fazit möchte ich daher nur noch ALF zitieren: »Begierde ist eine Zierde!«


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 Betreff des Beitrags: Re: IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE - Adrian Hoven
BeitragVerfasst: 12.03.2014 23:34 
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IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE
[BRD][1967]

Bild

Regie: Adrian Hoven
Darsteller: Michel Lemoine, Elvira Berndorff, Janine Reynaud, Claudia Butenuth, Jan Hendriks, Pier A. Caminnecci, Howard Vernon, Vladimir Medar


Adrian Hoven, als Schauspieler vorzugsweise jugendlicher Liebhaber im Nachkriegsdeutschland als redlich-reinlicher Schwiegermuttertraum einst berühmt-berüchtigt, begann ab Mitte der 60er Jahre selbst Regie zu führen und nutzte diese Möglichkeit, nicht völlig unwahrscheinlicherweise als notwendiges Ventil für sein blitzeblankes Saubermannimage, zur Inszenierung einer ganzen Reihe reichlich rüder Exploitationstreifen, welche besagter Schwiegermutter einen vermutlich nicht unbedeutenden Strauß Albträume beschert haben dürfte. Noch bevor Herr Hoven in dieser Funktion Hexen wahlweise schänden oder gar zu Tode quälen lies, lief er 1967 anständig warm und kreierte, wenn sich auch noch verschämt hinter dem putzigen Pseudonym Percy G. Parker versteckend, den reichlich obskuren Grusel-/Sex-/Kriminal-Hybriden IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE, einen zwar etwas ziellosen, doch eindeutig engagierten Rundumschlag durch eine Mehrzahl einschlägiger Genres, der seine fiebrige Lust am Laster nur schwerlich zu verhehlen vermag.

Im Hause Baron Bracks wird gefetet, bis es rauscht: Von beschwingtem Jazz begleitet nuckelt eine illustre Partyrunde heiter am Champagnerglas, während der Gastgeber selbst bereits neben der erstbesten Beschwippsten hockt, um sie mit eindeutig zweideutigen Worten zu betören: „Was halten Sie davon, wenn wir zusammen ausreiten?“ Der Baron verweist dezent auf seine nahegelegenes Landhaus, dass sich für so einen Ritt bestens eignen würde. Glück gehabt: Die so lieblich Angesäuselte, die auf den Namen Elena hört, deutet mit dem dezenten Hinweis auf ihre fabelhaften Reitkünste so etwas ähnliches wie Interesse an.

Und während der Rest der Gäste sich im befreienden Rausch der Polonaise verliert (so sind sie, die feinen Herrschaften!), machen sich Herr Baron und seine Eroberung mehr oder minder unauffällig aus dem Staube, um auch noch während ihres nun folgenden rasanten Ritts Dialoggut vom Feinsten auszutauschen
(„Pferde und Champagner sind die drei schönsten Dinge im Leben!“ - „Das sind zwei Dinge. Und welches ist das dritte?“ - „Frauen natürlich!“ - „Hahahahaha!“). Dass man während dieses angeregten Gesprächs nur die wild galoppierenden Beine der Pferde sieht, soll wohl verschleiern, dass in Wahrheit gar nicht Baron Brack und seine Herzdame im Sattel sitzen, sondern stattdessen irgendwelche Leute, die tatsächlich reiten können.

An der angepriesenen Behausung angekommen, fällt der guten Elena plötzlich ein, dass sie eigentlich doch gar keine Lust auf Sex hat und das Ganze eher so als kleines Späßchen gedacht war.
„Ich wollte nur spielen“, lautet ihre eher zaghafte und auch nur wenig überzeugende Erklärung. „Aber nicht mit mir“, antwortet der Gehörnte, spendiert eine Gratisrunde Backenfutter und zieht sich die Holde höchstpersönlich über den Dorn. Kaum geschehen, stehen plötzlich Schwester, Schwager und Verlobter der soeben Geschändeten auf der Matte, und haben zu allem Überfluss auch noch Bracks eigene Verlobte Marion und seinen Bruder George im Schlepptau. Diese ahnen natürlich nichts von der bösen Tat und setzen ihre feucht-fröhliche Feier ungeniert fort. Des Amüsements irgendwann überdrüssig kommt man schließlich am Kaminfeuer zusammen, um sich die Schauergeschichte des Grafen Saxon (französisch ausgesprochen) zu erzählen, von dem kaum jemand etwas weiß und der praktischerweise in nicht allzu weiter Entfernung auf seinem Schoss residiert. Dessen Tochter wurde erst vor wenigen Tagen überfallen, so weiß Marion zu berichten, und der Vater setzte aus Wut und Verbitterung darüber einen wilden Bären im Wald aus. Und noch während man so fabuliert, schleicht sich Elena, offenbar aufgrund der Vergewaltigung seelisch noch nicht ganz auf der Höhe, unbemerkt davon und galoppiert in den Wald (auf einem Pferd, versteht sich!).

Der Weg, man ahnt es irgendwie bereits, führt sie zu besagtem und titelgebenden Schloss. Baron Brack, Elenas Schwester (die übrigens auf den Namen Vera hört) und deren Verlobter (mit dem kaum minder schönen Namen Roger) nehmen die Verfolgung auf und werden vor den Toren des Gemäuers empfangen von Alecos, einem bulligen Torsteher mit selten dämlichem Pseudo-Russen-Akzent.
„Frau ist in Schloss“, erklärt dieser mit brutal rollendem „r“ und erklärt sich trotz deutlich zur Schau getragener Antipathie bereit, die lästigen Gäste zu seinem Herren, Graf Saxon, vorzulassen. Als dieser die Treppe herunterkommt und Vera erblickt, fallen ihm vor Überraschung fast die Glupschaugen aus dem hochadligen Schädel:

Bild


Folgend erweist sich der Graf zwar als unnahbar, doch auch als unerwartet gastfreundlich, führt seine Besucher zunächst zur schlummernden Elena, die, so heißt es, ziellos durch den Wald irrte, und bietet dann an, bis zur Genesung der Frau im Schloss verweilen zu dürfen. Da poltert es plötzlich unsanft an der Tür und Maria und George, welche unerwarteterweise ebenfalls die Verfolgung aufnahmen, stoßen zur bunten Truppe. Als Graf Saxon Maria erblickt, reißt er schon zum zweiten Male an diesem Abend die Glotzbuchten auf und fällt fast vom Glauben ab.

Der Grund für derlei Betragen wird dann spätestens beim abendlichen Gruppenschlemmen klar: Vera erinnert ihn auf unerhörte Weise an die Mätresse seines Vorfahren und Maria gleicht geradezu fatal seiner Tochter Katharina, welche, nach einer schweren Vergewaltigung, an eben jenem Tage im Keller des Schlosses verstarb. Sich ein Röslein vom Tisch grabschend, entfernt sich der Graf nach einigen tiefsinnigen Gedankenspielen
(„Liebe erzeugt Leben, und Liebe hat das Recht zu töten.“) von der Tafelrunde und bewegt sich mit schlafwandlerischer Eleganz die Treppe hinauf.

Doch wer nun glaubt, der Graf bettet sich zur Ruhe, der irrt: Tatsächlich führt Saxon mit seinem rennommierten Kollegen aus der Ärztekammer eine blutige Operation an dem Leichnam seiner Tochter durch, deren Herz, entgegen seiner Angabe, sie sei tot, noch höchst aktiv herumschlägt. Doch auch Baron Brack denkt gar nicht daran, sich friedlich auf's Ohr zu legen: Mit dem Hinweis, das Auto holen zu müssen, schwingt er sich auf's Pferd, um das Schloss schnellstmöglich zu verlassen.
„Haben keine Angst vor Bär?“ ruft ihm Alecos mit bewährt rollendem „r“ noch hinterher, doch das scheint nicht der Fall zu sein, denn Brack reitet wortlos weiter in die Nacht.

Waren die Ereignisse bis hierhin zwar zeitweise verwirrend, doch immer noch bodenständig, wird es spätestens ab hier reichlich kryptisch: So träumt Elena, sichtlich erotisiert, Zeugin einer Vergewaltigung zu werden, als sich, angeblich zur Zeit des 30jährigen Krieges geschehend, drei betrunkene Soldaten (die in ihren Kostümen aussehen, wie die Zweitbesetzung einer Schultheateraufführung der „Drei Musketiere“) im Stall über ein Mädchen hermachen (wobei es durch die etwas unsauber montierten Schuß-/Gegenschuß-Aufnahmen die meiste Zeit eher so aussieht, als würden die Männer einen Heuballen rammeln und die Frau lediglich schreiend daneben liegen). Aus dem Off erschallen dazu tatsächlich Shakespeare-Zitate, die dem Geschehen wohl eine Art Tiefsinn geben sollen.
„Oh, du zertrümmert Meisterwerk der Schöpfung - was geißelst du die Hure? Peitsch dich selbst!“ schwelt es dort erhaben, während die Täter gleichzeitig Dinge rufen wie: „Ganz schöne Kraft, das Hühnchen!“

Durch diesen Traum offenbar ganz juckig geworden, beginnt Elena nun, es mit Roger zu treiben, der sich, obwohl seine Verlobte quasi im Nebenzimmer wissend, auch im Handumdrehen verführen lässt. Unterbrochen wird das Dauerkoitieren dabei immer wieder von den blutigen OP-Bildern (welche im Übrigen eine tatsächliche Herzoperation zeigen) und den angestrengten Gesichtern der beiden herumdoktornden Gesellen, die immer noch fleißig dabei sind, Saxons Tochter ihre wild pochende Pumpe herauszupfrimeln. Und gerade, als man sich nach 15minütiger Abfolge freiwilliger sowie unfreiwilliger Rammelei und schlüpfriger chirurgischer Detailaufnahmen zu fragen beginnt, ob das nun die gesamte Restzeit noch so weitergeht, kommt dieser unvergleichliche Moment, in welchem der geflüchtete Baron Brack unvermittelt und aus heiterem Himmel mit einem Mann im Bärenkostüm ringt.

Während in den Gemächern weiter gepimpert und in den Gewölben weiter operiert wird, taumelt der blutiggetrimmte Baron zum Schloss zurück und wird dort vom Diener Alecos empfangen. Es folgt ein Glanzlicht dichterischer Rhethorik:

„Der Bär“, röchelt ihm der Geschundene erklärend zu.

„Ja, der Bär“, gibt dieser zustimmend nickend zurück.

Großartig! Und ein paar Minuten zuvor wurde noch Shakespeare zitiert.


Ähnlich kolportagehaft geht es weiter bis zum Schluss, der nur wenig Überraschungen birgt und einen irgendwie auch nicht mehr so wirklich interessiert. Nach recht vielversprechendem Beginn zieht sich das Geschehen nämlich trotz eher geringer Laufzeit am Ende doch arg und scheint ein wenig seine Richtung verloren zu haben. Herr Hoven, welcher auch am Drehbuch mitschrieb, war offenbar der Meinung, die Schockwirkung einer authentischen Operation am offenen Menschenherzen sei bereits einschlagend genug, um das Publikum auch über weitere Strecken in Atem zu halten. So dehnte er die blutigen Bilder schier endlos in die Länge, während die paradoxen Zwischenschnitte auf Beischlaf und Bärenkampf fraglos einen absurd-skurillen Reiz besitzen.

Wirklich aufregend geht es hier allerdings ohnehin nie so wirklich zu, IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE punktet in seinen besten Momenten eher durch seine morbide Atmosphäre. Der Schauplatz, das düstere Gemäuer, wurde aus zahlreichen schrägen Perspektiven stimmungsvoll eingefangen, die Nebelmaschine ackert wie zu besten Edgar-Wallace-Zeiten und Kostüme wie Ausstattung sorgen für ein angenehm schauriges Kribbeln. In seiner Grundstimmung stark sexuell aufgeladen (ständig hat man das Gefühl, die Protagonisten würde am liebsten über sich herfallen wollen, um sich die Seele aus dem Leib zu vögeln), lässt sich ein frauenfeindlicher Unterton dabei nicht leugnen: Auf mehreren Zeitebenen wird hier vergewaltigt und getötet, zwar immer etwas zaghaft eingefangen und nie so explizit umgesetzt, wie man es wohl eigentlich gern gemacht hätte, sich jedoch trotzdem nicht unbedingt durch Geschmackssicherheit auszeichnend (auch, wenn die Schänder am Ende vor den Kadi gebeten werden).

Die Darstellerleistungen gerieten durchaus angemessen, die Schauspieler zählen sich insgesamt jedoch eher zur zweiten Garde. Der bekannteste Name auf der Besetzungsliste dürfte Howard Vernon sein, der hier als Graf Saxon wie wild die Augen aufreißen darf und sein markantes und nicht untalentiertes Gesicht in späteren Jahren fast ausschließlich nur noch für Vielfilmer Jess Franco in die Kamera hielt. Michel Lemoine, der später Pornofilme inszenierte, gibt den Baron Brack in einer hübschen Mischung aus aristokratischem Charme und tückischer Verschlagenheit, tatkräftig unterstützt von der süffisanten Stimme von Synchronlegende Gert Günther Hoffmann. In weiteren Rollen sieht man Elvira Berndorff als Elena, die dramaturgisch sinnlos einige Male ihre textilbefreiten Hupen ins Bild halten darf, und Janine Reynaud als ihre Schwester Vera, die in einer Szene nur wenig erotisch am Hühnchenknochen herumknabbert. Adrian Hoven selbst tritt zumindest verbal in Erscheinung und leiht Jan Hendriks als George seine Stimme.

Die Mischung aus gothischem Schauermärchen und Motiven des Sexfilms (und das noch vor der großen Welle) gehört nun nicht unbedingt zu den Höhepunkten des deutschen 60er-Jahre-Kinos, geriet jedoch in seiner experimentierfreudigen Sensationsgier angenehm verschroben. Angereichert mit den für die Zeit typischen humoristischen Dialogen und klassischen Krimi-Elementen dürfte Adrian Hovens mit nostalgischem Kintopp-Flair angefülltes Lustschloss für Interessenten des schrägen Leinwandvergnügens zumindest den einen oder anderen Blick wert sein.

s. auch: IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE

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 Betreff des Beitrags: Re: IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE - Adrian Hoven
BeitragVerfasst: 14.05.2017 15:52 
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Adrian Hovens "Im Schloß der blutigen Begierde" kannte ich bis dato gar nicht, was sich als kapitale Bildungslücke erwies. Die Verbindung von Sex & Violence ist für das Jahr 1967 recht drastisch und weiß auch heute noch gut zu unterhalten. Howard Vernon guckt, wie nur es konnte. Janine Reynaud zeigt ihre Möpse, wie nur sie es konnte, und unbekannte Ärzte operieren, wie nur sie es konnten. "Der Bär!" "Ja, der Bär!" Tja, was wäre so ein Film ohne Bär? Noch schöner wäre es freilich gewesen, wenn der Bär die Herz-OP vorgenommen und Hoven selbst den Baron Brack gespielt hätte, aber man kann halt nicht alles haben...

Toll ist mal wieder die Behandlung des Films durch Subkultur und LSP ausgefallen. Die Erinnerungen von Joyce Hoven sind hoch interessant, und das Booklet erschlägt einen förmlich mit Informationen. Chapeau!


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 Betreff des Beitrags: Re: IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE - Adrian Hoven
BeitragVerfasst: 14.05.2017 18:12 
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ugo-piazza hat geschrieben:
Noch schöner wäre es freilich gewesen, wenn der Bär die Herz-OP vorgenommen [...] hätte, aber man kann halt nicht alles haben...


Tierquälerei! :biggrinn:

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