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 Betreff des Beitrags: Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes (1959)
BeitragVerfasst: 22.04.2017 01:04 
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Rudolf Prack   Marianne Hold   in

AUS DEM TAGEBUCH EINES
FRAUENARZTES


● AUS DEM TAGEBUCH EINES FRAUENARZTES (D|1959)
mit Ellen Schwiers, Richard Häussler, Dorothea Wieck, Angelika Meissner, Albert Bessler, Ilse Fürstenberg, u.a.
eine Alfa Film-Produktion | im Neue Filmverleih
ein Film von Werner Klingler


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»Ich kann es Ihnen leider nicht ersparen!«

Dr. Brückner (Rudolf Prack), der Chefarzt einer Frauenklinik, übt seinen Beruf mit voller Hingabe aus, doch dabei kommt das Privatleben eindeutig zu kurz. Als er von Ursula Callway (Ellen Schwiers), einer ehemaligen Patientin, eindeutige Avancen gemacht bekommt und mit ihr daraufhin einen gemeinsamen Abend verbringt, kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Aufgrund eines Notfalls wird der Arzt in die Klinik gerufen und weist Ursula ab, die auf eine Romanze aus war. Noch ahnt Dr. Brückner nicht, dass die brüskierte Dame zu außerordentlichen Mitteln greifen wird. Sie beschuldigt ihn des sexuellen Missbrauchs und Brückner kommt in Untersuchungshaft. Dr. Eva Hansen (Marianne Hold) bietet sich an, seine Verteidigung zu übernehmen, da der Frauenarzt ihrer Schwester Erika (Angelika Meissner) einmal das Leben retten konnte. In einem spektakulären Prozess scheint alles darauf hinauszulaufen, dass die Hauptbelastungszeugin den Chefarzt ins Zuchthaus bringen wird...

Bereits für die Saison 1957, beziehungsweise 1958, kündigte Prisma-Film einen Beitrag unter dem Titel "Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes" mit dem Ankündigungstext: »Ein Einblick in die Praxis eines Frauenarztes« an. Als Regisseur war Richard Häussler angedacht und zu den Darstellern sollten unter Anderem Erich Winn, May-Britt Nilsson oder Barbara Rütting zählen, doch das Projekt wurde in dieser Form nicht realisiert. Im Jahr 1959 kam schließlich Wolfgang Schleifs gleichnamiges Justiz-Drama in die Kinos, das in die Sparte der sogenannten Problemfilme eingereiht werden kann, und sich neben ausgiebigen Szenen am Gericht auch der Kolportage bedient, was dem Film wohlgemerkt aber recht gut stehen will. Der Aufbau dieses im Großen und Ganzen recht überzeugenden Verlaufs hält sich an bestehende Gesetze derartiger Produktionen, die einem Paket aus Gegenwart, Rückblenden und dem verhaltenen Blick in die Zukunft gleichen, sich dabei jedoch gleichzeitig dem Unterhaltungssektor anpassen. Daher sieht man unter der Bearbeitung von Wolfgang Schleif höchstens Andeutungen diskreter Zwischentöne und vornehmlich einen präzise angepassten Beitrag an das bestehende Zeitfenster, versehen mit einigen pikanten Momenten, für die Prototyp Ellen Schwiers vor die Kamera geholt wurde. Trotz vorprogrammierten Verlaufs, bietet "Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes" eine sehr flüssig erzählte Geschichte mit einigen Komplikationen und Nebensächlichkeiten, die geschickt mit dem eigentlichen Hauptthema verstrickt werden, doch ein Affront gegen erzkonservative Moralvorstellungen wurde letztlich nicht fabriziert, vielmehr ein Unterhaltungsfilm reinster Seele, die gerne auch etwas schwärzer hätte sein dürfen. Was dem Umgang mit dem § 174 angeht, mit dem der Film auch beworben wurde, sieht man schlussendlich eher das Prinzip: »wachse oder weiche«, wobei die Tendenz eher in Richtung zu Letzterem geht.

Wie erwähnt, bietet das Thema in diesem Zusammenhang zu wenig Reibungsflächen, oder vielmehr Überraschungsmomente, die sich gegen den zu reibungslosen Verlauf hätten stellen können. Mitverantwortlich hierbei zeigen sich tatsächlich die Hauptdarsteller Rudolf Prack und Marianne Hold, die es fernab ihres sicheren Terrains stets schwer hatten, sich nachhaltig zu profilieren. Bei Rudolf Prack schwingt einfach zu viel Großmutters-Kino mit, als dass er als die tragische Figur identifiziert werden könnte, die er eigentlich darzustellen versucht. Gerade im Fall Prack sind es daher sehr persönliche Eindrücke, die ihn in launisches Fahrwasser treiben lassen können, denn rein praktisch gesehen, passt der Wiener Schauspieler sehr gut zu dieser Rolle. Kultiviert und unaufgeregt im Auftreten, verbunden mit einer manchmal sogar weltmännischen Attitüde, vermag er es eigentlich mit Leichtigkeit, den Frauenarzt Dr. Brückner klassisch zu zeichnen. Dieser Eindruck wird allerdings durch das Ausreizen gewohnter Strickmuster und dem in Anspruch genommenen Sicherheitsabstand zur Provokation getrübt. Rudolf Prack selbst traut sich kaum aktiv an den im Film heraufbeschworenen Skandal heran und die Regie lässt diese Möglichkeit zugunsten eines sentimentalen Tenors vollkommen verstreichen. Diese Variante hilft einem Film mit anvisierter Problematik der außergewöhnlichen Sorte leider nicht im Geringsten weiter, sodass der Österreicher lediglich das bietet, was man stets von ihm angeboten bekam, wenngleich man wohlwollend betonen muss, dass er diese Rolle vollkommen ohne falsche Eitelkeit über die Ziellinie bringt. Hier springt allerdings die Dramaturgie ein, weil sie quasi jede Dame des Szenarios potentiell an seine Seite zwingt und den alten Traum der hartgesottenen Fangemeinde wieder Wirklichkeit werden lässt, somit gleichzeitig zu neuem Glanz verhilft.

Trotz aller Kritikpunkte kann man Prack dennoch nicht viel vorwerfen, er wurde eben leider nur falsch angepackt. Marianne Hold macht hier möglicherweise im Vergleich die bessere Figur, bemüht sie sich doch nach Leibeskräften, sich in ein anderes Image zu manövrieren. Als Juristin Dr. Eva Hansen wird sie den schwer beschuldigten Gynäkologen auf der Anklagebank verteidigen und fällt dabei ungewohnt angriffslustig und schlagfertig auf. Ihre beinahe kasuistischen Fragen erzielen leider nie eine Torpedowirkung, eher wird »Fräulein Doktor« hin und wieder eiskalt erwischt, aber sie spielt ihre Trümpfe zum passenden Zeitpunkt aus, da sie mit dem Zufall auf einen verlässlichen Verbündeten blicken kann. Ellen Schwiers öffnet die Büchse der Pandora und beschwört Probleme herauf, die nur die Welt einer Frau wie Ursula Callway bewegen können. Gut für die Geschichte ist, dass alle Beteiligten die Spannung aufrecht erhalten und erst zum Ende hin triumphieren, oder umfallen. Solide Interpreten wie Richard Häussler, Günter Meissner oder Albert Bessler runden das Geschehen sehr adäquat ab und im Endeffekt hat man es mit einer in Teilen eigentümlichen, aber insgesamt tatkräftigen Entourage zu tun. Die Thematik des sexuellen Missbrauchs wird trotz der Verhandlung vor Gericht zu sehr unter Verschluss gehalten und diese Tatsache darf wahrscheinlich mit dem Produktionsjahr, der Regie oder gleich beidem in Verbindung gebracht werden. Greifbar eingefangen wurde hingegen die öffentliche Meinung, die sich bei etlichen Konsorten dreht wie der Wind, außerdem das vage Durchleuchten der Freunde und Verbündeten des Angeklagten, die im Zweifelsfall nicht einmal mehr Bekannte sein möchten. Hoch atmosphärische Szenen im Gerichtssaal, das Angebot vieler unterschiedlicher Charaktere und Stimmen, sowie ein Hauch von Tragik oder Schicksalslaunen, verhelfen "Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes" zu durchaus bleibenden Eindrücken und einem insgesamt nostalgischen Filmvergnügen.


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 Betreff des Beitrags: Blue Eyes of the Broken Doll (1974)
BeitragVerfasst: 27.04.2017 20:47 
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BLUE EYES OF THE BROKEN DOLL

● LOS OJOS AZULES DE LA MUÑECA ROTA / THE BLUE EYES OF THE BROKEN DOLL (E|1974)
mit Paul Naschy, Diana Lorys, Eduardo Calvo, Eva León, Inés Morales, Antonio Pica, Luis Ciges und Maria Perschy
eine Produktion der Profilmes
ein Film von Carlos Aured


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»You look too much like a whore!«

Gilles (Paul Naschy) ist zu Fuß in Nordfrankreich unterwegs und auf der Suche nach Arbeit. Als er von Claude (Diana Lorys) aufgesammelt wird, die ihm auch noch einen Job in ihrem Haus anbietet, willigt er ein. Claude lebt zusammen mit ihren Schwestern Yvette (Maria Perschy) und Nicole (Eva León) in einer Villa mit weitläufigem Besitz und sie hat von ihren Schwestern keine Hilfe zu erwarten. Nicole stürzt sich von einem ins nächste erotische Abenteuer und Yvette ist an den Rollstuhl gefesselt. Nach Gilles' Ankunft ereignen sich brutale Morde an jungen Frauen, die immer unter der gleichen Voraussetzung passieren. Die Damen müssen blond sein und blaue Augen haben. Schnell gerät der Fremde unter Universalverdacht, bis auch Inspektor Pierre (Antonio Pica) ihn ins Visier seiner Ermittlungen nimmt. Ist Gilles tatsächlich der wahnsinnige Killer..?

Der spanische Regisseur Carlos Aured hat in seiner etwas mehr als zehnjährigen Schaffensperiode zwar keine Unmengen an Filmen vorzuweisen, allerdings befinden sich darunter ein paar Genre-Perlen, die heute einen gewissen Kultstatus genießen. Mit diesem rein spanischen Vertreter des Giallo, blickt man zunächst auf einen überaus wohlklingenden Filmtitel, der sich in vielversprechender Art und Weise als Vorbote für ein besonderes Filmvergnügen empfehlen möchte. Ein Mann ist auf der Flucht vor den Altlasten der eigenen Vergangenheit, die ihn jedoch mental immer wieder heimsucht. Wie das verkorkste Schicksal es will, landet er in einer geheimnisumwitterten Villa, in der etliche eigenartige bis aufreizende Personen zu finden sind. Die Regie hält sich an die Architektur des klassischen Giallo, sodass viele gerne gesehene Elemente sehr früh für eine aufgeheizte atmosphärische Dichte sorgen können. Bleibt man bei den Charakteren, so stellen sich insbesondere die Damen selbst vor, ohne jedoch zu viel von sich preiszugeben. Zumindest im Zweifelsfall. Viele Details, sowie schöne Sets und Schauplätze lassen eine scheinbare Idylle zu, die sich jedoch durch ein unbekannt mitschwingendes Element aufhebt und es ist von vorne herein klar, dass die dunkle Vergangenheit sich mit der rätselhaften Gegenwart kreuzen wird. Das im Giallo gerne verwendete Thema Makellosigkeit, für das sich insbesondere sehr attraktive Darstellerinnen zur Verfügung stellen, wird in "The Blue Eyes of the Broken Doll" ebenfalls umgekehrt, schließlich zeigen sich körperliche Einschränkungen gleich in doppelter Potenz, denen möglicherweise noch eine Art Schlüsselfunktion zukommen könnte. Der Verlauf nimmt sich den ausgiebigen Luxus von Zeit, doch man hat es keinesfalls mit einem Dahinplätschern zu tun, sondern mit der sorgsamen Kreation aus Geheimnis und Spannung, bis nach etwa erst 45 Minuten ein Phantom zuschlägt und die bösen Vorahnungen bestätigt.

Die Szenerie ist mit einer erotischen Offensiv-Spannung aufgeladen, die sich ganz auffallend bemerkbar macht, weil sie sich quasi selbst hinauszögert, bestimmte Personen außen vor lässt und sich nur in kurzen Eruptionen entlädt. Grundlegend wird auf feine Ästhetik gesetzt und es zeigen sich daher fast ausschließlich ansehnliche Bilder, die ein besonders hochwertiges Profil kreieren werden. Der geneigte Zuschauer erwartet in einem derartigen Beitrag selbstverständlich auch blutige Kontraste, die sich schließlich einstellen. Allerdings muss hier angesichts typischer Seheindrücke ein gutes Stück umdisponiert werden, da eine wenig geschmackvolle Strategie mit dem Fließen echten Blutes gefahren wird. Was mit einer Taube anfängt, die gegen die Windschutzscheibe des Wagens der weiblichen Hauptperson prallt und durch eine befremdlich-prosaische Mechanik von ihrem Leben befreit wird, geht über das Zerkleinern eines Huhns in der Küche weiter und gipfelt schließlich in einer sprudelnden Blut-Fontäne, als einem Schwein die Kehle durchgeschnitten wird. Natürlich hinterfragt man ganz offen die Bedeutung, beziehungsweise Notwendigkeit dieser ziemlich unbehaglichen Veranschaulichungen, doch gerade dadurch entsteht hier ein pechschwarzer und schwer isolierter Nimbus, der die Inkompatibilität und eine mentale Unausgeglichenheit der Personen charakterisiert. Also können sich naturgemäß die eigenartigsten, beziehungsweise grausamsten Dinge abspielen, denn einige der Herrschaften werden in diesem Zusammenhang noch zum Angriff übergehen. Auf musikalischer Ebene erlebt "The Blue Eyes of the Broken Doll" eine sehr starke Unterstützung durch die Themen von Juan Carlos Calderón, die durch konträre Einsätze zum Gezeigten teilweise aufs Glatteis führen möchten, aber genauso strapaziöse Formen annehmen können, da zum Beispiel ein abgewandeltes und immer wiederkehrendes Thema des französischen Kinderliedes "Frère Jacques" zu hören ist, bis sich hochspannender Sleaze anschließt.

Schwarze Handschuhe greifen also nicht nur nach dem Leben, sondern gleich nach allem, womit es am schnellsten beendet werden kann. Die Opfer sind junge hübsche Damen, die dem Titel des Films eine makabre Aussage mitzugeben wissen, doch das Motiv bleibt bis zuletzt im Verborgenen, obwohl es aufgrund zahlreicher Hinweise viel Anlass zur Spekulation gibt. Da die Geschichte über sehr gute Darsteller verfügt, kommt es in diesem technisch einwandfreien Film zu formvollendeten Momenten. Da sich Horror-Ikone Paul Naschy die Ehre gibt, ist man als Zuschauer hin- und hergerissen zwischen Skepsis und Verständnis, doch mit dem Spanier erlebt man eigentlich so gut wie nie eine Art klassisches Urvertrauen. Gilles ist die personifizierte Vergangenheit ohne Zukunft und bleibt eine der hochgradig undurchsichtigen Komponenten der Geschichte. Dabei wirkt Naschys Leistung sehr intensiv und gut ausbalanciert, was sich auch insbesondere über seine geheimnisvolle Partnerin Diana Lorys sagen lässt, die eine wirklich begeisternde Performance aufs Parkett legt. Weitere ansprechende Darbietungen zeigen Antonio Pica, als resolut wirkender Inspektor, oder Eva León, die mit ihren unstillbaren Gelüsten in die Manege steigt. Besondere Erwähnung soll der Österreicherin Maria Perschy als Yvette zukommen, die zu jener Zeit längst ein Begriff auf dem spanischen Markt war. Die im Vorspann erwähnte, besondere Mitwirkung ihrerseits, rundet das Geschehen durch die Kunst des Wechselspiels ab. Eine besonders glaubwürdige Entourage. Bevor der Film des Rätsels Lösung offenbart, kommt es noch zu zahlreichen Intervallen, die wirklich sehenswert sind und im Endeffekt hat man es bei "The Blue Eyes of the Broken Doll" mit einem überraschend starken, vor allem originellen und extravaganten Vertreter des Giallo zu tun, der seine Erfüllung in der erfolgreichen Unterhaltungs-Mission und einem gut konstruierten Verlauf mit passendem Finale findet, das erwartungsgemäß gleich mehrere Kehrtwendungen bereit hält. Überzeugend!


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Der Rest ist Schweigen (1959)
BeitragVerfasst: 29.04.2017 21:11 
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Hardy Krüger   Peter van Eyck   Ingrid Andree   Adelheid Seeck   Rudolf Forster   in

DER REST IST SCHWEIGEN

● DER REST IST SCHWEIGEN (D|1959)
mit Boy Gobert, Rainer Penkert, Heinz Drache, Charles Regnier, Siegfried Schürenberg, Richard Allan, Josef Sieber, u.a.
eine Freie Film-Produktion | Real Film | im Europa Filmverleih
ein Film von Helmut Käutner


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»Meine Mutter. Das Wort hat kein Echo mehr!«

John Claudius (Hardy Krüger) kehrt aus dem amerikanischen Exil nach Deutschland zurück, wo sich im Ruhrgebiet das Werk seines verstorbenen Vaters (Siegfried Schürenberg) befindet. Als Alleinerbe der Claudius-Stahlhütte sorgt er bei vielen der übrigen Familienmitglieder für eine überaus angespannte Stimmung, zumal man sich über den Grund seiner Wiederkehr im Klaren ist. John ist nämlich der festen Überzeugung, dass sein Vater nicht wie behauptet bei einem Bombenangriff ums Leben kam, sondern einem perfiden Mordkomplott zum Opfer fiel. Unter seinen Verdacht fällt sein Onkel Paul (Peter van Eyck), der mittlerweile mit seiner eigenen Mutter Gertrud (Adelheid Seeck) verheiratet ist. John ist dazu entschlossen, den Bruder seines Vaters zu überführen und er provoziert einen Eklat, der in einer Katastrophe gipfelt...

Eine deutsche "Hamlet"-Verfilmung war dem Vernehmen nach ein lange bestehender Wunsch des Regisseurs Helmut Käutner, wohl wissend, dass es nicht einfach werden würde, diesen morbiden Stoff auch an den herkömmlichen Kinogänger bringen zu können. Betrachtet man die Produktion, so handelt es sich um eine vom Prinzip her nahe Variation des Theaterstücks von William Shakespeare und vieles wurde gar nicht so uninteressant eingedeutscht. Dass die Geschichte ein Stück weit auf dem Altar des deutschen Kriminalfilms geopfert wurde, wirkt im Endeffekt wie eine Rückversicherung, den Interessentenkreis so groß wie möglich zu halten, aber dieser Film, der seinerzeit mit dem Prädikat »wertvoll« versehen wurde, ist mehr als nur ein bemühter Versuch, denn die Balance zwischen anspruchsvoller Unterhaltung und Zugeständnissen an bestehende Sehgewohnheiten wurde in "Der Rest ist Schweigen" nicht nur berücksichtigt, sondern optimiert. Der Film gewinnt sein Profil letztlich nicht nur durch den weltliterarischen Nährboden, sondern durch den Zeitsprung in eine Ära, die schwer gezeichnet und tief gespalten war. Einen Versuch, die Geschehnisse an sich zu relativieren, sucht man in Käutners Film glücklicherweise vergeblich. Eher zeigt der Verlauf wenig Scheu, zu reflektieren, um im selben Moment die mangelhafte Aufarbeitung Einzelner offenzulegen. Dennoch biedert sich das Stück nicht als Richter an. Ausgewählte Personen repräsentieren sicherlich einige der Bürden einer sich gerade wieder aufrappelnden Nachkriegsgesellschaft, die sich teilweise aus Leugnen, Verdrängen und aus dem Festhalten an alten Mustern zusammensetzt, aber auch das Gegenteil wird aufgezeigt. Dies wird durch eine Familie erzählt, die jedoch nicht als isolierter Fall dargestellt wird. Wo sich die einen distanzieren, bekennen sich andere. Wo sich der eine erholen kann, wird jemand anders von der Realität kaputt gemacht. Mancher findet sich, die nächsten entfernen sich unüberwindbar voneinander.

Die Modernisierung einer klassischen Tragödie, gekreuzt mit einem alternativ angehauchten Kriminalstück, hört sich zunächst nicht gerade nach der perfekten Symbiose an, doch überraschenderweise geschieht in "Der Rest ist Schweigen" eine gesunde Umkehr von Gesetzmäßigkeiten und die Stärken ergeben sich aus der Variation, sowie den freien Entfaltungsmöglichkeiten der wichtigen Charaktere. Der Täter ist von Beginn an vom Protagonisten und dem Zuschauer verurteilt, daher resultiert die spannende Frage daraus, wie die unausweichliche Hinrichtung aussehen wird. In Gang gesetzt wird die Aufklärung und gleichzeitig Katastrophe durch den Protagonisten John Claudius. Ein quasi Abgeschobener kehrt heim, was konkret heißt, er kommt zurück in sein nominelles Zuhause. Die nervöse Spannung ist allseits zu spüren, da man nicht nur Unberechenbarkeit erwartet, sondern einen regelrechten Kulturschock. Hardy Krüger interpretiert den Außenseiter; eine Rolle die er häufig glaubhaft gezeichnet hat und noch zeichnen sollte, da er wie geschaffen für solche Anforderungen erscheint. Seine kühle, unaufgeregte und teilweise sogar labile Art wirkt für die Schlangen, die geistreicherweise vor dem Kaninchen erstarren, besonders gefährlich und wie das buchstäbliche rote Tuch. Wenn sich jedoch die Puzzlestücke der 15 Jahre alten Vergangenheit zusammenfügen, wird er seine höfliche Diskretion gegen eine existenzielle Bedrohung durch Aggression austauschen. Ein perfekter Nährboden für große und kleine Tragödien, auf dem sich Hardy Krüger hier mit höchster Präzision bewegt. Sein Gegenspieler und Bruder seines Vaters wird in der gleichen Liga exzellent dargestellt von Peter van Eyck. Bei dem bereits zehn Jahre nach dieser Produktion verstorbenen Schauspieler handelt es sich um eines der wenigen wirklichen Phänomene des deutschen Nachkriegsfilms, wenn man sich das Spektrum seiner vielschichtigen Rollen anschaut.

Peter van Eyck war es stets aus dem Stand, aber vor allem in generelll möglich, beide Seiten, sprich Gut und Böse, aber auch alles dazwischen, absolut überzeugend darzustellen. Paul Claudius' perfides Gesicht entsteht nicht nur durch die Tatsache, dass er sich durch das Ausschalten eines Kontrahenten ein unbeschwertes Leben ermöglicht und sich dazu alles genommen hat, sondern dass er den Beweis erbringt, dass er weder mit Blut noch Wasser etwas anzufangen weiß. Eine derartige Skrupellosigkeit und Kaltblütigkeit bildet ein Paar der wirkungsvollen Zutaten, die bei der Zuschauergemeinde leichte Schockzustände verursachen können. Rudolf Forster, als Überbleibsel der alten Garde, der in ambivalenter Weise ebenso für Treue, als auch Verrat steht, bereichert das Geschehen mit einer hoch konzentrierten Leistung, genau wie die gerne gesehenen Interpreten Siegfried Schürenberg, Rainer Penkert oder Charles Regnier, in sehr unterschiedlichen Rollen. Überraschend dicht fällt des Weiteren Heinz Draches Darbietung aus, da er nicht geneigt ist, um irgendwelche Sympathien zu buhlen und ihn die hochgradig vorhandene Überheblichkeit hier sehr gut kleidet. Bevor der erwartete Besuch die Schwelle auch nur betritt, konspiriert er bereits mit kritischen und abschätzigen Bemerkungen im Hintergrund, bis er sich ihm persönlich als ehemaliger Nazi vorstellt und letztlich eine der wenigen Instanzen darstellt, die in ihrer Arroganz zeitweise zwar nur schwer auszuhalten, aber wenigstens ehrlich ist. Lediglich Boy Gobert fällt schließlich ein wenig aus der Reihe, der dem Anschein nach sein ganzes Leben die gleiche Rolle zu spielen hatte und sich in "Der Rest ist Schweigen" wieder einmal selbst karikiert. Die Damen stehen der guten Spiellaune der Kollegen in nichts nach und bieten Vorstellungen der unterschiedlichsten Art an, können dabei für ebenfalls große Momente und problematische Verstrickungen sorgen.

Ingrid Andree vereint schwere Melancholie, auffällige Labilität, die unerträgliche Schwierigkeit des Seins und verheißungsvolle Poesie miteinander und bietet keinen greifbaren Charakter an, zumindest nicht auf den ersten Blick. Ihre Gemütskrankheit ist nicht nur ein übrig gebliebenes Resultat aus der Vergangenheit, sprich aus Kriegstagen, sondern vor allem der Gegenwart, die ihre Familie und das engste Umfeld darstellt. Da sich die Herrschaften hemmungslos selbst vorgestellt haben, wird es zu einer interessanten Frage, wer oder was sie eigentlich am meisten krank gemacht hat. Nur im Zusammensein mit John entstehen lichte Momente, doch durch Andrees vehementen Versuch, eine pechschwarze Prognose zu zeichnen, wird immer mehr klar, dass ein vages, aufblitzendes Licht am Ende des Tunnels nur ein entgegenkommender Zug sein kann. Zu guter Letzt gibt sich noch die großartige Adelheid Seeck in ihrer Paraderolle die Ehre. Es ist einfach spannend zu sehen, wenn im Rahmen derartig besonderer schauspielerischer Kompetenzen die Contenance zahlreichen fallenden Masken weichen muss, und sich herausstellen kann, ob sich die große Dame von Welt in diesem unerbittlichen Schachspiel selbst opfern muss. Alleine Schauspieler und Stab tragen schon zum überdurchschnittlichen Charakter dieses Films bei, aber auch die morbide Stimmung, die sich unmissverständlich durch das Szenario windet. Großartige Bildeindrücke, ein klarer Aufbau und eine zeitweise fordernde Regie bilden die großen Stärken von "Der Rest ist Schweigen", dem seine teils herkömmlichen Tendenzen durch den zeitgenössischen Krimi-Einschlag weniger schaden, als dass sie ihm zugute kommen. Helmut Käutners Beitrag, der 1959 ohne Auszeichnung am Wettbewerb der Berlinale teilnahm, stellt unterm Strich keine betont leichte Kost dar, versucht sich allerdings auch nicht in überdimensional hohe Sphären zu hieven. Unterm Strich ein wirklich sehenswertes, wenngleich schwermütiges Stück Zeitkolorit.


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 Betreff des Beitrags: Fünf Freunde und ein Zigeunermädchen (1978)
BeitragVerfasst: 01.05.2017 16:19 
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● Folge 19: FÜNF FREUNDE UND EIN ZIGEUNERMÄDCHEN / FIVE HAVE A WONDERFUL TIME (1978)
mit Marcus Harris, Gary Russell, Jennifer Thanisch, Michele Gallagher, Michael Hinz, Sue Best, Friedrich von Thun
Gäste: Leon Eagles, Stephen Greif, Leslie Schofield, Chubby Oates, Rita Webb, u.a.
eine Produktion der Southern Television | in Zusammenarbeit mit dem ZDF
Regie: Sidney Hayers



Aus einer Tageszeitung erfährt George, dass der Wissenschaftler Terry Kane entführt worden ist und gleichzeitig unter Verdacht des Landesverrats steht. Professor Kirrin ist sehr bestürzt über die Angelegenheit, schließlich handelt es sich bei Kane nicht nur um einen geschätzten Kollegen, sondern auch um einen engen Freund. Als die Fünf Freunde in der Nähe eines alten Schlosses kampieren, finden sie durch einen Zufall heraus, dass sich in dem leer geglaubten Gemäuer doch Personen befinden. Und tatsächlich wird der verschwundene Professor, von dessen Unschuld die Kinder überzeugt sind, in einem der Turmzimmer gefangen gehalten. Bei dem Versuch, Kane zu befreien, werden sie von dem Entführer überrascht. Nur Anne kann bei der Aktion entkommen und sucht Hilfe bei in der Nähe rastenden Zigeunern, die nicht lange überlegen und handeln...

Für einen kurzen Moment könnte man meinen, dass die Kirrins ein ganz normales und idyllisches Leben führen, allerdings lässt die nächste Hiobsbotschaft wieder einmal nicht lange auf sich warten. Nicht nur die fünf Protagonisten scheinen das Verbrechen anzuziehen wie ein Magnet, sondern auch Professor Kirrin, der durch seine Forschungsarbeiten immer wieder in den Fokus von Industriespionage gerät, In diesem Fall handelt es sich nur um einen engen Vertrauten, doch der erfahrene Anhänger der "Fünf Freunde" ahnt bereits, wie sich die Dinge entwickeln werden, beziehungsweise müssen. Jungen Zuschauern ist es sicherlich vollkommen gleich, ob Vater Zufall den Protagonisten helfen wird, diesen wenig kniffligen Fall zu lösen, doch nach Jahren der Anhängerschaft haben sich tatsächlich die spektakulären von den durchschnittlichen Fällen getrennt. "Fünf Freunde und das Zigeunermädchen" ist definitiv eine der Episoden, die nur noch wenig Neues zu bieten haben und auch beim Thema Spannung und Extravaganz muss man leider etwas tiefer stapeln als sonst. Für durchschnittliche Eindrücke sorgen nicht zuletzt auch die beiden Titel der deutschen und englischen Version, die beinahe gar nichts über diesen Fall aussagen und falsche Erwartungen wecken. Sidney Hayers, der ja gerade als Regisseur für Serien kein Unbekannter ist, inszenierte insgesamt leider zu bescheiden und die neunzehnte Episode wirkt wie geklont, kommt trotz bekannter Muster daher lange nicht an die Qualität anderer Folgen heran. Der Verlauf gefällt sich in einer rasanten Note, achtet aber keineswegs darauf, für schlüssige Zusammenhänge zu sorgen, was aufgrund der relativ schwachen Ausgangslage bezüglich des Scripts auch kein Wunder ist. Also müssen es die fünf Protagonisten mit gewohnter Ermittlungsfreudigkeit und dem üblichen Charme richten.

Am Ort des Geschehens angekommen, hilft ihnen wie erwähnt ein glücklicher Zufall, um auf die entscheidende Spur zu gelangen. Mit einem Fernglas beobachten Dick und George eine Person in einem der Turmzimmer und Georges' Erinnerung lässt sie nicht im Stich, denn sie kann sich an das markante Gesicht erinnern, weiß nur noch nicht genau, woher sie es letztlich kennt. Bei den sich in der Nähe befindenden Zigeunern fragen sie nach einer Zeitung der letzten Tage und mithilfe der Titelseite, deren Schlagzeile mit dem Wort »Verräter« aufwartet, erkennen sie den Mann anhand des Fotos und identifizieren ihn als Professor Kirrins Kollegen Kane. In diesem Zusammenhang entstehen Szenen, die die gewohnte Situationskomik vieler Episoden aufkommen lassen. Die Zeitung war beispielsweise in stinkenden Fisch eingewickelt, an dem die alte Zigeunerin einmal herzhaft riecht, als ob es sich um eine Delikatesse handeln würde und auch zwischen den Freunden gibt es mehrere heitere Gespräche, in denen beliebte running gags zum Tragen kommen. Bei der hastig organisierten Befreiungsaktion kommen einige spannende bis gefährliche Phasen auf, da die Kinder durch das dunkle Gemäuer schleichen müssen und sie jederzeit von der Entführerhand gepackt werden könnten. Darstellerisch bewegt sich das Ganze auf gewohnt hohem Niveau und man kommt in den Genuss dieser immer noch besonders unverbrauchten Spiellaune. Auch die wenig bekannten Gastdarsteller hinterlassen solide Eindrücke, sodass das schnell herbei gekurbelte Finale schlussendlich doch versöhnlich stimmt. Insgesamt handelt es sich bei "Fünf Freunde und ein Zigeunermädchen" um eine der unspektakulären Folgen der geschätzten Serie, wobei sich dieser Eindruck sicherlich nach heutigen Ansprüchen formt. Für junge Zuschauer ist und bleibt auch diese vermeintlich schwächere Folge sicherlich ein Treffer.


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 Betreff des Beitrags: Das Geheimnis vom Bergsee (1952)
BeitragVerfasst: 06.05.2017 18:28 
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DAS GEHEIMNIS VOM BERGSEE

● DAS GEHEIMNIS VOM BERGSEE / DAS MÄDCHEN MIT DER PEITSCHE (D|CH|F|1952)
mit Lil Dagover, Harriet Gessner, Fredy Scheim, Marcelle Géniat, Ann Berger, Michel Barbey und Howard Vernon
eine Produktion der Aidal Beaujon-Film | Films Monopole | Karpat-Film | Tempo-Film | im Verleih der Donau Film
ein Film von Jean Dréville


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»Ich hab das Leben satt hier!«

In einem idyllischen Schweizer Bergdorf lebt die junge Angelina (Harriet Gessner), von der niemand weiß, dass sie ein dunkles Geheimnis mit sich herumzutragen hat. Aufgrund einer komplizierten Erbschaftsgeschichte ist sie nämlich gezwungen, den Leuten eine falsche Identität vorzuspielen, da ihre Mutter Lamberta (Lil Dagover) die Weichen so gestellt hat, dass jeder das Mädchen nur als den Jungen namens Pietro kennt. Auf Angelina liegt daher eine schwere Last und eines Tages kommt der Zeitpunkt, an dem die gesamte Maskerade aufzufliegen droht, da sie in berüchtigte Schmugglerkreise hineingerät. Um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen, soll sie schließlich auf ein Internat gehen, doch alles ändert sich schlagartig, als sie einen jungen Mann kennenlernt...

In jenen Jahren konnten Geschichten rund um düstere Geheimnisse in einer idyllischen Bergkulisse noch viele Zuschauer ansprechen, allerdings bekommt man mit Jean Drévilles Drama keinen konventionellen Heimatfilm geboten, wie er vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Für das Produktionsjahr 1952 zeigen sich eine Reihe von ungewöhnlich deutlichen Aufnahmen rund um Nacktheit und Freizügigkeit, außerdem durften Intrigen und zwielichtige Personen nicht fehlen, um dem Film ein unkonventionelles Profil zu verleihen, das sich im weiteren Verlauf allerdings beinahe vollkommen verliert. Die Literaturverfilmung entstand in Co-Produktion dreier Länder und für den französischen Markt wurde eine separate Version mit einigen, vor allem bei den Hauptrollen, unterschiedlichen Darstellern abgedreht. Die Atmosphäre bildet sich durch herrliche Aufnahmen in den Schweizer Bergen, der Integration von besonderen Charakteren und der Tatsache, dass bedrohliche Elemente einige Phasen dominieren. Ein Geflecht aus Lügen sorgt für Dramatik und Spannung, wenngleich derartige Anflüge natürlich relativ gewertet werden müssen, um den empfindlichen Zuschauer nicht zu sehr zu strapazieren. Konventionen und Traditionen verschärfen die Situation der Hauptperson, die aufgrund ihres Fluchttriebes in Schmugglerkreise gerät, sodass sich über diesen Inhalt eine ganz herkömmliche Haupthandlung entfalten kann, die bekannt aus diversen Heimatfilmen ist. Das ganz große Plus dieser Produktion sind bestimmt die vielen charakteristischen Aufnahmen vor der Bergkulisse und in diesem Zusammenhang entsteht nicht nur die erwähnte atmosphärische Dichte, sondern auch eine auffällige und geradezu imposante Bildgewalt.

Auf den ersten Blick erscheint der Film nicht so besetzungsstark zu sein, wie man es vielleicht aus ähnlichen Beiträgen gewöhnt ist, allerdings ist mit UFA-Legende Lil Dagover ein ganz großer Star in den Hauptrollen zu sehen. Dagover war es stets möglich, besondere Eindrücke über ihre bloße Präsenz aufzubauen, was hier nicht anders ist. Die erste Begegnung mit Lamberta findet in einer relativ spartanisch eingerichteten Berghütte statt und ihr Erscheinungsbild beißt sich doch sehr mit dem des Ambientes, da Lil Dagover wie gewöhnlich eher wie eine Königin aussieht und sich auch dementsprechend hoheitsvoll und gebieterisch verhält. Erneut findet ein starker Distanzaufbau über ihre Person statt, was sich nicht nur in ihren Gebärden widerspiegelt, sondern vor allem in der Tatsache, dass sie die Protagonistin in einem jahrelangen Würgegriff hält, dessen Basis eine designierte Erbschaft sein soll. Die große darstellerische Überraschung ist sicherlich Harriet Gessner, deren unverbrauchtes und glaubhaft wirkendes Schauspiel dem Film einen besonderen Stempel aufdrücken kann. In ihren Augen spiegelt sich die notwendige Dramatik genauso wie die immer wieder aufblitzende Lebensfreude, jedoch muss der Verlauf das Schicksal erst einmal ordnen. Erwähnenswert ist noch der Auftritt von Howard Vernon in der Nebenrolle des zwielichtigen Schmugglerwirts, außerdem sind die Leistungen der restlichen Darsteller durch die Bank überdurchschnittlich gut gelungen. Jean Dréville stattet seinen inszenatorisch einwandfreien Film unterm Strich mit zahlreichen progressiven Untertönen aus, die in Heimatfilmen vielleicht nicht alle Tage zu finden waren, jedoch grenzt sich "Das Geheimnis vom Bergsee" insgesamt gesehen nicht grundlegend von der Konkurrenz ab. Für Nostalgiker.


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 Betreff des Beitrags: Spurwechsel (2006)
BeitragVerfasst: 12.05.2017 13:00 
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● FOLGE 358 | SOKO 5113 | SPURWECHSEL (D|2006)
mit Wilfried Klaus, Hartmut Schreier, Michel Guillaume, Bianca Hein
Gäste: Christiane Krüger, Moritz Lindbergh, Tanya Neufeldt, Martin Böhnlein, Adrian Can, Andreas Seyferth, u.a.
eine UFA Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Bodo Schwarz





Sonja Amberg (Christiane Krüger) kommt eines Abends von einem misslungenen Vorsingen eines ihrer Schüler nach Hause und findet im Salon ihres Hauses ihren erschlagenen Mann vor. Er wurde von einem Unbekannten ermordet und die Ermittlungen der SOKO ergeben schnell, wer das Mordopfer zuletzt lebend gesehen hat. Die Befragungen gestalten sich insofern als schwierig, da einige Personen durch Geheimniskrämerei und mangelnde Kooperationsbereitschaft auffallen, doch es zeichnen sich eindeutige Motive ab. Kriminalhauptkommissar Schickl (Wilfried Klaus) nimmt unter Anderem die trauernde Witwe ins Visier, doch es bieten sich noch weitere Verdächtige in diesem nebulösen Fall an...

Der Inszenierungsstil der "SOKO 5113"-Folge "Spurwechsel" hat mit den Episoden der frühen Phase nur noch wenig gemein und es lassen sich lediglich noch ein paar gedankliche Brücken bauen, die sich dem Empfinden nach eher wie nostalgische Erinnerungen anfühlen. Selbstverständlich kommt diese Frischzellenkur dem Charakter der Serie sehr zugute und es zeigt sich ein moderner Transfer, der diese im handwerklichen Sinn gut komprimierte Folge sehenswert macht. Ein früher Mord und die schnelle Integration der Tatverdächtigen sorgt für ein angemessenes Tempo, und es sind vor allem die Ermittlungen, beziehungsweise Verhöre, die den Ton angeben. In diesem Zusammenhang fällt der sachliche und vollkommen pragmatische Tenor auf, der von allen Instanzen des Ermittlerteams ausgeht. Der Fall an sich wird gewollt nebulös gehalten und der determinierte Weg zum Ziel besteht aus sorgsam geordneten Etappen, die vor allem durch die straffe Montage mit diversen Einblendungen und parallel geschalteten Verhörszenen für gute Momente sorgen. Der Fall an sich bleibt insgesamt jedoch leider herkömmlich und hält sich mit zu vielen Nebensächlichkeiten auf, die dem Zuschauer als wichtige Indizien aufgetischt werden, wobei das Motiv um den rätselhaften Mord so lange wie möglich im Dunkeln gehalten wird. Hohe Widerstände und die teils absurd klingenden Geschichten der verdächtigen Personen stiften Verwirrung und Ratlosigkeit, zumindest beim Zuschauer, allerdings lässt sich das Team der Sonderkommission davon erst gar nicht beeindrucken und kommt der Lösung zielstrebig näher.

Die interessanteste Komponente in dieser Episode ist sicherlich die Zusammenarbeit der Ermittler, da die einzelnen Personen dem Anschein nach bei ihren Alleingängen nicht so perfekt funktionieren, wie es im Team der Fall ist. Etliche, vom Grund auf unterschiedliche Eigenschaften treffen in "Spurwechsel" aufeinander, aber es wird auch durchaus eingeräumt, dass es zu Fehlern kommen darf, die nur allzu verständlicher Natur sind. Leider muss dennoch betont werden, dass der Kriminalfall samt Ausarbeitung bestimmt keine Sternstunde der Serie darstellt, denn der Verlauf ist unterm Strich zu eintönig und nahezu uninteressant ausgefallen. Die Twists wirken vorhersehbar, außerdem wird die Kohärenz mehr als einmal auf die Probe gestellt. Einfallslos plätschert das Szenario also vor sich hin, sodass man sich an einige Strohhalme in Form der teils prominenten Gäste klammern muss. Eine Episoden-Hauptrolle für Christiane Krüger macht sich erfahrungsgemäß stets gut, und hier ist sie in einer gut strukturierten Rolle zu sehen, die mit den üblichen ihrer Kniffe ausgestattet ist. Im Rahmen von Misstrauen und Vertrauen entsteht mit ihr ein Wechselbad der Gefühle, was natürlich förderlich für die sonst eher spannungsarme Geschichte ist, aber vergleichsweise kein großes Highlight in ihrer Karriere darstellt. Besonders erfreulich erscheint noch der Auftritt der überaus gerne gesehenen Tanya Neufeldt, die sich problemlos in die Riege der schlecht einzuschätzenden Personen einreiht. Am Ende wirkt der Fall schließlich viel zu konstruiert, um überzeugend zu wirken, da auch alles zu reibungslos über die Bühne gezwungen wird. Große Überraschungen bleiben in Bodo Schwarz' Beitrag schließlich aus, sodass sich nur ein "Spurwechsel" zu inszenatorisch dichteren Episoden abzeichnen kann.


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 Betreff des Beitrags: Die Spur der schwarzen Bestie (1972)
BeitragVerfasst: 16.06.2017 01:03 
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James Garner   Katherine Ross   in

DIE SPUR DER SCHWARZEN BESTIE

● THEY ONLY KILL THEIR MASTERS / DIE SPUR DER SCHWARZEN BESTIE (US|1972)
mit Hal Holbrook, Harry Guardino, Christopher Conelly, Peter Lawford, Ann Rutherford, Tom Ewell und June Allyson
eine Produktion der Metro-Goldwyn-Mayer
ein Film von James Goldstone


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»Der Fall ist ziemlich sexy!«

In dem kalifornischen Küstenort Eden Landing wird eine entsetzlich entstellte Leiche angespült. Bei der Toten handelt es sich um die dort ansässige Jenny Campbell (Lee Pulford) und ihre Verletzungen lassen darauf schließen, dass sie von ihrem eigenen Dobermann getötet wurde. Sheriff Abel Marsh (James Garner) stellt Nachforschungen in diesem eigenartigen Fall an, zumal sich herausstellt, dass die Todesursache der Frau nicht auf einen Angriff ihres Hundes zurückzuführen ist. Sie wurde offensichtlich ermordet. Noch während des mühevollen Zusammentragens von Indizien, taucht auch schon die nächste Leiche auf, was Marsh beweist, dass er in ein Hornissennest gestochen hat...

Bei der Betrachtung der vielversprechenden Titel von James Goldstones Whodunit-Thriller kommt es zu einer recht großen Erwartungshaltung, da etwas rundum Beunruhigendes suggeriert wird. Interessanterweise kehrt sich der deutsche Titel nach kürzester Zeit einfach um, da man nicht mehr der sogenannten schwarzen Bestie auf der Spur ist, sondern sie höchstpersönlich prägend in den Verlauf eingreift und Sheriff Mash selbst die Spuren liefert, denen nachzugehen ist. Tiere, die in Filmen aggressiv und furchterregend inszeniert werden, prägen den jeweiligen Verlauf meistens sehr nachhaltig und der Dobermann "Murphy" sorgt hier mitunter für sehr starke Szenen. Der Film wartet schließlich mit genau dosierten Momenten auf, hat dabei hin und wieder mit einem insgesamt zu ruhigen Tempo zu tun, allerdings nicht zu kämpfen. Insgesamt lässt sich ein klarer Aufbau herausfiltern, was gewisse Unzulänglichkeiten des Plots nicht allzu gravierend erscheinen lässt, denn im Großen und Ganzen präsentiert sich diese weniger bekannte Produktion in origineller Manier. Bestückt mit bekannten Leinwand-Sars und Veteranen des amerikanischen Kinos, können die hohen Erwartungen erfüllt werden, auch wenn das anfänglich mitschwingende Horror-Element, das sich hinsichtlich des reißerischen Titels empfohlen hatte, schnell fallengelassen wird, um in eher konventionelle Bahnen gelenkt zu werden. "Die Spur der schwarzen Bestie" driftet hin und wieder eine Art TV-Charme ab, was durch viele eindrucksvolle Sequenzen und nahezu idyllische Bilder ausgeglichen wird, die immer wieder durch plötzlich einschießende Schockmomente für die nötige Grundspannung sorgen. Hierbei werden dramaturgisch einige Möglichkeiten offen gehalten, aber auch fallengelassen, die im Bereich des Möglichen Hintergründe anbieten, die mysteriöser oder weltlicher Natur sein könnten.

Starke Akzente werden durch die Bank von den zur Verfügung stehenden Charakteren gesetzt. James Garner zeichnet die Figur des Provinz-Sheriffs sehr überzeugend. Abel Marsh ist ein Mann der Erfahrung, der zwar nichts dem Zufall überlassen möchte, diesen aber oft bereitwillig annimmt. Dabei zeigen sich keine falschen Eitelkeiten und von seiner Wirkung her erscheint der aufgeweckte Gesetzeshüter einfach und echt. Zusammen mit seiner schönen Partnerin Katherine Ross entwickelt ein sehr ansehnliches Duo, bei dem das Thema Leidenschaft ganz groß geschrieben wird. Weitere bekannte Gesichter und damit verbundene stilechte Interpretationen liefern Darsteller wie Hal Holbrook, Harry Guardino oder Peter Lawford, die ebenso prägend ins Geschehen eingreifen können, wie die Hauptrollen. Eine besondere Freude ist das nette Wiedersehen mit June Allyson, die trotz ihrer nur kurzen Intervalle einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen weiß. "Die Spur der schwarzen Bestie" punktet insgesamt durch einen adäquaten Erzählfluss und in diesem Zusammenhang sind die in jeder Situation angepassten Dialoge zu nennen, die teils hitzig aufgeladen, geistreich und humorvoll sind, oder sogar erfrischend-anzügliche Formen annehmen. Von der Klassifikation her ist und bleibt James Goldstones Beitrag ein ruhiger Thriller, der zwar zu keiner Zeit nach den Sternen greift, aber aufgrund seiner soliden Bearbeitung überzeugen kann. Wenn alle Irrtümer beseitigt sind, sich das Feld der Personen dezimiert hat und die Hintergründe offengelegt wurden, bleibt vor allem das letzte Drittel mit seinen vielen rasanten und spannenden Phasen in Erinnerung, außerdem das gut konstruierte Finale. Letztlich handelt es sich also um einen Film, der aufgrund seiner Einfachheit, wegen des bemüht ausgewogenen und letztlich eigenständigen Charakters punkten konnte. Ein durch und durch angenehmer Zeitvertreib.


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 Betreff des Beitrags: Die Nonne (1966)
BeitragVerfasst: 16.06.2017 21:15 
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Anna Karina

DIE NONNE

● LA RELIGIEUSE / DIE NONNE (F|1966)
mit Liselotte Pulver, Micheline Presle, Francine Bergé, Francisco Rabal, Christiane Lénier, Wolfgang Reichmann, u.a.
eine Produktion Rome Paris Films | Société Nouvelle de Cinématographie | im Eckelkamp Verleih
ein Film von Jacques Rivette


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»Dich schickt der Teufel!«

1750. Wie viele andere junge Mädchen muss Suzanne Simonin (Anna Karina) gegen ihren Willen und auf Wunsch ihrer Familie in ein Kloster. Jedoch verspürt die junge Frau keinerlei Berufung und prangert wenig später die eklatanten Missstände in ihrem Orden an, findet dabei sogar eine Verbündete in der Oberschwester (Micheline Presle). Als diese jedoch stirbt, wird Suzanne von deren sadistischer Nachfolgerin namens Schwester Sainte-Christine (Francine Bergé) terrorisiert, die die anderen Schwestern für alle erdenklichen Boshaftigkeiten mobilisiert. Nach einem langen Leidensweg gelingt es der Abtrünnigen endlich in ein anderes Kloster versetzt zu werden, doch auch dort gibt es ein böses Erwachen, denn sie wird mit den sexuellen Ausschweifungen der dortigen Oberin, Madame de Chelles (Liselotte Pulver), konfrontiert...

»Geloben Sie Gott Armut, Keuschheit und Gehorsam?« Die Antwort der Titelfigur Suzanne Simonin fällt auch nach mehrmaligem eindringlichen Fragen mit »Nein!« denkbar knapp, aber ebenso eindeutig aus. Auch ihre leidenschaftlichen Worte, die der puren Verzweiflung entspringen, können das bevorstehende Schicksal nicht abwenden, denn Familie und Kirche haben empfindlich über ihr zukünftiges Leben entschieden und es ist, als habe man ein Todesurteil vollstreckt. Isolation, Abgeschiedenheit und Terror sollen die junge Frau schließlich zum Einlenken und dem Annehmen des kirchlichen Deckmantels zwingen, doch hinter den Kulissen wird ohne Scheu über die wahren Gründe debattiert, die nur allzu weltlicher, sprich finanzieller Natur sind. Das noch zuvor erklungene, glorreiche Glockenspiel des Vorspanns verhallt schnell und der Ernst der Lage spitzt sich unangenehm zu, sodass Jacques Rivettes hochklassiger Beitrag unmittelbar an Massivität zunehmen kann. In diesem Zusammenhang behält man natürlich auch die bevorstehenden 135 Minuten Spielzeit im Auge, die ebenso wuchtig für diesen Leidensweg einer jungen Frau wirken und es stellt sich die Frage, ob sich aufgrund der zu erwartenden, oder besser gesagt naturgemäßen Einförmigkeit der Geschichte nicht einige Längen einschleichen werden. Das Setting Kloster bietet eben jene Eindrücke an, die Schwestern in ihrem Gelübde abzulegen haben, doch "Die Nonne" bietet trotz der eingeschränkten Möglichkeiten eine überaus starke Geschichte und erstaunlich dichte Charakterzeichnungen an, sodass der Film eine Spannung zu transportieren weiß, die sich wie ein schleichendes Gift entfaltet. Dies bekommt natürlich vor allem die tragische Protagonistin zu spüren, deren Schicksal fortschreitend immer unerträglichere Formen annimmt, auch für diejenigen, die einfach nur aus der zweiten Reihe zuschauen müssen.

Die Struktur des Films ist geprägt durch eine hohe Dichte von Dialogen. Dabei werden Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft rabenschwarz gezeichnet, bis ein nahezu destruktiver Charakter Überhand gewinnt. Lichtblicke sind rar gesät und wenn sich solche zeigen, sind sie ausschließlich dazu gemacht, um wenig später in Stücke zu zerfallen. Ansonsten beschäftigt sich der Verlauf mit dem Aufzeigen des peinlich genauen Einhaltens von Klosterregeln und unsentimentaler Härte, die so konträr zu dem Gespenst der Nächstenliebe steht, dem zwar alle vordergründig die Treue halten, sich aber in perfider Manier in andere Richtungen orientieren. Ungehorsam wird bestraft, streng bestraft, und es zeigt sich eine perfekt choreografierte Tendenz, die Realität einfach wegzubeten. Für eine durch und durch hohe Glaubwürdigkeit sorgt Hauptdarstellerin Anna Karina, die vor, aber insbesondere nach Eintritt ins Kloster, ein schweres Kreuz zu tragen hat. Die fragile Ausstrahlung der Dänin will hierbei perfekt zu den Anforderungen passen und man sieht ein zutiefst trauriges und verzweifeltes Wesen, welches in grotesker Art und Weise eben von jenem Glauben gebrochen wird, der so tief in ihr verwurzelt ist. Ihre Überzeugungen werden schließlich von der unerbittlichen Maschinerie der Kirche unterwandert und in diesem Zusammenhang kommen überaus eindringliche, aber auch ergreifende Szenen zum Tragen, die authentisch und schockierend wirken. Anna Karinas Leistung offeriert global gesehen die Sinnhaftigkeit einer Idealbesetzung und prägt den ohnehin hervorragenden Film außergewöhnlich gut durch Temperament, Resignation, Verzweiflung und Demut. Die Abwärtsspirale in der sie sich befindet wirkt unaufhaltsam und sorgt für pures Unbehagen. »Du bist nicht wert zu leben!«, ist nur eine der Aussagen, die sie von ihren Schwestern zu hören bekommt, als ihr alle Rechte innerhalb der Klostermauern aberkannt werden, die eigentlich für Schutz sorgen sollten.

Da sie sich dem allgemeinen Willen nicht beugen will, beziehungsweise es aus tiefstem Glauben nicht tun kann, kommt es zu Lügengeflechten, Verleumdungen, gewaltsamen Übergriffen und nacktem Terror. Da alle Beteiligten die Blanko-Absolution von oben zu haben glauben, rechtfertigt sich jedes noch so unmenschliche Verhalten. Zu guter Letzt wird schließlich der Teufel selbst bemüht, um das Verhalten der Abtrünnigen zu rechtfertigen, bis schließlich eine peinliche Untersuchung des Falls anberaumt wird und Schwester Suzanne Simonin in einem anderen Kloster untergebracht wird, da die weibliche Dominanz innerhalb der isolierten Klostermauern durch die über allem stehende, externe männliche Herrschaft gebrochen wird. Insgesamt gesehen kann es nicht weltlicher zugehen, als an jenen heiligen Orten und im Endeffekt spielt es keine Rolle, wo die Protagonistin landen wird, da sich überall Machtkämpfe und innere Gewissenskonflikte aufbäumen. Der unausweichliche Wechsel zu einen neuen Orden ist weniger der Tatsache geschuldet, dass man Schwester Suzanne schützen will, sondern die Obrigkeit muss mit aller Gewalt einen Skandal vermeiden. Ein progressiveres Kloster soll nun die beruhigende Wirkung haben, doch auch hier findet sich nichts als innere Gegenwehr. Ab diesem Zeitpunkt greift die bekannte Schweizer Schauspielerin Liselotte Pulver ins Geschehen und das Leben der Titelfigur ein und entgegen ihres bestehenden Images sieht man eine absolut losgelöste Leistung Pulvers, die vielleicht selten so überzeugend und vor allem provokant wahrzunehmen war, außerdem mit der Suche nach Körperkontakt irritiert, wo sie nur kann. Unter ihrer Leitung etabliert sich also der Eindruck, als ob man es weniger mit einem Kloster, als mit einem luxuriösen Freudenhaus zu tun hätte, in welchem das ausschweifende Leben der Madame de Chelles Überhand gewonnen hat. Eine ausgezeichnete Darbietung!

Generell ist zu sagen, dass die schauspielerischen Leistungen in der Oberklasse anzusiedeln sind und bekannte Namen wie Micheline Presle, Francine Bergé, Christiane Lénier, Wolfgang Reichmann oder Francisco Rabal veredeln den Verlauf mit einer Reihe von Präzisionsauftritten in Form dichter Charakterzeichnungen. Obwohl der weltliche und regelrecht sexuell aufgeladene Wind im neuen Kloster weniger bedrohlich wirkt, als die unbekömmliche Radikalkur des vorigen Gefängnisalltags, wittert man angesichts böser Vorahnungen anders geartete Gefahren, die sich auch nach kurzer Zeit als Ruhe vor dem Sturm präsentieren werden. Das Schildern dieser hochwertig im Bilde festgehaltenen Kontrastprogramme erfährt jeweils eine prominente Durchleuchtung und lässt die nächste Etappe mit Spannung erwarten. Zwar erscheint es ungewiss, wie diese letztlich aussehen mag, doch es wird auch vollkommen klar, dass es für die Hauptfigur kein Spaziergang sein wird. Jacques Rivette bedient sich klassischer Stilmittel und spielt geschickt mit subtilen Andeutungen, die sich wiederkehrend in der eigenen Fantasie fortführen. Insbesondere die teilweise deftige Exposition im psychologischen Bereich sorgt für die anvisierte Unruhe und viele der Charaktere sind bei einem mentalen Drahtseilakt zu beobachten. Der Weg zum Ende ist schließlich genauso grausam, wie das Finale selbst und es wirkt unterm Strich fast schon erschreckend, dass diejenige Person, die die Berufung angeblich nicht gehört haben will, die einzige Heilige in der Arena der Selbstinszenierer, Gotteslästerer und Machthungrigen sein und büßen wird. "Die Nonne" ist insgesamt ein Film, der den geschichtlichen Kontext auffällig ernst nimmt und aufgrund der exzellenten Bearbeitung eine hohe Glaubwürdigkeit vermittelt, daher die uneingeschränkte Absolution des Zuschauers durchaus verdient. In in allen Belangen wirklich ganz hervorragender und - wenn man so will - seriöser Beitrag.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Die verrückten Reichen (1976)
BeitragVerfasst: 22.06.2017 19:06 
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Bruce Dern   Stéphane Audran   Sydne Rome   Jean-Pierre Cassel   Ann-Margret   in

DIE VERRÜCKTEN REICHEN

● FOLIES BOURGEOUISES / DIE VERRÜCKTEN REICHEN / PAZZI BORGHESI (F|D|I|1976)
mit Maria Schell, Francis Perrin, Mauro Parenti, Sybil Danning, Yvonne Gaudeau, Charles Aznavour sowie Curd Jürgens und Tomas Milian
eine Produktion der Barnabé Productions | cCc FILMKUNST | Gloria Film | im Gloria Filmverleih
ein Film von Claude Chabrol


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»Dekadentes Geschmeiß!«

Das Leben des amerikanischen Bestseller-Autors William Brandels (Bruce Dern) und dessen Frau Claire (Stéphane Audran) besteht aus purem Luxus und öffentlichen Verpflichtungen in der gehobenen französischen Gesellschaft. Bei einer wichtigen Preisverleihung in der Villa des Verlegers Jacques Lalouet (Jean-Pierre Cassel) geht William zwar leer aus, jedoch nicht seine Frau, da sie eine Affäre mit dem Gastgeber anfängt. Ihr Ehemann steht den außerehelichen Aktivitäten jedoch in nichts nach und hat eine Liaison mit der attraktiven Dolmetscherin Charlie Minerva (Ann-Margret), bis sich die gegenseitige Eifersucht so sehr hochschaukelt, dass sich beide in den absurdesten Gedanken wiederfinden. Ein Tapetenwechsel soll die gewohnten Gesetze ihrer Alltagshölle wieder herstellen...

Bereits die ersten Szenen in Claude Chabrols Gesellschaftskomödie "Die verrückten Reichen" sind auf Konfrontation und Bloßstellung getrimmt. In einem feudal eingerichteten Haus, das von Kunst und Prunk nur so überzuquellen scheint, stellen sich die Titelfiguren in eindeutiger Manier selbst vor. Eine reiche und für ihre eigenen Begriffe eben nur gerade noch attraktive Französin räkelt sich in der Badewanne und spielt mit Modell-Kriegsschiffen, bevor sie nach einen Drink ruft, den ihr Mann auch wie wohl häufig serviert. An der Bar sitzt das gelangweilte und offensichtlich wie üblich angeheiterte Dienstmädchen, welches ihre Mädchenjahre auch längst gesehen hat, und gibt dem Whiskey nicht gerade liebevoll und mit bloßen Händen einige Eiswürfel hinzu, bis sie vor dem leeren Gequatsche der Herrschaften flüchtet. Diese ersten Eindrücke skizzieren den unbeschwerten Alltag der Schickeria, bevor man sich vor dem Spiegel saniert, um auf einen Empfang salonfähig zu sein, bei dem gelästert wird, dass sich die Balken biegen. Geld, Gerüchte, Sex, Indiskretionen und Intrigen werden zu den Gesprächsthemen, die den guten Ton angeben und dem Empfinden nach liegt nicht nur eine liaison dangereuse in der Luft, was durch den Zündstoff Alkohol angefeuert wird. Claude Chabrol gewährt interessante Blicke auf das Verhalten der Personen in der Öffentlichkeit, aber vor allem innerhalb ihrer eigenen, kleinbürgerlichen vier Wände, beispielsweise bei Alkohol getränkten Weltuntergangsstimmungen in denen der Herr und die Dame des Hauses zwischen: »Das Vermögen einer Frau liegt zwischen ihren Beinen!« und »Ich bin alt!« aneinander vorbeireden. Die personellen Konstellationen ergeben sich hauptsächlich über familiäre oder geschäftliche Verbindungen, oder selbstverständlich Affären. In diesem Zusammenhang werden die Dialoge und die Gebärden gerne einmal auf die Spitze getrieben, sodass es zu sarkastischer bis zynischer Situationskomik kommt.

Die Geschichte ist primär um eine Frau namens Claire Brandels konstruiert, die Gefahr läuft, endgültig Rot zu sehen. Obendrein ist sie verheiratet mit einem Amerikaner. Exzellent dargestellt von der französischen Charakterdarstellerin Stéphane Audran, bekommt man es mit einer betont aggressiven Spiellaune zu tun, die in eine regelrechte Achterbahnfahrt mündet. Bei ihr hat alles gehoben zu sein: Haute Couture, Haute Cuisine, Hautevolee. Leider ist der allgemeine Eindruck über diese Dame ein vollkommen anderer, denn sie glänzt gerne einmal durch Impulsivität oder auch Vulgarität, sprich: in Extremzuständen, die das Zusammensein mit ihr nicht gerade vereinfachen. Nur der Zuschauer wird Zeuge ihrer geheimen Vorstellungen, in denen sie sich sexuellen Ausschweifungen oder sogar Mordgelüsten hingibt und der Ursprung des Ganzen ist ihre übersteigerte Eitelkeit und pauschale Eifersucht, die langsam aber sicher von ihrem fortschreitenden Alter zernagt wird. Ihre junge Nichte tanzt ihr buchstäblich permanent vor der Nase herum, deren Schönheit und Jugend von Sydne Rome quasi personifiziert werden. Ihr Mann William verbringt seine Zeit gerne sinnvoll, also am liebsten ohne sie und auch zwischenmenschlich scheint es nicht mehr auf vollen Touren zu laufen, was Claire zu einem Liebhaber treibt, der sie wiederum auch betrügt. Chabrol spannt Stéphane Audran förmlich wie ein Zirkuspferd ein, dass er in seine Manege schickt. Mit fortlaufender Spielzeit zeichnet sich eine hoffnungslose Neurotikerin ab, deren Gedanken und Fantasien nur dem Zuschauer zugänglich gemacht werden, indem sie prominent im Bild eingefangen werden. Dabei lehnt sich ihr Inneres aufrührerisch gegen gesellschaftliche Konventionen und bürgerliche Moralvorstellungen auf, deren Steigbügelhalterin sie jedoch immer wider selbst ist. Temperament und Präzision lassen Audrans Leistung zu der notwendigen Wucht und Einheit werden, die den Film bestimmt.

Die männlichen Hauptrollen mit Bruce Dern und Jean-Perre Cassel haben es vergleichsweise schwer, sich im Schatten dieser geballte Ladung hervorzutun, wenngleich sie sehr passable Eindrücke hinterlassen, genau wie Gaststar Ann-Margret. Curd Jürgens, der im Vorspann unter besonderer Mitwirkung angekündigt ist, bekleidet genau wie seine schwedisch-amerikanische Kollegin nur eine kleinere Rolle und kann zumindest für Wiedersehensfreude sorgen, was auch für viele der anderen Interpreten gilt, wie beispielsweise eine barbusige Sybil Danning oder einen beinahe bis zur Unkenntlichkeit zurecht gemachten Tomas Milian. Besonders in den Fokus spielen kann sich Maria Schell, als einfältig wirkende Dienstmagd, die wild mit Schweizer Akzent herumpoltert, den alkoholischen Finessen der Herrschaften nicht abgeneigt ist und im sexuellen Sinn chronisch ausgehungert zu sein scheint. Insgesamt blickt man auf erfrischend groteske Leistungen, die dem Tenor dieser Geschichte hervorragend angepasst sind. Spätestens im letzten Drittel des Films drängt sich schließlich die Frage auf, was das komplette Geplänkel eigentlich aussagen will und man hofft auf eine spektakuläre Antwort in Form eines Finales, das diesem Verlauf angemessen erscheint. Der Weg dorthin wird jedoch mit konventionellen Themen aus dem Bereich der angeschlagenen Beziehungen geschmückt, was die obligatorischen Spleens der Reichen ein wenig an Intensität verlieren lässt, bis es zu einer Art Rollentausch kommt, in dem William nun in die selben Halluzinationen verwickelt wird, die bereits seine Frau heimsuchten. Beim Blick auf einen Flipper oder in ein offenes Auto sieht er sie plötzlich in eindeutigen Situationen, oder besser gesagt Positionen, in denen sie es mit fremden Männern treibt, oder er befördert sie einfach ins Jenseits. Im Rahmen der Sex-Neurosen der verrückten Reichen bekommt man gegen Ende noch einige denkwürdige Szenen geboten und insgesamt handelt es sich um einen Beitrag, der zwar ziemlich weit entfernt ist vom Olymp ganz großer Beiträge französischer Seele, jedoch seinen Dienst im Sinne der Anklage erfüllen kann.


— ITALO-CINEMA —


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 Betreff des Beitrags: Schöner Gigolo, armer Gigolo (1978)
BeitragVerfasst: 23.06.2017 01:32 
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David Bowie   Sydne Rome   in

SCHÖNER GIGOLO, ARMER GIGOLO

● SCHÖNER GIGOLO, ARMER GIGOLO / JUST A GIGOLO (D|1978)
mit Kim Novak, Maria Schell, David Hemmings, Curd Jürgens, Erika Pluhar, Hilde Weissner, Werner Pochath, Rudolf Schündler,
Friedhelm Lehmann, Rainer Hunold, Karin Hardt, Evelyn Künneke, Christiane Maybach, Reinhard Kolldehoff und Marlene Dietrich
Produktion | Leguan Film | Bayrischer Rundfunk | Sender Freies Berlin | im Verleih der Warner-Columbia
ein Film von David Hemmings


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»Wisst ihr, was ich aufgab in der Fastenzeit? Die Religion!«

Der aus einer preußischen Adelsfamilie stammende Leutnant Paul Ambrosius von Przygodski (David Bowie) kehrt nach dem Ersten Weltkrieg zurück nach Berlin. Dort muss er feststellen, dass sich so gut wie alles verändert hat und sein guter Name nicht mehr allzu viel wert ist. Um seinen gewohnten Lebensstil wieder zu erlangen, lässt er sich von seiner halbseidenen Bekanntschaft Eva (Erika Pluhar) aushalten, um wenig später die Generalswitwe Helga (Kim Novak) dazu zu benutzen, wieder Zugang in die besseren Kreise zu bekommen. Außerdem wird er von Hauptmann Kraft (David Hemmings) unter Druck gesetzt, der NSDAP beizutreten. Als Paul eines Abends der eleganten und geheimnisvoll wirkenden Baroness von Semering (Marlene Dietrich) vorgestellt wird, macht sie ihm ein unmoralisches Angebot, dass der junge Mann nicht ausschlagen kann...

Bei der deutschen, aber international schimmernden Großproduktion "Schöner Gigolo, armer Gigolo" handelt es sich um das Spielfilmdebüt des Schauspielers und Regisseurs David Hemmings, der neben einem beachtlichen Star-Aufgebot auch selbst eine Rolle in seinem Film übernommen hat. Dem Film eilen trotz des merklich betriebenen Aufwands nicht gerade Loblieder voraus, aber es bleibt abzuwarten, ob das Auge des Betrachters ein sperriges Vehikel darin sieht, oder einen auf vielen Ebenen gelungenen Film, dessen auf der Hand liegende Vorzüge ihre Pflicht tun können. Angelegt als Gesellschaftspanorama der Weimarer Republik, beginnt der Film mit vielen charakteristischen Szenen und stichhaltig skizzierten Bildern, in denen bereits eine Vielzahl an insbesondere deutschen Stars zu sehen ist. Leutnant Paul Ambrosius von Przygodski kehrt von der Front des Ersten Weltkrieges heim und wird in Berlin mit einem Kulturschock konfrontiert, da seine Familie ihr Vermögen verloren hat und sie sich für ihren Adelstitel nicht viel kaufen kann. Somit vermietet man in der feudalen Villa Zimmer an Gäste, außerdem war seine Mutter gezwungen, eine niedere Tätigkeit namens Arbeit anzunehmen. Nur eins ist insbesondere bei Paul gleich geblieben: Überheblichkeit, gekoppelt mit Eitelkeit und großspurigem Denken. Um den gewohnten Lebensstil beibehalten zu können, müssen also Alternativen her, und sei es schließlich, sich für das gute Geld der anderen zu verkaufen. Pauls Ausstrahlung ermöglicht es ihm, auf einträglichen Fischzug gehen zu können, sodass ihm einige solvente Damen ins Netz gehen, die seine Ansprüche finanzieren können und was viel wichtiger ist; ihn in die gute Gesellschaft integrieren. Da es sich dabei um gewohntes Terrain handelt, ist die vulgärste aller Karriereleitern so gut wie vorprogrammiert.

Der Verlauf schildert ernste Rahmenbedingungen, ohne sich dabei darin zu suhlen. Aufgrund einer eigenartigen Offensiv-Komik, die sich in Worten und Taten über so gut wie alle Personen in den Vordergrund drängt, entstehen zwiespältige Eindrücke bei einem Film, der seiner eigenen, womöglich zu hoch angelegten Messlatte nicht wirklich gerecht werden will. In der Zwischenzeit darf man jedoch auf die besonders gute Ausstattung blicken und natürlich auf ein regelrechtes Fließband an Stars, die dieser Geschichte unbeirrbar ihre Stempel aufdrücken werden. Im Besonderen ist hier sicherlich der britische Hauptdarsteller David Bowie zu nennen, der seinen Paul Ambrosius von Przygodski im Sinne der Anforderung sehr gefällig darstellt und es im Großen und Ganzen sehr gut versteht, präzise auf den Punkt zu kommen. Die Amerikanerin Sydne Rome haftet hingegen zu sehr an der etwas begrenzten Palette ihrer Möglichkeiten und hinterlässt insgesamt einen Eindruck, der sich wie so häufig gleicht wie ein Ei dem anderen: sie ist schön, nicht weniger, aber definitiv auch nicht mehr. Interpreten wie Kim Novak, Erika Pluhar, Hilde Weissner, Curd Jürgens und insbesondere Maria Schell, die erneut bemerkenswert aufspielt, probieren es mit Timing und Präzision, scheitern aber häufig an den diffusen Rahmenbedingungen der Produktion. Dieser weitgehend in Vergessenheit geratene Film ist insofern beachtenswert, weil er die damals längst als Einsiedlerin in Paris lebende Diva Marlene Dietrich nach fünfzehn Jahren der Schauspiel-Abstinenz wieder vor die Kamera holte. Der Vorspann kündigt die zu diesem Zeitpunkt bereits 77jährige wortwörtlich »mit Stolz« an, und sicherlich handelte es sich um eine mittelschwere Sensation, da sicherlich niemand mehr daran geglaubt hatte, Dietrich in irgend einer Weise wieder für den Film reanimiert zu sehen.

Im Film sieht man sie lediglich als Gast und ihre Szenen mit David Bowie wurden separat voneinander, von ihm in Berlin und von ihr in Paris, abgedreht. Vor allem aus diesen Gründen ist die Partizipation von Marlene Dietrich als Baroness von Semering, die junge, gut aussehende Männer für sich rekrutiert, um sie auf ältere Damen mit Appetit loszulassen, durchaus erwähnenswert, wobei eine spektakuläre Reinkarnation in darstellerischer Hinsicht leider ausbleibt, was sicherlich dem Umfang der Rolle und den damit fehlenden Entfaltungsmöglichkeiten geschuldet ist. Viele bekannte deutsche Film- und TV-Stars runden das Geschehen zwar zusätzlich angenehm ab, aber im Endeffekt ist tatsächlich nicht viel zu machen, sodass "Schöner Gigolo, armer Gigolo" sich als regelrechte Expertise in Sachen verschenktes Potential präsentiert . Alles was geschieht ist und bleibt sehr dünn und dramaturgisch unzulänglich. Wenn der Verlauf sich dem Ende zuneigt, bleibt der Eindruck zurück, als hätte noch etwas zusätzlich Signifikantes geschehen müssen. Die Erzählstruktur wirkt daher insgesamt sehr unwirsch und Regisseur David Hemmings hat das zugegebenermaßen prestigeträchtige Projekt nicht günstig ausarbeiten können, geschweige denn in den Griff bekommen. Auf der Habenseite bleibt die herrliche Ausstattung und der exzellente Transfer in vergangene Tage, bei dem immer wieder Zeitgeist und Flair aufkommen kann. Insgesamt gesehen bleibt der Film jedoch oberflächlich und in sich selbst vollkommen unschlüssig, was sich wieder einmal restlos auf den Zuschauer überträgt. Anhand des Gesamtergebnisses liegt also die Bestätigung ganz nahe, warum das Projekt seinerzeit in den Kinos floppte. David Hemmings "Schöner Gigolo, armer Gigolo" bleibt daher lediglich ein starres, dazu zielloses Vehikel und Millionengrab der späten 70er Jahre. Im Großen und Ganzen leider misslungen!


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 Betreff des Beitrags: Camp der Verdammten (1961)
BeitragVerfasst: 24.06.2017 11:44 
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CAMP DER VERDAMMTEN

● CAMP DER VERDAMMTEN (D|1961)
mit Christiane Nielsen, Hellmut Lange, Hermann Nehlsen, Thomas Alder, Ekrem Bora, Peter Kirsten und Ellen Schwiers
eine Ernst Ritter von Theumer Filmproduktion | im Nora Filmverleih
ein Film von Ernst Ritter von Theumer


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»Eine Bewegung und wir sind alle in der Hölle!«

Toni (Thomas Alder) ist Leiter eines Ölcamps in Anatolien. Eines Tages wird er von seinem Freund Harald Birk (Hellmut Lange) aufgesucht, einem ehemaligen Fremdenlegionär, aber nicht über die gute alte Zeit zu plaudern. Die beiden Männer besitzen einen Lageplan von einem verborgenen Königsgrab im Olympus, der die Eintrittskarte für den persönlichen Reichtum und Unabhängigkeit darstellen soll. Zusammen mit den beiden Frauen Kerima (Ellen Schwiers) und Ingrid (Christiane Nielsen), sowie dem sogenannten Professor, dem Archäologen namens George (Hermann Nehlsen), und einigen anderen Eingeweihten, brechen sie gemeinsam auf, um den sagenumwobenen Schatz ausfindig zu machen. Eines wurde dabei allerdings nicht einkalkuliert: die verschiedenen Interessengemeinschaften versuchen sich gegenseitig kaltzustellen...

Ernst Ritter von Theumers Filmbeiträge genießen weitgehend einen berüchtigten Status und bereits zur Entstehungszeit dieses Films stand sein Name für reißerisch aufgezogene B-Filmfreuden, die ganz offenkundig keinen künstlerischen Anspruch verfolgten, dafür aber vornehmlich die reine Unterhaltung im Visier hatten. "Camp der Verdammten" kann eindeutig als Abenteuerfilm klassifiziert werden, dem man zunächst bescheinigen darf, dass er über sehr atmosphärische Aufnahmen und Schauplätze verfügt, außerdem über eine an der damaligen Zeit angepassten Populär-Besetzung, die in anderen Beiträgen oftmals jedoch nur in der zweiten Reihe agierte. Bereits der frühe Verlauf gibt unmissverständlich zu verstehen, dass sich das möglicherweise bevorstehende Spektakel ziemlich derb präsentieren will, was sich zunächst in den flapsigen Dialogen durchschlägt, deren Echo bemüht umgangssprachlicher Natur sind. Die Suche nach einem sagenumwobenen Schatz stellte schon für so manchen Film einen ergiebigen Nährboden dar, und auch hier wird der Zuschauer langsam darauf vorbereitet, dass man einer gefährlichen Mission gegenübersteht. Kostproben von Action und leichtem Tempo, sowie charakteristischem, anatolischem Flair machen einen angemessenen Eindruck, wenngleich sich dann doch Tendenzen von gepflegtem Leerlauf einschleichen, sodass die Geschichte nach einiger Zeit etwas zu sehr gestreckt wirkt, um ausgleichend auf die dünne Story einzuwirken. Bestückt mit bekannten Gesichtern des damaligen Kinos, sieht man gut eingefasste Rollen, die in erster Linie vielleicht nicht gerade sinnbildlich für die ganz große Prominenz stehen werden, aber dem Verlauf ihre Stempel aufdrücken können. Interessant ist die Tatsache, dass man der attraktiven Würzburgerin Christiane Nielsen die Hauptrolle des Films anvertraute.

Kurz zuvor in dem Edgar-Wallace-Krimi "Das Rätsel der roten Orchidee" zu sehen, konzipiert sie ihre Rolle hier offensiv-verführerisch, nahezu lasziv, schlagfertig und waghalsig, sodass sie ihren Platz in der von Männern dominierten Umgebung nicht nur beanspruchen, sondern auch behaupten kann. Hellmut Lange hatte kurz zuvor ebenfalls einen Einsatz bei Wallace, woraus man bei den Hauptrollen schon klar die Strategie ableiten kann, dass man auf einer Erfolgswelle mitschwimmen wollte, auch wenn es sich um ein vollkommen anderes Genre handelt. In diesem Zusammenhang ist auch noch Thomas Alder zu nennen, der ebenfalls einen einmaligen Auftritt in der erfolgreichen Serie absolviert hatte. Christiane Nielsen und Hellmut Lange machen jedenfalls mehr als solide Eindrücke, genau wie Ellen Schwiers, die jede Produktion, außerdem jede noch so unterschiedliche Anforderung meistern und deutlich aufwerten kann. Die allgemeine Stimmung wird plötzlich durch einige Schlager-Einlagen von Peter Kirsten auf recht dünnes Eis geführt und leider fängt das Ganze ohnehin an, deutlich vor sich hinzuplätschern, da zu lange auf wahrnehmbares Spektakel gewartet werden muss. Zwar ist positiv anzumerken, dass die Stimmung keinesfalls kippt, aber dennoch handelt es sich im Endeffekt um einen zu konventionell aufgezogenen und recht lieblos aneinander gereihten Abenteuer-Krimi, der nur wenige Ausrufezeichen setzen kann. Die größten Ausrufezeichen setzen in diesem Zusammenhang schließlich viele der gerne gesehenen Darsteller und vor allem die atemberaubend schönen Schauplätze. Letztlich handelt es sich bei "Camp der Verdammten" nicht gerade um eine vergessene Perle des Geschäfts, denn dafür wurde einfach zu viele Möglichkeiten liegen gelassen. Freunde des Genres werden jedoch sicherlich Inhalte finden, die zufriedenstellend sind.


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 Betreff des Beitrags: Kochendes Blut (1970)
BeitragVerfasst: 27.06.2017 02:20 
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KOCHENDES BLUT

● EL COLECCIONISTA DE CADÁVERES / CAULDRON OF BLOOD / CHILDREN OF BLOOD / KOCHENDES BLUT (E|US|GB|1970)
mit Jean-Pierre Aumont, Boris Karloff, Viveca Lindfors, Rosenda, Monteros, Milo Quesada, Dyanik Zurakowska und Jacqui Speed
hergestellt durch die Producciones Cinematográficas Hispamer Films | Robert D. Weinbach Productions
ein Film von Santos Alcocer


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»Die Zigeuner wissen genau, wann der Teufel kommt!«

Der Journalist Claude Marchand (Jean-Pierre Aumont) hat den Auftrag, ein Interview mit Franz Badulescu (Boris Karloff) zu führen, einem sehr bekannten Bildhauer. Durch einen von seiner Frau Tania (Viveca Lindfors) verursachten Unfall ist der Virtuose jedoch erblindet und zusätzlich auch körperlich weitgehend eingeschränkt. Um seine Arbeit fortführen zu können, benötigt er für die Architektur seiner Skulpturen menschliche Skelette, die ihm seine eigene Ehefrau permanent beschafft. Claude Marchand findet schließlich heraus, welch hohen Preis Andere für die Kunst zu bezahlen haben und versucht dem teuflischen Treiben ein Ende zu bereiten...

Die Arbeiten des spanischen Regisseurs Santos Alcocer sind relativ rar gesät und nachdem er 1959 erstmals auf dem Regiestuhl platz nahm, um beispielsweise einen Genre-Vertreter wie "Erotik in der Folterkammer" zu inszenieren, war mit "Kochendes Blut" auch schon wieder das Ende seiner Zeit als Regisseur gekommen. Manch einer mag hier möglicherweise einen direkten Zusammenhang mit dem Endergebnis dieses 1970 entstandenen Vertreters des Horrorfilms sehen, da es in mancherlei Hinsicht und gewissermaßen für sich selbst spricht, teilweise auch eine eigenartige Symbiose zwischen bizarrem Trash und hoffnungsvoller Ambition eingeht. Dem hoch atmosphärischen Vorspann folgt ein früher Mord mit einer Drahtschlinge, bei dem der Täter nicht zu identifizieren ist, sodass sie die Hoffnung über einen gut angelegten Whodunit etabliert, was zumindest ein bisschen frühe Spannung aufkommen lässt, sich aber nicht durchsetzt. Vor der traumhaften Kulisse an Strand und Meer entfaltet sich allerdings alles andere als Urlaubsflair, da man den dort ansässigen Leuten lieber nicht in die Hände fallen würde. Interessiert schaut man daher nicht nur auf besonders krude Charaktere, die maßgeblich daran beteiligt sind, dass sich die gewünschte Atmosphäre entfalten kann, sondern auch auf eine ebenso rabiate Geschichte, deren Effekte zugegebenermaßen in recht limitiert wirkenden Möglichkeiten daherkommen. Interessant ist sicherlich vor allem die Partizipation des britischen Darstellers und Horrorfilm-Ikone Boris Karloff, der hier in einer der Hauptrollen als blinder Bildhauer in einem seiner letzten Filme zu sehen ist und der Produktion zumindest ein paar Vorschusslorbeeren verleihen kann, wenngleich die wirklich denkwürdigen Leistungen von anderen Interpreten zu sehen sind.


Das neue Lexikon des Horrorfilms hat geschrieben:
Boris Karloff war bei den Aufnahmen 80 Jahre alt und mehr tot als lebendig: Sein rechtes Bein wurde von einer Stahlschiene gestützt, ohne die er nicht mehr gehen konnte. Des Weiteren musste ihm ständig Sauerstoff zugeführt werden, er litt an einer schweren Arthritis und hatte nur noch eine halbe Lunge. Kochendes Blut wurde erst drei Jahre nach dem Tod des Hauptdarstellers aufgeführt. Obwohl die Produktion an einem Fast-Null-Budget krankte (und Santos Alcocer, dem Regisseur, kaum der Ruf vorauseilte, ein besonders begabter Filmemacher zu sein, fand der Film in den USA und speziell in Mexiko sein Publikum: »Es handelt sich um jene Art Stoff, den das Publikum ernst nehmen oder belächeln kann. Spaß werden beide Zuschauergruppen daran haben.«

Bevor der Film in bestimmten Intervallen immer wieder an Fahrt aufnehmen und spannende Momente transportieren wird, kann auf ein sehenswertes Genre-Gemisch mit altbekannten Zutaten geblickt werden, das in bunten Bildern für die nötige Intensität sorgen kann. In darstellerischer Hinsicht wird insgesamt Adäquates geboten. Der französische Hauptdarsteller Jean-Pierre Aumont führt den internationalen Cast unaufgeregt aber charmant an und kann demzufolge einen guten Eindruck hinterlassen. Neben insbesondere Boris Karloff sind einige weitere gute alte Bekannte des Filmgeschäfts zu sehen, wie beispielsweise Milo Quesada oder Manuel de Blas. Auch die hübsche Rosenda, Monteros kann für ein gewisses Aufsehen sorgen. Die womöglich denkwürdigste und daher beste Leistung liefert jedoch die gebürtige Schwedin Viveca Lindfors, als unangenehm dominante und gebieterisch wirkende Ehefrau des blinden Künstlers Franz Badulescu, bei der einem das Blut in den Adern gefriert. Als beispielsweise ein bestialischer Mord geschieht, gefällt sie sich als Zuschauerin und möglicherweise Drahtzieherin darin, sich erst einmal genüsslich eine Zigarette anzuzünden, um dabei ungeduldig ein Likörchen zu genießen. Nicht schlecht, denn solche Charaktere braucht ein Film wie dieser, um fernab der klassischen Inszenierung zu funktionieren. Aber das tut "Kochendes Blut" auch so, und schließlich sieht man einem kleinen, aber feinen Beitrag, der in dem Bereichen Atmosphäre und Spannung zumindest immer einmal wieder kleinere Duftmarken setzen kann. Viele Intervalle sind zugegebenermaßen etwas zäh geworden, da auch eine Art von leichtem Humor verbreitet wird, für den man in einem solchen Film einfach bereit sein muss. Wenn sich die Geschichte jedoch löst und man die Abwege der Vergangenheit gefunden hat, darf man im Großen und Ganzen recht zufrieden mit Santos Alcocers Filmchen sein, der seinen Dienst am Kunden gut erfüllen kann.


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 Betreff des Beitrags: Der rote Schatten (1960)
BeitragVerfasst: 07.07.2017 21:54 
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Anton Diffring   Erika Remberg   Yvonne Monlaur   in

DER ROTE SCHATTEN

● CIRCUS OF HORRORS / DER ROTE SCHATTEN (GB|1960)
mit Donald Pleasence, Jane Hylton, Kenneth Griffith, Conrad Phillips, Vanda Hudson, Yvonne Romain, Colette Wilde, u.a.
eine Produktion der Lynx Films Ltd. | im Rank Filmverleih
ein Film von Sidney Hayers


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»You could be beautiful, if you would trust me!«

England 1947. Dem plastischen Chirurgen Dr. Rossiter (Anton Diffring) unterläuft ein gravierender Kunstfehler, bei dem eine seiner Patientinnen entsetzlich entstellt wird. Um einer Anklage zu entgehen, flieht er nach Frankreich. Dort angekommen, trifft er auf den Zirkusdirektor Vanet (Donald Pleasence), der ihn bittet, seine Tochter Nicole zu operieren, da ihr Gesicht seit einem Bombenangriff entstellt ist. Als Vanet einem tragischen Unfall zum Opfer fällt, übernimmt Dr. Rossiter den Zirkus und führt ihn unter falschem Namen. Nach und nach stellt der neue Direktor bevorzugt weibliche Kriminelle mit Schönheitsmakeln ein, denen er mit chirurgischen Eingriffen zu einem anderen Aussehen verhilft. Falls sich die jungen Artistinnen aber dazu entschließen, sich von ihm Meister loszusagen, kommt es von von Seiten Dr. Rossiters zu tödlichen Demonstrationen in der Manege...

Der schottische Regisseur Sidney Hayers lieferte mit "Der rote Schatten" einen nicht uninteressantes Genre-Hybrid aus mehreren Bausteinen, das sich sowohl im Kriminal- oder Gruselfilm, als auch im gepflegtem Horror wohlfühlen darf. Das Werk wird hier und da mit Georges Franjus etwa zeitgleich entstandenem Klassiker "Augen ohne Gesicht" verglichen, was sich nach der Ansicht vielleicht eher vom Prinzip her bestätigen will, beim direkten Vergleich aber zugunsten des französischen Vertreters ausgeht. Nichtsdestotrotz ist ein Film entstanden, der atmosphärisch dicht und phasenweise sehr spannend geworden ist, allerdings braucht der Zuschauer hier keine Nerven aus Drahtseilen zu haben. Der 1960 in die Lichtspielhäuser gebrachte Flick weist einige Besonderheiten auf, die durchaus erwähnenswert erscheinen. Allem voran steht wohl die sehr ungewöhnliche Tatsache, dass man die Hauptrollen zwei deutschsprachigen Darstellern anvertraute, die von Anton Diffring und Erika Remberg hervorragend gelöst sind, außerdem wurden überdurchschnittlich viele Szenen mit Hilfe des britischen Billy Smart’s Circus angefertigt, die das nötige Flair aufkommen lassen. Die gebürtige Österreicherin Remberg lernte am Set überdies ihren späteren Ehemann Sidney Hayers kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod verheiratet war. Die angewandte mad scientist Thematik war bereits zu dieser Zeit sicherlich keine unbekannte mehr, erfüllt aber nicht zuletzt wegen Anton Diffrings dichter Darstellung ihren Zweck sehr nachhaltig, sodass die nötigen Momente aufkommen, die das Potential besitzen, zu strapazieren, wenn auch eher konservativ. Für echte Hingucker sorgen die Ermordungsszenen. Nicht nur, weil sie vor Publikum stattfinden, sondern vor allem weil sie mithilfe einer sehr guten Montage eindringlich inszeniert wurden. Überhaupt darf man diesem kurzweiligen Reißer ein hohes handwerkliches Niveau attestieren, wobei der deutsche Titel wie so häufig wenig aussagekräftig bleibt.

Der aus Koblenz stammende Schauspieler Anton Diffring gibt eine Performance zum Besten, die durchaus in Erinnerung bleibt. Zwar lassen Verlauf und Dramaturgie nicht allzu konsequent zu, dass seine angedeutete dämonische Note zu einem Würgegriff wird, aber alleine durch sein Erscheinungsbild und die plastisch wirkenden Konturen seines Gesichts, nimmt man ihm die innere Gier, Böses zu tun, zu jedem Zeitpunkt ab. Seine selbst erschaffenen Marionetten bedient er nach Belieben, doch wenn der Doktor das Interesse an ihnen verliert, oder sie drohen, sich zu verselbstständigen, schreitet er unmissverständlich zur Tat, was in regelrechten Demonstrationen gipfelt, da er sich darin gefällt, so viele Zuschauer wie möglich in seinen Genuss kommen zu lassen. Einerseits entsteht hin und wieder der Eindruck, dass die Geschichte im Endeffekt mit zu vielen Zirkusszenen gestreckt wurde, doch andererseits offenbaren sich in diesem Zusammenhang auch die wirklich spannenden Momente. Erika Remberg, die für jeden Film ohnehin eine Bereicherung darstellt, ist in "Der rote Schatten" in ihrem englischsprachigen Kinodebüt zu sehen. Mit einem merklich ordinären Touch, versucht sie ihren Willen durchzusetzen, wo sie nur kann, doch Dr. Rossiter weist sie immer wieder in die Schranken und erinnert daran, wo sie herkommt: nämlich von der Straße. Das Zusammenspiel der beiden forciert den Verlauf sehr effektiv, außerdem kann man sich an soliden Darbietungen von beispielsweise Yvonne Monlaur, Donald Pleasence oder Jane Hylton erfreuen. Krimi-Experten erleben in Sidney Hayers Beitrag übrigens ein kleines Déjà-vu, da etliche Artisten- und Publikumsszenen in dem sechs Jahre später und unter der Regie von John Llewellyn Moxey entstandenen Edgar-Wallace-Beitrag "Das Rätsel des silbernen Dreieck" wiederverwendet wurden, der sich tatsächlich vage an "Der rote Schatten" inspiriert zeigt. Lange Rede, kurzer Sinn: Sidney Hayers Bearbeitung stellt sich als einwandfrei dar und beschert dem geneigten Zuschauer ein willkommenes Sehvergnügen.


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 Betreff des Beitrags: Der Schlachter (1970)
BeitragVerfasst: 04.08.2017 11:06 
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DER SCHLACHTER

● LE BOUCHER / IL TAGLIAGOLE / DER SCHLACHTER (F|I|1970)
mit Stéphane Audran, Jean Yanne, Antonio Passalia, Pascal Ferone, Mario Beccara, William Guérault und Roger Rudel
eine Produktion der Les Films de la Boétie | Euro International Film | im atlas Filmverleih
ein Film von Claude Chabrol


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»Die Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Metzger«

Die Lehrerin Hélène Daville (Stéphane Audran) arbeitet in einem kleinen Dorf im Périgord. Der Schlachter Paul Thomas (Jean Yanne), genannt Popaul, ist seit Monaten heimlich in die aparte Frau verliebt und auf einer Hochzeitsgesellschaft lernen sich beide näher bei Tanz und Ausgelassenheit kennen. Wenige Tage später wird das verschlafene Dorf von einem schrecklichen Zwischenfall heimgesucht, denn eine junge Frau aus dem Dorf wurde ermordet aufgefunden. Bei einem Schulausflug mit ihrer Klasse macht Hélène selbst die nächste grausige Entdeckung und findet den gepeinigten Körper des nächsten Opfers. Neben der Leiche liegt das Feuerzeug, das sie vor gar nicht allzu langer Zeit Popaul geschenkt hatte. Bestätigt sich nun ihr schrecklicher Verdacht, dass es sich bei dem Fleischer um den gesuchten Frauenmörder handelt..?

Aufgrund des ungemütlich klingenden Filmtitels macht sich bereits im Vorfeld das unbestimmte Gefühl breit, dass Claude Chabrol den Zuschauer strapazieren will, doch es ist fraglich, wer hier letztlich zur Schlachtbank geführt werden wird. Bereits der Einstieg setzt auf herbe Kontraste und man findet sich auf einer provinziellen Hochzeit wieder, bei der sich die Hauptpersonen in aller Ausgelassenheit selbst vorstellen dürfen. Es entstehen heitere, aber genauso eigenartige Momente der Einfalt, bis gegensätzliche Einstellungen aufeinandertreffen, die im Rahmen der Möglichkeiten von offen über modern, bis konservativ zu starr wechseln. Aus heiterem Himmel schießt plötzlich das Hauptthema Frauenmord in das Szenario ein, wenngleich man hinsichtlich bestialischer Veranschaulichungen insgesamt kaum etwas Exemplarisches angeboten bekommt. Dieser Vorfall bleibt zugunsten der weiteren Vorstellungen der Personen und des Umfeldes zunächst nur als Randnotiz im Raum stehen und es wird mit einfachen Mitteln geschildert, dass das normale Tagesgeschäft weitergeht, einige Herrschaften beim Thema Tod und Mord sogar immer nur wieder von sich berichten. Die Uhren gehen nach den eigenen Gesetzen des Dorfes weiter. Idyllische Situationen und malerische Bilder an schönen Außenschauplätzen sind mit einer verheißungsvollen Musik untermalt, die dem Anschein nach weitere Abgründe ankündigen will, doch es kommt auch zu sehr intimen Momenten, in denen ein interessantes Wechselspiel zwischen Banalität und Poesie entsteht. Fernab des kriminalistischen Inhalts wird ein gerne und häufig verwendetes Motiv angeboten, das den Filmtitel normalerweise entschärfen würde, jedoch hier perfide, beziehungsweise in klassischer Tragik umgekehrt wird: Liebe unter diametralen Voraussetzungen, die thematisch gesehen nur die Spitze des Eisbergs hervorbringen.

Wenn man also so will, geht das Böse in der Provinz um, in der es schon bei viel weniger zu einem waschechten Stadtgespräch gereicht hätte. Heimtückischer Mord und ein Phantom hebt die bestehende Weltordnung bei Menschen aus den Angeln, die es schon nicht begreifen können, wenn beispielsweise eine Frau eine Zigarette auf offener Straße raucht. Hierbei entstehen gute Voraussetzungen für den Verlauf, der sich trotz irritierender Ruhe und verschlafener Wirklichkeit zuspitzen kann. Claude Chabrol verbannt Spektakel, Unruhe und Hysterie komplett aus seinem Film, der offensiv auf der Realitätsebene ansprechen und beunruhigen möchte. Mit einfachsten Mitteln werden Psychogramme der Hauptpersonen gezeichnet, die die Bühne frei machen für eine Art der Tragödie, die angreift, weil sie so greifbar erscheint. In "Der Schlachter" wird des Weiteren akribisch darauf geachtet, dass es zu keiner Denunziation der Opfer und gleichzeitig des Täters kommt, sodass die quasi nicht vorhandene Wertung als ungemütliche Strategie vollkommen und überaus beklemmend aufgeht. Maßgeblich daran beteiligt sind ebenfalls die beiden Hauptdarsteller Stéphane Audran und Jean Yanne, die nach und nach an einem hervorragenden Aufbau der Geschichte mitarbeiten und einen diffusen Kollisionskurs begünstigen. Audran, die seinerzeit mit Regisseur Claude Chabrol verheiratet war, ist vielleicht als eine der eher unscheinbaren französischen Stars zu beschreiben, die aufgrund ihrer Art zu spielen und dieser eigensinnigen, manchmal spröden Aura weniger Berührungspunkte anbietet, als viele ihrer Kolleginnen. Generell lässt sich jedoch sagen, dass die aus Versailles stammende Interpretin auch hier eine beachtliche Präzisionsleistung zum Besten gibt, die der Geschichte einen besonderen Schliff und rückblickend sehr viel mehr Tiefe mitgibt, als zunächst angenommen.

Die Grundschullehrerin Hélène umweht gleich zu Beginn eine Art Exotik, die sie allerdings nur von ihrem provinziell angehauchten Umfeld verliehen bekommt. Unter normalen Umständen würde man die attraktive Frau vielleicht eher als leicht bieder einschätzen. Sie ist kultiviert in ihrem Auftreten und zeigt in zahlreichen Momenten, dass sie eine verträumte Denkerin ist, die gleichzeitig musisch veranlagt, aber auch pragmatisch ist. Außerdem wirkt es geradezu so, als halte sie alle, die keine Kinder mehr sind, auf Sicherheitsabstand. Von ihren jungen Schülern erwartet sie sehr viel, genau so wie sie es von sich abverlangt. Ihr Verehrer, der Schlachter Popaul, stellt nicht unbedingt das dar, was sie sich unter einem Mann für sich vorstellt. Er ist einfach gestrickt, gibt unbedachte Antworten und stellt noch unbeholfenere Fragen, doch irgend etwas spielt sich zwischen den beiden ab, das man vielleicht Intimität ohne Berührungen nennen könnte. Um seiner Zuneigung Ausdruck zu verleihen, bekommt sie in einer Szene eine Lammkeule gebracht, die wie ein Blumenstrauß überreicht wird und auch durch ihre herben Abwehrreaktionen lässt sich der Mann nicht in die Flucht schlagen. Bei allem was man geboten bekommt, ist es überraschend, dass sie ihm niemals Hörner aufsetzt, ihre Position ausnutzt oder ihn abqualifiziert. Der Fokus, der auf den beiden Hauptpersonen liegt, ist das Elixier dieser Geschichte, sodass alles andere mutmaßlich zur Randerscheinung wird. Claude Chabrol beweist ein besonderes Geschick beim Austarieren und Verbinden der verschiedenen Inhalte und alles mündet vollkommen determiniert in ein verstörendes Finale. "Der Schlachter" vereint psychologische Elemente mit konventionellen Krimi-Strukturen, bei denen es die unbegreifliche Ruhe sein wird, die wirklich irritiert und verstörend wirkt. Mit hochklassigen darstellerischen Leistungen versehen, bleibt ein Beitrag zurück, der beste Prädikate für sich beanspruchen darf.


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 Betreff des Beitrags: Ein Unbekannter rechnet ab (1974)
BeitragVerfasst: 21.08.2017 11:37 
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EIN UNBEKANNTER RECHNET AB

● EIN UNBEKANNTER RECHNET AB / ...E POI, NON NE RIMASE NESSUNO / 10 PETITS NÈGRES /
DIEZ NEGRITOS / AND THEN THERE WERE NONE (D|I|F|E|GB|1974)
mit Oliver Reed, Elke Sommer, Richard Attenborough, Gert Fröbe, Stéphane Audran,
Maria Rohm, Herbert Lom, Adolfo Celi, Charles Aznavour, Alberto de Mendoza, u.a.
eine Produktion der Coralta Cinematografica | Oceania Produzioni Internazionali Cinematografiche |
Corona Filmproduktion | COMECI | Talía Films | im Gloria Filmverleih
ein Film von Peter Collinson


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»Sieht ja gespenstisch aus in der Nacht!«

Ein Unbekannter, der sich U. N. Known nennt, lädt eine zehnköpfige Gesellschaft unter falschen Vorwänden in einen Palast in der iranischen Wüste ein. Die Herrschaften glauben zwar, sich im Klaren über ihre jeweilige Einladung zu sein, doch spätestens als sie die Stimme ihres Gastgebers von einem Tonband hören, ist das Entsetzen groß. Jeder einzelne wird eines ungesühnten Verbrechens beschuldigt und es werden Anklagen wie vor Gericht erhoben. Zunächst wird der komplette Spuk nicht ganz ernst genommen, doch wenig später gibt es auch schon den ersten Toten und in unterschiedlichen Abständen werden weitere Todesurteile vollstreckt. Hat man es mit einem Wahnsinnigen zu tun und sind die Anklagen berechtigt? Die übrigen Personen sind im Kampf ums Überleben von nun an auf sich alleine gestellt und können niemandem mehr trauen. Doch wer von ihnen ist der todbringende Unbekannte..?

Bei Peter Collinsons "Ein Unbekannter rechnet ab" handelt es sich um eine weitere Adaption nach der bekannten Romanvorlage "Und dann gab's keines mehr" von Agatha Christie, die über Dekaden hinweg in zahlreichen Varianten in die Kinos gebracht wurde. Kennt man einige dieser Verfilmungen, so liegen bezüglich der Charaktere und natürlich bei der jeweiligen Besetzung Vergleiche nahe, was sich mitunter als sehr interessant erweist. Hier setzt die Regie gleich ab der ersten Sekunde auf eine geheimnisvolle Spannung und - wie es der Titel unmissverständlich ankündigt - eine unbekannte Komponente, die sorgsam entschlüsselt und ans Tageslicht befördert wird. Durchdenkt man die unterschiedlichen Adaptionen, wie beispielsweise George Pollocks 1965 verfilmten Krimi "Geheimnis im blauen Schloss", sind es natürlich die individuellen Herangehensweisen an den gleichen Stoff und jeder Zuschauer wird seinen Favoriten schnell ausfindig machen können. Bei "Ein Unbekannter rechnet ab" dürfte es sich zunächst einmal um die opulenteste Verfilmung handeln, die mit Extravaganz und Zeitgeist angereichert wurde. Ein Helikopter landet im Nirgendwo, zumindest stellt dieser Schauplatz dies für die Gäste dar, und die bestehenden Vorahnungen werden dadurch angefeuert, dass niemand den großen Unbekannten kennt. Praktischerweise stellen sich die Herrschaften nicht nur selbst vor und offerieren gleichzeitig eine bunte Mischung von Typen, sondern es wird das Phantom sein, das wenig später via Tonband die Anklagen und gleichzeitig die nicht genau formulierte Vollstreckung verlauten lassen wird. Die interessante Frage bleibt natürlich, ob es sich um gerechtfertigte Anschuldigungen handelt, doch der Verlauf lässt dies weitgehend offen, wobei man als Zuschauer selbstverständlich die heimliche Überlegung anstrengt, wer schuldig sein könnte oder wer eben nicht.

Die geistreiche Verknüpfung der Geschehnisse mit dem alten Kinderlied der "Zehn kleinen Negerlein" und dessen Strophen, die die Art des Todes ankündigen, lässt eine todbringende, jedoch unsichtbare Hand in jedem Winkel des Palastes vermuten. Einfache aber wirkungsvolle Kniffe kommen bei den Ermordungsszenen zum Tragen und auch die Vielfalt der Methoden schmeichelt dem kaum nachlassenden Spannungsbogen. Interessant ist die Tatsache, dass man als Zuschauer kaum die Fragwürdigkeit der gesamten Angelegenheit anprangert, sondern mitunter selbst urteilt, da die Personen in klassische Fraktionen zwischen sympathisch und weniger angenehmen eingeteilt werden. Diese Klassifizierung macht selbst vor den eigentlichen Protagonisten nicht immer halt, was gleichzeitig das Misstrauen schürt und beinahe jeden in ein verdächtiges Licht rücken kann. Doch die Reihen lichten sich nach und nach, sodass prominente Namen ziemlich früh manch wirkungsvollen Abgang erfahren. Die hohe Dichte an international bekannten Stars zeichnet diese Produktion im Besonderen aus. Da jeder der zehn Gäste pauschal unter Anklage gestellt wurde, ist es insgesamt schwierig, sich mehrere Identifikationsfiguren herauszusuchen. Oliver Reed schlägt aus dieser Voraussetzung in bemerkenswerter Weise Profit und er ist in einer vollkommen gelösten Performance zu sehen, die entgegen einer empfunden launischen Darbietungen in eine Art Improvisation übergeht, die insbesondere im Zusammenspiel mit Partnerin Elke Sommer sichtbar wird. Reed tritt einerseits wie ein klassischer Einzelgänger auf, andererseits ist es ihm in diesem Vakuum aber auch völlig klar, dass man alleine möglicherweise nicht überleben kann. Derartige Allianzen oder Grüppchenbildungen finden nahezu bei allen Personen statt, bevor sich die Reihen dezimieren. Zwischen Oliver Reed und Elke Sommer spielt sich zusätzlich ein spürbares Knistern ab.

Dieses lädt die ohnehin angespannte Atmosphäre mit einer angenehmen Prise Erotik auf, was angesichts der Tatsache, dass man eigentlich niemandem trauen kann, noch für zusätzlichen Zündstoff sorgen könnte. Elke Sommer hinterlässt einen sehr angenehmen Eindruck, ohne dabei gezielt in die Trickkiste der großen Schauspielkunst zu greifen. Ihre Eigenschaften lassen sich über ihren Beruf der Sekretärin herleiten. Sie führt Anordnungen aus, lässt sich leiten und ergreift nicht selbst die Initiative, sodass Oliver Reed gut mit seinem coolen Offensiv-Charme zum Zuge kommen darf. Im Szenario gibt es neben Sommer kaum weitere weibliche Parts, jedoch sind die wenigen als deutliche Pendants zueinander aufgebaut. Die stets so gerne gesehene Maria Rohm, in nahezu unmöglicher Aufmachung, präsentiert Züge einer schwarzen Seele; schlechte Voraussetzungen für das Überleben in einer solchen Geschichte. Die umwerfende und geheimnisvoll wirkende Stéphane Audran strotzt vor weiblichem Selbstbewusstsein, Eleganz und vereinnahmendem Charme und der Aufbau der Rollen sieht daher strikt vor, dass sich die drei Damen nicht um Berührungspunkte, sondern eher um Sicherheitsabstand bemühen werden. Im weiteren Verlauf kommt es zu Geständnissen auf einem brodelnden Vulkan, zumindest von den meisten Beteiligten. Hierbei bietet die Herrenriege ebenfalls sehr unterschiedliche Skizzierungen an. Es gibt die Kultivierten und die Ordinären, die Diskreten und die Nervösen, die fast Sympathischen und Unsympathischen, doch eines werden die meisten gemeinsam haben, nämlich einen gewaltsamen Tod. Letztlich lässt sich sagen, dass sich durch die Bank sehr stichhaltige Leistungen offenbaren, wie beispielsweise von Richard Attenborough als Richter, der sich zu keinem Zeitpunkt in die Karten blicken lässt und bei dem man selbst an der Mimik keine Regung ablesen kann, oder Herbert Lom, als nervöser Arzt mit Alkoholproblem.

Auch Gert Fröbe erlaubt sich eine seiner berüchtigten Performances rund um ungeduldige Anwandlungen und lautes Lospoltern, Adolfo Celi verbreitet seinen weltmännischen Touch und Charles Aznavour und Alberto de Mendoza runden das Geschehen gekonnt als Stichwortgeber ab. Die Allianzen untereinander werden schließlich mit dem Tod quittiert, sodass es in diesem prunkvollen, aber abgelegenen Palast in der Wüste effektiv nur Einzelgänger geben kann, ausgenommen man steht zu Unrecht unter Anklage. Die atemberaubende Kulisse liefert übrigens die Hotelanlage des Shah Abbas Hotel, das heute Abbasi Hotel heißt, in der iranischen Stadt Isfahan. Peter Collinson schafft es insgesamt sehr gut, dem Stoff von Agatha Christie neuen Schwung und Glanz zu verleihen und auch für den Fall, dass man die Geschichte bereits als Roman oder aus einem Film kennt, kommt es zu einem durch und durch interessanten und weitgehend spannenden Sehvergnügen. In Kombination mit Carlo Rustichellis hervorragender Musik und auf die Seheindrücke abgestimmten Arrangements, die insbesondere bei den Ermordungsszenen so wirken, als spiele ein gesamtes Streichorchester auf den Nerven des Zuschauers, kommt man in den Genuss eines sehr unterhaltsamen und vielmehr schonungsloser vorgehenden Films, der innerhalb des durchaus bestehenden Korsetts eigene Wege gehen wird. Im Endeffekt hat jede Adaption dieses Christie-Stoffes ihre Qualitäten und deutliche Vorzüge, aber auch Schwächen bei der Umsetzung zu bieten und ob der Flick nun "Das letzte Wochenende", "Geheimnis im blauen Schloss", "Ein Unbekannter rechnet ab" oder "Tödliche Safari" heißen mag, die starke Vorlage stellt bei jeder der Verfilmungen schon einmal die halbe Miete dar. Peter Collinsons Werk ist und bleibt nach persönlichem Geschmack jedenfalls die stärkste und ansprechendste Version im Rahmen des "Zehn kleine Negerlein"-Prinzips und ist immer wieder gerne gesehen.


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 Betreff des Beitrags: Die Unmoralischen (1964)
BeitragVerfasst: 30.08.2017 18:40 
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Lilli Palmer   Paul Hubschmid   Pierre Brasseur   Laurent Terzieff   in

DIE UNMORALISCHEN

● LE GRAIN DE SABLE / LE TRIANGLE / DIE UNMORALISCHEN / IL TRIANGOLO CIRCOLARE / O TRIÂNGOLO CIRCULAR (F|D|I|P|1964)
mit Guido Alberti, Antoine Duhamel, Rogério Paulo, Clara D'Ovar, José D'Oreg, José Fonseca e Costa, Slivia Araujo, René Arrieu und Sylva Koscina
eine Produktion der Franco London Films | Eichberg-Film | Euro International Film | Da Cunha Telles Cinemátograficas | im Verleih der Columbia-Bavaria
ein Film von Pierre Kast


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»Sie ist eine Frau aus Stahl«

Der reiche Industrielle Coppolos kommt bei der Explosion seines Privatflugzeuges ums Leben. Schnell stellt sich die Frage, ob er einem Anschlag zum Opfer gefallen ist, oder ob es sich doch um einen Unfall gehandelt hat. Die Polizei greift die Spur auf, die zu den Personen führt, die bereits für die Nachfolge Coppolos in den Startlöchern stehen. Alain Compton (Paul Hubschmid) und Georges Richter (Pierre Brasseur) geraten somit ins Visier von Kommissar Laurent (Antoine Duhamel). Eine weitere Figur in diesem Schachspiel stellt Anna Maria (Lilli Palmer) dar, die ehemalige Geliebte des Toten und Ex-Frau von Georges. Welche Rolle spielt sie in diesem undurchsichtigen Spiel, das nach und nach mehrere Mordopfer fordert..?

Der französische Filmregisseur und Drehbuchautor Pierre Kast ist vielleicht nicht gerade als vollkommen unbeschriebenes Blatt zu bezeichnen, jedoch kann der Blick auf seine Filmografie nicht die ganz großen Würfe preisgeben. Umso interessanter ist es also sich einen derartigen Film unter eher unscheinbarer Regie anzuschauen, in dem sich möglicherweise neue Impulse ausfindig machen lassen, zumal sich der Stab von "Die Unmoralischen" wirklich hervorragend liest. Der Einstieg verbreitet gleich internationales Flair, das nicht nur aufgrund der modernen und weltoffenen Personen des Szenarios verbreitet wird, sondern man sich gleich auf einem Flughafen selbst vorstellt. Eine düstere Spannung entfaltet sich, als ein noch unbekannter Mann mit Klumpfuß herumschleicht und offenbar nichts Gutes im Schilde führt. Wenig später werden die Charaktere und Zuschauer des Vorhersehbaren belehrt, da eine eben gestartete Maschine in der Luft explodiert. Der Verlauf schlägt unmittelbar im Anschluss wieder eine sehr unaufgeregte Marschrichtung ein und legt Wert auf ausführliche Dialoge und den Facettenreichtum, den die beteiligten Darsteller herzugeben wissen, doch anschließend fallen auch schon Schlagworte wie »Intrigen« oder »Kriegserklärung«. Aufmerksam lauscht man also dem guten Ton der besseren Gesellschaft und blickt interessiert auf deren Spleens und Launen, die den Zündstoff hergeben, die eine derartige Geschichte unbedingt nötig hat. Charismatische Bilder, noble Interieurs und Aufnahmen an Originalschauplätzen kreieren im Handumdrehen ein sehr angenehmes Flair und der Film vermittelt vielleicht eine Art trügerisches Urlaubsgefühl, bei dem man allerdings einen großen Knall befürchtet, da die wegweisend klingenden Titel des Films natürlich noch im Hinterkopf behalten wurden.

Vielleicht wird es in einigen Intervallen zu viel der ruhigen Verlaufsform, aber auch die Ungeduld auf das Bevorstehende kann eine Art der Spannung darstellen. Am klaren Aufbau sind vor allem die Stars der Produktion beteiligt, die unterschiedliche Konstellationen untereinander präzise anbahnen oder wahlweise sogar zerstören. Lilli Palmer schmeißt erfahrungsgemäß jeden Film und erneut zeigt sie sich hier von ihrer überaus mondänen Seite. Im Rahmen von Wechselspielen färbt sie ihre Anna-Maria di Scorza gegensätzlich, nämlich als vertrauenswürdige Zuhörerin, aber ebenso als unerbittliche Gegnerin, je nachdem ob es die Situation erfordert oder nicht. Eine Lilli Palmer mit zwei unterschiedlichen Gesichtern steht der Produktion daher gut, zumal es bei einigen Kollegen in manchen Phasen ein wenig an wünschenswerter Tatkraft sowie Prägnanz fehlt. Vollkommen gegensätzlich dazu steht wie häufig die schöne Wahl-Italienerin und aus Kroatien gebürtige Sylva Koscina, die ihre üblichen Register im Rahmen von Ursache und Wirkung zu ziehen weiß. Sie ist es, die für knisternde Erotik sorgen kann, egal ob im Fred-Perry-Dress auf dem Tennis-Court, in feinsten Roben beim Smalltalk, oder eben dezent nicht-bekleidet im Lotterbett. Stets ein außergewöhnlicher Hingucker, diese Sylva Koscina. In der Zwischenzeit dauert es eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis die Geschichte richtig in die Gänge kommen kann, jedoch ist es auch der aufmerksamen Regie zu verdanken, dass dem Empfinden nach keine wirklich signifikanten Längen aufkommen, obwohl nicht viel zu geschehen scheint. Ein vorprogrammierter Mord bringt schließlich wieder Spannung in das vielleicht zu seriös wirkende Geschehen und die ermittelnde Polizei gleich mit, die durch unbequeme Fragen und Vorverurteilungen auffällt.

Im Endeffekt hat man es mit einem eigentlich einfach gestrickten Plot zu tun, der dennoch Aufmerksamkeit fordert, da er stark auf Details angelegt ist, die unter Umständen übersehen werden können. Pierre Kast versucht weitgehend, "Die Unmoralischen" nach großen und tiefgründigeren Vorbildern zu inszenieren, doch dem zugegeben großen Anteil von Eleganz hätte ein wenig Spektakel sicherlich gut getan. Am Ende bleibt der Eindruck haften, dass alles Gesehene etwas zu reibungslos über die Bühne gegangen ist und die Hauptpersonen keine große Entwicklung mehr anbieten konnten, ihr Pulver folglich bereits am Anfang verschossen haben. Beim Thema Dosierung sind insgesamt einige Makel zu entdecken, denn es reicht nicht aus darauf zu spekulieren, dass der Film aufgrund seiner überaus günstigen Voraussetzungen zum Selbstläufer wird, wenn eine Spiellänge von weit über 100 Minuten bevorsteht. Der Kriminalfall an sich weist einige geschickte Kniffe auf, aber bis zum Finale wird etwas zu viel um den heißen Brei herumgespielt. Im Finale bleibt der sehnlich erwartete große Knall leider aus und letztlich macht sich doch eine spürbare Portion Unentschlossenheit breit, die sowohl vom Verlauf, als auch vom Zuschauer kolportiert wird. Unterm Strich ist Pierre Kasts "Die Unmoralischen" sicherlich kein uninteressanter Vertreter seiner Gattung geworden, greift er doch viele edle Muster bekannter Artgenossen auf, dennoch mangelt es der Geschichte am gewissen Etwas und der Fall hinterlässt einen wenig ausgeklügelten Eindruck. Anhänger der Darsteller werden jedoch sicherlich auf ihre Kosten kommen, denn insbesondere die Darbietungen von Lilli Palmer, Sylva Koscina oder Pierre Brasseur bleiben in angenehmer Erinnerung. Kann man sich durchaus anschauen.


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 Betreff des Beitrags: Zwei Freundinnen (1968)
BeitragVerfasst: 04.09.2017 17:35 
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Stéphane Audran   Jacqueline Sassard   Jean-Louis Trintignant   in

ZWEI FREUNDINNEN

● LES BICHES / LES BICHES - LE CERBIATTE / ZWEI FREUNDINNEN (F|I|1968)
mit Nane Germon, Serge Bento, Henri Frances, Laure Valmée sowie Henri Attal und Dominique Zardi
eine Produktion der Les Films de la Boétie | Alexandra Produzioni Cinematografiche | im Gloria Filmverleih
ein Film von Claude Chabrol


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»In jedem Spiel gibts Verlierer«

Frédérique (Stéphane Audran) ist reich, unabhängig und attraktiv. Bei einem Spaziergang an der Seine fällt ihr die Straßenmalerin Why (Jacqueline Sassard) auf und es entwickelt sich eine Liaison zwischen den beiden Frauen, die allerdings nicht von langer Dauer sein wird. Trotz der Standesunterschiede nimmt Frédérique ihre neue Bekanntschaft mit auf ihren Landsitz in Saint Tropez, wo sie das Leben der besseren Gesellschaft kennenlernt. Bei einer Soirée lernt Why den Architekten Paul (Jean-Louis Trintignant) kennen und beide stürzen sich in eine Affäre, was wiederum die Eifersucht von Frédérique auf den Plan ruft und folgenschwere Konsequenzen mit sich bringt. Wer wird aus dieser liaison dangereuse als großer Verlierer hervorgehen..?

Eine Raubkatze schleicht in Form von Stéphane Audran geschmeidig und suchend an der Seine umher. Elegant in der Erscheinung, mondän im Auftreten und resolut in der wohl üblichen Strategie. Ihr Interesse gilt einer jungen Frau, die eine Straßenmalerei in der Hoffnung zeichnet, etwas Hartgeld dafür abzugreifen. Im Gegensatz zu ihrer eigenen naiven Malerei ist es der 500 Francs Schein, der der jungen Künstlerin imponiert und es entwickelt sich ein Gespräch der unterschiedlichen Voraussetzungen, bei dem aber ganz offensichtlich nur ein Ziel verfolgt wird. Die reiche Frédérique erlegt ihre Beute mit Kapital, den Luxus von Charme oder großer Anstrengung braucht sie sich erst gar nicht zu erlauben. Ihre Blicke ziehen die junge Malerin namens Why förmlich aus, deren Blicke und forsche Art sie wiederum anziehen. Claude Chabrol setzt im frühen Stadium seines Beitrags bereits auf die Durchschlagskraft seiner beiden Hauptdarstellerinnen Jacqueline Sassard und Stéphane Audran, die Kontraste zeichnen und sich zunächst nur beim Thema der herben Oberflächlichkeit treffen. Jede sogenannte liaison dangereuse birgt gerade im französischen Film das Potential, hoch interessante Blüten zu treiben und für möglichen Zündstoff zu sorgen, denn auch hier wird eine solche überaus simpel und schnell angebahnt. Eigenartige Umgangsformen und eine sexuell aufgeladene Atmosphäre lassen das Zusammenspiel förmlich wie einen vorprogrammierten Crash wirken. Chabrol setzt auf die natürliche Lust des Zuschauers, Voyeur sein zu wollen und der unsentimentale Blick auf eine Konstellation, die anfangs kaum Sinnlichkeit herzugeben weiß, sondern eher eine auffällige Mechanik transportiert, gibt trotz der dargestellten Selbstverständlichkeit frühe Rätsel über das Ziel auf.

Die beiden Frauen verbringen ab sofort ihre Zeit miteinander, die durch die solvente und in einen nahezu maskulinen Deckmantel gehüllte Frédérique versüßt wird. Der unscheinbare Titel "Zwei Freundinnen" beginnt durch das hervorragende Zusammenspiel der beiden Titelrollen immer mehr, und nach und nach vielmehr weniger auszusagen, als im Vorfeld angenommen. Hierfür steht vor allem die wie immer herausragende Stéphane Audran mit all ihrer Tatkraft und Aura. Ihre ungeschönte Darstellung einer Frau, die sich alles erlauben kann, weil sie in jeder Beziehung unabhängig ist, darf dabei besonders intensive Züge annehmen. Frédérique hat Spaß daran, andere zu manipulieren, dominieren, bedrängen oder zu benutzen, allerdings nicht an einem konventionellen, oder bemüht bürgerlichen Dasein. Die beliebtesten Schachfiguren in ihrem Spiel sind Männer, weil sie ihr zumindest dem Empfinden nach am wenigsten bedeuten, und diese sich trotz ihres doppelten Spiels freiwillig ergeben. Audrans Leistung stellt in diesem Verlauf selbst einige ihrer eigenen Darbietungen in den Schatten, die man als durchaus beeindruckend und dicht bezeichnen kann. Umweht von kaltem Hochmut und einer überaus berechnenden Attitüde, hält sie jeden, auch den Zuschauer, auf Sicherheitsabstand. Doch eines bleibt immer bestehen, nämlich eine unbestimmte Faszination gegenüber einer kalkulierenden und betont emotionslosen Frau, die das Spiel mit anderen zu ihrem liebsten Zeitvertreib gemacht hat. Claude Chabrol teilt seinen Film in Episoden auf, die nicht nur Kapriolen im Gefühlsbereich aufzeigen, sondern auch deutliche Kehrtwendungen und Veränderungen schildern. In diesem Zusammenhang leistet eine kaum einzuschätzende Jacqueline Sassard nahezu Pionierarbeit und wird neben Jean-Louis Trintignant zu einem der Eckpfeiler in einer undurchsichtigen Dreieckskonstellation, die dem Eindruck nach dazu gemacht ist, um in Stücke zu zerfallen.

Die präsentierten Personen tragen Masken, die sie nach und nach ablegen, damit sie von den nächsten Beteiligten aufgenommen werden können. Hierbei ist besonders auffällig, dass am besten keinem zu trauen ist und wenig später schwingt tatsächlich Missgunst und Eifersucht im Szenario mit, damit die Spannung über die Frage gebahnt werden kann, ob es zu deutlich mehr kommen möge. Wie es bei jedem Tauziehen eben ist, muss dabei ein Verlierer hervorgehen, allerdings wird die Frage, um wen es sich letztlich handelt, bis zum Ende hinausgezögert, was der Geschichte Feuer, Emotion und leichte Dramatik einzuhauchen weiß. Getragen von nahezu beruhigender Kammermusik, schreit diese denkbar einfache Geschichte förmlich nach einer Eruption, einem Eklat, möglicherweise einer Explosion. Chabrol versteht es erneut verblüffend sicher, die breite Palette der Emotionen zu transportieren, welche obendrein auch besonders gut ausbuchstabiert wirken. Jeder Akt des Verlaufs setzt auf Umkehrreaktionen oder Kontraste, aber genauso auf Details und Alltäglichkeiten, die jedem vertraut sein dürften. Im Endeffekt bleiben es die "Zwei Freundinnen", also Jacqueline Sassard und Stéphane Audran, die das Regiment führen und sich immer wieder gegenseitig den Ball zuspielen. Gegen Ende fragt man sich nach der Moral von der Geschicht' und hofft selbstverständlich auf ein standesgemäßes Finale, das - so viel sei schon einmal verraten - nicht ausbleibt und sich sogar der Möglichkeiten bedient, den Zuschauer nicht nur zu überraschen, sondern durchaus fassungslos zurückzulassen. "Zwei Freundinnen" ist als ruhiger Thriller in jeder Hinsicht gelungen und überzeugt immer wieder in eigenartig subtiler Weise durch Intervalle der Härte. Dass dabei die Kunst des Schauspiels in exzellenter Manier hofiert und abgerufen wird, ist nur einer der vielen Vorzüge dieses wirklich guten Chabrols.


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 Betreff des Beitrags: Orca - Der Killerwal (1977)
BeitragVerfasst: 21.09.2017 17:30 
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ORCA - DER KILLERWAL

● ORCA / ORCA: KILLER WHALE / L'ORCA ASSASSINA / ORCA, DER KILLERWAL (US|I|NL|1977)
mit Richard Harris, Charlotte Rampling, Will Sampton, Bo Derek, Keenan Wynn, Robert Carradine, Scott Walker, u.a.
eine Produktion der Famous Films | Dino De Laurentiis Company | im Tobis Filmverleih
Ein Film von Michael Anderson


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»Es gibt nur ein Tier auf der Welt, das so viel Kraft hat«

Der eigenwillige Kapitän Nolan (Richard Harris) ist seit vielen Jahren von dem Gedanken getrieben, mit seinem Walfänger einen ausgewachsenen Orca-Wal zu fangen. Als es wieder soweit ist, sticht er mit seiner Crew in See und tatsächlich spüren sie eine Herde Killerwale auf. Das waghalsige Vorhaben geht allerdings schief, denn er verletzt eine trächtige Walkuh tödlich, was der Orca-Bulle mit ansehen musste. Ab sofort sinnt das Tier auf gnadenlose Blutrache und bei dem Vorhaben, Kapitän Nolan zu erlegen, fallen ihm mehrere Besatzungsmitglieder zum Opfer. Kapitän Nolan nimmt den tödlichen Kampf mit dem Tier auf und lockt den Orca-Wal ins nordische Eismeer, wo er ihn endgültig ausschalten will. Wer wird am bitteren Ende überleben..?

Eine nahezu himmlische Musik bildet die Ouvertüre in Michael Andersons Tierhorror-Beitrag, dessen Titel vollkommen konträr zu den anfänglichen Eindrücken steht und der mittlerweile einen gewissen Klassiker-Status genießt. Die Freude ist groß, dass der Film für die deutsche Kino-Auswertung seinerzeit von der Rainer Brandt Filmproduktions GmbH übernommen wurde, man somit bekannte Stimmen zu noch bekannteren Gesichtern wahrnehmen kann. So übernimmt beispielsweise Synchron-Legende Ursula Heyer das Wort für Hauptdarstellerin Charlotte Rampling, die den Zuschauer kurz und bündig mit Informationen rund um Mörderwale versorgt. Im frühen Stadium der Produktion werden letztlich Mythen bemüht und Ängste geschürt, sodass das Thema Blutrache wenig später ungezügelt seinen Lauf nehmen und genüsslich ausgeschlachtet werden darf. Ganz zu schweigen von den herrlichen Aufnahmen, fällt sofort die durchweg prominente Beteiligung bei diesem Film auf, der zum Zeitpunkt seines Erscheinens nicht gerade mit Lobeshymnen überhäuft wurde. Das Thema der Rache hat sich seit jeher als guter Treibstoff für Geschichten aller Art herausgestellt und die hier angebotene Abwandlung im Rahmen von Unterwasser-Horror lässt im Vorfeld zumindest einmal hellhörig werden. Der Verlauf setzt auf ausladende Strecken von beunruhigenden Momenten und strapaziösen Bildern, die dicht eingefangen wurden und dem Zweck schließlich zuträglich sind. Der Verlauf orientiert sich schnell an der Legende, dass übermäßige Intelligenz in Verbindung mit blinden Rachegelüsten der perfekte Zündstoff für Katastrophen aller Couleur darstellen können, sodass man sich in großer Erwartung zunächst einmal bequem zurücklehnen und gespannt sein darf.

Die Wahl für das blutrünstige Ungeheuer fiel hier ausgefallenerweise auf einen ausgewachsenen Killerwal, dem naturgemäß eine andere Solidarität vom Zuschauer aus entgegen gebracht wird, da das imposante Tierchen im Allgemeinen eher positiv als beispielsweise angriffslustige Spinnen, renitente Ameisen oder blutdürstige Haie bewertet wird. So muss natürlich schnell und mit der Holzhammer-Methode auf die Tube gedrückt werden, damit anschließend niemand Tränen in die Augen bekommt, falls die unfreiwillige Bestie dann doch zur Strecke gebracht wird. Eigenartigerweise neigt man nach der aufgetischten Vorgeschichte der sich anbahnenden Katastrophe sporadisch oder vielmehr temporär dazu, das Vorgehen des überaus aggressiv gewordenen "Orca" zu verstehen, schließlich bedient sich Regisseur Michael Anderson eines sehr gängigen Prinzips, welches in vielen anderen Genres bereits unzählige Male punkten konnte und eine Verschiebung der bestehenden Realität, Solidarität, vor allem aber des Gerechtigkeitsempfindens zur Folge hatte. Aber genug der Grübeleien, schließlich möchte man ein ordentliches Spektakel, ausgestattet mit Action, Kunstblut und Tragik geboten bekommen. In diesem Zusammenhang kommt das aufgefahrene Star-Aufgebot zum Zuge und kann insgesamt gute Eindrücke hinterlassen. Richard Harris bekommt entgegen der Norm nicht den Anstrich des strahlenden Helden, sodass er sich von seiner markanten und durchaus zweifelhaften Seite zeigen darf. Vorbelastet durch dunkle Geheimnisse, poltert er teilweise ziemlich ungehobelt und wenig feinfühlig durch das Szenario und nimmt die nicht gerade einfache Bürde für sich in Anspruch, eine waschechte Katastrophe heraufbeschworen zu haben.

Charlotte Rampling als moralische Instanz bekommt leider nur begrenzte Möglichkeiten, sich ausreichend zu profilieren, was aber auch an Richard Harris liegen mag, der quasi eine Übermacht auf tönernen Füßen darstellt. Mit Will Sampton oder Keenan Wynn runden gut aufgelegte Interpreten das Thema ab, doch eine spezielle Erwähnung hat sicherlich die so ungeheuer attraktive Bo Derek verdient, die hier in ihrem ersten Film zu sehen ist und in den 80er Jahren zum Sex-Symbol avancieren sollte. Neben all der Bedrohung, tödlichen Gefahr und Dezimierung der Beteiligten, kann sie zumindest optisch für Ablenkung sorgen und ihr Rouge leuchtet intensiver, als jede Signalfarbe. Das cineastische Eis vermag aber auch sie nicht gänzlich zum schmelzen zu bringen, denn dafür gibt es doch ein paar zu viele Stolpersteine, die dem Verlauf ungünstig zusetzen. Hauptkritikpunkt bei diesem insgesamt wirklich sehenswerten und hauptsächlich spannenden Film ist die hemmungslose Vermenschlichung des Killerwals, was manchmal geradezu peinlich theatralisch wirkende Sequenzen mit sich bringt. Rache kennt ja bekanntlich keine Sentimentalitäten, so will man zumindest meinen, doch um den Protagonisten zurück aufs Meer für den bevorstehenden Clash zwischen Bestie und Mensch zu bringen, werden ziemlich fadenscheinige Erläuterungen bemüht. Wie dem auch sei, technisch ist der Film einwandfrei, schöne Kamerafahrten und subjektive Einstellungen sorgen für Nervenkitzel und die Kulissen versprühen einen soliden Charme. Dramaturgisch gesehen, kann sich der Film jedoch nur ein µ über den gehobenen Durchschnitt heben. Ansonsten ist "Orca" insgesamt kurzweilig und unterhaltsam ausgefallen, auch wenn er mit mancher Ungereimtheit tapeziert wurde.


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 Betreff des Beitrags: Ilsa - Die Hündinnen vom Liebeslager 7 (1975)
BeitragVerfasst: 23.09.2017 10:15 
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Dyanne Thorne   in

ILSA - DIE HÜNDINNEN VOM LIEBESLAGER 7

● ILSA - SHE WOLF OF THE SS / ILSA - DIE HÜNDINNEN VOM LIEBESLAGER 7 (CDN|1975)
mit Gregory Knoph, Tony Mumolo, Maria Marx, Nicolle Riddell, Sandy Richman, Uschi Digard und Richard Kennedy
eine Produktion der Aeteas
ein Film von Don Edmonds


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»Der Tag wird kommen, an dem die schwarze Witwe dich holen wird«

Kommandantin Ilsa (Dyanne Thorne) regiert ihr Lager nicht nur mit eiserner, sondern in der Regel mit tödlicher Hand. Dabei sind Erniedrigung, Folter, Brutalität und Tod an der Tagesordnung, denn sie selbst sieht sich im Dienste von höheren Motiven, die einen Gewinn für das Dritte Reich darstellen sollen. Obwohl der Einzug der Alliierten kurz bevor steht, hält sie an ihrem Schreckensregiment und den damit verbundenen bestialischen Experimenten am lebenden Objekt fest. Neben der Arbeit soll aber auch das Vergnügen nicht zu kurz kommen und die sadistische Dame ist stets auf der Suche nach Männern, der ihre grenzenlose sexuelle Lust befriedigen können. In dem Gefangenen Wolfe (Gregory Knoph) hat sie die Erfüllung ihrer Begierden gefunden, doch dieser nutzt die Gunst der Stunde, um mit anderen Insassen eine Revolte anzuzetteln. Werden die Gefangenen aus dieser Hölle zu entkommen..?

Ganz im Sinne einer unmissverständlichen Zielvorgabe, ertönen gleich zu Beginn dieses ersten "Ilsa"-Feuerwerks Parolen in Form von Originalaufnahmen der zweifelhaften Prominenz des Dritten Reiches, sodass man nicht schlecht staunt, als der Schwenk gleich danach in das offensichtlich permanent in Betrieb stehende Lotterbett der Protagonistin geht, die sich von ihren Untergebenen wahlweise gerne »Fräulein Doktor« oder »Kommandant« nennen lässt. Dyanne Thornes imposante Erscheinung stellt effektiv das Gütesiegel für diese Trilogie der sadistischen Abenteuer dar und ohne auch nur eine unnötige Sekunde zu verlieren, stellt sie sich in eindeutiger Manier selbst vor. In Don Edmonds Beitrag scheinen die Uhren etwas anders zu gehen, schließlich konnte man im Dunstkreis hochgradig perverser Aufseher hauptsächlich Männer dabei beobachten, wie sie sich an ihren Objekten austoben durften, aber die Idee der Umkehr durch eine Frau, vor der die Männer zittern müssen, kommt sehr gut an, zumal man mit Dyanne Thorne wirklich einen nicht zu überbietenden Coup landen konnte. Als Zuschauer muss man sich einfach im Klaren darüber sein, was man sehen will, oder eben nicht. Die Marschrichtung von "Ilsa - Die Hündinnen vom Liebeslager 7" ist dramaturgisch gesehen denkbar einfach, denn man kommt einen Rundumschlag aus dem Olymp des Sadismus, der Unmenschlichkeit und Brutalität offeriert, dass sich die Balken biegen. Dabei werden geschichtliche Zusammenhänge vage aufgegriffen und in eine teils unappetitliche Form gepresst, gepfeffert mit allerlei Finessen der schmutzigen Exposition. Diese, naja, EXPO '75 erscheint dabei weniger lehrreich zu sein, als dass sie vollkommen reißerisch unterhalten möchte, was auch quasi in jeder einzelnen Szene zielstrebig gelingt. Die Titelfigur handelt mit der Prokura von ganz oben und sieht sich ideologischerweise vollkommen im Dienste des Dritten Reiches. Experimente am lebenden Objekt gehören zur Tagesordnung, Folter, Erniedrigung und Züchtigung zu ihrem persönlichen, schlechten Ton.

Das passende Gesicht, beziehungsweise die prallen Konturen, liefert die US-Amerikanerin Dyanne Thorne in ihrer Paraderolle. Auf ihrer Sex-Folter werden viele unschuldige Köpfe rollen, schließlich ist die unersättliche Dame nicht so ohne Weiteres zu befriedigen. Da es ihr in im Lotterbett einfach nicht recht gemacht werden kann, greift sie zu einschneidenden Maßnahmen und nimmt die Kastration ihrer Deckhengste mit Wonne selbst vor. Thorne scheut sich nicht, Grenzen zu überschreiten, was hier auch absolut notwendig erscheint, schließlich will man im Sumpf der strapaziösen Unterhaltung auf seine Kosten kommen. Dafür wird die perverse Dame schon sorgen und es kommt zu einem Fließband der Geschmacklosigkeiten. Leider ist die deutsche Synchronisation nicht besonders gelungen, sodass die plumpen, aber passenden Gossen-Dialoge nicht vollkommen zur Geltung kommen. Das Szenario ist in seiner spartanischen Ausstattung mit allerlei Requisiten ausstaffiert worden, um einen Kontext zu wahren, außerdem hat man es mit einer Horde Laiendarsteller zu tun, die sich dem teils unbehaglichen Klima sehr gut beugen. Die Effekte in diesem ersten Teil der Trilogie sind recht gut gelungen und versuchen die These von "Ilsa" zu kolportieren, dass Frauen im Zustand der Höllenqualen mehr aushalten können als Männer. Zu diesem Zweck gibt es dutzende verstümmelte Körper und Gliedmaßen zu sehen, Todesschreie aber auch Lustschreie durchziehen das Lager in kurz aufeinander folgenden Intervallen und es lässt sich einfach nicht anders einschätzen, dass Regisseur Don Edmonds seine Mission mehr als verlässlich erfüllen konnte. Wenn schließlich alles vorbei ist sollte eigentlich nichts anderes zurückbleiben als die Frage, ob dieser Flick samt unbändiger Titelheldin unterhalten konnte? Da Dyanne Thorne es höchstpersönlich zu einer rhetorischen Frage werden lässt, bleibt unterm Strich nur zu betonen, dass "Ilsa - She Wolf of the SS" seinen Frondienst am geneigten Kunden durchaus tun konnte, der Film sogar dazu einlädt, ihn sich immer einmal wieder anzuschauen, falls einem der Sinn nach einem tatsächlich abstoßenden Spektakel steht. Vielleicht einer der besten Vertreter des Genres.


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 Betreff des Beitrags: Die Braut des Satans (1976)
BeitragVerfasst: 08.10.2017 17:33 
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Richard Widmark   Christopher Lee   Nastassja Kinski   in

DIE BRAUT DES SATANS

● TO THE DEVIL A DAUGHTER / DIE BRAUT DES SATANS (GB|D|1976)
mit Honor Blackman, Eva Maria Meineke, Denholm Elliott, Michael Goodliffe, Anthony Valentine, Izabella Telezynska, u.a.
eine Produktion der Hammer Films | Terra Filmkunst | im Constantin Filmverleih
ein Film von Peter Sykes


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»Ich fürchte, dein Leben ist nicht mehr so viel wert!«

Pater Michael Rayner (Christopher Lee) ist vor etwa zwanzig Jahren von der Kirche exkommuniziert worden. Seit dieser Zeit leitet er einen satanistischen Orden und wartet fortan auf den Zeitpunkt, seinem Herrn und Gebieter die erhoffte Wiedergeburt zu bescheren. Die junge Catherine Beddows (Nastassja Kinski), die von ihm und seinen Jüngern seit ihrer Geburt aufgezogen wurde, soll mit Vollendung ihres 18. Lebensjahrs die Braut des Teufels werden. Henry Beddows (Denholm Elliott), der seinerzeit diesem teuflischen Pakt zugestimmt hatte, bittet nun den in London lebenden US-Autor John Verney (Richard Widmark) um Hilfe, damit Schlimmeres noch verhindert werden kann. Wird er die Pläne des Exkommunizierten durchkreuzen können..?

Bei "Die Braut des Satans" handelt es sich um einen der zahlreichen Vertreter, die irgendwo unter dem üblichen Sahnehäubchen auf dem Kuchen, sprich William Friedkins "Der Exorzist", zu finden sind, denn das Thema war äußerst ergiebig und prädestiniert dafür, ordentlich ausgeschlachtet zu werden. So wurden eben die guten und die schlechten Vertreter fabriziert, und man darf gespannt sein, für welche der Seiten sich dieser Beitrag entscheiden wird, beziehungsweise ob sich ein eigenständiger Charakter entfalten kann. Der feierliche Einstieg führt den Zuschauer gleich in eine Kirche, doch es handelt sich eher um ein Trugbild, da man einer Exkommunikation beiwohnen darf, bei der Hauptdarsteller Christopher Lee den Kürzeren zieht. Diese schnell abgehandelten Szenen führen gleich in die Gegenwart, also das Produktionsjahr des Films, und man kommt mit zeitgenössischen, sowie modern wirkenden Sets in Berührung, deren vornehmste Aufgabe es sein wird, einen - wenn man so will - mutmaßlichen Realitätstransfer zu bahnen. Anscheinend wahllos aneinandergereihte Szenen sorgen für eine frühe Verwirrung, ohnehin hat es sich stets als angemessenes Stilmittel in derartigen Beiträgen herausgestellt, so viele Optionen, Irrungen und Wirrungen wie möglich offenzulassen. Der verheißungsvolle Titel birgt Zündstoff und Konfrontation, Stab und Besetzung überzeugen bereits im Vorfeld und es ist durchaus eine erfreuliche Tatsache, dass die Berliner Terra Filmkunst ihre solventen Produktionshände mit im Spiel hatte, da sie sich im Laufe der Jahre als Initiator und Co-Financier bei vielen mehr oder weniger besonderen bis unorthodoxen Produktionen profilieren konnte. Doch noch ist nicht aller Tage Abend und man darf sich interessiert auf das britisch-deutsche Treiben einlassen, das empfundenermaßen einige persönliche Vorschusslorbeeren bekommt.

Auffällig dichte Außenaufnahmen, wie beispielsweise aus London, deuten ein hochwertiges Produkt an, das anfangs zugegebenermaßen etwas spröde wirkt, da man sich den Luxus von Zeit nimmt. Doch spätestens wenn beunruhigende Klänge ertönen, eine schwangere, am Bett fixierte Frau zu sehen ist, eine Schießerei ihr erstes Opfer fordert und die Montage deutliche schneller wird, ist es soweit: man bekommt das geboten, was zu erwarten war. Lange Dialogstrecken drosseln das Tempo immer wieder künstlich, um ein interessantes Wechselspiel mit Szenen einzugehen, die zeitlich und örtlich desorientieren, quasi hin- und herspringen. Eigenartig ist, dass der Zuschauer nur schleppend mit den nötigsten Informationen über die beteiligten Charaktere versorgt wird, sodass man sich dazu animiert fühlt, an einer Art Puzzle-Spiel teilzunehmen. Bei dem gut inszenierten Verwirrspiel sorgen Parallelmontagen für Abhilfe und fortan stellt sich die Frage, ob sich "Die Braut des Satans" bedeutend von Artgenossen abheben kann. Eine durchaus berechtigte Frage, schließlich nimmt man Szenen zur Kenntnis, die schon dutzendfach in anderen Filmen zu sehen waren. Es ist erstaunlich, dass es wieder einmal Christopher Lee selbst sein wird, der durch seine bloße Präsenz für eine unbehagliche Spannung sorgen kann und Nastassja Kinski erneut Projektionsfläche für Beschützerinstinkte und Magnet für das Böse wird. Tatkräftige - um nicht zu sagen - hochkarätige Interpreten unterstützen das Szenario nach Leibeskräften, was sich vor allem auf eine meistens spürbare Aura bezieht. Die Regie erweist sich als klug, indem sie etliche Wechselbäder von Ruhe und Hysterie, sowie Nähe und Distanz anbietet, damit die Geschichte keine allzu greifbaren Konturen bekommt, folglich ihre Spannung aufrecht erhalten kann, auch wenn dem Empfinden nach kaum etwas geschieht.

Es dauert seine Zeit, bis okkulte Inhalte an die Tagesordnung kommen und diese werden genüsslich von niemand anderem als Christopher Lee himself delegiert, wie sollte es auch anders sein? Nach einer Stunde Spielzeit manifestiert sich leider der Eindruck, dass die Geschichte aber kaum Neues zu bieten hat und etwas zu einfallslos aufgezogen wurde, was angesichts des bestimmt vorhandenen Potentials sehr schade ist. Sex-Szenen, in denen sich selbst Christopher Lee für kaum etwas zu schade ist, von Fräulein Kinski ganz zu schweigen, versuchen die Aufmerksamkeit zu fördern und zu fordern, die jedoch mit dem zu ungelenken Verlauf eingeschlafen ist. Die Stars der Produktion bemühen sich zusehends, für wichtiges Austarieren zu sorgen, allen voran Nastassja Kinski und Christopher Lee, die damit gleichzeitig die Leistungen von beispielsweise Richard Widmark oder Honor Blackman deutlich in den Schatten stellen. Erwähnenswert hingegen ist vielleicht noch Eva Maria Meineke. Bekannt aus diversen internationalen Produktionen, zeigt die seinerzeit gut beschäftigte Deutsche ihre Routine und liefert erneut die ihr eigene Körpersprache als wichtiges Element für die Geschichte. Peter Sykes Beitrag orientiert sich letztlich überhaupt nicht an einer Exorzismus-Thematik, als dass er das Augenmerk auf die Macht des diffusen Bösen legt. Die permanente Präsenz der Kirche, respektive des christlichen Glaubens, gibt vor, eine fundamentale Rolle zu spielen, allerdings hat man es nur mit unpräzise ausgearbeiteter, wenn auch zweckdienlicher Staffage zu tun. Insgesamt gesehen ist "Die Braut des Satans" aufgrund solider Strecken alles andere als uninteressant, jedoch lässt sich keinesfalls etwas Neues, geschweige denn Bahnbrechendes herausfiltern. Wirre Tendenzen machen der Geschichte zusätzlich schwer zu schaffen und es bleibt leider kein Beitrag zurück, in dem auch nur das kleinste Rädchen neu erfunden wurde.


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 Betreff des Beitrags: Mädchen im Knast (1973)
BeitragVerfasst: 13.10.2017 10:35 
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Anita Strindberg   Eva Czemerys   in

MÄDCHEN IM KNAST

● DIARIO SEGRETO DA UN CARCERE FEMMINILE / WOMEN IN CELL BLOCK 7 / MÄDCHEN IM KNAST (I|US|1973)
mit Jenny Tamburi, Cristina Giaoni, Gabriella Giorgelli, Bedy Moratti, Umberto Raho, Franco Fantasia und Massimo Serato
eine Produktion der Angry Film | Aquarius Film | Overseas Film Company | im Modern Filmverleih
ein Film von Rino di Silvestro


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»Your friends are shit!«

Bei einem Drogen-Schmuggel kommt es zu unerwarteten Turbulenzen. Der Deal platzt an einem Flughafen und der Kurier kommt bei einer Verfolgungsjagd ums Leben. Seine Freundin Daniela (Jenny Tamburi) wird anschließend unschuldig verhaftet und in ein Frauengefängnis gesteckt, doch die zwanzig Kilo Heroin bleiben spurlos verschwunden. Da man davon ausgeht, dass Daniela über den Verbleib der Drogen Bescheid weiß, ist das Interesse an der jungen Frau erheblich. Doch nicht nur die Befragungen und Drohungen machen der frisch Inhaftierten zu schaffen, sondern auch der rohe Gefängnisalltag, in dem es zahlreiche Übergriffe vom Personal und Mitgefangenen gibt. Wird die unschuldig Verurteilte unbeschadet aus dieser Hölle herauskommen..?

Wenn man eine Affinität für women-in-prison-Filme hat, lässt einen Rino di Silvestris Beitrag bereits im Vorfeld richtig hellhörig werden, verfügt er doch anders als viele Artgenossen schon einmal über eine besonders prominente Besetzung. Die Frage, ob sich alleine durch diese Tatsache bereits einiges herausreißen lässt und ob sich "Diario segreto da un carcere femminile" möglicherweise von anderen Artgenossen abzuheben weiß, sollte natürlich der Verlauf klären, der gleich zu Beginn bedeutend in die Gänge kommt. Eine halsbrecherische Verfolgungsjagd wechselt sich ab mit der offensichtlich üblichen Vorgehensweise im Knast, die Damen rektal und vaginal nach Drogen abzusuchen, was für die Aufseherin - wie sollte es auch anders sein – eine deutliche Befriedigung mit sich bringt. Die üblichen Zutaten bilden auch hier den Stoff, aus dem die schmutzigen Albträume sind und es ist bei der frühen Veranschaulichung recht erstaunlich, dass man sich hier nicht gerade lumpen ließ, zumal sich der Eindruck festigt, dass die Produktion durchaus hochwertiger inszeniert wurde. In diesem Zusammenhang sind sicherlich die sehr schön und ausladend eingefangenen Bildstrecken zu erwähnen, in denen die attraktiven Damen versuchen, dem harten Gefängnisalltag zu entgehen und sich die Zeit mit körperlicher Nähe versüßen. Untermalt mit beinahe sinnlicher Musik, entstehen sehr hochwertige Momente, die man andernorts bestimmt schon mechanischer gesehen hat. Die Insassinnen repräsentieren in diesem Gemäuer zur Abwechslung einmal nicht den letzten Abschaum, was jedoch ausgleichsweise vom eiskalt wirkenden Personal übernommen wird. Das erste Drittel des Films zieht sich leider etwas ergebnislos in die Länge, bis es schließlich zu kleineren Kostproben körperlicher und verbaler Gewalt kommen darf, was ja quasi das Lebenselixier eines jeden Knastfilms darstellt.

"Mädchen im Knast", ein Titel, der sich letztlich viel zu unschuldig für das Dargebotene anhört, ist wie bereits erwähnt sehr ansprechend besetzt und für große Freude sorgen die beiden schönen Darstellerinnen Anita Strindberg sowie die Deutsche Eva Czemerys. Anita Strindberg, kein unbekannter Name aus zahlreichen Genre-Filmen, zeichnet sich global gesehen vielleicht weniger durch darstellerische Kraftakte aus, als dass sie von einer Aura zehrt, die nicht alle Tage zu finden war. Die Schwedin zählt ohne jeden Zweifel zu den Interpretinnen, deren Variabilität und Glaubhaftigkeit sich situationsbedingt entfalten kann, so auch hier. In Sachen Körpersprache zeigen sich daher stets die erforderlichen Kniffe, um auch diese Rolle nachhaltig auszufüllen. Die leider viel zu jung verstorbene Eva Czemerys ist in Rino di Silvestros Beitrag in einer Haupt- und Führungsrolle zu sehen und es scheint ihr Ton zu sein, die in diesen klaustrophobisch wirkenden Mauern den Ton angibt. Stets daran interessiert, ihre Rollen so dicht wie möglich auszufüllen, selbst wenn es der jeweilige Film nicht gerade herzugeben wusste, zeigt sich die Bajuwarin erneut von ihrer besten Seite und steht nicht nur für Präsenz, sondern auch Präzision. Der Verlauf gefällt sich immer wieder darin, ausgiebige Liebesszenen zu skizzieren, Kostproben des guten Tons aus der Gosse zu liefern und die Gewaltbereitschaft einiger Damen zur Schau zu stellen, sodass man als Zuschauer so manchem catfight beiwohnen darf. Sehr auffällig ist bei fortlaufender Spielzeit, dass es zu relativ wenigen Veranschaulichungen der expliziten Sorte kommt, was in einem solchen Film eigentlich eher als schade zu klassifizieren ist, schließlich möchte der Zuschauer ganz ungeniert auf seine Kosten kommen. In der Besetzungsliste finden sich des Weiteren viele bekannte Namen, die allerdings weniger auffallend in den Vordergrund treten.

Ob beispielsweise Jenny Tamburi, Gabriella Giorgelli, Umberto Raho oder Massimo Serato, die Darsteller bewirken alleine durch ihren Bekanntheitsgrad eine beinahe andere Sicht auf diesen Film, wenngleich unzählige Laiendarsteller der ordinären Sorte in solchen Flicks auch nicht gerade eine schlechte Figur gemacht haben. Die Geschichte beschäftigt sich mehr als sonst mit einzelnen Personen, was jedoch nicht gleichzeitig bedeutet, dass man tiefschürfende Psychogramme geliefert bekommt, was naturgemäß auch besser so ist. Eine sorgsame Abhandlung erfahren somit eher die Themen Hierarchieverhältnisse, Abhängigkeiten, sadistische Anwandlungen, Nuditäten und der tägliche Gefängnisalltag. Allzu viel Sleaze wird einem in "Mädchen im Knast" zugegebenermaßen nicht geboten, was angesichts einiger derb abgespulter Artgenossen vielleicht nicht bei jedem so gut ankommen dürfte. Dennoch handelt es sich hier um einen recht sehenswerten Film, der sich zwar etwas kopflastig auf immer wiederkehrende Szenen verlässt, aber einen anderen Qualitätsanspruch anstrebt. Insgesamt hätte die Geschichte jedoch schon etwas deftiger ausfallen dürfen, schließlich schaut man sich solche Filme eben genau deswegen an. Rino di Silvestro versteht es, einige trostlose Akzente zu setzen und es entfaltet sich ein kurzweiliger Knast-Reißer, der zwischen den Gefängnis-Sequenzen immer wieder mit einer Art Vendetta als separat laufender Handlungsstrang angereichert wurde. Das Finale behält sich sogar noch kleinere Überraschungen vor und unterm Strich bleibt ein solider Eindruck zurück. "Mädchen im Knast" konnte das Rad zwar nicht neu erfinden, aber die Melange, aus dem was zu erwarten war, sowie einiger alternativer Wege in der Strategie, tun ihren Dienst am geneigten Knast-Crack ganz ordentlich. Wenn man so will, handelt es sich um einen halbseidenen Edel-Beitrag innerhalb des WIP-Genres.


— ITALO-CINEMA —


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