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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: Happy Birthday, Harry (1980)
BeitragVerfasst: 10.04.2016 21:06 
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John Richardson   Carole André   Marisa Mell   Terry-Thomas   in

HAPPY BIRTHDAY, HARRY

● FEBBRE A 40! / HAPPY BIRTHDAY, HARRY (I|D|1980)
mit Gordon Mitchell, Isarco Ravaioli, Marina Hedman, Margaret Rose Keil, Irina Sanpiter und Leonora Fani
eine Produktion der Pal International Films | H.L.U.F.S. | SACI Argentina
ein Film von Marius Mattei


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»Die Leute wollen Titten sehen, das ist alles«


Harry Petersen (John Richardson), Sexomane und Chefredakteur des weltweit bekannten "Playmen"-Magazins, lebt im Luxus und ihm laufen die schönsten Frauen hinterher. Doch sein angenehmes Leben ist durch seinen bevorstehenden vierzigsten Geburtstag gefährdet, da er bis zu diesem Stichtag endlich verheiratet sein muss, ansonsten alle seine Privilegien und den damit verbundenen Wohlstand entzogen bekommt, zumindest ist es so nach dem Willen seines Vaters vorgesehen. Obwohl er Damenbekanntschaften in Hülle und Fülle pflegt, gibt es keine einzige, die er fest an sich binden kann. Seine Suche nimmt abenteuerliche Formen an und das Vorhaben droht endgültig zu platzen. Wird er in diesen chaotischen Zuständen noch eine heiratswillige Dame ausfindig machen können..?

Falls man bei dieser handelsüblichen Erotik-Komödie zunächst die Fakten vor den potentiellen nackten Tatsachen betrachtet, kommt man schnell zu dem Schluss, dass es sich um ein eilig zusammengedrehtes Produkt dieser Zeit handelt, mit dem man einen Teil vom ergiebigen Sex-Kuchen abhaben wollte. Der Produzent, Drehbuchautor und Darsteller Marius Mattei gab mit "Happy Birthday, Harry" sein zweifelhaftes Leinwand-Debüt als Regisseur und es sollten für ihn auch nur noch zwei weitere Filme unter seiner Leitung folgen. Es wäre vielleicht zu viel gesagt, ihm seine Unerfahrenheit vorzuhalten, denn schließlich bewegt sich die Geschichte sehr sicher im Fahrwasser der landläufigen Konkurrenz, allerdings merkt man seinem Werk überdeutlich an, dass es keine eigene Seele oder Neuerungen besitzt und sich nur an allem bereits dagewesenen orientiert. Auch für die Produktionsfirmen war dieser Beitrag ein so gut wie einmaliges Experiment, was die Vermutung nahelegt, dass die Hoffnung größer als der Erfolg gewesen sein wird, und diese wenigstens mit bekannten Darstellern ausgestattete Komödie fand ihre Premiere auf schlampigen Discount-Videokassetten. Die Geschichte ist dem Empfinden nach schon dutzendfach dagewesen und dementsprechend wirkt sie äußerst stumpfsinnig, alles wäre auch nur halb so schlimm, wenn die deutsche Blödel-Synchronisation den Zuschauer nicht so massiv foltern würde. Beim Thema Gebärden oder Situationskomik sieht man eigentlich Diskretion und verhaltene Spielereien, doch die Dialoge sorgen leider dafür, dass unterm Strich nicht nur Langeweile und Desinteresse zurückbleibt. Lacher muss man letztlich suchen wie die Nadel im Heuhaufen, also stellt sich der beliebte Aufmacher, dass hier angeblich kein Auge trocken bleibe, als Optimismus der unglaublicheren Sorte heraus.

Da also so gut wie alle Schüsse nach hinten losgehen werden, muss man sich eben an die wenigen positiven Aspekte klammern, nämlich die Besetzung, die mit ziemlich bekannten Namen aufwartet. In Windeseile stellt sich allerdings heraus, dass es auch in diesem Bereich keine Offenbarungen geben wird, sodass der Film von vorne bis hinten lustlos abgespult wirkt und er zurecht in der Versenkung verschwunden ist. Den Engländer und Protagonisten der Geschichte, John Richardson, kann der geneigte Zuschauer vor heimischer Kulisse begleiten und in diesem Zusammenhang kommt es wenigstens zu einigen schön eingefangenen Bildern, die einen Hauch von Flair verbreiten. Die Synchronisation durch Thomas Danneberg stellt sich als nahezu fatal heraus, da die Platten Dialoge inklusive Humor nicht zünden wollen, ganz im Gegenteil. Die Performance von Richardson ist aber insgesamt erträglich, seine Kollegen wie beispielsweise Terry-Thomas oder Gordon Mitchell können ihre Unterforderung jedoch nicht verschleiern. In diesem Zusammenhang lassen sich so gut wie alle anderen Darsteller ebenfalls nennen, für den Zuschauer bleibt es unspektakulär, auch wenn einen so manche Dame mit Strip-Anwandlungen aufzuwecken möchte. Carole André wirkt gänzlich verschenkt, Leonora Fani vollkommen verzweifelt und Marisa Mell leider schon so routiniert, als hätte sie nie ein anderes Genre bedient. Es ist insgesamt anzunehmen, dass selbst eingefleischte Fans der Erotik-Komödie mit "Happy Birthday, Harry" keine Offenbarungen erleben werden, denn es ist von allem zu viel oder von allem zu wenig. Der Erotik-Anteil ist zu verhalten, die Humor-Dichte zu überladen, irgendwie sogar hysterisch. Die Schauspieler agieren größtenteils lustlos und starr, der Zuschauer verfällt in die gleichen Zustände und was bleibt ist eben nur ein Fließbandprodukt ohne Dynamik und eigene Ideen, sodass sich schmeichelhaft sagen lässt, dass dieser vierzigste Geburtstag wohl der traurigste Festtag in der Geschichte des Films geworden ist, er aber andere Beiträge dieser Gattung durchaus aufwerten kann.


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 Betreff des Beitrags: Sieben Tote in den Augen der Katze (1973)
BeitragVerfasst: 14.04.2016 22:11 
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Jane Birkin   Hiram Keller   Françoise Christophe   Doris Kunstmann   in

SIEBEN TOTE IN DEN AUGEN DER KATZE

● SIEBEN TOTE IN DEN AUGEN DER KATZE / LES DIABLESSES / LA MORTE NEGLI OCCHI DEL GATTO (D|F|I|1973)
mit Dana Ghia, Konrad Georg, Venantino Venantini, Serge Gainsbourg, Alan Collins, Bianca Doria und Anton Diffring
eine Produktion der Roxy Film | Capitole Films | Starkis-Falcon Films | im Gloria Verleih
ein Film von Antonio Margheriti


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»Sie ist eine vulgäre Dirne!«


Corringa (Jane Birkin) besucht Dragonstone, das alte Schloss ihrer Ahnen, da sie zuvor aus ihrem Internat geflogen ist. Nun behauptet sie zunächst, dass es sich um vorgezogene Ferien handele. Auch Corringas Mutter Lady Alice (Dana Ghia) ist dort anwesend, da sie von ihrer Schwester Lady Mary (Françoise Christophe) eingeladen wurde, die sie als Bittstellerin um finanzielle Hilfe anfleht, da sie sonst das alte Schloss nicht mehr halten kann. Überhaupt hat sich in diesem unheimlichen Gemäuer eine seltsame Runde versammelt. Der zwielichtige Arzt Franz (Anton Diffring), die geheimnisvolle Französischlehrerin Suzanne (Doris Kunstmann), oder der angeblich geistig verwirrte junge Lord James (Hiram Keller). Schon beim ersten Aufeinandertreffen dieser ungleichen Gesellschaft gibt es die ersten Auseinandersetzungen und noch in der gleichen Nacht wird Lady Alice ermordet aufgefunden. Der anwesende Arzt, und Liebhaber von Mary, bescheinigt auf ihr Drängen einen natürlichen Tod. Weitere Morde geschehen und es scheint, als wolle man eine komplette Familie auslöschen. Die einzige Zeugin der Mordserie ist die herumschleichende Siamkatze. Wen wird sie als nächstes Opfer sehen..?

Düstere Klänge, ein zunächst nicht zu identifizierender, katakombenartiger Ort, Todesschreie eines Menschen und eine Katze, die das schauerliche Szenario am beobachten ist, leiten Antonio Margheritis Giallo ein und weisen sofort auf die klassische Atmosphäre mit Grusel-Einschlag hin. Bei dem guten Tempo, das der Einstieg anbietet, wird es Schlag auf Schlag weitergehen und dem Zuschauer wird zum Beispiel eine Art Monster präsentiert, aber was noch viel schlimmer erscheint ist die bucklige Verwandtschaft, sowie einige dubiose Gäste, die sich auf dem Schloss eingenistet haben. Beim Diner wird schnellstmöglich auf die düstere Familiensage hingewiesen, um den Verlauf zu ebnen und für den kleinen Thrill zu sorgen. Mehrere Zutaten unterschiedlicher Genres, wie zum Beispiel Horror, Grusel, Krimi oder eine Prise Erotik, bescheren dem interessierten Zuschauer einen angenehmen Mix, der sehr ansprechend in mehreren Etappen funktioniert. Antonio Margheriti setzt hauptsächlich auf beunruhigende Elemente, bereits der Einstieg wird mit einer von Ratten zerfressenen Leiche oder anderen unangenehmen Zeitgenossen garniert, das dunkle Gemäuer wird insgesamt zum Aushängeschild für die depressive Atmosphäre des Films und die dunklen Geheimgänge wirken nach kürzester Zeit wie ein tödliches Vakuum, aus dem es für gewisse Personen kein Entkommen mehr geben wird. Einen Gedanken ist außerdem der stimmige deutsche Titel wert, der diesen Verlauf treffsicher und darüber hinaus sehr selbstbewusst charakterisieren wird. Beim Personen-Karussell sieht man obligatorische Rollenschablonen so weit das Auge reicht, was allerdings keinen Anlass für Kritik darstellen soll, denn eigenartigerweise zieht die Konstruktion genau daraus ihre Kraft und die besonders gut aufgelegten Darsteller, in Form einer internationalen Besetzung, tun das Übrige dazu.

Die markanten Interpreten verleihen ihren Figuren durchweg glaubhafte Gesichter und bemerkenswerte Konturen. Mit der Britin Jane Birkin wurde für die Hauptrolle eine ausgezeichnete Wahl getroffen, sie fungiert als die offenkundige Sympathieträgerin und stellt das schützenswerte Opfer sehr effektiv dar, weil sie den Zuschauer bei seinem Gerechtigkeitsempfinden packen kann. Corringas anfängliche Unbeschwertheit nimmt im Verlauf mitreißende Wendungen an, insbesondere ab dem Zeitpunk, als ihre Mutter ermordet aufgefunden wird. Verzweiflung und Angst werden von Jane Birkin sehr stichhaltig präsentiert und die Regie lässt es sich nicht nehmen, einige Schocks über sie zu setzen, außerdem wird sie es sein, die die düstere Familiensage kolportiert. Hiram Keller als Lord James gefällt sich darin, genüsslich in Wespennester zu stechen, seine zynischen Kommentare stoßen seiner Familie und den Gästen im Schloss sauer auf, was allerdings nicht für den Zuschauer gilt. Er mimt den Einzelgänger, den unfreiwilligen Einsiedler, der seine bucklige Verwandtschaft und die erlesenen Herrschaften verabscheut, sehr passabel, wenngleich er hin und wieder Gefahr läuft, über das Ziel hinauszuschießen. Als seine eitle Mutter kann man Françoise Christophe bestaunen, die nur an Etikette und persönlichen Belangen interessiert ist. Sie wird hier alles tun, um eben alles andere als sympathisch zu erscheinen, was ihr auch mit Leichtigkeit gelingt. Ihre Interpretation reiht sich in die starken Darbietungen der Frauen ein, besondere Akzente werden dabei in der Interaktion gesetzt. Anton Diffring als Arzt ohne Gewissen fügt sich hier ebenso nahtlos in die Riege der dubiosen Gestalten ein, gerade seine Parts mit Doris Kunstmann sind ein Vergnügen in Wort und Tat. Dana Ghia rundet dieses muntere Treiben gekonnt ab, lediglich Serge Gainsbourg als Ermittler wirkt nicht wie die glücklichste Wahl.

Mit Konrad Georg, Luciano Pigozzi und Venantino Venantini stehen gleich drei undurchsichtige Zeitgenossen im Dienste der Schlossherrin und die charismatischen Interpreten sorgen in ihren Szenen ganz unaufgeregt für gute Momente. Eine der besten Eindrücke hinterlässt die großartige Doris Kunstmann, die hier ganz eigenwillige Register zieht. Die stets dunkel gekleidete Französischlehrerin von Lord James bleibt trotz ziemlich eindeutiger Szenen und einem ihr voraus eilenden Ruf nur schwer einzuschätzen. Bereits beim ersten Aufeinandertreffen mit Corringa wird der Neuankömmling mit lüsternen Blicken regelrecht fixiert, bei ihren Schäferstündchen mit Franz kommt es hingegen nicht zur gleichen Leidenschaft, allerdings zu hoch amüsanten Konversationen. Überhaupt ist die Dialogarbeit mit all dem Zynismus und den sprachlichen Spitzen wieder einmal sehr gelungen, die Unterhaltungen schüren etliche Zweifel und Bedenken, sorgen aber insgesamt für Gewissheiten. Die damit verbundenen Szenen, Bilder und Personen können immer wieder für Verwirrung, respektive Begeisterung sorgen. Antonio Margheriti zieht die Geschichte sehr spannungsgeladen auf, viele Sequenzen der Bedrohung tragen zu einem gelungenen Verlauf bei, wenngleich sich hin und wieder etwas Vorhersehbarkeit einschleichen wird, was insbesondere für das Finale gilt. Nichtsdestotrotz sieht man mit "Sieben Tote in den Augen der Katze" einen Film mit enorm hohem Unterhaltungs- und Wiedererkennungswert, dessen unverkennbare Atmosphäre besonders dichte Formen annimmt, was nicht zuletzt in Verbindung mit der verheißungsvollen Musik von Riz Ortolani gebracht werden darf. Hinzu kommt eine Besetzung, die beinahe Ihresgleichen suchen darf und sowohl geistreiche, als auch krude Einfälle verhelfen diesem recht typischen Kind der Zeit stets zu dem Status eines insgesamt gelungenen, und immer wieder gerne gesehenen Beitrags.


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 Betreff des Beitrags: Frankensteins Spukschloss (1975)
BeitragVerfasst: 24.04.2016 02:52 
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Omar Sharif   Karen Black   Joseph Bottoms   Bernhard Wicki   in

FRANKENSTEINS SPUKSCHLOSS

● FRANKENSTEINS SPUKSCHLOSS / ACE UP MY SLEEVE / CRIME AND PASSION (D|US|1975)
mit Heinz Ehrenfreund, Elma Karlowa, Volker Prechtel, Erich Padalewski, Robert L. Abrams, Franz Muxeneder, u.a.
eine Film Cine Produktion | im Gloria Verleih
ein Film von Ivan Passer


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»Es sieht ja wirklich beinahe so aus, als ob da Frankenstein wohnt«


Der risikofreudige Investmentbanker André Ferrer (Omar Sharif) war bislang bekannt dafür, das Kapital seiner Kunden deutlich zu vermehren. Als er eines Tages jedoch ins Straucheln kommt, ist André auf das Vermögen seines solventen Kunden Hermann Rolf (Bernhard Wicki) angewiesen. Der windige Geschäftsmann schmiedet also schnell den Plan, seine Kollegin und Geliebte Susan Winters (Karen Black) an den Mann zu bringen um sich selbstredend um die laufenden Geschäfte des Multimillionärs zu kümmern. Der Plan scheint aufzugehen, denn die beiden heiraten und nach einigen Monaten soll die Ehe wieder geschieden werden. Allerdings geht das Gerücht um, dass Rolf jede seiner Frauen nach der Scheidung liquidieren ließ. Nach einer unerwarteten Revision gerät André ins Visier, ihm wird vorgeworfen mehrere Millionen Dollar veruntreut zu haben. Da er das Geld binnen kürzester Zeit wieder aufbringen soll, eilt er zu Susan, die sich gerade im Schloss ihres Mannes befindet, doch bevor André dort eintrifft, kommt es zu mehreren Mordanschlägen...

Alleine der Titel "Frankensteins Spukschloss" lässt ein groß angelegtes Horror-Spektakel vermuten, doch um die Katze gleich aus dem Sack zu lassen, in Ivan Passers eigenwilligem Beitrag wird man so gut wie nichts finden, was der reißerische Titel zu suggerieren versucht. Beinahe irritiert nimmt man die zeitgemäße Ausstattung wahr, die aufgrund des Produktionsjahres sicherlich nicht außergewöhnlich gewesen wäre, falls man hier nicht andere Ankündigungen vernommen hätte. Schnell befindet man sich in modernen Büroräumen, in denen wahlweise subversive Pläne geschmiedet werden. Interessant ist, dass dem Zuschauer innerhalb kürzester Zeit die Hauptpersonen vorgestellt werden, die man allesamt als wenig sympathisch klassifiziert und gleichzeitig eine deftige Portion unterschwellige Komik herausfiltern kann, was sich allerdings wie ein roter Faden durch den Verlauf ziehen wird. Mit einem Horror-Film wird man also keineswegs konfrontiert, für eine Komödie reicht es meistens auch nicht, sodass diese Produktion bereits im frühen Stadium in einem etwas profillosen Licht schimmert, beziehungsweise im luftleeren Raum umher irrt. Aber man sollte sich nicht so voreilig abschrecken lassen, denn vielleicht kommt es innerhalb dieser unkonventionellen Machart noch zu einigen Überraschungen. Die deutsche Film-Industrie brachte es mitunter immer wieder zu kruden Experimenten im benannten Genre, hier sogar unter US-amerikanischer Schützenhilfe, und vielleicht ist es am effektivsten, dieses Vehikel genau unter dieser Voraussetzung zu betrachten, obwohl man ganz gezielt getäuscht und durch den vielversprechenden Titel aufs Glatteis geführt wird.

Das Thema Glatteis stellt sich übrigens als sehr gutes Stichwort beim Profil des Films heraus, denn gedreht wurde unter Anderem vor winterlicher Kulisse in Tirol, was in Kombination mit der vorgefertigten Erwartungshaltung seltsame Eindrücke hinterlässt. Ski-Kapriolen im Schnee, teure Autos mit halsbrecherischer Geschwindigkeit bei der Schlittenfahrt ins Ungewisse, so versucht der Film auf der langen Suche nach beunruhigenden Elementen zu unterhalten. Und tatsächlich, es wird eine gefühlte Ewigkeit vergehen, bis man im sogenannten Spukschloss auf die nicht zu identifizierende Gefahr trifft. Das Schloss wartet mit der Ausstattung eines Luxus-Hotels auf, sodass der bevorstehende, überaus verhalten eingesetzte Spuk umso grotesker wirkt. Die Star-Besetzung kann sich durchaus sehen lassen, zumindest auf dem Papier. Omar Sharif trägt den Film so gut wie in jeder Szene, doch er transportiert immer wieder eine wenig willkommene komische Note, die die wenigen beachtlichen Momente des Verlaufs nur zu stören scheint. Mit Partnerin Karen Black sieht man eine ebenso bekannte Interpretin, die es wahlweise mit Sex-Appeal versuchen wird, für den allerdings gewisse Antennen vorhanden sein müssen, da er ansonsten genau wie Frankenstein unsichtbar bleibt. Alle Augen bleiben schließlich auf den großartigen Bernhard Wicki gerichtet, von dem man pauschal erwartet, dass er seine Rollen mit großer Finesse ausstattet. Schade ist allerdings, dass man außer wenigen Einstellungen, die von seiner bloßen Präsenz leben, nicht viel dieses Ausnahmetalents zu Gesicht bekommt. Erschreckenderweise etabliert sich der Eindruck, dass er verschenkt wurde wie nie zuvor und Joseph Bottoms als Susans junger Liebhaber ist kaum eine Erwähnung wert.

Besonders in Erinnerung wird definitiv der Kurzauftritt der insbesondere aus den 50er Jahren in Deutschland sehr bekannten Schauspielerin Elma Karlowa bleiben, der unglaublich grotesk und irgendwie peinlich berührend zugleich wirkt. Bekanntermaßen mangelte es an Rollen, daher wird ihr wohl jedes Angebot wie gerufen gekommen sein. Hier bekommt man sie als "Masseuse", naja, eher zugemutet und auf unfreiwilliger Basis verbreitet diese Figur Angst und Schrecken. Nach Andrés Schwefelbad erwartet er die hübsche Dame, die er am Empfang des Hotels mit seinen Blicken ausgezogen hatte, doch plötzlich steht eine unmöglich zurecht gemachte Elma Karlowa vor ihm, die ihn gründlich durchwalkt, bevor sie zum Hauptgang übergeht. Zwischenzeitlich trägt sie Omar Sharif wie eine Amme das Kind an ihrem herausgefallenen Busen, bis sie ihn schließlich würgt. Damit die vehemente Dame ablässt, packt André sie empfindlich bei ihrer Weiblichkeit, was Elma Karlowa letztlich nur mit einem irren Lachen quittiert. Unglaublich diese Szenen, ja, einfach nur unglaublich! Der Verlauf hat ohne jeden Zweifel seine paar Momente und trotz immer wiederkehrendem Leerlauf wird es eigentlich selten langweilig, dennoch kann Passers Beitrag insgesamt nicht überzeugen, da er keine Entscheidung über seine Identität treffen will. Von allem bekommt man etwas aufgetischt, doch die geltende Faustregel heißt unterm Strich, dass es von allem einfach zu wenig ist. "Frankensteins Spukschloss" ist heiter bis wolkige, unkonventionelle bis belanglose Unterhaltung (übrigens mit musikalischer Untermalung von Vangelis), die ihre Unentschlossenheit quasi 1:1 auf den Zuschauer überträgt. Ein durch und durch eigenartiger Film.


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 Betreff des Beitrags: Eye in the Labyrinth (1972)
BeitragVerfasst: 02.05.2016 19:41 
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EYE IN THE LABYRINTH

● L'OCCHIO NEL LABIRINTO / EYE IN THE LABYRINTH (I|MCO|1972)
mit Rosemary Dexter, Adolfo Celi, Horst Frank, Sybil Danning, Franco Ressel, Michael Maien, Gigi Rizzi und Alida Valli
eine Produktion der Transeuropa Film | TV13 Filmproduktion
ein Film von Mario Caiano


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»Kill me tomorrow. Tonight let me live!«


Julie (Rosemary Dexter) wird von schrecklichen Visionen geplagt, in denen sie träumt, dass ihr Psychologe und Liebhaber Luca (Horst Frank) bestialisch ermordet wird. Zu ihrem Entsetzen erfährt sie wenig später, dass er wirklich spurlos verschwunden ist und niemand will ihn gesehen haben. Mehrere Hinweise führen sie an einen abgelegenen, aber ebenso malerischen Ort am Meer, wo sie von Gerda (Alida Valli), einer exzentrischen Dame eingeladen wird, in ihrer Villa zu bleiben. Dort tummelt sich eine Reihe merkwürdiger Gestalten und alle Anzeichen sprechen dafür, dass auch Luca dort gewesen sein muss, doch keiner kann ihr angeblich weiterhelfen. Nach kurzer Zeit nimmt ihr schrecklicher Verdacht Formen an und die Möglichkeit steht plötzlich im Raum, dass Luca tatsächlich ermordet wurde...

Der fulminante Einstieg zu Mario Caianos Edel-Giallo wird sich als wegweisend für diesen spannenden, und intelligent aufgebauten Beitrag erweisen und seinen wohlklingenden Titel deutlich unterstreichen. Ein Mann wird gehetzt, ein Messer schnellt aus dem Nichts hervor und die damit verbundene Akustik sorgt gleich für beunruhigende Momente und frühe Hochspannung, die Kulisse erinnert an eine Art Labyrinth, aus dem es offensichtlich kein Entkommen mehr geben wird. Diese Tatsache wird, wie es der spätere Verlauf nahezu exemplarisch aufzeigen wird, schließlich für mehrere Beteiligte zutreffen, doch das psychologisch gefärbte Motiv bleibt zunächst nicht greifbar. Diese anfänglichen Szenen enden abrupt mit dem Aufwachen aus einem Alptraum, der die Protagonistin eben noch im Würgegriff hielt. Der Startschuss für die Suche nach einem spurlos verschwundenen Mann ist somit gefallen und angenehmerweise wird der Zuschauer von keiner Geringeren als der hübschen Rosemary Dexter an die Hand genommen. Dieser Beitrag entstand unter Beteiligung einer deutschen Produktionsfirma, außerdem geben sich namhafte Stars die Klinke in die Hand, sodass es, wenn man sich das Gesamtpaket betrachtet, eigentlich unverständlich, um nicht zu sagen beinahe irritierend ist, dass Caianos inszenatorisch einwandfreier Giallo keine deutsche Kino-Auswertung zuteil wurde. Wie dem auch sei, zu jener Zeit kursierte ja schließlich eine Schwemme gelb gefärbter Beiträge, die auf sehr unterschiedlichen Qualitätsebenen präsentiert wurden. Bleibt man bei diesem Ansatz, muss nochmals betont werden, um welch hochklassigen Film es sich hier handelt, der von Anfang bis Ende fesseln und faszinieren kann. Eigenartigerweise konnte sich dieser Eindruck trotz einer unbestimmten Vorhersehbarkeit etablieren, doch es wird hier so viel geboten, dass die Vorzüge in Hülle und Fülle auf der Hand liegen.

Das empfunden vorhersehbare Element der Geschichte birgt im Endeffekt genügend Unberechenbarkeit, um willkommene Überraschungen preiszugeben, der intelligente Aufbau bekommt durch die beteiligten Charaktere besondere Schützenhilfe, die innerhalb einer traumhaften Kulisse einer Clique gleicht, der man lieber nicht im Dunkeln, geschweige denn bei Tag begegnen möchte. Diese merkwürdige Truppe glänzt durch undurchsichtiges, exaltiertes, mit einigen Kehrtwendungen durchzogenes Verhalten und so gut wie jeder von ihnen scheint etwas vorzugeben, was er nicht zu sein scheint. Wechselspiele zwischen Vertrauen und Verwirrung bekommen von den gut aufgelegten Interpreten sachdienliche Gesichter und zwischen all diesen Spleens und Launen findet sich die, gegen Verwirrung und Geheimnis ankämpfende Julie, alias Rosemary Dexter. Zunächst sollte betont werden, dass die zierliche Person hier sicherlich eine ihrer stichhaltigsten Darbietungen überhaupt zum Besten gibt, mit ihr schwingt eine gehörige Portion Empathie und Temperament mit, aber auch Labilität. So trägt Dexter große Strecken des Verlaufs mit einer überdurchschnittlich hohen Präsenz, sie ermöglicht es dem Zuschauer, hautnah dabei zu sein, auch wenn die Dramaturgie dies nicht in letzter Konsequenz gestattet. Julie ist aus einem Alptraum aufgewacht, doch schlittert gleich in den nächsten, was an den dubiosen Gestalten liegt, aber nicht zuletzt auch durch Mordanschläge und schließlich einige Tote belegt wird. Konträr zu all dem steht die malerische Kulisse, die einladend, beruhigend und verführerisch wirkt. Überhaupt kann sich Caianos Beitrag in Sachen Ausstattung durchaus sehen lassen, dem Zuschauer wird mit tollen Schauplätzen geschmeichelt, die vor allem durch das flexible und experimentierfreudige Auge der Kamera besondere Formen annehmen wird.

Ästhetik, Schönheit und Glanz wird in "Eye in the Labyrinth" so groß geschrieben, dass es schon einer Referenz gleicht. In diesem Zusammenhang kommt es beispielsweise zu ebenso ansehnlichen Präsentationen von Damen wie Miss Dexter oder Sybil Danning, deren körperliche Reize vor diesem sonnenüberströmten Setting nicht verschenkt werden durften. Wie erwähnt, ist die Besetzungsliste bis in die kleinsten Rollen ein absoluter Traum, die Charaktere finden eine gewollt hastige Integration in die Geschichte, bei denen es aufgrund weniger Informationen zu ihnen Personen zu doppelter Verwirrung und Misstrauen kommt. Als Adolfo Celi der vorbeigehenden Julie das erste Mal interessiert nachschaut, erahnt man nicht nur eine gewisse, sich noch aufbäumende Vehemenz seines Charakters, sondern er bedient wie so oft das bedrohliche Element, das ein wichtiger Bestandteil des Films bleiben wird. Man kann kaum von signifikanten Unterbrechungen der Spannungskurve sprechen, besonders in Rückblenden kommt es sogar zu interessanten Steigerungen, die von Horst Frank ausgefüllt werden. Der Deutsche stattet sein gerne zur Schau gestelltes Profil gewohnt mysteriös aus, es ist eine Freude ihn hier begleiten zu können. Abgerundet durch stichhaltige Darbietungen von beispielsweise Benjamin Lev, Michael Maien, Franco Ressel oder Gigi Rizzi, gewinnt die Story immer mehr an Fahrt, Dichte und Reiz, einfach ein klasse Ensemble. Zu guter Letzt sollte noch die Dame Erwähnung finden, die es stets schafft einen Film mit ihren schier unzähligen Facetten aufzuwerten, Alida Valli. Die zu dieser Zeit in Genre-Beiträgen gut beschäftigte Italienerin reiht sich mühelos in die Riege der Personen ein, die alles andere als Sympathieträger sind. Zwar wirkt sie zunächst unscheinbar und freundlich, doch schon bald darf sie ihr wahres Gesicht und gewohnt dominante Züge präsentieren.

Keiner traut dem anderen und der Zuschauer findet sich für lange Zeit in der selben Gruppe wieder. Die psychologische Würze steht diesem Verlauf sehr gut und die Spannung erfährt glücklicherweise sukzessive Steigerungen, wenngleich die genaue Betrachtung einen vielleicht konventionellen Fall behandelt, oder zumindest einen, der dem Empfinden nach schon einige Male in ähnlichen Formen abgehandelt wurde. Nichtsdestotrotz geht von "Eye in the Labyrinth" eine immense Faszination aus, da dieses beeindruckende Mosaik fachmännisch zusammengefügt wird. Im Labyrinth der subversiven Machenschaften und der angeschlagenen Psyche wird jeder geneigte Zuschauer Elemente finden, die überzeugend, wenn nicht sogar begeisternd wirken. Naturgemäß ist es schließlich so, dass man bei unzähligen gesehenen Beiträgen dieses Strickmusters Wiederholungen und einen gewissen Wiedererkennungswert ausfindig macht, aber letztlich kommt es auf darauf an, ob man quasi auf dem richtigen Fuß erwischt wird. Die Überzeugung entsteht nicht zuletzt auf Basis von bestimmten Präferenzen und in dieser Beziehung ist Mario Caianos Streifen ein absoluter Volltreffer gewesen, den es einfach bei so viel Bekanntem nicht mehr alle Tage zu sehen gibt. Bestehende Gesetze des Giallo finden hier in erster Linie Verwendung, doch man nimmt auch zufrieden den verspielt wirkenden Luxus wahr, dass sie hin und wieder ignoriert werden, sodass ein ziemlich eigenständiger Charakter zustande kommt. Insgesamt lässt sich also sagen, dass "Eye in the Labyrinth" sehr beeindruckend interpretiert wurde und Freunde des Giallo größtenteils überzeugen dürfte. Zumindest hat Caianos Verwirrspiel zwischen Traum und Realität einmal einen unvoreingenommenen Blick verdient, aber nach ganz persönlichem Empfinden handelt es sich ohnehin um einen nicht erwarteten Überraschungs-Coup. Sehr überzeugend!


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 Betreff des Beitrags: Der Fluch der grünen Augen (1964)
BeitragVerfasst: 09.05.2016 20:02 
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● DER FLUCH DER GRÜNEN AUGEN / BLUTRAUSCH DER VAMPIERE / DIE GROTTE DER LEBENDEN TOTEN (D|JUG|1964)
mit Adrian Hoven, Karin Field, Carl Möhner, Erika Remberg, John Kitzmiller, Emmerich Schrenk und Wolfgang Preiss
eine Produktion der Objectiv Film | Triglav Film | im Schneider Filmverleih
ein Film von Ákos von Ráthonyi


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»Sie glauben nicht an Vampire?«


Eine Mordserie erschüttert ein kleines Bergdorf auf dem Balkan, bislang wurden sieben junge Frauen tot aufgefunden. Nach der Bitte um internationale Hilfe entsendet die Interpol Inspektor Frank Doren (Adrian Hoven), der diesen unmlichen Fall rasch aufklären soll. Sein geplantes Inkognito geht allerdings völlig daneben und schon bald weiß jeder, weswegen er anwesend ist. Bei seinen Nachforschungen fallen ihm gewisse Umstände auf, die einen neuen Todesfall ankündigen. Zunächst fällt jedes Mal der Strom im Dorf aus, dann verschwinden die Leichen im Schutze der Dunkelheit unmittelbar nach den Morden. Doren findet unter den Einheimischen sehr eigenartige Zeitgenossen, die sich jeweils sehr verdächtig benehmen und bei einer alten Wahrsagerin fällt schließlich das Schlagwort Vampire. Die mysteriösen Vorgänge führen den Ermittler schließlich zu Professor von Adelsberg (Wolfgang Preiss) der sich in seinem Schloss der Forschung verschrieben hat. Doch dem Wissenschaftler eilt eine kollektive Angst voraus, denn so gut wie jeder der Bewohner vermutet in seinem Schloss und der darunterliegenden Grotte den Schlupfwinkel der Vampire...

Ákos von Ráthonyis Horror-Beitrag entstand zu einer Zeit, in der die Kriminalwelle insbesondere durch die Edgar-Wallace-Verfilmungen Hochkonjunktur hatte. Der Versuch, ein anderes Genre auf Basis bestehender Sehgewohnheiten für den deutschen Kinogänger zu etablieren, ist mit diesem ungewöhnlichen Experiment jedoch gescheitert, da dieser Beitrag hoffnungslos uneigenständig, und in vielerlei Hinsicht auch nicht selbstbewusst genug ist. Als geneigter Zuschauer verfrachtet man derartige Filme jedoch gerne in die Kategorie »gerne gesehen«, weil es auch hier manchmal kaum zu glauben ist, dass die Produktion unter diesen Voraussetzungen und vor allem als fertiges Endprodukt genau so in die Kinos kam, wenn ein Flop aus zahlreichen Gründen doch determiniert erscheint. Die deutschen Verleihtitel sprechen Themen an, die man hier nur äußerst bedingt finden, wenn nicht sogar vergeblich suchen wird, und mit dem zugegebenermaßen wohlklingenden Originaltitel "Der Fluch der grünen Augen" stellt sich ganz bewusst ein Wallace-Bezug wie etwa zu "Der Fluch der gelben Schlange" her, um mögliches Publikum abzugreifen. Die Strategie ging dem Vernehmen nach alles andere als auf, und zurück bleibt eben ein Einzelgänger der möglicherweise Vorreiter sein wollte. Lässt man die Inszenierung Revue passieren, stellt sich eigentlich sehr schnell heraus, dass die Rahmenhandlung bis hin in die Details vollgestopft mit gängigen Klischees ist, die in lediglich aufgewärmter Form nicht so recht ankommen wollen. Das große Ausleihen von Inhalten aus noch größeren Klassikern treibt in Ákos von Ráthonyis daher nur recht konventionelle Blüten und schließlich fühlt man sich bestenfalls lediglich nach Krimi-Richtlinien unterhalten. Ein paar ungewöhnliche Register werden angesichts des bestehenden Zeitfensters gezogen, so geht es beispielsweise beim Thema Nacktheit hier und da deutlich über Andeutungen hinaus.

Aufgrund der Tatsache, dass vieles nicht recht zusammenpassen will, kommt es unterm Strich zu einem eigenartigen Profil. Zu Beginn geht es gleich Schlag auf Schlag, denn die Informationsflut ist hoch und die Irreführung groß. Der Regisseur selbst spendiert sich einen Cameo-Auftritt und die Fahrt ins Ungewisse kann für Adrian Hoven losgehen. Auffällig beim einsetzenden Vorspann ist die Titelmusik von Herbert Jarczyk, die sich in ihrer jazzigen Art und Weise vielleicht in einem Jugend-Drama mit passender Scheunenparty wohlgefühlt hätte. In anderen Szenen, wenn Schatten umher schleichen und Morde geschehen, passt die elektrisch aufgeladene Untermalung allerdings sehr gut und es ist erstaunlich, wie es zu solch signifikanten Unterschieden kommt. Die Besetzung präsentiert sich als ein Konglomerat aus bekannten Namen, neuen Gesichtern und der zweiten Garnitur. Adrian Hoven, nach persönlichem Ermessen so häufig wie auch hier fehlbesetzt, liefert kaum neue Impulse um einen ansprechenden Eindruck hinterlassen zu können. Wie schon beispielsweise in "Das Rätsel der roten Orchidee" stellt man sich mit Vorliebe dutzende andere Darsteller vor, die diesen Part hätten überzeugender interpretieren können. Ihm fehlt Schwung und Vehemenz, sodass er niemanden außer einer Dame in der Geschichte beeindrucken kann, wenn auch nur auf dramaturgischer Basis. Diese wird gespielt von der damaligen Neuentdeckung Karin Field, die bislang noch jeden Film bereichern konnte. "Der Fluch der grünen Augen" stellt nicht nur ihren ersten Kinofilm dar, sondern diese Partizipation ebnet auch gleichzeitig das unumstößliche Rollenprofil der attraktiven Schauspielerin, bis auf wenige Hauptrollen und einige belanglose Einsätze konnte sie sich leider nur einseitig, wenn auch konsequent in der Branche etablieren. Aber auch hier gilt: Ein Karin-Field-Film ist stets ein guter Film.

Von Carl Möhner, Emmerich Schrenk, Erika Remberg und dem vor allem in Europa bekannten amerikanischen Interpreten John Kitzmiller sieht man routinierte Darbietungen, sie arbeiten aber auch gleichzeitig das wässrige Element der Dramaturgie heraus. Was bei den meisten Beteiligten nur nach Ahnungen aussieht, wird bei Wolfgang Preiss zum Corpus Delicti, denn er wirkt dieser hier angebotenen Rollenschablone alles andere als angepasst. Mit wenig Überzeugungskraft und empfundener Lustlosigkeit, agiert der sonst so präzise und verschlagen wirkende Herr leider weitgehend blass und es wurde viel von der anvisierten Wirkung verschenkt. Stilistisch und inszenatorisch betrachtet man nüchtern also ein Wechselbad der Qualitätsebenen, doch es soll auch nicht verschwiegen werden, dass der Verlauf zahlreiche Momente offenbart, die wirklich gelungen sind. Hier und da kommt die gewünschte Grusel-Atmosphäre auf und es entstehen ein paar beunruhigende Strecken. Vor allem die Schauplätze sind angemessen eingefangen worden, zu nennen sind vor allem die Szenen in der unterirdischen Grotte, doch insgesamt bekommt wird man etwas zu spärlich mit der potentiellen Würze des Hauptthemas versorgt. Großer Pluspunkt bleibt nach persönlichem Ermessen also wieder einmal der transportierte Mut der Verzweiflung, denn die offensichtliche Hoffnung auf Erfolg bei einem vorprogrammierten Flop ist nicht genügend zu würdigen. Was bleibt ist sozusagen ein grauer Farbtupfer in der zeitgenössischen deutschen Kino-Landschaft, der unterm Strich wenigstens einen diffusen Unterhaltungswert mit ausreichend Trash-Charme bieten kann. Ob man Ákos von Ráthonyis unorthodoxes Kriminal-Horror-Gebräu einmal probiert haben muss, bleibt letztlich die entscheidende Frage, denn nach diesen zahlreichen gegensätzlichen Eindrücken ist es kaum mehr möglich, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Daher bleibt das Fazit ganz im Sinne der Strategie des Films gewollt diffus. Unterhaltsam unter Vorbehalt, denn diesem Beitrag können effektiv nur persönliche Präferenzen zu einem gelungenen Gesamteindruck verhelfen.


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 Betreff des Beitrags: Bei Vollmond Mord (1961)
BeitragVerfasst: 15.05.2016 22:53 
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BEI VOLLMOND MORD

● LYCANTHROPUS / BEI VOLLMOND MORD (I|A|1961)
mit Barbara Lass, Carl Schell, Curt Lowens, Maurice Marsac, Michela Roc, Luciano Pigozzi, John Karlsen, u.a.
ein Royal Film | im Austria Filmverleih
ein Film von Paolo Heusch


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»Are you afraid of the wolf?«


Dr. Julian Olcott (Carl Schell) wird an eine Besserungsanstalt für schwer erziehbare Mädchen versetzt, doch er sieht sehr unruhigen Zeiten entgegen. Im Schutze der Dunkelheit schleichen gefährliche Wölfe umher, bis eines Nachts ein Mädchen tot aufgefunden wird. Da die Tat unmittelbar nach Dr. Olcotts Ankunft geschah, gerät er unter Verdacht, da man nicht von übernatürlichen Umständen ausgehen will. Bei den Untersuchungen ergeben sich allerdings merkwürdige Zusammenhänge und anhand der Verletzungen bei der Toten kommt er zu dem Schluss, dass das Opfer von einem Werwolf getötet worden sein muss. Bei seinen Nachforschungen ergeben sich für Olcott schließlich immer neue Erkenntnisse, vor allem, dass in der Besserungsanstalt so gut wie jeder verdächtig zu sein scheint. Handelt es sich hier um die Wahrheit, um Aberglauben oder sind es nur Ausreden? In der Zwischenzeit gerät die Schülerin Priscilla (Brarbara Lass) in große Gefahr...

Ist es nicht so, dass man Genre-Beiträge aus Italien in quasi jeder Fa­çon als weitgehend normal einstuft? Sicherlich ist etwas Wahres dran und angesichts der Beteiligung aus Österreich schaut man eher erstaunt, aber nicht minder interessiert auf diesen Film des italienischen Gelegenheitstäters Paolo Heusch, und was er dem Zuschauer bringen mag. Im Produktionsjahr 1961 darf natürlich kein bahnbrechender Überflieger erwartet werden, vielmehr präsentiert sich der Verlauf in Anlehnung an damals populäre Krimi-Formate, allerdings ist es der Spritzer Grusel und die kleine Idee Horror, die "Bei Vollmond Mord" von dieser Konkurrenz unterscheidet. Gleich anzumerken ist das offensichtlich kleine Produktionsbudget, was ja bei der richtigen Handhabe kein Dämpfer sein muss, und die eher magere Dramaturgie, die zwar ansprechende Themen anreißt, sie aber nicht verfeinernd transportiert, außerdem kaum auf Wahrscheinlichkeit setzt. Eins muss man diesem kleinen Experiment allerdings attestieren, denn man kommt in den Genuss von sehr gut eingefangenen Sequenzen und atmosphärischen Bildern, die ihre beunruhigende Wirkung zumindest phasenweise entfalten können. Das Thema der möglichen Lykanthropie findet seine Erfüllung mit einer Art Whodunit-Bonus, sodass der interessierte Zuschauer ausgiebig miträtseln darf, wer oder was hinter dieser Angelegenheit steckt, falls die Vorhersehbarkeit einen nicht einholt. Auch bei diesem Film könnte durchaus die Frage aufkommen, wie er jemals grünes Licht für die Produktion bekommen konnte, denn neben Atmosphäre und Charme, drängt sich immer wieder ein ausgiebiger Trash-Faktor in den Vordergrund. Bei Besetzungsfragen reichte es lediglich für die zweite, oder gar dritte Garnitur, allerdings darf verraten werden, dass die Crew ihre undurchsichtige Sache oftmals nach Kräften, aber bestenfalls auch überdurchschnittlich gut löst.

Die weibliche Hauptrolle spielt die aus Polen gebürtige und leider viel zu jung verstorbene Barbara Lass, die sich vielleicht weniger als Schauspielerin, aber möglicherweise als Ehefrau von Roman Polański und Karlheinz Böhm einen Namen machen konnte. Es ist vollkommen überraschend und erfrischend zugleich, welch überdurchschnittlich gute Performance die bezaubernde Darstellerin hier zum Besten gibt. In ihrem klassisch-schönen Gesicht lässt sich die nötige Angst ablesen, sodass sie zu einem tatkräftigen Verstärker für die oft schwächelnde Geschichte werden kann, sie schafft es spielend, den Zuseher mitzunehmen. An ihrer Seite sieht man Carl Schell, der ebenfalls eher bekannt ist aus anderen Gründen, denn er ist der jüngere Bruder des Weltstar-Duos Maximilian und Maria Schell. Seine Leistung geht insgesamt in Ordnung, vielleicht hätte man sich hier und da ein paar Finessen mehr gewünscht als nur den Eindruck, dass er sich eigentlich auf sein Aussehen zu verlassen scheint. Die weitere Riege liefert im Rahmen der Möglichkeiten annehmbare Interpretationen, zu erwähnen ist vielleicht noch der richtig verschlagene Auftritt eines wie so oft dubios wirkenden Alan Collins, alias Luciano Pigozzi, welcher der mysteriösen Thematik gut zuträglich ist. Die Frage nach der Wahrheit wird also in einem abwechselnd behäbigen bis gruseligen Verlauf aufgedeckt, spannende Phasen kommen dabei eher selten auf, weil der Film insgesamt einfach zu kopflastig ausgefallen ist. Wie dem auch sei, "Bei Vollmond Mord" darf man sich ohne Bedenken einmal anschauen, denn große Enttäuschungen bleiben aus, was allerdings auch von großen Spektakeln gesagt werden muss. Paolo Heusch lieferte insgesamt einen Beitrag ab, den man im Dunstkreis der kruden Experimente wiederfinden kann. Bei den richtigen Antennen für einen derartigen Streifen ist die kleine Portion Spaß somit ganz bestimmt vorprogrammiert.


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 Betreff des Beitrags: Jonathan (1970)
BeitragVerfasst: 23.05.2016 16:42 
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JONATHAN

● JONATHAN / VAMPIRE STERBEN NICHT (D|1970)
mit Jürgen Jung, Hans Dieter Jendreyko, Hertha von Walther, Oskar von Schab, Sofie Strehlow,
Ilona Grübel, Gaby Herbst, Ulrike Luderer, Henry Liposca, Arthur Brauss und Paul Albert Krumm
eine Produktion der Iduna Film | Telepool | im Obelisk Filmverleih
ein Film von Hans W. Geißendörfer


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»Es gibt Küsse für uns alle!«


Mitte des 19. Jahrhunderts wird eine gesamte ländliche Region im Schutze der Abgelegenheit von einem Vampir-Grafen (Paul Albert Krumm) und dessen Gefolgschaft beherrscht. Die Menschen werden nicht nur unterdrückt und gefangen gehalten, sondern dienen auch als Lebensgrundlage für die blutdürstigen Gestalten. Es gibt keinen kollektiven Widerstand, kein Auflehnen gegen die schlimmen Bedingungen, bis einige wenige Bewohner einen Aufstand üben, so zum Beispiel der Student Jonathan (Jürgen Jung), der mit einigen seiner Kollegen und ihrem Professor (Oskar von Schab) aufs Ganze gehen. Jonathan wird entsandt, um das Schloss des Grafen auszukundschaften, doch bereits auf seiner Reise dorthin lauern entsetzliche Eindrücke und tödliche Gefahren. Werden sich die Aufständischen von diesem Terror befreien können...?

Bereits nach wenigen Szenen in Hans W. Geißendörfers Erstlingswerk wird klar, dass man es nicht gerade mit einem Film rund ums klassische Vampir-Thema zu tun bekommen wird, beziehungsweise der Verlauf mutet alles andere als konventionell an. Dem entgegen steht allerdings eine Geschichte, die mit einer sterilen Erzählstruktur zu kämpfen hat und sich daher beinahe hauptsächlich auf die Bildsprache verlässt, die zugegebenermaßen sehr eindringlich ausgefallen ist. Der Verlauf irritiert mit einem vollkommen destruktiven Charakter und offenbart schließlich eine eher politisch gefärbte Parabel, was aber alles andere als uninteressant ist. Man begleitet also einen Verlauf, der von vorne bis hinten mit Tod und Verderben durchzogen ist und sich jeglichen Lichtblick verbietet, worauf auch das beunruhigende Element basiert. Bemerkenswert bleibt die Tatsache, dass es sich um einen deutschen Genre-Beitrag handelt, der sich in jeder Beziehung von der Konkurrenz des Inlandes und anderen Artgenossen abheben wird. Der besondere Vorteil bei "Jonathan" ergibt sich aus der konsequenten Strategie, dass hier eben nicht hauptsächlich ein Märchen-Charakter transportiert wird und sich der Film dem Eindruck nach todernst nimmt, was ja nicht immer ein Hemmschuh sein muss. Irritierend bei diesem stilistisch sehr hochwertigen Film bleibt, dass die Regie die von vorne herein überaus negativen Voraussetzungen immer wieder zu negieren versucht, was sich nicht nur auf die Schreckensherrschaft der Vampir-Armee beschränkt, sondern gleichzeitig auch auf das unterjochte Fußvolk überträgt, sodass nur mit sehr wenigen Protagonisten gerechnet werden darf, die allerdings nicht auf einem Silbertablett serviert werden. Die Szenerie pendelt zwischen Prunk und Armut hin und her, die kalte Bildsprache erlaubt sich nur Farbtupfer in Form von Blut und die herbstliche Atmosphäre sorgt unter anderem für ein Übermaß an depressivem Tenor.

Eine komplette Region wird von einem Tyrannen beherrscht, die Menschen sind nicht nur Arbeitstiere, sondern gleichzeitig Basis für das Fortbestehen dieser Herrschaft, da sie als Nahrung herhalten müssen. Die Bewohner kennen das karge Dasein in gar keiner anderen Form, denn permanent schwebt der Tod über ihren Köpfen, der somit im doppelten Sinn zum Leben gehört. Ein Auflehnen kommt nicht zustande, da die Obrigkeit jeden Aufruhr und eigene Gedanken im Keim erstickt. Lediglich die Hauptfigur "Jonathan", einige andere Studenten und deren Professor üben einen Aufstand, der frei nach dem Motto geht, dass man etwas besseres als den Tod überall finden kann. Der Protagonist wird dargestellt von dem relativ unbekannten Jürgen Jung, der es in seiner kleinen Karriere lediglich auf ein halbes Dutzend Filme brachte, dafür aber in namhaften deutschen Gene-Produktionen wie beispielsweise "Jet Generation", "Mädchen, Mädchen" oder "Zuckerbrot und Peitsche" partizipierte. Er tut sich trotz seiner Hauptrolle und der damit verbundenen, obligatorischen Präsenz nicht zwingend hervor, weil es im Sinne der Geschichte nämlich keiner tut, und man sich quasi auf drei Gruppen als Ganzes konzentriert. Die Darsteller stellen eine bunte Mischung aus bekannten Namen oder solchen, die noch welche werden sollten heraus, doch eines haben sie alle gemeinsam, denn ihr Einsatz bietet von großen Überraschungen bis Präzisionsauftritten alles was man sich vorstellen kann. So zum Beispiel Star des deutschen Kinos der 20er- und 30er-Jahre, Hertha von Walther, die ihre Szenen beunruhigend dominiert, spätere Stammschauspieler deutscher Serien wie Ilona Grübel, Gaby Herbst, Thomas Astan oder Wilfried Klaus, und Paul Albert Krumm in der Rolle des gefährlichen Vampir-Grafen, der sich mit einer erstaunlichen Leitung besondere Erwähnung erspielen kann.

Bekannt für schwierige Rollen und zwielichtige Charaktere, scheint der Berliner hier ganz ungewöhnliche Register zu ziehen. Die Glaubwürdigkeit seiner Rolle basiert auf mehreren Komponenten, denn man nimmt die nötige geheimnisvolle Präsenz wahr, die beunruhigend, bestimmend und faszinierend zugleich wirkt. In nahezu aristokratischer Ausstrahlung, schwebt er als Blutsauger durch die Szenen, der ansonsten nicht einmal mit den altbekannten Attributen der gängigen Vampir-Schablone ausgestattet wurde, die hier ohnehin nur sekundär transportiert werden. In Besetzungsfragen sieht man schlussendlich sehr ausgefeilte Leistungen in einer intelligenten Geschichte, deren Aufbau zwar über weite Strecken unscheinbar anmutet, aber zwischen den Zeilen sehr viele Botschaften vermitteln möchte. Im Bereich der Effekte bekommt man etliche Kniffe geboten, die sich Todeszeitpunkte zwar oftmals diskret ersparen, aber sich dafür an vollendeten Tatsachen orientieren. Schrecklich zugerichtete Leichen und ausgesaugte Tiere pflastern den Weg zum Schloss, laut Regie wurden die Tiere in diesen Szenen nur betäubt, allerdings gibt es mindestens eine Szene, in der dies nicht der Fall war, denn Jochen Busse zertrampelt eine lebende Ratte in drei Anläufen. Hier gibt es als Verstärker auch Kostproben barbarischer Foltermethoden, die im Kontext Glaube und Kirche auch gerne in Hexenfilmen Veranschaulichung fanden. Die Musik stammt von Roland Kovać, die unterschiedliche Eindrücke zu vermitteln versucht und sich phasenweise mit dem Tenor des Films beißt. Die ganz großen Stärken entstehen durch die Verbindung mit Klassik und große Momente entstehen in Szenen die mit Edvard Griegs "Ases Tod" oder "Dernier printemps" unterlegt sind. Es ließe sich sicherlich noch viel zu Geißendörfers Debüt sagen, das seinerzeit mit dem Prädikat »wertvoll« ausgezeichnet wurde, doch abschließend sei nur noch angemerkt, dass der Beitrag zumindest als Einheit gesehen äußerst sehenswert ist, aber bei Weitem auch nicht jeden Geschmack treffen dürfte.


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 Betreff des Beitrags: Meuterei (1961)
BeitragVerfasst: 26.05.2016 22:51 
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Pier Angeli   Edmund Purdom   Armand Mestral   Ivan Desny   in

MEUTEREI

● L'AMMUTINAMENTO / LES REVOLTÉES DE L'ALBATROS / MEUTEREI (I|F|1961)
mit Franco Capucci, Renato Speziali, Franca Parisi, Mirko Ellis, Maria Pia Luzi, Ivy Holtzer, Ruth von Hagen und Michèle Girardon
eine Produktion der Giorgio Agliani Cinematografica | Gladiator Film | Illiria Film | Champs-Élysées Productions | im Bavaria Filmverleih
ein Film von Silvio Amadio


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»Warum sollen wir nach Amerika fahren und dort verschimmeln?«


Zahlreiche Kolonisten sind mit dem Segelschiff "Albatros" auf der Überfahrt nach Amerika, doch die Lage ist sehr angespannt, da sich an Bord Frauen und Männer aus berüchtigten englischen Gefängnissen befinden. Da sie unter unmenschlichen Bedingungen vor sich hin vegetieren müssen, scheint eine blutige Revolte vorprogrammiert zu sein. Mithilfe der Frauen kann der sadistische Aufseher überwältigt und ausgeschaltet werden. Unter Führung des Arztes Dr. Bradley (Edmund Purdom) bringen die Sträflinge das Schiff in ihre Gewalt, doch auch untereinander beginnt es langsam zu brodeln und die Situation droht außer Kontrolle zu geraten...

Die verschiedenen Titel von Silvio Amadios Beitrag deuten von vorne herein an, wohin diese emotionsgeladene Schiffsfahrt hingehen wird, doch selbstverständlich ist damit nicht der Zielort Amerika gemeint. Filme dieses Strickmusters lassen sich gut an der vorhandenen Ausstattung messen und hier bekommt der interessierte Zuschauer authentische Kulissen, Garderoben und Details geboten. Die "Albatros" ist in zwei Klassen eingeteilt, da das Schiff unter britischer Flagge segelt, verspürt man eine aristokratisch und weltmännisch angehauchte Atmosphäre, doch die meisten Passagiere tragen lediglich Masken und der Verlauf macht es sich zur Aufgabe, diese Falschspieler zu entlarven. Im Kielraum hingegen befinden sich die nach Übersee zu verschiffenden Gefangenen, die hinter Gittern eingezwängt sind und in Ketten liegen. Die Zustände sind dabei offensichtlich so schlecht, dass eine Überfahrt bei Wasser und Brot sicherlich purer Luxus gewesen wäre. Stilistisch und inszenatorisch bekommt man einen sehr klassischen Beitrag geboten, in dem es zu größerem und kleineren Spektakeln kommt, auffällig ist die rasante Dialogarbeit, die sich auch Wendungen der deftigen Sorte nicht aufspart und wenn sich die Situation im Vakuum Schiff verschärft, kommt es auch zu brutaleren Tendenzen, die von der Kamera allerdings nicht en détail ausgeschlachtet werden. Einerseits nimmt der Verlauf von vorne herein sehr unterhaltsame Formen an, andererseits zeigt sich auch schnell eine allgemeine Vorhersehbarkeit, die quasi bis zum Ende hin auf gleich hohem Niveau bestehen bleibt, was allerdings nur eine Anmerkung sein soll, da die ganz großen Überraschungen somit ausbleiben werden. Von seiner besten Seite hingegen zeigt sich Silvio Amadios Film in Besetzungsfragen, sodass der Zuschauer in den Genuss einer international bekannten Darsteller-Riege kommt, die sich hier sehr ansprechend präsentieren.

Die Geschichte unterscheidet zunächst strikt zwischen Herrschaften und Gefangenen an Bord, und nach einigen Erklärungen bezüglich der jeweiligen Vergangenheit oder des Schicksals, beginnt eine schnelle Verschmelzung zwischen potentiell Gut und Böse, nicht zuletzt, um den Zuschauer zu positionieren. Edmund Purdom als Doktor Bradley liegt zwar in Ketten und er wird behandelt wie der letzte Dreck, aber schnell offenbaren sich die guten Seiten des Arztes, sodass er die Rolle des Protagonisten trotz umgekehrter Voraussetzungen vollkommen ausfüllen kann. Mit der blidschönen Pier Angeli sieht man eine ebenso ansprechende Leistung und außerdem stehen ihr die anderen kriminellen Damen in Qualitätsfragen in nichts nach. Ivan Desny hat in "Meuterei" das Kommando über die "Albatros", er präsentiert sich in gewohnt souveräner Manier und passt perfekt in eine derartig weltmännisch angelegte Rolle und die feuerrote Französin Michèle Girardon bereichert jede Szenerie ohnehin durch ihre pure Präsenz. Die Liste der beteiligten Interpreten ist lang und soweit das Auge reicht gibt es überdurchschnittlich gute Darbietungen, was in der Regel ja schon die halbe Miete darstellt. Trotz des weitgehend geebneten Verlaufs kommt noch genügend Spannung auf, was hauptsächlich auf die vielen gegensätzlichen Charaktere zurückzuführen ist, mit denen man auf unterschiedliche Weise mitfühlen kann, oder auch eben nicht. Auch der Weg zum Finale, welches sich als kleineres Pulverfass herausstellen wird, wurde gut konstruiert und im Endeffekt lässt sich über Amadios Spektakel auf hoher See nichts Negatives sagen. Ein generelles Interesse rund um die Thematik, die sich ohnehin aus vielen handelsüblichen Genre-Komponenten zusammensetzt, wird mit "Meuterei" bestimmt nicht enttäuscht werden. Insgesamt gesehen bleibt also ein Film, der seine Titel-Versprechungen durchaus hält und sogar noch ein wenig mehr anbietet.


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 Betreff des Beitrags: Mister Zehn Prozent - Miezen und Moneten (1968)
BeitragVerfasst: 28.05.2016 13:50 
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MISTER ZEHN PROZENT - MIEZEN UND MONETEN

● MISTER ZEHN PROZENT - MIEZEN UND MONETEN / SIGPRESS CONTRO SCOTLAND YARD (D|I|1968)
mit George Martin, Karin Field, Ingrid Schoeller, Paolo Carlini, Orchidea de Santis, Andrea Aureli, Marianne Leibl und Klaus Kinski
eine Produktion der Parnass | Cine Teatri | Cinesecolo | Rekord Film | im Gloria Filmverleih
ein Film von Guido Zurli


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»Du bist ja so süß, da krieg ich sofort Komplexe!«


Die Londoner Unterwelt hat neuerdings ein großes Problem, denn den Gangstern wird ihre Beute regelmäßig abgejagt. Hierfür zeigt sich aber nicht etwa Scotland-Yard verantwortlich, sondern der Gegner wird "Mister Zehn Prozent" (George Martin) genannt, der zusammen mit seinem Diener Periwinkle (Klaus Kinski) operiert, und das sehr erfolgreich. Die abgefangene Beute wird gleich an die Polizei übergeben, natürlich abzüglich der zehn Prozent Finderlohn für den Zwei-Mann-Betrieb. Als nächster Coup steht ein groß angelegter Versicherungsbetrug auf der Liste, dessen Aufklärung jedoch ungeahnte Gefahren mit sich bringt...

Der Einstieg in Guido Zurlis Gangster-Komödie provoziert zunächst förmlich eine gesunde Skepsis beim Zuschauer, da man im wenig originellen Vorspann mit einem, laut Credits offensichtlich von Ralph Siegel und Michael Kunze höchstpersönlich produziertem, und von Michael Martin gesungenem Titel-Schlager konfrontiert wird, der die Grenzen der Komik subversiv zu unterwandern versucht. Es folgen Sprüche, die etwas zu flott anmuten und mäßige Choreografien lassen nichts Gutes erahnen, doch dann kippt der Film plötzlich um, und das in einer sehr positiven Art und Weise, was man vielleicht schlicht und einfach Mut der Verzweiflung nennen könnte. Die Geschichte basiert auf einem Kriminalroman aus der "Neue Revue", eine Tatsache, die vielleicht nicht die günstigste Grundvoraussetzung darzustellen vermag, allerdings bekommt man auf inszenatorischer Ebene recht ordentliche Ansätze angeboten, stilistisch geht das Ganze sogar oft über den Durchschnitt hinaus. Die Aushängeschilder dieses Beitrags im Konkurrenzkampf mit der Schwemme an handelsüblichen, beziehungsweise absolut gleich gestrickten Produktionen, bleiben die Titelfigur selbst, aber vor allem die herrliche Dynamik der Kamera, die sich dem Empfinden nach überall zu positionieren scheint und dabei eine Reihe von starken Momenten herbeiführt. Viele Ortswechsel, ein paar nette Spielereien und etliche krude Gestalten lassen die eher mäßige Story immer wieder rasante Zustände annehmen, sodass eigentlich nur wenig Leerlauf aufkommt, und der Film unterm Strich einen kurzweiligen Charakter vermitteln kann, ohne sich dabei todernst nehmen zu wollen. Die Titelfigur "Mister Zehn Prozent" wurde mit George Martin nahezu ideal besetzt, da er die Sympathien spielend auf seine Seite ziehen kann und nicht nur einen besonders agilen, sondern auch einen angenehm-gewitzten Eindruck hinterlässt.

Häufig veranstaltet er kleinere Maskeraden und führt seine Gegner an der Nase herum, überhaupt scheint er mit allen Wassern gewaschen zu sein und hat bei der Arbeit sichtlichen Spaß daran, ausgiebig in die Trickkiste greifen zu dürfen. George Martin bietet schließlich einen sehr erfrischenden Protagonisten an, der als halbes Pendant wesentlich interessanter wirkt als viele andere Herren, die in diesem Genre ihr Unwesen getrieben haben und oftmals an Karikaturen vorbei schlitterten. An seiner Seite sieht man Klaus Kinski als seinen treu ergebenen Diener, dessen vorausschauende Fähigkeiten ihn zur rechten Hand werden lassen. Kinski agiert zur Abwechslung vollkommen beherrscht und distinguiert, unterstützt wird dieser Auftritt durch eine feine sarkastische Note, die die ansonsten so platt ausgefallenen Dialoge etwas aufwerten kann. Des Weiteren sind die ungleichen Damen der Schöpfung zu erwähnen, für die Ingrid Schoeller und Karin Field zunächst einmal schöne Gesichter mitbringen. Die Rollen sind etwas nebulös angelegt, sodass man sich Spielräume für potentielle Überraschungen offen hält, vor allem Karin Field sieht man in diesen Turbulenzen in einer glänzenden Spiellaune, dass sich das Anschauen alleine schon deswegen rentiert. Auf Basis einer Komödie lassen sich zwischen Fehlzündungen und echter Situationskomik einige Eindrücke sammeln, Tempo und Kostproben von Action blicken immer einmal wieder vorsichtig über den Tellerrand und auch wenn Guido Zurlis Beitrag im Endeffekt keine Bäume ausreißen kann, handelt es sich doch um angemessene Unterhaltung im Dunstkreis der offenkundigen Plagiate. Falls alle Stricke reißen und "Mister Zehn Prozent" doch floppen sollte, gibt es in dieser kleinen Krimi-Komödie immer irgend einen gerne gesehenen Interpreten, der bei der Stange halten kann und hier besteht sogar die Möglichkeit, dass es gleich mehrere sein könnten. Kann man sich anschauen.


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 Betreff des Beitrags: Die Saat der Angst (1973)
BeitragVerfasst: 30.05.2016 16:50 
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Aurora Bautista   Judy Geeson   in

DIE SAAT DER ANGST

● UNA VELA PARA EL DIABLO / DIE SAAT DER ANGST / SAAT DER ANGST (E|1973)
mit Esperanza Roy, Víctor Alcázar, Lone Fleming, Blanca Estrada, Charley Piñeiro, Loreta Tovar, u.a.
eine Produktion der Vega Films | Mercofilms | Azor Films
ein Film von Eugenio Martín


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»Sie ist wirklich nichts weiter als eine Sünderin!«


Ein malerischer Ort in Spanien lockt immer mehr Touristen an und obwohl die Schwestern Marta (Aurora Bautista) und Verónica (Esperanza Roy) immer mehr Zulauf in ihrer kleinen Pension bekommen, macht sich vor allem bei der streng religiösen Marta Unmut breit. In ihren Augen bringen die jungen weiblichen Gäste aufgrund ihrer Freizügigkeit Unmoral und Schamlosigkeit in den eigentlich verschlafenen Ort, und dieser Gedanke nimmt bei der Wirtin immer unerträglichere Züge an, bis es eines Tages zur Katastrophe kommt. Nach einem Streit tötet sie einen Gast namens May (Loreta Tovar) im Affekt und lässt die Leiche zusammen mit ihrer Schwester in einem Weinfass verschwinden. Als plötzlich Laura (Judy Geeson), die Schwester der Toten, in der Pension auftaucht und unbequeme Fragen stellt, muss Marta aus der Bedrängnis heraus andere Maßnahmen ergreifen...

»Das ist doch hier kein Freudenhaus!« Erbost schreit Marta ihren weiblichen, besonders hübschen, aber vor allem nackten Pensionsgast an, der sich auf dem Dach des Hauses zum Sonnenbaden positioniert hat. Was die junge Frau als selbstverständlich ansieht, wird für die konservative und unangenehm jovial wirkende Marta zu einem vorgehaltenen Spiegel, der die schönen Verlockungen des Lebens und Freude aufweist, die sie sich offenbar stets versagt hat. In ihrer Rage provoziert sie einen tragischen Unfall mit tödlichem Ausgang, doch bereits ab diesem Zeitpunkt läuft alles anders, als man es sich als Zuschauer vielleicht vorstellt. Polizei? Nein. Reue? Keineswegs. Hysterie? Bestimmt nicht. Eher wird bereits in diesem frühen Stadium der Inszenierung eine fatale Kettenreaktion ausgelöst, die noch mehrere Opfer fordern wird, da alles unter dem Deckmantel des vorgeschobenen Glaubens geschieht. Die Geschichte konzentriert sich hauptsächlich auf die Hauptfigur Marta und deren jüngere Schwester Verónica, die durch Selbstaufgabe in Form von unverständlicher Loyalität auffällt, aber auch ganz offensichtlich von einer tiefen Angst im Würgegriff gehalten wird, die jeden Tag aufs Neue wach gehalten wird. Die Geschichte legt von vorne herein ein straffes Tempo vor und Regisseur Eugenio Martín macht insgesamt überhaupt kein Geheimnis daraus, wohin seine beunruhigende Reise gehen soll, was sich bei jeder Peak-Szene als brillanter Griff herausstellen wird und die Spannung daraus entsteht, dass man manchmal nicht glauben will, wie gewisse Personen reagieren oder was sie tun. Eigenartigerweise fiebert man mit allen Protagonisten mit, sowohl den negativ behafteten, als auch den positiv dargestellten, weil man eben mitleidig anerkennt, dass eigentlich niemand dieses Schicksal verdient hat.

Die Hauptrollen sind mit sehr ungleich anmutenden Damen besetzt. Aurora Bautistas Darbietung stellt in diesem Verlauf quasi die Spitze des Eisberges dar, oder die Wurzel allen Übels, aber gleichermaßen diejenige Person, mit der man eigentlich am meisten Mitleid haben könnte, weil ihr Dasein am meisten verpfuscht ist. Jusy Geeson wirkt im Vergleich zu anderen freizügig posierenden Frauen des Szenarios beinahe schon konservativ, dennoch stellt sie die Verlockungen einer fremden Welt dar, die in der spanischen Provinz noch lange nicht auf dem Radius waren. Die moderne und gleichzeitig selbstbewusst agierende Laura wäre vielleicht nicht der ganz große Dorn im Auge von Marta, wenn sie nicht die existenzielle Gefahr für sie darstellen würde, immerhin sucht sie nach ihrer verschwundenen Schwester und stellt überall unbequeme Fragen. Zwischen den Fronten findet man Verónica wieder, die hin- und hergerissen wirkt und dem Empfinden nach ständig versucht, sich für beide Seiten entscheiden zu wollen, oder eigentlich am liebsten gleich für gar keine. Gespielt von der immer beeindruckenden Esperanza Roy, entstehen interessante Facetten aus dieser Pufferfunktion und man hat es im Gefühl, dass sie für den Verlauf das Zünglein an der Waage werden könnte. Das Hauptaugenmerk liegt und bleibt allerdings auf Marta gerichtet, die zwischen religiösem Wahn und unbeholfenen Befreiungsaktionen pendelt. Eine ganz besondere Szene entsteht in diesem Zusammenhang beispielsweise an einem See, als Marta junge Männer beim Baden beobachtet und sich anschließend durch scharfkantige Weiden am Ufer quält, die ihr überall Verletzungen zuführen. Diese Einstellungen schildern eine Art Selbstgeißelung und Masturbation in einem, verdeutlichen das wohl tägliche Dilemma, in dem die ältere der Schwestern gefangen ist.

Viele großartige Szenen geben sich in "Die Saat der Angst" buchstäblich die Klinke in die Hand und es ist sowohl beachtlich, als auch gleichermaßen wohltuend, dass die religiöse Thematik lediglich zwischen den Zeilen bestehen bleibt und aufgrund der eher diskreten Abhandlung nicht zum universellen Hemmschuh wird. Auch reißerische Elemente stellen mitunter die Würze dar, die Eugenio Martíns Film besonders macht. In Verbindung mit regelrechten musikalischen Wechselbädern, ruhigen und aufwühlenden Sequenzen, immer neuem Nachschub in Form anreisender weiblicher Gäste, gelungenen Schockmomenten und der Integration von kurzen Atempausen, entsteht ein rundum gelungener Eindruck, der vor allem die großartige Atmosphäre offenbart. Die starke Konzentration auf die Hauptpersonen erzielt aufgrund ihres stichhaltigen Schauspiels eine eindrucksvolle Wirkung. So gipfelt der ohnehin schon spannungsgeladene Verlauf in einem atemberaubenden Finale, welches abrupt endet und schlussendlich sogar etwas nachdenklich zurücklässt. "Die Saat der Angst" findet insgesamt einen sehr guten Mittelweg zwischen Unterhaltung und Anspruch, mit Eugenio Martíns nahezu ökonomischer Herangehensweise werden trotz des eigentlich einseitigen Themas Längen vermieden und der Unterhaltungswert steht ohnehin an oberster Stelle. Interessant ist, dass es unterm Strich kaum zu groß angelegten Wertungen kommt und dass die nähere Betrachtung der negativ belasteten Charaktere sogar das Potential preisgibt, Anflüge von Sympathien wahrzunehmen, was allerdings in der Regel wieder mit einem Hackebeil korrigiert wird. Insgesamt handelt es sich auch nicht nur um einen Film der Erstansicht, da die Faszination auch beim mehrmaligen Anschauen bestehen bleibt. Es bleibt ein schwer unterhaltsamer Beitrag, in dem mehrere Genre-Facetten miteinander funktionieren. Top!


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 Betreff des Beitrags: Der Fall Rabanser (1950)
BeitragVerfasst: 31.05.2016 00:18 
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DER FALL RABANSER

● DER FALL RABANSER / IST PETER RABANSER DER TÄTER? (D|1950)
mit Hans Söhnker, Richard Häussler, Carola Höhn, Ilse Steppat, Inge Landgut, Paul Dahlke, Harald Paulsen,
Franz Schafheitlin, Albert Hehn, Erna Sellmer, Inge Meysel, Herta Scheel, Willy Rose, Hans Zesch-Ballot, u.a.
eine Produktion der Junge Film Union | im Verleih der NF
ein Film von Kurt Hoffmann


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»Ich bin nur für Millionäre da!«


Der Journalist Peter Rabanser (Hans Söhnker) arbeitet an einer brisanten Artikelserie, die sich mit dem perfekten Geldraub befassen soll. Um sie so authentisch wie möglich zu gestalten, plant er das Verbrechen selbst bis ins letzte Detail, er freundet sich sogar mit zwei Geldboten an, die er am Stichtag in eine von ihm angemietete Wohnung locken will, doch sein Vorhaben nimmt zu gefährliche Züge an. Um sich und seine Zielscheiben zu schützen, vertraut er sich seinem Freund, Kriminalkommissar Schelling (Richard Häussler) an und bittet ihn, ihn in Gewahrsam zu nehmen, da er andernfalls zwei Morde begehen würde. Schelling nimmt das Geständnis allerdings wenig ernst und schickt Rabanser wieder weg. Bereits am nächsten Tag kommt es jedoch zu einer tödlichen Überraschung, denn die beiden Boten wurden tatsächlich ermordet und von der Beute fehlt jede Spur. Ist Peter Rabanser der Täter..?

Ein potentieller Mörder stellt sich bei der Polizei und man darf gleich sagen, dass es diese Variante im Kriminalfilm sicherlich nicht alle Tage gegeben hat. Als Problem für den weiteren Verlauf von Kurt Hoffmanns Film stellt sich jedoch heraus, dass man viel zu viele Sympathien für den Protagonisten Peter Rabanser empfindet und man ihm die später folgenden Morde einfach nicht in die Schuhe schieben möchte. Glücklicherweise finden sich im Geschehen andere Spitzenkandidaten für das Verbrechen, aber es sind leider viel zu wenige Verdächtige, als dass großartige Kombinationskapriolen aufkommen möchten. Die Geschichte an sich ist sehr interessant, auch die Inszenierung ist als solide zu bezeichnen, wenngleich man für heutige Begriffe sicherlich einiges an Spannung und Tempo vermisst, aber immerhin handelt es sich bei "Der Fall Rabanser" um eine Produktion, die bereits über 65 Jahre mit sich herumzutragen hat. Der Film sieht sich sowohl als Kriminalfilm, als auch als deutsches Star-Kino, was die Besetzungsliste in eindeutiger Manier zu belegen versucht. Bis in die kleinsten Rollen mit bekannten Gesichtern ausstaffiert, kommt man in den Genuss von Darbietungen, die von Geheimnis bis Erkenntnis, über Routine und Spektakel alles zu bieten haben, was das Zuschauer-Herz begehrt. Der Verlauf macht sich anfangs etliche Rückblenden zunutze, um die Umstände dieses eigenwilligen Falles zu rekonstruieren, bis es nach mehr als der Hälfte der Spieldauer zu dem relativ überraschenden Doppelmord kommt. Der Täter, der sich selbst als solcher deklariert hat, ist genauso überrascht wie es der Zuschauer vielleicht auch ist, hatte man doch eher eine Art Prävention im Sinn, da die Polizei bereits unterrichtet war. Gängige Gesetze des Kriminalfilms werden in Hoffmanns Film nicht durchbrochen, sondern vielmehr klassisch bedient, und schließlich lässt sich sagen, dass man es mit gepflegter Unterhaltung mit Whodunit-Bonus zu tun hat.

In der Haupt- und Titelrolle sieht man Routinier Hans Söhnker, in dessen Möglichkeiten es nicht nur gelegen hat, jede erdenkliche Rolle zu kultivieren, sondern er drückt dem Geschehen auch seinen üblichen Stempel auf. Man möchte gerade in diesem Fall nicht von Dominanz sprechen, aber er strahlt eine besondere Vehemenz aus, ganz gleich, in welcher Lager er sich gerade befindet. Für Recht und Ordnung steht Richard Häussler, der zehn Jahre später noch eine feste Größe im gängigen deutschen Krimi werden sollte. Auch seine Darbietung ist wie immer beeindruckend. Bei den Damen entsteht ein unsichtbarer Kampf um die weibliche Hauptrolle, da sowohl Carola Höhn, als auch Inge Landgut und Ilse Steppat mit gleich großen Parts beauftragt wurden. Landgut und insbesondere Höhn schaffen es alleine aus dramaturgischen Gründen nicht, sich aus Steppats Schatten hinauszuspielen, die eine überaus geheimnisvolle und verschlagene Aura zu transportieren weiß. Eines haben jedoch alle gemeinsam, denn die aufmerksame Kamera sorgt für mehrere Strecken an exponierten Großaufnahmen, nicht zuletzt um Stimmungen und Spannungen auf einem Silbertablett zu servieren. Abgerundet durch Auftritte von beispielsweise Paul Dahlke, Franz Schafheitlin oder Inge Meysel, sieht man alleine auf Basis der Darstellkunst schon einmal Überdurchschnittliches. Um Finessen und Wendungen bemüht, zeigt sich der Verlauf recht gut aufgebaut. Wenn aber schließlich der Vorhang gefallen ist, entsteht unweigerlich der Eindruck, dass die Geschichte letztlich zu konstruiert wirkt, sodass sich eine gewisse Vorhersehbarkeit nicht leugnen lässt. Wer es also gerne konservativ klassisch mag, darf Kurt Hoffmanns gut besetztem "Der Fall Rabanser" ruhig einmal eine Chance einräumen, nicht zuletzt, um an aussagekräftige Vergleichsmöglichkeiten hinsichtlich ähnlichen, und später entstandenen Beiträgen zu gelangen. Für Krimi-Fans daher sicherlich sehenswert.


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 Betreff des Beitrags: Sherlock Holmes und das Halsband des Todes (1962)
BeitragVerfasst: 05.06.2016 16:12 
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● SHERLOCK HOLMES UND DAS HALSBAND DES TODES / SHERLOCK HOLMES ET LE COLLIER DE LA MORT /
SHERLOCK HOLMES - LA VALLE DEL TERRORE (D|F|I|1962)
mit Christopher Lee, Hans Söhnker, Hans Nielsen, Ivan Desny, Senta Berger, Wolfgang Lukschy, Leon Askin,
Edith Schultze-Westrum, Bruno W. Pantel, Linda Sini, Heinrich Gies, Roland Armontel und Thorley Walters
eine Produktion der CCC Filmkunst | Criterion Productions | Incei Film | im Constantin Filmverleih
ein Fernsehfilm von Terence Fisher


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»Ich werde erst aufatmen, wenn das Ding außer Landes ist!«


Sherlock Holmes (Christopher Lee) und sein Assistent Dr. Watson (Thorley Walters) haben es mit einem kniffligen Fall zu tun, denn sie sind auf der Suche nach dem wertvollen und der Legende nach mit einem Fluch beladenen Halsband der Kleopatra, das vor Jahren in Ägypten verschwand. Hochgradig verdächtig ist der Archäologe und Kunstsammler Professor Moriarty (Hans Söhnker), der für seine Rücksichtslosigkeit bekannt ist, wenn es um Kunstschätze geht. Die beiden Detektive wollen seinen ehemaligen Expeditions-Kollegen Peter Blackburn (Wolfgang Lukschy) aufsuchen, der das kostbare Stück offenbar unmittelbar nach der Ausgrabung gestohlen hatte, doch sie kommen zu spät. Blackburn wurde ermordet. Holmes setzt Inspektor Cooper (Hans Nielsen) über den Stand seiner Ermittlungen in Kenntnis, doch dieser möchte nichts von einer Beteiligung des angesehenen Professor Moriarty wissen...

Besonders im Kriminalfilm-Bereich der 60er-Jahre lässt sich sagen, dass die Konkurrenz nicht am schlafen war, sodass der geneigte Zuschauer bestenfalls in den Genuss von alternativ oder gleich angelegten Produktionen kam, die sich häufig insbesondere im Fahrwasser der erfolgreichen Edgar-Wallace-Reihe bewegten. Zu "Sherlock Holmes und das Halsband des Todes" lässt sich zunächst schon einmal sagen, dass es sich um ein Produkt handelt, dass sich, aufgrund der Titelfigur und der damit verbundenen Thematik, ganz offensiv gegen bestehende Formate stellt und auf dem Papier etwas Besonderes darstellt. Auch der Stab wurde in einzelnen Fällen weitsichtig auf das anvisierte Ergebnis abgestimmt und die Voraussetzungen dürfen als besonders günstig bezeichnet werden. Ist unter Artur Brauners Spürnase jedoch der ganz große Überraschungs-Coup entstanden? Betrachtet man das angestaubte Ergebnis, muss man leider nein sagen, denn die Inszenierung beugt sich den bestehenden Gesetzen handelsüblicher Produktionen unterm Strich viel zu hart und letztlich auch zu bereitwillig. Auf der Habenseite ist allerdings zu betonen, dass unter der Regie von Terence Fisher eine ansprechende Atmosphäre simuliert wurde, die diese Produktion mit deutscher Seele, die in Dublin gedreht wurde, streckenweise recht britisch anmuten lässt, was sich auch vor allem auf den dargebotenen Humor übertragen lässt. Einen glaubhaften bis leichtfüßigen Eindruck hinterlassen schlussendlich die beiden Hauptpersonen Sherlock Holmes und Dr. Watson, die jedoch gleichzeitig einigen deutschen Darstellern schwer zusetzen und sie als hölzern und beinahe manchmal als Fehlbesetzung dastehen lassen. Größter Hemmschuh dieses sicherlich ambitionierten Projekts bleibt aber die Geschichte, denn sie ist in ihren Grundvoraussetzungen und der Struktur wegen leider unspektakulär und langweilig, was sich zwangsläufig auf den fertigen Film überträgt.

In dieser Beziehung versuchen die Darsteller das Ruder immer wieder herumzureißen, entgegenzuwirken und völlig belanglose Phasen positiv zu prägen, was trotzdem nicht immer gelingt. Durch Christopher Lee und Thorley Walters bekommt die Produktion ein internationales Flair, Lee überzeugt in weltmännischer und gewitzter Manier, was sich stets in Wort und Tat zeigt. Sein Gegenspieler Professor Moriarty, alias Hans Söhnker, steht ihm in dieser Beziehung in nichts nach und vollendet den Gentleman mit der Seele eines gewöhnlichen Verbrechers. Durch ironische Wortspitzen und ein empfundenes Tauziehen auf Augenhöhe, bleibt das bedrohliche Element vollkommen aus, auch wenn es immer wieder einige Leichen zu sehen gibt. Hans Nielsen auf Seiten der Polizei macht eine annehmbare Figur, weil es stets in seiner Kompetenz gelegen hat, Rollen prägen zu können und diese auch unter widrigen Bedingungen aufzumöbeln. Verschenkt wirken Ivan Desny und insbesondere Senta Berger, mit der der deutsche Kriminalfilm einfach nichts anzufangen wusste. Als schöne Staffage und Stichwortgeberin nimmt man sie zwar wahr, aber ihre Ausstrahlung ist starr und vollkommen uninteressant. Gute Leistungen sieht man abrundend von Leon Askin und Wolfgang Lukschy, ansonsten transportieren viele der übrigen Kollegen zu viel Komik, folglich zu wenig Ernsthaftigkeit. Die Geschichte plätschert insgesamt vor sich hin, die Unterhaltung könnte daher gepflegter nicht sein und im Endeffekt ist das Ganze trotz alternativer Voraussetzungen viel zu konventionell, beziehungsweise konservativ ausgefallen und es schleicht sich daher Langeweile ein. Das Finale verläuft bei so viel konstruierter Konfrontation zu glatt, ist dem Empfinden nach sogar auf eine potentielle Fortsetzung angelegt worden, und letztlich darf jeder selbst entscheiden, ob "Sherlock Holmes und das Halsband des Todes" zu mehr als nur zum Gähnen verleitet.


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 Betreff des Beitrags: Der gekaufte Tod (1979)
BeitragVerfasst: 06.06.2016 01:01 
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Romy Schneider   Harvey Keitel   in

DER GEKAUFTE TOD

● LA MORT EN DIRECT / DER GEKAUFTE TOD / DEATH WATCH (F|D|1979)
mit Harry Dean Stanton, Thérèse Liotard, Eva Maria Meineke, Vadim Glowna, Caroline Langrishe sowie Max von Sydow
als Gäste Bernhard Wicki und David
eine Co-Produktion der Selta Films | Little Bear | Sara Films | Gaumont | TV 13 | Corona Film | Antenne 2 |
S.F.P. | ZDF | im Verleih der Jugendfilm
nach dem Roman von David Compton
ein Film von Bertrand Tavernier


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»Sie haben bisher noch nie so ein Experiment gemacht?«


Eine Großstadt. Auf den ersten Blick sieht alles ganz normal aus. Gezeigt wird das hektische Profil einer Metropole, die Menschen sind in Bewegung, gehen ihrem Tagesgeschäft nach. Doch die Zeiten haben sich geändert, denn in dieser Gesellschaft stirbt man zwar noch aufgrund des Alters oder durch fremde Hand, aber es existieren keine Krankheiten mehr, die zum Tode führen würden. Die Schriftstellerin Katherine Mortenhoe (Romy Schneider) gehört zu den wenigen Menschen, bei denen eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird. Ihr Arzt gewährt einem Team von Fersehleuten bei dem Gespräch anwesend zu sein, das sie durch einen einseitigen Spiegel beobachten. Diese beiden Männer sind Vincent Ferriman (Harry Dean Stanton), Direktor eines großen TV-Senders, und der Fernseh-Produzent Roddy (Harvey Keitel). Da das Fernsehen der große Zeitvertreib der Masse ist, und man mit dem Tod kaum mehr in Berührung kommt, planen die beiden daraus das TV-Happening "Death Watch" zu konstruieren, der begleitete Tod vor laufender Kamera, doch Katherine schlägt das lukrative Angebot von "Death Watch" aus. Als der Druck immer größer wird, unterschreibt sie den Vertrag, hat aber ihre eigenen Pläne und sie begibt sich auf die Flucht. Roddy ist ihr allerdings auf den Fersen und mithilfe einer Kamera, die er sich direkt in den Kopf hinein operieren ließ, kann er jeden Schritt des Objekts der Medien verfolgen und aufzeichnen...

»Eine Zukunft, die morgen schon Gegenwart ist?« Diesen Aufhänger kann man auf dem deutschen Kinoplakat zu Bertrand Taverniers beklemmenden Science-Fiction-Beitrag vernehmen und beinahe kommt es einem über 35 Jahre nach Entstehung dieses, als verkanntes Meisterwerk gehandelten Films, wie eine Frage vor, die rhetorischer nicht sein könnte. Hieraus ergibt sich also die große Stärke der Geschichte, da sie ihrer Zeit um Längen voraus ist und Gefahren anreißt, die zur damaligen Zeit eher in potentieller Form existiert haben dürften. In Zeiten des Reality-TV mag das Ganze vielleicht nicht mehr so außergewöhnlich erscheinen, da man es vor allem mit einer ruhigen, kaum hektischen Bearbeitung zu tun hat, aber rückblickend entsteht beinahe ein Zynismus, der erst einmal übertroffen werden muss. Die anbrechende neue Dekade wird zunächst einmal gut widergespiegelt, damit verbundene Zukunftsängste und nicht absehbare Innovationen thematisiert, der Verlauf sollte bei aller möglichen Realitätsnähe aber eher als gesellschaftskritische Parabel interpretiert werden. Eigenartigerweise ist "Der gekaufte Tod" fast in Vergessenheit geraten, was gerade wegen der Partizipation von Hauptdarstellerin Romy Schneider unverständlich ist, doch die Thematik wirkt auf den ersten und sogar auf den zweiten Blick sehr depressiv, fast schon zurückweisend und über weite Strecken beunruhigend. Also braucht man hier auf keinen leichten Gang zu spekulieren, sondern eher auf einen Leidensweg. Tavernier achtet trotz des schweren Stoffs auf Lichtblicke, die zu ganz großen, bewegenden Szenen des Kinos dieses Zeitfensters gehören. Der Verlauf wird zunehmend rasanter, nimmt immer kontraktere Formen an und provoziert in einem regelrechten russischen Roulette der Emotionen und Stimmungen eindeutige Positionen vom Zuschauer.

Nicht nur die Vehemenz der Inszenierung sorgt für eine unglaubliche atmosphärische Dichte, sondern auch die hochklassigen Darbietungen der Schauspieler tragen zu ganz bewegenden Momenten bei. Wer sich ein bisschen mit dem Gros des Schaffens von Romy Schneider auseinandergesetzt hat, wird auch in dieser sehr anspruchsvollen Rolle sehen, dass die Schauspielerin von ihr fasziniert gewesen sein wird, außerdem kommt es dem persönlichen Empfinden nach erneut zu einer Verschmelzung zwischen Interpretation und überlieferten Szenen des Privatlebens, wie beispielsweise Romy Schneiders öffentlicher Krieg mit der Presse. An Regisseur Bertrand Tavernier schrieb sie in diesem Zusammenhang: »Drei Viertel dieses Films haben mit mir zu tun. Ich werde Deine Katherine sein, ich werde es die ganze Zeit bis zum Schluss sein.« Was hier wie ein Versprechen klingt, sollte sich auch bewahrheiten, denn wieder einmal sieht man eine Interpretation der Schauspielerin, die leidenschaftlich aufgeladen, und exzellent gespielt ist. Das makabere Thema trägt den ganzen Verlauf über Romy Schneiders Gesicht, die Hetze durch die Presse nimmt phasenweise unerträgliche Züge an und die Sensationslust, die jeder Zuschauer sein Eigen nennt, wird als brüchiger Spiegel vorgehalten. An ihrer Seite sieht man den Amerikaner Harvey Keitel, der dem Zuschauer zu Beginn sehr viel zumutet, um später eine tragische Metamorphose durchzumachen. Der erste Gedanke an das Duo Keitel und Schneider will im Vorfeld nicht richtig funktionieren, doch spätestens wenn man die besondere Interaktion mit den eigenen Augen sieht, aber auch mit denen der Kamera-Teams oder der Protagonisten, stellt sich Faszination, Mitfiebern und Überzeugungskraft ein. In den wenigen Sequenzen, in denen die beiden Hauptdarsteller das Feld ihren Nebenfiguren überlassen, entstehen ebenso subtile, aber auch vollkommen sterile Momente.

So sieht man beispielsweise Harry Dean Stanton, Vadim Glowna und Eva Maria Meineke, Max von Sydow oder Bernhard Wicki in einem ergreifenden Gastauftritt, außerdem kommt man in den Genuss einer einmaligen Angelegenheit, denn Romy Schneiders Sohn David hat hier eine wunderschöne Szene mit seiner Mutter. Was man insgesamt sieht ist eine besondere Interpretation des weitläufigen Themas Science-Fiction und geschickt wird mit diversen Abgründen und (eigenen) moralischen Grenzen und Gesetzen gespielt, sodass man nach dem Ende selbst hinterfragen darf, wo genau man eigentlich steht. Die Erstansicht kann diesem Beitrag potentielle Probleme bereiten, da er zunächst vielleicht nicht das hergeben möchte, was er vielleicht suggeriert, nicht bereitwillig das preisgeben möchte, was man erwartet und es ist die alternative Herangehensweise, die entrüsten kann, weil sie der Realität nicht so fern scheint, wie man es sich zunächst einbildet. Das Hauptthema der gnadenlosen Verfolgung nimmt nervöse Tendenzen an, um in pure Spannung zu umzuschlagen, auch kleinere Action-Kostproben werden bereit gehalten. Immer wieder kommt es aber ausgleichsweise zu ruhigen Momenten, manche, die so heruntergefahren wirken, dass man sie kaum begreifen kann und die vielen Etappen, die beide Protagonisten nehmen müssen, wirken ab einem gewissen Zeitpunkt determiniert, nur noch in eine Richtung laufend und die logische Konsequenz fordernd. Als Ende einer unbarmherzigen Hetzjagd wünscht man sich nun förmlich einen Befreiungsschlag, oder Ruhe und Einklang, die von der Regie auch gewährt werden, jedoch in Form einer bitteren Prognose für anhaltende Atemlosigkeit sorgen. "Der gekaufte Tod" ist insgesamt ein bemerkenswerter Beitrag des anspruchsvollen Kinos geworden, der durch Kompetenz in allen erdenklichen Bereichen zu dem wurde, was er ist, nämlich ein weitsichtiges und einfach nur großartiges Experiment.


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 Betreff des Beitrags: Der Tod des Herrn Kurusch (1971)
BeitragVerfasst: 15.06.2016 11:46 
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● Folge 40: DER TOD DES HERRN KURUSCH (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Volkert Kraeft, Cornelia Froboess, Christiane Krüger, Wolfgang Büttner, Martha Wallner, Heinz Baumann, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Theodor Grädler




Der nicht sonderlich beliebte Herr Kurusch sucht Monat für Monat die Bewohner seiner Mietshäuser auf, um die Mietgelder eintreiben, die er sich in bar auszahlen lässt. Dementsprechend weiß auch jeder, dass er Einnahmen von über 12 000 DM mit sich herumträgt. Einer seiner Mieter, der Student Ewald Lerche, fasst einen Entschluss, um sich aus der finanziellen Misere zu befreien. Mit einem Hammer will er Kurusch erschlagen und die Geldsumme erbeuten, doch der Plan geht nicht auf. Gerade als er zur Tat schreiten will, macht er eine verwirrende Entdeckung. Jemand kam dem jungen Mann zuvor und hat Kurusch erschlagen. Als Lerche fluchtartig die Wohnung verlässt, läuft er geradewegs der Nichte des Toten in die Arme, die ihn schließlich bei der Polizei als Mörder identifiziert...

Folge 40 der beliebten Krimi-Serie befasst sich vergleichsweise mit einem, auf den ersten Blick recht profanen Fall, dem Habgier zugrunde liegt. Die Einleitung konzentriert sich auf die lückenlose Vorstellung der Hauptpersonen, sodass man schnell weiß, mit wem man es zu tun bekommt. Die Charakterisierung des Herrn Kurusch geschieht somit schnell und ohne Umschweife, man sieht einen alten Mann mit pedantischen und unaufgeregten Zügen, der ganz offensichtlich keinen Wert auf (un)angebrachte Höflichkeiten legt. Naturgemäß zieht er den Unmut, um nicht zu sagen Hass auf sich, da er lediglich als unerbittlicher Geldeintreiber gilt, den die Nöte der Leute nicht im Geringsten interessiert. Der Grund für den wenige Minuten später folgenden Mord wird also mit Neid und Habgier ziemlich schnörkellos thematisiert und die Tatsache, dass junge Leute einen perfiden Mordplan ausarbeiten, lässt den Zuschauer etwas irritiert zurück. Der Clou der Geschichte ist, dass natürlich alles anders kommt, als erwartet, denn der potentielle Mörder findet nur noch eine Leiche vor. Da er quasi auf frischer Tat ertappt wurde, sich aber praktisch nichts vorzuwerfen hat, macht den besonderen Reiz der Geschichte aus. Ewald Lerche muss sich plötzlich rechtfertigen, seine Unschuld beweisen, auch wenn sie im moralischen Sinne längst nicht mehr besteht und da man die Vorgeschichte kennt, hegt man wenig Sympathien mit dem abgebrüht wirkenden jungen Mann, der zu allem Überfluss auch noch seine Freundin Helga hemmungslos mit in die Affäre zieht. Die Folge ist durchzogen mit Hektik, Nervosität, Beschuldigungen und Misstrauen, woraus die eigentliche Spannung entsteht. Im späten Verlauf tauchen noch interessante Personen auf, die wichtige Informationen für den Fall liefern, überhaupt lässt sich sagen, dass man gerade wegen der beteiligten Darsteller sehr aussagekräftige Charakterzeichnungen offeriert bekommt.

Zweifelhafter Protagonist dieser vierzigsten Episode ist der damals dreißigjährige Volkert Kraeft, der es geschickt in die Wege leitet, ihn zwischen Abneigung und Gerechtigkeitsempfinden wahrzunehmen. Da es dem Zuschauer möglich war, unmittelbar bei seinem gescheiterten Vorhaben dabei zu sein, und man ihn daher als eigentlich unschuldig identifiziert, wird man zu seinem unfreiwilligen Komplizen, eine Allianz, die kein besonderes Verständnis hervorrufen wird. Die Tatsache, dass er seine Freundin Helga, die von Christiane Krüger einmal mehr sehr eindrucksvoll dargestellt wird, rücksichtslos einspannt, macht ihn noch weniger sympathisch, allerdings verlangt der erfahrene Krimi-Zuschauer, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Der Plan der beiden ist, um es auf den Punkt zu bringen, dilettantisch und von Einfältigkeit geprägt, was sich vor allem post mortem zeigt, da die Verwischung von Spuren und das Konstruieren von falschen Fährten nichts anderes als den Mut der Verzweiflung dokumentiert. Ein gefundenes Fressen für einen Routinier wie Kommissar Keller, der vor allem Lerche im Visier hat, weil sein nervöses Gesicht Bände spricht. Sehr gute Leitungen bekommt man noch von Cornelia Froboess und Wolfgang Büttner geboten, die Vehemenz und charakterliche Starre personifizieren, auch Martha Wallner als Kuruschs kalt gestellte Ehefrau und Trinkerin hinterlässt einen hervorragenden Eindruck. Theodor Grädler inszeniert diesen Fall mit seinen üblichen pragmatischen Tendenzen, vor allem der Aufbau ist bei "Der Tod des Herrn Kurusch" besonders geglückt, sodass befürchtete Längen erst gar nicht aufkommen wollen. Die Auflösung lässt insgesamt vielleicht ein bisschen zu viel Überraschung vermissen, allerdings wurden die vorhandenen, vielleicht etwas begrenzten Möglichkeiten hier optimal ausgenutzt. Es bleibt eine Folge mit Profil und äußerst kurzweiligem Charakter, die gerade deswegen in Erinnerung bleibt.


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 Betreff des Beitrags: Das große Liebesspiel (1963)
BeitragVerfasst: 16.06.2016 20:05 
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DAS GROSSE LIEBESSPIEL

● DAS GROSSE LIEBESSPIEL / REIGEN 63 (D|A|F|1963)
mit Lilli Palmer, Hildegard Knef, Peter van Eyck, Alexandra Stewart, Paul Hubschmid, Daliah Lavi, Thomas Fritsch,
Danièle Gaubert, Angelo Santi, Elisabeth Flickenschildt, Peter Parten, Gisela Trowe, Walter Giller, Charles Regnier,
Fritz Tillmann, Richard Münch, Paul Hoffmann, Egon von Jordan, Ulli Lommel sowie Martin Held und Nadja Tiller
eine Produktion der Team Film | Wiener Stadthalle-Station Betriebs-und Produktionsgesellschaft | im Nora Filmverleih
ein Film von Alfred Weidenmann


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»Ein Betrunkener wirft Steine in seine eigenen Fenster«


Zwölf Momentaufnahmen, beziehungsweise Liebesepisoden, bei denen sich keine tieferen Gefühle entwickeln und sich die betreffenden Personen nur an der Oberfläche treffen werden. Ein Polizist lässt sich mit einem bekannten Callgirl ein, die wiederum gebucht wird, um einen Schüler in die Geheimnisse der Liebe einzuweihen. Dieser junge Mann lässt sich mit der attraktiven Gattin seines Direktors ein, den man wenig Später im Bett einer aufreizenden Sekretärin findet, die wiederum ein Verhältnis mit ihrem Chef beginnt. Die geschiedene Frau des Chefs verfällt einem Studenten, der einer hübschen Französin nicht widerstehen kann, die sich auf eine Liaison mit einem Gastarbeiter einlässt. Eine berühmte Schauspielerin kann dessen Charme ebenfalls nicht widerstehen, bis sie sich in den Armen eines Diplomaten wiederfindet, der seiner älteren Freundin den Laufpass gibt, bis sich der Kreis wieder schließt und zwar mit dem Callgirl...

Bei Alfred Weidenmanns "Das große Liebesspiel", dessen dramaturgischer Rahmen an Arthur Schnitzlers "Reigen" erinnern soll, stellt sich insgesamt die Frage, ob ein Film der mit einer derartigen Dichte an Stars aufwartet, überhaupt Schwächen aufweisen kann? Die Regie beantwortet diese Frage binnen kürzester Zeit selbst, da die Aneinanderreihung der zwölf Episoden rund um die Liebe und Libido äußerst vage, und im Endeffekt wenig geistreich ausgefallen ist. Es lässt sich kaum leugnen, dass der Anstrich zwar modern wirkt und der Charakter gerne provokant anmuten möchte, doch leider ist dabei nicht mehr herausgekommen als ein ziemlich biederes Lustspiel nach bekanntem Strickmuster, in dem einfach die meisten Elemente krampfhaft aufbereitet erscheinen und daher kaum ein eigener Charakter oder Charme entsteht. Bei einer derartigen Wucht an darstellerischen Akzenten mag es sich vielleicht eher nach Jammern auf hohem Niveau anhören und schließlich steht auf der Habenseite noch ein Routinier wie Alfred Weidenmann, der Star-Kino stets publikumswirksam inszenieren konnte, daher auch hier in die Sphären eines klassischen Ausstattungsfilms kommt. Außerdem stammt das Drehbuch von keinem Geringeren als Herbert Reinecker, doch trotz all dieser günstigen Grundvoraussetzungen will kein zufriedenstellender Eindruck entstehen. Gerade in Szenen mit Lilli Palmer, in denen sie mit ihrem Gegenüber einen inneren Monolog führt und Kommentare abgibt, die nur der Zuschauer vernehmen kann, fühlt man sich stark an den ein Jahr zuvor entstandenen Weidenmann-Film "Julia, du bist zauberhaft" erinnert, der mit seiner charmanten Leichtfüßigkeit unterhalten konnte. Dieser Eindruck will hier nie so richtig aufkommen, sodass sich dieser Beitrag lediglich auf ein handelsübliches Star-Vehikel reduzieren lässt, in dem die Protagonisten mehr als nur einmal Kolportage betreiben und hin und wieder ins offene Messer laufen. Die Besetzung liest sich absolut traumhaft, die bekannten Namen wollen im Vorspann, in dem man direkt die bekannte Melodie eines Evergreens zu hören bekommt, überhaupt nicht aufhören.

In diesem Zusammenhang wird man Hauptdarstellerin Hildegard Knef ihr Lied "Eins uns eins, das macht zwei" performen sehen, was ein wenig deplatziert und auch unfreiwillig komisch anmutet. Eigentlich hat man es mit einem Film zu tun, der Schwierigkeiten mit seinem Humor hat, diesen aber trotzdem ungelenk zu vermitteln versucht, auch die Konstellationen ergeben sich lediglich nach dem Zufallsprinzip, was ja durchaus seinen Reiz haben kann, allerdings genügt hier weniger als ein nicht vorhandener Augenaufschlag der attraktiven Damen, um die Männerwelt in Wallung zu bringen. Die bereits erwähnte Lilli Palmer tritt erst sehr spät im Szenario auf und bekommt erneut die große Bühne von Alfred Weidenmann geebnet, Konkurrenz mit den anderen Stars entsteht erst gar nicht, da gemeinsame Szenen nicht aufkommen. Glücklicherweise erscheinen alle Darsteller kompetent und feinfühlig genug, um einige widrige Voraussetzungen des Scripts glattzubügeln und der Zuschauer begnügt sich schließlich mit der bloßen Reduzierung auf einen Schauspieler-Film. Die Rollen sind aufgrund der Strukturierung des Verlaufs meistens kurz bis sehr kurz ausgefallen, man kommt in den seltenen Genuss, große Namen selbst im kleinen Nebenrollen erleben zu können. Erwähnenswerte Auftritte sieht man von der wieder einmal sehr schönen Alexandra Stewart, der verführerischen Daliah Lavi, Peter Parten, der mit überraschend gewitztem Schauspiel auftrumpft, oder der Französin Danièle Gaubert, die Verve zu vermitteln weiß. Auch die meisten der übrigen Rollen hinterlassen sehr gute Eindrücke, vor allem beachtenswert ist erneut Elisabeth Flickenschildt, die 1964 für ihre darstellerische Leistung mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet wurde. Der Verlauf plätschert dem Empfinden nach vor sich hin, weil über er eine Geschichte verfügt, die zwar episodisch erzählt wird, aber im Sinne eines Aufgusses Eintönigkeit vermittelt. Als hervorragend ist die aufmerksame Kamera zu beschreiben, die das Flair der Schauplätze ansehnlich zu transportieren weiß, außerdem Stimmungen und vermeintliche Gefühle andeuten kann. Im Endeffekt betreibt "Das große Liebesspiel" viel Aufwand um Nichts, oder zumindest um nicht sehr viel und bleibt daher unterm Strich leider etwas enttäuschend.


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 Betreff des Beitrags: Ärztinnen (1984)
BeitragVerfasst: 18.06.2016 13:59 
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ÄRZTINNEN

● ÄRZTINNEN (DDR|D|CH|S|1984)
mit Judy Winter, Inge Keller, Walther Reyer, Rolf Hoppe, Daniel Jacob, Michael Gwisdek, Käthe Reichel, Wolfgang Dehler,
John Harryson, Horst Schulze, Christoph Engel, Hartmut Puls, Leon Niemczyk, Barbara Dittus, Gerlinde Bölke und Ellen Schwiers
eine Produktion der DEFA | Manfred Durniok Filmproduktion | Monopol Film | Sveriges Television | im Progress Filmverleih
ein Film von Horst Seemann


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»Hier geht es nicht um Integrität, hier geht es um Millionen!«


Lydia Kowalenko (Inge Keller) arbeitet seit vielen Jahren in einem Pharma-Konzern, dem sie ihre ganze Tatkraft zur Verfügung stellt. Eines Tages wird sie plötzlich entlassen, da sie sich weigert, tödliche Zwischenfälle bei der Erprobung eines neuen Präparats zu verschleiern. Ihre Tochter Katia Michelsberg (Judy Winter) ist ebenfalls Ärztin und ausschließlich an ihrer Karriere orientiert. Dementsprechend ist sie eine leidenschaftliche Befürworterin der Forschung und kennt im Zweifelsfall keine Skrupel, um beruflich weiterzukommen. Eines Tages kommt es nach einer riskanten Biopsie zu einem unerwarteten Todesfall eines jungen Mädchens, und gegen Dr. Michelsberg wird eine Untersuchung wegen Fahrlässigkeit mit Todesfolge eingeleitet. Ihr Sohn Tom (Daniel Jacob), der ebenfalls Medizin studieren möchte und zur Zeit Hilfskraft in der Pathologie ist, erfährt dort, was seiner Mutter vorgeworfen wird. Der große Schock dabei ist jedoch, dass er selbst dieses Mädchen, das vom Pferd fiel, gefunden hatte und für medizinische Hilfe sorgte, die Tatsachen aber nun mit allen Mitteln verschleiert werden sollen...

Der unscheinbar anmutende und medizinische Sachlichkeit repräsentierende Titel "Ärztinnen" sagt im Kern zwar aus, womit sich dieser hervorragende Beitrag von Regisseur Horst Seemann befassen möchte, allerdings wird der Verlauf dokumentieren, dass man es mit angriffslustigen Hyänen zu tun bekommen wird, die im Zweifelsfall über Leichen gehen. Erfolg und Reputation sind die treibenden Kräfte, die immer wieder moralische Grenzen infrage stellen. Da der Film explizit Medizinerinnen anspricht, wird gleichzeitig der harte Wettbewerb in einer von Männern dominierten Branche angesprochen, in der zahlreiche Köpfe rollen werden. Im Zweifelsfall hat man Kollegen, vielleicht sogar Verbündete, hin und wieder auch Liebhaber und Geliebte aus dem gleichen Metier, doch keine Freunde und Personen, denen man trauen kann, da alles nur auf den eigenen Vorteil und den Untergang anderer angelegt ist. Die Frauen kämpfen untereinander empfundendermaßen mit noch giftigeren Methoden, um die Konkurrenz zu diffamieren, auszuschalten und zu ruinieren. Reflektiert der Film also die blanke Realität rund um das Phantom Pharma-Mafia? Zumindest ist ein interessantes Gedankenspiel im Rahmen einer dramatischen und exzellent funktionierenden Assoziationskette entstanden, die zum Denken anregt und dabei nicht nur an der Oberfläche kratzen will. Was schließlich ins Reich der Mythen verwiesen werden kann, spielt in diesem Verlauf nicht die entscheidende Rolle und es entsteht ein sehr intelligenter Unterhaltungsmodus, der das Thema Tiefgang aber zu keiner Sekunde vergisst, beziehungsweise ausschließt. Diese Co-Produktion zwischen mehreren Ländern zeigt sich national orientiert und international inspiriert, zumindest scheint es so, und im Sinne der heiklen Thematik kommt ein ordentlicher Spannungsbogen zustande, der allerdings hauptsächlich ohne reißerische Mittel auskommt und seine beunruhigende Wirkung aus dem Verfall jeglicher Sitte und Moral erzielt.

Die Welt ist in Ordnung, solange die Arbeit ausfüllt und erfolgreich über die Bühne geht, man Anerkennung erhält und Profit erwirtschaftet. Sich ein Denkmal zu setzen, erscheint das oberste Credo zu sein, sodass emsig daran gearbeitet wird, was rücksichtslose bis fahrlässige Aktionen in Eigenregie natürlich nicht ausschließt. Wenn am Ende der nicht einkalkulierte Tod steht, kann man sämtliche Ratten dabei beobachten, wie sie das sinkende Schiff schleunigst verlassen, da die Schuld den Charakter einer alleinigen haben muss. Allianzen und Romanzen zerbrechen, harte Vorwürfe werden durch verzweifelte Rechtfertigungen abgewiegelt und in diesem Zusammenhang macht sich die ausgezeichnete Dialogarbeit bezahlt. Der Ton wird hier von medizinisch-klinischen Worthülsen angegeben, Sachlichkeit und Pragmatismus werden als die Torpedos eingesetzt, die am empfindlichsten treffen sollen. »Die Pathologen. Die können alles, die wissen alles. Leider kommen sie immer 24 Stunden zu spät!« Es kommt zu mehreren, derartig herrlichen Kostproben, vor allem wenn das Kollegium die Möglichkeit bekommt, sich gegenseitig in der Luft zu zerreißen, oder man eben einmal extern Dampf ablässt, doch hier läuft alle Schuld nur in eine Richtung, nämlich gen Dr. Katia Michelsberg, alias Judy Winter, die sich für einen Kunstfehler verantworten soll. Das Prinzip der Ersetzbarkeit nimmt hier zum zweiten Mal deutliche Gestalt an, zuvor wurde Frau Doktors Mutter in ihrem Pharma-Konzern gefeuert, da sie so wahnsinnig gewesen ist, ihre Moralvorstellungen auch noch bei ihrem Direktor kundzutun. Winter spielt die ambitionierte Ärztin absolut überragend und verleiht ihr eine eiskalte Note, die allerdings durch Temperament, Schlagfertigkeit und Intelligenz immer wieder aufgetaut wird. Sie bekommt die Karriere und das Private ganz offensichtlich nicht zufriedenstellend unter einen Hut, aber es sind wahlweise die anderen, die zurückstecken müssen.

So beispielsweise ihr zwanzigjähriger Sohn, gespielt von Daniel Jacob, der im wahren Leben der Sohn von Gast-Star Ellen Schwiers war und leider ein Jahr später an einem Tumor verstarb. Er stellt die mahnende Instanz dar, der seiner Mutter immer wieder einen Spiegel vorhält und sie mit seinen rhetorischen Fragen und zynischen Kommentaren immer aufs Neue trifft. Auch er möchte Mediziner werden, tendiert aber dazu, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, sehr zum Missfallen der gekränkten Mutter, die ihm unbedachte Vorwürfe macht. »Warum wirste nicht gleich Heilpraktiker?«, hört man sie abschätzig giften, doch bei ihrem Sohn beißt sie schon längst auf Granit, da er alles von sich abprallen lässt. Judy Winter windet sich in diesen Szenen, sie diskutiert, erklärt, schiebt die diffuse Schuld auf alle anderen ab und räumt selbst keine Fehler ein, höchstens bedauerliche Launen des Schicksals. Weiteren Gegenwind erhält sie von ihrem geschiedenen Mann, den sie wütend Wald-und-Wiesenarzt nennt, der es nicht anerkennt, dass die höheren Ziele der Forschung über allem zu stehen haben und naturgemäß eben ihre Opfer fordern. Neben den bereits erwähnten Darstellern sieht man noch weitere bemerkenswerte Leistungen von Inge Keller, Rolf Hoppe und Walther Reyer, die ihre weitgehend zweifelhaften Charaktere ausgezeichnet interpretieren. In diesem Verlauf, der einem Roulette aus Täuschung, Blendung und Bestechung gleicht, sieht man viele kritische Untertöne, die sogar sehr laute Formen annehmen, aber des Rätsels Lösung nicht gleichzeitig anbieten. Praktischerweise muss das Schicksal herhalten und die zugegebenermaßen dick aufgetragene, aber überaus passende Dramatik gegen Ende herausarbeiten. Horst Seemann lieferte insgesamt einen Film von großer Klasse ab, der sich weitsichtig orientiert, auch wenn er zugegebenermaßen hin und wieder an Kolportage aneckt, und in dem man lauter Ärzte und wahlweise Ärztinnen sieht, die ausschließlich daran interessiert sind, einen krank zu machen.


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 Betreff des Beitrags: Fünf Freunde und der Zauberer Wu (1978)
BeitragVerfasst: 19.06.2016 21:39 
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● Folge 18: FÜNF FREUNDE UND DER ZAUBERER WU (2) / FIVE ARE TOGETHER AGAIN (2) (1978)
mit Marcus Harris, Gary Russell, Jennifer Thanisch, Michele Gallagher, Michael Hinz, Friedrich von Thun
Gäste: Alfie Bass, Kenneth Cope, Peter Jeffrey, Timothy Bateson, David Rappaport, Wayne Brooks, u.a.
eine Produktion der Southern Television | in Zusammenarbeit mit dem ZDF
Regie: James Gatward



Nach der Aufregung wegen des Einbruchs in Professor Haylings Forschungsturm und dem Verschwinden wichtiger Dokumente, ist die allgemeine Verwirrung umso größer, als diese wieder auftauchen. Zum Erstaunen von Julian, Dick, Anne und George ist es ausgerechnet Mr. Wu, der dem Professor die geheimen Papiere wieder übergibt, hatte man doch gerade diesen zwielichtigen Zeitgenossen in Verdacht. Die Fünf Freunde werden durch diese Umstände nur noch misstrauischer und fassen einen Entschluss, der bei den Erwachsenen nicht gerade auf Zustimmung stößt. Die Kinder wollen beweisen, dass der Zauberer und sein merkwürdiger Assistent ein Verbrechen planen und mithilfe einer Falle wollen sie die Wahrheit ans Licht bringen. Haben die Kinder wieder den richtigen Riecher gehabt, oder konspiriert eine andere Person im Hintergrund..?

»Man braucht drei Schlüssel, um in den Turm zu kommen!«, hört man den zu nachtschlafender Zeit aufgeweckten Professor zu seiner aufgebrachten Haushälterin sagen, und auch für den Zuschauer erscheint es höchstens unter artistischen Fähigkeiten möglich zu sein, dort einzusteigen. Kein Wunder also, dass die Beteiligten und man selbst auch direkt an den Zirkus denkt und den Einbrecher dort vermutet. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass zahlreiche Dokumente aus dem Labor verschwunden sind und als die Haushälterin auch noch betont, dass es dort aussehe, als ob ein wildes Tier herumgewütet habe, ist es sonnenklar, dass die Kinder Charlys Unschuld beweisen müssen. Für Kinderaugen greift der Spannungsaufbau über einen Sympathieträger in Form eines Tieres ja bekanntlich immer gut, doch die Irritation ist perfekt, als der Hauptverdächtige, Mr. Wu, die verschwundenen Papiere dem Professor höchstpersönlich zurück bringt. Sind die jungen Ermittler auf einem falschen Dampfer, oder ist der Zauberer doch gerissener als angenommen? Fragen, die den Charakter der Serie ausmachen und für gute Unterhaltung sorgen. Die Schauplätze und Personen sind aufgrund der Doppelfolge identisch mit der ersten Episode und vermitteln einen hohen Wiedererkennungswert, vor allem auch, weil das Strickmuster dieses Falls ebenfalls keine besonderen Abweichungen angesichts des Serien-Kontextes erfährt.

Um die Spannung perfekt zu machen, wird ein Trick der Kinder zur Falle für den Täter werden Zu diesem Zweck kommt es zu obligatorischen Szenen in unterirdischen Katakomben, in diesem Fall erneut auf der Kirrin-Insel, und der Schutz der Dunkelheit ist wieder einmal sehr förderlich für ein angemessenes Tempo. Immer wenn die Gefahr greifbare, beziehungsweise vehemente Formen annimmt, kommt man im besonderen Maße auf seine Kosten, sodass des Rätsels Lösung gerne in fünf-vor-zwölf-Aktionen präsentiert wird. Wie so oft, trennen sich die Kinder gegen Ende eines Falls, um im Notfall für fremde Hilfe sorgen zu können, wenn einer von ihnen in Schwierigkeiten geraten ist. Hier ist es George, die mit Timmy den Lockvogel mimt, außerdem lässt sie es sich wie üblich nicht nehmen, mit dem Boot zur Insel zu kommen, da sie nach eigenen Angaben die einzige der "Fünf Freunde" ist, die sachgerecht überfahren kann, weil sie auch die Gefahren in Form von Strömungen kennt. Insgesamt bekommt man unter der längst routinierten Regie von James Gatward einen gelungenen Fall in zwei Teilen geboten, der sich stark am erfolgreichen Charakter der Serie orientiert und wieder einmal ein Finale anbietet, das Spannung und Tempo in den Vordergrund stellt. Erstaunlich, aber vor allem sehr angenehm ist es, dass man auch nach bereits 18 Folgen, unter teilweise anderer Regie, so gut wie keine schwächeren Vertreter ausfindig machen kann. So darf es natürlich gerne weitergehen!


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 Betreff des Beitrags: I wie Ikarus (1979)
BeitragVerfasst: 20.06.2016 09:38 
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Yves Montand   in

I WIE IKARUS

● I... COMME ICARE / I WIE IKARUS (F|1979)
mit Michel Albertini, Roland Amstutz, Jean-Pierre Bagot, Georges Beller, Maurice Benichou, Edmond Bernard, u.a.
eine Produktion der Antenne-2 | Société Française de Production | V Films | im Verleih der Neue Constantin Film
ein Film von Henri Verneuil


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»Ein Weltverbesserer bringt sich nicht selbst um!«


Staatspräsident Jarry (Gabriel Cattand) sieht seiner zweiten Amtszeit entgegen. Bei einem öffentlichen Auftritt wird er vor den Augen tausender seiner Anhänger in seinem Wagen von einem Unbekannten erschossen. Der Attentäter namens Daslow (Didier Sauvegrain) wird wenig später tot aufgefunden und man geht von Selbstmord aus. Nach einem Jahr soll die mit den Ermittlungen beauftragte Untersuchungskommission ihr Ergebnis bekannt geben, allerdings kommt es zu einer spektakulären Wendung. Eines der Mitglieder, Generalstaatsanwalt Henri Volney (Yves Montand), verweigert die Unterschrift, sodass der Bericht der Kommission hinfällig wird. Die Ermittlungen werden nun unter der Leitung von Volney wieder aufgenommen, der aufgrund seiner Erkenntnisse nicht an die Tat eines Einzelnen glauben kann. Mit seinem Team rollt er skandalöse Hintergründe auf, doch die Zeit rennt davon, da bereits etliche Zeugen unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen...

Polit-Thriller, ganz gleich aus welcher Dekade sie auch stammen, lassen sich qualitativ zunächst einmal gut daran messen, ob man rückblickend eine nicht endend wollende Brisanz und vor allem andauernde Aktualität ausfindig machen kann. Anhand der ersten Szenen von Henri Verneuils Film, lässt sich gerade in der heutigen Zeit ein ziemlich unbequemer Realitäts-Transfer herleiten, außerdem verspürt man beim Großthema Politik naturgemäß die schwarzen, verborgenen und zerstörerischen Seiten, die von der Öffentlichkeit ferngehalten werden sollen. Sind es nur Märchen? Ernüchternderweise muss man sich sicherlich eingestehen, dass es zwischen Himmel und Hölle mehr konspirative politische Kraft gibt, als man vielleicht für möglich hält. Enthüllungen, Bloßstellungen, Wahrheiten, aber auch Kolportage, bringen die Masse seit jeher in Aufruhr. Bleibt man ganz schlicht bei diesem Beitrag, überträgt sich dieses Gefühl hundertprozentig auf den Zuschauer und die Geschichte hält einen mehr als unangenehmen Spiegel in einem Schachspiel, möglicherweise ohne Länderbindungen vor, in dem zahlreiche Bauern geopfert werden, damit es den Offizieren nicht an den Kragen geht. Wie man sieht, kann ein solches Spiel auch außer Kontrolle geraten, denn hier wird gleich der Staatspräsident höchstpersönlich ermordet, was den Alltag, das politische Ehrgefühl und Gleichgewicht aus den Angeln hebt. Man braucht nicht zu denken, dass es zu chaotischen Zuständen kommt, diese spielen sich nämlich höchstens temporär ab, weil die Erfahrung lehrt, dass jeder ersetzbar ist und dass die Konkurrenz niemals schläft. Gleich von Beginn an geht es also Schlag auf Schlag. Eine Staats-Eskorte wird ebenso von den jubelnden Massen eskortiert, tausende von Menschen und die Sicherheitskräfte werden schon eine gewisse Sicherheit garantieren, so denkt man zumindest. Als dann auch noch der lauernde Attentäter keinen Schuss abfeuern kann, wiegt man die Zielscheibe in Sicherheit.

Wenig später findet man sich in den abgeschirmten Räumen einer Untersuchungskommission wieder, der schnelle Abschluss ist oberste Priorität, sozusagen die Königsdisziplin, vor allem da man den Massen einen Täter zum Fraß vorwerfen kann. Das suggerierte Motiv bewegt sich vollkommen stilsicher und konstruiert zwischen geistiger Verwirrtheit und dissozialer Persönlichkeitsstörung eines Einzelgängers, man kann daher zu einem Abschluss kommen und die sechs Mitglieder der Kommission müssen die Berge von Akten nur noch mit einer Unterschrift absegnen, damit sie der Öffentlichkeit präsentiert werden können. Die Zeit ist nun gekommen, um die Sinnhaftigkeit eines bekannten Sprichwortes hautnah mitzuerleben, nämlich dass die Rechnung ohne den Wirt gemacht wurde. Generalstaatsanwalt Volney verweigert seine Absolution aufgrund vieler ungeklärter Fragen. Der Mann mit der prägnanten Stimme und dem selbstbewussten Auftreten wird vom Zuschauer schnell als diplomatischer Analytiker und intelligenter Rhetoriker mit glasklarem Verstand identifiziert, der es sich aber auch nicht nehmen lässt, unter hohen Einsätzen zu pokern. Ab diesem Zeitpunkt kann dieses brisante Politikum seine Orientierung zum Detail und dem Zusammentragen von Informationen forcieren, die entscheidende Frage, wie die Hintergründe aussehen mögen, sorgt für ausgiebige Spannung. Die Regie scheut sich fortan nicht, ein unüberschaubares Mosaik in Kleinstarbeit mühsam zusammenzufügen, was sich zur großen Stärke entwickeln wird, die man bereits im frühen Stadium wahrnehmen kann. Nicht gerade überraschend, aber relativ plötzlich, gibt es auffällige Brüche in der strategischen Kontinuität des Verlaufs und man wittert die Gefahr von Liquidierung und Mord an allen Ecken und Enden. Längst schließt man ein Komplott von einzelnen Personen oder kleinen Gruppierungen aus, sodass sich der Verdacht verstärkt, dass man es mit weitverzweigtem und bis ins kleinste Detail organisiertem Verbrechen zu tun hat.

Der Kampf gegen ein Phantom ist von Rückschlägen und Ohnmacht geprägt, der Mann, der sich gegen die Maschinerie stellt, wird exzellent von Yves Montand dargestellt. Man kann sicherlich von einer Leistung sprechen, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt, da eine auffällige Mischung von Ausstrahlung und Vehemenz im Krieg gegen subversive Mächte zusammenkommt. Bereits der Vorspann deutet die Ausnahmestellung des Franzosen im Film an, der logischerweise vor dem Titel genannt wird, damit alle anderen Darsteller in alphabetischer Reihenfolge abgespult werden können. Das soll nicht heißen, dass sich nicht auch hier besondere Leistungen ausfindig machen lassen würden, allerdings ist der Film vollkommen auf das Profil von Montand zugeschnitten worden. Was ist unter der unbequemen Grundvoraussetzung zu tun, wenn die Sicherheit von Zeugen und Kollegen längst nicht mehr gewährleistet werden kann? Angesichts dieser Tatsache geht ein stets präsentes Gespenst um, dass sich Tod und Mord nennt, und dessen Opfer, wie sollte es auch anders sein, schleunigst horizontale Gestalt mit Blei im Hirn annehmen werden. Im Sinne von Präzisionsleistungen darf in Henri Verneuils Beitrag definitiv umfassend, oder besser gesagt global gedacht werden, denn die handwerkliche Qualität lässt in keinem Bereich irgend welche Wünsche offen. Mit den Beispielen Ausstattung, Schauplätze, Komparserie, Dialogarbeit oder Musik, erschließen sich höchste Qualitätsebenen und man bekommt ein Gesamtbild vermittelt, das runder nicht sein könnte. Als I wie I-Tüpfelchen darf man auf ein besonderes Finale und eine noch spektakulärere Auflösung dieses verzwickten Falles hoffen, aber der Verlauf garantiert über die gesamte Spiellänge ohnehin besondere Eindrücke. "I wie Ikarus" ist ein umwerfender Polit-Thriller mit spürbarer Brisanz, psychologischer Dichte und außergewöhnlicher Intensität geworden, bei dem der Zuschauer in der stark dezimierten Gruppe der Augenzeugen übrig bleiben wird. Erstklassig!


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 Betreff des Beitrags: Der blaue Nachtfalter (1959)
BeitragVerfasst: 03.07.2016 16:12 
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Zarah Lenader   in

DER BLAUE NACHTFALTER

● DER BLAUE NACHTFALTER (D|1959)
mit Christian Wolff, Paul Hartmann, Werner Hinz, Loni Heuser, Lotte Brackebusch, Erwin Linder,
Hans Richter, Hans Paetsch, Ingrid van Bergen, Lore Schulz, Karl Martell und Marina Petrova
eine Produktion der Berolina | im Verleih der Union Film
nach dem gleichnamigen Roman der Quick
ein Film von Wolfgang Schleif


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»Nur ich werde ihm helfen können!«


Nach 13 Jahren Zuchthaus wird die Sängerin Julia Martens (Zarah Leander) begnadigt. Ihre lange Haftstrafe musste sie absitzen, da sie seinerzeit wegen Mordes an einem rücksichtslosen Erpresser verurteilt wurde, den sie tötete, um ihrem damaligen Mann einen großen Skandal zu ersparen. Dieser starb bereits kurz nach der Urteilsverkündung und zurückgeblieben ist der mittlerweile erwachsene Sohn Thomas (Christian Wolff), der allerdings in dem Glauben lebt, dass seine Mutter ebenfalls tot sei. Wie schicksalhafte Verstrickungen es wollen, gerät Thomas schon bald selbst in eine ähnliche Situation, in der er seine Unschuld beweisen muss...

Betrachtet man zunächst die die Eigenwerbung der Pidax-DVD, die von monatelangen, bis auf den letzten Platz ausverkauften Lichtspielhäusern berichtet, könnte man es nicht verstehen, selbst wenn es so gewesen wäre, da für einen derartigen Kassenschlager einfach ein wenig Potential fehlt. Die Einspielergebnisse bei Wolfgang Schleifs Kriminal-Drama kamen seinerzeit, trotz eines vielversprechenden Anfangsgeschäfts nur in zufriedenstellende Sphären, dass man somit hinter den Erwartungen zurückblieb. Der Hauptgrund für einen Achtungserfolg liegt dennoch ganz offensichtlich auf der Hand, denn der Kinogänger wollte einen der rar gewordenen Auftritte von Zarah Leander sehen, die die Massen immer noch faszinieren, und in einem gewissen Umfang mobilisieren konnte. Die schwedische Darstellerin und ehemalige UFA-Ikone stellt sich auch hier wieder als nicht aufzuschlüsselndes Phänomen heraus, das man schwer in Worte fassen, geschweige denn erklären kann und irgendwie funktioniert die hier in die Jahre gekommene Diva immer noch auf ihre ganz spezielle, mittlerweile eher diffuse Art und Weise. Um sie herum konstruiert wurde wie üblich ein kompletter Spielfilm, der hier unter der Regie von Wolfgang Schleif mit dessen handelsüblicher Handschrift ausgestattet wurde. Komischerweise möchte man dem Film unterm Strich eingestehen, dass er trotz seiner manchmal eher vagen Bearbeitung solide funktioniert, was merkwürdigerweise tatsächlich weitgehend an der Übermacht seiner Hauptdarstellerin liegt, die auch nach all den Jahren und längeren Pausen nicht verlernt hatte, sich als unverkennbares Markenzeichen zu präsentieren. Der Fall kommt nicht über den Durchschnitt hinaus, glücklicherweise sieht man im Schatten der Dominanz von Leander viele solide Darbietungen und einige Wendungen, die problemlos bei der Stange halten.

Rührseligkeit und gut auswendig gelernte Emotionen bestimmen das Spektakel nach Belieben, das Gute dabei ist, dass sich jene Inhalte vollkommen im Einklang mit dem Charakter des Films befinden und man einen guten Unterhaltungsmodus angeboten bekommt. Obwohl Zarah Leander lange vor diesem Film schon wusste, dass irgendwann einmal ein Wunder geschehen werde, wartet man hier global gesehen vergeblich auf ein solches, was eindeutig der viel zu starren und konservativen Regie zuzuschreiben ist. Dennoch bleibt man unweigerlich beim Thema Zarah Leander hängen und versucht diese Ausnahmeerscheinung zu interpretieren, was aber nicht gelingt. Die persönlichen Erfahrungen anhand einiger Erzählungen von Zeitzeugen, also Bewunderern der ersten Stunde, kamen beim Anschauen immer wieder ins Gedächtnis zurück, vor allem der eindeutige Tenor war stets mehr als verblüffend. Voller Leidenschaft und fast schon ehrfürchtig wurde sie beinahe singend immer nur Zarah genannt, die Berichterstattung von Kinobesuchen, die bis ins Jahr 1937 zurückgehen, waren hochinteressant. Mit der Wonne von 16jährigen leuchteten Augen, aus alt wurde wieder jung und von den Eindrücken und dem Traumbild Zarah Leander her, übertrug sich eine gewisse Ahnung, wie es mit der Begeisterung der Massen im Rahmen der zeitlichen Umstände gewesen sein muss. Gerade solche Eindrücke tragen zum persönlichen Bild der so unnahbar wirkenden Schwedin bei, sodass sie trotz empfundener Widerstände eine hohe Faszination ausüben kann. Hier sieht man Zarah Leander vollkommen in ihrem Element, die Meisterin der Rhetorik drückt dem Geschehen unerbittlich ihren Stempel auf. Ihrem Image entsprechend erforderlich, gibt sie natürlich diverse Chansons zum Besten, bist die Stimme und die Szenerie bebt. Leider reduzieren sich die bedeutendsten Momente des Films ausschließlich auf sie, sodass es scheint, man habe alle Schwächen des Verlaufs wissentlich in Kauf genommen und sich einer Kompensationsstrategie bedient, die aber zur großen Überraschung auch noch funktionieren möchte.

Die Frau mit Vergangenheit wirkt schließlich wie der Motor dieser Geschichte und bringt sie in Gang, ihre Kollegen spielen dabei unbeirrt auf und tragen zu einem schauspielerisch sehr guten Gesamtbild bei, wenngleich man eigentlich nichts als Schablonen angeboten bekommt. Für Wiedersehensfreude sorgen jedenfalls Christian Wollf, Paul Hartmann, Werner Hinz, vor allem Marina Petrova und andere bekannte Namen der Besetzungsliste. Die Verstrickungen des Schicksals werden in "Der blaue Nachtfalter" schnell für den Zuschauer skizziert, nach der atmosphärischen Anfangssequenz befindet man sich unmittelbar im Geschehen und 13 Jahre Zuchthaus werden wie im Fluge vergehen, bis die eigentliche Geschichte erzählt werden kann. Eine vorbestrafte Mörderin windet sich durch Strukturen, die nach einer so langen Zeit kaum noch zu beeinflussen, geschweige denn zu durchbrechen sind. Die schlimmsten Gegner sind erfahrungsgemäß die eigenen Freunde von einst, oder gleich die Verwandtschaft. Bevor die Hauptperson ihre gute Portion Wärme und Emotion in diese eisige Kälte bringen kann, muss erst einige Zeit vergehen, die jedoch sinnvoll genutzt wird, um weitere Hintergründe und Konstellationen zu beleuchten. Insgesamt nimmt sich der Film kaum den Luxus von Zeit, vieles geht schnell, manches wirkt hastig, aber weniges dabei komplett ausgereift, aber der mehrfache Hybrid-Charakter der Produktion weiß dennoch weitgehend zu überzeugen. Große Anleihen aus dem Kino von damals gehen eine eigentlich interessante Kollaboration mit Elementen neueren Ursprungs ein, handwerklich gesehen ist das Angebot solide und es steht letztlich außer Frage, dass man sich Wolfgang Schleifs Star-Vehikel unbeschadet einmal ansehen kann. Trotzdem fehlt dem Film das gewisse Etwas, obwohl es hier ja eigentlich die weibliche Hauptrolle übernommen hatte. Zurück bleibt somit eine gute Portion Unentschlossenheit, außer beim Thema des Zarah-Leander-Mythos.


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 Betreff des Beitrags: Der Adler vom Velsatal (1957)
BeitragVerfasst: 04.07.2016 15:26 
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Claus Holm   in

DER ADLER VOM VELSATAL

● DER ADLER VOM VELSATAL (D|1957)
mit Waltraud Haas, Renate Ewert, Klaus Heintel, Richard Häussler, Sepp Rist, Stanislav Ledinek und Ilse Steppat
eine Produktion der Hans Deppe Film | im Europa Filmverleih
ein Film von Richard Häussler


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»Seit wann trägt denn ein Birnbaum Äpfel?«


Im Velsatal geht ein Wilderer um. Auch Toni Erlbacher (Claus Holm), der Erbe des Adlerhofes, gerät unter Verdacht, da er neuerdings in der berüchtigten Grenzschänke verkehrt, in der hauptsächlich Schmuggler und lichtscheues Gesindel ihr Unwesen treiben. Aber Toni möchte Gina, die Tochter der verrufenen Wirtin Coletta (Ilse Steppat) heiraten, doch sein Vater droht ihm unter diesen Umständen damit, ihn zu enterben. Zuvor war Toni mit Andrea (Waltraud Haas), der Tochter des Försters Strobl (Sepp Rist) verlobt, und nach dem Zerwürfnis der beiden ist Andreas Vater nicht mehr sehr gut auf ihn zu sprechen. Vielmehr noch, er ist der festen Überzeugung, dass es sich bei Toni um den Wilderer handelt. Eines Nachts will der Förster den maskierten Mann stellen, doch am nächsten Tag wird er erschossen aufgefunden...

Der hauptsächlich als Schauspieler bekannte Richard Häussler versuchte sich in den 50er Jahren ebenfalls als Regisseur, schließlich brachte er es sieben Mal auf den Regiestuhl und betätigte sich im Genre des Heimatfilms, der insbesondere in dieser Dekade seine Blütezeit erlebte. Die Grundgerüste dieser Beiträge waren so gut wie immer gleich, hauptsächlich geht es um Liebe, Leidenschaft, Gerechtigkeit oder beispielsweise provinzielle Engstirnigkeit, ein Happy-End schien jedoch stets garantiert. "Der Adler vom Velsatal" unterscheidet sich keineswegs von Konkurrenzproduktionen und bietet angesichts der soliden Bearbeitung einen hohen Unterhaltungswert, vorausgesetzt man kann mit derartigen Filmen überhaupt etwas anfangen. Richard Häussler konzentriert sich auf charakteristische Landschaftsaufnahmen und bedrohliche Situationen, außerdem bekommt man viele unterschiedliche Charaktere angeboten, die dem Verlauf jeweils einen festen Stempel aufdrücken können. Sicherlich wimmelt es auch von diversen Klischees in der malerischen Bergkulisse, jedoch sollte einfach auch betrachtet werden, dass dem Kinogänger von damals genau das geboten wurde, was er sehen wollte. In dieser Geschichte sieht man etliche Darsteller, die erstens jedes Genre problemlos und glaubhaft bedienen konnten, zweitens absolvierten einige dieser Interpreten wenige Jahre später einen nahtlosen Übergang ins Kriminalfach, als dem Heimatfilm die Zugkraft ausging. Im vermutlich imaginären Velsatal spielt sich in den Grenzgebieten zwischen Österreich und Italien nächtlich immer das gleiche Szenario ab. Schmuggler sind am Werk und die Gendarmerie ist mit der Situation überfordert. Auch die Bewohner, die Arbeit, Idylle, Ruhe und Ordnung gewohnt sind, sehen sich plötzlich mit der neuen italienischen Kaschemmen-Wirtin konfrontiert, deren Ruf ihr vorauseilt und Fragen zu ihrer Vergangenheit aufwirft.

Das Tauziehen zwischen Gut und Böse, zwischen Not und Tugenden wird gleich von vorne herein ausladend dargeboten, klassische Sympathieträger und dubiose Figuren werden auf einem Präsentierteller serviert. Hauptdarsteller Claus Holm macht seine Sache hier wirklich gut und er kann dem Zuseher das Mitfiebern zu seiner hin- und hergerissenen Figur Toni abverlangen. An seiner Seite glänzt Heimatfilm-Star Waltraud Haas mit einer Interpretation, die vollkommen der Anforderung entspricht. Eine weitere ansprechende Leistung sieht man des Weiteren von Renate Ewert, die wie üblich etwas Geheimnis und unkonventionelles Verhalten an den Tag legen darf, außerdem wissen die restlichen Darsteller wie insbesondere Klaus Heintel, Stanislav Ledinek oder Sepp Rist zu gefallen. Richard Häussler war hier nicht nur als Regisseur tätig, sondern er verschaffte sich gleich eine wichtige Rolle im Film, tritt aber erst recht spät in Erscheinung. Der große Clou ist und bleibt allerdings Ilse Steppat als verruchte Wirtin, die hier alle Register ziehen wird. Ihr wildes Temperament wirkt einschüchternd, ihre laute Stimme versucht ihre Kritiker stets zu übertönen und sie wirkt wie üblich auf ihre Art und Weise gefährlich und hinterhältig. Erneut großartig, diese Dame! Wenn sich die Geschehnisse durch Nötigung, Täuschung und schließlich Mord zuspitzen, kommt man zusätzlich in den Genuss einer kurzen Gerichtssequenz, doch Richard Häussler höchstpersönlich wird diesen Fall hinter und vor der Kamera aufrollen und lösen, was zugegebenermaßen ein bisschen zu glatt geht. Die in Phasen etwas seichte Inszenierung ist ausgleichsweise mit manchen Finessen und etwas Tragik bestückt worden, sodass der Weg bis zum glücklichen Ende ziemlich kurzweilig ausgefallen ist. "Der Adler vom Velsatal" ist unterm Strich eines der unterhaltsameren Exemplare des einschlägigen Heimatfilms geworden. Insgesamt unterhaltsam!


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 Betreff des Beitrags: Unser Haus in Kamerun (1961)
BeitragVerfasst: 05.07.2016 23:48 
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● UNSER HAUS IN KAMERUN (D|1961)
mit Götz George, Johanna von Koczian, Hans Söhnker, Horst Frank, Berta Drews, Helga Sommerfeld,
Katrin Schaake, Walter Rilla, Uwe Friedrichsen, Kenneth Spencer, Henry Vahl, Käthe Jaenicke, u.a.
ein Rialto Film Preben Philipsen | im Gloria Filmverleih
ein Film von Alfred Vohrer


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»Ich habe zeitig lernen müssen, wie man sich wehrt«


Die aus Norddeutschland stammende Familie Ambrock lebt seit vielen Jahren in Afrika, wo sie eine große Farm betreibt. Das Familienoberhaupt Wilhelm Ambrock (Hans Söhnker) hat es zu großem Wohlstand gebracht und ist daran interessiert, dass seine beiden Söhne Georg (Götz George) und Rolf (Uwe Friedrichsen) die Farm in seinem Sinne weiterführen. Um Georg die Flausen auszutreiben, schickt er ihn nach Hamburg, wo er bei seinem guten Freund Konsul Steensand (Walter Rilla) eine Ausbildung anzufangen hat. Durch dessen versnobten Sohn Klaas (Horst Frank), mit dem Georg sich angefreundet hat, kommt es allerdings immer wieder zu Schwierigkeiten, die Ambrocks Pläne zu durchkreuzen drohen. So weit von zu Hause weg, fühlt Georg sich eine ganze Zeit nicht sehr wohl in Deutschland, bis er Doris Kröger (Johanna von Koczian) kennenlernt, sich in sie verliebt und sie schließlich nach Afrika mitnimmt. Allerdings werden beide von ihrer Vergangenheit eingeholt...

In einer Phase, in der die Rialto-Film hauptsächlich mit ihrer sehr erfolgreich angelaufenen Edgar-Wallace-Reihe beschäftigt war, wurden im Fahrwasser des hauseigenen Erfolges auch andere Projekte realisiert, hier sogar sehr aufwändig und in Farbe. Bei der Rialto hatte Regisseur Alfred Vohrer kurz zuvor einen fulminanten Einstieg mit dem Erfolgsfilm "Die toten Augen von London" gehabt und wurde fortan Stammregisseur bei der Berliner Produktionsfirma. Mit "Unser Haus in Kamerun" entstand unter seiner Leitung ein sehr sehenswerter Beitrag, der vor allem durch seine herrlichen Schauplätze für eine besondere Atmosphäre sorgen kann. Offensichtlich legte man bei der Produktion Wert darauf, dass es nicht zu viele Überschneidungen gab, was anhand der gebuchten Schauspieler deutlich wird. Nicht ein einziger Wallace-Star ist in dieser Geschichte zu sehen, höchstens einige, die in späteren Filmen mit dabei sein sollten, aber hauptsächlich die wenig später synchron gestartete Reihe der Epigonen bedienen sollten. Was bekommt man hier unter Alfred Vohrers aufmerksamer Regie zu sehen? Zunächst einmal ist sehr schnell seine Fähigkeit wahrzunehmen, die besondere Atmosphäre, oder ein spürbares Flair zu kreieren, Details und echte Typen dominieren den abwechslungsreichen Verlauf nach Belieben und schließlich bekommt man seinen Sinn für das Erzeugen von Spannung und Tempo zu spüren, der diesem Beitrag von 1961 seine Würze mitgibt. Zwischen Hamburg bis Kamerun entsteht der gewisse Hauch von Exotik und thematisch gesehen bekommt man ein solides Melodram mit guten Portionen von Tragik und Emotion angeboten, das dem Empfinden nach wie von selbst zu funktionieren scheint.

Stars der jungen und alten Generation füllen das interessante Szenario mit überaus stichhaltigen Interpretationen aus, sodass die Spielzeit wie im Flug vergeht. Mit Götz George in der männlichen Hauptrolle sieht man definitiv den richtigen Mann für dieses teilweise turbulente Hin und Her, seine Spiellaune wirkt einmal mehr nahezu ansteckend. An seiner Seite, beziehungsweise an mehreren Fronten ist es Johanna von Koczian, die zwar einen modernen und zunächst verschlagenen Frauentyp verkörpern soll, aber insgesamt etwas zu bieder wirkt, um restlos zu überzeugen. Möglicherweise liegt es an der weiblichen Konkurrenz, hier in Gestalt der bezaubernden Helga Sommerfeld, die einfach natürlicher und nicht so aufgesetzt in ihrem Handeln wirkt. Allerdings ist zu betonen, dass von Koczian ihre Rolle in geregelte Bahnen bringen kann und als Sympathiefigur zu funktionieren beginnt. Große Routiniers wie Hans Söhnker, Walter Rilla oder Georges Mutter Berta Drews zeigen der jungen Generation noch wo es langzugehen hat, wenn auch nicht in darstellerischen Belangen. Insgesamt kann sich der Zuschauer auf ein gelungenes Wiedersehen mit beliebten Interpreten freuen, insbesondere Horst Frank kann seine besonderen Fähigkeiten wieder einmal unterstreichen. Die halbe Miete wird also von der Besetzung zusammengespielt, die andere Hälfte bringen Regie und Stab in die Reihe. Der Verlauf mit seinen dramatischen Elementen weiß zu gefallen und Alfred Vohrer ist schließlich ein richtig angenehmer Film gelungen, der vielleicht beim Thema Humor den Bogen hin und wieder etwas überspannt, da dieses Einstreuen überhaupt nicht nötig gewesen wäre. Insgesamt ein schöner Beitrag in kräftigen Farben, der von Anfang bis Ende kurzweilig und unterhaltsam ausgefallen ist.


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 Betreff des Beitrags: Tod nach Mitternacht (1970)
BeitragVerfasst: 10.07.2016 21:09 
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TOD NACH MITTERNACHT

● TOD NACH MITTERNACHT (D|1970) [TV]
mit Ruth Hausmeister, Heinz Moog, Herbert Tiede, Ellen Schwiers, Martin Lüttge,
Hans Schulze, Wolfgang Büttner, Franz Rudnick, Karl Liecke und Horst Niendorf
eine Sendung des WDR
ein Film von Wilhelm Semmelroth


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»Exitus erst nach 12«


Kurz nach Mitternacht geschieht in einem abgelegenen Landhaus ein Mord an dem jungen Schriftsteller Wöhler (Martin Lüttge). Die Gesellschaft, die von Verleger Freesen (Heinz Moog) eingeladen wurde, findet den Mann erstochen an einem Spieltisch. Da Wöhler die Gäste des Hauses den ganzen Abend mit seltsamen Bemerkungen über eventuelle Verstrickungen provozierte, hat man es nun mit einem Haus voller potentiell Verdächtiger zu tun. Als die Polizei auftaucht, kommt es zu unbequemen Verhören und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Jeder könnte es getan haben und jeder traut es dem anderen auch zu. Um Licht in die dunkle Angelegenheit zu bringen, betätigt sich derweil Vera Korten (Ruth Hausmeister) als Hobby-Detektivin, und wie sich herausstellt, kombiniert sie gar nicht so ungeschickt...

Eine kleine Gesellschaft, ein bemüht gehobenes Ambiente, das Kapital vermuten lassen soll, sowie erste Konstellationen, Neigungen und Abneigungen zwischen den Herrschaften, legen einen interessanten Grundstein für diese TV-Abendunterhaltung, die von Regisseur Wilhelm Semmelroth inszeniert wurde. Da der Titel der Produktion den Aufhänger bereits vor Beginn ankündigt, liegt eine noch nicht vollkommen zu identifizierende Spannung in der Luft. Bei derartigen Beiträgen muss man sich insgesamt an die Grundvoraussetzungen halten, da es sich eben um keine Kinofilme handelt. Die räumliche Limitierung und der Charakter einer Studio-Inszenierung kommen voll zum Tragen, unter diesen Voraussetzungen müssen Geschichte, Aufbau und Schauspieler dem Empfinden nach doppelt gut sein, um bei der Stange zu halten. Eine kammerspielartige Atmosphäre dominiert das Szenario, doch die Charaktere tun dies ebenso und die Story ruft genügend Aufmerksamkeit hervor. Außerdem sorgt die Kamera für Variabilität und es kommt zu guten Choreografien. Schaut man auf die illustre Runde, findet man weniger Snobs und Selbstdarsteller, als vielleicht erwartet, dennoch stellt sich jeder von ihnen hemmungslos selbst vor, also ist untereinander für genügend Zündstoff gesorgt. Als der Mord schließlich passiert ist, sucht man selbstverständlich nach einem Motiv, das bekanntermaßen viele Beweggründe haben kann. Eifersucht, Hass, Geld oder Leidenschaft? Die Palette der Möglichkeiten ist lang bei einem derartigen Fall, der fein säuberlich für den Zuschauer aufgerollt werden muss. In diesem Zusammenhang ist die Überraschung schließlich ziemlich groß, weil man mit einer Art Miss-Marple-Prinzip konfrontiert wird, und Ruth Hausmeister langsam aber sicher das Regiment übernimmt.

Kombinationsgabe, Auffassungsgabe, Sachlichkeit und Nüchternheit, aber auch Einfühlungsvermögen kommen bei Vera Korten zusammen, die sogar das Alibi von sich und ihrem eigenen Mann, das jeder akzeptiert hätte, platzen lässt, da es einfach nicht stichhaltig genug wäre. Sie zeigt somit die Möglichkeiten auf, dass eben jeder den Mord begangen haben könnte. Gut, es ist nicht zu vergessen, dass sich ja auch die Polizei im Haus befindet, die naturgemäß empfindlich bis aggressiv auf Hobby-Detektive und Schnüffelnasen reagiert. Hier hat man es allerdings mit einer Dame zu tun, die kultiviert und umsichtig genug wirkt, um niemandem auf die Füße zu treten. Es entsteht eine Allianz und sie gibt hauptsächlich Denkanstöße, der Kommissar greift viele Hinweise auf, kann aber neben der typischen Vehemenz der Polizei auch eigene Erfolge erzielen, sodass sie schließlich nicht nur wie Staffage wirkt und ziellos durch das Szenario stolpert. Ellen Schwiers steht in direktem Kontrast zu ermittelnden Dame, da sie einen recht gewöhnlichen Charakter darstellt. Liebschaften sind ihr täglich Brot und Diskretion kostet zu viel Anstrengung. Im Verlauf bekommt sie sehr nervöse, und um sich zu verteidigen auch zynische Züge. Ellen Schwiers ist einfach immer gut! Ihr gehörnter Ehemann bekommt von Hans Schulze ein aussagekräftiges Gesicht, und die anderen Herren im Hause der Verdächtigen werden von Heinz Moog, Wolfgang Büttner und Herbert Tiede wie immer beeindruckend dargestellt. Nicht zu vergessen ist die Leistung von Horst Niendorf im Dienste der Polizei, der aggressive Verhöre führen wird, allerdings nur, weil er die richtige Spur noch nicht genau lokalisieren konnte. "Tod nach Mitternacht" funktioniert also ganz klassisch und schnörkellos, daher handelt es sich um TV-Kost der ansprechenderen Sorte. Empfehlenswert.


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 Betreff des Beitrags: Kirmes (1960)
BeitragVerfasst: 11.07.2016 12:11 
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KIRMES

● KIRMES (D|1960)
mit Juliette Mayniel, Götz George, Hans Mahnke, Manja Behrens, Wolfgang Reichmann, Fritz Schmiedel,
Benno Hoffmann, Elisabeth Goebel, Erica Schramm, Irmgard Kleber, Horst Niendorf, Raidar Müller, u.a.
eine Freie Film Produktion | im Europa Filmverleih
ein Film von Wolfgang Staudte


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»Wir zeigen Ihnen heute Abnormes und Enormes«


In einem Dorf in der Eifel findet sie alljährliche Kirmes statt. Als man das Karussell auf dem Festplatz aufbauen will und für die Befestigung ein Loch gräbt, kommt ein grausiger Fund in Form eines Skeletts zum Vorschein, außerdem eine Maschinenpistole und ein Helm der Wehrmacht. Die Überraschung ist groß, als plötzlich Frau Mertens (Manja Behrens), eine alteingesessene Bewohnerin des Dorfes behauptet, dass es sich bei den Gebeinen um ihren Sohn Robert (Götz George) handelt, der 1944 desertiert war. Mit dem Fund kommt eine lange verschwiegene, aber genauso schockierende Geschichte zum Vorschein, die mehrere Personen das Gesicht verlieren lassen...

»Ein paar Knochen und ne alte verrostete Knarre«, hört man von einer jungen Dame, die sich im selben Moment desinteressiert abwendet, um sich den schöneren Angeboten der Kirmes zu widmen. Betrachtet man den Menschenauflauf, so hat die Veranstaltung nicht nur eine zusätzliche, sondern eigentlich auch eine der zugkräftigeren Attraktionen gefunden und alles geht Schlag auf Schlag. Unsentimental geht man mit dem Leichenfund um, alles Nötige soll in die Wege geleitet werden, bis es einen ersten frühen Schock gibt. »Das Bündel da draußen war einmal unser Sohn Robert.« Schnell werden hektische Stimmen laut, denen ein Märchen vom unbekannten Soldaten lieber wäre, es würden Unannehmlichkeiten erspart und der Aufwand hielte sich auch in Grenzen, doch eine Mutter besteht auf ihrer Behauptung, dass es sich definitiv um ihr Kind handle. Konträr zum luftig-leichten Titel des Films macht sich eine eigenartige Schwere und Bedrängnis breit, es stellt sich daher unmittelbar die spannende Frage, wohin einen dieser Verlauf noch führen wird. Plötzlich werden alte Stimmen von Funktionären aus dem Krieg wieder laut, man windet sich und die mittlerweile fest in der eigenen Tasche isolierte Faust findet um mehrere Ecken herum neue Einsatzgebiete, wenig später präzise Skizzierungen. Bereits zu diesem Zeitpunkt ahnt man, dass sich der Film mit Rückblenden beschäftigen wird und vom Schauplatz Kirmes, normalerweise einem Sammelbecken für Ausgelassenheit und Freude, wird der Zuschauer plötzlich mit einer erschreckenden Exekution konfrontiert. In dieser Szene zeigt sich bereits die besondere inszenatorische Qualität dieses Beitrags, außerdem ein für diese Zeit vielleicht nicht gerade übliches Engagement der Regie.

Parolen, Worthülsen und Abschreckung provozieren ein irritierendes, hauptsächlich erzwungenes Mitläufertum, welches naturgemäß eine gewisse Entrüstung, aber auch ein Gefühl der Hilflosigkeit hervorruft. Als unangenehm wirkender Verstärker funktioniert zusätzlich eine Art sterile Kehrtwende des Verlaufs, in dem es eben doch noch so heiter zugegangen war. Plötzlich ist wieder Kriegszustand, die Waffen der Schießbuden werden durch echte ersetzt, Angst, Verfolgung und Bedrohung lauern in jedem Winkel der Szenerie. Kinder kolportieren die Geschichte des Landesverräters, der soeben hingerichtet wurde und die Atmosphäre wird zusehends unbehaglicher, vor allem auch, weil Ortsgruppenleiter Georg Hölchert sein Unwesen treibt und nach nicht linientreuen Bürgern herumschnüffelt. Diese Person, um nicht zu sagen, dieser Prototyp, wird so hervorragend dargestellt von Wolgang Reichmann und er bringt seine Interpretation in Gestalt, Wort und Tat überaus präzise auf den Punkt. Überhaupt bekamen die Darsteller sehr anspruchsvolle Aufgaben anvertraut und es lässt sich ein sehr hohes Niveau an darstellerischer Kompetenz feststellen, jeder von ihnen kommt in Einklang mit den größtenteils schwierigen Anforderungen. So spielt sich Multitalent Götz George langsam in den Fokus der Geschichte, angesichts der Anlegung dieser Rolle und den Gewissheiten, die der Verlauf früh festlegt, transportiert sich Tragik und eine ernüchternde Determination, die umso erdrückender wirkt, weil sich ein Ende des Krieges und die Verbindung zur Französin Annette anbahnt. Lichtblicke und Hoffnungsschimmer werden gerade von den Hauptpersonen skizziert, doch potentielle Schocks schweben wie ein schwarzer Schatten über dem Szenario. Die Leichtfüßigkeit und die Spiellaune der Französin Juliette Mayniel färbt den Verlauf mit trügerischer Sorglosigkeit, eine Art C'est-la-vie-Prinzip führt den Zuschauer immer wieder auf dünnes Eis.

Weitere hochklassige Leistungen zeigen Hans Mahnke und Manja Behrens als Roberts Eltern, die zwischen gefährlicher Diplomatie, aufsteigender Desillusionierung und nackter Angst hin- und herpendeln werden. Viele weitere bekannte Darsteller runden das Geschehen im Rahmen ausgefeilter Charakterdarstellungen ab, sodass man sowohl handwerklich, als auch stilistisch sozusagen mehrfache Qualitätsansprüche herausfiltern kann. Wolfgang Staudte bedient sich des hervorragenden Stilmittels, von Anfang an ein Damoklesschwert über die Geschichte zu legen. Da man als Zuschauer meint, den Verlauf weitgehend vorausahnen zu können, entstehen umso größere Schockerlebnisse, wenn trotzdem das Unerwartete passiert. Als Ursprung hierfür dient die Unberechenbarkeit gewisser Personen, die den Protagonisten möglicherweise selbst die Nächsten sein könnten. Der heimliche Kampf von Moral und Werten wird zur empfundenen Sisyphusarbeit, hohe Widerstände dominieren die Szenerie und machen das Anschauen meistens nicht leicht. Oftmals ist einem so, als habe man den Titel des Films vergessen oder vielleicht sogar falsch verstanden, aber im Endeffekt ist er an Doppelbödigkeit kaum zu übertreffen. War also am Ende alles nur "Kirmes"? Der hier entlarvende Blick der Regie in Richtung einiger Personen bestätigt den Eindruck, dass sich unter dem Nimbus eines "Spiels", wie dieses auch heißen mochte oder möge, für sie alles rechtfertigen und vergessen lässt. Das Finale im Bereich der Rückblenden versetzt einen großen Tiefschlag und wird mit dem eigentlichen Finale auf dem Festplatz zur universellen Anklage gegen diejenigen von damals, die immer noch, oder eben trotzdem mit ausgelassenem Gehabe am ewigen Ort des Geschehens zu beobachten sind. Regisseur Wolfgang Staudte ist ein Mahnmal gelungen, welches im Gros des deutschen Nachkriegsfilms mit Mut zur Wahrheit und intelligenter Reflexion hervorsticht. Großartig!


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 Betreff des Beitrags: Tagebuch eines Frauenmörders (1969)
BeitragVerfasst: 12.07.2016 20:32 
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TAGEBUCH EINES FRAUENMÖRDERS

● TAGEBUCH EINES FRAUENMÖRDERS (D|1969) [TV]
mit Siegfried Lowitz, Helmut Qualtinger, Günter Pfitzmann, Ingrid van Bergen, Paul Klinger,
Christiane Schröder, Elisabeth Wiedemann, Henning Schlüter, Manfred Heidmann, u.a.
eine Produktion des SFB
ein Film von Helmut Käutner


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»Wo findet man schon eine ideale Frau?«


Der kleine Heiratsschwindler Rudi Böhm (Helmut Qualtinger) trifft bei der Begutachtung eines neuen lohnenden Objekts seinen alten Klassenkameraden Lehmann (Günter Pfitzmann) wieder, der als Schriftsteller tätig ist und stets auf der Suche nach neuen Sensationen ist. Da Böhm in diesem Zusammenhang das große Geld wittert, präsentiert er sich kurzerhand als Frauenmörder. Nun wird er dem Agenten Marojan (Siegfried Lowitz) vorgestellt, der mit dem angeblichen Mörder ein Geschäft abschließt. Er soll Tatsachenberichte liefern, die die Auflagen um einiges steigern sollen. In der Zwischenzeit wird Böhm aufgrund einer anonymen Anzeige verhaftet, doch Kriminalrat Rose (Paul Klinger) setzt ihn wieder auf freien Fuß, in der Gewissheit es mit keinem Mörder zu tun zu haben. Um den Deal mit den Illustrierten trotzdem beizubehalten, kommt es zum Auftragsmord...

»Schwarzgründig und bitterböse« urteilte die HÖRZU über dieses von Helmut Käutner inszenierte Fernsehspiel aus dem Jahr 1969. Zunächst kann schon einmal betont werden, dass man es hier tatsächlich mit einem spektakulären Besetzungsfeuerwerk zu tun bekommt und alle Beteiligten zeigen sich, der Aufmachung des sehr eigenartigen Kriminalspiels entsprechend, in bester Spiellaune. "Tagebuch eines Frauenmörders" ist ein sehr vielversprechender Titel, der allerdings wie es der Verlauf in eindeutiger Manier beweist, stark in die Irre führen wird und man sicherlich nicht das bekommt, was eigentlich zu erwarten gewesen wäre. In der Silhouette der grenzenlosen Überzeichnung wimmelt geradezu von Kritik an der Sensationsgier der Massenmedien und der zügellosen Kolportage-Bereitschaft des Konsumenten. Im Grunde genommen hat die Thematik im Laufe der Jahre also nichts an Brisanz und Aktualität verloren. Die Inszenierung ist überaus raffiniert und mit ihren zahlreichen grotesken Inhalten geradezu geistreich, die geschliffenen Dialoge tun ihr Übriges dazu. Wer einen soliden, beziehungsweise klassischen Krimi erwartet, könnte hier vielleicht enttäuscht werden, was zugegebenermaßen auch wahrscheinlich aussieht, bevor der Verlauf seine Stärken preisgibt. Wenn man sich aber auf dieses Kabinettstückchen einlassen kann, wird man sich schlussendlich blendend unterhalten fühlen und sich darüber hinaus auch noch gut amüsieren, immerhin handelt es sich um Klatsch und Tratsch der besonderen Sorte!

Siegfried Lowitz brilliert als rücksichtsloser Agent, der sich nur den Verkaufszahlen der Illustrierten verpflichtet fühlt und Nebensächlichkeiten wie Moral und Gewissen höchstens noch als Vokabeln kennt. Die hemmungslose Darstellung dieses, hier immer in Aktion tretenden und hektischen Mannes, bringt der wandlungsfähige und gerne gesehene Interpret auf den Punkt. Günter Pfitzmanns ausgeglichenes Schauspiel sorgt für sehr angenehme und überzeugende Momente, doch Helmut Qualtinger übertrifft sich als mutmaßlicher Frauenmörder in jeder Einstellung selbst. Ingrid van Bergen überrascht mit einer guten Portion Selbstironie als Frau des Agenten, die bei jedem Vertragsabschluss als Zugabe für diverse Herren mit inbegriffen zu sein scheint und letztlich ist es ist schon alleine sehr unterhaltend, diese Herrschaften dabei zu beobachten, wie sie sich ungezügelt gegenseitig hochschaukeln werden. Paul Klinger gibt den Kriminalrat als Freund-und-Helfer-Persiflage sehr stimmig, der Rest der Besetzung spielt mit Udo Vioff, Christiane Schröder, Martin Hirthe oder Henning Schlüter auf außerordentlich hohem Niveau. Die anfängliche Skepsis schlug also insgesamt in gelungene Unterhaltung um, und "Tagebuch eines Frauenmörders" ist definitiv einmal etwas anderes gewesen. Freunde des schwarzen Humors kommen hier bestimmt auf ihre Kosten, dieses Fernsehspiel des Routiniers Helmut Käutners ist sonderbar eigenwillig und sehenswert zugleich! Man sieht eine weitere Expertise im Rahmen gelungener TV-Produktionen.


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 Betreff des Beitrags: Dr. M schlägt zu (1971)
BeitragVerfasst: 14.07.2016 22:16 
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● DR. M SCHLÄGT ZU / LA VENGANZA DEL DOCTOR MABUSE (D|E|1971)
mit Jack Taylor, Ewa Stroemberg, Fred Williams, Eva Garden, Beni Cardoso, Friedrich Joloff,
Siegfried Lowitz, Andrea Montchal, Ángel Menéndez, Gustavo Re und Moisés Augusto Rocha
eine Produktion der Tele-Cine | Copercines
ein Film von Jess Franco


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»Die arbeiten mit Mitteln, die Ihnen nicht einmal im Traum einfallen!«


Der Wissenschaftler Dr. Orloff (Siegfried Lowitz) hat gemeinsam mit einem Institut eine Waffe entwickelt, deren Zerstörungskraft so groß so groß sein soll, dass sie die gesamte Menschheit vernichten könnte. Eine Verbrecher-Organisation will die streng geheimen Pläne in die Hände bekommen und beauftragt Dr. M (Jack Taylor) und seine Gefolgschaft, die gefährliche Erfindung in ihre Gewalt zu bringen. Mit Entführung und Hypnose kommen die Verbrecher an weitere wichtige Informationen, die Sicherheit der Welt steht immer mehr auf dem Spiel. Inspektor Thomas (Fred Williams) steht eine schwierige Aufgabe bevor, da er den perfiden Plan des selbsternannten Erben des Dr. Mabuse vereiteln muss...

»Die Droge müsste gleich wirken«, hört man von Hermann, der rechten Hand des Dr. M Zwar meint er die junge Dame, die gerade als Gast verhört wird, aber dem Zuschauer ist eigentlich so, als meine man eher diesen wirklich unfassbaren Film von Meister Jess Franco. Nüchtern betrachtet, hat man es über weite Strecken mit einem schlampig zusammengebastelten Flickenteppich zu tun und alles oder gar nichts wurde aufgegriffen. Die Tatsache, dass sich die verschiedenen Titel dieses Beitrags an der Figur des Superverbrechers "Doktor Mabuse" orientieren, lässt vollkommen falsche Erwartungen entstehen. Die sechsteilige Reihe, die ab 1960 überwiegend erfolgreich von Artur Brauners CCC Filmkunst produziert wurde, lässt keine Schlüsse auf den Ursprung zu, da Jess Franco hier zu alternative Ansätze verfolgt hat. Der Film fand seinerzeit keinen deutschen Verleih, folglich kam es auch zu keiner Auswertung im Kino. Eigentlich möchte man sich den Satz sparen, dass diese Tatsache viel über "Dr. M schlägt zu" aussagt, aber es ist eben so, dass es nicht zu begreifen ist, dass dieser Beitrag eben genau in dieser Fa­çon existiert, was schon einmal von einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein zeugen lässt. Und selbstbewusst genug ist er, um die wahllos aneinander gereihten Szenen zu rechtfertigen. Will man eine Kategorie für diesen inoffiziellen "Dr. Mabuse"-Teil suchen, ist die Nadel im Heuhaufen nur schwer zu finden. Vergleichsweise lässt sich aber sagen, dass die Figur unter Franco einfach nicht mehr existiert und lediglich aus strategischen Gründen wieder reanimiert wurde. Gut, mit konventionellen Maßstäben und halbherzigem Wohlwollen kommt man bei diesem Mix aus Impulsivität, Halsstarrigkeit und dem Ignorieren bestehender Gesetze im Film einfach nicht weiter, sodass es unterm Strich nur zwei Möglichkeiten gibt. "Dr. M" gefällt oder nicht, er wird als besonders ausgefallen interpretiert, oder als vollkommen misslungen, dazwischen gibt es im Grunde genommen nichts.

Der Antritt von "Mabuses" Erbe wurde bereits in Teilen der ursprünglichen Reihe aufgegriffen und die Erfahrung hat dabei gezeigt, dass neue Besen recht gut gekehrt haben. Auch hier bekommt man einen unbekannten Superverbrecher präsentiert, ohne jedoch stilistisch, geschweige denn thematisch einen Fixpunkt zu finden. Nicht schlimm, darf man sich getrost einreden, denn Jack Taylor wurde tatsächlich bemerkenswert inszeniert, auch wenn der Ursprung seines Handelns eher von Ziellosigkeit und Impulsivität geprägt zu sein scheint. Es ist nicht zu leugnen, dass die Vergleiche, die im Endeffekt völlig unsinnig bleiben, Jess Francos Beitrag sehr schwer zusetzen. Ausgestattet mit dessen üblichem Stammpersonal vor und hinter der Kamera, bekommt man eigentlich das geboten, was zu erwarten war, nämlich eine holprige Mischung mit deutlichen Höhen und Tiefen und Schauspielern, an die man sich mit den Jahren richtig gewöhnt hat. Die These, dass es gewisse Filme geben soll, die auch ohne jegliche Logik auskommen, mag vom Prinzip her richtig sein. Allerdings ist es auf einem Beitrag mit derartiger Grundthematik kaum übertragbar, selbst wenn es sich um ein wahnwitziges Feuerwerk des berüchtigten Spaniers handelt. Das Erringen der Weltherrschaft steht im Raum, doch alles was gezeigt wird ist in diesem Zusammenhang dermaßen verworren, dass man die Logik-Frage vielleicht tatsächlich nicht primär diesem Film stellen sollte, sondern sich selbst und seinen eigenen Maßstäben. Es entsteht definitiv, aber auch vollkommen unfreiwillig, eine Art bewusstseinserweiternde Aura, die konventionelle Sehgewohnheiten radikal und subversiv umkehrt. Ausgefallene Kamera-Einstellungen und sehr schöne Bildstrecken sorgen für Überraschungen im visuellen Bereich, die Synchronisation ist ebenfalls gut gelungen, wurde sie aller Wahrscheinlichkeit doch für einen anvisierten Kinostart angefertigt.

Franco spielt erneut gerne mit Distanz und Nähe, manchmal ist es ein bisschen zu viel des Guten, weil Ungereimtheiten entlarvt werden. Beim Zoom auf Ewa Stroembergs prachtvoll strahlende Augen wird man so beispielsweise Zeuge, dass sie Kontaktlinsen trägt, unter ihrer roten Perücke sieht man ihre blonde Haarpracht, beim Monster Andros schaut es so aus, als sei das rechte Auge mit einem übermalten Kaugummi abgeklebt worden, das Film-Equipment wirft ungünstige Schatten in den Gesichtern der Interpreten, und so weiter. Wie kommt es also, dass man einen Film, den man eigentlich als denkbar schlecht einschätzen müsste, doch so viel Spaß machen kann? Weil er trotz allem unterhaltsam, außerdem nicht langweilig ist und man dem bunten Treiben, sowie dem Mut der Verzweiflung interessiert nachschaut. Bekannte Namen des deutschen Kriminalfilms haben sich in diesen Szenario verirrt, so beispielsweise Siegfried Lowitz in einem Kurzauftritt, der Jahre zuvor in "Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse" schon einen Abstecher vorzuweisen hatte, außerdem zeigt sich Friedrich Joloff von seiner besten Seite, der einem hier eher wie das Gehirn und nicht wie der ausführende Arm des Doktors vorkommt. Ein jeweils nettes Wiedersehen gibt es mit Ewa Stroemberg und der stets so bedrohlich wirkenden Beni Cardoso, Fred Williams und Eva Garden spielen unauffällig und der größte Hingucker ist und bleibt wohl das Monster Andros, alias Moisés Augusto Rocha, dessen Funktion zwar unsichtbar auf der Hand liegt, aber dennoch vollkommen unbegreiflich bleibt. Am Ende will er die arme Eva Graden retten und bringt sie hinfort, vermutlich um sie in eine in der Nähe liegende Schauspielschule zu tragen. Ja, es gibt viel Unglaubliches und Abgefahrenes zu sehen, sodass es im Endeffekt immer noch ein merkwürdiges Vergnügen und eine undefinierbare Wonne geblieben ist, diesem Spektakel beizuwohnen. Es bleibt unterm Strich einer der sicherlich schönsten Schüsse in den Ofen, die die Filmwelt je gesehen hat.


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 Betreff des Beitrags: Folterzug der geschändeten Frauen (1977)
BeitragVerfasst: 16.07.2016 23:12 
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FOLTERZUG DER GESCHÄNDETEN FRAUEN

● TRAIN SPÉCIAL POUR SS / TREN ESPECIAL PARA HITLER (F|E|1977)
mit Monica Swinn, Sandra Mozarowsky, Christine Aurel, Yolanda Ríos, Erik Muller, Rudy Lenoir, Frank Braña, u.a.
eine Produktion der Eurociné | Plata Films
ein Film von Alain Payet


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»Willst du machen Liebe, oder willst du lieber sterben?«


Mit der Absolution des Führers setzt SS-Sturmführer Kramer (Frank Braña) eine bizarre Idee in die Tat um. Da man den an der Front kämpfenden Soldaten Abwechslung verschaffen möchte, funktioniert er einen kompletten Zug als edles Bordell um. Als Leiterin dieses fahrenden Freudenhauses agiert Ingrid Schüler (Monica Swinn), die dafür sorgen soll, dass der Betrieb ohne Komlikationen funktioniert. Die zahlreichen rekrutierten Frauen entgehen mit dieser Tätigkeit einer Deportation in Konzentrationslager und somit dem sicheren Tod. Was sie jedoch unter der strengen Aufseherin erleben müssen reicht von Züchtigung bis Vergewaltigung, falls die Soldaten nicht zufriedenstellend bedient werden...

Regisseur Alain Payet, der sowohl eine beeindruckend lange, als auch einseitige Liste an Regie-Arbeiten vorzuweisen hat, lieferte mit "Folterzug der geschändeten Frauen" einen recht herkömmlichen Film für ganz spezielle Eisenbahnfreunde, der seinen Weg unter eindeutiger Flagge in einer Art Kollisionskurs mit dem Nirgendwo nimmt. Derartige Beiträge, die sich mit Themen des Dritten Reiches beschäftigten, weisen in der Regel immense Qualitätsunterschiede auf und auch hier ist es nicht anders, da man eigentlich nur einen verkappten Sexfilm aufgetischt bekommt, der sich den Luxus von Zündstoff so gut wie vollkommen aufspart. Eine simple Geschichte, willige Darstellerinnen, platte Dialoge und wahllos aneinandergereihte Sequenzen wurden in einen Zug gestopft, in der Hoffnung, dass sich dieses Vehikel von alleine ins Ziel fährt. Ohne nennenswerte Finessen, Höhepunkte außerhalb der Zugabteile oder drastische Schauwerte, verlässt sich die Regie ausschließlich auf die willigen Darstellerinnen, die es wohl schon besorgen werden und genau in diesem Zusammenhang wird man daher nicht enttäuscht werden, da der Hafer in diesem Express sehr stark zu stechen scheint. »Ich führe keinen Zug von Prostituierten!« Dies ist nur eine der Aussagen der belgischen Hauptdarstellerin Monica Swinn, die sich definitiv als falsch erweisen wird und überhaupt nimmt man ihr die Offiziersrolle kaum ab, da von Vehemenz über Unerbittlichkeit bis hin zu darstellerischen Kapazitäten alles fehlt, was das Herz sonst begehrt. Ihr Begehren bleibt also unterm Strich, es mit so vielen Passagieren wie möglich im Zug zu treiben, dabei ist sie in der Auswahl ihrer Partner und Gespielinnen alles andere als kleinlich.

Kernthemen wie Dekadenz, sexuelle Ausschweifungen, Qual, Folter und Erniedrigung werden unter Payet nur halbherzig aufgegriffen, von den Darstellern mittelmäßig präsentiert, folglich gibt es für genusssüchtige Zuschauer effektiv zu wenig zu sehen, sodass man diesen Beitrag schnell in durchschnittliche Kategorien abschiebt, falls man wohlwollend gesinnt ist. Sex-Gerangel dominiert den Verlauf eigentlich zu jedem Zeitpunkt, leider wurde weniger Wert auf ästhetische, als auf mechanische Aspekte gelegt und die manchmal traumhaft schöne Musik versucht diese Szenen vom Fließband mutig aufzuwerten. Gut, was war eigentlich auch zu erwarten, fragt man sich, doch dann fällt einem wieder der vielversprechende deutsche Titel ein, der sich eben nicht bewahrheitet, folglich eine gute Portion Enttäuschung hervorruft. Darstellerisch erlebt man wie gesagt höchstens die dritte Garnitur, Monica Swinn wirkt schlampig, und das leider im negativen Sinne, ein paar Damen sind ganz nett anzusehen, außerdem ist der Auftritt der Spanierin Sandra Mozarowsky ganz interessant, da man sie hier bereits in einem ihrer letzten Auftritte vor ihrem frühen und mysteriösen Tod sieht. Ein bekanntes Gesicht liefert noch Frank Braña, ansonsten bewegt sich alles im unspektakulären, respektive laienhaften Rahmen. Erfreulich ist es schließlich nach etwas zu viel Leerlauf, dass die Zugfahrt zu späteren Zeitpunkten doch noch an Tempo zulegen wird, etwas Action und Dramatik im dilettantischen Gewand forcieren die Aufmerksamkeit und am bitteren Ende gewährt Regisseur Alain Payet dem Zuschauer letztlich nur eine einzige Gewissheit, nämlich dass es in diesem Zug tatsächlich jeder mit jedem getrieben hat. Ist ja immerhin auch etwas!


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 Betreff des Beitrags: The Gestapo's Last Orgy (1977)
BeitragVerfasst: 18.07.2016 15:25 
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THE GESTAPO'S LAST ORGY

● L'ULTIMA ORGIA DEL III REICH / CALIGULA REINCARNATED AS HITLER / THE GESTAPO'S LAST ORGY (I|1977)
mit Adriano Micantoni, Daniela Poggi, Maristella Greco, Fulvio Ricciardi, Antiniska Nemour, Caterina Barbero, u.a.
eine Produktion der Cine Lu.Ce.
ein Film von Cesare Canevari


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»It's a slaughter! Devil is everywhere around«


In einem Speziallager für weibliche jüdische Gefangene kommt Lise Cohen (Daniela Poggi) mit vielen anderen Frauen unter. In diesem Lager sollen sie den deutschen Offizieren und Soldaten und deren ausgefallenen Wünschen zu Diensten stehen. Kommandant Conrad von Starker (Adriano Micantoni) ist dort mit der Leitung beauftragt und zusammen mit Protegé Alma (Maristella Greco) baut er eine Schreckensherrschaft auf. Um die Frauen gefügig zu machen werden sie gefoltert, doch irritiert nimmt er wahr, dass Lise hierbei keine Angst zeigt. Mit grausamen Demonstrationen und Experimenten will Reaktionen provozieren und schließlich steigt Lise auf sein perfides Spiel ein, was zwar ein besseres Leben zur Folge hat, aber sie sinnt dennoch auf Rache...

Die verschiedenen Titel von Cesare Canevaris Naziploitation-Beitrag lassen einen eigentlich zunächst hoffen, dass es sich nicht nur um um reißerische Ankündigungen handelt, denen spätestens nach wenigen Minuten die Luft ausgeht, immerhin ist es gerade in diesem Genre schon häufiger vorgekommen. Irritiert nimmt man jedoch wahr, dass diese Geschichte anders abläuft als viele ihrer Genre-Kolleginnen, transportiert sie doch einen absolut ernsten Tenor, und das auch noch unbeirrt von Anfang bis Ende. Vielleicht entsteht unterm Strich noch nicht einmal die Frage, ob das Aufgezeigte vollkommen im Bereich des Möglichen gelegen haben könnte, aber zumindest ist die Skepsis darüber wesentlich geringer als sonst. Etliche schockierende Bilder, angedeutete bestialische Machenschaften, ein paar abstoßende Illustrationen, die ihren imaginären Charakter bewahren, weil sie kurz vorher abgebrochen werden, aber trotzdem in hoch dosierter Potenz auftreten, und eine tiefe Perversion machen sich breit, wo immer es nur möglich ist, um den Zuschauer nachhaltig zu beunruhigen und aus dem Gleichgewicht zu bringen. "L'ultima orgia del III Reich" geniert sich seiner verstopften Poren und des, wenn vielleicht nicht vollkommen suggestiven, aber ohne jeden Zweifel stumpfsinnigen Charakters nicht, denn dafür fährt er viel zu genüsslich schwere Geschütze auf. Die Beschreibung Orgie trifft den Kern dieser Veranstaltung ziemlich genau und sie besteht ausschließlich, oder besser gesagt üblicherweise aus ausschweifenden Sex-Praktiken, Folter, Gewalt, Sadismus, Liquidierung und schrecklichen Parolen, die von den Darstellern ausgiebig kolportiert werden. Regie und Schauspieler schwingen die Peitsche und der geschichtliche Hintergrund wird als Aufhänger zügellos vor die Karre gespannt, genau wie die armen Darstellerinnen, bei denen man sich tatsächlich fragt, wie sie sich eine derartige Strapaze nur zumuten konnten. Gut, es bringt ja nichts, über verschüttete Milch zu klagen, denn schließlich wird ja eigentlich noch mehr gejammert, wenn es nichts zu sehen gibt und man sich einfach nur langweilt.

Bleibt man bei den Interpreten, so darf tatsächlich betont werden, dass es mehrere Leistungen gibt, die vergleichsweise überdurchschnittlich dicht ausgefallen sind, was insbesondere auf die Hauptrollen zutrifft. Natürlich beugt sich hier jeder dem monotonen Konzept der Produktion, doch einige Charaktere werden mit Aggression, Temperament und Vehemenz ausgestattet, sodass diese Richtung den eigentlich trostlosen Verlauf noch mehr unterstreichen möchte. Man sieht Bestien und Abbilder der Willkür, bei denen ein ultimatives Austoben vorprogrammiert ist, Mitläufer, Handlanger und selbstverständlich die Opfer. Viele der Rollen wirken dabei dennoch obligatorisch verzerrt. Der Film wartet mit einer Reihe von Einfällen aus Gefilden der unteren Schublade auf, viele Szenen in Verbindung mit den Dialogen wirken dabei beinahe schon so verstörend, dass es einem die Sprache verschlagen möchte. Zu nennen sind hier vielleicht die Sequenzen, in denen es um sexuelle Übergriffe geht, in diesem Zusammenhang wird dem Titel entsprechend selbstredend auch eine Orgie präsentiert, eine lang gezogene Szene bei Tisch ist eine Expertise in Sachen Widerwärtigkeit, Veranschaulichungen der Folterpraktiken reizen die Grenzen des Geschmacks allerdings nicht komplett aus. Es ist insgesamt gesehen nicht so, dass Cesare Canevari das Rad neu erfindet, denn der überwiegende Anteil der benutzten Story-Fragmente war schließlich andernorts schon dutzendfach zu sehen. Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Regie einen bedeutenden Schritt weiter gegangen ist, weil alles wesentlich härter präsentiert wird und da sich empfundenermaßen kaum Genre-Karikaturen aufspüren lassen. Dieses schwer verdauliche Prinzip der Grenzüberschreitung macht seinen Beitrag jedoch nicht zu einem der zweifelhaften Klassiker dieses Genres, sondern drängt ihn zielstrebig in Richtung des Bodensatzes, den er allerdings, um es fairerweise zu sagen, längst nicht erreicht. Auch das bedeutend bessere handwerkliche Niveau, das ihn von so mancher Billig-Produktion unterscheidet, kann "L'ultima orgia del III Reich" nicht aus dem Sumpf des miesen Geschmacks herauszerren. Mich übrigens auch nicht.


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 Betreff des Beitrags: Der Zeitzünder (1965)
BeitragVerfasst: 19.07.2016 09:25 
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● Folge 1: DIE SELTSAMEN METHODEN DES FRANZ JOSEF WANNINGER - DER ZEITZÜNDER (D|1965)
mit Beppo Brem, Maxl Graf, Wolf Ackva, Fritz Strassner
Gäste: Franziska Liebing, Fritz Korn, Fritz Strassberg, u.a.
eine Produktion der Bavaria Film | für WWF
Regie: Michael Braun




In einem Münchner Hotel geht die Meldung eines Erpressers ein. Wenn die Direktion nicht bereit ist, 10000 D-Mark zu bezahlen, soll dort eine Bombe gezündet werden. Der Polizei-Apparat kommt in Bewegung und versucht die Situation in gewünschte Bahnen zu lenken. Der Page, der die Summe nach Anweisungen überbringen soll, wird überwacht. Das komplette Hotel wird evakuiert und in der Zwischenzeit nimmt Kriminalinspektor Wanninger die leerstehenden Zimmer unter die Lupe und findet Hinweise, die zum Erpresser führen. Durch Befragungen bestimmter Personen wird er in seinem Verdacht, den er jedoch mit niemandem teilt, bestärkt. Bei der Polizeiaktion kommt es unterdessen zu einem Patzer, denn vom überbrachten Geld und dem Täter fehlt plötzlich jede Spur...

Die von Regisseur Michael Braun inszenierte Pilot-Folge erscheint aufgrund des etwas zu reibungslosen Kriminalfalles zunächst etwas eintönig zu sein. Wenn man sich aber vor Augen hält, wo die Serie eigentlich hin möchte, steht jedenfalls ein hoher Unterhaltungswert im Vordergrund. Als Einführung in die Serie tut sie ihren Dienst daher sehr gut, denn alle beteiligten Personen, sozusagen das auf den Zuschauer zukommende Stamm-Personal, wird eingängig vorgestellt. Die Arbeit der Ermittler erscheint im Großen und Ganzen überaus provinziell zu sein, was durch das behäbige Erzähltempo unterstrichen wird. Der Plot ist jedenfalls ganz nett und gut aufgebaut, es ist sehr interessant den Weg des Geldes zu verfolgen, wenn der Page an verschiedenen Orten immer neue Anweisungen zum weiteren Vorgehen bekommt, so dass das Täter-Profil, welches eigentlich komplett im Dunkeln liegt, sich weiter erschließt und der unbekannten Person eine raffinierte Strategie bescheinigt. Schließlich wird der Polizei-Apparat ausgetrickst und der Zuschauer kann sich voll und ganz auf die Titelfigur verlassen, deren unwirsche Ermittlungstaktik dadurch anerkannt wird. Wanninger, der alte Fuchs, braucht also aufgrund seiner eigenen Arbeit nur noch auf den Täter zu warten und kann ihn väterlich ermahnend abführen, während seine Kollegen wie aufgescheuchte Hühner herumlaufen und sich bereits Gedanken machen, wie sie ihren Fehler wieder gerade biegen.

Franz Josef Wanninger scheint ein Urgestein der Polizei zu sein. Zu seinen Referenzen zählt nicht alleine die langjährige Erfahrung im Polizei-Dienst, sondern vor allem seine teils doch sehr eigenwilligen Methoden, die der Titel beschreibt. Sein Dickschädel lässt mitunter sogar eine gute Portion Querdenken zu und diese Mischung, bei der noch glasklarer Verstand und Kombinationsgabe hinzukommen, ist sein Erfolgsrezept. Zuerst sieht man ihn mürrisch und darauf los polternd, da er unter einigen körperlichen Beschwerden zu leiden hat, doch man fragt sich, ob das nicht auch bei blendender Gesundheit so wäre. Seinen Gesprächspartnern kann er sich unter der Voraussetzung wichtige Informationen zu erhalten sehr gut anpassen, ansonsten wirkt er doch sehr ungeduldig. Er delegiert gerne und nimmt andere Ansichten meistens nur zur Kenntnis, was man besonders im spröden Umgang mit seinem Kollegen Fröschl sieht. Dieser stellt Fragen, die meistens sogar ignoriert werden und Wanninger spricht dann über scheinbare Nichtigkeiten weiter, beziehungsweise ganz klassisch über das Wetter. So macht insbesondere die markante Titelfigur den Reiz der Angelegenheit aus, auch die anderen ermittelnden Figuren zeichnen sich sehr unterschiedlich und glaubhaft, denn insgesamt gesehen, hat man es bei "Der Zeitzünder" mit einem eher ruhigen Kriminalfall zu tun. Die Pilot-Folge wurde als Einführung sehr ordentlich gelöst, leider ist sie im Rahmen der Gast-Darsteller viel zu schwach besetzt. Es war sehr interessant, nach vielen vergangenen Jahren wieder in die Serie einzusteigen, bei der vor allem Beppo Brem und die eingängige Musik in Erinnerung geblieben waren. Der Unterhaltungswert passte schon, wenngleich es sicherlich noch Luft nach oben gibt.


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 Betreff des Beitrags: Tim Frazer jagt den geheimnisvollen Mister X (1964)
BeitragVerfasst: 20.07.2016 00:24 
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● TIM FRAZER JAGT DEN GEHEIMNISVOLLEN MISTER X (A|1964)
mit Adrian Hoven, Corny Collins, Paul Löwinger, Mady Rahl, Ady Berber, Sieghardt Rupp und Ellen Schwiers
eine Produktion der Melba Film | Sodep-Atelier | im Constantin Filmverleih
ein Film von Ernst Hofbauer


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»Noch 30 Schritte haben Sie zu leben«


Tim Frazer (Adrian Hoven), eine Koryphäe der britischen Polizei, kommt mit seiner Verlobten Janine (Corny Collins) auf dem Antwerpener Flughafen an. Später stellt sich heraus, dass in der Nähe und ungefähr zur selben Zeit ein Mord mit einem Stilett verübt worden ist. Inspektor Stoffels (Paul Löwinger) klärt Frazer über die Hintergründe und darüber auf, dass der Tote Teil einer mysteriösen Mordserie ist und bittet seinen Kollegen, ihn bei den Ermittlungen zu unterstützen. Dies tut auch Lode van Dijk (Ady Berber), der Bruder des letzten Toten, und schon bald ergeben sich Zusammenhänge die ins Drogenmilieu führen. Doch die Verbrecher sind gewarnt und schnappen sich Janine als Geisel. Wird Tim Frazer den geheimnisvollen Mister X noch rechtzeitig stellen können..?

Im Zuge der deutschen Krimi-Welle entstand Ernst Hofbauers "Tim Frazer jagt den geheimnisvollen Mister X" unter Verwendung der gleichnamigen Titelfigur des britischen Autors Francis Durbridge. Dieser Film kann schließlich als Hybrid angesehen werden, bedient er sich doch gleich zweier Erfolgskonzepte. Erstens ist dieser Beitrag stark an den Inszenierungsstil insbesondere der Edgar-Wallace-Reihe und anderer Epigonen angelehnt und zweitens wird schon alleine aufgrund des Titels ein direkter Zusammenhang zu den überaus erfolgreichen Straßenfegern hergestellt, die unter dem Gütesiegel Francis Durbridge im Fernsehen gelaufen sind. So wurde "Tim Frazer" bereits 1963 als sechsteiliges Fernsehspiel gesendet, mit Max Echart und Marianne Koch in den Hauptrollen. Hofbauers Film sieht man dadurch also potentiell unter besonders günstigen Voraussetzungen und die Inszenierung kann sich auch durchaus sehen lassen, wenngleich sich der Wiener Regisseur doch weitgehend an die Gesetze beider Vorbilder gehalten hat. Als besonders gelungen ist die dichte Atmosphäre zu beschreiben, die zusätzlich durch extravagante Kamera-Einstellungen und eine gute Wahl an Schauplätzen an Reiz gewinnen kann. Betrachtet man den eigentlichen Kriminalfall, so bekommt man im Wesentlichen nicht viel Neues geboten und das Thema bleibt letztlich herkömmlich. Als rein österreichische Produktion kommt der Zuschauer in den Genuss einer alternativ angelegten, respektive einer halb österreichischen Besetzung, bestehend aus bekannten Schauspielern die im deutschsprachigen Raum jedoch sehr bekannt waren. Erfrischend ist die Auswahl nicht zuletzt deswegen, da man lediglich Adrian Hoven, Corny Collins und Mady Rahl in bis dahin einmaligen Gast-Auftritten beim Platzhirsch Wallace zu sehen bekam und alle Darsteller somit weitgehend noch kaum Abnutzungserscheinungen in gängigen Kriminalfilm vorzuweisen hatten.

Das Ensemble präsentiert sich insgesamt frisch und unverbraucht, es ist definitiv die angebotene Abwechslung, die man anerkennend wahrnimmt und das Ganze ist auch wirklich sehr gut gespielt. Selbst Adrian Hoven, dessen kriminalistischer Fehlstart in "Das Rätsel der roten Orchidee" nur schwer zu vergessen ist, tut hier alles was nötig ist, um die Anforderung einer Titelrolle zu meistern. Sein Auftreten ist für seine Verhältnisse sogar als charismatisch zu bezeichnen, er wirkt agil und wach, sodass es so gut wie sicher erscheint, dass er "Mister X" zur Strecke bringen wird. An seiner Seite oder umgekehrt, sieht man das Wiener Original Paul Löwinger, den man sich zunächst nur schwer in einer derartigen Rolle vorstellen kann. Aber auch sein Ermittler wird erst durch die Variation interessant, außerdem ist er für leisen Humor zuständig. Wenn man bei den Überraschungen bleibt, ist ebenfalls Corny Collins zu erwähnen, die sehr befreit und leichtfüßig aufspielt, denn so verkommt sie nicht wie in "Das indische Tuch" zur blassen Stichwortgeberin der männlichen Hauptrolle. Eine so großartige Interpretin wie Mady Rahl hat bislang noch jeden Film bereichern können, hier zeigt sie erneut ihr Können, das sich aus ihrer Wandlungsfähigkeit innerhalb des bestehenden Images und der provokanten Angriffslust zusammensetzt. Verruchte, halbseidene Damen oder solche, die es gerne wären, waren oft ihre Domäne und auch wenn ihre Spielzeit nicht allzu üppig ausgefallen ist, dominiert sie ihre Szenen und Spielpartner nach Belieben. Toll! Ady Berber bekleidet glücklicherweise eine größere Rolle und wurde mutig entgegen seines monotonen Rollenprofils des willigen Werkzeugs besetzt. Der Mime mit der einschüchternden Statur zeigt hier aus dem Stand, dass er zu wesentlich mehr fähig war, als üblicherweise abgerufen wurde. In einen kurzen Auftritt schaut schließlich noch Sieghardt Rupp vorbei und man schaut auf eine Riege, die sich wirklich sehen lassen kann.

Wenn eine Beteiligte nicht vergessen werden darf, ist es niemand anders als Ellen Schwiers, deren Aura der deutsche Krimi wesentlich häufiger nötig gehabt hätte. Fähigkeiten und Abruf stehen bei ihr gar nicht primär zur Debatte, denn eine schwache Ellen Schwiers schließt sich von vorne herein einfach aus. Es sind eher die zusätzlichen Möglichkeiten die sie mitbringt, nämlich im Rahmen universeller Einsatzgebiete. Hier sieht man sie gleich mit mehreren Gesichtern und im Wechsel zwischen ordinär und damenhaft, unscheinbar und dominant. Besondere Szenen entstehen, als sie die gefesselte Janine zum Sprechen bringen will und dabei andeutet, dass sie auch vor Folter nicht zurückschrecken würde, was sich in ihrem großflächigen Gesicht deutlich ablesen lässt. Ja, Ellen Schwiers ist immer ein großer Gewinn und sie bleibt in dieser Produktion sicherlich einer der größten Überraschungs-Coups. Generell fällt auf, dass der Schnitt in "Tim Frazer jagt den geheimnisvollen Mister X" ziemlich hart ausgefallen ist, was den positiven Gesamteindruck immer wieder etwas verwässert. Dass der Kriminalfall an sich eigentlich wenig spektakulär ist, fällt aufgrund der guten Inszenierung weniger ins Gewicht, Spannung und Tempo setzen sich in Verbindung mit sehr eingängigen Einfällen immer wieder durch und besonders das Finale ist lobend zu erwähnen, welches sich ein einem Tunnel abspielt, in dem man einer schwarzen Gestalt hinterher jagt. Die Musik der Veranstaltung ist kriminalistisch-konventionell, außerdem wird im zwielichtigen Ambiente der Bar das Chanson »J'ai peché« von Bebe Suong vorgetragen. "Tim Frazer jagt den geheimnisvollen Mister X" kann insgesamt als willkommene Abwechslung innerhalb der zeitgenössischen Krimi-Landschaft wahrgenommen werden und man bekommt zwar nicht das neu erfundene Rad angeboten, aber einen soliden Unterhaltungsfilm, der auf zahlreiche Alternativen setzt und durch die flüssige Inszenierung punkten kann.


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 Betreff des Beitrags: Die Hexe von Ödach (1965)
BeitragVerfasst: 20.07.2016 15:49 
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● Folge 2: DIE SELTSAMEN METHODEN DES FRANZ JOSEF WANNINGER - DIE HEXE VON ÖDACH (D|1965)
mit Beppo Brem, Maxl Graf, Fritz Strassner, Wolf Ackva, Franziska Liebing
Gäste: Ruth Drexel, Dora Altmann, Grete Binter-Overhoff, Hans Stadtmüller, u.a.
eine Produktion der Bavaria Film | für WWF
Regie: Michael Braun




Kriminalinspektor Wanninger hat seit geraumer Zeit keinen Urlaub mehr in Anspruch genommen. Da er immer ständig von seinem schmerzhaften Kreuz geplagt ist, versucht Kriminaldirektor Mitterer ihn zu einer Auszeit zu bewegen. Die Überraschung ist groß, als Wanninger die Offerte widerstandslos annimmt. Er möchte in ein kleines Dorf namens Ödach, allerdings nicht, um sich gründlich zu erholen, sondern um sich einem eigenartigen Fall zu widmen. Dort soll es nämlich eine Hexe geben, wegen der einige Tiere verendet sein sollen und weil ihr Mann kurz nach der Hochzeit unter rätselhaften Umständen tödlich verunglückte. Wanninger gibt sich als Viehändler aus und stößt tatsächlich auf ein gemeines Mordkomplott...

Folge 2 beginnt unverzüglich mit einem Trick von Schlitzohr Franz Josef Wanninger, der deutlich macht, dass er voll und ganz mit seinem Beruf liiert ist und wie seine Strategie aussieht, unbequemer Konfrontation oder unnötiger Diskussion aus dem Wege zu gehen. An seinem "Urlaubsziel" angekommen, beschafft er sich inkognito und ziemlich geschickt alle notwendigen Informationen und entwickelt dabei den Charme eines waschechten Lausbuben. Dabei passt er sich den befragten Personen wieder erstaunlich gut an, bevor er sich an die vermeintliche Hexe heranwagt. In Michael Brauns zweiter Folge wirken vor allem wieder einmal die beteiligten Personen und die urigen Schauplätze sehr authentisch, hier und da entstehen sogar einige Szenen, die unheimlich wirken, was man von der Hexe dieses Dorfes allerdings nicht behaupten kann. Das Spiel mit provinziellem Denken und dem Aberglauben ergibt eine recht interessante Mischung, dass sich unfreiwillige Komik mit eingeschlichen hat, wirkt sogar nicht einmal so unpassend, da nicht die Hexe selbst, sondern der Aberglaube, der wie "stille Post" zu funktionieren scheint, die Bewohner eines ganzen Dorfes verhext hat.

"Die Hexe von Ödach" hat so gut wie keinen Spannungsfaktor, wirkt aber in vielen Szenen urkomisch, beispielsweise als Wanninger die Schmerzen aus dem Kreuz getrieben bekommen soll. In diesem Zusammenhang werden den Zuschauer sogar Zaubersprüche aufgetischt, was ein passables Anknüpfen an die Thematik der Folge darstellt. Natürlich ist es für ihn, genauso wie für den Zuschauer alles eine Art Hokuspokus, es darf also ungeniert geschmunzelt werden. In der Titelrolle sieht man Ruth Drexel agieren, die mit bayrischem Dialekt und einem vielleicht etwas einfältigem Charme überzeugen kann. Sie nimmt die Situation wie sie seit längerer Zeit ist hin und sieht keinerlei Möglichkeiten sich daraus zu befreien. Auch dass sie sich in großer Gefahr befindet, scheint ihr gänzlich unklar zu sein, also muss schließlich Partei für sie ergriffen werden. Ansonsten hat dieses verhexte Dorf noch eine Art Guru zu bieten, der mit seltsamen Mixturen angeblich Krankheiten austreiben kann, ein paar alte Klatsch- und Tratschweiber, die Gerüchte nicht nur verbreiten, sondern auch am Leben erhalten, und da in dieser Episode auch noch Fastnacht gefeiert wird, sieht man traditionelle Bräuche, die zum unschuldigen Flair der zweiten Folge beitragen. Zum Ende hin gibt es sogar noch einen sehr diskreten Twist, falls man ihn nicht schon durchschaut hatte, aber die Mord-Absicht und der Plan dieses heimtückischen Verbrechens geht bei diesem bunten Treiben, das zugegebenermaßen einen hohen Unterhaltungswert hat, irgendwie zu stark unter.


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