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 Betreff des Beitrags: DIE SELIGE EDWINA BLACK - Günter Gräwert
BeitragVerfasst: 19.04.2017 23:53 
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DIE SELIGE EDWINA BLACK

● DIE SELIGE EDWINA BLACK (D|1965) [TV]
mit Ruth Maria Kubitschek, Hermann Lenschau, Günther Ungeheuer, Edith Schultze-Westrum
eine Bavaria Atelier Produktion | für ZDF
ein Fernsehspiel von Günter Gräwert


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»Die Leiche ist beschlagnahmt!«

Im Hause Black kommt es zu einem mysteriösen Todesfall. Die reiche Hausherrin, Edwina Black, wurde ganz offensichtlich vergiftet und hinterlässt einige Verdächtige, die sich ab sofort vor dem mit dem Fall betrauten Inspektor Martin (Günther Ungeheuer) zu rechtfertigen haben. Der hartnäckige Ermittler schafft es sehr nachhaltig, Mr. Black (Hermann Lenschau), den nicht gerade trauernden Witwer, aus der Fassung zu bringen. Auch seine Geliebte, Elizabeth Graham (Ruth Maria Kubitschek), gerät genau wie die Haushälterin Ellen (Edith Schultze-Westrum) ins Visier von Martin, bis sich die Situation insofern verändert, dass sich die Verdächtigen den Mord gegenseitig unterjubeln wollen. Wer hat die selige Edwina Black auf dem Gewissen..?

Der im Jahr 1965 entstandene TV-Film "Die selige Edwina Black" wurde von Regisseur und Schauspieler Günter Gräwert in Form eines Kammerspiels inszeniert, in dem der Fokus auf die Dialoge zwischen den wenigen beteiligten Personen und deren Beziehungen zueinander gerichtet ist. Im Lauf von Jahrzehnten sind zahlreiche derartiger TV-Produktionen in den Archiven der Sender verschwunden, was sehr bedauerlich ist, schlummern unter ihnen doch wirklich sehenswerte und mitunter erstklassig besetzte Filme, die viel Zeitkolorit herzugeben haben. Ob es sich bei dieser Produktion ebenfalls um ein vergessenes Kleinod handelt, wird Routinier Gräwert erfahrungsgemäß solide klären. Interessanterweise ist das selbe Stück bereits 1958 für das deutsche Fernsehen unter der Regie von Paul Verhoeven umgesetzt worden, mit Winnie Markus und Kurt Heintel in den Hauptrollen. Es hat einen Todesfall gegeben, der zunächst weniger mysteriös aufgeplustert wird, als dass man den Eindruck bekommt, dass sich nicht jede Personen in gleicher Trauer, geschweige denn überhaupt einer solchen befindet. Da wenig später auch schon Scotland Yard im Haus ist, wird schnell der letzte Zweifel beseitigt, dass es sich um einen natürlichen Todesfall gehandelt haben könnte. Der Tod, oder vielmehr eine Tote, dominiert die Atmosphäre und die Herrschaften ihres unmittelbaren Umfelds, sodass sich eine spürbare Nervosität breitmacht und es offensichtlich nur eine Frage der Zeit sein kann, bis jemand die Nerven verliert. Es ist nicht zu leugnen, dass sich angesichts dieses Stücks, das lediglich von vier Charakteren getragen wird, eine gewisse Skepsis bezüglich spannender Unterhaltung hervorruft, aber die Hoffnung, dass vor allem psychologische Finessen oder Schraubzwingen zum Einsatz kommen, wird hier ganz groß geschrieben.

Die Verhöre beginnen und es ist ganz interessant, dass man förmlich eine kollektive Vorverurteilung vornimmt, da niemand wirklich auf der integren Seite zu spielen scheint. Günther Ungeheuer als Inspektor Martin spricht schließlich das offen aus, was ohnehin jeder denkt. Seiner Ansicht nach handelt es sich nämlich nicht um einen bedauerlichen Todesfall, sondern um Mord. Plötzlich werden mögliche Motive und Nutznießer des Todes der Mrs. Black zwischen den eben noch Verbündeten hin- und hergeschoben, was sehr interessante Züge annimmt. Eine derartige Geschichte mit nur wenigen Personen kann nur funktionieren, wenn überzeugende Darsteller agieren, was hier glücklicherweise der Fall ist. Günther Ungeheuer fällt vor allem durch seinen sachlichen und kühlen Ton auf, der durch kultiviertes Verhalten, aber auch versteckte Pfeilspitzen geprägt ist. Mit größtem Geschick zwingt er die Personen im Hause Black in seine Manege, um zu prüfen, was sie alles können. Sie versuchen die Nerven zu behalten, zu funktionieren, ihre Choreografie abzuspulen, um sich ja nicht in Widersprüche zu verwickeln. Doch dieser Plan geht nicht auf. Natürlich kann man vielmehr davon sprechen, dass die Strategie des Ermittlers ihre Erfüllung findet, denn als er das Haus verlässt, gehen die Verhöre und Schuldzuweisungen untereinander weiter. Ruth Maria Kubitschek zeigt hier erneut, welch großartige Interpretin sie ist und sie trägt alleine durch ihre vereinnahmende Aura zu einer aufgeladenen Atmosphäre bei, da sie permanente Kehrtwendungen und emotionale Schwankungen miteinander vereint. Es wird nahezu gespenstisch, wenn sie beteuert, die Tote gehört zu haben und behauptet, dass sie noch im Hause, folglich am leben sei. Da sie auch ein Verhältnis mit Edwina Blacks Mann hat, ist sie ebenso verdächtig wie Hermann Lenschau, der durch eine gewohnt stichhaltige Leitung auffällt.

Abgerundet wird das Quartett durch eine souveräne Darbietung von der aus Mainz gebürtigen Darstellerin Edith Schultze-Westrum, der man von Zeit zu Zeit im Gesicht ablesen kann, was sie von den feinen Herrschaften hält, es aber gleichzeitig nicht auszuschließen ist, dass sie ihre Arbeitgeberin ebenso vergiftet haben könnte, wie natürlich jeder andere auch. Ihre Fähigkeit derartig unberechenbare Rollen zu prägen, geht auch hier vollkommen auf. Wer ist unschuldig, wer ist schuldig? Alles dreht sich in "Die selige Edwina Black" um diese entscheidende Frage und die stärke der Geschichte entfaltet sich nicht nur durch die besonders dichten Interpretationen, sondern vor allem durch die intelligente Gesprächsführung und das intensive Durchleuchten der Personen, sowie der Situation, die selbst die nötigen Hintergrundinformationen und Zusammenhänge liefern. Immer weitere, gegenseitige Vorwürfe lassen die Situation in aller Ruhe und Diskretion eskalieren und man wartet nur darauf, sämtliche Masken fallen zu sehen. Insgesamt ist es mehr als erstaunlich, dass die Geschichte mit ihren nur drei Verdächtigen für eine so subtile, auf gleichem Niveau stattfindende Spannung sorgen kann. Insgesamt bietet Günter Gräwert mit seinem TV-Film ein gut durchdachtes und sorgsam aufgebautes Kriminalstück an, das sich im technischen Rahmen zugegebenermaßen in sehr konventionellen, vielleicht sogar konservativen Gefilden bewegt, was sich vor allem auf die recht eintönig gehaltene Ausstattung bezieht, oder das Fehlen von akustischen oder musikalischen Verstärkern, sowie die wenig variable Kamera. Aufgrund der sehr guten Dialogarbeit und darstellerischen Interaktion entstehen unterm Strich jedoch angenehme Seheindrücke, die ein wenig durch eine Auflösung getrübt werden, die dann doch zu sehr von dieser Welt ist. Gepflegte Unterhaltung.


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