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 Betreff des Beitrags: DER GEISTERZUG VON CLEMATIS - Igor Auzins
BeitragVerfasst: 01.04.2017 12:29 
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The Death Train
(Der Geisterzug von Clematis / Death Train)
Australien 1978 - Directed by Igor Auzins
Starring: Hugh Keays-Byrne, Ingrid Mason, Max Meldrum, Brian Wenzel, Ken Goodlet...


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Clematis. Was ist das bloß für ein seltsames Städtchen? Bereits weit vor der Ortsgrenze macht der Linienbus halt, setzt der Chauffeur seinen Fahrgast Ted Morrow (Hugh Keays-Byrne) quasi mitten im Nirgendwo auf die staubige Straße. Die fünf Meilen bis zu seinem Ziel muß der Versicherungsdetektiv wohl oder übel zu Fuß zurücklegen. Da hält plötzlich eine große Kombi-Limousine (mit der Aufschrift "Sandman") neben ihm, und Vera (Ingrid Mason), die junge, hübsche, quirlige, hippieske Frau am Steuer, bietet ihm an, ihn mitzunehmen. Ted steigt ein, muß sich im folgenden jedoch Veras recht aufdringlichen Avancen erwehren, die einfach nicht verstehen kann, wieso er nicht mir ihr rummachen will. In Clematis wendet sich Ted an einen alten, bärtigen, auf einer Bank sitzenden Mann, um ihn nach dem Weg zu fragen, der dann - als er einen Moment lang abgelenkt ist - ohne eine Spur zu hinterlassen verschwunden ist. Auch die Kinder, die eben noch heftig gelärmt haben, sind weg, wie vom Erdboden verschluckt. Teds nächster Versuch, an die gewünschte Auskunft zu kommen, scheitert an einer Kellnerin, die sich strikt weigert, ihn zu bedienen, weil er an der geschlossenen Seite der Theke steht. Selbst der Polizist (Ken Goodlet), der im Schneckentempo mit dem altbewährten Zwei-Finger-Such-System auf einer Schreibmaschine herumtippt, ist ihm nicht gerade freundlich gesonnen. Nein, diese Kleinstadt ist äußerst ungewöhnlich. Insofern ist es nur zu verständlich, wenn Ted im Gespräch mit Vera seiner Verwunderung wie folgt Luft macht.

Ted: "I've been here five and a half hours and I can't believe I'm here. I can't believe there's a town called Clematis."
Vera: "Is that good or bad?"
Ted: "I think it's bad. I think it's terrible. I think it's depressing. I think it's a horror show."


Ted ist nicht ohne Grund in diesem merkwürdigen, hinterwäldlerischen Nest. Er soll Licht ins Dunkel eines mysteriösen Todesfalls bringen, damit die Auszahlung der Versicherungssumme angewiesen bzw. abgelehnt werden kann. Dr. Rogers (Ron Haddrick), der hiesige Arzt, schildert die zahlreichen Verletzungen der Leiche mit sichtlicher Begeisterung, so detailliert wie anschaulich, anhand eines Plastikskeletts: "The skull was bashed in here. One half of the face... gone. Just a hole from here... to here. Brains, mess, soft stuff... exposed! [...] Such clean amputation, just beautiful." Ja, Herbert Cook (Colin Taylor), der Verblichene, sieht aus, als wäre er von einem dahinbrausenden Zug erfaßt und überrollt worden. Nur daß in dieser Gegend schon seit vielen Jahrzehnten kein Zug mehr fährt, sieht man mal vom ominösen Geisterzug ab, der hier herumspuken soll. Igor Auzins' The Death Train lebt sowohl von seiner befremdlich-drolligen Stimmung, als auch von seinen liebenswert-schrulligen Figuren, allen voran dem Hauptprotagonisten Ted Morrow, kongenial zum Leben erweckt vom großartigen Hugh Keays-Byrne. Nicht nur äußerlich fällt der schnauzbärtige Detektiv mit seinen vornehmen Klamotten (Anzug, Krawatte, Hut) in dieser Stadt völlig aus dem Rahmen, auch sein Benehmen ist verblüffend unorthodox und wunderbar kauzig. Und dennoch ist der Mann sehr sympathisch, er ist gewitzt und charmant... eine richtig coole Type halt.

Irgendwie erinnert mich Ted an den von Peter Falk verkörperten Lieutenant Columbo, nur daß er keine entwaffnende Schusseligkeit vorschiebt, um den oder die potentiellen Täter aufs Glatteis zu führen, sondern sich voll und ganz auf seinen Einfallsreichtum, seine Wortgewandtheit, sein Gespür und seinen Charme verläßt. Hat er erstmal eine Ungereimtheit gefunden, dann verbeißt er sich regelrecht darin und läßt nicht mehr locker, selbst auf die Gefahr hin, sich völlig zum Affen zu machen. Wobei hier natürlich auch noch die übernatürliche Möglichkeit ins Spiel kommt, daß wirklich ein Geisterzug sein Unwesen treibt. Schließlich nehmen nahezu alle Bewohner von Clematis das mysteriöse Gefährt als gegeben hin, und außerdem sind manchmal diese charakteristischen Geräusche zu hören, die eine schnaubende, ratternde Dampflok nun mal verursacht, inklusive der schrillen Pfeifsignale des Lokführers. Und wurde der arme Herbert in der famosen Eröffnungsszene nach einer Autopanne nicht tatsächlich von einem Zug erwischt? The Death Train ist ein ungemein kurzweiliger und angenehm versponnener Mystery-Krimi, der dermaßen blendend unterhält, daß man es äußerst schade findet, daß es nicht weitere Filme mit dem so cleveren wie hartnäckigen Versicherungsdetektiv gibt. Hugh Keays-Byrne geht in der exzentrischen Hauptfigur völlig auf und ist in jeder Sekunde so hinreißend, daß man gerne mehr von ihm sehen würde.

Da es sich bei The Death Train um einen schmalbudgetierten australischen Fernsehfilm handelt, muß man in gewissen Bereichen natürlich Abstriche in Kauf nehmen. Wer sich zum Beispiel den einen oder anderen Spezialeffekt erhofft, wird am Ende wohl bitter enttäuscht auf der Couch hocken. Auf spektakuläre Schauwerte muß man ebenso verzichten wie auf aufwändige Actionszenen. Das ist, wie ich meine, jedoch kein Defizit, da der Streifen anderweitig genug zu bieten hat. Das Drehbuch von José Luis Bayonas ist trotz seiner etwas episodenhaften Struktur interessant und originell, Richard Wallace' recht dynamische Kamera ist weit über durchschnittlichem 70s-TV-Movie-Niveau, die musikalische Untermalung (mal jazzig angehauchter Groove, mal unheimliche Theremin-Klänge) ist klasse, und sämtliche Figuren haben zumindest einen schrägen Tick, was immer wieder für humorige Momente, manchmal sogar mit leicht surrealem Einschlag, sorgt. Das Zusammenspiel zwischen Keays-Byrne (falls es bei dem Namen nicht klingeln will: im darauffolgenden Jahr machte er als Toecutter einem gewissen Mad Max das Leben zur Hölle) und Ingrid Mason (Picnic at Hanging Rock), welches fast schon Running Gag-Charakter hat, ist toll, die fiese Alptraum-Sequenz ist nicht von schlechten Eltern und eine willkommene Abwechslung zum übrigen Geschehen, und auch über Igor Auzins' (The Night Nurse) Regie gibt es nichts wirklich Negatives zu berichten. Das doppelbödige Ende rundet diese sehenswerte Obskurität schließlich auch noch perfekt ab.

In Clematis mag The Death Train für Angst und Schrecken sorgen. Beim Zuschauer sorgt er vor allem für eines: Für viel Vergnügen.

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