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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 10.08.2013 12:38 
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Nero Veneziano
(Die Wiege des Teufels / Die Hölle schickt ihren Sohn / Damned in Venice / Venetian Black)
Italien 1978 - Directed by Ugo Liberatore
Starring: Rena Niehaus, Renato Cestiè, Yorgo Voyagis, Fabio Gamma, José Quaglio, Olga Karlatos...


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Nero Veneziano beginnt, standesgemäß, mit einem Begräbnis. Es sind die Eltern von Mark (Renato Cestiè) und Christine (Rena Niehaus), die im malerischen Venedig ihre letzte Ruhestätte beziehen. Die jungen Geschwister wohnen danach erst mal bei ihrer Großmutter (Bettine Milne), doch als diese in der Kirche bei einem bizarren Unfall lebendigen Leibes verbrennt, kommen sie bei Onkel Martin (Tom Felleghy) und Tante Madeleine Winters (Olga Karlatos) in derer alten, heruntergekommenen Pension unter. Der vor drei Jahren erblindete Mark wird seit geraumer Zeit von gräßlichen Visionen gequält, die es ihm immer schwerer machen, zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden. Seine genervte Schwester schenkt ihm keinen Glauben ("Du landest noch in der Irrenanstalt", "Belästige nicht unsere Gäste mit deinem neurotischen Theater", "Dieser kleine Schwachkopf"), und auch ihr Verlobter, der wie ein Loch saufende Bildhauer Giorgio (Fabio Gamma), ist nicht so richtig überzeugt und bastelt lieber stachelige Skulpturen, in der Hoffnung, daß sich jemand daran aufspießt. Dann spaziert eines Tages der dunkelgekleidete Schnauzbartträger aus Marks Visionen, der mysteriöse Dan (Yorgo Voyagis), ins renovierte Hotel und bezieht ein Zimmer. Marks Visionen werden indes zahlreicher und heftiger und drohen, ihn um den Verstand zu bringen, und selbst von Vater Stefani (José Quaglio), der sich mehr als nur ein bißchen seltsam verhält, ist keine Hilfe zu erwarten. Ist Dan tatsächlich der Teufel in Menschengestalt, der nicht nur geschickt die Manipulationsmaschinerie betätigt, sondern auch selbst mit seinem messerbestückten Spazierstock brutal mordet? Oder spielt sich das alles nur in Marks ausufernder Phantasie ab? Schließlich ist seine Freundin Vicky (Gloria Bozzola) putzmunter, obwohl er "gesehen" hat, wie Dan ihr die Klinge brutal ins Gesicht bohrt. Da wird die jungfräuliche Christine plötzlich schwanger...

Ugo Liberatores Nero Veneziano ist ein ausgesprochen merkwürdiger, eigenwilliger Film. Eigentlich dürfte der Streifen, der sich offensichtlich von Roman Polanskis Rosemary's Baby (1968), Nicolas Roegs Don't Look Now (1973) und Richard Donners The Omen (1976) "inspirieren" ließ, gar nicht funktionieren. Doch er funktioniert, und zwar so verdammt gut, daß man glatt gewillt ist, ihm seine vielen Schwächen zu verzeihen. Denn Probleme hat Nero Veneziano so einige. Man werfe nur mal einen Blick auf die Figuren. Eine dermaßen konzentrierte Ansammlung von unsympathischen Widerlingen sieht man nicht alle Tage. Und leider fallen auch unsere beiden Protagonisten in diese unrühmliche Kategorie, wodurch dem Zuschauer natürlich jede Möglichkeit genommen wird, sich mit Mark und Christine zu identifizieren. Folglich entsteht ein solch unüberwindlicher Graben, daß man dem sich entfaltenden Geschehen nur unbeteiligt und distanziert beiwohnen kann. Und deshalb ist der völlig humorlose Streifen leider auch zu keiner Sekunde richtig spannend oder packend. Eine weitere gravierende Schwachstelle ist die Zeitspanne, in der sich alles abspielt. Diese ist mit über einem Jahr so groß, daß die knapp neunzig Minuten nicht reichen, um die Geschichte adäquat zu erzählen. Der Film hinterläßt einen äußerst gehetzten und verworrenen Eindruck, da das Drehbuch so episodenhaft angelegt ist, daß wild von einem Ereignis zum nächsten gesprungen wird. Das hat zwar den Vorteil, daß man vom recht rasanten wenn auch arg repetitiven Geschehen förmlich mitgerissen wird und daß keine Langeweile aufkommt, aber eine runde Sache ist das wahrlich nicht. Rena Niehaus meinte in einem Interview, sie hätte das Gefühl gehabt, daß Liberatore nicht ganz wußte, was er wollte, da die Geschichte während des Drehs dauernd umgeschrieben wurde. Und genau so fühlt sich Nero Veneziano auch an. Außerdem steht der Film einige Male knapp davor, ins unfreiwillig Komische abzudriften, doch glücklicherweise bekommt er jedes Mal noch rechtzeitig die Kurve.

Und trotzdem funktioniert der Film, da seine Stärken die Schwächen übertünchen. Das Setting ist zum Beispiel großartig. Die Lagunenstadt mit ihren alten Bauten und den vielen Kanälen bildet einen faszinierenden Hintergrund zum satanischen Geschehen, ja, sie scheint fast mit ihm zu verschmelzen. Man kann sich gar nicht vorstellen, daß sich das unheimliche, mit Giallo-Anleihen gespickte Szenario vor einer anderen Kulisse entfaltet. Trotz der bereits angesprochenen Episodenhaftigkeit entsteht eine dichte, beklemmende Atmosphäre des kalten, unwirklichen, allgegenwärtigen Grauens. Venedig ist von diesem spürbaren aber doch nicht wirklich greifbaren Grauen so dermaßen durchzogen, daß ein Entkommen unmöglich scheint. Begünstigt wird diese gewaltige Aura der Bedrohung von der starken Bildsprache, in die immer mal wieder morbide Bilder von Gewalt, Tod und Verwesung eingestreut sind. Würde man auf einem Teppich stehen, so würde einem dieser nach und nach unter den Füßen weggezogen werden. Doch das ist in diesem Fall nicht möglich, da man bei Nero Veneziano gar nicht erst die Gelegenheit bekommt, den flauschigen Bodenbelag zu betreten.

Einen Blick wert ist auch die Besetzung. Hauptdarstellerin Rena Niehaus, die den Dreh als extrem stressig und unangenehm in Erinnerung hat, kennt man aus La Orca - Gefangen, geschändet, erniedrigt, José Quaglio, der den dubiosen Pfarrer gibt, war bei Malastrana mit dabei, Lorraine De Selle mußte sich in Wild beasts - Belve Feroci gegen amoklaufende Zootiere zur Wehr setzen, und Olga Karlatos (die hier gleich in mehreren Rollen agiert und so zur generellen Verunsicherung weiter beiträgt) muß man wirklich nicht mehr vorstellen, oder? Der gelungene Score stammt von Pino Donaggio, und für die teils erstaunlich heftigen Spezial- und Make-Up-Effekte (madenzerfressene Eingeweide, perforierte Köpfe, eine etwas ungewöhnliche Enthauptung, und natürlich die ultrakrasse Szene gegen Ende, die ich keinesfalls spoilern möchte) zeichneten Germano Natali (Suspiria) und Oscar-Preisträger Manlio Rocchetti (Once Upon a Time in America) verantwortlich. Daß der Filmgelehrte Christian Keßler dem wüsten Streifen in seinem Buch Das wilde Auge (1997) auf Seite 141 einen "unangenehm fleischfeindlichen Ton" attestiert, kommt also nicht von ungefähr. Ich möchte mich gar nicht festlegen, ob Nero Veneziano nun ein guter oder ein schlechter Film ist. Ob seiner verstörenden, beklemmenden Stimmung, seiner ungemein effektiven Machart und seines ambivalenten Endes ist der Film vor allem eines: teuflisch starkes Horrorkino.

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Zuletzt geändert von Randolph Carter am 19.03.2017 09:13, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 11.08.2013 01:42 
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Man werfe nur mal einen Blick auf die Figuren. Eine dermaßen konzentrierte Ansammlung von unsympathischen Widerlingen sieht man nicht alle Tage. Und leider fallen auch unsere beiden Protagonisten in diese unrühmliche Kategorie, wodurch dem Zuschauer natürlich jede Möglichkeit genommen wird, sich mit Mark und Christine zu identifizieren. Folglich entsteht ein solch unüberwindlicher Graben, daß man dem sich entfaltenden Geschehen nur unbeteiligt und distanziert beiwohnen kann.

Ich sehe es eher positiv an, wenn dem Zuschauer keine Identifikationsfigur aufgedrängt wird. Zwischen dem Fehlen einer eindeutig positiv besetzten Figur und dem Fehlen von Spannung sehe ich keinen Zusammenhang.

Für mich ist "Nero Veneziano" einer der besten unter den weniger bekannten italienischen Horrorfilmen. Ich hoffe, dass da noch mal eine bessere DVD kommt.

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 11.08.2013 08:17 
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Adalmar hat geschrieben:
Ich sehe es eher positiv an, wenn dem Zuschauer keine Identifikationsfigur aufgedrängt wird.


Wenn der Filmemacher sein Handwerk versteht, dann muß er dem Zuschauer auch nichts "aufdrängen", dann ergeben sich etwaige Identifikationsfiguren spielerisch aus der Geschichte heraus. Außer natürlich, er geht bewußt einen anderen Weg.

Adalmar hat geschrieben:
Zwischen dem Fehlen einer eindeutig positiv besetzten Figur und dem Fehlen von Spannung sehe ich keinen Zusammenhang.


Ich leider schon. Wie soll man mit einer Figur mitfühlen, mitfiebern, mitleiden, mithoffen, mitbangen, usw. usf., wenn sie einem nicht nur völlig egal ist, sondern auch noch furchtbar auf die Nerven geht? Wobei es gar nicht darum geht, ob eine Figur "eindeutig positiv besetzt" ist oder nicht. Sie kann gerne auch negativ besetzt oder ein kleines Arschloch sein, aber zumindest sollte sie entweder sympathisch rüberkommen oder auf irgendeine andere Weise Interesse wecken. Doch genau das fehlt mir bei Nero Veneziano leider.

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 11.08.2013 08:27 
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Interesse wecken sollten Figuren natürlich, aber das war bei mir bei diesem Film durchaus der Fall.

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 29.12.2013 16:46 
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Das ist mal ein echt vergurkter Film, oder auch nicht :?

Wunderschöne Bilder von Venedig wurden eingefangen, selten wurde in einem Film soviel von Venedig gezeigt, man ist viel auf dem Wasser unterwegs...
Die Bildsprache ist echt toll und immer Stimmig, im Vordergrund eine Gondel im hintegrund unser Protagonisten.
Dazu alles auch super gut gemacht auf technischer Seite!
Bis auf die Regenwürmer, die immer wieder vorkommen, zb. auf Leichen. Die holen heute keinen mehr vor dem Ofen vor.
Vorallem wieso entstehen Regenwürmer in einer Leiche??? Ich sah ja noch nie eine echte , aber wenn glaube ich ist die in "Die Purpurenen Flüsse" schön ziemlich dem nahe gekommen, wie das in echt aussehen mag. Aber bitte keine Regenwürmer :lol:
Das nehme ich dem Film nicht mal Krum, die Zahlreichen Effekte waren schon ok, blutige Szenen gabs einige.
Soweit echt alles Perfekt, auch der Score war bombig. Viele schaurige und Mysteriöse Szenen. Rena Niehaus die Hauptdarstellerin zeigt sich des öfteren wie Gott sie Schuf!
Hätte echt ein garant für einen Spitzenfilm werden können.
Aber das Drehbuch, da haperts, die Story die man sich ausgedacht hat ist einfach zu Lahm erzählt, passt nicht so recht zusammen das richtige Stimmung aufkommen mag.
Viele Einzelszenen sind gut, aber das Gesammtbild ist einfach nicht stimmig... Es kommt auch nie eine bedrohliche Atmo auf, echt Schade :|

Vergebe dennoch gute 6/10 Punkten!

Die Dvd von Madison hat ein ordentliches Bild mit viel luft nach oben, passt aber. Als extra wie immer bei dieser Firma, eine sinnlose Actionshow, mit ausschnitten aus dem Film :roll:

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 19.03.2017 00:11 
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Kennt zufällig jemand die Drehorte? Bzw. weiß jemand in welcher Kirche gefilmt wurde?
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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 19.03.2017 00:45 
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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 19.03.2017 23:10 
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Richie Pistilli hat geschrieben:
Die Frage kann Dir Asa ganz bestimmt beantworten ;)

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Ich danke dir und frage mal nach.

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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 05.04.2017 12:42 
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DIE WIEGE DES TEUFELS

Originaltitel: Nero Veneziano
Produktionsland: Italien
Produktion: Luigi Borghese, Armando Todaro
Erscheinungsjahr: 1977
Regie: Ugo Liberatore
Drehbuch: Ottavio Alessi , Roberto Gandus, Roberto Gandus, Ugo Liberatore, Domenico Rafele
Kamera: Alfio Contini
Schnitt: Alberto Gallitti
Musik: Pino Donaggio
Länge: ca. 88 min.
Freigabe: ungeprüft
Darsteller: Renato Cestiè, Rena Niehaus, Yorgo Voyagis, Fabio Gamma, Lorraine De Selle, Florence Barnes, Olga Karlatos u.a.

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(Der blinde) Mark und seine Schwester, Christine, ziehen nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrer Großmutter ein. Doch die Oma muss infolge eines makabren und feurigen Zufalls „den Löffel abgeben“. Pfarrer Stefani sorgt dafür, dass die beiden Waisen bei Madeleine und Martin Winters ein neues zuhause finden. Aber auch diese Konstellation steht unter keinem guten Stern. Für Mark kommen die tödlichen Zufälle nicht überraschend, denn er wird seit einiger Zeit von Visionen geplagt, die ihn mit Tod und Leid konfrontieren. Außer Christines Freund, Giorgio, der eine teuflische Verschwörung wittert, sind alle der Meinung, dass Mark ein ernsthaftes, psychisches Problem hat. Doch als ein geheimnisvoller Fremder auftaucht…

Meine erste Konfrontation mit Venedig erlebte ich im Alter von 10 Jahren. Während des alljährlichen Hochsommerurlaubs in Südtirol ging es per Tagesausflug in die Lagunenstadt. Einerseits gab es Sehenswürdigkeiten en masse zu bestaunen, andererseits penetrante Touristenmassen, die die Auslöser ihrer Spiegelreflexkameras auf das Übelste malträtieren. Der Markusplatz war von Tauben übersät, die den hektischen Urlaubern mit Wonne auf die Sonnebrille und den Strohhut schissen. Die Schadenfreude der Kinder wurde mit elterlicher Korrektheit, sprich schallenden Backpfeifen erwidert. Der Reiseleiter warnte vor Taschendieben, und die heimischen Kellner legten den Touristen auch gern zweimal die Rechnung vor. Es war schrecklich! Die eigentliche Schönheit dieser Stadt konnte ich erst wesentlich später durch (na was wohl?) das „Kino“ kennen lernen. Nicolas Roeg und Luchino Visconti verbreiteten den Zauber Venedigs über meinen (in der Küche aufgestellten) tragbaren Schwarz-Weiß-Fernseher. Einige Jährchen später (als ich der stolze Eigentümer eines Farbfernsehers und eines VHS Recorders war) konnte mich die morbide Schönheit von Maurizio Lucidis „Todesengel“ (buchstäblich) erschlagen und die Stadt Venedig avancierte (für mich) zu einem depressiven und zugleich bedrohlichen Fleck der Filmwelt.

„Der Dämon wird den gleichen Weg einschlagen wie Christus.“ (Giorgio)

„Die Wiege des Teufels“ orientiert sich inhaltlich an Filmwerke wie „Das Omen“, „Rosemaries Baby“ und „Die Wiege des Bösen“. Look und Atmosphäre lassen Tendenzen in Richtung „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ und „Der Todesengel“ erkennen. Doch obwohl der Film seine Inspirationen eindeutig transportiert, scheue ich den direkten Vergleich mit den genannten Größen. Eine solche Gegenüberstellung könnte nämlich zu einer Unterschätzung von Ugo Liberatores Regiearbeit führen, was der Film absolut nicht verdient hat. Ich sehe eher eine feierlich geschmückte Visitenkarte, die von einer depressiven und düsteren Aura (im Stile einer Totenmesse) umgeben ist. Wer also besagte Inspirationen sekundär betrachtet, der wird „Die Wiege des Teufels“ als einen „reichen“ Film kennen lernen.

In einem morbiden, furchteinflößenden und dekadenten Venedig erleben Mark und seine Schwester einige mysteriöse Todesfälle. Mark, der seit drei Jahren erblindet ist, wird von Visionen geplagt. Der Eindruck, dass der Junge „einen Sprung in der Schüssel hat“ verblasst mit wachsender Spielzeit, da Schein und Sein zu einer Einheit verschmelzen. Liberatore spielt mit verdeckten Karten und kann den Rezipienten in einen Zustand von Ungewissheit versetzen. Dafür sorgen einerseits die Sensibilitäten, andererseits die Abgestumpftheiten seiner Protagonisten. Diese krassen Gegensätze erreichen allerdings nicht, dass man zu einer Figur ein besonderes Verhältnis aufbauen kann, denn ein Sympathieträger ist nicht auszumachen. Dem Zuschauer bleibt also nichts anderes übrig, als sich mit dieser Situation zu arrangieren und das Geschehen als neutraler (externer) Beobachter zu verfolgen. Dabei erkennen seine Adleraugen, dass der Film mit einigen Elementen des klassischen Horrorkinos auffährt. Dazu zählen religiöse Motive, wie das Wunderwasser in einem Brunnen, das Blinde zum Sehen bringen soll, sowie ein unheimliches Haus und ein ominöser Fremder. Diese Person, Dan, wird der altbekannten Erotisierung des Bösen unterzogen. Der unbekannte Aristokratentyp von dem sich Christine (die lt. eigener Aussage, das Böse faszinierend findet) angezogen fühlt. Mark erkennt in Dan, den Todesboten aus seinen Visionen wieder und fordert, dass dieser so schnell wie möglich aus seinem Umfeld verschwindet. Liberatore nutzt diese verheißungsvolle Grundkonstellation und lässt einige „Türchen geöffnet“, die die Theorien des Betrachters in eine labyrinthartige Mehrdeutigkeit schleusen. Weitere Zutaten des Gruselkinos sind Szenen, welche an den üblichen Horrorklischees „kratzen“ und einen gezielten Ekeleffekt verbreiten. Die Rede ist von kriechendem Getier wie Würmer im Wasserglas und Schlangen im Brunnen. Der Goregehalt ist überschaubar, aber gut um- und eingesetzt. Ein weiterer Trumpf ist der starke Soundtrack von Pino Donaggio. Mit melancholischen Kompositionen sowie teilweise minimalistischen Klangexperimenten kann eine beachtliche Wirkung transportiert werden.

Fazit: Ob dieser düstere, unspektakuläre und paradoxe Film in der Lage ist beim Zuschauer zu zünden, hängt zum größten Teil von dessen Aufmerksamkeit und Willen ab. Mich konnten die Kulissen und deren morbide Fotografie vollends in ihren satanischen Bann ziehen. Und einen Film, der ohne einen einzigen verfickten Sonnenstrahl auskommt - den muss man doch einfach gern haben!

Frost and winter return to my eyes.
The call of the wintermoon.
(Immortal)

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BeitragVerfasst: 05.04.2017 13:32 
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Liberatore ist eben einfach ein Guter. Habe schon oft, wenn eine Sternschnuppe an mir vorbeizog, von einem vorbildlichen Boxset mit all seinen Filmen in schönen Fassungen geträumt.

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"Wir haben zulange Menschen, denen Film als Kunstform nichts bedeutet, das Geschäft bestimmen lassen, und jetzt pissen sie ihm das letzte Fleisch von den Knochen."
- Tim Lucas (im Zusammenhang mit diesem Artikel)

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McKenzie hat geschrieben:
Liberatore ist eben einfach ein Guter. Habe schon oft, wenn eine Sternschnuppe an mir vorbeizog, von einem vorbildlichen Boxset mit all seinen Filmen in schönen Fassungen geträumt.


Dann schreite endlich zur Machtübernahme! Gleich im Anschluss beauftragst du LSP mit der sach- und fachgerechten Aufbereitung des Materials! :D

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Blap hat geschrieben:
Dann schreite endlich zur Machtübernahme! Gleich im Anschluss beauftragst du LSP mit der sach- und fachgerechten Aufbereitung des Materials! :D


Hach, wäre es nur so einfach! Wir werden aber versuchen, beim Terza Visione seine Fackel gelegentlich wieder einmal hochzuhalten (BORA BORA wurde ja überaus positiv aufgenommen), und vielleicht findet dieses Plädoyer dann ja ein wenig Gehör bei den powers to be.

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BeitragVerfasst: 06.04.2017 13:11 
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täusche ich mich, oder kommt der nicht als dt. blu? von wem denn eigentlich?


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mondomedia hat geschrieben:
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BeitragVerfasst: 06.04.2017 13:43 
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andeh hat geschrieben:
mondomedia hat geschrieben:
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puh, gott-sei-dank, dachte schon von irgendeiner dnr-klitsche...


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BeitragVerfasst: 06.04.2017 18:05 
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Ich finde diesen merkwürdigen, 'distanzierten' Film - dem der Keßler, wenn ich mich recht entsinne, eine gewisse "Fleischfeindlichkeit" attestiert - ganz toll.


Oh je . . . gerade gelesen:

"DigiDreams goes Giallo

Gerade noch eine kleine Perle unterschrieben, von der es bis heute weltweit kein vernünftiges Material gibt.

Wir bekommen aber die letzte noch existierende Low-Contrast 35mm-Kopie die nur ein einziges mal von RTL abgetastet wurde

Dieses mal haben wir uns nämlich auch gleich die TV-Rechte mitgesichert

Freut euch also zum 40sten Geburtstag des Films auf die weltweite HD-Premiere von:

DIE WIEGE DES TEUFELS - Nero Veneziano
"


Ob das was Vernünftiges wird? :roll:


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Hilfe bitte nicht selber machen Herr Krekel !!!

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Blu Ray und DVD Holzkistenverpackungen sind Sondermüll....
und echte Filmfans brauchen sowas nicht !!!


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Vielleicht macht der Andreas da ja auch nochmal ne ECC von, wie bei den Cushing-Wehrmacht-Zombies.

Gesendet von meinem D5803 mit Tapatalk


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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 07.04.2017 13:01 
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Jimmy Stewart hat geschrieben:
Ich finde diesen merkwürdigen, 'distanzierten' Film - dem der Keßler, wenn ich mich recht entsinne, eine gewisse "Fleischfeindlichkeit" attestiert - ganz toll.


Oh je . . . gerade gelesen:

"DigiDreams goes Giallo

Gerade noch eine kleine Perle unterschrieben, von der es bis heute weltweit kein vernünftiges Material gibt.

Wir bekommen aber die letzte noch existierende Low-Contrast 35mm-Kopie die nur ein einziges mal von RTL abgetastet wurde

Dieses mal haben wir uns nämlich auch gleich die TV-Rechte mitgesichert

Freut euch also zum 40sten Geburtstag des Films auf die weltweite HD-Premiere von:

DIE WIEGE DES TEUFELS - Nero Veneziano
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Ob das was Vernünftiges wird? :roll:


Och, einfach ein paar Sprutzler und Spratzer entfernen, Farbe ein Stück weit ins rot ziehen und eine Prise DNR druff - weltbest :).

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BeitragVerfasst: 07.04.2017 14:17 
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Und was ist den sogenannten Haaren?

Von welchem Giallo er hier spricht, ist auch noch nicht geklärt.

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Regelmäßig neue Reviews von Stuart Redman und DJANGOdzilla bei
JÄGER DER VERLORENEN FILME


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BeitragVerfasst: 08.04.2017 10:32 
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Krekel und sein da Vinci :!: das wird :lol:

@djangoz wie meinen :?

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Der Krekel wird das schon richten. :) Schließlich wird er in der Branche nicht umsonst ehrfuchtsvoll "das Auge" genannt. Oder war es "das Ohr"? :?

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Ennio Tesoro hat geschrieben:
Vielleicht macht der Andreas da ja auch nochmal ne ECC von, wie bei den Cushing-Wehrmacht-Zombies.

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Bitte nicht! Ein DNR-Nightmares-Repack in der ansonsten tollen ECC reicht ja wohl.


Zuletzt geändert von Dr. Freudstein am 10.04.2017 14:26, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 10.04.2017 14:24 
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Ennio Tesoro hat geschrieben:
Vielleicht macht der Andreas da ja auch nochmal ne ECC von, wie bei den Cushing-Wehrmacht-Zombies.

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War tatsächlich geplant. Ohne hier Gründe zu nenen bin ich vor 1 Woche aus dem Projekt ausgestiegen und raus.


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 Betreff des Beitrags: Re: DIE WIEGE DES TEUFELS - Ugo Liberatore
BeitragVerfasst: 11.04.2017 18:32 
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Neue Bertuccifilm hat geschrieben:
Ennio Tesoro hat geschrieben:
Vielleicht macht der Andreas da ja auch nochmal ne ECC von, wie bei den Cushing-Wehrmacht-Zombies.



War tatsächlich geplant. Ohne hier Gründe zu nenen bin ich vor 1 Woche aus dem Projekt ausgestiegen und raus.


Schade, schade! Wenn du deine Griffelchen hättest mitanlegen können, wäre die Vorfreude groß - aber so . . . :roll:


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