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 Betreff des Beitrags: (Selbst-)Befreiung als zentrales Motiv des Italowestern?
BeitragVerfasst: 02.04.2016 00:25 
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Servus beeinand,
vorweg, es ist natürlich klar, dass dieses Thema wahrscheinlich nicht alle Italowestern betrifft, wahrscheinlich nicht mal die Hälfte. Es ist halt auch immer eine Frage des Anspruches des Regiesseurs ;)
Mit der Befreiung meine ich jetzt nicht die offensichtliche Befreiung von Ketten oder derartigen äußeren Umständen, wie der falschen Anschuldigung (zB "Der Gehetzte der Sierra Madre"), sondern eben die innere Befreiung im Folgenden von Schuld, Rache und Zorn.

Erstes Beispiel dieser Art der Befreiung ist dabei Corbuccis Django.
Seinen einzigen Sinn sieht Django in der Rache, durch die er sich eine Wiedergeburt erhofft durch die Befreiung einer vermeintlichen Schuld (?) oder schlichtweg, um dieses Kapitel endgültig abschließen zu können. Symbol für diesen Zustand ist dabei der Sarg, von dem er aussagt, darin läge Django. Das Verhalten Djangos im Ausspielen zweier feindlicher Parteien gegeneinander ist dabei inkonsequenter als das des Blonden in "Für eine handvoll Dollar". Insgesamt agiert Django oberflächlicher und weniger durchdacht, wodurch sein erster Weg der Befreiung, die Flucht ins Materielle zusammen mit Maria und dem Gold, fatal endet. Mit dem Scheitern dieser Flucht wandelt sich alles bisdahin geschehene für ihn ins Sinnlose, statt der Befreiung ist er der Gnade von Rodriguez ausgeliefert, dem Major steht er durch die Verletzung seiner Hände eigentlich unbewaffnet gegenüber.
Hervorzuheben ist das Ende. Django erhebt sich, lässt die Waffe zurück und geht. Während das Ganze visuel eher eine Parodie auf das klischeehafte Ende der Cowboy-Romantik anspielt, steht kausal da mehr dahinter. Wie erwähnt lässt Django die Waffe zurück. Während Django zuvor entmenschlicht auftritt, scheint er sich nun wieder zu vermenschlichen, er lässt Grab, Sarg, Waffe, Gold und alles zurück und geht. Ob ihm die Befreiung tatsächlich geglückt ist, wird dabei offen gelassen. Tatsache ist jedoch, dass Django eigentlich alles verloren hat, lediglich das, was vorher für ihn sinnstifend war, abgeschlossen hat. Corbucci zeigt dies auf die rabiateste Weise, indem alle tot sind, außer Django.

Zweites Beispiel ist "Der Tod ritt Dienstags"
Scott befindet sich zu Beginn des Films auf der untersten Stufe seines gesellschaftlichen Umfelds und repräsentiert den Ausgestoßenen. Durch das Auftauchen Talbys erhält er erstmals die Befreiung aus diese Zustand, welche er durch Gewalt erreicht. Allgemein gibt er sich bereit erklärend seinem Zorn hin. Den Entschluss dafür fasst er jedoch selbst, Talby ist dabei lediglich derjenige, der ihm den Weg hierfür angeboten haben
"Ein Wolf war er schon immer, tollwütig habt ihr ihn erst gemacht."
Dem widerspricht ein Stück weit dieses Zitat, denn es suggeriert, dass Scott das Produkt seiner Umwelt sei und dadurch in der Gewalt das einzige Mittel sähe, sich aus seiner Lage zu befreien. Tatsächlich blieb ihm wohl keine andere Alternative.
Scott gibt sich nun der Versuchung hin und durchlebt nun mit Talbys Lebensstil. Dadurch, dass sowohl Talby, als auch Allen versuchen, Scot zu führen, findet er sich wieder in jener Passivität wieder, aus der er sich erst löst, als er Talby das Ultimatum stellt, welches ihn schließlich zur Konsequenz zwingt.
Das schlussendliche Motiv der Befreiung findet sich wieder ganz am Ende. Talby warnte Scott, wenn er mit dem Töten beginne, könne und werde er nicht mehr damit aufhören. Die eigentliche Reaktion darauf ist schließlich das Wegwerfen der Waffe, wodurch Scott sich eigentlich beiden Pfaden verweigert, dem Talbys und dem Allens und sich Blind Bill anschließt, mit dem er sich symbolisch aufmacht.
Während bei Django die Befreiung mehr Reaktion auf Nihilismus ist, ist es bei Scott die gegen geistige Fremdherrschaft, sich einerseits aus dem Umständen, welche ihm ein menschenunwürdiges Dasein aufzwangen, wie auch aus der Kettenreaktion von Gewalt und Gegengewalt zu entziehen. Während die endgültige Menschwerdung bei Django fraglich ist, ist sie bei Scott gewiss, der Film endet positiv, Django ungewiss.

Der Vergleich: Leichen pflastern seinen Weg
Hauptunterschied dürfte sein, dass LpsW eher ein politischer Film ist, während Django ein ästethischer, philosophischer ist ("Der Tod ritt Dienstags" passt in diesen Vergleich wohl eher weniger). Aus diesem Grund ist der Wert weniger auf den Charakteren selbst, sondern viel mehr auf dem gesellschaftlichen Nihilismus. Recht und Unrecht sind mehr oder minder aufgelöst. Corbucci macht es dem Zuschauer zwar möglich, moralisch abzuwägen, lockt ihn damit aber bewusst in eine Falle.
Locco und der Stumme handeln im Rahmen des Gesetzes. Sie tun beide das Gleiche, wobei wir den Stummen für moralisch legitimierter halten, als Locco, auch wenn beide davon leben, fürs Töten bezahlt zu werden.
Der Friedensrichter sowie Locco und Konsorten beuten dabei eine Gesellschaft aus, die sie in die Abwärtsspirale drängen. Während Django eine tote Welt zeigte, zeigt LpsW eine sterbende. Im Zentrum ihres Strebens steht die persönliche Bereicherung bzw die Machtschaffung. Als eigentliche moralische Instanz des Films wirkt dabei Frank Wolff als Sheriff, welcher in der Konsequenz agiert, welche die Politik erkannt hat. Er schafft es dabei anfänglich die Menschlichkeit zurück in die gezeigte Zivilisation zu bringen und ist geneigt, eine langfristige Lösung zum Wohle aller zu treffen. Der Stumme agiert dabei unabhängig von ihm und ordnet sich dieser moralischen Instanz nicht unter. Nachdem Scheitern der weltlichen Instanz, repräsentiert durch den neuen Sheriff, stirbt der Stumme schließlich den Heldentod in der Ästhetik christlicher Mythologie. Dabei wird das Gefühl vermittelt, dass eben dieser Tod nicht sinnlos geschah und der gesellschaftliche Nihilismus aufgebrochen.
Anders sieht es danach mit Locco aus. Die Zivilisation, von der man gezehrt hat, ist nun tot und das Geschäftsmodell beendet. Überhaupt wird das reine Gefühl vermittelt, während Locco über der Leiche des Stummen kniet, dass er einsieht, dass er verloren hat, denn auch generell hat mit dem Sterben der Zivilisation sein Dasein den Sinn verloren.
Die Symbolik des Entmenschlichten betrifft hierbei beide Akteure, jedoch im unterschiedlichen Sinne. Den Film hindurch wirkt auch der Stumme entmenschlicht, getrieben als Auftragsrächer ohne wirkliches Leben. Tatsächlich glaube ich, dass die Stummheit Trintignants die Entmenschlichung symbolisch untermauern soll.
Die Wende zeichnet sich durch Pauline ab. Der Stumme erscheint vermenschlicht bishin zu seinem Märtyrertod. Die Aufmachung der Szenen macht den Stummen zum Heiligen, wenn man so will, zum übermenschlichem.
Locco wiederum agiert zunächst menschlicher als der Stumme, wenn man davon absieht, dass sein Verhalten als das Böse per se dargestellt wird. Er scheint mehr im Bewusstsein, agiert aktiver. Seine Handlungen sind dabei mehr auf den Lustgewinn am Töten ausgelegt, denn auf den Materiellen. Dennoch entmenschlicht auch er sich während des Films. Einerseits durch die Beendigung seiner Liason mit dem Recht, wie uch mit dem Fallenlassen jedweden moralischen Standards während des Finales. Im Laufe dessen wird er stummer, seine Gemütsregungen gehen zurück und er empfindet kein offensichtliches Vergnügen mehr am Töten. Mit dem Tod des Stummen und dem Töten der gesamten Geiseln begibt auch er sich in die absolute Sinnlosigkeit. Er verlässt gegen Ende die Stadt, nicht ohne sich eine Trophäe zu nehmen. Sein Dasein als solches verändert sich jedoch nicht. Das Verlassen des Ortes ist nicht symbolisch und keinerlei Veränderung äußerer Umstände. Das Nehmen der Trophäe gegen Ende ist dabei jedoch die Stelle, die für mich am meisten Fragen aufwirft. Ich denke, dass da eine spezifische Aussage dahinter steckt, welche sich mir bislang nicht erschließt.
Während also Django, wie auch der dienstagsreitende Tod mit einer (anscheinenden) Vermenschlichung enden, tritt bei LpsW das Gegenteil ein. Die relevanten Protagonisten entmenschlichen sich.

Leichen pflastern seinen Weg an sich kann als Gegenpol zu der Kopfgeldjägerromantik von "Für ein paar Dollar mehr" gesehen werden. Nicht nur das auch der Grund, den Blick von Corbucci abzuwenden und auf Leone zu blicken. Auch der Film agiert als Rachegeschichte, in diesem Fall der Part von Lee Van Cleef. Der schwarzgekleidete Kopfgeldjäger agiert dabei jedoch souveräner, weniger getrieben als Django. Trotz aller Trauer hat er sich seine Menschlichkeit bewahrt.
Insgesamt agiert der Blonde in der Trilogie durchgehend menschlich, ausgerichtet auf den materiellen Zweck. Lediglich Lee Van Cleef im zweiten Teil handelt als Hauptcharakter aus einem persönlichen, nicht-materiellen Zweck. Ebenso ist der Blonde eher weniger von einer überlappenden Gier besessen, er handelt demnach rational. Das Motiv der Befreiung findet sich dabei nicht. Auch in "Spiel mir das Lied vom Tod" agiert Mundharmonika aus Rache, begibt sich dabei aber nicht in den Nihilismus eines Django, agiert demnach nicht entmenschlicht, sondern durchgehend souverän.

Ein Film, der diese Frage einem schwer macht, ist "Die Rechnung wird mit Blei bezahlt". Der Hauptprotagonist handelt aus Zorn bishin zu Hass, als Rachedurst zur Herstellung einer Gerechtigkeit. Dennoch handelt er dabei souverän, wenn nicht sogar eher steif und hölzern. Genau dieser Punkt macht es schwierig, denn man kann nicht ablesen, ob es viel mehr am Darsteller liegt, oder ob es eine bewusste Personenzeichnung ist. Maceita agiert eher emotionslos, ohne dabei den Nihilismus eines Django abzubilden, oder das Leiden eines Scott Mary abzubilden.
Maceita ist eigentlich besessen vom Thema Rache, wie es einem zu Beginn eigentlich erklärt wird. Dadurch, dass dies schon fast sein gesamtes Leben geschieht, könnte man das Duell mit Ryan als Befreiung begreifen. Dafür spricht ebenso, wie er versucht, Ryan dazuzubringen, ihn unter Zwang zu setzen mit der andauernden Aufforderung an Ryan zu schießen. Die Wendung, Ryan trotz seiner Schuldigkeit am Leben zu lassen, ist dabei wohl einmalig im Italowestern und bietet mit auch einen besonderen Reiz des Films. Anschaulich ebenso, wie Ryan seinen Materialismus überwindet, das Umstürzen des Geldtransporters und der Herumfliegen der Dollarnoten gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Beide verlassen den Ort, ohne Wertschöpfung zu betreiben. Schlussendlich kann man durchaus Motive von Nihilismus und geistiger Befreiung finden, der Film macht es einem jedoch schwieriger, diese zu spüren.

Ich hoffe, dass ich hier eine Diskussion anstoßen konnte, auch über den philosophischen Hintergrund des Italowesterns. Leider hatte ich zu dem Thema bislang gar nichts bzw wenig im Internet finden können

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 Betreff des Beitrags: Re: (Selbst-)Befreiung als zentrales Motiv des Italowestern?
BeitragVerfasst: 02.04.2016 09:16 
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Das ist aber mal ein umfangreicher Text mit interessanten Denkansätzen :)
Jetzt konnte ich ihn vor lauter unnötigen Querelen nur überfliegen weil ich los muß.
Werd auf jeden Fall was dazu schreiben,sobald ich wieder an der Kiste bin.


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 Betreff des Beitrags: Re: (Selbst-)Befreiung als zentrales Motiv des Italowestern?
BeitragVerfasst: 06.04.2016 11:04 
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Diese Theorie könnte man dann aber auch auf viele US Western übertrage. Bei Mann und Boetticher versucht der Held sich auch oftmals von einer zurückliegenden Schuld (Tod des Vaters, Verbrecherkarriere, Verlust der Frau) freizukämpfen. Hier wird es m.E. auch etwas zielgerichteter heraus gearbeitet, denn am Ende steht meist die Wiederintegration des Helden in die Gesellschaft. Eine Ausnahme bildet Decision at Sundown, der sehr ungewöhnlich ist, weil der Held letztendlich bereit ist, auf seine Rache zu verzichten, als er erkennt, dass der Konflikt sich ander gestaltet, als er ihn bisher wahr genommen hat. Oder man denke an Mag7. Hier arbeitet Hollywood erstmals in größerem Rahmen mit dem Söldner Motiv, aber schon zu Beginn handeln die Sieben für ein lächerliches Gehalt und zum Schluss hin aus Prinzip, um ihre verloren geglaubte Ehre zurückzugewinnen.


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 Betreff des Beitrags: Re: (Selbst-)Befreiung als zentrales Motiv des Italowestern?
BeitragVerfasst: 09.04.2016 08:37 
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Django -
schafft es Jacksons Bande auszulöschen und seine Rache zu vollenden.Von der Schuld daß er 'viel zu weit weg war',wird er sich nie befreien können,wenn er sich diese selbst gibt.
Ob Maria überlebt hat,bleibt völlig offen ... er könnte auf dem Weg zu ihr sein,als er den Friedhof verläßt.Das einzige was er im Verlauf der Geschichte tatsächlich verliert,ist das Gold,welches 'keiner mehr hoch holen kann'.

Der Tod ritt dienstags -
hier klettert Scott,der anfangs auf der untersten Sprosse der Leiter steht,nach ganz oben.Das bleibt allerdings sein einziger 'Gewinn'.Er verliert seinen Freund Murph und ist gezwungen den Mann zu töten,der ihm seine Selbstachtung zurückgibt (auch wenn dieser damit ein bestimmtes Ziel verfolgt)
In dem Moment als er die Pistole wegwirft wird klar,daß ihm fast nichts geblieben ist.

Leichen pflastern seinen Weg -
macht,im wahrsten Sinne des Wortes,eh keine Gefangenen.Da verliert jeder außer den Kopfgeldjägern.


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