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 Betreff des Beitrags: Orgie des Todes (1978)
BeitragVerfasst: 18.12.2016 16:55 
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Fabio Testi   in

ORGIE DES TODES

● ENIGMA ROSSO / ORGIE DES TODES / DAS PHANTOM IM MÄDCHENPENSIONAT / TRÁFICO DE MENORES (I|D|E|1978)
mit Ivan Desny, Helga Liné, Jack Taylor, Fausta Avelli, Tony Isbert, Bruno Alessandro, María Asquerino und Christine Kaufmann
eine Produktion der CIPI Cinematografica S.A. | Daimo Cinematografica | CCC Filmkunst | Penta Films
ein Film von Alberto Negrin


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»Lauf dem Tod entgegen, der Tod läuft dir entgegen!«

Die Polizei findet die Leiche der 18jährigen Schülerin Angela Rosso, und aufgrund ihrer Verletzungen scheint es förmlich so, als sei sie von einem wilden Tier zerfetzt worden. Inspektor Di Salvo (Fabio Testi) steht vor einem schweren Rätsel. Seine Ermittlungen führen ihn in ein Mädcheninternat des gehobenen Standards, in dem die Ermordete zur Schülerin war. Schon bald stößt Di Salvo auf erste mysteriöse Hinweise, wie beispielsweise die Zeichnung einer Katze im Tagebuch der Ermordeten. Auch ihre Mädchenclique gibt Rätsel auf, doch die Hintergründe bleiben lange ungewiss. Ein Profil des Täters ist kaum zu erstellen, und beteiligte Personen fallen durch mangelnde Kooperation und hohe Widerstände auf. Weitere Ermittlungen ergeben, dass man es mit einem Ring einflussreicher Persönlichkeiten zu tun hat, die sich mit jungem Fleisch versorgen lassen. Wann wird die Clique um die ermordete Angela ihr Schweigen brechen und wer steckt hinter den bestialischen Morden..?

Alberto Negrin, der sich hauptsächlich beim Realisieren im Serien- und TV-Fach einen Namen machen konnte, inszenierte mit "Orgie des Todes" seinen ersten von wenigen Filmen fürs Kino, die dem Vernehmen nach alle keine Erfolge wurden. Diese Produktion erinnert thematisch in vielerlei Hinsicht an Klassiker wie beispielsweise "Der Tod trägt schwarzes Leder" oder "Das Geheimnis der grünen Stecknadel", doch die Sparte der Beiträge rund um Mädchenschulen- oder Internate hatte ihren Zenit im Produktionsjahr 1978 bereits überschritten, zumindest in dieser Form. Nichtsdestotrotz ist ein unterhaltsamer und sehr atmosphärischer Spät-Giallo entstanden, der zwar gewissermaßen ohne eigene Seele auszukommen hat, da zu viele Inhalte ohne wirklich neue Impulse reproduziert wurden, aber in den Sphären unzähliger Wiedererkennungswerte überzeugen kann. Die Elixiere der Geschichte sind dunkle Geheimnisse und verbotene Machenschaften im Rahmen von Fantasien, auf die alternde Herren in langweiligen Ehen hier gerne kommen, wenn sie mit ein paar blutjungen, zunächst noch willigen Schulmädchen versorgt werden. Dass unterm Strich das Ende für jeden folgt, der zu viel weiß, oder zumindest sprechen könnte, liefert eine nahezu eindeutige Prognose für das Ende von zahlreichen Beteiligten, sodass schon einmal ganz pauschal genügend Spannung in der Luft liegt. Der reißerische deutsche Titel findet seine Bedeutung in der Trennung seiner Aufhänger, denn nach der Orgie folgt der Tod. Dieser wenig diskrete Hinweis auf sexuelle Ausschweifungen und verbotene Triebe bleibt nach dem Verlauf in absolut relativer Form zurück, denn man verliert sich angesichts der prekären Thematik geflissentlich in Andeutungen und dem Zuschauer werden nur wenige mechanische Illustrationen angeboten, was die allgegenwärtige Perversion daher noch viel abstoßender erscheinen lässt.

Negrins Beitrag transportiert letztlich nicht den Charme, beziehungsweise Stil großer Vorbilder, was in erster Linie an den angebotenen Charakteren liegt. Hinzu kommt eine teilweise Haudrauf-Synchronisation, die gewissen Personen zwar viel Leben und Agilität einhaucht, aber eben nicht für einen, naja, eher kultivierten Charakter innerhalb ohnehin pervertierter Machenschaften sorgen kann. Da dieser Ausgleich fehlt, setzt man auf ein paar wenige Alternativen, die in der Variation zwar nicht immer brandneu wirken, aber dennoch überzeugen können. Als besonderer Pluspunkt ist hier eine ungewöhnliche Erweiterung im Rahmen der - wenn man es übertrieben formulieren möchte - Hauptrollen zu erwähnen, oder besser gesagt im Kreis der treuen Komplizen, die hier in Form einer schneidigen Kawasaki oder einer stahlblauen, einfach nur wunderschönen DS von Citroën zu sehen sind. Die Kamera räumt diesen Helfershelfern viel Raum ein und tastet sie sehr aufmerksam und bewundernd ab, im Endeffekt handelt es sich um eine schöne Hommage für so viel Eleganz und Ästhetik in Vollendung und Einklang mit Zuverlässigkeit sowie Funktion, die das Auge des geneigten Zuschauers erfreuen wird. Bleibt man bei den tatsächlichen Hauptrollen, so gibt es neben einem omnipotenten Fabio Testi eigentlich niemanden, der in gleicher Form exponiert in Erscheinung tritt. Ivan Desny als Oberstaatsanwalt ist vielleicht als zweite wichtige Rolle zu nennen, allerdings entsteht dieser Eindruck auch nur, weil man ihn den ganzen Film über immer wieder sporadisch zu Gesicht bekommt. Die nominelle weibliche Hauptrolle gibt Christine Kaufmann unter überaus diffuser Anlegung, sodass es letztlich nur erwähnenswert erscheint, weil man sie in ihrer vollen Anmut wahrnehmen darf. Im Großen und Ganzen wirkt die Deutsche allerdings weitgehend verschenkt und verschwindet demnach auch mitten im Film ganz plötzlich ohne weitere Erklärungen.

Um nochmals auf die Parallelen zu ähnlichen Beiträgen zurückzukommen, ist hier dem Empfinden nach manchmal ein regelrechtes Ersatzteillager bekannter Inhalte zu finden, was weniger Kritik als Feststellung sein sollte. Voyeurismus unter der Dusche, Sex-Capricen der jungen Schulmädchen, ein Lehrer-Kollegium das den Eindruck erweckt, als sei es einer Geisterbahn entsprungen, ein Ermittler, der mit unorthodoxen Methoden aufräumt und alte Herren, die im Spätherbst ihres Lebens noch einmal auf Ideen stoßen, die sie bisher noch nicht einmal aus ihren kühnsten Träumen kannten, oder Riz Ortolanis Musik aus "Sieben Tote in den Augen der Katze". Sicherlich ist dieses Grundgerüst mitunter der Stoff, aus dem die Albträume dieser Geschichten sind, aber die ausgeliehenen Themen erfahren dem Empfinden nach nicht die nötige Präsenz oder Brisanz, geschweige denn ausgiebige Abhandlung. Über allem steht jedoch der enorme Unterhaltungswert dieses Beitrags, der sich sehr auffällige Unterschiede bezüglich seiner Wirkung erlaubt. Mal erscheint die Geschichte (zu) konservativ, um kurz danach mit großen Spektakeln, oder beinahe extravaganten Strecken aufzufallen. In Deutschland fand sich für "Orgie des Todes" seinerzeit kein Verleih, also kam es auch zu keiner Auswertung im Kino, sodass es Alberto Negrins Film hierzulande erst im Jahr 1986 zu einer Veröffentlichung brachte. Vielleicht kann das mangelnde Interesse zur Entstehungszeit an der Produktion tatsächlich so gedeutet werden, dass derartige Formate einfach nicht mehr en vogue waren und man daher den günstigen Zeitpunkt um einige Jahre verpasst hatte. Dennoch sagt es nichts über die zweifellos vorhandenen Vorzüge aus, denn bei näherem Betrachten offenbaren sich sehr viele Berührungspunkte, die zu gefallen wissen. Um nochmals auf die Funktion der Besetzung zurückzukommen; es fehlt ein wenig an Ausgewogenheit, denn viele der Parts sind zu unscheinbar oder kurz ausgefallen.

Da Fabio Testi als Inspektor Di Salvo hier in jeder Beziehung über allem steht, muss seine Rolle auch dementsprechend stichhaltig ausfallen, und hier kommt tatsächlich alles zusammen. Sein Beruf hat ihn über die Jahre ganz offensichtlich vor vollendete Tatsachen gestellt. Er hat zu viel gesehen, um sich mit unnötigen Sentimentalitäten oder Höflichkeiten aufzuhalten. Seinem jeweiligen Gegenüber gibt er daher unmissverständlich zu verstehen, was er von ihm hält. So umgibt den temperamentvollen Ermittler zwar überhaupt kein Geheimnis, aber er kann sehr gut als eines der Fundamente der Geschichte angenommen werden. In kleineren Rollen sieht man einen überaus unbequem wirkenden Jack Taylor, eine gerne gesehene Helga Liné, deren Auftrittsdauer aber leider einen Wettlauf gegen etwa zwei Minuten veranstaltet, oder Fausta Avelli, die erneut Misstrauen und das Bedürfnis nach Sicherheitsabstand hervorruft. "Orgie des Todes" präsentiert eine durchweg angenehme Besetzung, die aber weit von der Extraklasse vieler Gialli entfernt ist. Der Film bietet überdies ein sehr interessantes Puzzlespiel in Form einer Assoziationskette an, die zur Klärung des Falles interessant und exponiert in den Fokus gerückt wird. Was bei anderen Mädchen-Cliquen etwa eine grüne Stecknadel war, setzt sich hier geheimnisvollerweise aus dem Codenamen »Nemesis« zusammen, was allerdings nicht im Rahmen griechischer Mythologie aufgeschlüsselt wird. Eine aufgemalte Katze aus einem Tagebuch, die sich auch auf einem Plakat wiederfindet und den Ermittler zur nächsten Instanz bringt, ein rätselhafter Vers und einige weitere dieser Hinweise, die erst einmal Ordnung finden müssen, wirken spannungsbildend und tragen zu einem klaren Aufbau bei, den der Film in voller Länge auch zu vermitteln weiß. "Orgie des Todes" thront schlussendlich nicht im Olymp der Top-Gialli, kann aber als Film der späteren Stunde mit klassischen Elementen, intelligenten Twists und hohem Unterhaltungswert, sowie einem packenden Finale punkten.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Die Zärtlichkeit der Wölfe (1973)
BeitragVerfasst: 24.12.2016 14:48 
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Kurt Raab   in

DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE

● DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE (D|1973)
mit Jeff Roden, Margit Carstensen, Ingrid Caven, Wolfgang Schenck, Brigitte Mira, Rainer Hauer und Rainer Werner Fassbinder
als Opfer: Reiner Will, Ingo Natzel, Hans Tarantik, Christoph Eichhorn, Johannes Wacker, Oliver Hirschmüller
als Gäste: Rosel Zech, Irm Hermann, Renate Grosser, Jürgen Prochnow, Tana Schanzara, Peter Chatel, u.a.
eine Tango Film Produktion | im Verleih Filmverlag der Autoren
ein Film von Ulli Lommel


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»C'est très bon ici, pour moi!«

Der unscheinbar wirkende, homosexuelle Fritz Haarmann (Kurt Raab) schlägt sich und Personen seines unmittelbaren Umfeldes in der trostlosen Nachkriegszeit mit kleinkriminellen Aktivitäten durch. Ob als gerissener Hausierer oder spitzelndes Instrument der Polizei, Haarmann kann aufgrund seiner harmlosen Ausstrahlung Erfolge erzielen. In diesem Zusammenhang schafft er es auch spielend, Knaben und junge Männer, die beispielsweise von zu Hause ausgerissen sind, in seine Wohnung zu locken, wo er sich an ihnen vergeht und sie anschließend tötet. Um keine Spuren zu hinterlassen, zerlegt der gelernte Metzger die Leichen und verteilt das Fleisch in der Nachbarschaft. Als die Fälle von verschwundenen Jugendlichen immer mehr zunehmen, werden Inspektor Braun (Wolfgang Schenk) und sein Kollege Müller (Rainer Hauer) im Fall Haarmann wieder aktiver...

Mit "Die Zärtlichkeit der Wölfe" konnte Regisseur Ulli Lommel seinen ersten großen Kinoerfolg landen, der darüber hinaus viel diskutiert war. Mit dem Massenmörder Fritz Haarmann wurde eine reale Figur aufgegriffen, die für den Film jedoch mit zahlreichen Anteilen der Imagination ausgestattet wurde, was letztlich vielleicht nicht den historisch überlieferten Tatsachen entspricht, seinem Film aber über die Maßen zugute kommt. Bei dieser Produktion sollte zunächst einmal die besonders morbide Atmosphäre Erwähnung finden, die als inszenatorisches Merkmal ganz eigene Dimensionen anzunehmen vermag, die in Verbindung mit der Hauptfigur dieser Geschichte und den vielen anderen Charakteren sehr wirkungsvolle Eindrücke vermitteln. Hinzu kommt das schwere Joch des zeitlichen Kontextes, sodass man es mit einem sehr außergewöhnlichen deutschen Beitrag zu tun bekommt, der auf vielen Ebenen eine beunruhigende Wirkung erzielen kann. Die Sterilität des Sets und der Charakterzeichnungen schafft eine empfundene Nähe zur Realität, die aber weniger auf dem Wissen basiert, dass man es mit einer authentischen Rahmenhandlung zu tun hat, sondern es muss wohl die konsequente "Vermenschlichung" eines jeden Beteiligten sein, die zu diesem Eindruck führt. Ausstaffiert mit einer eigenartigen Lethargie, die in den ungewöhnlichsten Momenten sogar melancholische, teilweise poetische Züge annehmen kann, wird der Zuschauer mit einer beängstigenden Figur konfrontiert, welche die Möglichkeiten zumindest potentiell aufgreift, mit Ur-Ängsten zu spielen und die Gestalt von Angst und Schrecken in einer unscheinbaren Silhouette anzunehmen. Da man eben Kurt Raab für die Hauptrolle zur Verfügung hatte, schreckt diese Figur ausgleichsweise wieder in einem großen Maße ab, sodass zwischen Mitleid bis tiefster Abscheu womöglich alles in dieser Palette der Eindrücke vertreten ist.

Raab dominiert das Geschehen zu jeder Zeit, direkt oder indirekt, ohne die Szenerie jedoch zu erdrücken. Nachdenkliche Tendenzen stehen vollkommen konträr zu den überaus drastischen Veranschaulichungen, als Zuschauer entscheidet man sich aber lieber für die eindeutige Position namens Sicherheitsabstand, für den Kurt Raab ja quasi ein Synonym ist. Über die darstellerischen Qualitäten des Allround-Talents im klassischen Quadrat lässt sich hier einfach nicht streiten. In manchen Szenen sieht man den mit allen Wassern gewaschenen Kriminellen als Wolf, der Kreide gefressen hat, beispielsweise beim Hausieren, Betrügen oder Rekrutieren, und die schlussendlich widerwärtige Konstruktion Fritz Haarmann funktioniert nicht zuletzt so hervorragend wegen seiner stichhaltigen Interpretation. Überhaupt ist zu sagen, dass die Riege der Darsteller recht schnörkellos funktioniert und nicht neben der übermächtigen Hauptfigur unterzugehen droht. Insbesondere die Figur des Hans Grans wird von Jeff Roden, der zwar nur eine Handvoll Filme vorzuweisen hat und dessen Karriere bereits 1975 in Lommels beachtenswertem "Der zweite Frühling" endete, erstaunlich dicht skizziert. Für Hans scheint das ganze Leben ein einziger Deal zu sein und wenn sich persönliche Vorteile in Aussicht stellen, greift der, im Auftreten wie ein Dandy und in der Erscheinung wie ein Gigolo wirkende Herr im weißen Anzug, nach jeder sich bietenden Gelegenheit. Auch sein Verhältnis zu Fritz Haarmann ist diesen Ursprungs, und indirekt verschärft der Parasit im edlen Zwirn die tödliche Kettenreaktion. Viele der weiteren Rollen sind ebenfalls minimalistisch-spektakulär besetzt worden. Zu nennen sind hier sicherlich Margit Carstensen, Ingrid Caven und Brigitte Mira, auch Rainer Werner Fassbinder sorgt für Präzision und im Kreise der Gäste lassen sich erfreuliche Kurzauftritte von Renate Grosser, Irm Hermann, Peter Chatel oder Rosel Zech ausfindig machen, um nur wenige Beispiele zu nennen.

"Die Zärtlichkeit der Wölfe" überzeugt mit einem sehr klaren Aufbau und einer erkennbaren Strategie, den geneigten Zuschauer beunruhigen, aber auch gleichzeitig anlocken zu wollen. Eindrücke und Atmosphäre der kargen Nachkriegsjahre erklären vielleicht den Umstand, dass Haarmann überhaupt so weit gehen konnte, obwohl er nicht gerade unbehelligt agiert hatte, aber die Regie strengt nicht primär den Versuch an, die Grundthematik zu rechtfertigen, wenngleich immer wieder melancholische Anteile mitschwingen. Dass der Knabenmörder von Ulli Lommel in eine Art Dracula-Façon gesteckt wurde, zahlt sich hier aus und erzeugt eine zusätzliche Spannung im Clinch zwischen Albtraum und Wirklichkeit. Die Figur des Massenmörders bekommt zwar einige Male zu viele verständliche Züge eingehaucht, aber eigenartigerweise kommt dem Film genau dieser Kniff mitunter am meisten zugute. Bei den drastisch wirkenden Ermordungsszenen kehrt sich dieser unbestimmte Eindruck jedoch wieder vollkommen um. Haarmann ist als eigentlicher Außenseiter geduldet, nicht akzeptiert, weil er für Vorteile im Bekanntenkreis steht. Er versorgt sie beispielsweise mit rarem Frischfleisch und anderen brauchbaren Gütern, doch niemand hinterfragt, wo sie eigentlich herkommen. Verständlich, denn die Zeiten waren ohne jeden Zweifel hart. Um an eine Idee von ein bisschen mehr Leben zu kommen, heiligt der Zweck schließlich alle Mittel, was selbst die Polizei praktisch in Erwägung zieht, die zuvor bereits auf den mysteriösen Herrn aufmerksam geworden war. Inszenatorisch gesehen funktioniert diese Geschichte mit einfachsten Mitteln und trotz der etwas reißerischen Andeutungen recht pragmatisch. "Die Zärtlichkeit der Wölfe" wurde durch Ulli Lommels hervorragende Bearbeitung zu einem düsteren Märchen tatsächlichen Ursprungs, sticht innerhalb der deutschen Filmlandschaft durch die mutige Bearbeitung der Thematik hervor und darf letztlich den Status eines unorthodoxen Klassikers für sich beanspruchen.


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 Betreff des Beitrags: Blechschaden (1971)
BeitragVerfasst: 27.12.2016 11:59 
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● Folge 08: TATORT - BLECHSCHADEN (D|1971)
mit Klaus Schwarzkopf, Wolf Roth und Walter Richter
Gäste: Ruth Maria Kubitschek, Friedrich Schütter, Götz George, Volker Eckstein, Eva Astor, Herbert A. E. Böhme, u.a.
eine Gemeinschaftsproduktion der ARD | mit dem ORF | eine Sendung des NDR
Regie: Wolfgang Petersen


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Der Bauunternehmer Alwin Breuke (Friedrich Schütter) und seine Freundin Monica (Eva Astor) haben einen Wochenendausflug in Travemünde verbracht. Auf dem Weg zurück überfährt Breuke einen Radfahrer in einem unkonzentrierten Moment und begeht Fahrerflucht. Um den tödlichen Unfall zu verschleiern, fährt er mit seinem Wagen absichtlich gegen die Hauseinfahrt, doch seine Frau (Ruth Maria Kubitschek) beobachtet diesen Vorfall vom Fenster aus. Am nächsten Tag berichtet sie dem in der Firma ihres Mannes angestellten Ingenieur Joachim Seidel (Götz George), der auch ihr Liebhaber ist, von dieser seltsamen nächtlichen Beobachtung und man will die Gunst der Stunde nutzen, um die Ehe in lukrativer Art und Weise beenden zu können. Wenig später meldet sich ein Erpresser bei Alwin Breuke, der offensichtlich Bescheid über den Unfall weiß. In der Zwischenzeit treffen Kriminalhauptkommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) und sein neuer Assistent Jessner (Wolf Roth) ein und beginnen mit den Ermittlungen, doch schon bald sehen sie sich mit der nächsten Leiche konfrontiert...

Die achte "Tatort"-Folge "Blechschaden" beinhaltet zwei nennenswerte Premieren. Nicht nur dass diese Folge der erste Beitrag Wolfgang Petersens für die erfolgreich angelaufene Reihe war, sie führte auch die Figuren des Kriminalhauptkommissars Finke und dessen Assistenten Jessner ein. Bei der Erstausstrahlung am 13. Juni 1971 wurde mit einer Quote von etwa 60,0 % ein sehr guter Wert erzielt und die Episode offenbart trotz der überdurchschnittlichen Länge von über 100 Minuten kaum Längen. Petersens strukturierte Regie und die präzise gestaltete Figur des Kommissar Finke durch Klaus Schwarzkopf prägt diesen Fall in sehr nachhaltiger Weise und es ist für den Zuschauer ein Leichtes, sich uneingeschränkt darauf einzulassen, denn von erwartungsgemäßen Startschwierigkeiten ist hier nichts zu merken. Der Kriminalfall behandelt ein bekanntes Hauptthema, das sehr sehenswerte Erweiterungen im Bereich mehrerer Nebenhandlungen erfährt und der klare Aufbau geht interessante Allianzen mit überraschenden Kehrtwendungen und nicht vorhersehbaren Ereignissen ein. Selbstverständlichkeiten innerhalb einer Kriminalgeschichte, sollte man meinen, doch schon oft wurde der Zuschauer insbesondere in laufenden Serien eines schlechteren belehrt. Thematisiert wird das uralte Thema Seitensprung eines gut situierten Herren, der Gefahr läuft, seine besten Jahre demnächst gesehen zu haben. Sein attraktiver Jungbrunnen stellt so gut wie alles dar, was seine eigene Ehefrau längst nicht mehr herzugeben weiß und durch die latente Angst entlarvt zu werden, kommt es zu einer tödlichen Sekunde der Unachtsamkeit, was die Basis für diesen intelligent konstruierten Verlauf darstellt. Das Opfer des Verkehrsunfalls wird zugunsten der Diskretion und gesellschaftlichen Reputation einfach auf offener Straße liegen gelassen und es bäumt sich eine gute Portion Tragik auf, da sich kurze Zeit später herausstellt, dass der junge Mann bei adäquater Hilfe nicht hätte sterben müssen.

Interessant ist erneut das weitere Vorgehen des Täters, der trotz Zuständen von Hektik und Angst dennoch auf Verschleierungstaktiken kommt, und diese auch auszuführen weiß. Wie das Leben und der Film es jedoch wollen, kann es das perfekte Verbrechen, oder jenes, das durch unterlassene Hilfeleistung dazu werden soll, einfach nicht geben, da hier stumme Zeugen und kleine Erpresser im Hintergrund lauern. Die Riege der Gastdarsteller ist in "Blechschaden" als durchaus prominent zu beschreiben, vor allem da hier Götz George in einer der Episoden-Hauptrollen zu sehen ist, der zehn Jahre später selbst zum beliebten "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski avancieren sollte. Als Ingenieur Seidel, eine Art Provinz-Casanova, ist der gebürtige Berliner in einer seiner überzeugendsten Rollen-Profile zu sehen, das man ihm zu jeder Zeit abnimmt. Sein Pokerspiel mit zu hohen Einsätzen bringt einige Personen aus seinem Umfeld in arge Bedrängnis, sodass er schnell als einer derjenigen identifiziert wird, der möglicherweise Opfer werden, oder Täter sein könnte. Eine großartige Präzisionsleistung liefert erneut Ruth Maria Kubitschek, die ebenfalls das zu absolvieren hatte, was insbesondere in Kriminalserien oder derartigen Frauenrollen von ihr verlangt wurde. Die brüskierte Ehefrau, die ihrem Mann ihre komplette Tatkraft jahrelang zur Verfügung gestellt und dementsprechend nur zurückgesteckt hat, steht aufgrund eines jüngeren Modells plötzlich vor den Scherben ihrer Ehe. Hier gibt es den Zusatz, dass sie selbst einen Liebhaber hat, der die Kuh allerdings auch nur solange melken will, wie es sich für ihn lohnt. Kubitschek wendet erneut ihre schauspielerischen Waffen in Form sparsamer Regungen und stumpf wirkender Emotionen an und sie zeichnet das lückenlose Bild einer Frau, die mittlerweile vielleicht schon zu allem bereit wäre, nur um ihre selbst konstruierten Luftschlösser aufrecht zu erhalten.

Weitere ansprechende Darbietungen zeigen Friedrich Schütter, der zusehends nervösere, beziehungsweise manische Tendenzen annimmt, weil sich die Schlinge immer weiter zuzieht, oder Eva Astor als amouröser Zeitvertreib sowie Volker Eckstein, der als Halbstarker mit reaktionärem Gehabe negativ bei der Polizei auffällt. Das Gespann Klaus Schwarzkopf und Wolf Roth wirkt zunächst ungleich, sodass man zunächst eher von einem Arrangement ausgehen darf. Der Kommissar stutzt seinen teils über-ambitionierten Kollegen gerne zurecht und degradiert ihn offen zu einem Untergebenen, der Wasserträger-Arbeiten übernehmen muss. Dennoch lässt sich eine gute Zusammenarbeit herausfiltern und letztlich ist ein Duo zu begleiten, dass zu den vielleicht besten und greifbarsten der frühen Phase gehört. Wolfgang Petersen bietet mit "Blechschaden" eine gut ausgearbeitete Kettenreaktion an, die sich zum Ende hin vielleicht als etwas vorhersehbar herausstellt, aber viele Finessen im Bereich der Kriminalhandlung und der Charakterzeichnungen aufzeigt. Da der Fall mit nackten, respektive toten Tatsachen beginnt, ist der Zuschauer über alles orientiert und wird zum Komplizen gemacht. Im späteren Verlauf mündet die Geschichte in nebulöse Konturen, in denen sich die Personen nicht mehr auf einem Silbertablett servieren, was Kommissar Finkes eigentlich ruhige Herangehensweise forciert. Ohnehin ist es interessant dabei zuzusehen, wie er eben aufgrund seiner einfach wirkenden Methoden von seinem jeweiligen Gegenüber unterschätzt wird. Petersens erste von sechs Arbeiten innerhalb der "Tatort"-Reihe überzeugt wegen der inszenatorischen Sicherheit, der optimalen Verstrickung der Handlungsstränge und nicht zuletzt im Bereich der Schauspieler-Führung. Weniger Effekte, aber dafür originelle Kniffe, beispielsweise mit der Kamera, sorgen für Tempo und eine solide Grundspannung, sodass man diesem achten Fall bestimmt nicht nur als Fan der Serie etwas abgewinnen kann.


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 Betreff des Beitrags: Holocaust II (1980)
BeitragVerfasst: 01.01.2017 18:00 
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HOLOCAUST II

THE MEMORIES, DELIRIUM AND THE VENDETTA


● HOLOCAUST PARTE SECONDO: I RICORDI, I DELIRI, LA VENDETTA /
HOLOCAUST 2 - THE MEMORIES, DELIRIUM AND THE VENDETTA PART TWO / THE EXPERIMENT (I|1980)
mit Kai Fischer, Susanna Levi, Tina Aumont, Elisabeth Tulin, Andrés Resino, Gordon Mitchell und William Berger
eine Produktion der Film Montecarlo Produzione Cinematografica e Televisiva
ein Film von Angelo Pannacciò


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»Why don't you kiss me all over?«

Seit dem Auftauchen eines Unbekannten, kommt es in der Stadt zu einer Reihe von Morden, die hauptsächlich an älteren Männern begangen werden. Doch hat der Neuankömmling die Befehle bekommen, diese Herrschaften zu liquidieren? Die hiesige Polizei steht vor einem scheinbar unlösbaren Rätsel und kommt in diesem Fall mit den Ermittlungen nicht weiter. Man ist gezwungen, die nächste Leiche abzuwarten. Viel später stellt sich heraus, dass sich jeder von den Ermordeten in einen NS-Zusammenhang und damit verbundene Gräueltaten bringen lässt, doch ist dies tatsächlich der Grund für ihr Ende? Involviert in diese undurchsichtigen Machenschaften sind zwei Frauen (Susanna Levi und Kai Fischer), die der Polizei entscheidend weiterhelfen könnten...

Bei Angelo Pannacciòs spätem Genre-Beitrag, den er unter dem Pseudonym John Jonathan inszenierte, wittert man bereits im Vorspann gleich Höhenluft, da die Riege der Darsteller vergleichsweise wesentlich prominentere Namen zu bieten hat, als die meisten Konkurrenten und unterlegt wurde das Ganze mit einer beunruhigend stechenden Akustik und schrecklichen Originalbildern von Leichenbergen und den traurigen Höhepunkten einer Ideologie des Schreckens. Eigenartigerweise findet man sich gleich nach diesem Anfang in der damaligen Gegenwart des Produktionsjahres wieder, sodass der Zuschauer gleich die schwierige Aufgabe auferlegt bekommt, sich selbst orientieren zu müssen, da sich in Windeseile herausstellt, dass die Regie in diesem Zusammenhang wenig Schützenhilfe leisten wird. William Berger, die nominelle Hauptrolle der Produktion, wird nach etwa einer Minute mit einem Kopfschuss erlegt und die Verwirrung wird hier zum großen Leitmotiv. Aber noch ist nicht aller Tage Abend denkt man sich, denn erwartungsgemäß müsste es zu einer Reihe von Rückblenden kommen, die den Zusammenhang zum Titel herstellen und hier auch stakkatoartig einschießen. Natürlich möchte auch Pannacciòs Beitrag durch drastische Veranschaulichungen auffallen, sodass die Maschinenpistolen und Schusswaffen aller Art sprechen dürfen und man Angst- und Todesschreie vernimmt, die zumindest die Aufmerksamkeit forcieren. Plötzlich ist es soweit und es zeigt sich eines der hässlichsten Gesichter, die die Filmwelt je gesehen hat: Die Langeweile. Früh zeichnet sich nämlich ab, dass die Kunst der Verknüpfung von Inhalten nicht gelingt und der Film daher etwas ziellos, vor allem aber konturlos umher irrt. Einige gerne gesehene Darstellerinnen wie beispielsweise die schöne Tina Aumont oder die immer noch rassige Kai Fischer wirken hier wie wahre, wenn auch nur kleinere Wunder, wenngleich man vermutlich jeweils einen der Tiefpunkte ihrer Karrieren mit ansehen muss.

Filme mit derartiger Thematik werden nur angesehen, wenn sich Zielgruppen die Ehre geben. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass sich Zuschauer aus heiterem Himmel denken, einen Unterhaltungstrip ins Naziploitation-Genre zu unternehmen, um unterhaltsame 90 Minuten zu erleben. Deswegen ist es essentiell für Filme solchen Strickmusters, dass sie das bieten, was sie im Vorfeld auch suggeriert haben. Hier kommt man in dieser Beziehung nicht auf seine zweifelhaften Kosten und es entsteht eine unfreiwillige Umkehrreaktion. Der geneigte Zuschauer fragt sich, warum sich dieser Flick nicht durch reißerische Elemente wie rohe Gewalt und abscheuliche Illustrationen interessant zu machen versucht, denn "The memories, delirium and the vendetta" wirkt streckenweise tatsächlich wie ein gewöhnlicher Unterhaltungsfilm, manchmal sogar wie aus einem sommerlichen Club-Hotel, in dem allerdings Bilder auftauchen, die man dort eben nicht sehen möchte. Folglich ist die Strategie, den Film in dieser Art und Weise anzupacken, vollkommen misslungen und man sieht sich nur noch mit einem Schnipsel-Sammelsurium aus verschiedenen Themen konfrontiert, in dem kein wirklicher roter Faden zu finden ist. Hin und wieder tastet die Kamera seine Hauptdarstellerinnen interessiert ab, bei dieser Gelegenheit kommt der Verlauf sogar zu seiner Basis zurück und verbreitet seine Irritationen in Form von Bildern vergangener Tage, außerdem geschieht die Einleitung über Kai Fischers blaue Augen, die leider etwas zu strahlend als sinnvoller Verstärker für die schwarze Vergangenheit wirken, aber immerhin wirr in die Szenerie blicken. Im Hickhack der Story zeigen sich des Weiteren keine inszenatorischen Glanzleistungen, die Dialoge erscheinen stark verbesserungswürdig, auch die Musik kann nur selten die gewünschten Effekte erzielen. Nach vierzig Minuten kommt schließlich etwas Zug in die Angelegenheit, um gleichzeitig wird wieder die Handbremse anzuziehen.

"Holocaust II" profitiert letztlich enorm von Darstellern. Entgegen der normalen Gewohnheit, lediglich eine Horde Laiendarsteller oder Genre-Starlets loszulassen, geben sich hier recht prominente Kaliber die Klinke in die Hand, die in dieser Art Filme auch nicht unbedingt zu erwarten gewesen wären. William Berger sieht man wie erwähnt nur als lustlosen Gast und die ganze Minute seines Auftritts gehört ihm. Vielleicht sollte er bereits im Vorfeld einige ahnungslose Zuschauer rekrutieren, wer weiß das schon? Die Französin Tina Aumont zeigt, dass ihre darstellerischen Glanzleistungen ganz offensichtlich an anderer Stelle zu finden sind, jedoch ist ihr eine immer noch merkliche Präsenz nicht abzusprechen, wie immer diese auch aussehen mag. Elisabeth Tulin überzeugt im Rahmen entsprechender Schablonen, Gordon Mitchell präsentiert sich wie man ihn hinlänglich kennt, Susanna Levi trägt den Verlauf selbstbewusst und sogar überzeugend und schließlich ist noch Kai Fischer zu erwähnen, deren Darbietung nicht nur aufgrund ihrer unverkennbaren Ausstrahlung im Gedächtnis bleibt, sondern richtiggehend das Niveau heben kann. Die naheliegende Vermutung, dass sie aufgrund ihrer deutschen Herkunft in einer niederträchtigen Aufseherinnen-Rolle zu erleben sein könnte, bewahrheitet sich hier (leider) nicht, aber dem Empfinden nach ist es insbesondere sie, die den Film beben Kollegin Levi nachhaltig prägt. Im Endeffekt stellt "Holocaust II" nichts anderes als eine Einbahnstraße in die Langeweile dar. Obwohl die Geschichte sehr interessant klingt und man daraus sicherlich einen richtig interessanten Film hätte machen können, entschied sich die Regie leider für halbe Sachen auf ganzer Linie. Das Problem dieses Vertreters ist in besonderem Maße seine Abgrenzungstaktik zu Genre-Kollegen, denn er möchte wesentlich kultivierter wahrgenommen werden, vielleicht sogar ernstzunehmender. Leider ist dieses Vorhaben misslungen und man schaut mit "Holocaust II" auf einen Beitrag, der massive Identitätsprobleme vermittelt.


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 Betreff des Beitrags: Das Mädchen mit den schmalen Hüften (1961)
BeitragVerfasst: 04.01.2017 18:22 
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DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHMALEN HÜFTEN

● DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHMALEN HÜFTEN (D|1961)
mit Claus Wilcke, Hannelore Elsner, Demeter Bitenc, Dorothee Parker, Katharina Williams und Barbara Valentin
ein Rapid Film | im ABC Filmverleih
ein Film von Johannes Kai


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»Hier kennt einer den anderen, wie soll man da glücklich sein?«

Auf einer einsamen griechischen Insel lebt die junge Yusha (Hannelore Elsner) und wird von den Bewohnern wie eine Aussätzige behandelt, da ihr ein eigenartiger Ruf voraus eilt. Sie wird von den Menschen ihrer Umgebung als Hexe verschrien, da die Männer, die einst in sie verliebt waren, auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sind. Grund genug, um Yusha zu meiden und sie zu demütigen, wo es nur geht. Vor der Insel liegt eine luxuriöse Yacht, die Robert (Claus Wilcke) im betrunkenen Zustand nach einem Streit verlässt und auf der Insel strandet. Er ist es, der den nächsten Toten findet und ihn ins Dorf trägt, sodass er unter Mordverdacht gerät. Yusha glaubt allerdings an seine Unschuld und auch er lässt sich von den Gerüchten um ihre Person nicht abschrecken. Die beiden verlieben sich und möchten fliehen, doch vergessen, dass der Mörder immer noch immer nicht überführt ist...

"Das Mädchen mit den schmalen Hüften" kann zu einem der Vorläufer für die später florierende Abenteuerfilm-Welle der Rapid gezählt werden und transportiert etwa ein ähnliches Flair wie hauseigene Beiträge à la "Ein Toter hing im Netz" oder beispielsweise "Die Insel der Amazonen". Das dabei verbreitete Insel- und Hochseeflair prägt diese Filme genauso wie eine gute Prise Erotik, teilweise kann der Zuschauer sogar ein mysteriöses Element wahrnehmen. Wolf C. Hartwig, der als skandalerprobt galt, reicherte seine Produktionen mit ein bisschen mehr Exotik und Sex an, als es die Konkurrenz zu dieser Zeit gewagt hätte und in diesem Sinne versuchte Regisseur Johannes Kai seinen Film darauf abzustimmen, nicht aber ohne auf eine präsentable Geschichte zu achten, die immer wieder recht interessante bis unwirsche Züge anzunehmen weiß. Der Produktion kommt vor allem die damals kaum 20jährige Hannelore Elsner in der Titelrolle zugute, die man noch am Anfang ihrer beeindruckenden Karriere sieht und hier erst in ihrem sechsten Film. Die Geschichte setzt sich zunächst aus sehr kontrastreichen Eindrücken zusammen. Beginnend mit einer Art dolce vita light einer illustren Runde auf einer luxuriösen Yacht, führt der Weg zu vollkommen ländlich geprägten, traditionell und karg wirkenden Lebensumständen auf einer kleinen Insel, die offensichtlich sehr stark vom Aberglauben der Bewohner dominiert wird. Die junge Yusha wird gemieden und ist als Hexe abgestempelt, da sie mit mysteriösen Todesfällen einiger junger Männer in Verbindung gebracht wird, schließlich muss für das Unbegreifliche irgend eine Erklärung her. Besonders die weiblichen Inselbewohner kolportieren diese Märchen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, strafen die junge Frau mit Verachtung und schneiden sie, da sie von den Männern im Übrigen wie die verbotene Frucht betrachtet wird.

Ein Streit im Suff auf hoher See wird zum Beginn eines Hoffnungsschimmers für sie, denn Robert strandet auf der Insel und kann sich einen unbefangenen Blick leisten. Pech nur, dass er in einen Mordfall hineinschlittert, für den beide direkt, beziehungsweise indirekt von den Insulanern verantwortlich gemacht werden. Insbesondere die Szenen auf der Insel, die seinerzeit an der jugoslawischen Küste gedreht wurden, sind profilbildend und demonstrieren bildgewaltige Strecken. Dass eine hervorragende Atmosphäre dabei entsteht, ist nicht zuletzt auf die recht solide Inszenierung zurückzuführen, die sowohl bei Tag, als auch Nacht ihre Momente mit sich bringt. Wie gesagt ist das Prinzip der Story nicht uninteressant, jedoch gibt es anfängliche Probleme bei der Entscheidungsfindung und der Verlauf pendelt gerne zwischen Drama, Kriminalfilm und Liebes-Abenteuer hin und her. Für letztere Eindrücke sorgen zwei besonders gut aufspielende Jungdarsteller in Form von Hannelore Elsner und Claus Wilcke, sodass der Kulturschock zwischen Hinterweltlerin und Yuppie nicht ganz so gravierend wirkt, da beide in dem anderen das finden, was sie vermissen. Hannelore Elsner bekommt die Gelegenheit sich darstellerisch zu profilieren, indem ihr die Geschichte vor allem melancholische Momente einräumt. Ihre blendende Konstitution unterstreicht das angekündigte Versprechungen des Filmtitels, der allerdings zur Gattung der weniger gelungenen gehört. Elsner schafft es spielend den Beschützerinstinkt zu wecken und den Gerechtigkeitssinn zu animieren und man bekommt eine sehr beachtliche Interpretation im frühen Stadium ihrer Karriere geboten. Claus Wilcke steht für Hitzigkeit, Temperament und im Gegensatz zu Yusha auch für Erfahrung. Insgesamt ist zu betonen, dass die beiden ein sehr glaubhaftes und nett anzusehendes Paar bilden, mit dem man mitfiebern kann.

Der slowenische Schauspieler Demeter Bitenc hat mehrere Engagements bei der Rapid-Film vorzuweisen und kann in diesem schwarzweißen Treiben eine ambivalente Figur zeichnen, die zeitweise Skepsis, aber genauso gut Sympathie hervorrufen kann. Die restlichen Darsteller schlagen ihre Zeit auf der Yacht mit Kartenspielen, Alkohol und Liaisons untereinander tot. Die üppige Barbara Valentin als selbsternannte Schönheitskönigin, sieht sich als Expertin für die erotischen Einlagen und ist daher permanent mit den (un)passenden Textilien bestückt. Unter den Frauen an Bord offenbaren sich massive Spannungen und stutenbissiges Gehabe, man ist einfach zu sehr auf engstem Raum gefangen. Vor allem die Wortgefechte mit den Damen Dorothee Parker und Katharina Williams heizen die Stimmung auf, dabei lassen sich auf hoher See ganz andere Töne als auf der Insel finden. Diese Variationen innerhalb der Dialoge und beim Tempo wirken sich ganz gut auf den allgemeinen Fluss aus und zum Ende hin nimmt die Bearbeitung wieder an Spannung zu, die man zuvor ein bisschen vermisst hat. Die nicht uninteressante Geschichte hätte insgesamt ein paar mehr Konturen verdient gehabt, insbesondere die brisante Stimmung auf der Insel hätte hier und da drastischere Züge annehmen können. Insgesamt zeigt sich "Das Mädchen mit den schmalen Hüften" vollkommen im Stil der damals handeslüblichen Produktionen von Wolf C. Hartwig, die durch Experimentierfreudigkeit und einen hohen Unterhaltungswert punkten. Der Film wird durch seine besondere Atmosphäre und die unverbrauchten darstellerischen Leistungen seiner Hauptdarsteller getragen, sodass insbesondere der Blick auf die Insel eine Ansicht rechtfertigt. Die teilweise etwas unrund wirkenden Tendenzen stellen unterm Strich keinen so gravierenden Hemmschuh dar, weil die Geschichte ihre Vorteile bereitwillig zur Schau stellt. Gut anzuschauen!


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 Betreff des Beitrags: Mord in Perfektion (1978)
BeitragVerfasst: 05.01.2017 11:43 
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MORD IN PERFEKTION

● INDAGINE SU UN DELITTO PERFETTO / EINE MÖRDERISCHE KARRIERE / MORD IN PERFEKTION (I|1978)
mit Gloria Guida, Leonard Mann, Joseph Cotten, Adolfo Celi, Anthony Steel, Janet Agren, Claudio Gora und Alida Valli
eine Produktion der CLC
ein Film von Giuseppe Rosati


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»Gestorben für Nichts!«

Ein Flugzeugunglück bringt das unerwartete Ableben des Generaldirektors einer international operierenden Firma mit sich, wodurch sich ein rücksichtsloser Machtkampf in der Konzernspitze entfacht. Doch der vermeintliche Unfall war fingiert. Die drei Hauptaktionäre Paul De Revere (Leonard Mann), Sir Arthur Dundee (Joseph Cotten) und Sir Harold Boyd (Adolfo Celi) beanspruchen ab sofort die Leitung der Firma für sich, schmieden sogar perfide Pläne um sich gegenseitig aus dem Weg zu räumen, doch auch sie fallen nacheinander mysteriösen Unfällen zum Opfer. Suprintendant Jeff Hawks (Anthony Steel) von Scotland Yard ermittelt in diesem seltsamen Fall und obwohl er zunächst kaum Zusammenhänge sieht,l zeigen sich doch bald erste Erkenntnisse. In der Zwischenzeit schlägt der Mörder jedoch erneut zu...

Beiträge, die den Gialli zugerechnet werden und wie in diesem Fall späteren Produktionsjahres sind, haben oftmals das Problem, dass die Palette der Möglichkeiten über Jahre hinweg schlichtweg ausgereizt wurde, sodass zwangsläufig häufig der Eindruck zurück bleiben muss, dass das Rad nicht mehr neu erfunden werden konnte. Selbstverständlich sollte die Voraussetzung nie diejenige sein, permanent einen Überflieger serviert zu bekommen, allerdings eilt gerade Giuseppe Rosatis Film ein eher unscheinbarer Ruf voraus. Beim ersten Anschauen fühlt man sich insbesondere in den ersten Minuten jedoch vollkommen auf der sicheren Seite, da ein Blick auf die Liste der Darsteller genügt, von denen einige Darsteller über Jahre hinweg zur Prominenz des Genres zählten und andere die internationale Filmlandschaft bereichern konnten. Alleine die Tatsache der buchstäblichen halben Miete reicht jedoch manchmal nicht aus, um restlos zu überzeugen. Das Genre des Giallo ist geradezu prädestiniert dafür gewesen, sich vielleicht nicht permanent selbst neu zu erfinden, aber den geneigten Zuschauer dennoch immer mit frischem Blut zu versorgen. "Mord in Perfektion" deutet ziemlich schnell an, dass er sich eher als konventioneller Kriminalfilm präsentiert, was bei seiner klassischen Marschrichtung und soliden Bearbeitung aber erst gar nicht zum Problem werden braucht. Da der Film in London spielt und mit sehr vielen, schönen Originalaufnahmen auftrumpft, wird die Atmosphäre dadurch auch gewissermaßen zementiert, untermauert somit den Eindruck von klassischer Krimikost. Die Geschichte schildert eine Art "Zehn-kleine-Negerlein"-Prinzip, denn immer wenn die Hand des Phantoms zuschlägt, war es einer weniger. Erfahrungsgemäß wird dabei auch vor den prominentesten Namen der Besetzungsliste nicht Halt gemacht.

Hin und wieder entscheidet sich die Regie aber auch zu Veranschaulichungen, die durch zahlreiche Gialli berüchtigt waren, und zufrieden nimmt man Rosatis verhaltene Ausreißer in diese Richtung wahr, die das Tempo forcieren und für eine gewisse Spannung sorgen, die hier vor allem durch Carlo Savinas herrliche Klänge begleitet wird. Viele Strecken die man als Zuschauer gemeinsam mit dem Mörder zu gehen hat, wirken richtig schön mysteriös und auch wenn man keine Fontänen von Blut erwarten sollte, gibt es im Gegenzug dazu etliche interessante Einfälle zur Todesfindung, von denen einer sogar von sich behaupten darf, nicht alle Tage dagewesen zu ein und zumindest einem Beteiligten bleibt in dieser äußerst spannenden Sequenz das Herz stehen. Da sich die Geschichte im gehobenen Milieu abspielt, macht die satte Ausstattung einiges her und dementsprechend nimmt man die passende, edle Atmosphäre wahr. Die Figuren fügen sich dabei perfekt in die Szenerie ein, wenngleich es hier und da zu gewissen Orientierungsproblemen kommt, mit wem man es schlussendlich zu tun hat, da sich Verlauf und Dialoge sehr viel Zeit nehmen, hinter die kultivierten Fassaden zu blicken. In "Mord in Perfektion" werden im Vorspann sage und schreibe sieben Darsteller bereits vor dem Titel genannt, was die besondere Stellung dieser Zugpferde unterstreichen soll. Als Superintendant Hawks macht der Brite Anthony Steel einen sehr guten Eindruck und reiht sich problemlos in die Tradition klassischer Ermittler-Figuren ein. Zwar wirkt diese Figur ziemlich konträr zu bekannten Interpretationen aus dem Giallo-Bereich, da wenige Ecken, Kanten und womöglich auch Makel zum Vorschein kommen, aber man sollte ihm seine Gentleman-Attitüde nicht zum Vorwurf machen. Leider geben die Anlegungen der übrigen Hauptrollen entscheidende Hinweise zur Täterfindung.

Dennoch sollte man sich über die gerne gesehenen Schauspieler freuen, die sich hier buchstäblich die Klinke in die Hand geben. Darbietungen wie die der verführerischen Gloria Guida geben schließlich wieder eine Ahnung davon, dass man sich doch in einem gelben Vertreter befindet und insbesondere die schöne Blondine aus Südtirol zeigt entgegen der vorgegebenen Marschrichtung vergleichsweise vollen Körpereinsatz, was insgesamt jedoch eher verhalten bleibt. Hoch erfreulich sind ebenfalls die Auftritte der Schwedin Janet Agren als glamouröse, aber genauso kaltschnäuzige Film-Ehefrau eines betont zynisch agierenden Adolfo Celi, durch den man für einen Augenblick die Welt nicht mehr versteht, als er seiner Frau vorhält, er habe sie ohnehin nur wegen ihres Geldes geheiratet. Ein unbegreiflicher dramaturgischer Schnitzer. Leonard Mann, Joseph Cotten, Claudio Gora, Paul Muller und Alida Valli runden das Geschehen leider nur sporadisch ab, bei diesen Kapazitäten hätte sich sicherlich etwas mehr machen lassen. Die Vorhersehbarkeit der Geschichte ist insgesamt nicht wegzudiskutieren und auch wenn es der Film zum Finale hin mit Plausibilität versucht, bleibt das Ganze doch sehr unwahrscheinlich, doch leider nicht im Rahmen der allseits beliebten und auch geforderten Kategorie: Dem Empfinden nach unwahrscheinlich, aber dennoch im Bereich des Möglichen. Als Zuschauer kommt man nicht umhin, "Mord in Perfektion" als durchschnittlichen Beitrag zu werten, da erhoffte Paukenschläge und bestimmte Finessen einfach ausbleiben. Auch das zugegeben überraschende Finale will irgendwie nicht so recht zünden, sodass Giuseppe Rosatis Arbeit unterm Strich keine großen Aha-Effekte anbieten kann und zurecht zu den empfunden unwichtigeren Beiträgen zählt. Es fehlt an Ideen, visueller Opulenz und letztlich vor allem an Stringenz und Entschlossenheit. Streckenweise richtig nett anzuschauen, sowie unterhaltsam, mehr aber dann auch nicht.


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 Betreff des Beitrags: Warnung vor einer heiligen Nutte (1971)
BeitragVerfasst: 06.01.2017 13:17 
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Lou Castel   Eddi Constantine   Marquard Bohm  in

WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE

● WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE / ATTENZIONE ALLA PUTTANA SANTA (D|I|1971)
mit Hanna Schygulla, Rainer Werner Fassbinder, Margarethe von Trotta, Marcella Michelangeli, Hannes Fuchs, Karl Scheydt,
Ulli Lommel, Kurt Raab, Herb Andress, Monica Teuber, Benjamin Lev, Gianni di Luca, Ingrid Caven, Katrin Schaake, u.a.
eine Produktion der Antitheater-X-Film | Nova International | im Verleih Filmverlag der Autoren
ein Film von Rainer Werner Fassbinder


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»Hochmut kommt vor dem Fall«

Eine Film-Crew erwartet an der spanischen Küste den amerikanischen Star ihrer Produktion (Eddi Constantine), sowie den deutschen Regisseur Jeff (Lou Castel). Das Warten auf engstem Raum bringt die Luft zum brennen und alle Beteiligten werden zusehends gereizter, bis die angespannte Atmosphäre eskaliert. Es kommt zu Vorwürfen, Intrigen und aggressiven Ausbrüchen. Die Beziehungen untereinander führen außerdem zu Konkurrenzkämpfen, Verschwörungstheorien, verletzenden Schuldzuweisungen, neurotischen Anwandlungen, übersteigerten Eitelkeiten und verhängnisvollen Sex-Kapriolen. Der vorprogrammierte Terror wird nach dem Eintreffen des Regisseurs hemmungslos für seine Produktion ausgenutzt, doch auch er ist viel zu sehr in das Chaos involviert, als dass sich eine mögliche Schadensbegrenzung andeuten könnte...

"Warnung vor einer heiligen Nutte" klingt wie ein Titel, der nach seinesgleichen zu suchen hat und schürt eine unbestimmte Erwartungshaltung auf diesen Film eines Regisseurs, dem der Erfahrung nach alles zwischen Genie und Wahnsinn zuzutrauen war. Bleibt man bei dem Begriff »heilige Nutte«, kommt man als Zuschauer, der sich in jeder Beziehung überraschen lassen möchte, nicht umhin sich zu fragen, wie diese Gestalt wohl aussehen könnte. In etlichen Filmen zuvor hat man sogenannte heilige Huren serviert bekommen, manchmal hat der Film sich sogar selbst als solche entlarven lassen und der Zuschauer vielleicht eher weniger. Dennoch muss diese Bezeichnung bezüglich der Fassbinder-Clique isoliert betrachtet werden, was einem vielleicht nicht wirklich weiterhelfen wird, falls man mit dieser Materie nicht besonders gut vertraut ist. Der Titel spielt also dem Vernehmen nach auf das Filmgeschäft an, was angesichts des wahnsinnig aufregend klingenden Titels vielleicht etwas schade ist, da wie gesagt häufiger personifizierte heilige Nutten im Film zu bestaunen waren. Diese im italienischen Sorrento gedrehte Produktion markiert also einen Wendepunkt in Rainer Werner Fassbinders Karriere und vereint letztmalig die Mitglieder des "Antitheaters" als Kollektiv. Es kommt zum groß angelegten Rollentausch, denn die Personen spielen sich gegenseitig selbst, sich wahlweise auch aus. Außerdem bekommt man den Eindruck, dass bei dieser Art der Reflexion das Seziermesser sehr empfindlich angelegt wurde, offenbaren sich doch immerhin himmelschreiende Neurosen, cholerische Anfälle, gegenseitig gleichgültige Tendenzen und Spielchen, die sich frei unter dem Motto "Bäumchen wechsle dich" abspielen. Die Charakterzeichnungen sind unkonventionellerweise vollkommen kaputt, die Vertrautheit, beziehungsweise die Intimität untereinander dominiert das Geschehen sehr effektiv und fabriziert als Umkehrschluss eine unüberbrückbare Entfernung zueinander.

Die Szenerie ist geprägt von Emotionen, Worten und Taten, die sich nicht länger unangebrachten Sentimentalitäten, unnützen Worten und Schmeicheleien, oder falschen Höflichkeiten beugen will. Langsam aber sicher entsteht innerhalb dieses erdrückenden Vakuums der Eindruck, dass genau unter jener Voraussetzung Ausraster vorprogrammiert sind, was zur Folge hat, dass der Zuschauer umso verwirrter auf dieses anstrengende filmische Experiment starrt, da Fassbinder das sonst im Film übliche Nähe-Distanz-Verhältnis komplett aufhebt. Man wird Komplize von Verbündeten, es tun sich Abgründe auf, von denen man eigentlich nichts hören, sehen und wissen möchte; kurzum, die Atmosphäre ist vollkommen zerrüttet und destruktiv. Als Zuschauer findet man kaum ein Verbindungsglied zum Dargebotenen, sodass es ein schmaler Grat ist, zwischen interessiertem Zuschauen und voreiligem Abwinken, denn es lässt sich kaum ein Transfer zur eigenen Realität herstellen. Da man aber naturgemäß nach irgend welchen Berührungspunkten sucht, kommt ein interessantes Gedankenspiel kommt auf. Was käme zustande, wenn man selbst inszenieren und aus der Mottenkiste berichten würde? Vermutlich Dinge, die Andere nur bedingt, oder gar nicht interessieren würden. So will man zumindest meinen. Der Verlauf wird von seinen Darstellern getragen, um nicht zu sagen dominiert, die hier als gute alte Bekannte zu identifizieren sind und ohne sie wäre diese regelrechte Obduktion dieser Gruppe nur halb so interessant. Als Regisseur Jeff poltert Lou Castel durch die Kulisse, der einen Choleriker und Egomanen aus dem Bilderbuch skizziert. Seine Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche und Launen sind vorprogrammiert, berüchtigt und gefürchtet. Seine Kollegen werden im Zweifelsfall zu Fußabtretern degradiert, allerdings sieht man auch die Zerrissenheit dieser offensichtlich von Alkohol und Drogen zerrütteten Person. Die Sex-Eskapaden geben dem Ganzen den Rest.

Trotz allem liegt der Eindruck nahe, dass sich alle Personen gegenseitig brauchen, ansonsten nämlich nicht klar kommen würden, obwohl auf der anderen Seite gedacht wird, dass sie ohne einander bestimmt besser dran wären. Hasslieben, emotionale, finanzielle und sexuelle Abhängigkeitsverhältnisse sind der Stoff, aus dem die Albträume sind, und Beteiligte wie beispielsweise Hanna Schygulla, Marquard Bohm, Kurt Raab, oder insbesondere Reiner Werner Fassbinder selbst, bestimmen die Story unausweichlich. Dieser progressive Schauspieler-Film bewegt sich daher häufig am Rande der Sehgewohnheiten, da Impulsivität, Aggression, Melancholie oder Lethargie strapaziöse Wechselspiele eingehen. Hinzu kommen die Dialoge, die man als Zuschauer zwar meistens akustisch versteht, sie aber trotzdem häufig nicht begreift. Überhaupt dominiert ein diffuses und unruhiges Element in diesem Zusammenhang die Gespräche, die gerne auch einmal durcheinander gehen, außerdem zwischen mehreren Sprachen hin- und herpendeln. Der Zuschauer bekommt einiges abverlangt, doch obwohl er sich mit ins Boot genommen fühlt, ist es einfach Fakt, dass er in gleicher Weise, ohne jegliche Rücksicht ignoriert wird. Das Prinzip der vermessenen Eigenwahrnehmung und dem Überbewerten der eigenen Wichtigkeit bildet ein zumindest interessantes Prinzip, welches jedoch eher zwei Extrema bietet. Eigentlich. Entweder man bleibt interessiert dabei, oder man sagt dieser Truppe unverblümt und reaktionär, dass sie einen nicht beeindrucken konnte. Rainer Werner Fassbinder serviert letztlich eine Art Trauma zwischen Faszination und Verzweiflung und diese Film-Hautevolee ist eigentlich bedauernswert, kolportiert aber die These, dass ein Neuanfang am besten funktioniert, wenn man sich und andere komplett fertig macht, um möglicherweise ganz neu anfangen zu können. Alles in Allem bleibt zu sagen, dass ein Film der Clique für die Clique entstanden ist, und diese heilige Nutte nicht unbedingt das Potential für weitere Ansichten birgt.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Nacktes Entsetzen (1974)
BeitragVerfasst: 07.01.2017 22:31 
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Ray Milland   Sylva Koscina   in

NACKTES ENTSETZEN

● UN PAR DE ZAPATOS DEL '32 / QUALCUNO HA VISTO UCCIDERE / NACKTES ENTSETZEN / DER MÖRDERISCHE PROFESSOR (E|I|1974)
mit Ramiro Oliveros, Franco Giacobini, Charly Bravo, María Silva, May Heatherly, Eduardo Calvo, Marisa Porcel und Fernando E. Romero
eine Produktion der Lotus Films | Cinecompany
ein Film von Rafael Romero Marchent


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»Kinder sind unberechenbar!«

Dr. Roger Melli (Ray Milland), Direktor eines Jungen-Internats, hat einen folgenschweren Fehler begangen. Damit seine Geliebte Sonya (Sylva Koscina) frei für ihn ist, gibt er den Mord an ihrem Mann in Auftrag, doch der Killer sprengt die Maschine, mit der Sonyas Mann fliegen wollte in die Luft. Der Doktor hat nun plötzlich 140 Menschenleben auf dem Gewissen und erschlägt den gekauften Attentäter im Affekt. Im gleichen Moment bemerkt er, dass er offensichtlich von einem seiner Schüler beobachtet wurde, da er einen Schuh mit der Größe 32 findet. Doktor Melli versucht ab sofort herauszufinden, um welchen Jungen es sich dabei gehandelt hat, doch die Suche gestaltet sich für ihn schwerer als befürchtet. Also sieht er sich gezwungen, außerordentliche Mittel anwenden zu müssen...

Der deutschen Titel von Rafael Romero Marchents Film versprechen, beziehungsweise verraten möglicherweise etwas zu viel über diesen Verlauf, der den Zuschauer gleich von Beginn an zu seinen Komplizen macht. Leicht skeptisch nimmt man diese eher ausgefallene Variante wahr, denn immerhin stellt sich doch schnell die Frage, woraus die Geschichte eigentlich ihre Spannung schöpfen möchte. Aufgrund der hier gegebenen Voraussetzungen ahnt man allerdings sehr schnell, welchen Verstärker sich diese Konstruktion auserkoren hat, denn die Schockwirkung entfaltet sich erfahrungsgemäß sehr effektiv über Kinder, falls die richtigen Leute skrupelloser Natur am Werk sind. Die Idee, das Prinzip des "Cinderella"-Schuhs einfach im Rahmen eines Mordfalls zu variieren, kann als sehr originelle und darüber hinaus äußerst perfide Idee gewertet werden, da dieser Schuh so gut wie jedem Kind im Internat passen könnte, was die Gefahr für alle drastisch erhöht. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob man es tatsächlich mit einem so skrupellosen Kriminellen zu tun hat, der auch vor Kindern nicht zurückschrecken würde, doch bei ohnehin 140 unfreiwilligen Opfern kommt es auf ein paar mehr oder weniger auch nicht mehr an. So lehren es jedenfalls die Gesetze des Verbrechens. In der Tat ist es so, dass schon bald der erste kleine Junge das Zeitliche segnen wird, sodass sich die Spannung auf einem soliden Niveau bewegt. Die weitgehend tempoarme Suche nach dem wahren Augenzeugen beginnt, aber der Verlauf wird trotz ruhigeren Fahrwassers nie uninteressant oder gar langweilig, da die Geschichte gut aufgebaut ist und einen genretypischen Wiedererkennungswert zu vermitteln weiß. Rafael Romero Marchent gelingt es vor allem sehr gut, eine fatale Kettenreaktion zu zeichnen und auszuarbeiten, die mithilfe der Charaktere und deren Konstellationen untereinander ihre Brisanz gewinnt.

Die Hauptrollen sind mit dem Briten Ray Milland und der schönen Wahl-Italienerin Sylva Koscina prominent besetzt und man schaut auf eine ziemlich ungleiche Liaison dangereuse, die in erster Linie für Gefahr, aber auch Scheitern steht. Bedroht werden natürlich Andere und schon ein oberflächlicher Blick auf diese Konstellation genügt, um zu begreifen, dass die treibende Kraft und womöglich die Wurzel allen Übels somit den Namen Sonya trägt. Die Drahtzieherin hinter diesem mörderischen Komplott manövriert den Doktor in eine Kurzschlussreaktion, die zwar kalkuliert war, aber nicht bis ins Detail durchdacht. Wie so oft kommt einer attraktiven Frau der dritte Frühling des Mannes zur Hilfe, der ohne Widerstand kapituliert und sich zum willigen Werkzeug ausbilden lässt. Ray Milland formt diese Figur sehr beachtlich, da er die nötigen Voraussetzungen mitbringt. Seine weltmännische Attitüde und das nötige Kleingeld imponiert Frauen wie Sonya, die sich im Gegenzug zur Verfügung stellen, solange die Rendite stimmt. Sylva Koscina trumpft mit einer nahezu teilnahmslosen Körpersprache auf. Außer wenn es um das Wohl ihres kleinen Sohnes geht, der ebenfalls im Internat von Doktor Melli untergebracht ist, sieht man deutlichere Gefühlsregungen. Ansonsten fungiert die aparte Interpretin hart und kompromisslos wenn es darum geht, dass ein Anderer ihre Wünsche und Ziele verwirklicht, was nicht gerade dafür sorgt, alle Sympathien auf sich zu ziehen. Die Geschichte behält sich Steine im Weg vor und in diesem Zusammenhang kommt es zu einer sehr ansprechenden Lösung, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Die weiteren Rollen hätten vielleicht ein wenig spektakulärer besetzt werden können, aber man wird in "Nacktes Entsetzen" Zeuge einer vollkommenen Unterordnung angesichts der Fokussierung auf die Hauptrollen.

Der besondere Reiz dieses gialloesken Thrillers liegt in der nicht uninteressanten Umkehr konventioneller Erzählstrukturen. In der Regel mit Whodunit-Effekt versehen, ist sich der Zuschauer in diesem Fall von vorne herein im Klaren, mit wem man es zu tun hat. Der Täter beschäftigt sich den kompletten Verlauf damit, den stummen Zeugen seiner Tat kaltzustellen und somit wird das potentielle Opfer originellerweise zum Phantom, auch für den geneigten Zuschauer. Etliche Unbeteiligte werden über die Klinge springen müssen, bis sich die Zusammenhänge ergeben, allerdings nicht ohne sich gewisse Paukenschläge vorzubehalten. Wie erwähnt hat man es stets mit einer der perfidesten Art von Verbrechen zu tun, solange Kinder involviert werden. Gleichzeitig weist diese Strategie noch viel deutlicher auf die Tatsache hin, wie sinnlos Verbrechen doch sind und dass es den perfekten Coup überhaupt nicht geben kann. Insgesamt sieht man mit "Nacktes Entsetzen" einen soliden Beitrag, der von dem spanischen Regisseur Rafael Romero Marchent ansprechend gelöst wurde. Falls man jedoch auf einen Überflieger spekulieren sollte, könnte man sehr schnell enttäuscht werden, da die strukturellen Unterschiede doch sehr massiv ins Gewicht fallen und sich streckenweise sogar eine recht konservative Note herausfiltern lässt. »Kinder sind unberechenbar!«, heißt es im Film, und genau diese Feststellung kann der Verlauf in geistreicher Manier belegen. Zum Ende hin kommt nicht nur eine gute Portion Brisanz zusammen, sondern auch ein gesteigertes Tempo, sodass der mit Tragik gewürzte Verlauf in ein passendes Finale münden kann. "Nacktes Entsetzen" belegt schließlich, dass der Volksmund recht hat wenn er sagt, dass Märchen und Kinder grausam sein können, auch wenn sich dies nur indirekt in eine Kausalität zum Verlauf bringen lässt. Alles in Allem bleibt ein eigenwilliger Vertreter zurück, der sich von seiner Zunft abzuheben versucht, ihm dabei jedoch hin und wieder ein wenig der Elan ausgeht.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Jedem seine Hölle (1977)
BeitragVerfasst: 08.01.2017 14:11 
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Annie Girardot   in

JEDEM SEINE HÖLLE

● Á CHACUN SON ENFER / JEDEM SEINE HÖLLE / AUTOPSIE EINES MONSTERS (F|D|1977)
mit Hardy Krüger, Stéphane Hillel, Fernand Ledoux, Edith Scob, Astrid Frank, Anne-Marie Hanschke und Bernard Fresson
eine Produktion der Cannes Production | Lugo Films | Paris Film | Cinema 77
ein Film von André Cayatte


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»Ich muss sofort im Fernsehen sprechen!«

Die neunjährige Tochter von Madeleine und Bernard Girard (Annie Girardot und Bernard Fresson) fällt einem Entführer in die Hände. Die verzweifelte Mutter appelliert per Fernsehansprache an die Öffentlichkeit und wendet sich außerdem an die Polizei. Wenig später gehen eine hohe Lösegeldforderung und Instruktionen ein, die detailliert beschreiben, wie die Girards ihre Tochter wieder zurück bekommen. Obwohl alle Forderungen eingehalten wurden, findet Madame Girard am Übergabeort nur noch ihr totes Kind, eingeschnürt in einen Plastiksack. Das Mädchen wurde erdrosselt. Wut und Verzweiflung lassen die Familie Girard nach einigen Tagen selbst aktiv werden und sie versuchen, dem Mörder auf die Spur zu kommen. Da das Mädchen keinerlei Verletzungen aufweist und niemand ihr Verschwinden bemerkt hat, entsteht der Verdacht, dass die Neunjährige möglicherweise mit einem Bekannten mitgegangen ist. Wer ist der Täter..?

André Cayattes Drama punktet von der ersten Minute an mit einem rasanten Tempo, welches Hauptdarstellerin Annie Girardot höchstpersönlich vorlegt. Ihre halsbrecherische Geschwindigkeit bildet sogleich den Zeitraum des Vorspanns, man sieht sie in ihrem Wagen, der auf Kollisionskurs mit anderen Autos geht, rote Ampeln werden überfahren und andere Fahrzeuge einfach aus dem Weg gehupt, bist sie in der Redaktion eines TV-Senders ankommt, wo sie ihre Geschichte vor der Öffentlichkeit schildern möchte. Für Sensationen und publikumswirksame Storys, wird schließlich das laufende Programm geändert, denn es soll sich ja für jeden Beteiligten lohnen. Vor der Kamera wird das geboten, worauf man vermutlich spekuliert hat. Eine verzweifelte Frau fleht einem Unbekannten um einen Deal an, damit sie ihre kleine Tochter wieder unbeschadet in die Arme schließen kann. Gleich auffallend ist die besondere Anspannung und innere Schieflage der französischen Schauspielerin Annie Girardot, von der man sich bereits im Vorfeld eine besondere Leistung verspricht. »Warum tut man uns das an?« Eine rhetorische Frage, die ein Vater in Richtung seiner ebenso verzweifelten Frau richtet, auf die es aber keine plausiblen Antworten gibt. Außerdem blickt er mit einer etwaigen horrenden Lösegeldforderung schon einmal auf auf den existenziellen Ruin Der Zuschauer prognostiziert einige Schritte weiter und sieht insgeheim das Ende einer Familie voraus, die bis gestern noch ganz normal leben konnte. Die Medien und die scharfen Urteile der breiten Öffentlichkeit dominieren den weiteren Verlauf, sowie der Blick auf eine Familie, die sich noch keinen Zusammenbruch erlauben kann. Richter, und am liebsten auch selbsternannte Henker, finden sich in der Masse, eine verwirrte Frau behauptet beispielsweise, dass sie die Entführerin sei und dass es sich um ihr eigenes Kind handle. Die vielen ungeordneten Informationen und Hinweise machen auch den Zuschauer mürbe, weil eine hysterische Stimmung in der Luft liegt.

Bevor es zu irgend welchen Hintergrundinformationen bezüglich der Tat kommt, oder ob es denn überhaupt eine solche gewesen ist, werden die Charaktere vorgestellt, beziehungsweise sie tun dies recht eindrucksvoll selbst. Kurze Rückblenden zeigen die Zeiten, in denen noch alles in Ordnung war, in denen man eine klassische, nicht aufgesetzte Familienidylle wahrnehmen kann, doch plötzlich ist alles anders. »Auf was wartet er nur?«, hört man Madame Girard in einer wütenden Hilflosigkeit fragen, doch das Phantom lässt nach wie vor auf sich warten. In solchen Situationen ist tatsächlich das Warten das Schlimmste, denn die Gedanken fangen an zu rotieren und treiben die unerträglichsten Blüten. Die pessimistische Note dieses Verlaufs findet die Krönung schließlich mit einer hohen Lösegeldforderung, beziehungsweise mit weiteren Instruktionen, was trotz der herbeigesehnten Gewissheit zu allgemeiner Erleichterung führt, schließlich klammert man sich an den Gedanken, dass das Kind noch lebt. André Cayattes Inszenierung präsentiert sich ganz im Stil großer französischer Beiträge, denen wie hier ein klarer und beinahe akribischer Aufbau zugrunde liegt. "Jedem seine Hölle" nimmt sich trotz anfänglichen Tempos die Zeit, sich ordentlich entfalten zu können und manchmal sogar ausladende Tendenzen anzunehmen. Reißerische Elemente finden kaum Verwendung und die Lösegeldübergabe, die im Film bereits zu einem recht frühen Zeitpunkt illustriert wird, gipfelt in einer inszenatorischen Meisterleistung, die aus Gründen der plastischen Betrachtung mehr erschüttert und nachhallt, als zu vermuten gewesen wäre. Was ab sofort geschieht, nimmt überaus irritierende und verstörende Züge an, vor allem da die Emotionen einer Mutter für den Zuschauer seziert werden. Die verletzende Sachlichkeit eines Kommisar Bolar, alias Hardy Krüger, und die altbekannten Hyänen der Presse, die sich auf das stürzen, was man im Volksmund als buchstäbliche Überreste beschreibt, tun das Übrige dazu.

Ein Vater will Vergeltung und stellt sehr nachvollziehbare Überlegungen an, die perfide Möglichkeiten offenbaren. Als schließlich noch das Geld gefunden wird, das vergraben und nicht angerührt wurde, tun sich potentielle Abgründe auf, die plötzlich jeden in der Nachbarschaft und im familiären Umfeld als potentielle Täter ans Tageslicht fördern. Dieser ohnehin ausgezeichnet konstruierte Film bekommt einen Brillantschliff durch seine Darsteller, deren Anpassungsfähigkeit und Authentizität die Geschichte bemerkenswert prägen. Annie Girardot begeistert als verzweifelte Mutter, die am Ende keine zusätzlichen Emotionen oder Tränen mehr übrig hat. Sie wird mit Situationen, Worten und Taten konfrontiert, die selbst für den daneben stehenden Zuschauer manchmal kaum auszuhalten sind. In diesem Zusammenhang ist die hervorragende Dialogarbeit zu nennen, die immer wieder und ganz plötzlich sehr verletzende Formen annehmen wird. Die Leistung von Bernard Fresson als Monsieur Girard ist ebenfalls als hervorragend zu bezeichnen. Er fällt mit wesentlich heftigeren Emotionen auf, die der puren Ohnmacht entstammen. Der Impuls zur Vergeltung dominiert ab sofort seine Gedanken und man bekommt eine sehr temperamentvolle Darbietung geboten. Konträr dazu sieht man Michel, den Sohn des Hauses. Stéphane Hillel stattet diese Figur mit einer eigenartig lethargischen Note, aber bestechender Kontrolle aus und überzeugt mit introvertierten und ruhigen Gebärden. Schließlich bereichert ein wie üblich großartiger Hardy Krüger diese traurige Geschichte nach Art des Hauses. Seine Kommissar-Figur wird von ihm vollkommen sachlich und pragmatisch gezeichnet, sodass er unangenehm durch sein mangelndes, beziehungsweise nicht vorhandenes Fingerspitzengefühl auffällt. In Augenblicken der aussichtslosen Ratlosigkeit zwingt er die trauernde Mutter in eine Schraubzwinge namens Verhör und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund..

Es wirkt nahezu erschreckend, wenn er Madame Girard von der bevorstehenden Obduktion der Leiche berichtet und dabei überhaupt keine Rücksicht auf ihre Befindlichkeiten nimmt. Sie argumentiert mit den Gedanken einer Mutter, wirft ihm im ersten Impuls vor, dass ihr Kind ihr gehöre und sie keiner derartigen Untersuchung zustimmen will. Unbeeindruckt kontert Hardy Krüger lediglich damit, dass das Mädchen nun Eigentum des Gerichts sei. Als er seinem fertigen Gegenüber schließlich erklärt, dass es für ihn nur drei Kategorien von Menschen gäbe, nämlich Verdächtige, Zeugen und Opfer, nimmt das Gespräch groteske Züge an. Da sie ihm die Kooperation verweigert, sei Madame Girard für ihn naturgemäß verdächtig und jeder, ob Befragte oder Zuschauer, bleibt vollkommen fassungslos zurück. Eine großartige Leistung des Deutschen, den man gerne häufiger in solchen Rollen gesehen hätte, die sich seiner speziellen Ausstrahlung in Form von Emotionsstarre bedient hätten. "Jedem seine Hölle" reißt schließlich gesellschaftskritische Ansätze an. Politische Debatten werden losgetreten, die den aufdringlichen Schaulustigen und Demonstranten von der Straße Gehör verschaffen wollen, nämlich der Wiedereinführung der Todesstrafe. Eine Radiomeldung verkündet, dass das Innenministerium im Fall Girard eine besonders feierliche Handhabung beschlossen habe und ruft Bevölkerung zur kollektiven Trauer auf. Unbeteiligte werden zu Ratgebern und es bäumt sich falsches Mitgefühl auf. Hinzu kommt, dass es erneut zu einer filminternen Abrechnung mit den Gepflogenheiten und skrupellosen Vorgehensweisen der Presse kommt. Die Sensationsgier wird von André Cayatte als gefräßiges Ungeheuer entlarvt und der Zuschauer darf sich auf einen Verlauf gefasst machen, der mitnimmt, bewegt und aufwühlt. Das Finale ist ein unglaublicher Schocker der intelligenten Sorte und schlussendlich hat man es mit einem der ganz großen französischen Beiträge par excellence zu tun. Überragend!


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Die Funkstreife Gottes (1968)
BeitragVerfasst: 09.01.2017 18:11 
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DIE FUNKSTREIFE GOTTES

● DIE FUNKSTREIFE GOTTES / FUNKSTREIFE XY - ICH PFEIF' AUF MEIN LEBEN (D|A|1968)
mit Günther Stoll, Günther Neutze, Tania Béryl, Monika Zinnenberg, Leon Askin, Christof Wackernagel,
Gustav Elger, Erik Frey, Paul Waldherr, Gerald Waldegg und als Gast Erwin Strahl sowie Anthony Steel
eine Produktion der Parnass Film | WDS-Film | Danubia-Donau-Film | im Nora Filmverleih
ein Film von Hubert Frank


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»Fahrt doch zur Hölle!«

Unfallpfarrer Wolf (Günther Stoll) wird zum Wiener Flughafen gerufen, da dort eine Maschine verunglückt ist und er bei den Opfern Notfallseelsorge leisten soll. So auch bei einem im Sterben liegenden Ganoven, dem sogenannten Major (Gustav Elger), der bereits von seinen Komplizen Schramm (Günther Neutze) und Felix (Leon Askin) bedrängt wird. Es scheint, als wollten sie vor dem Ableben des Majors noch irgend etwas aus ihm herausbekommen, doch er verlangt nach Kaplan Wolf. Unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses bekommt er von dem Sterbenden nun anvertraut, wo sich die Beute seines letzten Coups befindet und es geht um mehrere Millionen. Der Unfallpfarrer wird sofort von Schramm und Felix geschnappt und im Pfarrhaus festgehalten und es beginnen bedrohliche Stunden für Wolf. Wird er das Beichtgeheimnis brechen..?

Ein Film in den Händen des österreichischen Regisseurs Hubert Frank kann alles oder nichts bedeuten, aber zumindest dürfte schon im Vorfeld klar sein, dass er seine Zielgruppen wie üblich ausgiebig und fachmännisch bedienen wird. Als in den Folgejahren bekannter Experte von Erotik- und Sexfilmen, sieht man in Inszenierungen wie "Die Funkstreife Gottes" erste Spuren seines späteren Tätigkeitsfeldes, aber insgesamt bekommt man es mit einer Art Hybrid aus Kriminalfilm und unfertigem Eurospy zu tun, der seine Zuschauer gerne auf reißerischer Basis unterhalten würde. In diesem Bereich werden jedoch keine Ausrufezeichen reinster Seele gesetzt, weil die Exposition zu verhalten, die Geschichte streckenweise zu tempoarm ausgefallen, und da der wichtige Bereich der Hauptrollen absolut schwerfällig, folglich weitgehend sperrig besetzt worden ist. Die Geschichte wirkt auf den ersten und sogar den zweiten Blick recht interessant, da Kriminalität und Gewissensfragen aneinander geraten, was naturgemäß eine gewisse Brisanz mit sich bringt. Zur Hilfe eilt eine wenig plausible Nebenhandlung um den jüngeren Bruder von Kaplan Wolf, die letztlich nur aufgrund des dadurch zustande gekommenen Auftritts der großartigen Monika Zinnenberg in bleibender Erinnerung bleibt. Die Zeit wird in "Die Funkstreife Gottes" zu Beginn nicht optimal genutzt, aber im Gegenzug werden die Charaktere und deren Beziehungen untereinander ausgiebig vorgestellt. Gleich zu erwähnen ist die extravagante Kamera-Arbeit von Routinier Siegfried Hold, der im Laufe der Jahre viele Genre-Kapriolen vorweisen konnte und so gut wie immer als Bereicherung zu werten ist.

Hier zeigen sich rasante, beispielsweise auch kaleidoskopartige Einstellungen oder Karussellfahrten, und es entsteht innerhalb der recht spartanischen Ausstattung doch so etwas wie Atmosphäre und Flair. Wie erwähnt schwächelt der Film an seiner in Teilen unwirschen Besetzung. Sicherlich ist der Verlauf alleine auf dramaturgischer Basis kein Überflieger, doch wenn zusätzlich noch Interpreten am Werk sind, die beim Zuschauer wenig glaubhaft ankommen, müssen andere Bereiche stark kompensieren. Günther Stoll spult seine Rolle mehr routiniert als ambitioniert ab, der bessere Auftritt eines sogenannten Geistlichen ist definitiv an anderer Stelle zu finden. Stoll arbeitet die Zerrissenheit seiner Person und die zwickmühlenartige Situation in der er sich befindet nicht greifbar genug heraus, eher sieht man einen zu teilnahmslos agierenden Mann in den Klauen von Verbrechern, die er aufgrund seiner Position zwar in Schach halten, aber sie nicht genug positiv beeinflussen kann. Da am Ende ein vollkommen kritikloser Verlauf bezüglich Bekenntnis oder Beichtgeheimnis steht, verpufft dieser prinzipiell erfreuliche Auftritt ohne Effekt im Nichts. Seinen primären Gegenspieler stellt Günther Neutze, der möglicherweise die Fehlbesetzung des Films darstellt. Man sollte sich erst gar nicht die Frage stellen, wie Schauspieler eines gewissen Formats überhaupt in Filmen landen konnte, die nicht den konventionellen Sehgewohnheiten entsprechen, sondern spannender ist das Durchleuchten der Tatsache, dass es im Fall Neutze offensichtlich außerhalb seines Möglichkeitsbereichs liegt, den Verlauf in wünschenswerte Bahnen zu lenken, wenn er keine komplett vorgefertigten Strukturen von Regie und Drehbuch auf einem Silbertablett serviert bekommt.

Nach persönlichem Ermessen lautet das Urteil daher schwächlich, und hier sogar noch schwächer als es sich der Film erlaubt. Leon Askins Slapstick-Auftritt muss leider ohne die notwendige Situationskomik auskommen und diese Dreier-Konstellation, die dem Verlauf eigentlich einen Stempel aufdrücken müsste, bleibt konturlos und uninteressant. Daher sollten es die weiteren Rollen irgendwie richten. Tania Béryl, die darstellerisch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt bleiben sollte, da ihre Karriere nach neun Filmen beendet war, macht für ihre Verhältnisse einen überzeugenden Eindruck und füllt ihre Art Schlüsselrolle adäquat aus, genau wie Anthony Steel, den man hier in typischer Manier begleiten darf. Highlight des Films ist und bleibt die wie immer gerne gesehene und vom Prinzip her verschlagen wirkende Monika Zinnenberg, in einer ihrer obligatorischen Rollen. Im Rahmen der "Heißes Pflaster Köln"-Aufführung im Millowitsch-Theater Köln, im August 2016, berichtete Monika Zinnenberg höchstpersönlich über ihr Image als »Busen der Nation« und über die Arbeit im Synchronstudio, was angesichts der Veränderungen gerade in Hubert Franks Film für einige Ungereimtheiten sorgen will. Günther Stoll wurde entgegen seiner allseits bekannten Stimme mit der markanten Sprechweise eines Rainer Brandt unterlegt, was einfach nicht funktionieren möchte, da man eben genau den monotonen und eher weichen Tonfall Stolls gewinnbringend hätte einsetzen können. Günther Neutze synchronisierte sich beispielsweise selbst. Die Erläuterungen von Monika Zinnenberg waren in diesem Zusammenhang äußerst interessant und erklären zum Teil, warum sich viele Darsteller erst gar nicht ins Synchronstudio bemühten.

Für einen Satz in einem normalen Film soll es nach ihren Angaben 5 DM Gage gegeben haben, in Produktionen mit erotischem Inhalt, also schlüpfrigen oder sexuell aufgeladenen Dialogen, das doppelte. Aufgrund anderweitiger Verpflichtungen, Engagements oder bloßer Interessenlosigkeit stellten sich viele Darsteller daher erst gar nicht ins Studio, was nicht selten auch auf die Qualität des jeweils abgedrehten Films zurückzuführen war. Generell ist die Synchron-Arbeit in "Die Funkstreife Gottes" jedoch angemessen, auch wenn sie sich hier und da gegen persönliche Präferenzen stellt. Flotte Sprüche der Ganoven dominieren das Ganze nachhaltig und gehen in den wenigsten Fällen in die Hose, aber in vielen Sequenzen zeigt sich der Verlauf einfach zu geschwätzig, was den Weg zum anvisierten Ziel ein wenig holprig dastehen lässt. Dennoch spitzen sich die Geschehnisse erwartungsgemäß zu, ein wenig Action und Tempo wirken insbesondere zum Ende hin wahre Wunder, wenngleich eine allgemeine Vorhersehbarkeit nicht wegzudiskutieren ist. Bei "Die Funkstreife Gottes" zeigen sich insgesamt einige Unstimmigkeiten, die in bekannten Reißern deutscher Mache in dieser hohen Konzentration nicht unbedingt vorhanden waren, beziehungsweise gut durch forciertere Marschrichtungen und ausgewogenere Geschichten kompensiert werden konnten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Hauptdarsteller sich nicht bereit zeigten, ein bisschen mehr als das Geforderte zu präsentieren, sodass der Eindruck bleibt, sie hätten den Film zusätzlich geschwächt. Daher bleibt unterm Strich ein belangloses Kind seiner Zeit zurück, welches zumindest den eindeutigen Vorteil der kurzweiligen Unterhaltung anbietet.


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 Betreff des Beitrags: KZ 09 (1977)
BeitragVerfasst: 12.01.2017 14:27 
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KZ 09

● KZ 9 - LAGER DI STERMINIO / WOMEN'S CAMP 119 / SS EXTERMINATION CAMP (I|1977)
mit Ivano Staccioli, Ria De Simone, Nello Riviè, Gabriele Carrara, Giovanni Attanasio, Sonia Viviani und Lorraine De Selle
eine Produktion der Three Stars 76
ein Film von Bruno Mattei


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»Aufstehen, verdammte Huren!«

Obwohl das Kriegsende unmittelbar bevorsteht, werden die sogenannten Forschungsarbeiten unter Kommandant Wieker (Ivano Staccioli) im Frauen-"KZ 09" beibehalten und die Testreihen sollen um jeden Preis zum Abschluss gebracht werden. Junge Mädchen und Frauen dienen dabei einer breiten Palette von medizinischen Versuchen, die hilfreich für den Soldaten an der Front und tödlich für den Feind sein sollen. Die durchgehend grausamen Experimente sind jedoch viel schlimmer als die täglichen Demütigungen und Übergriffe der Verantwortlichen und wenn die Opfer ausgedient haben, enden sie schließlich in den Gaskammern des großen Gebäudekomplexes. Eine kleine Gruppe versucht dieser Hölle zu entfliehen, doch Wieckers Bluthunde sind ihnen bereits auf den Fersen...

Es dauert nur einen Vorspann lang, bis ein LKW-Konvoi, vollgestopft mit gepeinigten und erniedrigten Frauen, von Ravensbrück bis Rosenhausen gelangt, wo Bruno Mattei sein zweifelhaftes Spektakel in Gang bringen kann. Komischerweise merkt man gleich zu Beginn, dass die Gangart wohl eine deftigere sein wird, ohne eine Ahnung davon zu haben, welche Geschütze eigentlich aufgefahren werden. Liegt es an den widerlichen Parolen des Offiziers, der die Frauen wie Sklavinnen behandelt oder an den verheißungsvollen, aber absolut passenden Klängen von Alessandro Alessandroni? Die Lösung kommt wenige Augenblicke später, als man abgetrennte Extremitäten in einem Labor betrachten muss, über denen die Verantwortlichen über ihre »exzellente Arbeit« schwadronieren. In den meisten dieser Flicks aus dem einschlägig bekannten Naziploitation-Genre waren es genau solche Eigenschaften wie Kaltblütigkeit, Brutalität, Menschenverachtung und überhebliche Selbstverliebtheit, die den Stoff darstellen, aus dem die spekulativen Albträume sind. Bestien in Uniformen prägen den Verlauf also auch hier und es wird schnell klar, wohin die strapaziöse Reise gehen wird. Die Szenerie ist mit Folter, Vernichtung und Tod aufgeheizt und es stellt sich lediglich die Frage, wie hart die Exposition ausfallen wird. "KZ 09" schlägt in diesem Zusammenhang jedenfalls keinen sparsamen Weg ein, sodass schon bald Angst- und Todesschreie zu vernehmen sein werden, sowie zahlreiche bestialische Experimente am lebenden Objekt, während die Obrigkeit in den komfortableren Räumen dekandenterweise frisst, säuft und im Off womöglich auch hurt. Des weiteren wird eine Art Führung durch die wichtigen Räume des KZ gemacht und einige Charaktere stellen sich bei dieser Gelegenheit selbst vor, kategorisieren sich in Abschaum oder Bodensatz und nur zwei Protagonisten fallen durch eine menschliche Ader auf.

Überraschenderweise kann der Zuschauer eine Storyline wahrnehmen, was durchaus erwähnenswert ist, haben doch zahlreiche dieser Vertreter einen dramaturgischen Handlungsbogen, oder zumindest eine Andeutung davon vermissen lassen, sogar eher als überflüssigen Ballast angesehen. Auch das Thema sexuelle Ausschweifungen oder Orgien wird nicht bis zum Exzess ausgereizt, eher kann man hier von einer Randerscheinung sprechen. Nackte Körper sind dennoch an der Tagesordnung, dienen allerdings eher zu Zwecken der Veranschaulichung. Menschenversuche sind an der Tagesordnung, bestialische Experimente schildern den Verfall und abartige Gesinnungen. Die erste Stunde des Films ist somit beinahe ausschließlich damit beschäftigt, das Hauptaugenmerk auf die Arbeit der sogenannten Ärzte zu legen, die auf der Suche nach immer neuen Erkenntnissen sind, wie Soldaten an der Front länger durchhalten können und widerstandsfähiger werden, außerdem wie man Trojanische Pferde beim Feind einschleusen kann. Das Gezeigte nimmt daher so gut wie alle 5 Minuten gerne abstoßende Züge und überspitzte Tendenzen an, wobei der Vorteil eindeutig darin liegt, dass diese Inhalte meistens nicht verzerrt, beziehungsweise nicht im Bereich des Möglichen gelegen haben könnten. Die breit angelegten Experimente erinnern zeitweise an jene aus "Ilsa, She Wolf of the SS", der drei Jahre zuvor mit Dyanne Thorne in der Titelrolle entstand, allerdings ging Bruno Mattei bei der Veranschaulichung hier einen merklichen Schritt weiter. Vergasungen sind an der Tagesordnung, wenn die Objekte ihren Dienst getan haben. Ein Experiment schildert beispielsweise, wie ein total unterkühlter Mann wieder zum Leben erweckt werden kann, und zwar über Erregungszustände. Wo zwei niederländische Gefangene scheitern, ist es die fingerfertige französische Prostituierte, die ihn wieder zurückholt.

Ein anderer Versuch will untersuchen, ob zwei Homosexuelle durch drei willige Damen einfach umzustricken sind, dann wird auch noch ausgiebig operiert und es werden verstümmelte Extremitäten und verblutende Körper auf einem Silbertablett serviert. Die Szenerie fällt stets durch Hoffnungslosigkeit auf, die auch mithilfe der wenigen Sympathieträger nicht aufgehoben werden kann. Die Räume sind Grau in Grau, heruntergekommen und erinnern an Tod. Die Operationsstätten deuten eine Gewisse Ausstattung an und verfügen über Sicherheitsfenster, hinter denen die Verantwortlichen unbeschadet zuschauen und sich an ihren Gräueltaten ergötzen können. Verwirrend und besonders abstoßend sind die permanenten medizinischen Rechtfertigungen für die unmenschlichen Vorgehensweisen und Mattei gibt seinem braunen Treiben schockierende, wenn nicht sogar glaubhafte Gesichter. Im Bereich der Darsteller findet man wenige Offenbarungen, denn man sieht meistens Laien-Niveau, was die Eindrücke nur noch extremer werden lässt, da dem Empfinden nach wenig Schauspiel zu entdecken ist. Im Gedächtnis bleiben die Auftritte von Ivano Staccioli, der als brutaler Kommandant des Lagers naturwissenschaftliche Aspekte als Absolution missbraucht. Ria De Simone überzeugt als sadistische Helferin mit lesbischem Appetit und Gabriele Carrara stellt seine fetischistischen Neigungen zur Schau. Eins haben alle jedenfalls gemeinsam, denn es macht sie offensichtlich unendlich an, die Untergebenen zu quälen und bei jeder Gelegenheit zu erniedrigen. Im letzten Drittel der Produktion wird eine aussichtslose Flucht gezeigt, doch man ahnt nichts Gutes weil alle Wege wohl wieder zurück in diesen Vorhof zur Hölle führen werden. "KZ 9 - Lager di sterminio" ist unterm Strich ein abscheulicher Vertreter dieses Genres geworden, der - man traut es sich kaum zu sagen - gar nicht mal so schlecht geworden ist, wie angenommen. Fans kommen daher auf ihre Kosten.


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 Betreff des Beitrags: Deported Women of the SS Special Section (1976)
BeitragVerfasst: 14.01.2017 13:18 
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John Steiner   Lina Polito   in

DEPORTED WOMEN OF THE SS
SPECIAL SECTION


● LE DEPORTATE DELLA SEZIONE SPECIALE SS / DEPORTED WOMEN OF THE SS SPECIAL SECTION (I|1976)
mit Erna Schurer, Sara Sperati, Solvi Stübing, Guido Leontini, Paola D'Egidio, Rik Battaglia, Stefania D'Amario, u.a.
eine Produktion der Nucleo Internazionale Produzioni Cinematografiche
ein Film von Rino Di Silvestro


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»Do you hear what I say? You become a camp whore!«

Eine Gruppe junger Frauen unterschiedlicher Nationalitäten wird mit einem Zug in ein deutsches Konzentrationslager überstellt, wo sie Schreckliches erwartet. Neben empfindlichen Untersuchungen, sind Folter, Sadismus und sexuelle Übergriffe durch die Verantwortlichen an der Tagesordnung. Die Qualen nehmen insbesondere durch den Kommandanten des Lagers, Erner (John Steiner), bestialische Züge an und seine Aufseherinnen tun ihr Übriges dazu. Als Erner jedoch Gefallen an der Insassin Tania Nobel (Lina Polito) findet, gibt es einen Hoffnungsschimmer für einige Frauen, da sich unter dieser Voraussetzung ein Fluchtplan schmieden und schließlich durchführen lässt. Werden die Frauen unbeschadet aus dem Lager fliehen können..?

Frauen sind in einem Zug zusammengepfercht und noch handelt es sich für sie um eine Fahrt ins Ungewisse. Der im Genre bewanderte Zuschauer ist den tragischen Protagonisten jedenfalls gedanklich einen deutlichen Schritt voraus und man wartet förmlich auf den Startschuss für bestialische Folter, grenzenlose Erniedrigung, feigen Mord und Strapazen aller Art. Bereits im Waggon werden ein paar Charaktere im Kurzdurchlauf vorgestellt, beziehungsweise es bleibt bei dem Versuch, und noch während die Akustik des Zuges die Szenerie dominiert und eine erste Rückblende abgehandelt wird, befindet man sich auch schon am Zielort, nämlich in einem schäbigen Frauen-Konzentrationslager das unter strengem Regiment steht. Etliche Befehle und Parolen sind auf Deutsch zu hören, was die unbehagliche Stimmung nur anheizen wird, bis schließlich Fräulein Oberaufseherin erscheint und knapp erläutert, wie der Aufenthalt weiter geht. Es folgen eindringliche Untersuchungen und die übliche Palette an Geschmacklosigkeiten, sodass sich in Verbindung mit den gezeigten Bildern schnell herausstellt, wie Rino Di Silvestro seinen vierten von insgesamt nur acht Regie-Beiträgen aufziehen wird. Daher formt sich der Eindruck, dass alles daran gesetzt werden wird, sich so schnell wie möglich eine primitive Schmuddel-Atmosphäre herbeizudrehen, um die interessierte Zuschauer-Gemeinde umfassend, beziehungsweise unmissverständlich anzusprechen. Man kann wohl sagen, dass "Deported Women of the SS Special Section" den entscheidenden Vorteil mit sich bringt, wesentlich besser besetzt zu sein als viele seiner Genre-Kollegen und tatsächlich ist ein beinahe allseits gehobenes darstellerisches Niveau zu sehen, was vergleichsweise beinahe schon ungewöhnlich anmuten will.

Die Produktion bedient sich des typischen Rollenschemas John Steiners sehr effektiv und er ist erneut als sadistischer Zeitgenosse zu sehen, der alleine aufgrund seiner Erscheinung schon für Angst und Schrecken sorgen kann. Seine Uniform, seine Gebärden und sein Status geben ihm Sicherheit und die Absolution, schalten und walten zu können, wie es ihm gefällt. Ihn umgibt eine eigenartige Aura, die meistens Dominanz, aber zeitweise auch Unsicherheit und Zerrissenheit wiedergibt. Seine sexuellen Ausschweifungen gehen eine widerwärtige Kopplung mit Sadismus und Erniedrigung ein, für ihn spielt es offensichtlich keine Rolle wer gerade herhalten muss, Hauptsache sein Gegenüber kann wie ein Hund gedemütigt werden. In diesem Zusammenhang kommt es zu Szenen mit seinem Diener "Dobermann", der für sein leibliches Wohl zu sorgen hat, und das in jeder erdenklichen Beziehung. Diese Liaison dangereuse zwischen beiden geht sogar über bloße Andeutungen hinaus, wird gleichzeitig forciert und entschärft durch das Faible für die Gefangene Tania Nobel, die er wie ein Heiligenbild verehrt, sie uneingeschränkt besitzen möchte. Diese wird sehr eingängig von Lina Polito dargestellt, mit der man als Zuschauer mitfiebern kann, da sie ihr Leiden transparent zu schildern weiß. Die Schauspielerinnen sind in "Deported Women of the SS Special Section" ausschließlich in die Sektionen Gut und Böse eingeteilt. Hier fällt insbesondere die Leistung von Erna Schurer auf, die mit ihrer gespenstischen Präsenz für Zucht, Ordnung und letztlich Angst sorgen kann und ihren eiskalten Verstand bei jeder sich bietenden Gelegenheit einzusetzen weiß. Solvi Stübing gibt die Helfershelferin aus der zweiten Reihe sehr kompetent und insgesamt schaut man auf gute darstellerische Leistungen, die diesen Film mit seinem oftmals zu eintönigen Verlauf doch sehr aufwerten.

Guido Leontini und Rik Battaglia zeichnen des Weiteren mehr oder weniger Figuren, die zwar auf der falschen Seite agieren, aber Täter und Opfer zugleich darstellen und somit auffallen. Die Variationen rund um die Personen und deren Beziehungen zueinander, sowie das Quäntchen mehr Tiefgang bereichern den Verlauf ungemein, zumal diese Marschrichtung in ähnlichen Beiträgen eher selten zu finden war. Im Endeffekt müssen dennoch deutliche Abstriche bei der viel zu starren Geschichte gemacht werden, denn sie war in genau dieser Fa­çon schon mehrmals zu sehen. In diesem Sinne dreht sich die spannende Frage selbstverständlich darum, wie die Monster der Willkür zur Strecke gebracht werden können, und ob die bedauernswerten Gefangenen einen Ausweg aus der Endstation Hölle finden werden. Rino Di Silvestro setzt bei den Themen Spannung und Tempo auf die Verstärker Sadismus, Folter, Qual und abartige Neigungen, die in einem solch unbarmherzigen Flick ja naturgemäß eine Art Elixier darstellen. Eine besondere Erwähnung ist dennoch das hier anvisierte Kontrastprogramm wert, das von Stelvio Ciprianis wundervoller Musik nahezu dutzende Gesichter des Todes, aber auch der Hoffnung bekommt. Dieser Beitrag aus der Hochphase der Naziploitation-Filme kann unterm Strich in Erinnerung bleiben und zwar wegen seiner überdurchschnittlich prominenten Besetzung. Im Sinne des Handlungsrahmens werden zwar einige Neuerungen präsentiert, die im Sumpf des unteren Niveaus jedoch spurlos verschwinden werden. Als Ganzes bietet "Deported Women of the SS Special Section" recht herkömmliche Zutaten und für den geneigten Zuschauer gute Unterhaltung, sodass man bei Rino Di Silvestros Beitrag auf einen insgesamt soliden Vertreter blicken darf, der seinen Auftrag erfüllt und sich ausgiebig in der Mechanik des miesen Geschmacks suhlt.


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 Betreff des Beitrags: 11 Uhr 20 (1969)
BeitragVerfasst: 18.01.2017 19:26 
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● 11 UHR 20 | TEIL 1 | MORD AM BOSPORUS (D|1969) [TV]
mit Joachim Fuchsberger, Gila von Weitershausen, Christiane Krüger, Werner Bruhns, Götz George,
Anthony Steel, Ann Smyrner, Sema Özcan, Karl Walter Diess, Konrad Georg, Muzaffer Tema, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie | Wolfgang Becker


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Der Ingenieur Thomas Wassem (Joachim Fuchsberger) arbeitet im Iran. Seine Frau Maria (Gila von Weitershausen) bittet um ein Treffen in Istanbul, um mit ihm die Scheidung zu besprechen. Doch die schönen gemeinsamen Tage bringen die Ehe wieder ins Gleichgewicht. Einen Tag bevor beide nach Deutschland abreisen möchten, finden sie einen Toten (Peter Carsten) in ihrem Wagen, bei dem es sich den Papieren nach um einen deutschen Ingenieur namens Dr. Vogt handeln soll. Er wurde ermordet. Um in keine Schwierigkeiten zu kommen, will Thomas die Leiche verschwinden lassen, doch in der Zwischenzeit stürzt Maria samt Wagen am Bosporus in den Tod. Marias Uhr ist um 11 Uhr 20 stehen geblieben und auch der Tote ist spurlos verschwunden. Nur dessen Schlüssel führt Thomas in ein Hotel, in dem aber niemand etwas von ihm gesehen haben will und auch die Polizei glaubt kein Wort von dieser Geschichte. Wassem sieht sich daher gezwungen, den Fall in Eigenregie aufzurollen, zumal ihn die Zeitungen längst als Mörder abgestempelt haben...

Wolfgang Beckers "11 Uhr 20" ist nach "Der Tod läuft hinterher" und "Babeck" der dritte Fernsehdreiteiler, der seinerzeit nach einem Drehbuch von Krimi-Spezialist Herbert Reinecker entstanden war. Diese TV-Produktionen stellen gleichzeitig Äquivalent und Gegenentwurf zu den von der ARD produzierten Beiträgen wie beispielsweise "Das Halstuch" dar, die alle mit sehr hohen Einschaltquoten in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen konnten. Neben der ausgezeichneten Besetzung und dem hervorragenden Stab, sind es vor allem die besonderen Eindrücke an Originalschauplätzen in Istanbul und Tunis, die diesem 1969 gedrehten Mehrteiler ein überaus hochwertiges Profil verleihen. Die Geschichte beginnt wie so oft unscheinbar, beziehungsweise trügerisch, und mündet bereits nach kurzer Spielzeit in einer Tragödie, deren Hintergründe absolut im Dunkeln liegt. Der Zuschauer ist auf den ermittelnden Protagonisten angewiesen, der den Fall in mühsamer und vor allem gefährlicher Eigenarbeit aufzurollen beginnt. Die dabei auftauchenden Personen meistens zwielichtiger Natur, stellen die vielen Etappen der Geschichte dar, die wie ein Puzzle zusammengesetzt werden müssen und mit zahlreichen Leichen gepflastert sind. Zahlreiche Wendungen und ein guter Action-Anteil sorgen für ein angemessenes Tempo, bei dem sich keine signifikanten Aussetzer finden lassen und als Zuschauer kann man sich auf turbulente, gewohnt temperamentvolle, aber hier auch ungewöhnlich emotional aufgeladene Momente mit Joachim Fuchsberger einstellen. Als Thomas Wassem kämpft er gegen ein Phantom, dessen zahlreiche ausführende Arme ihn massiv bedrohen. Nur wenige Personen stehen ihm dabei hilfreich zur Seite oder lassen sich überhaupt als aufrichtig identifizieren, sodass man gezwungenermaßen einen klassischen Alleingang geboten bekommt.

Die Gefahr ist also für die meisten Personen sehr hoch, die Augen für immer zu schließen, egal ob sie schweigen oder sprechen, oder es sich um Sympathieträger handelt. Joachim Fuchsberger bereicherte den Kriminalsektor bereits seit etlichen Jahren und auch hier spielt er seine gesamte Erfahrung aus, lässt es sich aber nicht nehmen, immer wieder neue Facetten preiszugeben und mit Variationen zu überraschen. Er gestaltet seine Figur sehr agil und stattet diese mit greifbaren Zügen aus, mit der der Zuschauer bedingungslos mitfiebern kann. Da es mit sachdienlicher Hilfe ziemlich schwach aussieht, sind es diese wenigen Personen des Szenarios, die hin und wieder für einen Hauch von Hoffnung und Sicherheit sorgen können, auch wenn zahlreiche Sargnägel nur darauf warten, endlich zum Einsatz zu kommen. Konrad Georg, geistreicherweise als Herr Konrad und Mitarbeiter des Konsulats, steht ihm zur Seite, wenn auch ängstlich und etwas unbeholfen. Ansonsten tauchen tatsächlich wenige vertrauenswürdige Leute auf. Zwar lassen sich die gefährlichsten Gegner schnell ausmachen, aber auch diejenigen, die vornehmlich Skepsis provozieren oder geheimnisvoll wirken, wie beispielsweise Christiane Krüger, Karl Walter Diess oder Ann Smyrner, wo hingegen Zeitgenossen wie Werner Bruhns, Anthony Steel und insbesondere Götz George eindeutig für Bedrohung und Gefahr stehen. Die überdurchschnittlich prominente Besetzung steht dieser Geschichte jedenfalls sehr gut und findet mit einer angenehm aufspielenden Gila von Weitershausen ihren tragischen Aufhänger. Mit musikalischer Unterstützung von Peter Thomas verlegt sich das turbulente Treiben von Istanbul nach Tunis und bis zum gelungenen Cliffhanger von Teil 1 werden noch einige Köpfe rollen. "Mord am Bosporus" beweist einen intelligenten Aufbau und lässt die folgenden zwei Episoden mit großer Spannung erwarten.


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 Betreff des Beitrags: Mensch und Bestie (1963)
BeitragVerfasst: 26.01.2017 21:55 
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MENSCH UND BESTIE

● MENSCH UND BESTIE / DIE FLUCHT / COVEK I ZWER (D|JUG|1963)
mit Götz George, Günther Ungeheuer, Katinka Hoffmann, Alexander Allerson, Nada Kasapic, Petar Banicevic, u.a.
eine Produktion der CCC Filmkunst | Avala Film | im Gamma Filmverleih
ein Film von Edwin Zbonek


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»Jetzt werden wir denen da unten mal zeigen, wo Gott wohnt«

Franz Köhler (Götz George) wird in das Konzentrationslager Mauthausen überstellt, weil er sich gegen das Nazi-Regime aufgelehnt hat. Köhler fasst den Entschluss, bei einer günstigen Gelegenheit zu fliehen, zumal er auch noch erfahren hat, dass alle Inhaftierten vor dem Eintreffen der Russen liquidiert werden sollen. Es gelingt ihm schließlich zu entkommen und es entsteht ein Wettlauf gegen den Tod, zumal er von SS-Untersturmführer Willi Köhler (Günther Ungeheuer) gehetzt wird, der sein eigener Bruder ist. Franz' Weg nimmt viele Etappen und wird immer gefährlicher, zumal Willi seinem Ziel näher kommt, seinen Bruder zu stellen...

Der österreichische Regisseur Edwin Zbonek begann seine Karriere mit dem Inszenieren schwieriger Stoffe, die zwar anerkennend wahrgenommen wurden, jedoch nicht zu den ganz großen Klassikern avancieren konnten. Beachtliche Filme wie sein Spielfilmdebüt "Am Galgen hängt die Liebe" von 1960, oder eben auch "Mensch und Bestie", wurden mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen bedacht. Edwin Zbonek wechselte schließlich in das Unterhaltungsfach um beispielsweise zwei Kriminalfilme für die erfolgreiche Bryan-Edgar-Wallace-Serie zu inszenieren, bevor sich seine Karriere leider in der relativen Belanglosigkeit verlor. Seine frühen Filme sind geprägt von Pragmatismus, schwarzweißer Bildgewalt und der ungeschönten Simulierung der kalten Realität. Dabei kamen sehr bemerkenswerte Arbeiten heraus, wenngleich sie zunächst auch nicht besonders massentauglich waren, wofür wie so oft auch groteskerweise das Prädikat »wertvoll« irgendwie sinnbildlich zu stehen scheint. Der einfach klingende Alternativtitel "Die Flucht" bringt den Verlauf vielleicht am besten auf den Punkt, da man es mit einer regelrechten Hetzjagd zu tun bekommt, bei der aggressive Offiziere und deren helfende Hände und ein bissiger Vierbeiner den tragischen Helden der Geschichte unerbittlich verfolgen. Es entstehen sehr eindringliche Bilder in den kargen Sets und der Schneelandschaft, über die ein eiskalter Wind pfeift, der förmlich zu spüren ist. Ein Kampf ums Überleben gestaltet sich naturgemäß als reich an einer bestimmten Art von Action und passenden Szenen, die an den Nerven zerren. Erneut sind es die Funktionäre, die schreckliche Fratzen der Willkür zeichnen und für äußerst unbehagliche Zustände sorgen.

Nach dem Fluchtversuch aus dem Arbeitslager im Steinbruch hagelt es erst einmal Kollektivstrafen und irritiert nimmt man Aussagen wie: »Bis jetzt war das hier ein Sanatorium« wahr, nachdem es bereits zu Folter und Bestrafung gekommen ist. In der Hauptrolle hat Götz George die vollkommene Freiheit, sich fernab des seichten Angebots zu profilieren, allerdings sollte tatsächlich betont werden, dass dieser Film sicherlich nicht im gewöhnlichen Sinn unterhalten will und auch nicht kann, da er vollkommen konträr dazu angelegt wurde. Mit George wird man als Zuschauer jedenfalls durch einen Albtraum gezerrt, der aufgrund seiner Eintönigkeit hin und wieder dazu animiert, das Grund-Interesse ein wenig infrage zu stellen. Für uneingeschränkte Aufmerksamkeit sorgen hingegen die phantastischen Bilder, die alle Möglichkeiten auszuschöpfen scheinen. Kontraste, Licht- und Schattenspiel, unbarmherzige Nähe und eine demonstrativ-allgegenwärtige Grausamkeit tragen zu einer äußerst angespannten Atmosphäre bei. Sehr gute Leistungen sind einerseits von Günther Ungeheuer zu sehen, der seinen realen Nachnamen in den Dienst der SS zu stellen scheint, und anderseits weiß Katinka Hoffmann zu überzeugen, die man leider viel zu selten für Spielfilme ihrer Zeit nutzte. "Mensch und Bestie" funktioniert als Kain-und-Abel-Variation letztlich sehr effektiv, nicht zuletzt weil mit Edwin Zbonek ein Regisseur am Werk war, der solche Stoffe sehr handlungsorientiert umsetzen konnte. Sein Film konzentriert sich auf ganz wenige, aber essentielle Inhalte und schildert einen nahezu exemplarischen, nur auf ein einziges Ziel gerichteten Verlauf, der in seiner Nüchternheit erschütternd wirkt. Ein besonderer Film, der allerdings nicht jedermanns Sache sein dürfte.


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 Betreff des Beitrags: Das Haus im Nebel (1972)
BeitragVerfasst: 29.01.2017 14:40 
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Ida Galli   Analía Gadé   in

DAS HAUS IM NEBEL

● LA MANSIÓN DE LA NIEBLA / QUANDO MARTA URLÒ DALLA TOMBA / DAS HAUS IM NEBEL (E|I|1972)
mit Andrés Resino, Lisa Leonardi, Franco Fantasia, Alberto Dalbés, Yelena Samarina, José Luis Velasco
George Rigaud, Saturno Cerra, Magoya Montenegro sowie Eduardo Fajardo und als Gast Ingrid Garbo
eine Produktion der Mundial Film | Tritone Cinematografica
ein Film von Francisco Lara Polop


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»Wir gehören zu verschiedenen Welten!«

Eine alte, verlassene Villa, die sich in der Nähe eines Friedhofs befindet, bekommt ungewöhnlichen Zulauf mehrerer Personen, da sich im dichten Nebel verfahren und dorthin verirrt haben. Zufällig ist auch die Besitzerin des Anwesens, namens Martha Clinton (Ida Galli) zugegen, die ihre unfreiwilligen Gäste mit allerlei kryptischen Geschichten über Aberglaube, mysteriöse Todesfälle und Vampire versorgt. Genau aus diesem Grund soll auch das umliegende Dorf so gut wie verlassen sein. Bei dieser Gelegenheit stellt sich ebenfalls heraus, dass sich einige der Leute bereits zu kennen scheinen. Da es schon im Vorfeld zu äußerst merkwürdigen Geschehnissen gekommen war, geht man sehr beunruhigt zu Bett. Was allerdings niemand ahnen konnte ist, dass die bevorstehende Nacht in einem schrecklichen und blutigen Albtraum gipfelt...

Bei "Das Haus im Nebel" handelt es sich um das Regie-Debüt des spanischen Regisseurs Francisco Lara Polop, bei dem gleich zu Beginn der Versuch auszumachen ist, formvollendete Momente zu präsentieren und auf eine beunruhigende Marschrichtung zu setzen, ausstaffiert mit allerlei wirksamen Zutaten des Gruselfilms. Bei diesem Beitrag ist es daher vielleicht angebracht, sich erst gar nicht eingängig über »Sein oder Nichtsein«, respektive mit der Frage zu beschäftigen, ob es sich um einen lupenreinen, beziehungsweise anteiligen Giallo, oder eben gar keinen handelt. Unter diesem Gesichtspunkt kommt es der doch sehr atmosphärischen Produktion möglicherweise nicht zugute, da falsche Vorstellungen oder zu hohe Erwartungen geweckt werden. Gleich die ersten Minuten warten mit zahlreichen Szenen auf, die aufmerksamkeitsfördernd wirken. Verheißungsvolle Musik und wirklich gruselige Sequenzen ebnen den Weg zu der verlassenen Villa, in der zugegebenermaßen zu schnell ein mögliches Zufallsprinzip ausgeschlossen wird. Jedoch ist so schnell auch wieder nicht zu erahnen, wo der Verlauf eigentlich hin möchte. Klassische Elemente treiben ein eigentümliches Wechselspiel mit einer zeitgemäß wirkenden, wenn auch teilweise halbherzig ausgearbeiteten Fa­çon, im Sinne von möglicherweise erwarteten Schauwerten und typischen Kindern dieser Zeit. In der Zwischenzeit stützt man sich auf die anfänglichen Eindrücke voller Atmosphäre, doch die Spannungskurve lässt immer wieder abrupt nach, setzt dabei auf einige ausladende Dialoge, die für die notwendigen Hintergrundinformationen des Szenarios sorgen sollen. In diesem Zusammenhang beißt sich die vorhandene deutsche Synchronisation immer wieder auffällig mit den schnell etablierten Eindrücken, und das im Sinne von zu flapsig, oder der Stimmung und Situation zu wenig angemessen.

Die Geschichte lässt sich dem Empfinden nach zu viel Zeit, wirkt inhaltsmäßig hin und wieder zu wenig forciert, wobei dies bestimmt mit einer gewissen Absicht geschieht, um in den richtigen Momenten für Paukenschläge zu sorgen, die es auch glücklicherweise geben wird. Francisco Lara Polop gelingt es oftmals sehr eindringlich, Momente des plötzlichen Schocks und der an den Nerven zerrenden Angst zu fabrizieren. Die dabei zur Geltung kommende, sich beschleunigende Akustik, die beispielsweise mit Herztönen und wirrem Gelächter durchzogen ist, vermag es spielend, den geneigten Zuschauer zu strapazieren. Die musikalische Untermalung des italienischen Komponisten Marcello Giombini packt dabei unerbittlich und sehr wirkungsvoll zu, begünstigt somit die anvisierte Spannung hervorragend und denkbar einfach. Auch das Spiel mit Licht, Schatten und dem Leitmotiv Nebel erzielt spielend seine beunruhigende Wirkung. Übersinnliche Motive richten sich hierbei zwar gekonnt auf, doch insgesamt vermisst man das kontinuierliche aufrecht Erhalten dieser Eindrücke und die Spannung wird zu oft grob-fahrlässig verspielt, was angesichts des grundsätzlich betriebenen Aufwands schade ist. Im Endeffekt schwächelt die Storyline im Rahmen der Herkömmlichkeit und man findet sich in der altbekannten Situation wieder, darüber nachzudenken, dass Potential ungenutzt verstrichen ist. Diese Kritikpunkte sollen jedoch kein Grund zur Ernüchterung sein, denn "Das Haus im Nebel" ist trotzdem unheimlich unterhaltend und hierfür sind ebenfalls die überaus gerne gesehenen Interpreten mit verantwortlich, die sich sehr als anpassungsfähig präsentieren und für markante Eindrücke sorgen können, wenngleich die Konstellationen letztlich oberflächlich bleiben.

Wenn sich Ida Galli die Ehre gibt, ist es stets ein besonderes Vergnügen, vorausgesetzt man hat eine Antenne für ihr wie so häufig eher dezent angelegtes Schauspiel. Hier erneut unter ihrem Pseudonym Evelyn Stewart unterwegs, passt sie sich dem düsteren Set nicht nur effektiv an, sondern hat der morbiden Atmosphäre sehr viel aufgrund ihrer Körpersprache zu geben. Ihre beinahe maskenhaften Züge unterstützen die geheimnisvolle Aura dieser Dame, die die bunt zusammen gewürfelte Entourage mit verheißungsvollen Geschichten versorgt. Gallis geheimnisvolle Ausstrahlung wirkt dabei wie gemacht für eine derartige Geschichte und insgesamt liefert sie eine dichte und gut dosierte Performance, die aufgrund ihrer Vorzüge in Erinnerung bleibt. Die weibliche Doppelspitze wird von der Argentinierin Analía Gadé abgerundet, zu sehen in der Rolle der Protagonistin Elsa. Über sie werden gewisse Beschützerinstinkte wach, denn die attraktive Darstellerin gerät mehr als einmal unfreiwillig in Gefahr und dient bereitwillig als Projektionsfläche für Angst und Schrecken. Bekannte Genre-Gesichter wie beispielsweise Franco Fantasia, Alberto Dalbés oder Eduardo Fajardo erledigen ihre Aufgaben zufriedenstellend und der Verlauf ist mit diesen Herrschaften quasi nur als eine Frage der Zeit angelegt, da man förmlich darauf wartet, dass sich die Reihen merklich lichten werden. Unabhängig von etwa vorhersehbaren Elementen des Verlaufs, gibt es neben den vielen schauderhaften Sequenzen als Obolus einen willkommenen Whodunit, sowie ein überzeugendes Finale. Francisco Lara Polops "Das Haus im Nebel" ist unterm Strich ein kurzweiliges Grusel-Vergnügen geworden, das über ganz großartig in Szene gesetzte Schreckensmomente verfügt, das einige dramaturgische Schwächen nicht zuletzt wegen der gebündelten Intensität relativieren kann. Überzeugend!


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: In der Gewalt der Riesenameisen (1977)
BeitragVerfasst: 10.02.2017 00:52 
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IN DER GEWALT DER RIESENAMEISEN

● EMPIRE OF THE ANTS / IN DER GEWALT DER RIESENAMEISEN (US|1977)
mit Joan Collins, Robert Lansing, John David Carson, Albert Salmi, Jacqueline Scott, Pamela Susan Shoop, Robert Pine, u.a.
eine Produktion der Cinema 77 | AIP | im Verleih der Constantin Film
ein Film von Bert I. Gordon


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»Ich schlage vor, ihr haltet alle die Klappe!«

Die Immobilienmaklerin Marilyn Fryser (Joan Collins) möchte in einem Sumpfgebiet in Florida ein Bauprojekt realisieren, für das sie auf der Suche nach ahnungslosen Geldgebern ist. Zuvor wurden von einem Schiff aus mehrere Fässer mit radioaktivem Müll ins Meer gekippt, die in diesem Gebiet stranden. Die auslaufende Flüssigkeit wird von Ameisen aufgenommen, die dadurch ein Vielfaches an Größe gewinnen. Marilyn und ihre Kundschaft werden von diesen aggressiven Mutationen aufgelauert, die die Anzahl der Gruppe in kürzester Zeit dezimieren. Mit einem Boot versucht man vor den Kreaturen zu fliehen und als trotz tödlicher Gefahren schließlich doch eine in der Nähe liegende Stadt erreicht wird, scheint die Gruppe in Sicherheit zu sein. Doch sie ahnen noch nicht, dass der Albtraum dort neue Formen annehmen wird...

Der amerikanische Regisseur Bert I. Gordon konnte in seiner langen Karriere mit etlichen B-Movies, unter Anderem aus dem Horror-Bereich aufwarten, und "In der Gewalt der Riesenameisen" reiht sich nahtlos in diese illustre Gesellschaft ein, was wenige Minuten nach Filmbeginn schon offensichtlich erkennbar wird. Eine Off-Stimme will eine potentiell gefährliche Ader der kleinen Insekten mit der kollektiven Intelligenz weismachen und wenn sie schließlich in den seltenen Genuss kommen, etwas Atom-Müll zu schlürfen, sollten sich amerikanische Immobilien-Touristen warm anziehen. Wenn einem nach kürzester Zeit diverse inszenatorische, sowie dramaturgische Ungereimtheiten ins Auge springen, ist man schnell geneigt, derartige Produktionen als trashy abzustempeln und sie bestenfalls auf ihren Unterhaltungswert zu reduzieren. Unter diesem Gesichtspunkt rechtfertigt sich jedoch auch dieser Mutationen-Horror von selbst und in Verbindung mit sehr einfachen Mitteln, die hin und wieder die geplante Wirkung erzielen können, den Zuschauer zu beunruhigen, ist es anfangs ein Leichtes, sich auf die absolut determinierte Handlung einzulassen. Natürlich sind hier keine Wunder zu erwarten, denn die großen Insekten krabbeln einem nicht strapaziös genug über die Nerven. Bis es tendenziell zum anvisierten Horror kommen kann, wird der Zuschauer mit stumpfsinnigen Dialogen und hauptsächlich uninteressanten Charakteren konfrontiert, bei denen die Trauer nicht gerade groß sein wird, wenn sie von den gierigen Hauptdarstellern attackiert werden. Die Storyline des Films ist überaus simpel und phasenweise ebenso langweilig und zäh ausgefallen, bis endlich die sagenhafte Tricktechnik zuschlagen darf. Hierbei handelt es sich um ganz einfache, zunächst sogar wirksame Szenen, die in häufig in subjektiven Einstellungen vonstatten gehen, sich interessanterweise also aus der Sicht der Ameisen selbst abspielen.

Im darstellerischen Bereich gibt es empfundenermaßen mehr Horror zu sehen, als von der Thematik ausgehend, denn es offenbaren sich erstaunlich schwache Leistungen von so gut wie allen Akteuren. Es mangelt an Ausdruck, Charisma und der Fähigkeit, den Zuschauer in Situationen der tödlichen Gefahr mitzureißen. Schließlich ist es beinahe egal, wen von ihnen die blutrünstigen Biester als nächsten in ihre Ameisen-Festung schleppen, um ihn der Königin zu dienen, wobei es eigentlich von vorne herein klar ist, wer diese Flucht nicht überleben wird. Vielleicht ist die Britin Joan Collins zu erwähnen, die ihren Part als Zugpferd obligatorisch andeutet, jedoch zu keinem Zeitpunkt ausspielt. Trotz Angst, Verfolgung, strömendem Regen und Flucht durch den Sumpf, sieht die aparte Dame hauptsächlich aus, wie aus dem Ei gepellt, aber Spitzfindigkeiten aller Art sollte man sich hier fairerweise sparen, denn der Film versucht erst gar nicht sich künstlich als etwas aufzuplustern, was er überhaupt nicht darstellen kann. Seine Momente zieht "In der Gewalt der Riesenameisen" eindeutig aus der teils beunruhigenden Akustik, die immer wieder gegen Phasen des Leerlaufs ankämpft, aber nach einer längeren Spielzeit schleicht sich leider die Eintönigkeit in das Szenario ein, da die Spezialeffekte immer nur aus wenig spektakulären bis billigen Rückprojektionen und Attrappen bestehen. Im Endeffekt ist leider nicht viel zu machen. Die Flucht vor diesen Riesenameisen gestaltet sich als eintönig, progredient langweilig und weitgehend vorhersehbar. Folglich bleibt die Hoffnung auf ein versöhnliches Finale, doch eher rattert man gedanklich doch noch einmal die inszenatorischen Patzer herunter, die hier ans Tageslicht gefördert wurden und für Erheiterung sorgen. Setzt man Bert I. Gordons Horror-Flick trotz allem keinen allzu kritischen oder gar harten Blicken aus, ist ein möglicher Spaß-Faktor nicht ausgeschlossen, der Trash-Faktor ist sogar garantiert.


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 Betreff des Beitrags: Das Rasthaus der grausamen Puppen (1967)
BeitragVerfasst: 12.02.2017 15:37 
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● DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN / LA LOCANDA DELLE BAMBOLE CRUDELI (D|I|1967)
mit Essy Persson, Karin Field, Erik Schumann, Margot Trooger, Helga Anders, Gabriella Giorgelli, Dominique Boschero,
Jane Tilden, Steve Savo, Angelica Ott, Balduin Baas, Joachim Teege, Rolf von Nauckhoff und Ellen Schwiers
eine Produktion der Lisa-Film | Bruno Ceria | im Constantin Filmverleih
ein Film von Rolf Olsen


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»Wie weit ist es denn noch zu diesem vergammelten Rasthaus?«

Bob Fishman (Erik Schumann) und seine Geliebte Betty Williams (Essy Persson) überfallen gemeinsam ein Juweliergeschäft, doch der Coup läuft schief und ein Polizist kommt dabei zu Tode. Betty, die den Namen ihres Komplizen verschweigt, wird wegen Raub mit Todesfolge zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis herrscht ein hartes und brutales Regiment, Betty schmiedet einen Fluchtplan der schließlich gelingt und sie flieht mit vier weiteren Insassinnen. Ihr Ziel ist der Aufenthaltsort ihres Freundes, der mittlerweile in einem unscheinbaren Rasthaus unter falschem Namen arbeitet. Dort muss sie jedoch erfahren, dass Bob sie fast schon vergessen hatte. Da die Ausbrecherinnen für die weitere Flucht an Geld kommen müssen, werden weitere Maßnahmen ergriffen. Doch es kommt zu unvorhergesehenen Komplikationen in dieser ungleichen Fünfer-Konstellation und eine Kettenreaktion aus Aggressionen, Hass, Gewalt und Mord nimmt ihren blutigen Verlauf. Wie weit werden die grausamen Puppen gehen...?

Ein offensichtlich schlecht geplanter Bruch fordert einen Toten und eine Kettenreaktion nimmt ihren Lauf, was Betty hinter Schwedische Gardinen bringt, nachdem ihr Komplize und Liebhaber das Weite gesucht hat. Eine Off-Stimme erklärt kurz und knapp die neue Situation der jungen Frau, die sich sich im Gefängnis zwischen allerhand Abschaum wiederfindet, zu dem sogar Teile des Personals zählen, doch auch sie gibt in Windeseile ihr reichlich vorhandenes, kriminelles Potential preis. Willkür, Gewaltbereitschaft und ein herrlicher Slang dominieren die kurze Anfangsphase im Knast, in dem sich die Hauptpersonen in eindeutiger Manier selbst vorstellen, wobei die Regie hier in nichts nachsteht. Rolf Olsen, Experte auf dem Gebiet derartiger Flicks, gibt gleich zu Beginn und in jeder Hinsicht ein rasantes Tempo vor, sodass sich die eigentlich determinierte Geschichte zur vollsten Zufriedenheit entfalten kann. Betty Williams, getrieben von dem Gedanken, ihren Geliebten endlich wiederzusehen, nutzt die Gunst der Stunde, um dieses kalte Gemäuer mit seinen unbarmherzigen, ausführenden Organen zu verlassen. Der Schlüssel zur Flucht ist die geheime Neigung der Anstaltsleiterin, Superintendant Nipple, und auch hier zeigt sich erneut das Leitmotiv Komplikationen, denn Betty muss die Dame mit lesbischem Appetit kaltstellen und gezwungenermaßen vier weitere Leidensgenossinnen mit sich nehmen. Der Verlauf fährt eine eindeutige Strategie und verliert keine unnötige Zeit, um immer mehr an Fahrt in die Katastrophe aufzunehmen, dabei immer angriffslustigere Tendenzen zu zeigen. Die fünf ungleichen Frauen bilden den Zündstoff, den der Film nötig hat. Zu viele unterschiedliche Motive treffen nun aufeinander, außerdem entwickelt sich ein regelrechter Revierkampf zwischen den beiden stärksten Frauen, damit der Zuschauer früh eine Ahnung davon bekommt, dass es jederzeit zu einer Explosion kommen könnte.

"Das Rasthaus der grausamen Puppen" entstand in deutsch-italienischer Co-Produktion, verfehlt jedoch hin und wieder die Intention, ein länderübergreifendes Flair zu vermitteln, wirkt daher ein bisschen zu typisch deutsch. Vielleicht manifestiert sich aber auch genau deswegen der Eindruck, dass man es mit einem der unbändigsten und extravagantesten Experimente dieser Zeit zu tun hat, sodass sich das Sehvergnügen bis ins Unendliche steigern kann, falls man nicht ähnliche Einstellungen vertritt, wie beispielsweise zeitgenössische Kritiken. Olsens Film will einfach ein Reißer sein, genau auf dieser Ebene ansprechen und unterhalten, braucht sich daher wegen seiner teils oberflächlichen und etwas plump konstruierten Handlungsstränge auch keineswegs zu verstecken. Gewalt, Aggressionen, verbale Attacken sowie eine gute Prise Erotik und sogar etwas Humor bilden hier den auf Hochtouren laufenden Motor. Im Rasthaus angekommen, werden weitere Strategien ausgearbeitet, doch wie es das Schicksal Olsen will, wird einfach nichts funktionieren. Eher nimmt das jeweilige Gegenteil Gestalt an. Whisky, Sex und Katastrophen liegen in der Luft, sodass sich gerade innerhalb der ausgelassenen Feierlaune ein Eklat anbahnen kann. Unterlegt mit Erwin Halletz' irrem Sound und dem passendem Titeltrack von Don Adams, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, sich dabei zu ertappen, mit Erik Schumann den Platz im Lotterbett tauschen zu wollen, um Karin Field zu bändigen, mit Dominique Boschero und Gabriella Giorgelli hautnah das Tanzbein zu schwingen, oder sich mit Essy Persson gut vollaufen zu lassen, vielleicht nebenbei auch noch Helga Anders aus den Klauen dieser impulsiven Damen befreien zu wollen. Was eigentlich damit gesagt sein soll, ist, dass der Film einfach nur irrsinnigen Spaß macht und in diesem Zusammenhang trägt die traumhafte Besetzung einen Löwenanteil dazu bei.

Die Riege präsentiert sich als überaus interessanter Mix aus Darstellern, die perfekt in das Olsen'sche Konzept passen und - wenn man so will - seriösen Interpreten, die erstaunliche Ausreißmanöver aus bekannten Strukturen anstrengen, was übliche Sehgewohnheiten ein bisschen auf den Kopf stellen möchte. Mit Essy Persson ist nicht nur ein tatkräftiges, sondern vor allem bereitwilliges Zugpferd vor dieses turbulente Treiben gespannt worden, die allen Anforderungen Genüge tut. Die Schwedin hat für die Geschichte eine Art Blitz-Metamorphose hinzulegen, wofür kurzerhand der harte Gefängnisaufenthalt verantwortlich gemacht wird. Offensichtlich vom Prinzip her mit genügend Gewaltbereitschaft und Gossenton ausgestattet, nimmt sie die zielstrebige Reise zum Rasthaus in die Hand und aus ihrer anfänglichen Naivität entsteht Unerbittlichkeit. In diese Verwandlung wirkt Jean negativ hinein, die quasi die unterste Schublade der fünf Damen vertritt und die bedeutendsten verbalen Kapriolen zum Besten geben darf. Karin Field überzeugt mit aggressiven Anwandlungen und viel Säbelrasseln, außerdem jongliert sie effektiv mit einer Waffe namens Sex-Appeal, sodass sich der Verlauf in Selbstläufer-Manier hochkochen kann. Betty und Jean stellen die fatale Mischung dar; zwei Frauen, für die die Welt gemeinsam zu klein ist. Ob beim Tauziehen um Bob, kratzbürstigen Gebärden, oder stutenbissigen Anfällen; die beiden würden sich am liebsten zuerst die Augen auskratzen, bevor sie sich gegenseitig den Hals umdrehen. Dieser blanke Hass treibt die Geschichte schnell voran, auch wenn sich Pest und Cholera immer wieder arrangieren werden. Einfach großartig, die beiden! Ein besonderes Vergnügen für alle Karin-Field-Fans ist es außerdem, dass sie hier in einer tragenden und wohl umfangreichsten Rollen zu sehen ist, die definitiv in Erinnerung bleibt.

Das Trio Helga Anders, Gabriella Giorgelli und Dominique Boschero wirkt neben so viel exponiertem Augenmerk bezüglich der Konkurrentinnen leider nur wie hochwertige Staffage, allerdings darf man nicht vergessen, dass von den fünf Puppen als geballte Ladung natürlich noch mehr Gefahr ausgeht und sie sich durch unterschiedliche Charaktereigenschaften voneinander abzugrenzen wissen. Die kaum 20jährige Helga Anders als Linda weckt Beschützerinstinkte, stellt eine potentielle Ende-gut-alles-Gut-Möglichkeit zumindest in Aussicht, wirkt als konträr angelegter Part dem Tenor und dem Agieren der Anderen allerdings ziemlich untergeordnet. Dennoch bleibt unterm Strich das was zählt, nämlich Anders' überaus auffällige, augenschmeichlerische Qualitäten. In diesem Zusammenhang sind selbstverständlich auch die exotischen Schönheiten Dominique Boschero und Gabriella Giorgelli zu erwähnen, die für spekulativen Sex untereinander eingespannt wurden und genau wie Linda nicht ganz so unmenschlich wirken, wie die Aggressionsherde Betty und Jean. Bei dieser geballten Ladung Frauen-Power hat es der Mann naturgemäß nicht leicht, sich zu behaupten, doch Erik Schumann stellt sich der Anforderung unbeirrbar und überzeugend. Bob ist ein gewöhnlicher Krimineller, der es sich gerne auf Kosten von anderen gemütlich macht und unliebsame Entscheidungen am liebsten auf unbestimmte Zeit verschiebt. Seine Geliebte, die für ihn ins Gefängnis wandern musste, hat er offenbar schnell vergessen können und mit der Verbundenheit scheint es ohnehin schlecht zu stehen, da er sich bei der erstbesten Gelegenheit von Jean flachlegen lässt. Um schließlich aus dem abgelegenen Sumpf der Bedeutungslosigkeit herauszukommen, schmiedet das Sextett einen Plan, um mittels einer Entführung an genügend Geld für die anvisierte Flucht zu kommen.

Bei genauer Betrachtung wirkt dies alles natürlich ziemlich konstruiert, aber äußerst unterhaltsam, was schlussendlich viel wichtiger ist. Viele weitere Interpreten tauchen im Szenario in Etappen auf, so beispielsweise die Österreicherin Jane Tilden und Balduin Baas, die für den etwas derben Humor eingespannt wurden. Ob es nötig war oder nicht, muss jeder wohl selbst entscheiden, doch insgesamt wäre "Das Rasthaus der grausamen Puppen" auch ohne diese auflockernden Versuche ausgekommen. Erwähnenswert sind die Darbietungen zweier großer Damen des deutschen Films, nämlich Margot Trooger und Ellen Schwiers. Trooger hatte im Lauf ihrer Karriere immer wieder einige unkonventionelle Ausflüge in unterschiedliche Genres zu bieten gehabt, doch diese Rolle wirkt in ihrem Schaffensbereich nahezu unwirklich. Wie üblich profitiert die Geschichte von ihrer bloßen Präsenz und ihrer unvergleichlichen Gabe, sich einerseits den Gegebenheiten anzupassen, um sie andererseits übermächtig zu prägen. Ihre schauspielerische Dominanz findet hier im Sinne der Geschichte einen eher vagen Abruf, jedoch ist es immer als pures Vergnügen zu bezeichnen, ihre leichtfüßige Nonchalance miterleben zu können. Zu Beginn des Films kann Ellen Schwiers als Aufseherin Nipple für Furore sorgen, die zwar hinlänglich mit dem Interpretieren von verschlagenen und hinterlistig wirkenden Charakteren vertraut war, jedoch hier vollkommen ungewöhnliche Register ziehen darf. Unterschwellig brutal, offensiv sadistisch und versehen mit einer Veranlagung, die in einem Frauengefängnis, das auch noch unter ihrer Leitung funktioniert, geradezu fatal ist. Zumindest nur eigentlich, denn zu leiden haben im Regelfall die anderen. Ellen Schwiers, die mit einer ansprechenden Synchron-Performance von Schauspielkollegin Eva Pflug versehen wurde, bleibt aufgrund ihres überaus zweifelhaften Rollen-Charakters in unzweifelhafter Erinnerung.

Was die Haupthandlung nicht zuletzt so interessant macht, sind die vielen Auswüchse im Bereich der Parallelhandlungen. So kommt man in den Genuss, viele unterschiedliche Personen kennenzulernen, die unfreiwillig in diesen Strudel der Gewalt hineingezogen werden, doch im Endeffekt sind ausschließlich nur Komplikationen an der Tagesordnung. Das sorgt für einen guten Erzählfluss und ein rasantes Tempo, nichts will nach Maß funktionieren und unterm Strich handelt es sich nur um unbesonnene Schnellschüsse, die niemanden der kriminellen Crew wirklich weiterbringen, der Story jedoch ihren vehementen Charme verleihen. Ganz der Route der Produktion entsprechend, sind schäbige Sets zu sehen, die eine schmuddelige Atmosphäre unterstreichen, die teilweise herrlichen Dialoge aus dem Gossenton-Duden tun ihr Übriges dazu. In "Das Rasthaus der grausamen Puppen" werden ungewöhnlich viele Beteiligte über die Klinge springen müssen, was im Klartext heißt, dass es sich um Leute handelt, bei denen man es unbedingt erwartet hat, aber gleichermaßen um solche, bei denen es überraschend wirkt. So wird man dem reißerischen deutschen Titel letztlich irgendwie gerecht und es macht sich immer gut, wenn Schockmomente über Sympathieträger und Protagonisten gesetzt werden. Dem Zuschauer ist spätestens beim Wiedersehen von Betty und Bob klar, dass man auf eine unausweichliche Katastrophe zusteuern wird, sodass sich ein unberechenbares Element innerhalb der Berechenbarkeit vollkommen entfalten kann. Rolf Olsens kleiner, dreckiger Geniestreich ist an Unterhaltungswert, bei dem es in diesem konkreten Fall sicherlich keine Verjährungsfrist gibt, nur schwer zu überbieten und der österreichische Regisseur zauberte mit offensichtlich wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln ein Unterhaltungsspektakel aus dem Hut, das sich in jeder Hinsicht sehen lassen kann, denn das Angenehme ist und bleibt, dass es keine Moral von der Geschicht gibt. Ein Knaller!


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Der Leichengießer (1971)
BeitragVerfasst: 05.03.2017 17:20 
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Mike Raven   Mary Maude   James Bolam   in

DER LEICHENGIESSER

● CRUCIBLE OF TERROR / DER LEICHENGIESSER (GB|1971)
mit Ronald Lacey, Melissa Stribling, John Arnatt, Betty Alberge, Judy Matheson, Beth Morris, Kenneth Keeling, Me Me Lay, u.a.
eine Glendale Produktion
ein Film von Ted Hooker


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»Niemand kann die Schönheit einer Flamme festhalten!«

Eine gestohlene Bronzestatue bringt eine tödliche Kettenreaktion in Gang. Michael Clare (Ronald Lacey), der die Skulptur und andere Kunstwerke von seinem Vater Victor (Mike Raven) gestohlen hat, um sie einer Kunstgalerie zu überlassen, war sich der aufkommenden Nachfrage nicht bewusst, sodass er mehr abliefern soll. John Davies (James Bolam) möchte sich einige Stücke für seine Kunstausstellungen ansehen und fährt mit seiner Freundin Millie (Mary Maude), Michael und dessen Frau zu dem abgelegenen Küstenabschnitt, in dem der exzentrische Künstler arbeitet. Wenige Zeit später wird ein Gast nach dem anderen ermordet und die Leichen verschwinden. Welches dunkle Geheimnis hütet Victor..?

Der vielversprechende deutsche Titel dieses 1971 entstandenen, wenig bekannten Films, hat das Potential, Freunde des Horrors richtig hellhörig werden zu lassen. In Szene gesetzt durch Ted Hooker, der mit "Der Leichengießer" seinen ersten und einzigen Film ablieferte, bekommt es der Zuschauer mit einem sehr dichten und beunruhigenden Sequenzen angereicherten B-Movie zu tun, das es durchaus wert ist, einmal einen Blick zu riskieren. Der Einstieg in die hoch interessante Geschichte geschieht rasant und sehr atmosphärisch, gibt außerdem unmissverständlich zu verstehen, dass Titel des Films samt Anti-Held nicht zu viel versprechen. In einer versteckten Gießerei werden bestialische Opfer für die Kunst gebracht und das Prinzip »Wer schön sein will, muss leiden« wird im wahrsten Sinne des Wortes hochgekocht. Der Meister verfügt über eine offensichtlich betäubte junge Frau und präpariert sie mit allem Nötigen, um sie für die Ewigkeit vorzubereiten und in Bronze festzuhalten. Man spürt förmlich die Hitze des Raumes, der in Rot und Orange schimmert, der kochend heiße Tiegel bewegt sich auf die mittlerweile in eine Form eingebettete Dame und das Ganze kann sich in der Ausarbeitung schon sehen lassen. Betrachtet man den Film als Einheit, setzt sich zwar das Low-Budget-Prinzip durch, aber dennoch bekommt man es wirklich mit einem ganz feinen Horror-Flick zu tun, der abwechslungsreich und irgendwie doch unkonventionell ist, obwohl ein ein gewisser Professor Bondi hier mehr als nur einmal gedanklich sein Unwesen treibt. Wie dem auch sei, das weitere Geschehen wirkt ziemlich überzeugend, vielleicht darf man sogar wider erwarten sagen. Vor allem die Personen-Konstellationen liefern einiges an Zündstoff und es werden viele der Herrschaften in blutiger Weise über die Klinge springen, wobei man beim Ausrangieren dieser Leute auf die breite Vielfalt und Durchschlagskraft von unterschiedlichsten Tatwaffen setzte.

Ein Blick auf die Besetzung offeriert nicht gerade eine A-Riege an Stars dieser Zeit, aber es kommt durchaus zu netten Überraschungen und überzeugenden Erlebnissen. Die Titelrolle bekleidet ein recht gut aufgelegter Mike Raven, der als Schauspieler allerdings nur in einem halben Dutzend Produktionen in Erscheinung treten sollte, sich aber in anderen Bereichen profilieren konnte. Von ihm geht ein gut strukturiertes Genie-und-Wahnsinns-Prinzip aus, er wirkt tendenziell schon sehr beunruhigend, vor allem wenn er jungen, attraktiven Damen nachsteigt, die für ihn Modell stehen, oder wahlweise liegen sollen. Die ins Szenario eingebrachte Vehemenz steht der Geschichte sehr gut, wenngleich die darstellerische Leistung vielleicht nicht in der Güteklasse A anzusiedeln ist. Aber von diesen Sphären sollte man sich in Ted Hookers kleinem aber feinem Film ohnehin frei machen, denn nur so kann es zu einem ungewöhnlich hoch gebündelten Unterhaltungswert kommen. Insgesamt präsentiert "Der Leichengießer" angemessene Leistungen von beispielsweise James Bolam, Ronald Lacey oder Melissa Stribling, besondere Darbietungen sind allerdings an anderer Stelle zu finden und zwar von Hauptdarstellerin Mary Maude und Judy Matheson, die gleichermaßen für Kontraste und Schärfe im wahrsten Sinne stehen. Ausgestattet mit beinahe unwirklicher Schönheit, die vom Eindruck her allerdings jeweils in unterschiedliche Richtungen verläuft, spielen die beiden Damen sehr stark auf. Als Millie ist Mary Maue zu sehen, möglicherweise in Erinnerung geblieben aus der Rolle der einschüchternd wirkenden Irène aus Narciso Ibáñez Serradors "Das Versteck", und es offenbart sich der Genuss einer ausgefeilten Performance für die Hauptrolle, in der Aura, Rollenschema und Präzision miteinander vereint sind. In dunklen Katakomben, engen Räumen oder der weitläufigen Küstenlandschaft wirkt die Britin mit den strahlenden Augen gespenstisch, zerbrechlich und anziehend zugleich.

Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Matheson vertritt sie eher die konservative Fraktion und fällt durch das Provozieren von Beschützerinstinkten auf, außerdem dem aufrecht Erhalten von moralischen Begriffen, die immer wieder von der Titelfigur unterwandert werden. Marcia hingegen agiert provokant und offensiv mit den Waffen der Frau und scheint es offensichtlich überhaupt nicht einzusehen, ihre Konstitution und Bereitschaft für Spaß zu verbergen. Überhaupt bekommt die Geschichte einen interessanten Schliff durch die sich aufbäumende Nebenhandlung, sodass Horror-Whodunit in überzeugender Manier das Regiment übernehmen kann. Der Kreis der Gäste im Haus dezimiert sich und dem Empfinden nach könnte jeder der wahnsinnige Killer sein, der seine Opfer blutrünstig und brutal ins Jenseits schickt. Ob mit einem Messer, Säure oder einem schweren Felsbrocken; wer die Bekanntschaft mit dem Phantom macht bleibt verstümmelt, aber vor allem tot zurück. Beide Handlungsstränge um die Morde und den "Leichengießer" münden im Finale in sehr raffinierter Art und Weise ineinander und es bleibt zu betonen, dass eine durchaus geistreiche Variation im Bereich des einschlägig bekannten Horrorfilms zu sehen ist, in dem sich der Gesetze des Genres ausgiebig bedient wurde, um dennoch alternative Akzente zu setzen. Nervenkitzel und Spannung sind somit ausgiebig vorhanden und im Endeffekt kann Hookers Werk von sich behaupten, dass es sich um einen richtig schönen Überraschungs-Coup handelt, der kurzweilig, unterhaltsam und teils strapaziös ausgefallen ist. Im Finale kommt der Zuschauer vielleicht in die Bredouille, des Rätsels Lösung erst einmal ordnen zu müssen, aber hier geht es definitiv nicht um Wahrscheinlichkeiten. Aufgrund einiger kruder, beziehungsweise beängstigend wirkender Personen, der hauptsächlich eindringlichen Bilder und einer absolut soliden Bearbeitung, bleibt ein positiver Gesamteindruck zurück, der die wenigen Schwächen radikal weg dividieren kann.


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 Betreff des Beitrags: Spuren auf dem Mond (1975)
BeitragVerfasst: 07.03.2017 19:31 
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Florinda Bolkan   in

SPUREN AUF DEM MOND

● LE ORME / SPUREN AUF DEM MOND (I|1975)
mit Peter McEnery, Ida Galli, Nicoletta Elmi, Caterina Boratto, John Karlsen, Rosita Torosh, Miriam Acevedo
Luigi Antonio Guerra, Feridun Çölgeçen, Franco Mango, Esmeralda Ruspoli sowie Klaus Kinski und Lila Kedrova
eine Produktion der Cinemarte
ein Film von Luigi Bazzoni


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»Ich bin noch niemals hier gewesen. Niemals!«

Die Übersetzerin Alice (Florinda Bolkan) wacht eines Morgens auf und beginnt ihren Tag ganz normal mit der Arbeit. Wenig später stellt sich jedoch heraus, dass sie einen Abgabetermin versäumt und sich vor Tagen unentschuldigt vom Arbeitsplatz entfernt hat. Alice ist vollkommen verwirrt, aber es scheinen tatsächlich 72 Stunden aus ihrem Gedächtnis gelöscht zu sein. Das einzige, woran sie sich erinnern kann, ist ein bizarrer Traum über einen zurückgelassenen Mann in einer Raumstation auf dem Mond. Merkwürdige Anhaltspunkte zeigen sich im Tagesverlauf, so auch eine Postkarte eines Hotels auf Garma, wo sie schließlich kurzentschlossen hinreist. Zu ihrer Verwirrung wird sie dort von mehreren ihr unbekannten Personen als eine Frau namens Nicole identifiziert, die angeblich vor mehreren Tagen dort gewesen sei...

»Das Experiment hat begonnen!« Als dieser frühe Satz fällt, hört es sich zunächst so an, als sei er lediglich auf die Handlung und die damit verbundenen Personen in "Spuren auf dem Mond" bezogen. Interessanterweise stellt sich im weiteren Verlauf jedoch heraus, dass es sich um eine ultimative Ankündigung, vielleicht sogar eine regelrechte Kampfansage für den Zuschauer handelt. Luigi Bazzoni macht alles, was zu seinem Film gehört, zum Gegenstand eines Experiments, was sich zweifellos auch auf diejenigen übertragen lässt, die damit beschäftigt sind, diesen komplexen, verwirrenden, aber gleichermaßen hoch interessanten Beitrag zu ordnen. Die Frage nach Ursache und Wirkung dominiert das Geschehen, auch der ständige Impuls, entschlüsseln, verstehen und deuten zu wollen, erweist sich als Basis für dieses so unerhört elegant wirkende Mosaik, dessen Zusammensetzung dem Empfinden nach manchmal fast über die Grenzen des Machbaren hinausgeht. Die zentrale Figur des Geschehens ist die Simultandolmetscherin Alice Cespi, die den Verlauf unausweichlich dominieren wird. Als sie eines Morgens aufwacht, stellt sich nach und nach heraus, dass ihr unerklärlicherweise drei komplette Tage in der Erinnerung fehlen, die plötzlich aus ihrem Gedächtnis gelöscht sind. Vom Eindruck her hat man es mit einer gefasst wirkenden, pragmatisch veranlagten Frau zu tun, doch es werden Personen ihres Umfeldes sein, die andere Facetten reflektieren. Ob Arbeitskollegin, Vorgesetzte oder eine Freundin - das Bild fängt an zu bröckeln. So soll Alice während einer Übersetzung ohne Angabe von Gründen fluchtartig den Arbeitsplatz verlassen haben. Auch ihre eigenen Aussagen zeichnen eine Person mit massiven Versagensängsten, die sich in erster Linie mit ihrer Tätigkeit als Kabinendolmetscherin in Verbindung bringen lässt, die eine hohe physische und psychische Belastung darstellt.

Der Fachterminus Décalage, der aus dem Bereich des Simultandolmetschens stammt, lässt sich spielend auf ihren Alltag und die jetzige Situation übertragen. Gemeint sind die Verschiebungen in ihrer eigenen Realität, die Diskrepanz zwischen Illusion und Wirklichkeit, die Unterschiede in der Eigen- und Fremdwahrnehmung, sowie die Differenzen im Rahmen ihrer mentalen Verfassung. Es fällt schließlich der Begriff »Perfektionsbesessenheit«, der bei dem Blick auf diese Frau möglicherweise einen bevorstehenden Kollaps impliziert. Oder ist es längst schon so weit gewesen? Kippt Alice schlicht und einfach unter den hohen Anforderungen einer unerbittlichen Gesellschaft um? Ist sie möglicherweise ein Opfer ihrer selbst? Die Geschichte verweigert hierzu sämtliche Erklärungen und ein ausladender Verlauf schildert den mühsamen Aufschluss dieser rätselhaften Angelegenheit, der dem Zusammentragen eines Scherbenhaufens gleichkommt. Beim Ordnen der Lage bleibt die Erinnerung an die im Vorspann gezeigten Bilder vom Mond, die so vollkommen konträr zur sich aufbauenden Handlung stehen. Als die Protagonistin im Gespräch mit einer Kollegin selbst die gedankliche Brücke zu diesen Eindrücken und dem Titel von Luigi Bazzonis Film schlägt, wird man hellhörig und ist an jeder kleinsten Information interessiert. Irritiert nimmt man die Erklärungen über einen Film zur Kenntnis, den Alice vor vielen Jahren gesehen hatte und der den Titel "Spuren auf dem Mond" trug. Dieser soll nach eigenen Angaben so strapaziös und beängstigend gewesen sein, dass sie ihn seinerzeit nicht durchstehen konnte, doch mittlerweile sind diese Bruchstücke der Erinnerung wieder Gegenstand ihrer Träume. Für den Moment sind die außerirdischen Szenen damit zwar noch nicht erklärt, aber zumindest gerechtfertigt und es baut sich eine massive Getriebenheit von Alice auf, die die aufklärende Funktion selbst in die Hand nehmen wird.

Das Szenario geht ein interessantes Wechselspiel mit Florinda Bolkan ein. Einerseits dominiert die Brasilianerin das Geschehen sehr intensiv, um im Wechsel jedoch von den Rahmenbedingungen dominiert zu werden. Diese Maßnahme erweist sich immer mehr als treibende Kraft, denn Zweifel werden geschürt, um sie unmittelbar im Anschluss wieder zu verwerfen, bis sie in mehrfacher Potenz wieder auftauchen können. Dem Zuschauer ist unklar, ob man den Augen von Alice trauen kann, ob man ihre Gedanken und Recherchen für bare Münze nehmen sollte, ob sie Opfer eines doppelten Spiels wurde, oder ob sie einfach nur Schimären nachjagt. Je konsequenter die verwirrenden Elemente aufgebäumt werden, desto fraglicher wird die Plausibilität des Ganzen. Betrachtet man die Mitte 30jährige Frau, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Folgen ihres unzumutbaren Lebenswandels handelt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es sich um einen klassischen Fall eines ausschweifenden Lebens handelt; eher das Gegenteil ist der Fall. Die Aufopferung für den Beruf brennt die ohnehin angeschlagene Frau aus. Kontakte, Gespräche und Alltag scheinen ausschließlich nur noch mit der Arbeit zu tun zu haben. Schlafstörungen und Erschöpfungszustände lassen Tablettenkonsum folgen, der allerdings nur darauf angelegt ist, die temporären Symptome zu kaschieren. Alice ist einsam und wirkt dementsprechend isoliert. In jeder Szene, in der sie vor einem Spiegel steht, kommt es zu deutlichen Gewissheiten. Sie schaut sich nicht an, sondern sieht durch sich durch und nicht das, was mit ihr passiert. Immer wieder schießen die Fragmente ihres Alptraums ein, die eine Art Kontrollzentrum und die mysteriösen Szenen vom Mond zeigen. Nach dieser auffällig intensiven Vorstellung der Hauptperson werden weitere Schritte von der Regie eingeleitet, die die Geschichte beinahe behutsam vorantreiben.

Eher beiläufig tauchen mehrere Indizien für die Eigenartigkeit der Situation auf, die allerdings nur aufgrund der Verwunderung von Alice ins Gewicht fallen. Ein verschwundener Ohrring, die zerrissene Postkarte eines Hotels, ein nicht zu identifizierendes gelbes Kleid mit Blutflecken darauf oder anonyme Anrufe, bis hin zu der unerklärlichen Tatsache, dass sie das Datum nicht weiß und ihr ganz offensichtlich 72 Stunden im Gedächtnis fehlen. Ein oberflächlicher Blick durch Alices Wohnung zeigt, dass sie offenbar recht gut situiert ist, dass es ihr materiell an nichts zu fehlen scheint. Dennoch wirkt die mittlerweile beunruhigte Frau unglücklich und mental ausgebrannt. Florinda Bolkan hat in Luigi Bazzonis Film sozusagen die darstellerischen Hoheitsrechte, denn keine Rolle kann ihr vom Umfang, aber auch von der präzisen Zeichnung her das Wasser reichen. Sie verbindet eine eigenartige Ruhe mit verborgener Hysterie, die ihre greifbaren Spitzen immer nur in Momenten der absoluten Verwirrung oder Verzweiflung erfährt. Ihr subtiles, abwartendes, beinahe hinhaltendes Schauspiel tut höchsten Ansprüchen Genüge, eben genau denjenigen, die der Film sich offenbar selbst gesetzt hat. Bolkan gewährt wenige Momente der Transparenz. Obwohl man als Zuschauer ihre zeitlich sehr begrenzte Amnesie teilen muss, fällt es aufgrund des hohen Distanzaufbaus ihrerseits entsprechend schwer, sich mit dieser Dame zu solidarisieren, auch wenn man in vielerlei Hinsicht dazu gezwungen wird. Florinda Bolkans hochklassige Leistung veredelt den Film in einer Weise, die absolut notwendig für das Funktionieren dieser Geschichte ist. Man folgt ihr zwar, aber nur unter Vorbehalten, man möchte ihr glauben, doch es ist kaum zu ignorieren, dass diffuse Zweifel an ihrer dramaturgischen Integrität bestehen. Eine hoch komplexe Anlegung der Rolle und die hervorragende Lösung dieser schwierigen Anforderung lassen einen jedoch buchstäblich den Hut vor ihr ziehen.

Da immer mehr Bruchstücke der Erinnerung auftauchen, begibt sich Alice auf eine Reise nach Garma und dies geschieht mit einer Zielstrebigkeit, die etwa vergleichbar mit der Anziehungskraft des Erdtrabanten auf Mondsüchtige ist. Dem Zuschauer und der Protagonistin ist klar, dass es sich um keinen Erholungsurlaub handeln wird. Zur allgemeinen Verwunderung scheint man die Frau dort tatsächlich zu kennen, doch eigenartigerweise wird sie von allen als Nicole identifiziert. Der Startschuss ist gegeben; immer mehr Bruchstücke der Erinnerung kehren zurück und die Aufarbeitung des unbekannten Elements, das auch gleichzeitig für Unbehagen, Gefahr und Angst steht, nimmt unberechenbare Züge an. Alices Albtraum reist in Form des Prototypen für beängstigende Eindrücke in persona von Klaus Kinski als Professor Blackmann mit, der die Intensität seines Auftritts im Rahmen kurzer Szenen bis ins Unerträgliche bündeln kann. Diese einschießenden Bilder in Schwarzweiß zeigen das Phantom mit Gesicht in demonstrativer Bedrohlichkeit. Er gibt stakkatoartige Anweisungen und Kinski delegiert ein im Dunkeln liegendes Element äußerst eindringlich, sodass ein großartiger Gesamteindruck zurückbleibt und er folglich permanent wie ein stahlblauer Schatten über der Protagonistin schwebt. Ohnehin tauchen fast ausschließlich Charaktere auf, deren Verhalten und Beweggründe nicht zu ordnen sind. Die Hauptattraktion in diesem Zusammenhang ist Kinderstar Nicoletta Elmi, deren Aura in gewissen Szenen kaum zu ertragen ist. Auch sie spricht Alice mit dem Namen Nicole an und behauptet, dass sie bereits vor Tagen vor Ort gewesen sei, wie es etliche andere Personen übrigens auch tun. Dem Mädchen wird allerdings nachgesagt, dass sie eine Neigung für Fantasiegeschichten habe, was die Verwirrung wie eine Platte wirken lässt, die einen Sprung hat, da sie immer und immer wiederkehrt.

Auf Alice bezogen, baut sich dem Empfinden nach eine Doppelrolle auf, die allerdings jeweils keine wirkliche Identität herzugeben weiß. Zusätzlich wird eine Art Plausibilitätsprinzip permanent hergestellt, um es im selben Moment wieder zu unterwandern. Dieses Hin und her wirkt überaus zermürbend und stellt den Optimismus auf eine harte Probe, denn ein Zweifel wird ausgeräumt, damit der nächste wie ein giftiger Pilz aus dem Boden schießen kann. Die Geschichte beschäftigt den Zuschauer mit einer strapaziösen Mehrfachanforderung, die ihn im übertragenen Sinne mit Alice auf eine Stufe stellt. Auch sie ist momentan, aber vor allem angesichts der hohen Erwartungen ihres Berufs, permanent mit einer Vielzahl an unterschiedlichen und schnell hintereinander einschießenden Reizen konfrontiert, die ab einem gewissen Zeitpunkt in keine Struktur mehr zu bringen sind. Vollkommen konträr dazu steht jedoch die Inszenierung, die trotz allem linear, geordnet und strukturiert wirkt. Zudem irritiert sie mit einer unerklärlichen Ruhe, die dem Gesamtbild kaum entsprechen möchte. Versehen mit vielen, im Verborgenen liegenden Botschaften, bietet Luigi Bazzoni insgesamt Kognitionskino auf allerhöchstem Niveau an. Ein gutes, aber auch eines der vielen Beispiele ist das Bild eines Pfaus, den man in mehreren Einstellungen auf einem großen Bleiglasfenster zu sehen bekommt. Aufgrund der Symbolik Unsterblichkeit und Stolz, wartet man in diesem Setting förmlich auf des Rätsels Lösung oder sogar auf einen Showdown, der jedoch in weiser Voraussicht in erschreckender Fa­çon bis zum beeindruckenden Finale aufgespart wurde. "Spuren auf dem Mond" präsentiert sich insgesamt als formvollendetes Gesamtpaket, bei dem höchstens seine zu ausladende Strategie zu bemängeln wäre. Einen solch minutiös geplanten und durchgeführten Aufbau bekommt man sicherlich nicht alle Tage zu sehen.

Im Szenario kann es effektiv oder eher naturgemäß niemand anderen geben als Florinda Bolkan. Dennoch runden sehr gelungene Auftritte von Peter McEnery, mit dem man gleichermaßen Rätsel und Lösungen erleben wird; Ida Galli, die entsprechend ihres reservierten Profils agiert und Lila Kedrova in einer darstellerischen und hoch wirkungsvollen Präzisionsleistung, das Geschehen bemerkenswert professionell ab. Zwischen all dem sich aufbäumenden, leisen Chaos, schmeichelt die Kamera mit unheimlich schönen Bildkompositionen, stilechten Schauplätzen, begleitenden Details und hochwertigen Sets, die im Ganzen eine beeindruckende Eleganz verleihen. In diesem Zusammenhang fällt die besondere Struktur des Gezeigten auf, die sich auch durch hartnäckige Antagonisten wie beispielsweise psychologische Unruhe, den Rand der Verzweiflung oder getriebene Hektik nicht aufheben lässt. Bei Luigi Bazzonis "Spuren auf dem Mond" bleiben erlesene Eindrücke zurück, die den Zuschauer beschäftigen, in ihm nachwirken und ihn fordern, aber auch die Frage nach der eigentlichen Botschaft. Der Verlauf offeriert eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten, die das breite Spektrum der menschlichen Psyche hergibt. Traum und Trauma, Wahn und Realität, Sehnsucht und Abwehrmechanismen, Ursache und Wirkung, Beklemmung und Befreiung; die Liste ist lang. Da der Film sich auf alternativ angelegten und eher ungewöhnlichen Ebenen anbietet und so gut wie ganz auf zeitgemäßes Spektakel oder plakative Inhalte verzichtet, ist es wahrscheinlich, dass die über weite Strecken ruhige Gangart nicht jeden begeistern dürfte. Das Geheimnis des Erfolges liegt jedoch genau in dieser himmelschreienden Ruhe, unruhig machenden Diskretion und herauszögernden Strategie. Alles in Allem konnte "Le orme" einen exzellenten Eindruck hinterlassen; nicht zuletzt, weil ein Mysterium aufrecht erhalten wird.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Die schwarze Windmühle (1974)
BeitragVerfasst: 08.03.2017 23:15 
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Michael Caine   in

DIE SCHWARZE WINDMÜHLE

● THE BLACK WINDMILL / DIE SCHWARZE WINDMÜHLE (GB|US|1974)
mit Delphine Seyrig, Donald Pleasence, Clive Revill, John Vernon, Joss Ackland, Catherine von Schell und Janet Suzman
eine Produktion der Universal Pictures | im Verleih der Cinema International Corporation
ein Film von Don Siegel


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»Es ist widerlich, was dieser Job aus dir gemacht hat!«

Der Sohn des britischen Geheimagenten Major John Tarrant (Michael Caine) wird von rücksichtslosen Waffenhändlern entführt und verschleppt. Wenig später geht eine beinahe unlösbare Forderung ein und die Entführer drohen, den Jungen zu töten, falls die strengen Bedingungen nicht eingehalten werden. Tarrants Frau Alex (Janet Suzman) steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch, doch rauft sich zusammen, um ihrem Mann zu helfen, der einen gefährlichen Alleingang plant, zumal er feststellen musste, dass es Korruption und Verrat in den eigenen Reihen gibt. Die Zeit drängt und immer mehr Beteiligte werden liquidiert, doch es taucht ein entscheidender Hinweis auf, der John zu der sogenannten Schwarzen Windmühle führt...

Zwei Jungen spielen ausgelassen mit ihrem Modellflugzeug und um die Situation bestmöglich zu simulieren, findet dies alles auf einem alten Militärstützpunkt statt. Schnell eskaliert die Situation, als sie aufgegriffen und entführt werden. Don Siegels Entführungs-Thriller "Die schwarze Windmühle" schlägt somit einen schnellen Weg in Richtung Spannung ein, der wenige Augenblicke später seinen vorläufigen Höhepunkt in der Kunst der Pyrotechnik findet. Mitwisser dieser perfiden Aktion werden einfach ausrangiert, die Drahtzieher besitzen noch perfidere, beziehungsweise Engelsgesichter, um Kontraste innerhalb der Besetzung anzudeuten, die absolut traumhaft ist. Das Thema Kindesentführung wirkt stets so, als ob man einen Finger in eine Wunde legt, da es sich um eines der Verbrechen handelt, die am abscheulichsten und dementsprechend wenigsten nachvollziehbar sind. Das Ausspielen von völlig ungleichen Machtverhältnissen wirkt auch hier wie ein sich immer weiter zuziehender Strick, der die Betroffenen und Opfer im Würgegriff hält. Auffällig ist dennoch die manchmal gespenstische Ruhe des Szenarios und gewisser Personen, obwohl die Situation eigentlich laut aufschreien möchte. Kühle Köpfe und sachliche Überlegungen sind somit von den Charakteren, aber auch von der Regie gefragt, die hier überaus linear vorzugehen pflegt. Eine frühe Wendung sorgt für einen verwirrenden Paukenschlag und die Karten werden begrüßenswerterweise neu gemischt, sodass sich die Stärken des Films alleine schon aus der Strategie ergeben, Verdächtige zu liefern, die in wirklich allen Himmelsrichtungen und Gesellschaftsschichten zu finden sein könnten. Nach fortlaufender Zeit kommt einem der mysteriös klingende Titel des Films wieder ins Gedächtnis und wirft Fragen auf, ob es sich nur um ein Codewort handelt, oder möglicherweise tatsächlich um einen Ort des Grauens.

Um das Finden wichtiger Antworten zu gewährleisten, wird die Geschichte von einem im Genre sehr erfahrenen Michael Caine getragen. Von seinen Agenten-Figuren geht stets ein besonderer Reiz aus, da er dem weltmännisch und in besonderem Maße aristokratisch wirkenden Briten ein überaus dichtes Profil zu geben weiß. Auch hier fallen schließlich seine pragmatische Art und sein kühler Kopf auf, die als wichtige Eigenschaften trotz tödlicher Gefahr im Vordergrund stehen. Janet Suzman bietet das Kontrastprogramm der verzweifelten Mutter an, deren Angst und Hysterie sehr greifbare Momente erfahren. Im Umfeld der Tarrants finden sich weitere namhafte Interpreten wie beispielsweise Donald Pleasence oder John Vernon, die beide durch präzise, beziehungsweise bestimmende Charakterzeichnungen auffallen. Ein nettes, kurzes, aber ebenso pikantes Wiedersehen gibt es mit der schönen Catherine von Schell und selbstverständlich der großartigen Delphine Seyrig, die die ganze Palette der Wandlungsfähigkeit erneut zu bestimmen versucht. Regisseur Don Siegel nimmt sich den Luxus von Zeit, die ironischerweise in seinem Film davonzulaufen droht. Im Rahmen eines Zeitdiktats entstehen sehr gute Momente, doch letztlich hätte der Verlauf hier und da forciert werden müssen. Action ist verhältnismäßig wenig zu sehen, zugunsten der Konzentrierung auf ausladende Dialoge und breit angelegte Vorstellungen der Charaktere. Ein satter Showdown und etliche gute Ideen, die man auf dem Weg dorthin vermittelt bekommt, sorgen für einen guten Gesamteindruck, ohne allerdings den ganz großen Wurf zu präsentieren. Die Stärken entstehen letztlich aus der Besonnenheit der Inszenierung, die Eleganz, Flair und genügend britisches Zeitkolorit zu vermitteln weiß. Abgerundet durch hervorragende Schauspieler, wirkt "Die schwarze Windmühle" ebenso frisch wie bestimmend, vor allem aber sehenswert aufgrund seiner hohen Qualitätsansprüche.


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 Betreff des Beitrags: Cagliostro - Im Schatten des Todes (1975)
BeitragVerfasst: 15.03.2017 20:32 
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Bekim Fehmiu   in

CAGLIOSTRO - IM SCHATTEN DES TODES

● CAGLIOSTRO / CAGLIOSTRO - IM SCHATTEN DES TODES (I|1975)
mit Curd Jürgens, Ida Galli, Anna Orso, Luigi Pistilli, Adolfo Lastretti, Rosanna Schiaffino, Robert Alda und Massimo Girotti
eine Produktion der Puttignani
ein Film von Daniele Pettinari


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»Ihr werdet beschuldigt, ein Ketzer zu sein!«

Der italienische Graf Alessandro Cagliostro (Bekim Fehmiu) absolviert ein umfangreiches esoterisches Studium und tritt seitdem als mysteriöser Okkultist und Wunderheiler auf. Bei den einen ist er als Mann der übernatürlichen Kräfte anerkannt, bei anderen als Scharlatan verschrien. Cagliostro beschließt, mit seiner Frau Serafina (Ida Galli) durch Europa zu reisen, um die Armen und Kranken zu heilen. Außerdem ist er geheimes Mitglied einer Gruppe von Revolutionären, die bestimmten Bevölkerungsschichten zur Freiheit verhelfen will. Dies sorgt für breite Unruhe bei Obrigkeit, Feudaladel und Kirche, die über weitere Schritte beraten und somit planen der Papst und Monarchen die Liquidierung des unbequemen Quertreibers...

Großes Thema - großer Film? Beim Blick in die Filmografie des italienischen Gelegenheitsregisseurs Daniele Pettinari offenbart sich schnell, dass es sich bei "Cagliostro - Im Schatten des Todes" um sein cineastisches Debüt handelt und er sich drei Jahre später nur noch für einen weiteren Film verantwortlich zeigen sollte. Von Erfahrenheit kann also schon einmal keine Rede sein, sodass sich die interessanten Frage stellt, was Pettinari mit seiner Reise in die Vergangenheit alles herausschlagen kann; vor allem aber, wie er die prominenten Schauspieler führen wird. Der Film beginnt wie viele seiner Artgenossen mit schnellen Erläuterungen und noch schnelleren Abhandlungen der historischen Thematik und Rahmenbedingungen, die gewisse Erweiterungen, Deutungen oder Aussparungen erfahren. Durch die weitgehend gute Ausstattung, die überzeugenden Charaktere und atmosphärischen Schauplätze, entstehen die Momente, die der Film nötig hat. Wobei es sich tatsächlich verhält, dass man gerade die Spannung wesentlich mehr auf die Spitze hätte treiben können. Empfundenermaßen stellen sich also zu ausladende Phasen ein, die einem Leerlauf in schönen Bildern gleich kommen. Verrat, konspirative Machenschaften und Mord liegen zwar permanent in der Luft, doch Ventile entladen sich einfach zu selten. Die schwache Synchronisation setzt dem Verlauf stark zu und driftet nur allzu häufig ins Oberflächliche, beziehungsweise Bemühte ab, allerdings kann die Musik von Manuel De Sica für die vielen zähen Sequenzen entschädigen. Im Endeffekt lebt "Cagliostro" hauptsächlich von seinen Darstellern und deren präzisen Leistungen, die Akzente setzen, Kontraste bilden und für Aufmerksamkeit sorgen werden, was allerdings nicht heißt, dass die auftauchenden Schwächen vollends weggebügelt werden können. Dennoch ist die schauspielerische Prominenz mehr als beachtlich und ausgewogen.

Bekim Fehmiu zeichnet die Haupt- und Titelrolle sehr angemessen. Genie oder Scharlatan? Die Regie lässt insgesamt weniger Zweifel an Graf Cagliostro aufkommen, als es die geschichtlichen Überlieferungen vielleicht tun, jedoch zeigen sich in diesem Zusammenhang einige sehr intensiv angelegte Szenen, die Fehmiu alleine schon wegen seiner Entschlossenheit, der analytischen, beinahe stechenden Blicke und unerschütterlichen Ruhe aufkommen lässt. Zum mysteriösen Gesamtbild trägt Ida Gallis Darstellung der Gräfin Serafina bei, die eine nahezu mechanische Performance zum Besten gibt und sich in jeder noch so gefährlichen Situation vollkommen im Griff hat. Von Curd Jürgens geht als Kardinal Braschi die gewohnte Dominanz aus. Seine körperlichen Gebrechen hindern den Vertreter des Klerus nicht daran, rücksichtslose Machtkämpfe zu inszenieren, wobei leider betont werden muss, dass man sich gerade in diesem Zusammenhang mehr Brisanz von der Geschichte gewünscht hätte. Prominente Beihilfe leisten des Weiteren beispielsweise Anna Orso als Königin Marie Antoinette, Luigi Pistilli als Kardinal de Rohan, Robert Alda als Papst Clemens XIII. oder Massimo Girotti als Giacomo Casanova. Wunderheilungen, Hohn und Spott, Machtkämpfe sowie die unerbittlichen Machenschaften der Kirche dominieren den Verlauf nachhaltig und insgesamt präsentiert Daniele Pettinari eine gute Mischung zwischen Unterhaltung und Klassik. Vom großen Wurf ist "Cagliostro" allerdings ziemlich weit entfernt, da sich auch zähe Phasen einschleichen und man insbesondere im Kreise der Personen diffuse Zusammenhänge geboten bekommt. Aufgrund der angemessenen Sets, der überdurchschnittlich hohen Dichte an Stars und des zeitweise höher betriebenen Aufwands, ist diese Reise durch die Vergangenheit wohl einen Blick wert, wenngleich das ganze Spektakel in vielen Bereichen einfach zu langatmig und vage ausgefallen ist.


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 Betreff des Beitrags: Django - Die Nacht der langen Messer (1970)
BeitragVerfasst: 21.03.2017 20:38 
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DJANGO -
DIE NACHT DER LANGEN MESSER


● CIAKMULL - L'UOMO DELLA VENDETTA / DJANGO - DIE NACHT DER LANGEN MESSER (I|1970)
mit Leonard Mann, Woody Strode, Peter Martell, George Eastman, Helmuth Schneider, Lucio Rosato und Ida Galli
eine Produktion der B.R.C. Produzione S.r.l. | Produzioni Atlas Consorziate | im Constantin Filmverleih
ein Film von Enzo Barboni


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»Du kannst nicht ewig in der Vergangenheit leben!«

Die Brandstiftung in einer Irrenanstalt und dem Gefängnis soll von einem Banküberfall ablenken. Viele der Insassen kommen ums Leben, doch vier von ihnen können den Flammen entkommen; unter ihnen auch Django (Leonard Mann). Gemeinsam ziehen sie von jetzt an weiter, um Licht ins Dunkel von Djangos Vergangenheit zu bringen, der an einer Amnesie leidet und sich an keinerlei Einzelheiten erinnern kann. Die vier Männer landen in einem unscheinbaren Nest, wo ihm ein Mann namens Tom (Lucio Rosato) einredet, Djangos Bruder zu sein. Durch Lügen und Tricks will er ihn schließlich dazu bringen, John Caldwell (Helmuth Schneider), den größten Rivalen seines Vaters, ins Jenseits zu befördern. Doch hinter dieser Sache steckt ein perfides Komplott. Wird Django die Erinnerung wieder erlangen, bevor es zu spät ist..?

Der ehemalige Kameramann Enzo Barboni lieferte mit diesem 1970 entstandenen Italo-Western sein Spielfilmdebüt als Regisseur. Zunächst darf einmal gesagt werden, dass der aus werbestrategischen Gründen mit "Django" versehene deutsche Titel vielleicht weniger in die Irre führt, als dass er die Geschichten nicht recht auf den Punkt bringen will. Dem Empfinden nach bekam nahezu jeder dritte Genre-Beitrag seine Feuertaufe durch den namentlichen Zusatz und die jeweiligen Titelhelden wurden mit den Gesichtern von unterschiedlichen Darstellern versehen. In dieser Produktion übernimmt der aus Italien stammende Darsteller Leonard Mann diese Aufgabe, die er letztlich zu einer dankbaren machen kann. Elixier und gleichzeitig größte Stärke des Films ist die in Teilen unkonventionell wirkende und insgesamt sehr interessante Geschichte, die ihre Stärken nicht nur über die, für das Genre essentielle Konfrontation, sondern vor allem über einige Twists und im verborgenen liegende Elemente aufbauen kann. Der Einstieg beginnt mit dem Inferno in Anstalt und Knast hoch atmosphärisch und brandmarkt gleichzeitig die Bösewichte, sorgt aber auch dafür, dass sich der Zuschauer schnell mit den Sympathieträgern solidarisieren kann; vollkommen egal, ob es sich um jene handelt, deren Gedanken nicht mehr ganz auf allen vier Zylindern laufen, oder sie womöglich Verbrecher und Mörder sind. Die Suche nach der verloren gegangenen Identität und der verschwommenen Vergangenheit kann schließlich beginnen und wird ganz klassisch als Kollisionskurs aufgebaut. Bevor es zum Ort des für spätere Zeitpunkte geplanten Showdowns geht, nehmen die vier locker gezeichneten Helden noch einige Etappen, um sich weiter vorzustellen. Es werden hier und da ein wenig Action und nette Choreografien kredenzt, außerdem ist eine sehr eingängige, wenn auch ungewöhnlich heitere musikalische Untermalung von Riz Ortolani zu hören.

"Django - Die Nacht der langen Messer" verfügt über eine sehr ausgewogene Besetzung, die sich in jeder Beziehung als Bereicherung für den Verlauf herausstellt. In erster Linie ist natürlich die Titelrolle zu erwähnen, die schon alleine durch Leonard Manns optische Erscheinung funktioniert. Der markante Typ ohne Gedächtnis wird von ihm der Anforderung entsprechend gehemmt und misstrauisch im Umgang mit Fremden skizziert, zumindest zunächst. Die Leistung des Wahl-Amerikaners entwickelt sich zu einer prägnanten Vorstellung, bei der etliche Attribute eines Western-Helden präsentiert werden. Seine bereits drei Jahre andauernde Amnesie erweist sich nur sekundär als Schwäche, denn die Stärken entstehen im Rahmen der Konstellation, beziehungsweise seiner bunt zusammengewürfelten Gefolgschaft. Woody Strode, Peter Martell und George Eastman bedienen das Prinzip der Beihilfe in jeder Beziehung und durch sie kann der angeschlagene Held eher strahlen, bis es zu erwarteten Wendungen kommt. Die Darbietungen der drei Darsteller wirken überzeugend, wenngleich Peter Martell wohl den undankbarsten Part abbekommen hat. Stattliche Erscheinungsbilder, eine gute Portion Cleverness und Kaltschnäuzigkeit, aber auch Fingerspitzengefühl und das tendenzielle Hochhalten von Tugenden, lassen das Quartett zuschauerfreundlich und interessant genug erscheinen, um ihnen gerne auf ihrem Weg in die eigene Ungewissheit zu folgen. Überhaupt sind durchweg tatkräftige Akteure zu sehen und besonders der Auftritt des Deutschen Helmuth Schneider ist erfreulich, der sich in den 60er-Jahren in Rom niedergelassen hatte, denn er wirkt insgesamt sehr bestimmend und verbreitet Durchsetzungskraft und Vehemenz. Abgerundet durch den anmutigen Auftritt von Ida Galli, wird Enzo Barbonis Beitrag alleine durch seine Darsteller zu einer sehr abwechslungsreichen Angelegenheit.

Ein Großteil der Spannung wird über die Verstrickungen der Figuren untereinander und über die Frage aufgebaut, ob einige der Sympathieträger über die Klinge springen müssen. Von Anfang an wohnt man gefährlichen Etappen bei. Angefangen mit dem Brand im Gefängnis und der Irrenanstalt, bis sich das Quartett mit waschechten Kopfgeldjägern konfrontiert sieht, die die Entflohenen hetzen wie Beute. Am Zielort der Aufarbeitung angekommen, scheint des Weiteren jeder dafür prädestiniert zu sein, sich an dem perfiden Komplott gegen Django zu beteiligen, sodass der Eindruck vermittelt wird, es könne jederzeit eine mörderische Hand aus dem Nichts schnellen, oder ein Colt gezogen werden. Die Regie spart sich auflockernde Sequenzen nicht auf, die "Django - Die Nacht der langen Messer" eigentlich nicht nötig gehabt hätte, da eine angemessene Dramatik mitschwingt, die sich aber wohlgemerkt nur in Andeutungen zeigt. Hass und Missgunst bringt die Story einen entscheidenden Schritt weiter. Hier und da hätten sich ein paar mehr prägnante Rückblenden vielleicht ganz gut gemacht, doch der Aufbau der Geschichte ist zu jederzeit klar und verständlich, auch auf handwerklicher Ebene bewegt sich das Ganze über dem Durchschnitt. Der mit genügend Kugelhagel versehene Weg zum Finale birgt letztlich den größten Action-Anteil und wenn alles gelaufen ist, wirkt das Ende ein bisschen irritierend, da nicht unbedingt das geboten wird, was etwa zu erwarten gewesen wäre, doch schließlich passt die gewählte Variante sehr gut zum breit angelegten, trostlosen Gesamtbild. Unterm Strich lässt sich also betonen, dass Enzo Barbonis Beitrag recht überzeugend, kurzweilig und vor allem unterhaltsam geworden ist. Im Besonderen können die Figuren einen bleibenden Eindruck hinterlassen, die die ohnehin packende Geschichte tatkräftig in die gewünschten Bahnen lenken werden. Sehenswert!


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 Betreff des Beitrags: Rocco - Der Einzelgänger von Alamo (1967)
BeitragVerfasst: 25.03.2017 14:20 
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Antony Ghidra   Angelo Infanti   in

ROCCO - DER EINZELGÄNGER VON ALAMO

● CRUCIBLE OF TERROR / ROCCO - DER EINZELGÄNGER VON ALAMO (I|D|1967)
mit Ellen Schwiers, Monica Teuber, Mario Novelli, Hermann Nehlsen, Dante Maggio, Lanfranco Ceccarelli, u.a.
eine Produktion der Giano Film | Prodi Cinematografica | Tefi Film | Bosna Film | im Constantin Filmverleih
ein Film von Alfio Caltabiano


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»Ich pflege mit Leichen zu handeln«

El Bedoja (Alfio Caltabiano) und sein Bruder Chinchi (Mario Novelli) haben mit ihrer Bande einen Banküberfall verübt und sind mit der Beute auf der Flucht. Den gewaltbereiten Brüdern sitzen zwei Kopfgeldjäger namens Rocco (Dragomir Bojanić) und Nigros (Angelo Infanti) im Nacken. Die beiden ungleichen Männer werden jedoch von verschiedenen Motiven angetrieben. Wo es sich bei Rocco um einen persönlichen Rachefeldzug handelt, hat Nigros nur das ganz große Geld im Visier. Als sie El Bedoja und seine Bande aufgespürt haben, kommt es zu einem unerbittlichen Showdown. Wer der vier Männer wird sich durchsetzen können..?

Alfio Caltabiano gibt in "Rocco - Der Einzelgänger von Alamo" bereits nach kürzester Spielzeit zu verstehen, dass der Ruf, der diesem 1967 entstandenen Beitrag voraus eilt, absolut gerechtfertigt ist. Ein berüchtigtes Schlagwort heißt hierbei Brutalität, die an vielen Stellen ungewöhnlich hoch komprimiert ist und auf die Spitze getrieben wird. Die Geschichte erhält dadurch nicht nur ihre Würze, sondern bekommt gleichzeitig ein ordentliches Profil verliehen. Am Drehbuch waren der Regisseur selbst und Ernst Ritter von Theumer beteiligt, wobei weniger auf eine tiefschürfende Story wert gelegt wurde, als auf eindeutige, beziehungsweise wirksame Genre-Elemente, die hier für einen spannenden und recht abwechslungsreichen Verlauf sorgen. Vier Männer werden von unterschiedlichen Interessen angetrieben und die Konfrontation scheint absolut vorprogrammiert, da sie dem Empfinden nach durch ein Nadelöhr gezwängt wird. Die hohe Intensität, die aus der Geschichte hervorgeht, wird durch diesen Kurs kompromisslos voran getrieben und die vielen Reibungsflächen entladen sich in Gewaltspitzen, die sich durchaus sehen lassen können. Vom Prinzip her ist "Rocco - Der Einzelgänger von Alamo" natürlich recht vorhersehbar und auch konventionell ausgefallen, doch es zeigen sich immer wieder willkommene Stärken, die das Werk in ein nachhaltiges und positives Licht stellen können. Bei zahlreichen Co-Produktionen sind schon alleine wegen verschiedener Produktionsländer oder sehr charakteristischer Drehorte recht ungewöhnliche bis bemerkenswerte Allianzen zustande gekommen, und dieser Beitrag erhält sein Profil zunächst durch die Schauplätze im ehemaligen Jugoslawien, aber auch die bemerkenswerte Kamera-Arbeit sowie die hervorragend choreografierten Action-Sequenzen wie Prügeleien oder Schießereien.

Derartige, mit Spektakel aufgeladene Geschichten leben im besten Fall von charismatischen Typen und in diesem Zusammenhang lassen sich einige solide Darsteller ausfindig machen, die dem Geschehen ihre Stempel in einem gesunden Maß aufdrücken können. Der Serbe Dragomir Bojanić, hier als Anthony Ghidra unterwegs, stattet die Titelrolle mit genügend Schwung und sogar ein paar willkommenen Zwischentönen aus. Brisanz und ein wirkungsvoller Kollisionskurs sind aufgrund verschlagener Gegenspieler also unausweichlich und das Ensemble, das wechselseitig Gut oder Böse bedient, prägt den Verlauf sehr nachhaltig. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise adäquate Interpretationen von Angelo Infanti oder Mario Novelli zu nennen. Erwähnenswert ist außerdem der Auftritt von Ellen Schwiers, die gerade im Produktionsjahr 1967 mit diesem Beitrag und Rolf Olsens "Das Rasthaus der grausamen Puppen" zwei vollkommen ungewöhnliche Abstecher in unbekannte Territorien zu verzeichnen hat. Diese stehen vollkommen konträr zu ihren obligatorischen Einsatzgebieten, aber die Deutsche macht wie immer eine gute Figur. Durch die ungleiche, aber am Strang der Überzeugung ziehende Entourage ist schon einmal die halbe Miete für einen unterhaltsamen Film gegeben. Hinzu kommt ein auffällig destruktiver Tenor, welcher der Geschichte ein markantes Profil verleihen kann. Da die Suche nach Genre-Überfliegern ganz normal ist, soll betont sein, dass man hier in dieser Hinsicht nicht fündig wird, denn dafür ist Alfio Caltabianos Film etwas zu einheitlich ausgefallen und verfügt nicht über notwendige Finessen innerhalb der Dramaturgie. Nichtsdestotrotz kann "Rocco - Der Einzelgänger von Alamo" aber als gelungene Melange aus besonderen Sets, charakteristischer Ausstattung, besonderen Typen und einer soliden Umsetzung angesehen werden. Unterhaltungsmission erfüllt!


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 Betreff des Beitrags: ...und morgen fahrt ihr zur Hölle (1967)
BeitragVerfasst: 27.03.2017 18:54 
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Frederick Stafford   Daniela Bianchi   Curd Jürgens   John Ireland   in

...UND MORGEN FAHRT IHR ZUR HÖLLE

DALLE ARDENNE ALL'INFERNO / DE LA GLOIRE À L'ENFER / ...UND MORGEN FAHRT IHR ZUR HÖLLE (I|F|D|1967)
mit Michel Constantin, Helmuth Schneider, Howard Ross, Fajda Nicol, Anthony Dawson und Adolfo Celi
eine Produktion der Fida Cinematografica | Les Productions Jacques Roitfeld | Gloria | im Gloria Filmverleih
ein Film von Alberto De Martino


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»Für Sie gibt es keine Zukunft. Nur noch die Hölle!«

Den Soldaten der US-Army, Mortimer (Frederick Stafford) und Randall (Howard Ross), gelingt die Flucht aus einem deutschen Strafgefangenenlager in den besetzten Niederlanden. In Amsterdam wollen sie Mikrofilme und Diamanten in Millionenhöhe stehen, doch die Zeit drängt, da man sich kurz vor Ende des Krieges befindet und bereits alles vorbereitet wird, um das sinkende Schiff zu verlassen. Auf dem Weg zu den Zielobjekten paktieren sie mit dem einheimischen Widerstand, der unter der Führung des Partisanen Luc Rollman (Adolfo Celi) steht. Aufgrund eines dunklen Geheimnisses in der Vergangenheit von Kristina von Keist (Daniela Bianchi), deren Mann Edwin (Curd Jürgens) General bei der Wehrmacht ist, kann sie dazu bewegt werden, den Partisanen geheime Informationen über den Aufbewahrungsort der Diamanten zu beschaffen. Doch es wird auch an anderen Fronten gekämpft. SS-General Hassler (Helmuth Schneider) und General von Keist führen einen unerbittlichen, internen Machtkampf aus, der eine Katastrophe heraufzubeschwören droht...

Alberto De Martino kann als einer der Regisseure angesehen werden, die sich nahezu jedem Genre verpflichteten und mitunter beachtliche Arbeiten für das Gros des Unterhaltungskinos zustande brachten. Mit seinem starbesetzten Kriegsfilm "...und morgen fahrt ihr zur Hölle" aus dem Jahr 1967, blickt man auf einen spannenden und atmosphärisch dicht gestalteten Ausstattungsfilm, der neben dem Hauptthema viele unterschiedliche Inhalte aufgreift, somit einen breit gefächerten Abwechslungsreichtum innerhalb des naturgemäß bestehenden Kriegskorsetts anbietet. Der schnelle Einstieg schildert die gefährliche Flucht aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager in den Niederlanden sehr eindringlich und legt den Grundstein für Spannung, Action und Tempo, was den kompletten Verlauf bestimmen wird. In den gleichen Momenten stellen sich die Hauptpersonen jeder Seite praktischerweise selbst vor und gleichzeitig werden die unbequemsten Gegenspieler und rücksichtslosen Vertreter der Kriegsmaschinerie gebrandmarkt . De Martino legt im Rahmen der Konstellationen jedoch wert auf Differenzierungen, was insbesondere bei den Generälen Hassler und von Keist deutlich wird. Obwohl sie eigentlich auf der gleichen Seite operieren, präsentiert sich einerseits ein rücksichtsloser, aggressiver und bestialischer SS-Fanatiker des deutschen Gedanken, auf der anderen Seite blickt man auf einen resignierten Offizier, der weiß, dass das Ende nah ist und sich die Illusionen vom Endsieg nicht erfüllen werden. Alleine diese Konfrontation der gegensätzlichen Ideale bietet genügend Sprengstoff und es ist interessant zu sehen, wer sich tatsächlich auf einem Schleudersitz befindet. Die konspirativen Machenschaften von Flüchtigen und Partisanen wirken im frühen Stadium bereits so, als beschwören sie eine unausweichliche Katastrophe herauf, sodass es kaum zu Atempausen in der ausgewogenen Geschichte kommt.

Die sympathischen Helden dieses Manövers sind die flüchtigen Kriegsgefangenen Frederick Stafford und Howard Ross, die jederzeit von der tödlichen Gefahr eingeholt werden könnten, dementsprechend sehr authentisch agieren. Insbesondere der gebürtige Österreicher Stafford formt seine Figur sehr nachhaltig und stattet sie mit Cleverness, Charme und subtilem Humor aus, unterstützt außerdem bereitwillig eine vorprogrammierte Romanze, die sich mit der schönen Kristina von Keist, alias James-Bond-Darstellerin Daniela Bianchi anbahnt. Die Italienerin bereichert die Story nicht nur als Blickfang, sondern bietet ungewöhnlich feine Zwischentöne an, was ihrer Darbietung überdurchschnittlich viel Tiefe verleiht und in etlichen gleichartigen Filmen häufig zugunsten reißerischer Tendenzen weichen musste. Weitere Konturen bekommt die Geschichte durch Adolfo Celi, Michel Constantin oder John Ireland verliehen und diese globale Spiellaune lässt sich auch auf der Seite der Hauptakteure im Wehrmachts- und SS-Lager finden. Obwohl es gerade die Skizzierungen der deutschen Akteure in solchen Beiträgen sind, die Dichte und Glaubhaftigkeit miteinander vereinen und es ein großes Vergnügen ist, bestimmte Schauspieler zu sehen, darf vielleicht ein wenig kritisch angemerkt sein, dass der internationale Film gerade deutsche Stars gerne Klischee-Buchungen auferlegte, was in vielen Fällen verschwenderisch wirkt. Hier entwickelt sich die Verpflichtung von Curd Jürgens und Helmuth Schneider als regelrechter Coup, da sich die beiden Mimen gegenseitig mit hochklassigem Schauspiel übertrumpfen. Curd Jürgens thematisiert das, was viele der hohen SS-Offiziere nicht wahrhaben wollen: »Wir sind am Ende, wir haben den Krieg verloren!« Seine Resignation provoziert SS General Hassler, der sich direkt mit einer Vergeltungsmaßnahme am Anfang des Films vorgestellt hatte, indem er 30 holländische Zivilisten exekutieren ließ.

Permanent geraten die beiden Befehlshaber aneinander, denn von Keist billigt die kompromisslosen Methoden Hasslers nicht und wirft ihm vor, die Konfrontation nur voranzutreiben. Umgekehrt beschuldigt der SS-Offizier seinen Kollegen der Wehrmacht, er glaube nicht an die Idee und den Führer, sodass sich aus einem halbwegs kultivierten Umgang blinder Hass entwickelt. Starke Momente offenbaren sich generell in der darstellerischen Interaktion, die von hohen, gegenseitigen Widerständen bis deutlichen Annäherungen alles zu bieten hat. Für Dramatik sorgt schließlich eine hohe Anzahl von Opfern, insbesondere in der Riege der Sympathieträger, aber auch das Liquidieren der vielen unschuldigen Namenlosen kreiert eine zusätzlich bedrückende Atmosphäre. Die Dramaturgie an sich wirkt schlussendlich nicht außergewöhnlich, doch am wichtigsten ist, dass sie das Potential zum Mitfiebern bereitstellt. Sachliche Klänge von Ennio Morricone und Bruno Nicolai charakterisieren die vielen Gesichter des Krieges und veredeln jeden Moment mir passenden Arrangements. Auch auflockernde Töne spart sich das Szenario nicht auf, die sich jedoch alleine dadurch rechtfertigen, dass sie die ernste Thematik nicht aufweichen, sondern ein paar willkommene Hoffnungsschimmer aufweisen. Bemerkenswert ist die gute Ausstattung, insbesondere in Form von schwerem Kriegsgerät und pyrotechnischer Action, alles wirkt in diesem Zusammenhang authentisch und alles andere als sparsam aufgefahren. Insgesamt gesehen ist "...und morgen fahrt ihr zur Hölle" ein sehenswerter Kriegsfilm geworden, bei dem viel Aufwand betrieben wurde und dessen Inhalte nie zu kopflastig in eine Richtung gehen. Versehen mit einer sorgsam konstruierten Haupt- und Nebenhandlung und genügend Entfaltungsmöglichkeiten für die Charaktere, vergehen diese teils schweren, etwa 100 Minuten wie im Flug. Als Fazit darf also betont werden, dass man es mit einer der besseren Abhandlungen des Genres zu tun bekommt.


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 Betreff des Beitrags: Die Nichten der Frau Oberst (1968)
BeitragVerfasst: 28.03.2017 20:20 
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Heidrun Hankammer   Kai Fischer   Tamara Baroni   in

DIE NICHTEN DER FRAU OBERST

● IM GARTEN DER LUST / DIE NICHTEN DER FRAU OBERST / LE NIPOTI DELLA COLONNELLA (CH|D|I|1968)
mit Britt Lindberg, Claus Tinney, Michael Maien, Heiner Hitz, Giuseppe Cardillo, Peter Capra und Elfriede Volker
eine Produktion der Urania | Cinematografica Associati | im Avis Filmverleih
ein Film von Erwin C. Dietrich


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»Nach Ansicht meiner Tante werden wir Mann und Frau!«

Die verwitwete Frau Oberst (Kai Fischer) genießt das Landleben, aber nicht etwa, weil ihr Interesse der Ruhe und Abgeschiedenheit gilt, sondern sie sich ungeniert allen Sinnesfreuden und amourösen Kapriolen hingeben kann. Ihre Liebhaber sind zahlreich und jung, doch eines Tages fasst sie den Entschluss, ihre Nichten Julia (Heidrun Hankammer) und Florentine (Tamara Baroni) unter die Haube zu bringen, da sie ihrer Ansicht nach noch zu sehr mit sich selbst beschäftigen und nicht wissen, was sie mit ihrer außergewöhnlichen Attraktivität eigentlich anfangen könnten. Schließlich kommt der einfallsreichen Tante Clarissa die Idee, den Nichten kurzerhand ihre beiden eigenen Liebhaber abzutreten, doch sie hat die Rechnung ohne die beiden, wählerischen jungen Damen gemacht...

Mit dem Erotik-Klassiker "Die Nichten der Frau Oberst" blickt man auf das wohl erfolgreichste Werk von Erwin C. Dietrich, das seinerzeit offiziell an die 5 Millionen Zuschauer in die Kinos locken konnte und als einer der erfolgreichsten Filme in die Saison 1968 einging, wohlgemerkt mit einer FSK-Freigabe von 18 Jahren. Betrachtet man das Ergebnis heute, darf man sich zurecht fragen, wo eigentlich der Stein des Anstoßes bei dieser Produktion liegen soll, denn immerhin wurde der Film, nach seinem vorläufigen Totalverbot, erst nach der Erfüllung von beinahe 40 Schnittauflagen freigegeben. Betrachtet man die Freizügigkeit im Szenario, so bekommt man nichts geboten, was man over the top nennen müsste und vielleicht liegt hier tatsächlich der Schlüssel. Noch zu offenherzig für damalige Begriffe, aber nicht grenzüberschreitend genug, was den Zuschauern suggeriert haben könnte, dass man sich getrost von moralischen Korsetts verabschieden könnte? In diesem Zusammenhang ist es tatsächlich schwer, eine gedankliche Zeitreise zu veranstalten, da stets das aktuelle Maß mitgeführt wird. Aus Gründen des Anstandes verzichtete Erwin C. Dietrich damals darauf, die "Goldene Leinwand" zu beantragen, die dem Film bei diesem breiten Zulauf eigentlich zugestanden hätte. Zurück bleibt also ein Phänomen der florierenden 1968er, das ein solches bleibt, da vieles nicht mehr zu begreifen ist. Beim Blick auf das Gesamtergebnis werden eher züchtige Eindrücke vermittelt, die allerdings für damalige Verhältnisse bestimmt scharenweise zu pikante Untertöne transportiert haben. Mit dem Auge der Gegenwart lässt sich jedoch nur noch resümieren, dass es sich um einen sehr schön fotografierten Film handelt, der es sich zur Aufgabe macht, Ästhetik und Charme mit einer gut bekömmlichen Geschichte zu verbinden, die auf unterschwelligen Humor setzt.

Den wahren Sinn bekommt diese Geschichte nicht etwa durch die angebliche Verwendung von Motiven aus Guy de Maupassants Roman, sondern durch das spektakuläre Dreier-Gespann in Form Aufsehen erregender Hauptdarstellerinnen. Unter dem Pseudonym Heidrun von Hoven sieht man Heidrun Hankammer, eine der Vorreiterinnen der Nacktwelle in der ausklingenden Edgar-Wallace-Reihe und eines der zweifellos schönsten Gesichter des damaligen Kinos. Bei "Die Nichten der Frau Oberst" handelt es sich nicht nur um ihre erste Filmrolle, sondern die Deutsche interpretiert auch eine ihrer seltenen Hauptrollen. Es erscheint ein bisschen rätselhaft, warum Hankammer trotz dieses Durchbruchs nie den tatsächlichen schaffen konnte, immerhin wurde sie einem Millionen-Publikum näher gebracht, aber der Grund der verbleibenden Belanglosigkeit liegt ganz offensichtlich im Verschachern an die einschlägig bekannte Sexwelle, sodass sich ihre Spur nach nur etwa sieben Jahren im Film-Business, 22 Auftritten in Kino und TV, mit hauptsächlich unbedeutenden Nebenrollen, komplett verliert, was sehr schade ist, denn Heidrun Hankammer bietet für die Rolle der Julia nicht nur ein schönes Gesicht und eine blendende Konstitution, sondern fällt ebenso durch präzises und punktgenaues Schauspiel auf, wie in vielen ihrer anderen Filme übrigens auch. Ihre zweite Hauptrolle legte sie ein Jahr später für den zweiten Teil "Die Nichten der Frau Oberst. 2. Teil - Mein Bett ist meine Burg" nach, bevor sich fast ausschließlich Auftritte in populären Formaten wie Erotik- und Sexfilmen, sowie Serien oder Komödien anschlossen. Als Julia sieht man die unbändigere der zwei Nichten, die sich nicht so einfach in die Tasche stecken lässt, wie es sich so mancher Sexprotz, oder Frau Oberst selbst vorstellt. Heidrun Hankammer überrascht als Debütantin mit einer geschliffenen Darbietung, die in dieser Produktion die Messlatte sehr hoch anlegt und des Weiteren ein Highlight in ihrer Karriere darstellt.

Die Italienerin Tamara Baroni, als offensiver mit ihrem Sex-Appeal spielende Florentine, hat eine ähnlich kurze Karriere vorzuweisen, die noch weniger Auftritte als bei Schauspielkollegin Hankammer umfasst. Darstellerisch kann sie sich nicht merklich hervortun, was nicht nur im Gegensatz zu den anderen Hauptrollen steht, sondern auch zu den restlichen Darstellern. Baroni versucht deshalb vornehmlich über ihre Freizügigkeit zu punkten, was ihr auch spielend gelingt. In einem Film mit erotischem Grundgehalt hat es jede Darstellerin schwer, nicht im feuerroten Licht einer Kai Fischer zu verblassen. Seit den 50er-Jahren bekannt als Darstellerin für skandalumwitterte Rollen, ist sie hier wie üblich gut agierend in der Titelrolle der gut situierten Frau Oberst zu sehen, die ihre Zeit mit breit angelegtem Plaisir und Sex-Kapriolen vertreibt. Ihren eigenen, wesentlich jüngeren Liebhaber weist sie an, sich doch eine ihrer Nichten auszusuchen, die für ihre eigenen Begriffe, und gemessen an ihrem attraktiven Aussehen, zu langsam in die Gänge kommen. In diesem Zusammenhang entwickelt sich eine gut bebilderte Bäumchen-wechsle-dich-Geschichte, die wie gesagt hauptsächlich im Rahmen der Optik Akzente versetzen zu mag. Außerdem bekommt Fischer durch die Synchronstimme von keiner Geringeren als Ingrid van Bergen noch mehr Feuer und Verführungskraft verliehen. Inhalt und Verlauf weisen leider eklatante Längen und Leerlauf auf, die trotz des schönen Ambientes und der überdurchschnittlich guten Ausstattung auffallen, aber glücklicherweise wird es nicht langweilig, da die vielen erotischen Etappen gut bei der Stange halten. Insgesamt gesehen ist "Die Nichten der Frau Oberst" aufgrund des angenehmen End-60er-Flairs recht interessant ausgefallen und überzeugt letztlich durch knisternde, wenn auch verhalten angelegte Erotik. Als Klassiker der stillen Sorte hat der Film wegen seines immensen Erfolges diesen Status sicherlich verdient; nach persönlichem Ermessen verläuft es dann aber doch ein bisschen zu geräuschlos.


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 Betreff des Beitrags: Le Paria (1969)
BeitragVerfasst: 29.03.2017 19:08 
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Jean Marais   Marie-José Nat   in

LE PARIA

● LE PARIA / JAQUE MATE / PARIA (F|E|1969)
mit Horst Frank, Jean Lara, Jacques Stany, Beartice Delfe, Eric Donat, Moisés Augusto Rocha und Nieves Navarro
eine Produktion der Ceres Films | Carlton Continental | Santos Alcocer
ein Film von Claude Carliez


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»Jeder nach seiner Fa­çon!«

Manuel Thomas (Jean Marais), der seine Frau und sein Kind bei einem tragischen Unfall verlor, verübt mit seinen Leuten einen Überfall auf den Express Rotterdam-Madrid, doch er wird von seinen eigenen Komplizen betrogen. Verwundet und auf der Flucht vor einer Gangsterbande sowie der Polizei, sucht er in den Bergen ein sicheres Versteck und kommt bei Lucia (Marie-José Nut) und ihrem Sohn José (Eric Donat) unter. Doch Manu kann sich auch hier nicht in Sicherheit wiegen, denn seine Verfolger, die auf die erbeuteten Diamanten in Millionenhöhe spekulieren, wollen ihn um jeden Preis aufspüren. In der vorläufigen Abgeschiedenheit überdenkt Manu sein bisheriges Leben, doch die Gespenster der Vergangenheit sind kurz davor, ihn wieder einzuholen...

Der Franzose Claude Carliez inszenierte mit "Le Paria" seinen einzigen Spielfilm und anhand des Ergebnisses lässt sich zunächst einmal ein spürbares Feingefühl bescheinigen, das sich in diesem subtilen Thriller offenbart. Hauptsächlich als Stuntman und Schauspieler in Erscheinung getreten, hat er Ausflüge von "Tatort" bis "James Bond" vorzuweisen und die Stärken des Films zeigen sich tatsächlich in der Koordination und Führung seiner Darsteller, die sich hier prominent die Klinke in die Hand geben. Der Film beginnt mit dem Überfall auf den Express Rotterdam-Madrid, der in spektakulären Bildern eingefangen ist. Ungewöhnlich erscheint, dass der Verlauf in den ersten zehn Minuten ohne ein einziges gesprochenes Wort auszukommen hat, was die Intensität der Bilder nur hervorhebt. Die Geschwindigkeit des Zuges sorgt mit halsbrecherischen Manövern für eine solide Spannung und ein gutes Tempo, hinzu kommen viele subjektive Einstellungen, gefilmt mit einer Handkamera, bis sich schließlich herausstellt, dass dieser Coup zu einer einzigen Komplikation entwickelt. Nicht etwa, weil nicht alles minutiös durchgeplant gewesen wäre, sondern weil die Hauptfigur Manu von seinen eigenen Komplizen geprellt wird. Die frühe Hektik fördert die Aufmerksamkeit für die eigentlich herkömmlich klingende Geschichte und der aufkommende Kugelhagel wirkt wie ein böser Vorbote für den weiteren Verlauf. Der Überfall wird beendet, indem Leben beendet werden, der Verrat zwingt den Protagonisten dazu, schnell umzudisponieren und die Polizeisirenen aus der Ferne, die langsam aber zielstrebig immer näher kommen, bilden das straffe Zeitdiktat, das der Film im weiteren Verlauf leider zu oft einbüßen wird. Im Rahmen einer regelrechten Treibjagd kommt es zur ersten faustdicken Überraschung, da ein Junge auftaucht, der Manu beobachtet hat und sich überraschenderweise als potentieller Komplize anbietet.

Gründe für diese ungewöhnliche Wendung werden schnell auf einem Silbertablett geliefert, denn José wächst ohne Vater auf und ergreift die Chance, das beschwerliche Leben in der Einöde der Berge mit etwas Abenteuer zu versehen. Viel wichtiger ist allerdings, dass die Geschichte in späteren Phasen eben durch das Bauchgefühl und die Achtsamkeit dieses Jungen beeinflusst, wenn nicht sogar gelenkt wird. Was wäre ein derartiger Film ohne ein für Aufsehen erregendes Personen-Karussell, das vom Aufbau her dem Prinzip eines russischen Roulettes gleicht. Misstrauen zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, die sich im Mittelteil fast ausschließlich mit dem sorgsamen Durchleuchten der Personen beschäftigt, allerdings zu Ungunsten einer verstärkt temporeichen Abhandlung. Hauptperson und gleichzeitig Motor dieser Angelegenheit stellt Jean Marais dar, der ab den 70er-Jahren nur noch sporadisch in Kino und TV zu sehen war. Prädestiniert für die Rolle des Mannes mit Vergangenheit, den eine gute Portion Geheimnis und Unberechenbarkeit umgibt, setzt er diese Gabe auch hier sehr effektiv ein. Manu verliert nicht viele Worte und lässt sein Gegenüber stets wissen, was er von ihm hält, jedoch lässt er nicht in sich hineinblicken. Umgeben von schönen Frauen der Gegenwart und Vergangenheit, etabliert sich zwischen aller Brisanz und etlichen Spannungen eine romantische Nebenhandlung, die der Geschichte zusätzlich eine angenehme Würze gibt, vor allem weil die passenden Damen hierbei Marie-José Nat und Nieves Navarro heißen. Die zwei Frauen fallen durch Kontraste auf und könnten dabei kaum unterschiedlicher sein, sodass ein klassisches Tauziehen um das Objekt der Begierde entstehen kann. Insbesondere die Spanierin Navarro kann deutlichere Akzente als mondäne Verführung setzen, bei der man als Zuschauer ohnehin in Betracht zieht, dass sie ein doppeltes Spiel treiben könnte.

Für besondere Momente kann wie üblich Horst Frank sorgen, der hier regelrecht durch den Film flaniert und etliche Facetten zeigt, je nach Situation sogar die unterschiedlichsten Gesichter, beziehungsweise Verhaltensweisen. Auf der Seite der Bösewichte vom Silbertablett ist der stets kompetente Moisés Augusto Rocha zu sehen, der ein Begriff aus so manchem Jess-Franco-Reißer sein dürfte. Eine besonderes gute Leistung in Sachen Ausstrahlung und Schlüsselfunktion bekommt man von Eric Donat geboten, der eine Verwandlung vom stillen Beobachter zum sympathischen Helfershelfer hinlegt. Da es sich um ein Kind handelt, kann er sich unbehelligt zwischen den Gangstern bewegen, die Manu jagen, und teilweise kommt es zu irritierenden Eindrücken, da sich der Junge förmlich anbiedert und den unfreiwilligen Gast im Hause seiner Mutter beinahe glorifiziert. Insgesamt gesehen, lebt "Le Paria" im großen Maße von seinen Interpreten, aber vor allem von der überaus hochwertigen Inszenierung. Technisch über dem Durchschnitt liegend, ist es immer wieder ein Genuss, die edlen Eindrücke zu sammeln. Herrliche Schauplätze, Action, Spektakel und eine eigenartige Ruhe, die völlig konträr zum behandelten Thema steht, von dem man eigentlich Hysterie, Nervosität und grenzenlose Aggression erwarten würde, führen mit vielen Details und anderen wichtigen Zutaten zu einem überzeugenden Gesamtergebnis. Im Finale dreht die Regie erwartungsgemäß noch einmal richtig auf und das Szenario ist angereichert mit einem Gewitter aus Kugelhagel und tödlichen Treffern, sowie Dramatik und schicksalhaften Ereignissen. Es wirkt schlussendlich so, als sei der Mittelteil bewusst ruhig und ausladend aufgezogen worden, um zum Ende hin die gebündelte Spannung präsentieren zu können. "Le Paria" wirkt als Einheit sehr beachtenswert und präsentiert sich ganz in der Tradition, vor allem französischer Edel-Polizei-und Gangsterfilme. Sehr unterhaltsam!


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 Betreff des Beitrags: Traum eines Wahnsinnigen (1972)
BeitragVerfasst: 01.04.2017 23:37 
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● FOLGE 43 | DER KOMMISSAR | TRAUM EINES WAHNSINNIGEN (D|1972)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper
Gäste: Curd Jürgens, Christine Kaufmann, Günther Stoll, Victor Beaumont, Wera Frydtberg und Horst Frank
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Becker




In einer psychiatrischen Klinik ist ein Mord geschehen. Die Polizei wird unmittelbar danach verständigt, kann jedoch einen weiteren Mord nicht verhindern. Auf der Suche nach dem Täter kristallisiert sich schnell heraus, dass es sich nur um einen soeben Entflohenen handeln kann, nämlich den Verwandlungskünstler Kabisch, dem es möglich ist, in die unterschiedlichsten Rollen und Masken zu schlüpfen. Kommissar Keller durchleuchtet Kabischs Vorleben und stößt dabei auf beunruhigende Entdeckungen. Diese weisen unbedingt darauf hin, dass sich weitere Personen in tödlicher Gefahr befinden. Für Kommissar Keller und seine Leute beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und die Unberechenbarkeit Kabischs erschwert die Ermittlungen um ein Vielfaches...

Die Palette des "Kommissar"-Orbit ist trotz immer wiederkehrender Strukturen und ähnlicher Geschichten sehr vielfältig und abwechslungsreich, was insbesondere die nahezu experimentelle Folge "Traum eines Wahnsinnigen" eindrucksvoll unter Beweis stellen wird. Als Basis dienen hierbei sehr dunkle und noch tiefere Abgründe der zerrütteten menschlichen Psyche, was alleine von der Umsetzung her, durch einen Krimi-Experten wie Wolfgang Becker, zu einem leichten Spiel werden sollte. Leicht ist gemessen an der sehr komplexen Thematik aber möglicherweise etwas zu viel gesagt, denn den einfachen Weg wird die Regie in Folge 43 definitiv nicht wählen, was diesen Beitrag umso interessanter, vor allem geheimnisvoller werden lässt. Die Episode überrascht durch einen vollkommen ungewöhnlichen Einstieg, da die mysteriöse Note, die im gesamten Verlauf mitschwingen wird, von vorne herein preisgegeben wird. Bizarre, an den Nerven zerrende und hoch spannende Momente ebnen den Weg für eine Geschichte, die sich im weiteren Sinn sogar in einem Psycho-Thriller oder Giallo hätte wohlfühlen können, zumindest vom Prinzip her, falls man auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Schreie durchziehen die weitläufigen Flure einer Klinik, verzweifelt versucht man eine Kettenreaktion aufzuhalten, doch plötzlich spricht ein unheimlicher Schatten mit dem Chef der Anstalt, der es mit verständnisvoller Gesprächsführung und Sachlichkeit versucht, die ihn aber letztlich das Leben kosten wird. Damit der Wahnsinnige seinen bizarren Traum verwirklichen kann, muss er hinaus aus dem weißen Vakuum mit Gittern und seine Verwandlungskünste werden ihm anscheinend uneinholbare Vorteile verschaffen. Durch das sachliche Ermitteln der Polizei und die kühle Analyse der Medizin scheinen Welten aufeinanderzutreffen, sodass sich schnell herausstellt, dass von fachlicher Seite kaum brauchbare Hilfe zu erwarten ist, was ungemein dichte Formen annimmt.

Hier zu nennen ist selbstverständlich Curd Jürgens, der überheblich im Beruf, aber sonderbar in seinem Allgemeinzustand wirkt. Schnell nötigt er sich Kommissar Keller als unabdingbaren Faktor bei der Suche nach dem entflohenen Kabisch auf und es wird sich im Rahmen einer Präzisionsleistung herausstellen, ob er die Ermittlungen eher behindern, oder unterstützen wird. In "Traum eines Wahnsinnigen" sind es ohnehin die perfekt abgestimmten Leistungen der Interpreten, die die Folge in Glaubhaftigkeit erstrahlen lassen. So zum Beispiel Christine Kaufmann, deren Ausstrahlung sich hier regelrecht zu einer unfassbaren Aura entwickeln kann, obwohl sie als Verfolgte die Ur-Klischees des Krimis bedient. Günther Stoll an ihrer Seite wirkt gewöhnungsbedürftig, was allerdings ausschließlich an Kaufmann liegt, denn die Darbietung ist wie üblich solide. In Episode 43 kommt der Zuschauer in außerdem den Genuss, das höchste Ausmaß von Horst Franks Vielfältigkeit kennenzulernen, sozusagen in sechsfacher Potenz, was der Geschichte im Rahmen dieser Serie zurecht einen Ausnahmestatus verleiht. Keller und seine Mannschaft laufen insgesamt nicht nur einem Wahnsinnigen hinterher, sondern auch einem strengen Zeitdiktat und es erscheint fraglich wie nie, ob die Polizei das anvisierte Opfer schützen kann, da ein völliger Ausnahmezustand angesichts bestehender Serien-Gesetzte nicht auszuschließen ist. Die Spannung wird genau wie die Verwirrung immer wieder auf die Spitze getrieben und auch wenn die Motive im Allgemeinen nur unzureichend transparent erklärt werden, gibt genau dieser Eindruck dieser Geschichte ihre Brisanz, da gerade die angeschlagene Psyche unergründlich zurück bleibt. Ein packendes Doppel-Finale artet zumindest für die Verhältnisse der Reihe in blanken Horror aus, was insbesondere von Christine Kaufmann reflektiert wird. Doch die Regie behält es sich stets vor, noch eine Schippe draufzulegen. Insgesamt eine ungewöhnliche aber hervorragend inszenierte Folge, deren Atmosphäre ungeahnte Dimensionen erreicht.


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 Betreff des Beitrags: Ab morgen sind wir reich und ehrlich (1976)
BeitragVerfasst: 12.04.2017 22:05 
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Caroll Baker   Arthur Kennedy   in

AB MORGEN SIND WIR REICH UND EHRLICH

● AB MORGEN SIND WIR REICH UND EHRLICH / DIE MAFIA LÄSST GRÜSSEN / I SOLITI IGNOTI COLPISCONO ANCORA (D|A|I|1976)
mit Vittorio Caprioli, Angelo Infanti, Silvia Dionisio, Christine Kaufmann, Elisabeth Fallenberg, Werner Pochath, Gabriele Tinti und Curd Jürgens
eine Produktion der TV13 Filmproduktion | Neue Delta Filmproduktion | San Nicola Film | Jadran Film | im Verleih der 20th Century Fox
ein Film von Franz Antel


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»Ich folge dem Ruf der Filmwelt!«

Der ehemals mächtige Mafia-Pate Mike Jannacone (Arthur Kennedy) hat sich in den wohlverdienten Ruhestand begeben und zieht sich nach Roccasecca, das italienische Dorf seiner Herkunft zurück. Eine Ausreise aus den USA war ihm allerdings nur möglich, da er kompromittierende Tonbänder des sich gerade im Wahlkampf befindenden Senators Shelton (Curd Jürgens) in seinem Besitz hat. Das belastende Material, das als Altersvorsorge gedacht war, kommt allerdings abhanden, da es von zwei Nachwuchsschauspielern gestohlen wird, die bei dieser Aktion im Glauben waren, in einem Film mitzuwirken. Plötzlich werden gleich mehrere Fronten äußerst nervös und versuchen das Material wieder in ihren Besitz zu bekommen...

»Und wer gibt uns das Geld für diesen Super-Film?« Wo es denn schließlich herkam, stellt sich nach dieser im Film auftauchenden Frage vermutlich fast jeder Zuschauer ebenfalls, denn schnell zeichnet sich ab, dass aus "Ab morgen sind wir reich und ehrlich" leider nichts geworden ist. Ein dezenter Blick auf den Regiestuhl rechtfertigt die allgemeine Skepsis, denn schließlich hatte man mit Franz Antel einen regelrechten Experten am Werk, der offensichtlich prädestiniert dafür war, zeitgenössische Komödien nicht nur fließbandartig umzusetzen, sondern sie auch zielstrebig zu ruinieren. Die Kalauer und die flotten Sprüche sind noch nicht einmal der größte Hemmschuh, sondern die allgemeine Hektik und mangelnde Struktur setzt der Geschichte folgenschwer zu, die auf den ersten Blick doch recht interessant aussehen will. Ein vor Extravaganz strotzendes Star-Aufgebot wird hier bereitwillig verheizt, welches das Anschauen jedoch rechtfertigen kann und schließlich vor dem Abschalten bewahrt. Wie in der einschlägig berüchtigten Komödie üblich, folgt ein Gag dem nächsten und nur selten trifft die Regie dabei ins Schwarze, denn alles wirkt hoffnungslos überladen, selbst für die Verhältnisse der Klamotte. Auch bei einem Blick in die Vergangenheit ist es fraglich, ob dieses in Italien und im ehemaligen Jugoslawien gedrehte Vehikel seinerzeit gut, oder überhaupt beim Publikum ankam, aber dennoch gibt es eine ordentliche Portion Zeitgeist, und das in nahezu allen Belangen. Angesichts des angedeuteten Film-in-Film-Themas und der Tatsache, dass es zur hemmungslosen Überzeichnung bestimmter Personen kommt, ist anzunehmen, dass man auf eine geistreiche Kritik im Rahmen des Hantierens mit unzähligen Klischees abzielen wollte, doch leider ist lediglich eine Art universelle Selbstgeißelung der Komödie zustande gekommen, die sich mit beinahe allen denkbaren Unsitten des Inszenierens vereint.

Als Krimi-Komödie oder gar Persiflage mag "Ab morgen sind wir reich und ehrlich" indes schon dreimal nicht funktionieren, da, so grotesk es klingen mag, einfach die (angebrachte) Portion echter Humor fehlt und der alberne Klamauk hier einen überaus inflationären Einsatz erfährt. In derartig hartnäckigen Fällen permanenter, unkomischer Fehlzündungen wäre es besonders wichtig, wenn es die Darsteller richten könnten, die in Franz Antels Film tatsächlich sehr prominent vertreten sind. Leider ist es so, dass sich ein Großteil der Darsteller dem unangenehmen Diktat der Regie beugt, sodass selbst große Namen der Besetzungsliste abgeschrieben werden müssen. Hauptdarstellerin Caroll Baker ist schließlich dabei zu beobachten, wie sie hoffnungslos am schwimmen ist, Arthur Kennedy wirkt hingegen wenigstens solide, genau wie Kollege Curd Jürgens, der allerdings nur in einen wenig umfangreichen Auftritt zu sehen ist. Vittorio Caprioli, Angelo Infanti und Gabriele Tinti versinken im Klamauk. Christine Kaufmann in einer unmöglichen Aufmachung, oder Werner Pochath in seinem Rollenabo, hat man vielerorts schon interessanter gesehen. Schließlich erfreut noch Silvia Dionisio das Auge in höchstem Maße, doch unterm Strich ist ein Star-Aufgebot ins offene Messer gejagt worden. Insbesondere im späteren Verlauf wechseln sich die humorvollen Töne mit breit angelegtem Tempo, Slapstick und einigen Action-Sequenzen ab, doch die bemüht turbulent angelegte Geschichte schafft es im Ganzen zu keinem Zeitpunkt, versöhnliche Eindrücke zu transportieren. Franz Antels "Ab morgen sind wir reich und ehrlich" ist daher vielleicht geeignet für Hardcore-Klamauk-Fans, aber leider nur bedingt für die Anhänger der Darsteller, denn die Spieldauer stellt einen insgesamt schon auf eine harte Probe, was anschließend die berechtigte Frage aufwirft, ob man sich derartige Geschütze deutschsprachig-italienischer Kollaborationskünste überhaupt zumuten sollte. Nicht gerade gelungen.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Der Zinker (1963)
BeitragVerfasst: 14.04.2017 19:53 
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● DER ZINKER / L'ÉNIGME DU SERPENT NOIR (D|F|1963)
mit Heinz Drache, Barbara Rütting, Günter Pfitzmann, Jan Hendriks, Inge Langen, Agnes Windeck,
Siegfried Schürenberg, Wolfgang Wahl, Siegfried Wischnewski und Eddi Arent sowie Klaus Kinski
eine Produktion der Rialto Film Preben Philipsen | Les Film Jacques Willemetz | im Constantin Filmverleih
ein Film von Alfred Voher


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»Kein leichter Tod, das Gift der schwarzen Mamba!«

Die Londoner Unterwelt befindet sich im Würgegriff eines Phantoms. Um nicht an Scotland Yard verpfiffen zu werden, müssen die Kriminellen einen hohen Anteil an der Beute abgeben. Niemand kennt den Erpresser, niemand hat ihn je gesehen und der gefährliche Hehler wird der "Zinker" genannt. Als Larry Graeme (Michael Chevalier) die Identität des "Zinkers" herausfindet, kann er nur noch tot aufgefunden werden. Er starb durch ein Neurotoxin und wie sich anschließend herausstellt handelt es sich dabei um das Gift der schwarzen Mamba. Inspektor Elford (Heinz Drache) steht vor einem großen Rätsel, denn eine Mamba könnte im Londoner Klima überhaupt nicht überleben. Die Ermittlungen führen ihn schließlich zum Tiergroßhandel Mulford, wo jüngst eines der gefährlichen Reptilien verschwunden ist. In der Zwischenzeit schlägt das Phantom aber erneut zu...

Mit "Der Zinker" kam der bereits vierzehnte Edgar-Wallace-Beitrag der 1959 erfolgreich gestarteten Reihe in die Lichtspielhäuser und Regisseur Alfred Vohrer nahm zum vierten Mal auf dem Regiestuhl platz. Mit etwa 2,9 Millionen Zuschauern gehört der nach dem gleichnamigen Roman von Edgar Wallace adaptierte Film zu den erfolgreicheren Vertretern der bis 1972 andauernden Reihe, wurde in West-Berlin und London und erstmalig in Ultrascope gedreht. Heute gehört "Der Zinker" sicherlich zu den nominellen Klassikern der Serie, was aus zahlreichen Gründen nachzuvollziehen ist, schlägt er doch einen günstigen Weg zwischen typischen Elementen und etlichen Neuerungen ein. Allerdings muss auf der anderen Seite auch betont werden, dass der Geschichte schnell die Spannung ausgeht, da sich ein vollkommen vorhersehbarer Whodunit entwickelt, was zur Folge hat, dass sich Vohrers Werk eigentlich bei den Durchschnittsbeiträgen wiederfindet. Über Unterhaltungswert, gut oder schlecht, oder Daseinsberechtigungen muss in der Wallace-Reihe erst gar nicht debattiert werden, da wirklich jeder einzelne Beitrag auf seine bestimmte Art und Weise Vorzüge besitzt und auch jedem Zuschauer die Möglichkeit bietet, selbst zu entscheiden, wo die persönlichen Highlights zu finden sind. "Der Zinker" leidet im Endeffekt daran, keine genaue Entscheidungsfindung im Rahmen einer eindeutig angelegten Strategie zu präsentieren, außerdem geht es leider nicht immer logisch zu, was in Kriminalverfilmungen einfach als Voraussetzung erwartet werden darf. Alfred Vohrer hat bei Wallace bereits härtere, beziehungsweise unmissverständlichere Wege eingeschlagen, sodass es sich bei diesem '63er um seine bislang schwächste Arbeit handelt. Auf der Habenseite steht die solide Ausstattung mit einem Hauch von Extravaganz, die den Zuschauer erfreuen wird, eine tolle Besetzung und zahlreiche andere Elemente.

Hoch anzurechnen ist auch hier, dass zwar ein deutlicher Wiedererkennungswert zu sehen ist, sich aber keine Eintönigkeit eingeschlichen hat. Bereits der Einstieg ist in diesem Zusammenhang mit seinen winterlichen Eindrücken hoch atmosphärisch und bleibt aufgrund des titelgebenden Verbrechers und dessen Vorgehensweise sehr präsent. Das Gift der schwarzen Mamba wird mit Gewalt durch die Epidermis gebracht und beschert seinen Opfern einen qualvollen Tod. Großer Vorteil der Story ist, dass Haupt- und Nebenhandlung eine recht günstige Verknüpfung erfahren und für Abwechslungsreichtum sorgen, obwohl der Weg zum Finale ab einem gewissen Zeitpunkt vorhersehbar ist. Dies liegt zum Einen daran, dass schlicht und einfach zu wenige wirkliche Verdächtige übrig bleiben und zum Anderen ist es die Dramaturgie, die den Zuschauer quasi auf richtige Fährten zwingt, weil Vohrer in den wichtigen Phasen zu schnell die Katze aus dem Sack lässt und der Verlauf an Intensität verliert. Insgesamt bleibt der Film jedoch recht klar aufgebaut und erlaubt sich nach strapaziösen Momenten immer wieder den zweifelhaften Luxus, sich durch diverse komische Einlagen selbst zu entschärfen, was sich das Trio Agnes Windeck, Siegfried Schürenberg und Eddi Arent zur vornehmsten Aufgabe macht. Die beunruhigenden Momente entstehen daher oft nur auf den zweiten Blick und bahnen sich vor allem durch die Tierhandlung Mulford an und deren Fauna wird Ebenbild der nackten Angst, die in Form von schwarzer Mamba, Python oder Löwen und Konsorten die passende Gestalt bekommen. Vielleicht kann man sogar davon sprechen, dass es sich beim Integrieren von allerlei Getier um ein persönliches Faible von Regisseur Alfred Vohrer handelte, denn in seinen Filmen waren derartige Cast-Erweiterungen immer wieder zu finden. Mit dem Gift der schwarzen Mamba können sich Opfer und Zuschauer jedenfalls auf keinen leichten Tod gefasst machen und auch in diesem Zusammenhang kommt es zu starken Momenten.

Die Figur des sogenannten "Zinkers", der seinem Namen trägt, weil er Komplizen nach der gemeinsamen Arbeit ans Messer liefert, stellt eine allgegenwärtige Bedrohung dar, weil er kompromisslos agiert und dem Empfinden nach wie aus dem Nichts erscheint. Gekleidet in Hut und Mantel, operiert er mit schwarzen Handschuhen und perfidem Mordinstrument und bereits zu einem frühen Zeitpunkt wird unmissverständlich klar, dass der Tod durch ihn unausweichlich sein wird. Die Polizei hat auf Druck der beunruhigten Bevölkerung selbstverständlich alle Hände voll zu tun und bei diesem Stichwort lässt sich ein guter Gedankensprung zu der für Wallace-Verhältnisse prominenten Besetzung machen. Heinz Drache kann hier seine bereits dritte Wallace-Verpflichtung verbuchen und ist in ganz typischer Manier als Inspektor Elford zu sehen, der dem Szenario seinen Stempel aufzudrücken versucht, aber aufgrund anderer Alpha-Leistungen keine Alleinherrschaft durchsetzen kann. Jedem Fan der Reihe wird es so gehen, dass er in bestimmten Rollen-Bereichen auch seine ganz persönlichen Favoriten hat, deswegen soll Heinz Drache unter diesem Gesichtspunkt auch keine Beschreibung erfahren, da er aufgrund vieler nicht vorhandenen Nuancen und eindeutiger Mängel innerhalb der klassischen Interaktion nur verlieren kann. Es kann nicht oft genug betont werden, dass es stets hilfreich für die jeweiligen Geschichten war, wenn der gebürtige Essener sich nicht mit bestimmten Ablenkungen beschäftigen musste, was im Klartext heißt, keiner unglaubwürdigen Romanze nachjagen zu müssen. So wird hier der nachhaltige Eindruck transportiert, dass der Inspektor seine komplette Energie auf seinen Beruf verwenden kann und den Verbrecher schließlich kompetent zur Strecke bringen wird. Auffällig ist erneut der Fokus auf ungeduldige, kurz angebundene und forsche Verhaltensweisen, die dem Einzelgänger daher auch gut stehen möchten.

An seiner Seite sieht man die gerne gesehene und hoch qualifizierte Barbara Rütting, allerdings nicht im amourösen Sinne, was im Kontext der Reihe weniger einen harten Bruch darstellt, als eine willkommene Abwechslung. Als Kriminalautorin Beryl Stedman sieht man Rütting auf sicherem Terrain im Rahmen von Schlagfertigkeit, eindeutiger Gebärden und nicht unwichtiger Funktion, da sie konträr zu vielen Kolleginnen nicht das unschuldige, beschützenswerte Opfer zu mimen hat, was der resoluten Interpretin auch nicht abzunehmen gewesen wäre. Ähnlich wie in "Neues vom Hexer" sieht man eine Frau, die auf eigenen Beinen steht und charakterlich gefestigt wirkt, auch wenn das Schicksal unbarmherzige Entscheidungen trifft. Barbara Rütting weiß generell das Profil einer eigentlichen Einzelgängerin herzugeben, obwohl sie nicht alleine ist. Liiert mit Frank Sutton, dem Geschäftsführer der Mulford'schen Tierhandlung, stellt sie ein wichtiges Bindeglied für die verschiedenen Storylines dar, genau wie Günter Pfitzmann, den man in seinem einzigen Auftritt bei Wallace sehen kann. Sein solides Schauspiel und die Fähigkeit, Vertrauen und Zweifel zugleich fabrizieren zu können, tun der Geschichte sehr gut und seine stärksten Szenen präsentiert er beim Auftreten als sachlicher Geschäftsmann. Im Szenario wimmelt es zwar von zwielichtigen Personen, doch nur wenige kommen dem Empfinden nach als Haupttäter in Frage. So obliegt es dem Zuschauer, die Personen zu ordnen, wie beispielsweise den immer gerne gesehenen Jan Hendriks, der in seinem übersichtlichen Auftritt durch sehr starke Momente und eindringliche Szenen in Erinnerung bleiben wird, oder Siegfried Wischnewski, Stanislav Ledinek und vor allem Klaus Kinski, der durch einen vollkommen wortlosen Auftritt zu irritieren weiß. Seine Aura kann etliche Szenen nicht nur prägen, sondern richtiggehend dominieren und in seinem hier achten Auftritt war er längst zu einer Größe im Wallace-Orbit avanciert.

Erwähnenswert sind des Weiteren noch zwei Damen der Entourage, die den Film sehr individuell prägen. Inge Langen, als Sekretärin bei Mulford, ist keineswegs über jeden Zweifel erhaben, schleicht sie doch wie eine neugierige Katze im Büro umher um sich brave Catfights mit Beryl Stedman zu liefern. Langen galt als Meisterin der flexiblen, dabei aber stichhaltigen Interpretation, sodass sie im Szenario zu einer undurchschaubaren Komponente wird, von der man jedoch erwartet, dass sie jederzeit einen geheimen Trumpf ausspielen könnte. Ein paar Jahre später noch in "Der Gorilla von Soho" zu sehen, handelt es sich um die erste von zwei Rollen in der Reihe. Agnes Windeck als Nancy Mulford hatte noch einen Auftritt mehr zu bieten und gilt trotz nur drei Einsätzen al eines der Wallace-Markenzeichen, was wohl an ihrer vereinnahmenden Wirkung liegt. In "Der Zinker" ist die Hamburgerin quasi als sympathisches Mädchen für alles zu sehen, denn sie steht für Humor, Werte, aber auch leichte Theatralik. Ihre Szenen dominiert sie dementsprechend nach Belieben, sodass beim Thema Agnes Windeck tatsächlich die Frage zwischen passender Leistung und übertriebenen Tendenzen gestellt werden darf; ob sich alles Dargebotene im förderlichen Rahmen abspielt, oder hin und wieder zu viel des Guten wird. Eddi Arent, der bis zu diesem Zeitpunkt in 12 von 14 Filmen zu sehen war, bedient den Humor etwas hemmungsloser und egal wie es rückblickend wirken mag, es handelt sich sicherlich um einen der verdienstvollsten Akteure der gesamten Reihe. Überzeugende Leistungen zeigen abschließend noch Siegfried Schürenberg, der später das Abo des Sir John übernehmen und beispiellos prägen sollte, und Wolfgang Wahl als Inspektor Elfords Assistenten Lomm, der eine sehr individuelle und daher angenehme Zeichnung zum Besten gibt oder ein immer markanter Heinz Spitzner, als sachlicher Polizeiarzt. Die hochklassige Besetzung verhilft dem Film jedenfalls, trotz Ungereimtheiten zufriedenstellend über die Ziellinie zu kommen.

Die Wallace-Reihe profitierte über die Jahre von ihren unterschiedlichen Verbrechern mit teilweise extravaganten Gewändern und sagenumwobenen Images und bei der Betrachtung des "Zinkers" bleiben unterm Strich geteilte Eindrücke zurück. Auf der einen Seite handelt es sich bei dem großen Unbekannten um eine überaus rücksichtslose Person, schließlich verzinkt er seine eigentlichen Komplizen und liefert sie somit ans Messer, außerdem schreckt er vor Mord nicht zurück, der jeweils Liquidierung und Warnung in einem darstellt. Auf der anderen Seite sind es aber Dramaturgie und fortlaufende Spielzeit, die den mit mir allen Wassern gewaschenen Verbrecher schwer zusetzen, da er die Polizei letztlich zielstrebig auf seine Spur bringt. Sicherlich könnte dahinter ein perfider Plan stecken, um erneut andere als Hauptverantwortliche zu präsentieren, doch leider ist es so, dass Alfred Vohrer angesichts derartiger Hintergründe die Erklärungen schuldig bleibt. Des Weiteren nimmt die phasenweise existierende Kammerspiel-Atmosphäre dem Verlauf die Spritzigkeit und Vitalität, die ja schließlich im Rahmen von Action, Spannung und sogar Humor gebahnt werden. Für "Der Zinker" steuerte Komponist Peter Thomas bereits zum vierten Mal seine Musikthemen für einen Wallace-Film bei, und hier wirkt insbesondere das hektische, in seinen akustischen Spitzen tatsächlich giftig wirkende Hauptthema sehr passend und stellt für das Szenario in jeder Hinsicht einen Gewinn dar. Auch die winterlichen Schauplätze, merklich bessere und sorgsamer gewählte Sets, die extravaganten Kameraeinstellungen, wie beispielsweise aus einem Mund heraus simuliert oder aus der Frosch-Perspektive zu sehen, unterstützen den Film, der einen guten Unterhaltungswert anbietet. Betrachtet man "Der Zinker" allerdings im Serien-Kontext, handelt es sich lediglich nur um einen tendenziell durchschnittlichen Vertreter, der insgesamt und nach wie vor in überbewerteten Sphären schwebt.


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 Betreff des Beitrags: Die selige Edwina Black (1965)
BeitragVerfasst: 19.04.2017 23:58 
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DIE SELIGE EDWINA BLACK

● DIE SELIGE EDWINA BLACK (D|1965) [TV]
mit Ruth Maria Kubitschek, Hermann Lenschau, Günther Ungeheuer, Edith Schultze-Westrum
eine Bavaria Atelier Produktion | für ZDF
ein Fernsehspiel von Günter Gräwert


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»Die Leiche ist beschlagnahmt!«

Im Hause Black kommt es zu einem mysteriösen Todesfall. Die reiche Hausherrin, Edwina Black, wurde ganz offensichtlich vergiftet und hinterlässt einige Verdächtige, die sich ab sofort vor dem mit dem Fall betrauten Inspektor Martin (Günther Ungeheuer) zu rechtfertigen haben. Der hartnäckige Ermittler schafft es sehr nachhaltig, Mr. Black (Hermann Lenschau), den nicht gerade trauernden Witwer, aus der Fassung zu bringen. Auch seine Geliebte, Elizabeth Graham (Ruth Maria Kubitschek), gerät genau wie die Haushälterin Ellen (Edith Schultze-Westrum) ins Visier von Martin, bis sich die Situation insofern verändert, dass sich die Verdächtigen den Mord gegenseitig unterjubeln wollen. Wer hat die selige Edwina Black auf dem Gewissen..?

Der im Jahr 1965 entstandene TV-Film "Die selige Edwina Black" wurde von Regisseur und Schauspieler Günter Gräwert in Form eines Kammerspiels inszeniert, in dem der Fokus auf die Dialoge zwischen den wenigen beteiligten Personen und deren Beziehungen zueinander gerichtet ist. Im Lauf von Jahrzehnten sind zahlreiche derartiger TV-Produktionen in den Archiven der Sender verschwunden, was sehr bedauerlich ist, schlummern unter ihnen doch wirklich sehenswerte und mitunter erstklassig besetzte Filme, die viel Zeitkolorit herzugeben haben. Ob es sich bei dieser Produktion ebenfalls um ein vergessenes Kleinod handelt, wird Routinier Gräwert erfahrungsgemäß solide klären. Interessanterweise ist das selbe Stück bereits 1958 für das deutsche Fernsehen unter der Regie von Paul Verhoeven umgesetzt worden, mit Winnie Markus und Kurt Heintel in den Hauptrollen. Es hat einen Todesfall gegeben, der zunächst weniger mysteriös aufgeplustert wird, als dass man den Eindruck bekommt, dass sich nicht jede Personen in gleicher Trauer, geschweige denn überhaupt einer solchen befindet. Da wenig später auch schon Scotland Yard im Haus ist, wird schnell der letzte Zweifel beseitigt, dass es sich um einen natürlichen Todesfall gehandelt haben könnte. Der Tod, oder vielmehr eine Tote, dominiert die Atmosphäre und die Herrschaften ihres unmittelbaren Umfelds, sodass sich eine spürbare Nervosität breitmacht und es offensichtlich nur eine Frage der Zeit sein kann, bis jemand die Nerven verliert. Es ist nicht zu leugnen, dass sich angesichts dieses Stücks, das lediglich von vier Charakteren getragen wird, eine gewisse Skepsis bezüglich spannender Unterhaltung hervorruft, aber die Hoffnung, dass vor allem psychologische Finessen oder Schraubzwingen zum Einsatz kommen, wird hier ganz groß geschrieben.

Die Verhöre beginnen und es ist ganz interessant, dass man förmlich eine kollektive Vorverurteilung vornimmt, da niemand wirklich auf der integren Seite zu spielen scheint. Günther Ungeheuer als Inspektor Martin spricht schließlich das offen aus, was ohnehin jeder denkt. Seiner Ansicht nach handelt es sich nämlich nicht um einen bedauerlichen Todesfall, sondern um Mord. Plötzlich werden mögliche Motive und Nutznießer des Todes der Mrs. Black zwischen den eben noch Verbündeten hin- und hergeschoben, was sehr interessante Züge annimmt. Eine derartige Geschichte mit nur wenigen Personen kann nur funktionieren, wenn überzeugende Darsteller agieren, was hier glücklicherweise der Fall ist. Günther Ungeheuer fällt vor allem durch seinen sachlichen und kühlen Ton auf, der durch kultiviertes Verhalten, aber auch versteckte Pfeilspitzen geprägt ist. Mit größtem Geschick zwingt er die Personen im Hause Black in seine Manege, um zu prüfen, was sie alles können. Sie versuchen die Nerven zu behalten, zu funktionieren, ihre Choreografie abzuspulen, um sich ja nicht in Widersprüche zu verwickeln. Doch dieser Plan geht nicht auf. Natürlich kann man vielmehr davon sprechen, dass die Strategie des Ermittlers ihre Erfüllung findet, denn als er das Haus verlässt, gehen die Verhöre und Schuldzuweisungen untereinander weiter. Ruth Maria Kubitschek zeigt hier erneut, welch großartige Interpretin sie ist und sie trägt alleine durch ihre vereinnahmende Aura zu einer aufgeladenen Atmosphäre bei, da sie permanente Kehrtwendungen und emotionale Schwankungen miteinander vereint. Es wird nahezu gespenstisch, wenn sie beteuert, die Tote gehört zu haben und behauptet, dass sie noch im Hause, folglich am leben sei. Da sie auch ein Verhältnis mit Edwina Blacks Mann hat, ist sie ebenso verdächtig wie Hermann Lenschau, der durch eine gewohnt stichhaltige Leitung auffällt.

Abgerundet wird das Quartett durch eine souveräne Darbietung von der aus Mainz gebürtigen Darstellerin Edith Schultze-Westrum, der man von Zeit zu Zeit im Gesicht ablesen kann, was sie von den feinen Herrschaften hält, es aber gleichzeitig nicht auszuschließen ist, dass sie ihre Arbeitgeberin ebenso vergiftet haben könnte, wie natürlich jeder andere auch. Ihre Fähigkeit derartig unberechenbare Rollen zu prägen, geht auch hier vollkommen auf. Wer ist unschuldig, wer ist schuldig? Alles dreht sich in "Die selige Edwina Black" um diese entscheidende Frage und die stärke der Geschichte entfaltet sich nicht nur durch die besonders dichten Interpretationen, sondern vor allem durch die intelligente Gesprächsführung und das intensive Durchleuchten der Personen, sowie der Situation, die selbst die nötigen Hintergrundinformationen und Zusammenhänge liefern. Immer weitere, gegenseitige Vorwürfe lassen die Situation in aller Ruhe und Diskretion eskalieren und man wartet nur darauf, sämtliche Masken fallen zu sehen. Insgesamt ist es mehr als erstaunlich, dass die Geschichte mit ihren nur drei Verdächtigen für eine so subtile, auf gleichem Niveau stattfindende Spannung sorgen kann. Insgesamt bietet Günter Gräwert mit seinem TV-Film ein gut durchdachtes und sorgsam aufgebautes Kriminalstück an, das sich im technischen Rahmen zugegebenermaßen in sehr konventionellen, vielleicht sogar konservativen Gefilden bewegt, was sich vor allem auf die recht eintönig gehaltene Ausstattung bezieht, oder das Fehlen von akustischen oder musikalischen Verstärkern, sowie die wenig variable Kamera. Aufgrund der sehr guten Dialogarbeit und darstellerischen Interaktion entstehen unterm Strich jedoch angenehme Seheindrücke, die ein wenig durch eine Auflösung getrübt werden, die dann doch zu sehr von dieser Welt ist. Gepflegte Unterhaltung.


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