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 Betreff des Beitrags: Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes (1959)
BeitragVerfasst: 22.04.2017 01:04 
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Rudolf Prack   Marianne Hold   in

AUS DEM TAGEBUCH EINES
FRAUENARZTES


● AUS DEM TAGEBUCH EINES FRAUENARZTES (D|1959)
mit Ellen Schwiers, Richard Häussler, Dorothea Wieck, Angelika Meissner, Albert Bessler, Ilse Fürstenberg, u.a.
eine Alfa Film-Produktion | im Neue Filmverleih
ein Film von Werner Klingler


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»Ich kann es Ihnen leider nicht ersparen!«

Dr. Brückner (Rudolf Prack), der Chefarzt einer Frauenklinik, übt seinen Beruf mit voller Hingabe aus, doch dabei kommt das Privatleben eindeutig zu kurz. Als er von Ursula Callway (Ellen Schwiers), einer ehemaligen Patientin, eindeutige Avancen gemacht bekommt und mit ihr daraufhin einen gemeinsamen Abend verbringt, kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Aufgrund eines Notfalls wird der Arzt in die Klinik gerufen und weist Ursula ab, die auf eine Romanze aus war. Noch ahnt Dr. Brückner nicht, dass die brüskierte Dame zu außerordentlichen Mitteln greifen wird. Sie beschuldigt ihn des sexuellen Missbrauchs und Brückner kommt in Untersuchungshaft. Dr. Eva Hansen (Marianne Hold) bietet sich an, seine Verteidigung zu übernehmen, da der Frauenarzt ihrer Schwester Erika (Angelika Meissner) einmal das Leben retten konnte. In einem spektakulären Prozess scheint alles darauf hinauszulaufen, dass die Hauptbelastungszeugin den Chefarzt ins Zuchthaus bringen wird...

Bereits für die Saison 1957, beziehungsweise 1958, kündigte Prisma-Film einen Beitrag unter dem Titel "Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes" mit dem Ankündigungstext: »Ein Einblick in die Praxis eines Frauenarztes« an. Als Regisseur war Richard Häussler angedacht und zu den Darstellern sollten unter Anderem Erich Winn, May-Britt Nilsson oder Barbara Rütting zählen, doch das Projekt wurde in dieser Form nicht realisiert. Im Jahr 1959 kam schließlich Wolfgang Schleifs gleichnamiges Justiz-Drama in die Kinos, das in die Sparte der sogenannten Problemfilme eingereiht werden kann, und sich neben ausgiebigen Szenen am Gericht auch der Kolportage bedient, was dem Film wohlgemerkt aber recht gut stehen will. Der Aufbau dieses im Großen und Ganzen recht überzeugenden Verlaufs hält sich an bestehende Gesetze derartiger Produktionen, die einem Paket aus Gegenwart, Rückblenden und dem verhaltenen Blick in die Zukunft gleichen, sich dabei jedoch gleichzeitig dem Unterhaltungssektor anpassen. Daher sieht man unter der Bearbeitung von Wolfgang Schleif höchstens Andeutungen diskreter Zwischentöne und vornehmlich einen präzise angepassten Beitrag an das bestehende Zeitfenster, versehen mit einigen pikanten Momenten, für die Prototyp Ellen Schwiers vor die Kamera geholt wurde. Trotz vorprogrammierten Verlaufs, bietet "Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes" eine sehr flüssig erzählte Geschichte mit einigen Komplikationen und Nebensächlichkeiten, die geschickt mit dem eigentlichen Hauptthema verstrickt werden, doch ein Affront gegen erzkonservative Moralvorstellungen wurde letztlich nicht fabriziert, vielmehr ein Unterhaltungsfilm reinster Seele, die gerne auch etwas schwärzer hätte sein dürfen. Was dem Umgang mit dem § 174 angeht, mit dem der Film auch beworben wurde, sieht man schlussendlich eher das Prinzip: »wachse oder weiche«, wobei die Tendenz eher in Richtung zu Letzterem geht.

Wie erwähnt, bietet das Thema in diesem Zusammenhang zu wenig Reibungsflächen, oder vielmehr Überraschungsmomente, die sich gegen den zu reibungslosen Verlauf hätten stellen können. Mitverantwortlich hierbei zeigen sich tatsächlich die Hauptdarsteller Rudolf Prack und Marianne Hold, die es fernab ihres sicheren Terrains stets schwer hatten, sich nachhaltig zu profilieren. Bei Rudolf Prack schwingt einfach zu viel Großmutters-Kino mit, als dass er als die tragische Figur identifiziert werden könnte, die er eigentlich darzustellen versucht. Gerade im Fall Prack sind es daher sehr persönliche Eindrücke, die ihn in launisches Fahrwasser treiben lassen können, denn rein praktisch gesehen, passt der Wiener Schauspieler sehr gut zu dieser Rolle. Kultiviert und unaufgeregt im Auftreten, verbunden mit einer manchmal sogar weltmännischen Attitüde, vermag er es eigentlich mit Leichtigkeit, den Frauenarzt Dr. Brückner klassisch zu zeichnen. Dieser Eindruck wird allerdings durch das Ausreizen gewohnter Strickmuster und dem in Anspruch genommenen Sicherheitsabstand zur Provokation getrübt. Rudolf Prack selbst traut sich kaum aktiv an den im Film heraufbeschworenen Skandal heran und die Regie lässt diese Möglichkeit zugunsten eines sentimentalen Tenors vollkommen verstreichen. Diese Variante hilft einem Film mit anvisierter Problematik der außergewöhnlichen Sorte leider nicht im Geringsten weiter, sodass der Österreicher lediglich das bietet, was man stets von ihm angeboten bekam, wenngleich man wohlwollend betonen muss, dass er diese Rolle vollkommen ohne falsche Eitelkeit über die Ziellinie bringt. Hier springt allerdings die Dramaturgie ein, weil sie quasi jede Dame des Szenarios potentiell an seine Seite zwingt und den alten Traum der hartgesottenen Fangemeinde wieder Wirklichkeit werden lässt, somit gleichzeitig zu neuem Glanz verhilft.

Trotz aller Kritikpunkte kann man Prack dennoch nicht viel vorwerfen, er wurde eben leider nur falsch angepackt. Marianne Hold macht hier möglicherweise im Vergleich die bessere Figur, bemüht sie sich doch nach Leibeskräften, sich in ein anderes Image zu manövrieren. Als Juristin Dr. Eva Hansen wird sie den schwer beschuldigten Gynäkologen auf der Anklagebank verteidigen und fällt dabei ungewohnt angriffslustig und schlagfertig auf. Ihre beinahe kasuistischen Fragen erzielen leider nie eine Torpedowirkung, eher wird »Fräulein Doktor« hin und wieder eiskalt erwischt, aber sie spielt ihre Trümpfe zum passenden Zeitpunkt aus, da sie mit dem Zufall auf einen verlässlichen Verbündeten blicken kann. Ellen Schwiers öffnet die Büchse der Pandora und beschwört Probleme herauf, die nur die Welt einer Frau wie Ursula Callway bewegen können. Gut für die Geschichte ist, dass alle Beteiligten die Spannung aufrecht erhalten und erst zum Ende hin triumphieren, oder umfallen. Solide Interpreten wie Richard Häussler, Günter Meissner oder Albert Bessler runden das Geschehen sehr adäquat ab und im Endeffekt hat man es mit einer in Teilen eigentümlichen, aber insgesamt tatkräftigen Entourage zu tun. Die Thematik des sexuellen Missbrauchs wird trotz der Verhandlung vor Gericht zu sehr unter Verschluss gehalten und diese Tatsache darf wahrscheinlich mit dem Produktionsjahr, der Regie oder gleich beidem in Verbindung gebracht werden. Greifbar eingefangen wurde hingegen die öffentliche Meinung, die sich bei etlichen Konsorten dreht wie der Wind, außerdem das vage Durchleuchten der Freunde und Verbündeten des Angeklagten, die im Zweifelsfall nicht einmal mehr Bekannte sein möchten. Hoch atmosphärische Szenen im Gerichtssaal, das Angebot vieler unterschiedlicher Charaktere und Stimmen, sowie ein Hauch von Tragik oder Schicksalslaunen, verhelfen "Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes" zu durchaus bleibenden Eindrücken und einem insgesamt nostalgischen Filmvergnügen.


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 Betreff des Beitrags: Blue Eyes of the Broken Doll (1974)
BeitragVerfasst: 27.04.2017 20:47 
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BLUE EYES OF THE BROKEN DOLL

● LOS OJOS AZULES DE LA MUÑECA ROTA / THE BLUE EYES OF THE BROKEN DOLL (E|1974)
mit Paul Naschy, Diana Lorys, Eduardo Calvo, Eva León, Inés Morales, Antonio Pica, Luis Ciges und Maria Perschy
eine Produktion der Profilmes
ein Film von Carlos Aured


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»You look too much like a whore!«

Gilles (Paul Naschy) ist zu Fuß in Nordfrankreich unterwegs und auf der Suche nach Arbeit. Als er von Claude (Diana Lorys) aufgesammelt wird, die ihm auch noch einen Job in ihrem Haus anbietet, willigt er ein. Claude lebt zusammen mit ihren Schwestern Yvette (Maria Perschy) und Nicole (Eva León) in einer Villa mit weitläufigem Besitz und sie hat von ihren Schwestern keine Hilfe zu erwarten. Nicole stürzt sich von einem ins nächste erotische Abenteuer und Yvette ist an den Rollstuhl gefesselt. Nach Gilles' Ankunft ereignen sich brutale Morde an jungen Frauen, die immer unter der gleichen Voraussetzung passieren. Die Damen müssen blond sein und blaue Augen haben. Schnell gerät der Fremde unter Universalverdacht, bis auch Inspektor Pierre (Antonio Pica) ihn ins Visier seiner Ermittlungen nimmt. Ist Gilles tatsächlich der wahnsinnige Killer..?

Der spanische Regisseur Carlos Aured hat in seiner etwas mehr als zehnjährigen Schaffensperiode zwar keine Unmengen an Filmen vorzuweisen, allerdings befinden sich darunter ein paar Genre-Perlen, die heute einen gewissen Kultstatus genießen. Mit diesem rein spanischen Vertreter des Giallo, blickt man zunächst auf einen überaus wohlklingenden Filmtitel, der sich in vielversprechender Art und Weise als Vorbote für ein besonderes Filmvergnügen empfehlen möchte. Ein Mann ist auf der Flucht vor den Altlasten der eigenen Vergangenheit, die ihn jedoch mental immer wieder heimsucht. Wie das verkorkste Schicksal es will, landet er in einer geheimnisumwitterten Villa, in der etliche eigenartige bis aufreizende Personen zu finden sind. Die Regie hält sich an die Architektur des klassischen Giallo, sodass viele gerne gesehene Elemente sehr früh für eine aufgeheizte atmosphärische Dichte sorgen können. Bleibt man bei den Charakteren, so stellen sich insbesondere die Damen selbst vor, ohne jedoch zu viel von sich preiszugeben. Zumindest im Zweifelsfall. Viele Details, sowie schöne Sets und Schauplätze lassen eine scheinbare Idylle zu, die sich jedoch durch ein unbekannt mitschwingendes Element aufhebt und es ist von vorne herein klar, dass die dunkle Vergangenheit sich mit der rätselhaften Gegenwart kreuzen wird. Das im Giallo gerne verwendete Thema Makellosigkeit, für das sich insbesondere sehr attraktive Darstellerinnen zur Verfügung stellen, wird in "The Blue Eyes of the Broken Doll" ebenfalls umgekehrt, schließlich zeigen sich körperliche Einschränkungen gleich in doppelter Potenz, denen möglicherweise noch eine Art Schlüsselfunktion zukommen könnte. Der Verlauf nimmt sich den ausgiebigen Luxus von Zeit, doch man hat es keinesfalls mit einem Dahinplätschern zu tun, sondern mit der sorgsamen Kreation aus Geheimnis und Spannung, bis nach etwa erst 45 Minuten ein Phantom zuschlägt und die bösen Vorahnungen bestätigt.

Die Szenerie ist mit einer erotischen Offensiv-Spannung aufgeladen, die sich ganz auffallend bemerkbar macht, weil sie sich quasi selbst hinauszögert, bestimmte Personen außen vor lässt und sich nur in kurzen Eruptionen entlädt. Grundlegend wird auf feine Ästhetik gesetzt und es zeigen sich daher fast ausschließlich ansehnliche Bilder, die ein besonders hochwertiges Profil kreieren werden. Der geneigte Zuschauer erwartet in einem derartigen Beitrag selbstverständlich auch blutige Kontraste, die sich schließlich einstellen. Allerdings muss hier angesichts typischer Seheindrücke ein gutes Stück umdisponiert werden, da eine wenig geschmackvolle Strategie mit dem Fließen echten Blutes gefahren wird. Was mit einer Taube anfängt, die gegen die Windschutzscheibe des Wagens der weiblichen Hauptperson prallt und durch eine befremdlich-prosaische Mechanik von ihrem Leben befreit wird, geht über das Zerkleinern eines Huhns in der Küche weiter und gipfelt schließlich in einer sprudelnden Blut-Fontäne, als einem Schwein die Kehle durchgeschnitten wird. Natürlich hinterfragt man ganz offen die Bedeutung, beziehungsweise Notwendigkeit dieser ziemlich unbehaglichen Veranschaulichungen, doch gerade dadurch entsteht hier ein pechschwarzer und schwer isolierter Nimbus, der die Inkompatibilität und eine mentale Unausgeglichenheit der Personen charakterisiert. Also können sich naturgemäß die eigenartigsten, beziehungsweise grausamsten Dinge abspielen, denn einige der Herrschaften werden in diesem Zusammenhang noch zum Angriff übergehen. Auf musikalischer Ebene erlebt "The Blue Eyes of the Broken Doll" eine sehr starke Unterstützung durch die Themen von Juan Carlos Calderón, die durch konträre Einsätze zum Gezeigten teilweise aufs Glatteis führen möchten, aber genauso strapaziöse Formen annehmen können, da zum Beispiel ein abgewandeltes und immer wiederkehrendes Thema des französischen Kinderliedes "Frère Jacques" zu hören ist, bis sich hochspannender Sleaze anschließt.

Schwarze Handschuhe greifen also nicht nur nach dem Leben, sondern gleich nach allem, womit es am schnellsten beendet werden kann. Die Opfer sind junge hübsche Damen, die dem Titel des Films eine makabre Aussage mitzugeben wissen, doch das Motiv bleibt bis zuletzt im Verborgenen, obwohl es aufgrund zahlreicher Hinweise viel Anlass zur Spekulation gibt. Da die Geschichte über sehr gute Darsteller verfügt, kommt es in diesem technisch einwandfreien Film zu formvollendeten Momenten. Da sich Horror-Ikone Paul Naschy die Ehre gibt, ist man als Zuschauer hin- und hergerissen zwischen Skepsis und Verständnis, doch mit dem Spanier erlebt man eigentlich so gut wie nie eine Art klassisches Urvertrauen. Gilles ist die personifizierte Vergangenheit ohne Zukunft und bleibt eine der hochgradig undurchsichtigen Komponenten der Geschichte. Dabei wirkt Naschys Leistung sehr intensiv und gut ausbalanciert, was sich auch insbesondere über seine geheimnisvolle Partnerin Diana Lorys sagen lässt, die eine wirklich begeisternde Performance aufs Parkett legt. Weitere ansprechende Darbietungen zeigen Antonio Pica, als resolut wirkender Inspektor, oder Eva León, die mit ihren unstillbaren Gelüsten in die Manege steigt. Besondere Erwähnung soll der Österreicherin Maria Perschy als Yvette zukommen, die zu jener Zeit längst ein Begriff auf dem spanischen Markt war. Die im Vorspann erwähnte, besondere Mitwirkung ihrerseits, rundet das Geschehen durch die Kunst des Wechselspiels ab. Eine besonders glaubwürdige Entourage. Bevor der Film des Rätsels Lösung offenbart, kommt es noch zu zahlreichen Intervallen, die wirklich sehenswert sind und im Endeffekt hat man es bei "The Blue Eyes of the Broken Doll" mit einem überraschend starken, vor allem originellen und extravaganten Vertreter des Giallo zu tun, der seine Erfüllung in der erfolgreichen Unterhaltungs-Mission und einem gut konstruierten Verlauf mit passendem Finale findet, das erwartungsgemäß gleich mehrere Kehrtwendungen bereit hält. Überzeugend!


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Der Rest ist Schweigen (1959)
BeitragVerfasst: 29.04.2017 21:11 
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Hardy Krüger   Peter van Eyck   Ingrid Andree   Adelheid Seeck   Rudolf Forster   in

DER REST IST SCHWEIGEN

● DER REST IST SCHWEIGEN (D|1959)
mit Boy Gobert, Rainer Penkert, Heinz Drache, Charles Regnier, Siegfried Schürenberg, Richard Allan, Josef Sieber, u.a.
eine Freie Film-Produktion | Real Film | im Europa Filmverleih
ein Film von Helmut Käutner


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»Meine Mutter. Das Wort hat kein Echo mehr!«

John Claudius (Hardy Krüger) kehrt aus dem amerikanischen Exil nach Deutschland zurück, wo sich im Ruhrgebiet das Werk seines verstorbenen Vaters (Siegfried Schürenberg) befindet. Als Alleinerbe der Claudius-Stahlhütte sorgt er bei vielen der übrigen Familienmitglieder für eine überaus angespannte Stimmung, zumal man sich über den Grund seiner Wiederkehr im Klaren ist. John ist nämlich der festen Überzeugung, dass sein Vater nicht wie behauptet bei einem Bombenangriff ums Leben kam, sondern einem perfiden Mordkomplott zum Opfer fiel. Unter seinen Verdacht fällt sein Onkel Paul (Peter van Eyck), der mittlerweile mit seiner eigenen Mutter Gertrud (Adelheid Seeck) verheiratet ist. John ist dazu entschlossen, den Bruder seines Vaters zu überführen und er provoziert einen Eklat, der in einer Katastrophe gipfelt...

Eine deutsche "Hamlet"-Verfilmung war dem Vernehmen nach ein lange bestehender Wunsch des Regisseurs Helmut Käutner, wohl wissend, dass es nicht einfach werden würde, diesen morbiden Stoff auch an den herkömmlichen Kinogänger bringen zu können. Betrachtet man die Produktion, so handelt es sich um eine vom Prinzip her nahe Variation des Theaterstücks von William Shakespeare und vieles wurde gar nicht so uninteressant eingedeutscht. Dass die Geschichte ein Stück weit auf dem Altar des deutschen Kriminalfilms geopfert wurde, wirkt im Endeffekt wie eine Rückversicherung, den Interessentenkreis so groß wie möglich zu halten, aber dieser Film, der seinerzeit mit dem Prädikat »wertvoll« versehen wurde, ist mehr als nur ein bemühter Versuch, denn die Balance zwischen anspruchsvoller Unterhaltung und Zugeständnissen an bestehende Sehgewohnheiten wurde in "Der Rest ist Schweigen" nicht nur berücksichtigt, sondern optimiert. Der Film gewinnt sein Profil letztlich nicht nur durch den weltliterarischen Nährboden, sondern durch den Zeitsprung in eine Ära, die schwer gezeichnet und tief gespalten war. Einen Versuch, die Geschehnisse an sich zu relativieren, sucht man in Käutners Film glücklicherweise vergeblich. Eher zeigt der Verlauf wenig Scheu, zu reflektieren, um im selben Moment die mangelhafte Aufarbeitung Einzelner offenzulegen. Dennoch biedert sich das Stück nicht als Richter an. Ausgewählte Personen repräsentieren sicherlich einige der Bürden einer sich gerade wieder aufrappelnden Nachkriegsgesellschaft, die sich teilweise aus Leugnen, Verdrängen und aus dem Festhalten an alten Mustern zusammensetzt, aber auch das Gegenteil wird aufgezeigt. Dies wird durch eine Familie erzählt, die jedoch nicht als isolierter Fall dargestellt wird. Wo sich die einen distanzieren, bekennen sich andere. Wo sich der eine erholen kann, wird jemand anders von der Realität kaputt gemacht. Mancher findet sich, die nächsten entfernen sich unüberwindbar voneinander.

Die Modernisierung einer klassischen Tragödie, gekreuzt mit einem alternativ angehauchten Kriminalstück, hört sich zunächst nicht gerade nach der perfekten Symbiose an, doch überraschenderweise geschieht in "Der Rest ist Schweigen" eine gesunde Umkehr von Gesetzmäßigkeiten und die Stärken ergeben sich aus der Variation, sowie den freien Entfaltungsmöglichkeiten der wichtigen Charaktere. Der Täter ist von Beginn an vom Protagonisten und dem Zuschauer verurteilt, daher resultiert die spannende Frage daraus, wie die unausweichliche Hinrichtung aussehen wird. In Gang gesetzt wird die Aufklärung und gleichzeitig Katastrophe durch den Protagonisten John Claudius. Ein quasi Abgeschobener kehrt heim, was konkret heißt, er kommt zurück in sein nominelles Zuhause. Die nervöse Spannung ist allseits zu spüren, da man nicht nur Unberechenbarkeit erwartet, sondern einen regelrechten Kulturschock. Hardy Krüger interpretiert den Außenseiter; eine Rolle die er häufig glaubhaft gezeichnet hat und noch zeichnen sollte, da er wie geschaffen für solche Anforderungen erscheint. Seine kühle, unaufgeregte und teilweise sogar labile Art wirkt für die Schlangen, die geistreicherweise vor dem Kaninchen erstarren, besonders gefährlich und wie das buchstäbliche rote Tuch. Wenn sich jedoch die Puzzlestücke der 15 Jahre alten Vergangenheit zusammenfügen, wird er seine höfliche Diskretion gegen eine existenzielle Bedrohung durch Aggression austauschen. Ein perfekter Nährboden für große und kleine Tragödien, auf dem sich Hardy Krüger hier mit höchster Präzision bewegt. Sein Gegenspieler und Bruder seines Vaters wird in der gleichen Liga exzellent dargestellt von Peter van Eyck. Bei dem bereits zehn Jahre nach dieser Produktion verstorbenen Schauspieler handelt es sich um eines der wenigen wirklichen Phänomene des deutschen Nachkriegsfilms, wenn man sich das Spektrum seiner vielschichtigen Rollen anschaut.

Peter van Eyck war es stets aus dem Stand, aber vor allem in generelll möglich, beide Seiten, sprich Gut und Böse, aber auch alles dazwischen, absolut überzeugend darzustellen. Paul Claudius' perfides Gesicht entsteht nicht nur durch die Tatsache, dass er sich durch das Ausschalten eines Kontrahenten ein unbeschwertes Leben ermöglicht und sich dazu alles genommen hat, sondern dass er den Beweis erbringt, dass er weder mit Blut noch Wasser etwas anzufangen weiß. Eine derartige Skrupellosigkeit und Kaltblütigkeit bildet ein Paar der wirkungsvollen Zutaten, die bei der Zuschauergemeinde leichte Schockzustände verursachen können. Rudolf Forster, als Überbleibsel der alten Garde, der in ambivalenter Weise ebenso für Treue, als auch Verrat steht, bereichert das Geschehen mit einer hoch konzentrierten Leistung, genau wie die gerne gesehenen Interpreten Siegfried Schürenberg, Rainer Penkert oder Charles Regnier, in sehr unterschiedlichen Rollen. Überraschend dicht fällt des Weiteren Heinz Draches Darbietung aus, da er nicht geneigt ist, um irgendwelche Sympathien zu buhlen und ihn die hochgradig vorhandene Überheblichkeit hier sehr gut kleidet. Bevor der erwartete Besuch die Schwelle auch nur betritt, konspiriert er bereits mit kritischen und abschätzigen Bemerkungen im Hintergrund, bis er sich ihm persönlich als ehemaliger Nazi vorstellt und letztlich eine der wenigen Instanzen darstellt, die in ihrer Arroganz zeitweise zwar nur schwer auszuhalten, aber wenigstens ehrlich ist. Lediglich Boy Gobert fällt schließlich ein wenig aus der Reihe, der dem Anschein nach sein ganzes Leben die gleiche Rolle zu spielen hatte und sich in "Der Rest ist Schweigen" wieder einmal selbst karikiert. Die Damen stehen der guten Spiellaune der Kollegen in nichts nach und bieten Vorstellungen der unterschiedlichsten Art an, können dabei für ebenfalls große Momente und problematische Verstrickungen sorgen.

Ingrid Andree vereint schwere Melancholie, auffällige Labilität, die unerträgliche Schwierigkeit des Seins und verheißungsvolle Poesie miteinander und bietet keinen greifbaren Charakter an, zumindest nicht auf den ersten Blick. Ihre Gemütskrankheit ist nicht nur ein übrig gebliebenes Resultat aus der Vergangenheit, sprich aus Kriegstagen, sondern vor allem der Gegenwart, die ihre Familie und das engste Umfeld darstellt. Da sich die Herrschaften hemmungslos selbst vorgestellt haben, wird es zu einer interessanten Frage, wer oder was sie eigentlich am meisten krank gemacht hat. Nur im Zusammensein mit John entstehen lichte Momente, doch durch Andrees vehementen Versuch, eine pechschwarze Prognose zu zeichnen, wird immer mehr klar, dass ein vages, aufblitzendes Licht am Ende des Tunnels nur ein entgegenkommender Zug sein kann. Zu guter Letzt gibt sich noch die großartige Adelheid Seeck in ihrer Paraderolle die Ehre. Es ist einfach spannend zu sehen, wenn im Rahmen derartig besonderer schauspielerischer Kompetenzen die Contenance zahlreichen fallenden Masken weichen muss, und sich herausstellen kann, ob sich die große Dame von Welt in diesem unerbittlichen Schachspiel selbst opfern muss. Alleine Schauspieler und Stab tragen schon zum überdurchschnittlichen Charakter dieses Films bei, aber auch die morbide Stimmung, die sich unmissverständlich durch das Szenario windet. Großartige Bildeindrücke, ein klarer Aufbau und eine zeitweise fordernde Regie bilden die großen Stärken von "Der Rest ist Schweigen", dem seine teils herkömmlichen Tendenzen durch den zeitgenössischen Krimi-Einschlag weniger schaden, als dass sie ihm zugute kommen. Helmut Käutners Beitrag, der 1959 ohne Auszeichnung am Wettbewerb der Berlinale teilnahm, stellt unterm Strich keine betont leichte Kost dar, versucht sich allerdings auch nicht in überdimensional hohe Sphären zu hieven. Unterm Strich ein wirklich sehenswertes, wenngleich schwermütiges Stück Zeitkolorit.


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 Betreff des Beitrags: Fünf Freunde und ein Zigeunermädchen (1978)
BeitragVerfasst: 01.05.2017 16:19 
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● Folge 19: FÜNF FREUNDE UND EIN ZIGEUNERMÄDCHEN / FIVE HAVE A WONDERFUL TIME (1978)
mit Marcus Harris, Gary Russell, Jennifer Thanisch, Michele Gallagher, Michael Hinz, Sue Best, Friedrich von Thun
Gäste: Leon Eagles, Stephen Greif, Leslie Schofield, Chubby Oates, Rita Webb, u.a.
eine Produktion der Southern Television | in Zusammenarbeit mit dem ZDF
Regie: Sidney Hayers



Aus einer Tageszeitung erfährt George, dass der Wissenschaftler Terry Kane entführt worden ist und gleichzeitig unter Verdacht des Landesverrats steht. Professor Kirrin ist sehr bestürzt über die Angelegenheit, schließlich handelt es sich bei Kane nicht nur um einen geschätzten Kollegen, sondern auch um einen engen Freund. Als die Fünf Freunde in der Nähe eines alten Schlosses kampieren, finden sie durch einen Zufall heraus, dass sich in dem leer geglaubten Gemäuer doch Personen befinden. Und tatsächlich wird der verschwundene Professor, von dessen Unschuld die Kinder überzeugt sind, in einem der Turmzimmer gefangen gehalten. Bei dem Versuch, Kane zu befreien, werden sie von dem Entführer überrascht. Nur Anne kann bei der Aktion entkommen und sucht Hilfe bei in der Nähe rastenden Zigeunern, die nicht lange überlegen und handeln...

Für einen kurzen Moment könnte man meinen, dass die Kirrins ein ganz normales und idyllisches Leben führen, allerdings lässt die nächste Hiobsbotschaft wieder einmal nicht lange auf sich warten. Nicht nur die fünf Protagonisten scheinen das Verbrechen anzuziehen wie ein Magnet, sondern auch Professor Kirrin, der durch seine Forschungsarbeiten immer wieder in den Fokus von Industriespionage gerät, In diesem Fall handelt es sich nur um einen engen Vertrauten, doch der erfahrene Anhänger der "Fünf Freunde" ahnt bereits, wie sich die Dinge entwickeln werden, beziehungsweise müssen. Jungen Zuschauern ist es sicherlich vollkommen gleich, ob Vater Zufall den Protagonisten helfen wird, diesen wenig kniffligen Fall zu lösen, doch nach Jahren der Anhängerschaft haben sich tatsächlich die spektakulären von den durchschnittlichen Fällen getrennt. "Fünf Freunde und das Zigeunermädchen" ist definitiv eine der Episoden, die nur noch wenig Neues zu bieten haben und auch beim Thema Spannung und Extravaganz muss man leider etwas tiefer stapeln als sonst. Für durchschnittliche Eindrücke sorgen nicht zuletzt auch die beiden Titel der deutschen und englischen Version, die beinahe gar nichts über diesen Fall aussagen und falsche Erwartungen wecken. Sidney Hayers, der ja gerade als Regisseur für Serien kein Unbekannter ist, inszenierte insgesamt leider zu bescheiden und die neunzehnte Episode wirkt wie geklont, kommt trotz bekannter Muster daher lange nicht an die Qualität anderer Folgen heran. Der Verlauf gefällt sich in einer rasanten Note, achtet aber keineswegs darauf, für schlüssige Zusammenhänge zu sorgen, was aufgrund der relativ schwachen Ausgangslage bezüglich des Scripts auch kein Wunder ist. Also müssen es die fünf Protagonisten mit gewohnter Ermittlungsfreudigkeit und dem üblichen Charme richten.

Am Ort des Geschehens angekommen, hilft ihnen wie erwähnt ein glücklicher Zufall, um auf die entscheidende Spur zu gelangen. Mit einem Fernglas beobachten Dick und George eine Person in einem der Turmzimmer und Georges' Erinnerung lässt sie nicht im Stich, denn sie kann sich an das markante Gesicht erinnern, weiß nur noch nicht genau, woher sie es letztlich kennt. Bei den sich in der Nähe befindenden Zigeunern fragen sie nach einer Zeitung der letzten Tage und mithilfe der Titelseite, deren Schlagzeile mit dem Wort »Verräter« aufwartet, erkennen sie den Mann anhand des Fotos und identifizieren ihn als Professor Kirrins Kollegen Kane. In diesem Zusammenhang entstehen Szenen, die die gewohnte Situationskomik vieler Episoden aufkommen lassen. Die Zeitung war beispielsweise in stinkenden Fisch eingewickelt, an dem die alte Zigeunerin einmal herzhaft riecht, als ob es sich um eine Delikatesse handeln würde und auch zwischen den Freunden gibt es mehrere heitere Gespräche, in denen beliebte running gags zum Tragen kommen. Bei der hastig organisierten Befreiungsaktion kommen einige spannende bis gefährliche Phasen auf, da die Kinder durch das dunkle Gemäuer schleichen müssen und sie jederzeit von der Entführerhand gepackt werden könnten. Darstellerisch bewegt sich das Ganze auf gewohnt hohem Niveau und man kommt in den Genuss dieser immer noch besonders unverbrauchten Spiellaune. Auch die wenig bekannten Gastdarsteller hinterlassen solide Eindrücke, sodass das schnell herbei gekurbelte Finale schlussendlich doch versöhnlich stimmt. Insgesamt handelt es sich bei "Fünf Freunde und ein Zigeunermädchen" um eine der unspektakulären Folgen der geschätzten Serie, wobei sich dieser Eindruck sicherlich nach heutigen Ansprüchen formt. Für junge Zuschauer ist und bleibt auch diese vermeintlich schwächere Folge sicherlich ein Treffer.


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 Betreff des Beitrags: Das Geheimnis vom Bergsee (1952)
BeitragVerfasst: 06.05.2017 18:28 
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DAS GEHEIMNIS VOM BERGSEE

● DAS GEHEIMNIS VOM BERGSEE / DAS MÄDCHEN MIT DER PEITSCHE (D|CH|F|1952)
mit Lil Dagover, Harriet Gessner, Fredy Scheim, Marcelle Géniat, Ann Berger, Michel Barbey und Howard Vernon
eine Produktion der Aidal Beaujon-Film | Films Monopole | Karpat-Film | Tempo-Film | im Verleih der Donau Film
ein Film von Jean Dréville


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»Ich hab das Leben satt hier!«

In einem idyllischen Schweizer Bergdorf lebt die junge Angelina (Harriet Gessner), von der niemand weiß, dass sie ein dunkles Geheimnis mit sich herumzutragen hat. Aufgrund einer komplizierten Erbschaftsgeschichte ist sie nämlich gezwungen, den Leuten eine falsche Identität vorzuspielen, da ihre Mutter Lamberta (Lil Dagover) die Weichen so gestellt hat, dass jeder das Mädchen nur als den Jungen namens Pietro kennt. Auf Angelina liegt daher eine schwere Last und eines Tages kommt der Zeitpunkt, an dem die gesamte Maskerade aufzufliegen droht, da sie in berüchtigte Schmugglerkreise hineingerät. Um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen, soll sie schließlich auf ein Internat gehen, doch alles ändert sich schlagartig, als sie einen jungen Mann kennenlernt...

In jenen Jahren konnten Geschichten rund um düstere Geheimnisse in einer idyllischen Bergkulisse noch viele Zuschauer ansprechen, allerdings bekommt man mit Jean Drévilles Drama keinen konventionellen Heimatfilm geboten, wie er vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Für das Produktionsjahr 1952 zeigen sich eine Reihe von ungewöhnlich deutlichen Aufnahmen rund um Nacktheit und Freizügigkeit, außerdem durften Intrigen und zwielichtige Personen nicht fehlen, um dem Film ein unkonventionelles Profil zu verleihen, das sich im weiteren Verlauf allerdings beinahe vollkommen verliert. Die Literaturverfilmung entstand in Co-Produktion dreier Länder und für den französischen Markt wurde eine separate Version mit einigen, vor allem bei den Hauptrollen, unterschiedlichen Darstellern abgedreht. Die Atmosphäre bildet sich durch herrliche Aufnahmen in den Schweizer Bergen, der Integration von besonderen Charakteren und der Tatsache, dass bedrohliche Elemente einige Phasen dominieren. Ein Geflecht aus Lügen sorgt für Dramatik und Spannung, wenngleich derartige Anflüge natürlich relativ gewertet werden müssen, um den empfindlichen Zuschauer nicht zu sehr zu strapazieren. Konventionen und Traditionen verschärfen die Situation der Hauptperson, die aufgrund ihres Fluchttriebes in Schmugglerkreise gerät, sodass sich über diesen Inhalt eine ganz herkömmliche Haupthandlung entfalten kann, die bekannt aus diversen Heimatfilmen ist. Das ganz große Plus dieser Produktion sind bestimmt die vielen charakteristischen Aufnahmen vor der Bergkulisse und in diesem Zusammenhang entsteht nicht nur die erwähnte atmosphärische Dichte, sondern auch eine auffällige und geradezu imposante Bildgewalt.

Auf den ersten Blick erscheint der Film nicht so besetzungsstark zu sein, wie man es vielleicht aus ähnlichen Beiträgen gewöhnt ist, allerdings ist mit UFA-Legende Lil Dagover ein ganz großer Star in den Hauptrollen zu sehen. Dagover war es stets möglich, besondere Eindrücke über ihre bloße Präsenz aufzubauen, was hier nicht anders ist. Die erste Begegnung mit Lamberta findet in einer relativ spartanisch eingerichteten Berghütte statt und ihr Erscheinungsbild beißt sich doch sehr mit dem des Ambientes, da Lil Dagover wie gewöhnlich eher wie eine Königin aussieht und sich auch dementsprechend hoheitsvoll und gebieterisch verhält. Erneut findet ein starker Distanzaufbau über ihre Person statt, was sich nicht nur in ihren Gebärden widerspiegelt, sondern vor allem in der Tatsache, dass sie die Protagonistin in einem jahrelangen Würgegriff hält, dessen Basis eine designierte Erbschaft sein soll. Die große darstellerische Überraschung ist sicherlich Harriet Gessner, deren unverbrauchtes und glaubhaft wirkendes Schauspiel dem Film einen besonderen Stempel aufdrücken kann. In ihren Augen spiegelt sich die notwendige Dramatik genauso wie die immer wieder aufblitzende Lebensfreude, jedoch muss der Verlauf das Schicksal erst einmal ordnen. Erwähnenswert ist noch der Auftritt von Howard Vernon in der Nebenrolle des zwielichtigen Schmugglerwirts, außerdem sind die Leistungen der restlichen Darsteller durch die Bank überdurchschnittlich gut gelungen. Jean Dréville stattet seinen inszenatorisch einwandfreien Film unterm Strich mit zahlreichen progressiven Untertönen aus, die in Heimatfilmen vielleicht nicht alle Tage zu finden waren, jedoch grenzt sich "Das Geheimnis vom Bergsee" insgesamt gesehen nicht grundlegend von der Konkurrenz ab. Für Nostalgiker.


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 Betreff des Beitrags: Spurwechsel (2006)
BeitragVerfasst: 12.05.2017 13:00 
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● FOLGE 358 | SOKO 5113 | SPURWECHSEL (D|2006)
mit Wilfried Klaus, Hartmut Schreier, Michel Guillaume, Bianca Hein
Gäste: Christiane Krüger, Moritz Lindbergh, Tanya Neufeldt, Martin Böhnlein, Adrian Can, Andreas Seyferth, u.a.
eine UFA Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Bodo Schwarz





Sonja Amberg (Christiane Krüger) kommt eines Abends von einem misslungenen Vorsingen eines ihrer Schüler nach Hause und findet im Salon ihres Hauses ihren erschlagenen Mann vor. Er wurde von einem Unbekannten ermordet und die Ermittlungen der SOKO ergeben schnell, wer das Mordopfer zuletzt lebend gesehen hat. Die Befragungen gestalten sich insofern als schwierig, da einige Personen durch Geheimniskrämerei und mangelnde Kooperationsbereitschaft auffallen, doch es zeichnen sich eindeutige Motive ab. Kriminalhauptkommissar Schickl (Wilfried Klaus) nimmt unter Anderem die trauernde Witwe ins Visier, doch es bieten sich noch weitere Verdächtige in diesem nebulösen Fall an...

Der Inszenierungsstil der "SOKO 5113"-Folge "Spurwechsel" hat mit den Episoden der frühen Phase nur noch wenig gemein und es lassen sich lediglich noch ein paar gedankliche Brücken bauen, die sich dem Empfinden nach eher wie nostalgische Erinnerungen anfühlen. Selbstverständlich kommt diese Frischzellenkur dem Charakter der Serie sehr zugute und es zeigt sich ein moderner Transfer, der diese im handwerklichen Sinn gut komprimierte Folge sehenswert macht. Ein früher Mord und die schnelle Integration der Tatverdächtigen sorgt für ein angemessenes Tempo, und es sind vor allem die Ermittlungen, beziehungsweise Verhöre, die den Ton angeben. In diesem Zusammenhang fällt der sachliche und vollkommen pragmatische Tenor auf, der von allen Instanzen des Ermittlerteams ausgeht. Der Fall an sich wird gewollt nebulös gehalten und der determinierte Weg zum Ziel besteht aus sorgsam geordneten Etappen, die vor allem durch die straffe Montage mit diversen Einblendungen und parallel geschalteten Verhörszenen für gute Momente sorgen. Der Fall an sich bleibt insgesamt jedoch leider herkömmlich und hält sich mit zu vielen Nebensächlichkeiten auf, die dem Zuschauer als wichtige Indizien aufgetischt werden, wobei das Motiv um den rätselhaften Mord so lange wie möglich im Dunkeln gehalten wird. Hohe Widerstände und die teils absurd klingenden Geschichten der verdächtigen Personen stiften Verwirrung und Ratlosigkeit, zumindest beim Zuschauer, allerdings lässt sich das Team der Sonderkommission davon erst gar nicht beeindrucken und kommt der Lösung zielstrebig näher.

Die interessanteste Komponente in dieser Episode ist sicherlich die Zusammenarbeit der Ermittler, da die einzelnen Personen dem Anschein nach bei ihren Alleingängen nicht so perfekt funktionieren, wie es im Team der Fall ist. Etliche, vom Grund auf unterschiedliche Eigenschaften treffen in "Spurwechsel" aufeinander, aber es wird auch durchaus eingeräumt, dass es zu Fehlern kommen darf, die nur allzu verständlicher Natur sind. Leider muss dennoch betont werden, dass der Kriminalfall samt Ausarbeitung bestimmt keine Sternstunde der Serie darstellt, denn der Verlauf ist unterm Strich zu eintönig und nahezu uninteressant ausgefallen. Die Twists wirken vorhersehbar, außerdem wird die Kohärenz mehr als einmal auf die Probe gestellt. Einfallslos plätschert das Szenario also vor sich hin, sodass man sich an einige Strohhalme in Form der teils prominenten Gäste klammern muss. Eine Episoden-Hauptrolle für Christiane Krüger macht sich erfahrungsgemäß stets gut, und hier ist sie in einer gut strukturierten Rolle zu sehen, die mit den üblichen ihrer Kniffe ausgestattet ist. Im Rahmen von Misstrauen und Vertrauen entsteht mit ihr ein Wechselbad der Gefühle, was natürlich förderlich für die sonst eher spannungsarme Geschichte ist, aber vergleichsweise kein großes Highlight in ihrer Karriere darstellt. Besonders erfreulich erscheint noch der Auftritt der überaus gerne gesehenen Tanya Neufeldt, die sich problemlos in die Riege der schlecht einzuschätzenden Personen einreiht. Am Ende wirkt der Fall schließlich viel zu konstruiert, um überzeugend zu wirken, da auch alles zu reibungslos über die Bühne gezwungen wird. Große Überraschungen bleiben in Bodo Schwarz' Beitrag schließlich aus, sodass sich nur ein "Spurwechsel" zu inszenatorisch dichteren Episoden abzeichnen kann.


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 Betreff des Beitrags: Die Spur der schwarzen Bestie (1972)
BeitragVerfasst: 16.06.2017 01:03 
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James Garner   Katherine Ross   in

DIE SPUR DER SCHWARZEN BESTIE

● THEY ONLY KILL THEIR MASTERS / DIE SPUR DER SCHWARZEN BESTIE (US|1972)
mit Hal Holbrook, Harry Guardino, Christopher Conelly, Peter Lawford, Ann Rutherford, Tom Ewell und June Allyson
eine Produktion der Metro-Goldwyn-Mayer
ein Film von James Goldstone


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»Der Fall ist ziemlich sexy!«

In dem kalifornischen Küstenort Eden Landing wird eine entsetzlich entstellte Leiche angespült. Bei der Toten handelt es sich um die dort ansässige Jenny Campbell (Lee Pulford) und ihre Verletzungen lassen darauf schließen, dass sie von ihrem eigenen Dobermann getötet wurde. Sheriff Abel Marsh (James Garner) stellt Nachforschungen in diesem eigenartigen Fall an, zumal sich herausstellt, dass die Todesursache der Frau nicht auf einen Angriff ihres Hundes zurückzuführen ist. Sie wurde offensichtlich ermordet. Noch während des mühevollen Zusammentragens von Indizien, taucht auch schon die nächste Leiche auf, was Marsh beweist, dass er in ein Hornissennest gestochen hat...

Bei der Betrachtung der vielversprechenden Titel von James Goldstones Whodunit-Thriller kommt es zu einer recht großen Erwartungshaltung, da etwas rundum Beunruhigendes suggeriert wird. Interessanterweise kehrt sich der deutsche Titel nach kürzester Zeit einfach um, da man nicht mehr der sogenannten schwarzen Bestie auf der Spur ist, sondern sie höchstpersönlich prägend in den Verlauf eingreift und Sheriff Mash selbst die Spuren liefert, denen nachzugehen ist. Tiere, die in Filmen aggressiv und furchterregend inszeniert werden, prägen den jeweiligen Verlauf meistens sehr nachhaltig und der Dobermann "Murphy" sorgt hier mitunter für sehr starke Szenen. Der Film wartet schließlich mit genau dosierten Momenten auf, hat dabei hin und wieder mit einem insgesamt zu ruhigen Tempo zu tun, allerdings nicht zu kämpfen. Insgesamt lässt sich ein klarer Aufbau herausfiltern, was gewisse Unzulänglichkeiten des Plots nicht allzu gravierend erscheinen lässt, denn im Großen und Ganzen präsentiert sich diese weniger bekannte Produktion in origineller Manier. Bestückt mit bekannten Leinwand-Sars und Veteranen des amerikanischen Kinos, können die hohen Erwartungen erfüllt werden, auch wenn das anfänglich mitschwingende Horror-Element, das sich hinsichtlich des reißerischen Titels empfohlen hatte, schnell fallengelassen wird, um in eher konventionelle Bahnen gelenkt zu werden. "Die Spur der schwarzen Bestie" driftet hin und wieder eine Art TV-Charme ab, was durch viele eindrucksvolle Sequenzen und nahezu idyllische Bilder ausgeglichen wird, die immer wieder durch plötzlich einschießende Schockmomente für die nötige Grundspannung sorgen. Hierbei werden dramaturgisch einige Möglichkeiten offen gehalten, aber auch fallengelassen, die im Bereich des Möglichen Hintergründe anbieten, die mysteriöser oder weltlicher Natur sein könnten.

Starke Akzente werden durch die Bank von den zur Verfügung stehenden Charakteren gesetzt. James Garner zeichnet die Figur des Provinz-Sheriffs sehr überzeugend. Abel Marsh ist ein Mann der Erfahrung, der zwar nichts dem Zufall überlassen möchte, diesen aber oft bereitwillig annimmt. Dabei zeigen sich keine falschen Eitelkeiten und von seiner Wirkung her erscheint der aufgeweckte Gesetzeshüter einfach und echt. Zusammen mit seiner schönen Partnerin Katherine Ross entwickelt ein sehr ansehnliches Duo, bei dem das Thema Leidenschaft ganz groß geschrieben wird. Weitere bekannte Gesichter und damit verbundene stilechte Interpretationen liefern Darsteller wie Hal Holbrook, Harry Guardino oder Peter Lawford, die ebenso prägend ins Geschehen eingreifen können, wie die Hauptrollen. Eine besondere Freude ist das nette Wiedersehen mit June Allyson, die trotz ihrer nur kurzen Intervalle einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen weiß. "Die Spur der schwarzen Bestie" punktet insgesamt durch einen adäquaten Erzählfluss und in diesem Zusammenhang sind die in jeder Situation angepassten Dialoge zu nennen, die teils hitzig aufgeladen, geistreich und humorvoll sind, oder sogar erfrischend-anzügliche Formen annehmen. Von der Klassifikation her ist und bleibt James Goldstones Beitrag ein ruhiger Thriller, der zwar zu keiner Zeit nach den Sternen greift, aber aufgrund seiner soliden Bearbeitung überzeugen kann. Wenn alle Irrtümer beseitigt sind, sich das Feld der Personen dezimiert hat und die Hintergründe offengelegt wurden, bleibt vor allem das letzte Drittel mit seinen vielen rasanten und spannenden Phasen in Erinnerung, außerdem das gut konstruierte Finale. Letztlich handelt es sich also um einen Film, der aufgrund seiner Einfachheit, wegen des bemüht ausgewogenen und letztlich eigenständigen Charakters punkten konnte. Ein durch und durch angenehmer Zeitvertreib.


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 Betreff des Beitrags: Die Nonne (1966)
BeitragVerfasst: 16.06.2017 21:15 
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Anna Karina

DIE NONNE

● LA RELIGIEUSE / DIE NONNE (F|1966)
mit Liselotte Pulver, Micheline Presle, Francine Bergé, Francisco Rabal, Christiane Lénier, Wolfgang Reichmann, u.a.
eine Produktion Rome Paris Films | Société Nouvelle de Cinématographie | im Eckelkamp Verleih
ein Film von Jacques Rivette


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»Dich schickt der Teufel!«

1750. Wie viele andere junge Mädchen muss Suzanne Simonin (Anna Karina) gegen ihren Willen und auf Wunsch ihrer Familie in ein Kloster. Jedoch verspürt die junge Frau keinerlei Berufung und prangert wenig später die eklatanten Missstände in ihrem Orden an, findet dabei sogar eine Verbündete in der Oberschwester (Micheline Presle). Als diese jedoch stirbt, wird Suzanne von deren sadistischer Nachfolgerin namens Schwester Sainte-Christine (Francine Bergé) terrorisiert, die die anderen Schwestern für alle erdenklichen Boshaftigkeiten mobilisiert. Nach einem langen Leidensweg gelingt es der Abtrünnigen endlich in ein anderes Kloster versetzt zu werden, doch auch dort gibt es ein böses Erwachen, denn sie wird mit den sexuellen Ausschweifungen der dortigen Oberin, Madame de Chelles (Liselotte Pulver), konfrontiert...

»Geloben Sie Gott Armut, Keuschheit und Gehorsam?« Die Antwort der Titelfigur Suzanne Simonin fällt auch nach mehrmaligem eindringlichen Fragen mit »Nein!« denkbar knapp, aber ebenso eindeutig aus. Auch ihre leidenschaftlichen Worte, die der puren Verzweiflung entspringen, können das bevorstehende Schicksal nicht abwenden, denn Familie und Kirche haben empfindlich über ihr zukünftiges Leben entschieden und es ist, als habe man ein Todesurteil vollstreckt. Isolation, Abgeschiedenheit und Terror sollen die junge Frau schließlich zum Einlenken und dem Annehmen des kirchlichen Deckmantels zwingen, doch hinter den Kulissen wird ohne Scheu über die wahren Gründe debattiert, die nur allzu weltlicher, sprich finanzieller Natur sind. Das noch zuvor erklungene, glorreiche Glockenspiel des Vorspanns verhallt schnell und der Ernst der Lage spitzt sich unangenehm zu, sodass Jacques Rivettes hochklassiger Beitrag unmittelbar an Massivität zunehmen kann. In diesem Zusammenhang behält man natürlich auch die bevorstehenden 135 Minuten Spielzeit im Auge, die ebenso wuchtig für diesen Leidensweg einer jungen Frau wirken und es stellt sich die Frage, ob sich aufgrund der zu erwartenden, oder besser gesagt naturgemäßen Einförmigkeit der Geschichte nicht einige Längen einschleichen werden. Das Setting Kloster bietet eben jene Eindrücke an, die Schwestern in ihrem Gelübde abzulegen haben, doch "Die Nonne" bietet trotz der eingeschränkten Möglichkeiten eine überaus starke Geschichte und erstaunlich dichte Charakterzeichnungen an, sodass der Film eine Spannung zu transportieren weiß, die sich wie ein schleichendes Gift entfaltet. Dies bekommt natürlich vor allem die tragische Protagonistin zu spüren, deren Schicksal fortschreitend immer unerträglichere Formen annimmt, auch für diejenigen, die einfach nur aus der zweiten Reihe zuschauen müssen.

Die Struktur des Films ist geprägt durch eine hohe Dichte von Dialogen. Dabei werden Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft rabenschwarz gezeichnet, bis ein nahezu destruktiver Charakter Überhand gewinnt. Lichtblicke sind rar gesät und wenn sich solche zeigen, sind sie ausschließlich dazu gemacht, um wenig später in Stücke zu zerfallen. Ansonsten beschäftigt sich der Verlauf mit dem Aufzeigen des peinlich genauen Einhaltens von Klosterregeln und unsentimentaler Härte, die so konträr zu dem Gespenst der Nächstenliebe steht, dem zwar alle vordergründig die Treue halten, sich aber in perfider Manier in andere Richtungen orientieren. Ungehorsam wird bestraft, streng bestraft, und es zeigt sich eine perfekt choreografierte Tendenz, die Realität einfach wegzubeten. Für eine durch und durch hohe Glaubwürdigkeit sorgt Hauptdarstellerin Anna Karina, die vor, aber insbesondere nach Eintritt ins Kloster, ein schweres Kreuz zu tragen hat. Die fragile Ausstrahlung der Dänin will hierbei perfekt zu den Anforderungen passen und man sieht ein zutiefst trauriges und verzweifeltes Wesen, welches in grotesker Art und Weise eben von jenem Glauben gebrochen wird, der so tief in ihr verwurzelt ist. Ihre Überzeugungen werden schließlich von der unerbittlichen Maschinerie der Kirche unterwandert und in diesem Zusammenhang kommen überaus eindringliche, aber auch ergreifende Szenen zum Tragen, die authentisch und schockierend wirken. Anna Karinas Leistung offeriert global gesehen die Sinnhaftigkeit einer Idealbesetzung und prägt den ohnehin hervorragenden Film außergewöhnlich gut durch Temperament, Resignation, Verzweiflung und Demut. Die Abwärtsspirale in der sie sich befindet wirkt unaufhaltsam und sorgt für pures Unbehagen. »Du bist nicht wert zu leben!«, ist nur eine der Aussagen, die sie von ihren Schwestern zu hören bekommt, als ihr alle Rechte innerhalb der Klostermauern aberkannt werden, die eigentlich für Schutz sorgen sollten.

Da sie sich dem allgemeinen Willen nicht beugen will, beziehungsweise es aus tiefstem Glauben nicht tun kann, kommt es zu Lügengeflechten, Verleumdungen, gewaltsamen Übergriffen und nacktem Terror. Da alle Beteiligten die Blanko-Absolution von oben zu haben glauben, rechtfertigt sich jedes noch so unmenschliche Verhalten. Zu guter Letzt wird schließlich der Teufel selbst bemüht, um das Verhalten der Abtrünnigen zu rechtfertigen, bis schließlich eine peinliche Untersuchung des Falls anberaumt wird und Schwester Suzanne Simonin in einem anderen Kloster untergebracht wird, da die weibliche Dominanz innerhalb der isolierten Klostermauern durch die über allem stehende, externe männliche Herrschaft gebrochen wird. Insgesamt gesehen kann es nicht weltlicher zugehen, als an jenen heiligen Orten und im Endeffekt spielt es keine Rolle, wo die Protagonistin landen wird, da sich überall Machtkämpfe und innere Gewissenskonflikte aufbäumen. Der unausweichliche Wechsel zu einen neuen Orden ist weniger der Tatsache geschuldet, dass man Schwester Suzanne schützen will, sondern die Obrigkeit muss mit aller Gewalt einen Skandal vermeiden. Ein progressiveres Kloster soll nun die beruhigende Wirkung haben, doch auch hier findet sich nichts als innere Gegenwehr. Ab diesem Zeitpunkt greift die bekannte Schweizer Schauspielerin Liselotte Pulver ins Geschehen und das Leben der Titelfigur ein und entgegen ihres bestehenden Images sieht man eine absolut losgelöste Leistung Pulvers, die vielleicht selten so überzeugend und vor allem provokant wahrzunehmen war, außerdem mit der Suche nach Körperkontakt irritiert, wo sie nur kann. Unter ihrer Leitung etabliert sich also der Eindruck, als ob man es weniger mit einem Kloster, als mit einem luxuriösen Freudenhaus zu tun hätte, in welchem das ausschweifende Leben der Madame de Chelles Überhand gewonnen hat. Eine ausgezeichnete Darbietung!

Generell ist zu sagen, dass die schauspielerischen Leistungen in der Oberklasse anzusiedeln sind und bekannte Namen wie Micheline Presle, Francine Bergé, Christiane Lénier, Wolfgang Reichmann oder Francisco Rabal veredeln den Verlauf mit einer Reihe von Präzisionsauftritten in Form dichter Charakterzeichnungen. Obwohl der weltliche und regelrecht sexuell aufgeladene Wind im neuen Kloster weniger bedrohlich wirkt, als die unbekömmliche Radikalkur des vorigen Gefängnisalltags, wittert man angesichts böser Vorahnungen anders geartete Gefahren, die sich auch nach kurzer Zeit als Ruhe vor dem Sturm präsentieren werden. Das Schildern dieser hochwertig im Bilde festgehaltenen Kontrastprogramme erfährt jeweils eine prominente Durchleuchtung und lässt die nächste Etappe mit Spannung erwarten. Zwar erscheint es ungewiss, wie diese letztlich aussehen mag, doch es wird auch vollkommen klar, dass es für die Hauptfigur kein Spaziergang sein wird. Jacques Rivette bedient sich klassischer Stilmittel und spielt geschickt mit subtilen Andeutungen, die sich wiederkehrend in der eigenen Fantasie fortführen. Insbesondere die teilweise deftige Exposition im psychologischen Bereich sorgt für die anvisierte Unruhe und viele der Charaktere sind bei einem mentalen Drahtseilakt zu beobachten. Der Weg zum Ende ist schließlich genauso grausam, wie das Finale selbst und es wirkt unterm Strich fast schon erschreckend, dass diejenige Person, die die Berufung angeblich nicht gehört haben will, die einzige Heilige in der Arena der Selbstinszenierer, Gotteslästerer und Machthungrigen sein und büßen wird. "Die Nonne" ist insgesamt ein Film, der den geschichtlichen Kontext auffällig ernst nimmt und aufgrund der exzellenten Bearbeitung eine hohe Glaubwürdigkeit vermittelt, daher die uneingeschränkte Absolution des Zuschauers durchaus verdient. In in allen Belangen wirklich ganz hervorragender und - wenn man so will - seriöser Beitrag.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Die verrückten Reichen (1976)
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Bruce Dern   Stéphane Audran   Sydne Rome   Jean-Pierre Cassel   Ann-Margret   in

DIE VERRÜCKTEN REICHEN

● FOLIES BOURGEOUISES / DIE VERRÜCKTEN REICHEN / PAZZI BORGHESI (F|D|I|1976)
mit Maria Schell, Francis Perrin, Mauro Parenti, Sybil Danning, Yvonne Gaudeau, Charles Aznavour sowie Curd Jürgens und Tomas Milian
eine Produktion der Barnabé Productions | cCc FILMKUNST | Gloria Film | im Gloria Filmverleih
ein Film von Claude Chabrol


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»Dekadentes Geschmeiß!«

Das Leben des amerikanischen Bestseller-Autors William Brandels (Bruce Dern) und dessen Frau Claire (Stéphane Audran) besteht aus purem Luxus und öffentlichen Verpflichtungen in der gehobenen französischen Gesellschaft. Bei einer wichtigen Preisverleihung in der Villa des Verlegers Jacques Lalouet (Jean-Pierre Cassel) geht William zwar leer aus, jedoch nicht seine Frau, da sie eine Affäre mit dem Gastgeber anfängt. Ihr Ehemann steht den außerehelichen Aktivitäten jedoch in nichts nach und hat eine Liaison mit der attraktiven Dolmetscherin Charlie Minerva (Ann-Margret), bis sich die gegenseitige Eifersucht so sehr hochschaukelt, dass sich beide in den absurdesten Gedanken wiederfinden. Ein Tapetenwechsel soll die gewohnten Gesetze ihrer Alltagshölle wieder herstellen...

Bereits die ersten Szenen in Claude Chabrols Gesellschaftskomödie "Die verrückten Reichen" sind auf Konfrontation und Bloßstellung getrimmt. In einem feudal eingerichteten Haus, das von Kunst und Prunk nur so überzuquellen scheint, stellen sich die Titelfiguren in eindeutiger Manier selbst vor. Eine reiche und für ihre eigenen Begriffe eben nur gerade noch attraktive Französin räkelt sich in der Badewanne und spielt mit Modell-Kriegsschiffen, bevor sie nach einen Drink ruft, den ihr Mann auch wie wohl häufig serviert. An der Bar sitzt das gelangweilte und offensichtlich wie üblich angeheiterte Dienstmädchen, welches ihre Mädchenjahre auch längst gesehen hat, und gibt dem Whiskey nicht gerade liebevoll und mit bloßen Händen einige Eiswürfel hinzu, bis sie vor dem leeren Gequatsche der Herrschaften flüchtet. Diese ersten Eindrücke skizzieren den unbeschwerten Alltag der Schickeria, bevor man sich vor dem Spiegel saniert, um auf einen Empfang salonfähig zu sein, bei dem gelästert wird, dass sich die Balken biegen. Geld, Gerüchte, Sex, Indiskretionen und Intrigen werden zu den Gesprächsthemen, die den guten Ton angeben und dem Empfinden nach liegt nicht nur eine liaison dangereuse in der Luft, was durch den Zündstoff Alkohol angefeuert wird. Claude Chabrol gewährt interessante Blicke auf das Verhalten der Personen in der Öffentlichkeit, aber vor allem innerhalb ihrer eigenen, kleinbürgerlichen vier Wände, beispielsweise bei Alkohol getränkten Weltuntergangsstimmungen in denen der Herr und die Dame des Hauses zwischen: »Das Vermögen einer Frau liegt zwischen ihren Beinen!« und »Ich bin alt!« aneinander vorbeireden. Die personellen Konstellationen ergeben sich hauptsächlich über familiäre oder geschäftliche Verbindungen, oder selbstverständlich Affären. In diesem Zusammenhang werden die Dialoge und die Gebärden gerne einmal auf die Spitze getrieben, sodass es zu sarkastischer bis zynischer Situationskomik kommt.

Die Geschichte ist primär um eine Frau namens Claire Brandels konstruiert, die Gefahr läuft, endgültig Rot zu sehen. Obendrein ist sie verheiratet mit einem Amerikaner. Exzellent dargestellt von der französischen Charakterdarstellerin Stéphane Audran, bekommt man es mit einer betont aggressiven Spiellaune zu tun, die in eine regelrechte Achterbahnfahrt mündet. Bei ihr hat alles gehoben zu sein: Haute Couture, Haute Cuisine, Hautevolee. Leider ist der allgemeine Eindruck über diese Dame ein vollkommen anderer, denn sie glänzt gerne einmal durch Impulsivität oder auch Vulgarität, sprich: in Extremzuständen, die das Zusammensein mit ihr nicht gerade vereinfachen. Nur der Zuschauer wird Zeuge ihrer geheimen Vorstellungen, in denen sie sich sexuellen Ausschweifungen oder sogar Mordgelüsten hingibt und der Ursprung des Ganzen ist ihre übersteigerte Eitelkeit und pauschale Eifersucht, die langsam aber sicher von ihrem fortschreitenden Alter zernagt wird. Ihre junge Nichte tanzt ihr buchstäblich permanent vor der Nase herum, deren Schönheit und Jugend von Sydne Rome quasi personifiziert werden. Ihr Mann William verbringt seine Zeit gerne sinnvoll, also am liebsten ohne sie und auch zwischenmenschlich scheint es nicht mehr auf vollen Touren zu laufen, was Claire zu einem Liebhaber treibt, der sie wiederum auch betrügt. Chabrol spannt Stéphane Audran förmlich wie ein Zirkuspferd ein, dass er in seine Manege schickt. Mit fortlaufender Spielzeit zeichnet sich eine hoffnungslose Neurotikerin ab, deren Gedanken und Fantasien nur dem Zuschauer zugänglich gemacht werden, indem sie prominent im Bild eingefangen werden. Dabei lehnt sich ihr Inneres aufrührerisch gegen gesellschaftliche Konventionen und bürgerliche Moralvorstellungen auf, deren Steigbügelhalterin sie jedoch immer wider selbst ist. Temperament und Präzision lassen Audrans Leistung zu der notwendigen Wucht und Einheit werden, die den Film bestimmt.

Die männlichen Hauptrollen mit Bruce Dern und Jean-Perre Cassel haben es vergleichsweise schwer, sich im Schatten dieser geballte Ladung hervorzutun, wenngleich sie sehr passable Eindrücke hinterlassen, genau wie Gaststar Ann-Margret. Curd Jürgens, der im Vorspann unter besonderer Mitwirkung angekündigt ist, bekleidet genau wie seine schwedisch-amerikanische Kollegin nur eine kleinere Rolle und kann zumindest für Wiedersehensfreude sorgen, was auch für viele der anderen Interpreten gilt, wie beispielsweise eine barbusige Sybil Danning oder einen beinahe bis zur Unkenntlichkeit zurecht gemachten Tomas Milian. Besonders in den Fokus spielen kann sich Maria Schell, als einfältig wirkende Dienstmagd, die wild mit Schweizer Akzent herumpoltert, den alkoholischen Finessen der Herrschaften nicht abgeneigt ist und im sexuellen Sinn chronisch ausgehungert zu sein scheint. Insgesamt blickt man auf erfrischend groteske Leistungen, die dem Tenor dieser Geschichte hervorragend angepasst sind. Spätestens im letzten Drittel des Films drängt sich schließlich die Frage auf, was das komplette Geplänkel eigentlich aussagen will und man hofft auf eine spektakuläre Antwort in Form eines Finales, das diesem Verlauf angemessen erscheint. Der Weg dorthin wird jedoch mit konventionellen Themen aus dem Bereich der angeschlagenen Beziehungen geschmückt, was die obligatorischen Spleens der Reichen ein wenig an Intensität verlieren lässt, bis es zu einer Art Rollentausch kommt, in dem William nun in die selben Halluzinationen verwickelt wird, die bereits seine Frau heimsuchten. Beim Blick auf einen Flipper oder in ein offenes Auto sieht er sie plötzlich in eindeutigen Situationen, oder besser gesagt Positionen, in denen sie es mit fremden Männern treibt, oder er befördert sie einfach ins Jenseits. Im Rahmen der Sex-Neurosen der verrückten Reichen bekommt man gegen Ende noch einige denkwürdige Szenen geboten und insgesamt handelt es sich um einen Beitrag, der zwar ziemlich weit entfernt ist vom Olymp ganz großer Beiträge französischer Seele, jedoch seinen Dienst im Sinne der Anklage erfüllen kann.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Schöner Gigolo, armer Gigolo (1978)
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David Bowie   Sydne Rome   in

SCHÖNER GIGOLO, ARMER GIGOLO

● SCHÖNER GIGOLO, ARMER GIGOLO / JUST A GIGOLO (D|1978)
mit Kim Novak, Maria Schell, David Hemmings, Curd Jürgens, Erika Pluhar, Hilde Weissner, Werner Pochath, Rudolf Schündler,
Friedhelm Lehmann, Rainer Hunold, Karin Hardt, Evelyn Künneke, Christiane Maybach, Reinhard Kolldehoff und Marlene Dietrich
Produktion | Leguan Film | Bayrischer Rundfunk | Sender Freies Berlin | im Verleih der Warner-Columbia
ein Film von David Hemmings


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»Wisst ihr, was ich aufgab in der Fastenzeit? Die Religion!«

Der aus einer preußischen Adelsfamilie stammende Leutnant Paul Ambrosius von Przygodski (David Bowie) kehrt nach dem Ersten Weltkrieg zurück nach Berlin. Dort muss er feststellen, dass sich so gut wie alles verändert hat und sein guter Name nicht mehr allzu viel wert ist. Um seinen gewohnten Lebensstil wieder zu erlangen, lässt er sich von seiner halbseidenen Bekanntschaft Eva (Erika Pluhar) aushalten, um wenig später die Generalswitwe Helga (Kim Novak) dazu zu benutzen, wieder Zugang in die besseren Kreise zu bekommen. Außerdem wird er von Hauptmann Kraft (David Hemmings) unter Druck gesetzt, der NSDAP beizutreten. Als Paul eines Abends der eleganten und geheimnisvoll wirkenden Baroness von Semering (Marlene Dietrich) vorgestellt wird, macht sie ihm ein unmoralisches Angebot, dass der junge Mann nicht ausschlagen kann...

Bei der deutschen, aber international schimmernden Großproduktion "Schöner Gigolo, armer Gigolo" handelt es sich um das Spielfilmdebüt des Schauspielers und Regisseurs David Hemmings, der neben einem beachtlichen Star-Aufgebot auch selbst eine Rolle in seinem Film übernommen hat. Dem Film eilen trotz des merklich betriebenen Aufwands nicht gerade Loblieder voraus, aber es bleibt abzuwarten, ob das Auge des Betrachters ein sperriges Vehikel darin sieht, oder einen auf vielen Ebenen gelungenen Film, dessen auf der Hand liegende Vorzüge ihre Pflicht tun können. Angelegt als Gesellschaftspanorama der Weimarer Republik, beginnt der Film mit vielen charakteristischen Szenen und stichhaltig skizzierten Bildern, in denen bereits eine Vielzahl an insbesondere deutschen Stars zu sehen ist. Leutnant Paul Ambrosius von Przygodski kehrt von der Front des Ersten Weltkrieges heim und wird in Berlin mit einem Kulturschock konfrontiert, da seine Familie ihr Vermögen verloren hat und sie sich für ihren Adelstitel nicht viel kaufen kann. Somit vermietet man in der feudalen Villa Zimmer an Gäste, außerdem war seine Mutter gezwungen, eine niedere Tätigkeit namens Arbeit anzunehmen. Nur eins ist insbesondere bei Paul gleich geblieben: Überheblichkeit, gekoppelt mit Eitelkeit und großspurigem Denken. Um den gewohnten Lebensstil beibehalten zu können, müssen also Alternativen her, und sei es schließlich, sich für das gute Geld der anderen zu verkaufen. Pauls Ausstrahlung ermöglicht es ihm, auf einträglichen Fischzug gehen zu können, sodass ihm einige solvente Damen ins Netz gehen, die seine Ansprüche finanzieren können und was viel wichtiger ist; ihn in die gute Gesellschaft integrieren. Da es sich dabei um gewohntes Terrain handelt, ist die vulgärste aller Karriereleitern so gut wie vorprogrammiert.

Der Verlauf schildert ernste Rahmenbedingungen, ohne sich dabei darin zu suhlen. Aufgrund einer eigenartigen Offensiv-Komik, die sich in Worten und Taten über so gut wie alle Personen in den Vordergrund drängt, entstehen zwiespältige Eindrücke bei einem Film, der seiner eigenen, womöglich zu hoch angelegten Messlatte nicht wirklich gerecht werden will. In der Zwischenzeit darf man jedoch auf die besonders gute Ausstattung blicken und natürlich auf ein regelrechtes Fließband an Stars, die dieser Geschichte unbeirrbar ihre Stempel aufdrücken werden. Im Besonderen ist hier sicherlich der britische Hauptdarsteller David Bowie zu nennen, der seinen Paul Ambrosius von Przygodski im Sinne der Anforderung sehr gefällig darstellt und es im Großen und Ganzen sehr gut versteht, präzise auf den Punkt zu kommen. Die Amerikanerin Sydne Rome haftet hingegen zu sehr an der etwas begrenzten Palette ihrer Möglichkeiten und hinterlässt insgesamt einen Eindruck, der sich wie so häufig gleicht wie ein Ei dem anderen: sie ist schön, nicht weniger, aber definitiv auch nicht mehr. Interpreten wie Kim Novak, Erika Pluhar, Hilde Weissner, Curd Jürgens und insbesondere Maria Schell, die erneut bemerkenswert aufspielt, probieren es mit Timing und Präzision, scheitern aber häufig an den diffusen Rahmenbedingungen der Produktion. Dieser weitgehend in Vergessenheit geratene Film ist insofern beachtenswert, weil er die damals längst als Einsiedlerin in Paris lebende Diva Marlene Dietrich nach fünfzehn Jahren der Schauspiel-Abstinenz wieder vor die Kamera holte. Der Vorspann kündigt die zu diesem Zeitpunkt bereits 77jährige wortwörtlich »mit Stolz« an, und sicherlich handelte es sich um eine mittelschwere Sensation, da sicherlich niemand mehr daran geglaubt hatte, Dietrich in irgend einer Weise wieder für den Film reanimiert zu sehen.

Im Film sieht man sie lediglich als Gast und ihre Szenen mit David Bowie wurden separat voneinander, von ihm in Berlin und von ihr in Paris, abgedreht. Vor allem aus diesen Gründen ist die Partizipation von Marlene Dietrich als Baroness von Semering, die junge, gut aussehende Männer für sich rekrutiert, um sie auf ältere Damen mit Appetit loszulassen, durchaus erwähnenswert, wobei eine spektakuläre Reinkarnation in darstellerischer Hinsicht leider ausbleibt, was sicherlich dem Umfang der Rolle und den damit fehlenden Entfaltungsmöglichkeiten geschuldet ist. Viele bekannte deutsche Film- und TV-Stars runden das Geschehen zwar zusätzlich angenehm ab, aber im Endeffekt ist tatsächlich nicht viel zu machen, sodass "Schöner Gigolo, armer Gigolo" sich als regelrechte Expertise in Sachen verschenktes Potential präsentiert . Alles was geschieht ist und bleibt sehr dünn und dramaturgisch unzulänglich. Wenn der Verlauf sich dem Ende zuneigt, bleibt der Eindruck zurück, als hätte noch etwas zusätzlich Signifikantes geschehen müssen. Die Erzählstruktur wirkt daher insgesamt sehr unwirsch und Regisseur David Hemmings hat das zugegebenermaßen prestigeträchtige Projekt nicht günstig ausarbeiten können, geschweige denn in den Griff bekommen. Auf der Habenseite bleibt die herrliche Ausstattung und der exzellente Transfer in vergangene Tage, bei dem immer wieder Zeitgeist und Flair aufkommen kann. Insgesamt gesehen bleibt der Film jedoch oberflächlich und in sich selbst vollkommen unschlüssig, was sich wieder einmal restlos auf den Zuschauer überträgt. Anhand des Gesamtergebnisses liegt also die Bestätigung ganz nahe, warum das Projekt seinerzeit in den Kinos floppte. David Hemmings "Schöner Gigolo, armer Gigolo" bleibt daher lediglich ein starres, dazu zielloses Vehikel und Millionengrab der späten 70er Jahre. Im Großen und Ganzen leider misslungen!


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