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 Betreff des Beitrags: MUTILATIONS - Larry Thomas
BeitragVerfasst: 10.12.2016 13:44 
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Mutilations
USA 1986 - Written & Directed by Larry Thomas
Starring: Al Baker, Katherine Hutson, John Bliss, Bill Buckner, Shelly Creel, Harvey Shell...


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Schon seit den 1960er-Jahren geben sie Rätsel auf und liefern Futter für Verschwörungstheoretiker in allen Herren Ländern. Die Rede ist von den mysteriösen Viehverstümmelungen. Da grasen harmlose Rinder den einen Tag noch nichtsahnend und glücklich auf ihrer saftigen Weide, und am nächsten Tag liegen sie dann niedergemetzelt und nicht mehr ganz so glücklich in ihrem Blut und sorgen für ratloses Kopfschütteln. In seinem B-Movie Mutilations aus dem Jahre 1986 liefert Larry Thomas (aka Lawrence Thomas) nicht nur die Lösung für das Mysterium, er geht auch gleich den einen, entscheidenden Schritt weiter. Die Übeltäter sind natürlich Aliens, welche schon vor geraumer Zeit ihre schuppigen Pfoten auf unsere Erde gesetzt haben. Über ihre Motive kann man nur spekulieren. Sind sie der Vorhut, der unsere Heimat erkunden soll, quasi der erste Schritt einer großangelegten Invasion? Sind sie sadistische Mißgeburten, die nichts Besseres zu tun haben als Tiere und Menschen zu quälen und zu töten? Oder sind sie bloß neugierige Kreaturen, die einfach nur wissen möchten, wie wir ticken und dabei etwas zu grob und ungestüm vorgehen? Geht es nach ihren fiesen Fressen ("They look like demons out of hell!"), dann ist Vermutung Nummer Zwei die einzig mögliche Option, aber da man ja auch Menschen nicht (nur) nach ihrem Äußeren beurteilt, sollte man diesen Fehler bei potthäßlichen Außerirdischen ebenfalls nicht begehen.

Daß sich unsere Helden vehement zur Wehr setzen, ist legitim. Tatenlos zusehen und stillhalten, wenn einer nach dem anderen brutal abgemurkst wird, nein, das geht mal gar nicht, selbst wenn man dumm wie Brot ist. Professor Jim McFarland (Al Baker) ist zwar nicht dumm wie Brot, es mangelt ihm aber am gewissen Fingerspitzengefühl. Die Idee, mit seinen sechs Studenten in die ländliche Gegend um das Nest Berry Hill zu fahren, um u. a. der dubiosen Sache mit den Viehverstümmelungen auf den Grund zu gehen, ist jedenfalls nicht seine beste. Selbst als die Gruppe staunend vor einer gräßlich zugerichteten, halb aufgefressenen Kuh steht, die vor ihren Augen qualvoll verendet, sieht der engagierte Lehrer keinen Grund, die Exkursion abzubrechen. Als sie etwas später aufgrund eines heftigen Gewitters bei einem unfreundlichen Farmer Unterschlupf suchen und dieser nicht müde wird, sie zu warnen ("Leave while you still can!"), ist es leider schon zu spät. Die Aliens sind da und begehren Einlaß, und der Gastgeber beißt als erster ins Gras, was eine Studentin wie folgt kommentiert: "He was a strange man. But I was beginning to like him." Auf der Flucht vor den (zwei, drei oder vier?) außerirdischen Monstern verschlägt es die Gruppe erst in den Keller und in weiterer Folge in die Höhlengänge unter dem Haus, wo sie sich der heimtückischen Angriffe der Aliens erwehren müssen. Ein beinharter, nahezu aussichtsloser Überlebenskampf beginnt.

Filme mit bösen Aliens gibt es wie Sand am Meer, aber einige davon ragen aus der Masse hervor wie ein stolzer Flamingo unter Dutzenden Kiwis. Filme wie Norman J. Warrens Prey (1977), Don Dohlers The Alien Factor (1978), Tim Kincaids Breeders (1986), Peter Jacksons Bad Taste (1987), oder eben auch Larry Thomas' Mutilations. Damit möchte ich keinesfalls implizieren, daß diese Werke gut wären (denn das sind sie, nach herkömmlichen Qualitätsmaßstäben jedenfalls, leider nicht), sondern nur herausstreichen, daß sie anders und - aus welchen Gründen auch immer - etwas Besonderes sind. Die ersten Ideen für Mutilations hatte Thomas bereits 1981; über die Jahre nahm das Projekt dann Gestalt an, bis es schließlich Mitte der Achtziger mit einem Budget von weniger als einhunderttausend Dollar umgesetzt wurde. Gedreht wurde auf 16-mm-Filmmaterial in Tulsa, Oklahoma, der Heimat des Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten, wobei sich die Cast und Crew aus mehr oder weniger erfahrenen Filmbegeisterten der Umgebung zusammensetzte. Für die Special-Make-Up-FX verpflichtete man Doug Edwards und David Powell, deren Arbeit man auch in Christopher Lewis' Revenge (Revenge - Des Teufels blutige Krallen) bestaunen kann. Und die Stop-Motion-Animationen von John Fischner entstanden im Anschluß in Houston, Texas, und wurden später mit dem gedrehten Material kombiniert. Das Endergebnis ist nicht weniger als verblüffend.

Daß Mutilations kein "normaler" Horrorstreifen ist, ist bereits zu erahnen, als die "Schauspieler" in Erscheinung treten. Nun ja, da es sich bei denen allesamt um Laien handelt, sollte es niemanden verwundern, daß ihr Spiel auch laienhaft ist. Die meisten agieren recht zurückgenommen, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, daß sie sich so sehr auf ihre jeweiligen Texte konzentrieren mußten, daß für Mimik und Gestik einfach kein Platz mehr blieb. Lediglich William Jerrick, der Darsteller des Studenten Eugene, fabriziert derart hysterisches Overacting, daß man nicht weiß, ob der Typ jetzt ein hochbegabter Über-Nerd oder ein geistig zurückgebliebener Schussel sein soll. Wenn man bei den "Schauspielern" also bereits ahnt, daß Mutilations gehörig aus dem Rahmen fällt, dann ist man sich dessen spätestens beim Auftritt der verstümmelten Kuh auch zu einhundert Prozent sicher. Bei dem Vieh handelt es sich nämlich um ein krude via Stop-Motion animiertes Knetgummiding, das lustig (im Vordergrund) herumzappelt, während die Protagonisten (dahinter) blöd glotzen. Niemand, ich wiederhole, niemand könnte je auf den Gedanken kommen, daß es sich hierbei um ein echtes Tier handeln könnte. Der Authentizitätsfaktor liegt im Minusbereich, das Schlock-o-meter schlägt hingegen voll nach oben aus. Und der Zeiger bleibt in luftigen Höhen stecken, denn besser wird es - so viel sei verraten - nicht mehr. Man werfe nur mal einen Blick auf die Aliens in Action. Da fällt es schwer, ein belustigtes Kichern zu unterdrücken.

Dies gilt auch für zumindest einen der paar beliebig eingestreuten Gore-Effekten. Da packt eine der Kreaturen einen Studenten am Hals, und während es ihn würgt (und weiß Gott sonst was mit ihm anstellt), verwandelt er sich. In Irgendwas. Bevor es ihn (leider Off-Screen) zersetzt. Diese Transformation ist so unerhört bizarr und komisch, daß man sie einfach lieben muß. Nachdem mein ungläubiges Staunen abgeklungen war, spulte ich zurück, um dem aberwitzigen WTF-Spektakel noch mal beizuwohnen. Und weil ich's immer noch nicht glauben konnte, mußte ich es ein drittes Mal sehen. Un-faß-bar. Lustigerweise macht Mutilations nicht den Eindruck, als wäre er als Horrorkomödie konzipiert. Einen bierernsten Schocker wollte Larry Thomas zwar bestimmt nicht drehen, aber insgesamt scheint mir der ambitionierte Streifen doch recht ernst angelegt zu sein. Irgendetwas ist dann mächtig schiefgelaufen, sehr zur Freude von Trash-Movie-Fans und Schlock-Aficionados. Der knapp siebzig Minuten lange Mutilations macht jedenfalls riesigen Spaß, ist ungemein kurzweilig, überaus charmant und punktet darüber hinaus mit seinem unnachahmlichen Achtziger-Jahre-Flair. Außerdem bietet er einiges für Augen und Ohren. Während die musikalische Untermalung und die Soundeffekte schon nicht schlecht sind, sorgt Steven Wacks' Cinematography für uneingeschränkte Begeisterung. Wacks scheint der einzige an der Produktion Beteiligte gewesen zu sein, der sein Handwerk verstand.

Die irre, farbenprächtige Szenenausleuchtung (meist rot, orange und purpur) sorgt für eine hinreißend surreale Pulp-Atmosphäre, was durch die ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und die phasenweise extremen Nahaufnahmen noch verstärkt wird. Und falls das alles Irgendjemandem immer noch nicht schräg genug sein sollte (was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann), der bekommt als Draufgabe noch herzerwärmend stümperhaft "animierte" UFO-Miniaturen und merkwürdige religiöse (mormonische) Ober- bzw. Untertöne geboten. Mutilations wurde kurz nach Fertigstellung in Amerika von einem obskuren Label auf Video veröffentlicht und verschwand im Anschluß prompt in der Versenkung, bis das Flick im Juni 2016 in den Staaten seine (längst überfällige) digitale Premiere erlebte. Keine Frage, für Fans von trashig-billigen, spaßig-bunten, obskur-bizarren, leidenschaftlich-eigenwilligen, putzig-käsigen, kultig-geilen Creature Features aus den tiefsten Tiefen der 1980er-Jahre ist Mutilations eine wunderbare Entdeckung. Ewig schade, daß Larry Thomas, der als Inspirationsquellen für diesen irrwitzigen Alien-Heuler übrigens The War of the Worlds (Kampf der Welten, 1953) und Earth vs. the Flying Saucers (Fliegende Untertassen greifen an, 1956) angibt, keine weiteren Genrefilme mehr drehte.

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