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 Betreff des Beitrags: EIN MÖRDERISCHER SOMMER - Jean Becker
BeitragVerfasst: 31.05.2014 12:33 
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L'été meurtrier
(Ein mörderischer Sommer / One Deadly Summer)
Frankreich 1983 - Directed by Jean Becker
Starring: Isabelle Adjani, Alain Souchon, Suzanne Flon, Maria Machado, Jenny Clève...


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"Er steckt mir seine dreckige Zunge in den Mund. Und nur der Gedanke, daß ich sie alle kaltmachen werde, hält mich davor zurück zu kotzen."

Es gibt viele Filme über an und für sich liebenswerte Menschen, die am Leben im Allgemeinen bzw. an der Vergangenheit im Besonderen zerbrechen. L'été meurtrier zählt zu den besten, packendsten und tragischsten Werken dieser Sparte. Dabei fängt alles so schön, so harmlos, so unschuldig an.

Schauplatz des Geschehens ist ein kleines Nest im Süden Frankreichs. Man fühlt sich inmitten der alten, malerischen Gemäuer sofort wohl, saugt die Überdosis Lokalkolorit ebenso gierig in sich auf wie die stimmige Dorfatmosphäre. Fast meint man, die brütende Sommerhitze auf der Haut spüren zu können. Das Landleben ist zwar kein Zuckerschlecken, aber die Bewohner packen gerne mit an und sind mit Leidenschaft bei der Sache. So wie Florimond Montecciari (Alain Souchon), von allen nur Pin-Pon genannt, ein sympathischer, schlaksiger, etwa dreißigjähriger Mann, der mit seinen Brüdern (einen davon gibt François Ziemlich beste Freunde Cluzet) am Bauernhof seiner Mutter lebt, seine Brötchen als Mechaniker verdient und auch bei Einsätzen der Feuerwehr kräftig mithilft. Jeder mag den gutmütigen, netten Kerl, der heimlich mit der hübschen Kartenverkäuferin des lokalen Kinos rummacht. Dann, eines Tages, ist sie plötzlich da, die etwa zwanzigjährige Eliane Wieck (Isabelle Adjani). Eine wunderschöne junge Frau, selbstbewußt, aufreizend, kokett, den Männern des Dorfes spielerisch die Köpfe verdrehend. Ein sexy Blickfang, wie er im Buche steht, ein heißer Feger, welcher mit seinen in Überfluß vorhandenen Reizen nicht geizt. Schüchtern versucht Pin-Pon erste Bande mit ihr zu knüpfen, und zu seiner Überraschung läßt sie sich auf ein Rendezvous ein. Das Abendessen gerät aufgrund Elianes direkter, schnippischer und aufgekratzter Art sowie ihrer exzessiven Stimmungsschwankungen fast zum Desaster. Doch Pin-Pon verliebt sich in die faszinierende, verletzlich anmutende Frau, und bald zieht sie zu ihm auf den Bauernhof. Als ein Baby unterwegs zu sein scheint, wird auch über eine Heirat nachgedacht. Alles eitel Wonne also? Mitnichten. Es häufen sich - anfangs noch vage - Andeutungen, daß Eliane nicht zufällig in dieses idyllische Dörfchen gekommen ist. Und daß sie etwas Schreckliches im Schilde führt.

Isabelle Adjani ist atemberaubend als unwiderstehliche Femme fatale, die alle um sich ins Verderben zu reißen droht, sich selbst eingeschlossen. Sie ist nicht böse per se. Doch ein viele Jahre zurückliegendes Ereignis nagt an ihr, läßt ihr keine Ruhe, zwingt sie zu handeln. Begriffe wie "richtig" oder "falsch" spielen in ihrem krankhaften, obsessiven Denken keine Rolle. Sie tut, was aus ihrer Sicht getan werden muß, nicht ahnend, daß in dieser Sache bereits so manches geschehen ist. Völlig zu Recht bekam Adjani für diese sensationelle Performance 1984 den César als beste Schauspielerin zugesprochen, einen von insgesamt vier Preisen (bei neun Nominierungen), welche L'été meurtrier abräumte. Es ist fast schon unheimlich, wie intensiv die am 27. Juni 1955 in Paris geborene Aktrice in der vielschichtigen Figur aufgeht, wie glaubwürdig, präzise und zugleich auch natürlich (und freizügig) sie agiert. Alain Souchon ist allerdings ebenfalls großartig; auch er schafft es problemlos, Pin-Pon dem Zuschauer nahe zu bringen, Sympathien für ihn zu wecken, ihn als Identifikationsfigur anzubieten. Es sind zwei phantastische Charaktere, die Drehbuchautor Sébastien Japrisot (er adaptierte seinen gleichnamigen Roman (deutscher Titel: Blutiger Sommer) aus dem Jahre 1977 selbst zu einem Skript), Regisseur Jean Becker sowie Isabelle Adjani und Alain Souchon da geschaffen haben. Man würde ihnen gerne dabei zusehen, wie sie ihr Leben leben, ihr Glück finden und zusammen in eine schöne Zukunft steuern. Selten sehnte man ein Happy End mehr herbei als hier.

Doch daß es das nicht geben wird, wird spätestens nach einer halben Stunde klar, dank eines so einfachen wie brillanten Kniffs. Es erfolgt nämlich ein recht abrupter Perspektivwechsel von Pin-Pon, aus dessen Sicht das Geschehen bis zu diesem Zeitpunkt geschildert wurde, zu Eliane (es wird übrigens auch nicht bei diesem einen Wechsel der Erzählperspektive bleiben). Auf diese Weise erfährt der Zuschauer nach und nach, was genau eigentlich vor sich geht bzw. was vor vielen Jahren vorgefallen ist. Wie bei einem kniffligen Puzzle wird so sorgfältig Stück für Stück hinzugefügt, bis sich am Ende das gesamte Bild ergibt. Und da dies Becker und Japrisot ungemein geschickt anstellen, entsteht langsam eine beunruhigende Spannung, die tief in der Geschichte verwurzelt ist. Das ist keine belanglose, oberflächliche Spannung, die kurz darauf wieder verpufft, oh nein. Diese hier spürt man förmlich leise vibrieren, sie nimmt in ihrer Intensität stetig zu, bis sie sich ganz am Schluß mit einem gewaltigen Knall entlädt. Und dieser Knall hat es wahrlich in sich. Ich habe L'été meurtrier bestimmt schon fünf- oder sogar sechsmal gesehen, aber während der letzten fünfzehn Minuten sitze ich jedes Mal aufs Neue wieder wie auf glühenden Kohlen, bevor am Ende der unvermeidliche Schlag in die Fresse erfolgt. Denn ab einem gewissen Zeitpunkt gewinnt das Geschehen eine sagenhafte Eigendynamik, die durch nichts und niemand mehr zu stoppen ist. Da kann man die sich abspulende Tragödie nur noch hilflos mitverfolgen.

L'été meurtrier ist ca. einhundertunddreißig Minuten lang. Im Gegensatz zu vielen amerikanischen Blockbustern, die ihre dünne Geschichte unnötig in die Länge ziehen, fühlt sich Jean Beckers Meisterwerk keine einzige Sekunde zu lang an. Wie brillant Regie, Drehbuch und die Leistungen der bis in kleinste Nebenrollen perfekt besetzten Schauspieler sind, sieht man auch daran, daß man dem faszinierenden Geschehen wie hypnotisiert folgt, obwohl es sich zum Teil unendlich langsam entfaltet. Ein wunderbar gemächlicher, entschleunigter Film. Aber einer, dessen Biß lange schmerzt.

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 Betreff des Beitrags: Re: EIN MÖRDERISCHER SOMMER - Jean Becker
BeitragVerfasst: 31.05.2014 18:47 
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Randolph Carter hat geschrieben:
L'été meurtrier ist ca. einhundertunddreißig Minuten lang. Im Gegensatz zu vielen amerikanischen Blockbustern, die ihre dünne Geschichte unnötig in die Länge ziehen, fühlt sich Jean Beckers Meisterwerk keine einzige Sekunde zu lang an. Wie brillant Regie, Drehbuch und die Leistungen der bis in kleinste Nebenrollen perfekt besetzten Schauspieler sind, sieht man auch daran, daß man dem faszinierenden Geschehen wie hypnotisiert folgt, obwohl es sich zum Teil unendlich langsam entfaltet. Ein wunderbar gemächlicher, entschleunigter Film. Aber einer, dessen Biß lange schmerzt.[/align]


Danke für deinen Beitrag. Ich liebe diesen Film!

Damals habe ich mich in Isabelle verliebt, schlaflose Nächte inklusive.

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 Betreff des Beitrags: Re: EIN MÖRDERISCHER SOMMER - Jean Becker
BeitragVerfasst: 01.06.2014 12:35 
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Sehr gerne.

Ich hatte das Glück, den Film das erste Mal so ca. Mitte der 80er im TV zu sehen. Habe damals bestimmt nicht alle Feinheiten von Film bzw. der Geschichte gecheckt, aber ich fand ihn da schon großartig. Ist jetzt einer meiner absoluten Lieblingsfilme.

Und die Adjani, oh mein Gott! :jc_omg_sign: Wie kann man diese Frau nicht lieben? :schilder_hschild:

L'été meurtrier läuft übrigens Dienstag auf Servus TV. Trotzdem empfehle ich, diesen Film zu dieser Zeit nicht anzuschauen. Warum? Weil die Werbeunterbrechungen die sorgfältig aufgebaute Spannung bestimmt zerstören und den Zuseher aus der Geschichte rausreißen. Also, eventuell aufzeichnen und den Film zu einem späteren Zeitpunkt angucken, wo man die Werbung bequem überspringen kann. Oder gleich zur DVD greifen. 100% Isabelle gibt es ja nur im O-Ton.

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 Betreff des Beitrags: Re: EIN MÖRDERISCHER SOMMER - Jean Becker
BeitragVerfasst: 01.06.2014 12:41 
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Randolph Carter hat geschrieben:
Ich hatte das Glück, den Film das erste Mal so ca. Mitte der 80er im TV zu sehen. Habe damals bestimmt nicht alle Feinheiten von Film bzw. der Geschichte gecheckt, aber ich fand ihn da schon großartig. Ist jetzt einer meiner absoluten Lieblingsfilme.


Ging mir ähnlich, es war aber -glaube ich- die Sicherheitskopie eines Leihtapes. Meine damalige Olle war nicht sonderlich über meine Reaktion auf den Film erfreut, war mir jedoch egal ...

:lol:

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 Betreff des Beitrags: Re: EIN MÖRDERISCHER SOMMER - Jean Becker
BeitragVerfasst: 08.05.2016 23:43 
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Ich stimme Randolph Carter weitgehend zu!
War wirklich eine Überraschung für mich.
Der Film fängt so ruhig an, da glaubt man, man hätte hier eine leichtherzige Erotikkomödie vor sich.
Anfangs ist das auch gar nicht so falsch, denn ein gewisser Humor ist dem Film nicht schon von Anfang an abzusprechen.
Dazu noch viel Lokalkolorit - Becker setzt das Dorf sehr schön in Szene.
Die erste Stunde etwa ist nicht wirklich aufregend im Sinne von besonders ernst oder spannend.
Aber ab dann wandelt sich das Ganze allmählich in eine Art Psychodrama mit stellenweisen Thrilleranleihen und der Humor schwindet mehr und mehr.
Da gibt's dann immer wieder Stellen, die für den Zuschauer - angesichts der bis dorthin vorherrschenden Unbeschwertheit - wie ein Schlag ins Gesicht sind.
Abseits dieser vereinzelten Szenen bleibt jedoch auch unter der Oberfläche durchaus eine gewisse Spannung bestehen.
Nach und nach werden Dinge aufgedeckt, die einfach nicht vorhersehbar sind und ab einem gewissen Zeitpunkt wird dann doch klar, dass die Geschichte ein sehr unschönes Ende nehmen wird.
Das Ganze ist also in mancherlei Hinsicht sehr wendungsreich und dabei trotzdem auch konsequent durchgezogen.
Sehr sehenswert ist der Film auf jeden Fall, aber trotzdem würde ich ihn nicht als brillant bezeichnen.
Denn ich muss ehrlich zugeben, ich halte Isabelle Adjani bei weitem nicht für die Idealbesetzung ihrer Rolle.
Vom Aussehen her, wirkt sie auf mich manchmal einfach zu kindlich-naiv, als dass sie in ihrer Rolle durchgehend glaubwürdig sein könnte.
Das ist aber auch schon das Einzige, was mich gestört hat, ansonsten, wie gesagt, vollste Empfehlung für den Film.
8,5/10


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 Betreff des Beitrags: Re: EIN MÖRDERISCHER SOMMER - Jean Becker
BeitragVerfasst: 12.06.2016 16:37 
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Habe den Film nun aufgrund einer Viruserkrankung und der damit verbundenen Fesselung ans Bett bzw. der Couch nun nach Jahren endlich auf DVD sichten können...

Ja, die Adjani kann wirklich fesseln - mit ihrem Unschulds-Lolita-Gesicht, ihren unglaublich langen Beinen, dem knackigen Po (jedenfalls, wenn man auf dürre Weiber steht, so wie ich damals!). Und dann diese Szenen, die einfach unvergesslich sind, jedenfalls für einen wohl 16jährigen Buben wie mich damals, als ich den Film das erste Mal im TV geschaut: Wenn sich die Adjani bückt und ihr kurzes Röckchen sich hochschiebt; man stellt sich vor, selbst wie Ping-Pong auf einem Rollwagen unter einem Auto zu liegen und direkt unter die Beine der Adjani zu düsen - was hätte ich damals für diesen Blick in Natura nicht alles gegeben!!! Und dann die frivolen Szenen, als sie z. B. nach der ersten Nacht in der Scheune pudelnackt auf den Hof marschiert und vor den Augen der entsetzten Mutter Wasser lässt! Daran konnte ich mich noch sehr gut erinnern! Auch an die Grimassen der Adjani, an die witzigen "Dialoge" mit der tauben alten Frau.

Aber die üble Gewalt, gerade die Szenen im Winter 1955, die wirkten bei der letzten Sichtung wie ein Hammerschlag! Waren die wirklich so im TV ausgestrahlt worden? Ich war schon überrascht, wie brutal der Film eigentlich ist, hatte ich ihn doch eher als leicht frivolen Sommerkrimi in Erinnerung, aber der Film ist harter Tobak!

Die Adjani spielt ausgezeichnet, man bedenke, sie war während der Dreharbeiten schon 26 und wirkt am Ende wie ein kleines Schulmädchen. Heutzutage sehen Mädchen mit 14 schon älter aus als die Adjani damals! ihr keckes Minenspiel und ihre unbeschwerte Art ließ mich damals echt vermuten, dass sie noch keine 20 wäre und ich fand sie damals viel zu jung für Ping-Pong! Den César hat sie für ihre Rolle mE zu Recht bekommen!

Ein nach heutiger Sichtung noch viel eindrucksvollerer Film als damals (vielleicht hatte ich da auch zu sehr auf der Adjanis lange beine gestarrt!). 10 / 10 Punkten!


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