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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: FERIEN IN DER HÖLLE - Ted Kotcheff
PostPosted: 03.11.2016 00:58 
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Ferien in der Hölle (AUS/USA 1971)

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Originaltitel: Wake in Fright a.k.a. Outback
Herstellungsland: AUS/USA
Herstellungsjahr: 1971
Regie: Ted Kotcheff
Drehbuch: Evan Jones nach der Novelle von Kenneth Cook
Kamera: Brian West
Musik: John Scott
Darsteller: Gary Bond, Donald Pleasence, Sylvia Kay, John Meillon, Al Thomas


John Grant - ein gebildeter junger Lehrer aus der Middleclass - fristet sein Leben in einem Gottverlassenen Outback-Kaff namens Tiboonda, an dem nur eine einspurige Bahnlinie vorbeiführt und ein notdürftiges Holzgerüst als Bahnsteig herhalten muss. Auf diesem findet er sich zu Beginn der Winterferien ein, um zu seiner Verlobten nach Sidney zu reisen. In der nächstgrößeren Stadt will er den Flieger in Richtung 'Zivilisation' nehmen.

Kaum in der Miningtown Bundanyabba angekommen wird er mit der sprichwörtlichen (aggressiven) Freundlichkeit der australischen 'Hinterwäldler' konfrontiert. Ohne lange Vorrede wird nahezu genötigt ein Bier nach dem anderen hinunterzustürzen, was (noch!) nicht seinem Naturell entspricht.

Die Minenarbeiter pflegen hier ihre rauen, aber gemeinschaftsbildenden Rituale - die sich vor allem in 'lustigem' Saufen und einem Wettspiel, bei dem man auf Kopf oder Kreuz geworfener Münzen setzen kann, ausdrücken. John wettet mit und gewinnt auch zunächst, dann aber will er zu viel und verliert alles. Nun ohne Aussicht seine Destination erreichen zu können und der Verzweiflung nahe, erhält er erneut (hemdärmeligen) Zuspruch eines Einheimischen, der ihn zu sich einlädt. Dort lernt er neben sauffreudigen Naturburschen auch den gebildeten "Buscharzt" Doc Tydon (der Wahnsinn: Donald Pleasence) kennen. Dieser eigentliche "Fremdkörper" in dieser Welt der 'Geistesreduzierten' scheint als einziger ganz bei sich zu sein - denn er lebt seine Lebenseinstellung, als 'gebildeter Säufer', kompromisslos aus. John dagegen ist unfähig sein Überlegenheitsgefühl gegenüber der sich ihm darbietenden Gegebenheiten abzulegen und seine Situation zu reflektieren - sodass er sich nur treiben lässt. Im Suff lässt er sich auf eine sehr brutale Känguruhjagd ein, die ihn für immer verändern wird. Am Ende steht er wieder, äußerlich hergestellt, am Ausgangspunkt seiner 'Reise in die Hölle'.

Ich komme nicht umhin, diesen Film als Meisterwerk zu preisen. Ted Kotcheff präsentiert hier - etwas im Stil des New British, oder New Hollywood Cinema - die Odyssee eines 'modernen Menschen', der durch die Konfrontation mit dem Archaischen auf seine, überwunden geglaubten, Urinstinkte zurückgeworfen wird. Saufen, ficken, töten steht auf dem Programm - wobei er bei keiner dieser Herausforderungen eine gute Figur macht. Beim Saufen mit dem Einheimischen ist er unterlegen, da dies für jene zum täglich (flüssigen) Brot gehört; beim Versuch die Dorfschöne zu begatten - die er vorher mit seiner Intellektualität manipuliert hat (wie er glaubt) - versagt er aufgrund seiner Besoffenheit und bei der brutalen Kanguruhjagd gerät er in einen Blutrausch, der den schwerlich erträglichen Schlüsselpunkt des Films darstellt.

Eine weitere hochinteressante Szene ist jene, in der John und der Doc, vollkommen zu, miteinander spielerisch ringen und sich dabei aufeinanderliegend vielsagend in die Augen schauen. Die nächste Szene zeigt beide halbbekleidet - und eher zu Boden blickend - am folgenden Morgen, sodass angenommen werden kann/muss, dass die beiden es getrieben haben. Hier hat Kotcheff, wie in vielen anderen Szenen, sehr subtil inszeniert. Überhaupt lässt der Film, trotz seiner rauen Art, viel Platz für feine und auch philosophische Zwischentöne.

Natürlich hat der Film auch viel von der flirrigen Surrealität des New Australian Cinema. Kurzum: Großes Kino!

youtu.be Video from : youtu.be


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 Post subject: Re: FERIEN IN DER HÖLLE - Ted Kotcheff
PostPosted: 03.11.2016 13:52 
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Herr Keßler hat den kürzlich mal (bezüglich der ARTE Ausstrahlung) beim Fratzenbuch empfohlen.

Ich lade den mal in der Mediatheke runter.

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 Post subject: Re: FERIEN IN DER HÖLLE - Ted Kotcheff
PostPosted: 03.11.2016 13:58 
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Ja, das ist ein sehr gelungener Film von einem Regisseur der dann schnell nach Hollywood ging, und dort fast nur Routineprodukte ablieferte.

Immerhin einige Parallelen zu First Blood, aber hier verstörender und spannender. 8/10


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 Post subject: Re: FERIEN IN DER HÖLLE - Ted Kotcheff
PostPosted: 04.11.2016 15:40 
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sid.vicious wrote:
Herr Keßler hat den kürzlich mal (bezüglich der ARTE Ausstrahlung) beim Fratzenbuch empfohlen.

Ich lade den mal in der Mediatheke runter.


Ich bin mir sehr sicher, dass du dem Film einiges abgewinnen kannst. Er ist nicht nur inhaltlich, sondern auch bezüglich der technischen Gewerke herausragend.

Ein feines Stück Musik aus dem Film:

www.youtube.com Video from : www.youtube.com


Stanton wrote:
Ja, das ist ein sehr gelungener Film von einem Regisseur der dann schnell nach Hollywood ging, und dort fast nur Routineprodukte ablieferte.


Einige hübsche Filme hat Kotcheff später ja noch gedreht, aber WAKE sticht doch ziemlich hervor. Wobei ich nicht alle seine Filme kenne. Zumindest hat er im US - Fernsehen bis ins hohe Alter sein Auskommen gehabt, was ja auch nicht jedem vergönnt ist.

Seines DAS IDOL könnte sich mal ein Label annehmen.


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 Post subject: Re: FERIEN IN DER HÖLLE - Ted Kotcheff
PostPosted: 24.12.2016 12:37 
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Als großer Australien-Fan musste ich den eh sehen und fand ihn einfach nur unfassbar gut. Einer meiner Filme für die einsame Insel!!
Und vermurlich musste ein Ausländer (Kanadier) den Aussies mal so richtig den Spiegel vorhalten und die dünne Zivilisations-Firnis ihrer Existenzen vor allem im Outback zeigen. Hervorragend...und ganz bitter.

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