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 Betreff des Beitrags: FLIGHT TO HELL - Alvaro Passeri
BeitragVerfasst: 26.11.2016 13:33 
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Flight to Hell
(Volo per l'inferno)
Italien 2003 - Directed by Alvaro Passeri
Starring: Eric Bassanesi, Basia Wajs, Rory Amadeus, Sinne Mutsaers, Giulia Bernardini, Francis Cetiner, Rosie Malin...


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Im Jahre 1994 legte der Italiener Alvaro Passeri (aka Al Passeri) mit Plankton (Creatures from the Abyss) seinen Debütfilm vor... und versetzte mit diesem irrwitzig-fischigen Machwerk Spaghetti-Trash-Fans in aller Welt in einen kollektiven Freudentaumel, ließ ihre Körper vor Begeisterung derart wild zucken, als würden sie von unzähligen Orgasmen durchgeschüttelt werden. Gut, das mag vielleicht ein klein wenig übertrieben sein, aber wer Plankton in all seiner schillernden Pracht "erlebt" hat wird mir bestimmt zustimmen, daß dieser schlockige Geniestreich in Körper und Geist des Betrachters so einiges auslöste, was man zuvor noch nicht gekannt hatte. Ob dieses Gefühl nun guter oder schlechter Natur ist, darf jeder gerne für sich selbst entscheiden. Einige Jahre später ließ Passeri den bekloppten Mumien-Mumpitz The Mummy Theme Park (2000) folgen, dann wurde es ruhig um ihn. Zumindest hierzulande, denn drei Jahre später beendete er seine Regiekarriere laut Internet Movie Database mit zwei weiteren Filmen, denen leider keine deutschsprachige Veröffentlichung mehr beschieden war. Psychovision und Flight to Hell (Volo per l'inferno).

Setzte Passeri bei Plankton und The Mummy Theme Park noch überwiegend auf praktische Effekte und handgemachtes Make-Up, so hagelt es bei Flight to Hell Computer-Generated Imagery am laufenden Band. Das mag für viele jetzt im ersten Moment abtörnend klingen, aber ihr könnt mir ruhig glauben, wenn ich behaupte, daß ihr solche CGI-Auswüchse noch nie gesehen habt. Keine Ahnung, wie oft mir die Kinnlade runterklappte und ich Glubschaugen bekam, aber nach den fünfundachtzig Minuten des Filmes tat mir der Kiefer weh und die Augen tränten, als wäre gerade Hochsaison der Gräser, auf die ich allergisch reagiere. In meinem Kopf herrschte im Anschluß eine gewisse erschöpfte Leere. Was mag jetzt noch kommen, sinnierte ein Teil von mir. Ein anderer flüsterte gar schwermütig, ich müßte mir jetzt ein neues Hobby zulegen, da ich nun wirklich alles gesehen hätte, was im Filmgeschäft an katastrophalem Wahnwitz möglich ist. Aber dann denke ich an Filme wie La venganza de los punks, Skinless, Easter Casket, Headless oder Daisy Derkins, Dogsitter of the Damned, die erst kürzlich meinen Weg kreuzten, und bin wieder guter Dinge, daß es da draußen noch einiges zu entdecken gibt.

Millionen Menschen auf diesem Planeten kennen und lieben Ridley Scotts Alien (Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, 1979), haben dieses Meisterwerk mehrfach gesehen, ohne daß es einen unguten Einfluß auf sie ausgeübt hätte. Bei Alvaro Passeri verhält es sich anders. Der hat den Film bestimmt auch oft gesehen und dann Flight to Hell gedreht. An Bord der Nostromo, äh, nein, der Roulette One bekommen es Crew und Passagiere mit unheimlichen Wesen aus einer fremden Welt zu tun, nachdem sie einen mysteriösen Nebel durchflogen haben. Die Roulette One ist ein fliegendes Casino, in welchem sich unsympathische, superreiche Arschgeigen und deren Gespielinnen bei Roulette, Golf und virtuellem Schach vergnügen. Bei all den dämlichen Flitzpiepen an Bord drückt man glatt den Monstern die Daumen, damit sie uns bitte von diesem unerträglich nervenden, immerzu dummes Zeug labernden Abschaum erlösen. Dann fällt auch noch das System aus und der Funkkontakt bricht ab. Kapitän Don (Eric Bassanesi) und Stewardess Janet (Basia Wajs) versuchen zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Soso. Alien on a plane, done the Italian way. Mal sehen, was wir haben. Große Eier, denen sich ein dummer Mann mit Taschenlampe fasziniert nähert? Check. Ein glitschiges Wesen, das ihm aus einem Ei in die Fresse hopst? Check. Der Typ fällt danach in eine Art Koma, wacht dann plötzlich auf, ist gut gelaunt und hat Hunger? Check. Das in ihm herangewachsene Vieh bricht spektakulär aus ihm heraus? Check. Es gibt eine große Kreatur, die sich wunderbar tarnen kann und sich einen nach dem anderen schnappt? Check. Ein Idiot, den die Geldgier übermannt und der das Ding lebendig fangen will? Check. Der hübsche Plan, das Alien aus dem Flugzeug zu pusten? Check. Aber, wie gesagt, das alles ist done the Italian way, was bedeutet, daß es nicht nur extrem schlockig und so realitätsfern wie nur irgendwas ist, sondern daß es auch lustige Abweichungen gibt. So schlüpft der schleimige Facehugger-Ersatz dem Typen in die Nase und legt sein Baby im Gehirn ab, weshalb es dann später aus dem Auge rausplatzt! Außerdem ist das kleine Alien dermaßen rasant unterwegs, daß selbst Wände und ungünstig platzierte Köpfe kein Hindernis darstellen. Und den alten Trick "rein in die Mumu, raus aus dem Mund" hat das Kreatürchen auch noch im Repertoire.

Was mir an den Filmen von Alvaro Passeri so gut gefällt, ist, daß sie eine unschuldig-kindliche Naivität und eine spielerische Lockerheit ausstrahlen. Dadurch werden sie sympathisch und man kann ihnen nicht böse sein, egal was für Kokolores da gerade zelebriert wird. Flight to Hell ist somit quasi das Gegenteil einer typischen Asylum-Produktion. Während dort der haarsträubendste Unfug so penetrant und bewußt zur Schau gestellt wird, daß man zu jeder Zeit weiß, daß sich die Macher "hey, das ist die totale Scheiße, die wir da fabrizieren, ist das nicht geil?" denken, ist man sich bei Passeri nicht mal sicher, ob er absichtlich den Trash-Olymp erklimmt oder ob er vom Dilettanten-Floh gebissen wurde und den Film einfach katastrophal vergurkt hat. Gut, der Twist am Ende suggeriert, daß Passeri sehr wohl weiß, was er da tut, aber irgendwie läßt einen das Gefühl nicht los, daß da vieles komplett schiefgelaufen ist. Das weckt wohlige Erinnerungen an unvergeßliche Italo-Kracher wie Andrea Bianchis Le notti del terrore (Die Rückkehr der Zombies), Bruno Matteis Rats - Notte di terrore (The Riffs III - Die Ratten von Manhattan) oder Claudio Fragassos unsterblichen Troll 2.

Nur daß im Gegensatz zu diesen "Klassikern" eben alles mit billigstem CGI zugepflastert wurde. Wohin man auch schaut, überall CGI, oft begleitet von comichaft-übertriebenen Sound-Effekten. Man könnte meinen, ein kleines Kind hätte soeben ein neues Spielzeug entdeckt und spielt jetzt damit bis zum Erbrechen. Selbst einfache Dinge, die man eigentlich mühelos hätte besorgen können (wie z. B. einen Roulettetisch), wurden digital getrickst. Dadurch wirkt alles überaus künstlich und unwirklich, in den besten Momenten sogar herrlich surreal. Dann nämlich, wenn Passeri seine Dali-Phase hat und Körperteile oder Gesichter wie in einem Spiegelkabinett aufbläst, zerdehnt oder verzerrt. Das sieht richtig knuffig aus und animiert zum fröhlichen rofln, also zum rolling on the floor laughing. Verstärkend kommt hinzu, daß die, nennen wir sie mal "Schauspieler", einen Dilettantenstadl sondergleichen aufführen und unentwegt Schwachsinn quasseln. Tatsache. Man kann auf jeden einzelnen dieser Hirnis zeigen und voller Inbrunst "Ich sehe dumme Menschen" flüstern. Nein, alle, die einen "richtigen" Film sehen möchten, sollten Flight to Hell meiden wie der Teufel das Weihwasser. Steht jedoch ein feuchtfröhlicher Trash-Abend auf dem Programm, sollte man unbedingt einen Platz in der Roulette One buchen und den Flug zur Hölle antreten.

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