Dirty Pictures

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 Betreff des Beitrags: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 31.07.2017 01:14 
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Servus beisammen,

derzeit beschäftige ich mich wieder mal mit dem politischen und philosophischen Kontext mancher Filme. Dadurch, dass ich, wohl als Italowesternfan, meinen Fokus dabei auf den Urban Western gelegt habe, geht es mir dabei gerade um den "reaktionären Film" bzw um die Einordnung dieses Begriffes.

In jedem Bereich ist es schwierig, mit dem Begriff "reaktionär" zu arbeiten, eben auch, weil die Grenzen zu revisionistisch und konservativ fließend sein können, die Definition nicht ganz klar ist. Im Allgemeinen beschreibt "reaktionär" die Ablehnung der Moderne oder bestimmter Verhältnisse der Gegenwart, die gegenüber der Vergangenheit oder Teilen der Vergangenheit aufgewogen werden. De facto könnte man dadurch das Gros der Heimatfilme als reaktionär einstufen, was ich hier jetzt aber vermeiden möchte. Jedes Kulturgut hat seine politischen Facetten, die Tiefgründigkeit unterscheidet aber schließlich, ob man einem Film tatsächlich eine philosophische oder politische Eigenschaft zusprechen kann. Hier zeigt sich wieder der schmale Grad zwischen Subjektivität und Objektivität.

Ein zentrales Motiv des reaktionären Films im Sinne des Urban Western ist das klassische Ringen um Vergeltung. Die Beispiele
- Dirty Harry
- Ein Mann sieht rot
als Typen des reaktionären Films reduzieren das persönliche Rachemotiv, welches klassisch zum Western gehört zu einem generellen Kampf eines Einzelkämpfers gegen die Verhältnisse dargestellt durch die örtliche Kriminalität bzw der Sichtweise nach "menschlichem Abschaum".
Die größte Deutlichkeit zeigt dabei "Taxi Driver" wird die "Reinigung der Stadt vom Abschaum" nun ganz klar als solche benannt. Während sich erste beiden Vigilanten in irgendeinerweise im Rahmen des Gesetzes begeben, ist diese Grenze bei "Taxi Driver" klar überschritten, auch wenn der Robert De Niro in seiner Rolle noch Hoffnungen auf die Politik regt.
In seiner direkten politischen Botschaft bleibt "Taxi Driver" aber hinter der Radikalität von "Ein Mann sieht rot" zurück. Während der Charles Bronson-Film durchaus soziale Missstände als Gründe für die Kriminalität nennt, enthält er klar die Botschaft, freie Waffen seien Teil der Lösung und damit sogar direkt eine politische Forderung. "Ein Mann sieht rot" beinhaltet dabei klar eine ideologische Färbung der amerikanischen "Conservatives", die der staatlichen Exekutive die Schuld gibt, da sie den Vigilanten bekämpft und nicht die eigentlichen Kriminellen und sieht die Lösung klar in der Volksbewaffnung.
Auch die Darstellung von Gewalt unterscheidet sich dabei. Wo "Dirty Harry" foltert mag der Zuschauer die Tat als solche zwar für moralsich gerechtfertigt halten, jedoch wird die Szenerie intensiv dargestellt, wodurch das Leiden des Täters eben nicht förderlich für etwaige Rachegedanken sein dürfte. Dies steht im Gegensatz zu "Ein Mann sieht rot", in dem die Gewalt der "Kriminellen" möglichst drastisch dargestellt wird, die durch Charles Bronson aber als "sauber".
Das Maß der Gewalt beider Filme erreicht "Taxi Driver" so nicht, zumal man, bis auf das Ende, eher den Eindruck hat, dass De Niro in seiner Rolle unbeholfen agiert. Zwar wird er letztendlich zum fast klassischen Märchenhelden stilisiert, doch ist dies letztendlich reines Glück.

Schwieriger einzuordnen ist dabei "Das Syndikat". Ähnlich, wie "Dirty Harry" klagt der Film eine zu lasche Justiz an, zeigt aber durch das faschistische Syndikat den Gegenentwurf als nicht erstrebenswert auf, wodurch der Protagonist schließlich vollends verloren ist, da es keine Seite gibt, auf die er sich begeben kann.
"Das Syndikat" erreicht in seinem, wie ich es nennen würde, Realismus, eine anders gelagerte Härte und Tiefe, als die amerikanischen Beispiele. Wieder wird das Motiv des Einzelnen aufgezeigt, der gegen die Symptome der Moderne ankämpft und dabei die gegebenen Regeln schlicht nicht eindeutig einhalten kann. Die Gewalt des Syndikats dabei widert ihn genauso an, wie die Kriminalität als solche, da die Willkür der Gewaltspirale aufgezeigt wird. Meiner Meinung nach, ist es fast unmöglich, "Das Syndikat" politisch wirktlich einzuordnen, denn die einzige Forderung, die sich ableitet, ist jene nach einer härteren Justiz, welche im Film direkt wieder relativiert wird (Im Knast würdne die kleinen Fische zu großen gemacht).
In eine ähnliche Richtung geht auch "Magnum Force", der faschistische Tendenzen innerhalb des Polizeiapparats bei gleichzeitigem Kriminalitätsproblem. Auch der zwote Dirty Harry bleibt eine Antwort schuldig, Worin sich beide mMn widerum einig ist, ist die Ansprache der existenten Probleme, da der Faschismus durchaus eine mögliche Antwort auf existente Missstände ist, aber wahrlich keine erstrebenswerte. "Das Syndikat" zeigt dies mit der "Stadtrundfahrt" sehr deutlich auf.

Die Einordnung der genannten Filme bleibt tatsächlich schwierig. Ich würde sie allesam als reaktionör einordnen, möchte aber dazu sagen, dass "reaktionär" wie auch "autoritär" Relationsbegriffe sind. "Ein Mann sieht rot" ist klar republikanisch, der libertäre, konservative und allgemein rechte Strömungen bedient. "Dirty Harry" zeigt den Kult eines Einzelkämpfers, mMn eines Gerechtigkeitsromantikers, der längst an seine Grenzen gestoßen ist und die Welt nur noch in Zynismus erträgt. Auch wenn "Dirty Harry" im Bezug auf Nixon Einfluss zugunsten der Republikaner gehabt haben soll, bleibt er in sich ein eher unpolitischer Film, denn in realpolitische Lösungen schließt er bereits fast aus.
"Taxi Driver" ist relativ ungebunden. Er bleibt in seiner Betrachtung ein reaktionäres Werk, ist mMn dabei am wenigsten "rechts". Der gebrachte "Reinigungsgedanke" ist zwar immer Teil faschistischer Ideologie, lässt sich aber ebenso bei Teilen der "autoritären Linken" oder "reaktionären Linken" finden, werden hier schließlich Probleme am ehesten in den Vordergrund gerückt, welche durch die Sozialpoltik gelöst werden könnten. Ebenso kritisiert "Taxi Driver" mMn das Konsumverhalten und den einhergehenden Gesellschaftsaufbau, was zwar sowohl von rechts, als auch von links getan wird, jedoch nicht von der republikanischen Rechten.

"Das Syndikat" ordne ich bei der Gelegenheit tatsächlich als "liberal" im europäischen Sinne ein. Wenn der Film einen Weg oder eine Forderung aufzeigt, dann wiederum jene nach einem Gemisch aus "law and order" und staatlicher Transparenz. Dies hängt aber wohl auch explizit mit dem kulturellen Hintergrund zusammen.

Die Reinwaschung Dirty Harrys mit "Magnum Force" ist bekanntlich in der Kritik, in puncto Glaubwürdigkeit. Calahan ist aber mMn klar kein Faschist, zumal er schon die Einbindung in ein straffes Kollektiv ablehnt. Die Gefahr in der Selbstermächtigung von Personen, die sich zu Richtern aufschwingen, erkennt er durchaus und das halten an der aktuellen Ordnung hält er letztendlich für das kleinerw Übel dem Faschismus gegenüber. Was die Realpolitik angeht, bleibt Dirty Harry weiterhin ohne wirkliche Forderungen.

Fortsetzung folgt.

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