Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 31.07.2017 00:14 
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Servus beisammen,

derzeit beschäftige ich mich wieder mal mit dem politischen und philosophischen Kontext mancher Filme. Dadurch, dass ich, wohl als Italowesternfan, meinen Fokus dabei auf den Urban Western gelegt habe, geht es mir dabei gerade um den "reaktionären Film" bzw um die Einordnung dieses Begriffes.

In jedem Bereich ist es schwierig, mit dem Begriff "reaktionär" zu arbeiten, eben auch, weil die Grenzen zu revisionistisch und konservativ fließend sein können, die Definition nicht ganz klar ist. Im Allgemeinen beschreibt "reaktionär" die Ablehnung der Moderne oder bestimmter Verhältnisse der Gegenwart, die gegenüber der Vergangenheit oder Teilen der Vergangenheit aufgewogen werden. De facto könnte man dadurch das Gros der Heimatfilme als reaktionär einstufen, was ich hier jetzt aber vermeiden möchte. Jedes Kulturgut hat seine politischen Facetten, die Tiefgründigkeit unterscheidet aber schließlich, ob man einem Film tatsächlich eine philosophische oder politische Eigenschaft zusprechen kann. Hier zeigt sich wieder der schmale Grad zwischen Subjektivität und Objektivität.

Ein zentrales Motiv des reaktionären Films im Sinne des Urban Western ist das klassische Ringen um Vergeltung. Die Beispiele
- Dirty Harry
- Ein Mann sieht rot
als Typen des reaktionären Films reduzieren das persönliche Rachemotiv, welches klassisch zum Western gehört zu einem generellen Kampf eines Einzelkämpfers gegen die Verhältnisse dargestellt durch die örtliche Kriminalität bzw der Sichtweise nach "menschlichem Abschaum".
Die größte Deutlichkeit zeigt dabei "Taxi Driver" wird die "Reinigung der Stadt vom Abschaum" nun ganz klar als solche benannt. Während sich erste beiden Vigilanten in irgendeinerweise im Rahmen des Gesetzes begeben, ist diese Grenze bei "Taxi Driver" klar überschritten, auch wenn der Robert De Niro in seiner Rolle noch Hoffnungen auf die Politik regt.
In seiner direkten politischen Botschaft bleibt "Taxi Driver" aber hinter der Radikalität von "Ein Mann sieht rot" zurück. Während der Charles Bronson-Film durchaus soziale Missstände als Gründe für die Kriminalität nennt, enthält er klar die Botschaft, freie Waffen seien Teil der Lösung und damit sogar direkt eine politische Forderung. "Ein Mann sieht rot" beinhaltet dabei klar eine ideologische Färbung der amerikanischen "Conservatives", die der staatlichen Exekutive die Schuld gibt, da sie den Vigilanten bekämpft und nicht die eigentlichen Kriminellen und sieht die Lösung klar in der Volksbewaffnung.
Auch die Darstellung von Gewalt unterscheidet sich dabei. Wo "Dirty Harry" foltert mag der Zuschauer die Tat als solche zwar für moralsich gerechtfertigt halten, jedoch wird die Szenerie intensiv dargestellt, wodurch das Leiden des Täters eben nicht förderlich für etwaige Rachegedanken sein dürfte. Dies steht im Gegensatz zu "Ein Mann sieht rot", in dem die Gewalt der "Kriminellen" möglichst drastisch dargestellt wird, die durch Charles Bronson aber als "sauber".
Das Maß der Gewalt beider Filme erreicht "Taxi Driver" so nicht, zumal man, bis auf das Ende, eher den Eindruck hat, dass De Niro in seiner Rolle unbeholfen agiert. Zwar wird er letztendlich zum fast klassischen Märchenhelden stilisiert, doch ist dies letztendlich reines Glück.

Schwieriger einzuordnen ist dabei "Das Syndikat". Ähnlich, wie "Dirty Harry" klagt der Film eine zu lasche Justiz an, zeigt aber durch das faschistische Syndikat den Gegenentwurf als nicht erstrebenswert auf, wodurch der Protagonist schließlich vollends verloren ist, da es keine Seite gibt, auf die er sich begeben kann.
"Das Syndikat" erreicht in seinem, wie ich es nennen würde, Realismus, eine anders gelagerte Härte und Tiefe, als die amerikanischen Beispiele. Wieder wird das Motiv des Einzelnen aufgezeigt, der gegen die Symptome der Moderne ankämpft und dabei die gegebenen Regeln schlicht nicht eindeutig einhalten kann. Die Gewalt des Syndikats dabei widert ihn genauso an, wie die Kriminalität als solche, da die Willkür der Gewaltspirale aufgezeigt wird. Meiner Meinung nach, ist es fast unmöglich, "Das Syndikat" politisch wirktlich einzuordnen, denn die einzige Forderung, die sich ableitet, ist jene nach einer härteren Justiz, welche im Film direkt wieder relativiert wird (Im Knast würdne die kleinen Fische zu großen gemacht).
In eine ähnliche Richtung geht auch "Magnum Force", der faschistische Tendenzen innerhalb des Polizeiapparats bei gleichzeitigem Kriminalitätsproblem. Auch der zwote Dirty Harry bleibt eine Antwort schuldig, Worin sich beide mMn widerum einig ist, ist die Ansprache der existenten Probleme, da der Faschismus durchaus eine mögliche Antwort auf existente Missstände ist, aber wahrlich keine erstrebenswerte. "Das Syndikat" zeigt dies mit der "Stadtrundfahrt" sehr deutlich auf.

Die Einordnung der genannten Filme bleibt tatsächlich schwierig. Ich würde sie allesam als reaktionör einordnen, möchte aber dazu sagen, dass "reaktionär" wie auch "autoritär" Relationsbegriffe sind. "Ein Mann sieht rot" ist klar republikanisch, der libertäre, konservative und allgemein rechte Strömungen bedient. "Dirty Harry" zeigt den Kult eines Einzelkämpfers, mMn eines Gerechtigkeitsromantikers, der längst an seine Grenzen gestoßen ist und die Welt nur noch in Zynismus erträgt. Auch wenn "Dirty Harry" im Bezug auf Nixon Einfluss zugunsten der Republikaner gehabt haben soll, bleibt er in sich ein eher unpolitischer Film, denn in realpolitische Lösungen schließt er bereits fast aus.
"Taxi Driver" ist relativ ungebunden. Er bleibt in seiner Betrachtung ein reaktionäres Werk, ist mMn dabei am wenigsten "rechts". Der gebrachte "Reinigungsgedanke" ist zwar immer Teil faschistischer Ideologie, lässt sich aber ebenso bei Teilen der "autoritären Linken" oder "reaktionären Linken" finden, werden hier schließlich Probleme am ehesten in den Vordergrund gerückt, welche durch die Sozialpoltik gelöst werden könnten. Ebenso kritisiert "Taxi Driver" mMn das Konsumverhalten und den einhergehenden Gesellschaftsaufbau, was zwar sowohl von rechts, als auch von links getan wird, jedoch nicht von der republikanischen Rechten.

"Das Syndikat" ordne ich bei der Gelegenheit tatsächlich als "liberal" im europäischen Sinne ein. Wenn der Film einen Weg oder eine Forderung aufzeigt, dann wiederum jene nach einem Gemisch aus "law and order" und staatlicher Transparenz. Dies hängt aber wohl auch explizit mit dem kulturellen Hintergrund zusammen.

Die Reinwaschung Dirty Harrys mit "Magnum Force" ist bekanntlich in der Kritik, in puncto Glaubwürdigkeit. Calahan ist aber mMn klar kein Faschist, zumal er schon die Einbindung in ein straffes Kollektiv ablehnt. Die Gefahr in der Selbstermächtigung von Personen, die sich zu Richtern aufschwingen, erkennt er durchaus und das halten an der aktuellen Ordnung hält er letztendlich für das kleinerw Übel dem Faschismus gegenüber. Was die Realpolitik angeht, bleibt Dirty Harry weiterhin ohne wirkliche Forderungen.

Fortsetzung folgt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 30.10.2017 15:31 
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Gute Abhandlung. Ich kann dir in vielen Punkten zustimmen. Besonders „Ein Mann sieht rot“ empfand ich immer als Paradebeispiel eines reaktionären Films – wobei ich den Begriff „reaktionär“ hier aber weder positiv noch negativ bewerten möchte. Ganz neutral bedeutet er ja nichts anderes als die Tendenz, zu alten, (scheinbar) überholten Zuständen und Verhältnissen zurückkehren zu wollen.

Der Film propagierte eine Rückkehr der amerikanischen Bürger zur Selbstverteidigung mit der Waffe, also zu einem Verhalten, das angeblich auch die amerikanischen Pioniere an den Tag gelegt haben (Hauptfigur Paul Kersey, gespielt von Charles Bronson, stellt diesen Zusammenhang in einer Diskussion mit seinem Schwiegersohn selbst her - eine der Schlüsselszenen des Films) – und ist daher reaktionär.

Andererseits bildete er aber auch einfach nur Ängste und heimliche Wunschträume vieler US-Großstädter ab, war also im Grunde nichts anderes als ein Exploitation-Film, mit dem Kasse gemacht werden sollte.

Man muss sich vor Augen halten, dass gerade New York im Entstehungsjahr des Films (1974) wirklich extrem unter Kriminalität zu leiden hatte. Die Ursachen waren vielfältig und hingen natürlich mit den Lebensverhältnissen zusammen, die ich hier nicht weiter erläutern will. Empfehlenswert ist aber eine Titelstory aus dem SPIEGEL von 1971 („New York – Tod einer Weltstadt?“): *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***

Auch der Film machte ja (absichtlich) einen weiten Bogen um die Ursachenforschung und stellte nur die Folgen für den „Normalbürger“ (verkörpert durch Bronson) dar.

Dabei hatte der Film allerdings einige Besonderheiten, die es bis dahin meines Wissens noch nie in einem US-Krimi gegeben hatte und die ihn daher als so besonders „radikal“ erscheinen ließen:

1. Hauptperson (und Identifikationsfigur für den Zuschauer) ist ein bis dahin besonders friedfertiger Bürger (kein Polizist) und Kriegsdienstverweigerer, der ursprünglich Verständnis für die gesellschaftlich Benachteiligten hat, aber aufgrund der furchtbaren Umstände einen Wandel durchmacht,

2. diese Hauptperson forscht gar nicht nach den Tätern, die seine Familie auf dem Gewissen haben (so wie man es bis dahin von Rächerfilmen kannte), sondern erklärt einfach alle Kriminellen gleichermaßen zu seinem Feind, hält sie alle für stellvertretend schuldig und erschießt daher auch jeden, der ihm über den Weg läuft, wobei er teilweise die Überfälle auf sich sogar provoziert,

3. diese Selbstjustiz hat im Film Erfolg, denn andere Bürger folgen dem Beispiel, woraufhin die Kriminalitätsrate sinkt. Konsequente Gegenwehr scheint also das einzige erfolgversprechende Mittel zu sein.

Kein Wunder, dass der Film damals von vielen Kritikern in Europa als „faschistoid“ eingestuft wurde, während die US-Kritik zumeist gelassen reagierte und die Law-and-order-Fantasie eher als einen gekonnten Thriller einordnete. Doch egal wie die Kritik auch ausfiel – der Film wurde (auch in Deutschland) zu einem großen Publikumserfolg.

Aus heutiger Sicht kann man sagen: Der Film ist ein interessantes Zeitdokument über die USA (und besonders New York) in der ersten Hälfte der 70er Jahre, in dem Stimmung und Zustände durchaus nicht nur fiktiv sind.

Interessant ist auch, dass der Film in Deutschland nach 43 Jahren noch immer indiziert (!!!) ist, also offenbar auch für heutige Zuschauer als bedenklich angesehen wird. Womöglich ist er das wirklich - obwohl meines Wissens keine Fälle bekannt sind (nicht mal aus den USA), in denen jemand nach Anschauen des Films begonnen hat, nachts mit geladener Pistole in der Manteltasche durch Großstadtstaßen zu streifen und Kriminelle zu erschießen.

Wer einen ausführlichen, zeitgenössischen Artikel über den Film und ähnliche aus jener Zeit lesen möchte, dem empfehle ich denjenigen aus dem SPIEGEL von 1974 („Wenn Notwehr zum Vergnügen wird“): *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***


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 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 30.10.2017 19:11 
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@Sartana

Oh je, wenn Western-Dödel versuchen einen auf intelligent zu machen... :mrgreen: :P ;)

Ich kann deinem Geschreibsel so gut wie in keinem Punkt zustimmen.

1.) Der Begriff "reaktionär" ist im Grunde genommen ein recht neutraler. Also nimm ihn doch auch erstmal als solchen: reaktionär = soll Reaktion(en) hervorrufen.
D.h. dass reaktionäre Werke extreme Standpunkte beziehen und diese durch drastische Darstellungen unterfüttern.

2.) Das worauf du hinaus willst sind eigentlich rechts-reaktionäre Filme. Urbane Western, die eine rechtskonservative Law-and-Order-Mentalität hervorheben. Die besagen, dass der starke Arm des Gesetzes durch linksliberales Gehabe derart geschwächt ist, dass es a.) solch einen wandelnden Atavismus wie "Dirty" Harry Callahan braucht oder b.) eine Ein-Mann-Bürgerwehr wie Paul Kersey in DEATH WISH, weil es weit und breit keine Callahans gibt.

3.) TAXI DRIVER passt da überhaupt nicht rein, da Travis Bickle als ein völlig vereinsamter und (wahrscheinlich durch den Vietnam-Krieg) gebrochener Psychopath gezeichnet wird und letztlich dafür auch noch von den Medien als Held verklärt wird.

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 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 31.10.2017 19:01 
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Wann ist ein Film in seiner Aussage „reaktionär“?

Vielleicht können wir uns dem Thema annähern, indem wir zunächst den Begriff des Reaktionären etwas beleuchten, bevor wir ihn mit dem filmischen Kontext zusammensehen: Selbstredend lässt sich sagen, dass jede Art von Bewegung immer auch in ihrem Innern den Kern für deren Gegenbewegung innehat. Bezogen auf das hier gemeinte Reaktionäre – so verstehe ich Sartanas Einführung in die Diskussion –, ist darin wohl die reaktive Haltung gegen die Ideen von 1789 zu sehen – also jene Bewegung, die die moralisch politischen Werte vor der Französischen Revolution bewahren – sprich: konservieren – möchte. Dieser zumeist als rechts kategorisierte Konservatismus ist somit deshalb reaktionär, weil eine Restauration vorangetrieben wird. Insofern ist der „Reaktionär […] das, was man gemeinhin als Restaurativen bezeichnet – er will zu einer früheren gesellschaftlichen und historischen Situation zurückkehren und bekämpft die bestehende Gesellschaft. Meist handelt es sich um die romantische Vergegenwärtigung einer bestimmten historischen Periode der Vergangenheit.“ (Zitiert nach Martin Greifenhagen: Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland. Frankfurt am Main 1986. S. 33.) Möglicherweise bringt diese stark verkürzte Begriffsdefinition eine erste Klarheit, um was es sich beim „reaktionären Film“ handeln dürfte…

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Ein weiterer Punkt, der dem Reaktionären zuzuweisen ist, wäre wohl ein besonders geprägtes Menschenbild, welches den sozialistisch utopischen Gedanken des restlos aufgeklärten Menschen verneint. Für den Reaktionären lauert hinter der Ratio zugleich ein dunkles, ein tieferes Urempfinden, das dann auch Aggressionen kennt und diese ungehemmt ausleben möchte. In STRAW DOGS (1971) von Peckinpah beispielsweise versagt sodann der sozialgesellschaftliche Filter; es ist ja sicherlich kein Zufall, dass der Film abseits des zivilisierten Stadtlebens spielt. Der Hauptcharakter, ein intellektueller Pazifist, zumal Wissenschaftler (= aufgeklärt rationales Denken), kommt in eine Situation, wo die sozial aufgeklärte Maske fällt, so dass die archaische Disposition des Menschen freigelegt wird. Diese anthropologische Urbestimmung äußert sich, indem der Gerechtigkeitssinn – gepaart mit Rachedurst – gnadenlos befriedigt wird. Gleichfalls versagt im bereits oben genannten DIRTY HARRY (1971) das Ordnungssystem, welches auf aufgeklärten pädagogischen Strukturen aufbaut, letztlich aber scheitert und den Killer Scorpio (übrigens wunderbar gespielt von Andy Robinson) aus der Haft freilassen muss. Wenn der soziale Liberalismus versagt, dann aber folgt – wie bereits TRAXX es angemerkt hat – eine Reaktion, welche hier durch Dirty Harry verkörpert wird. Dirty Harry wird als ein überholt geglaubter Archetypus skizziert, der dem gesellschaftlich losgelösten Selbstjustizmotiv folgt, wie wir es bestens auch im Western vorfinden. Insofern war es von Don Siegel strategisch klug, einen besonders in Europa gefeierten Westenstar in der Hauptrolle seines DIRTY HARRY zu besetzen.

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Wird nach einem Beispiel für den „reaktionären Film“ gefragt, dann nennt man zumeist – so ja auch hier – die DEATH-WISH-Reihe, die die Genrekonventionen des Rachewestern auf ein urbanes Setting der Gegenwart überträgt. Sartana hat das eingangs diskutiert. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nicht unwichtig, wenn man darauf hinweist, dass Michael Winner, der die ersten drei Teile der Filmserie inszeniert hat, vor seinem ersten DEATH WISH auch den Film LAWMAN drehte, einen Western, in dem das Gesetz konsequent und damit auch gnadenlos zur Vollstreckung gebracht wird. Während der historisch gelagerte LAWMAN als genretypischer Western wahrgenommen wurde (Joe Hembus attestiert Winner, dass er „die klassischen Stories jedweden Genres sauber aufpoliert und ihnen einen kleinen Dreh gibt“, in Hembus: Das Western-Lexikon. München 1995. S. 371f.), so sah dies bei seinem DEATH WISH, der eben ein zeitgenössisches Setting besitzt, schon anders aus. Man unterstellte, dass das Dargebotene politisch motiviert sei, man sah darin einen „reaktionären Film“. Filme wie DIRTY HARRY, STRAW DOGS oder auch DEATH WISH bilden ein antiliberales Wertesystem ab, eines: „[T]hat portrays human life as predatory and animalistic, a jungle without altruism“. (Vgl. Michael Ryan und Douglas Keller: Camera Politica: The Politics and Ideology of Contemporary Hollywood. Bloomington / Indiana. S. 39. Hier zitiert nach: Xavier Mendik: Urban Legend: The 1970s Films of Michael Winner. In: Derselbe [Hg.]: Shocking Cinema of the Seventies. Hereford 2002. S. 65.) Soweit so gut.

Sartanas obige Frage war ja nun gewesen, „ob man einem Film tatsächlich eine philosophische oder politische Eigenschaft zusprechen kann“. Sicherlich ist dies im Grundsatz zu bejahen. Was mich allerdings häufig stört – und das ist nicht nur auf den sogenannten „reaktionären Film“ zu beziehen –, ist, dass eine derartige Zuweisung dann zumeist nur auf dem Inhaltlichen aufbaut. Nimmt man nur das Inhaltliche, so sind die genannten Filme wohl durchaus mit einem reaktionären Denken zu verbinden. Die von Riccardo aufgeführten Punkte 1-3 machen das gerade bei DEATH WISH verständlich. Was ich aber meine, ist, ob nicht auch die Art der Inszenierung hierbei aussagekräftig wäre. Nicht nur das Was, sondern auch das Wie sollte als interpretatorische Ebene genutzt werden. Von daher hat ja auch TRAXX darauf hingewiesen, dass in TAXI DRIVER (1976) der Hauptcharakter zwar Selbstjustiz im urbanen Dschungel ausübt, diese wird aber von einem Protagonisten ausgeführt, der sich psychisch pathologisch beeinträchtigt zeigt und damit wohl sicherlich nicht der moralisch makellose Held sein kann, der einem rechtskonservativen Weltbild entsprechen würde (wir erinnern uns, dass Travis Bickel in einer Sequenz seine Angebetete nicht ins Restaurant, sondern ins örtliche Pornokino einlädt). DEATH WISH war ein großer und weltweiter Erfolg – klar, dass schließlich auch eine Fortsetzung folgen musste, die 1982 noch einmal die Kassen füllen sollte. Diesbezüglich wird auch gesagt, dass der reaktionäre Selbstjustizfilm der 1970-er Jahre – so wie wir ihn hier definieren – ein filmmediales Gegenmodell sei, das sich gegen das liberale Kino der New-Hollywood-Bewegung gerichtet hätte (dazu in Mendik [ebd.], passim). Mit Blick auf solch ein Gegenmodell möchte ich einmal DEATH WISH Part III aus dem Jahre 1985 anführen, der für mich unglaubliche Selbstironie zeigt, das „Reaktionäre“ geradezu verhöhnt und damit möglicherweise auch auf ein Klima reagieren wollte, welches in der Zeit der damaligen Reagan-Regierung entstanden ist. Ich finde, der Brite Winner parodiert in DEATH WISH III die damals neuerlangte US-amerikanische Stärke, den Patriotismus, der sich unter Reagan in den 1980-er Jahren neu aufgeladen hat. Und dies erfolgt nicht auf der inhaltlichen Wahrnehmungsebene, sondern hauptsächlich, wie die Inszenierung der „reaktionären“ Darstellung von Selbstjustiz abläuft: der ehemals liberale Kersey kämpft zusammen mit einigen Hausbewohnern gegen eine ganze „Arme“ von Drogendealern, die den unterschiedlichsten Ethnien zuzuschreiben wären, und trägt den Sieg davon (also: ein Amerikaner gegen die ganze Welt). Schon die Mannigfaltigkeit und vor allem die phallische Größe der Schusswaffen – der Bronson-Charakter verwendet sogar einen Raketenwerfer – zaubert doch wohl ein Lächeln ins Gesicht und lässt den Zuschauer über das Gesehene ausgiebig schmunzeln. Winners Film ist so überzeichnet, dass hier das „Reaktionäre“ wohl nur noch als Karikatur anzusehen ist, wodurch sich – zumindest für mich – die affirmative Ebene überlebt.

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Abschließend möchte ich noch auf den Winner-Film THE SENTINAL von 1977 verweisen, der den Katholizismus in THE EXORCIST (1974) köstlich ironisiert. Im Film gibt es einen klerikalen Wächter, der in einem Mietshaus das Höllentor bewacht. Was will die katholisch klerikale Ordnungswacht aber hinter dem Tor zurückhalten? In THE EXORCIST ist die Besessenheit des weiblichen Teenagers Regan möglicherweise als Chiffre für den damaligen Zeitgeist zu lesen, eine liberalere Lebensführung, eine selbstbestimmte Sexualität, auch die Frauenbewegung dieser Jahre wäre hierbei vielleicht zu nennen. In diesem Sinne lässt Regans Masturbationsszene mit dem Kruzifix in THE EXORCIST die Deutung zu, dass sich dort der Katholizismus mit seinen sexualmoralischen Werten (symbolisiert durch das Kruzifix) und gelebte Sexualität (der weibliche Masturbationsakt) „real begegnen“. Überträgt man dieses diskursive Symbolmodell auf THE SENTINAL, dann zeigt sich dort, dass der weibliche Hauptcharakter des Films, ein Model, das vollkommen im kapitalistischen Konsumdenken aufgeht, zum Schluss die Rolle des „Wächters“ übertragen bekommt – anders gesprochen: sie übernimmt die tradierten Werte, wie sie durch den Katholizismus vorgegeben sind. Winners Darstellung ist dabei so absurd überbetont in ihrer Anti-Haltung gegen das „Böse“ (gegen den Zeitgeist) – unter anderem lebt im „teuflischen“ Mietshaus ja auch ein lesbisches Paar –, dass diese Inszenierung von „reaktionärem“ Werteprogramm, ähnlich wie in DEATH WISH III, quasi „zusammenbricht“. Was bleibt ist die Karikatur…

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In diesem Zusammenhang mit dem von mir beschriebenen Ironie-Empfinden von vermeintlich „reaktionären“ Filmen würde ich sehr gerne einmal JOE (1970) sehen. Bislang habe ich nur darüber gelesen, dass der Film einen Vietnam-Heimkehrer (Peter Boyle) zeigt, der auf einen Rachefeldzug gegen Hippies geht. Auf dem Kinoplakat wird mit dem Slogan „Keep America beautiful“ geworben. Lloyd Kaufman, der Troma-Chef, ist der „production manager“ gewesen – sicherlich nicht unbedingt ein Reaktionärer…


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 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 31.10.2017 21:28 
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Ebenso wie TRAXX kann auch ich dem Ausgangsposting inhaltlich nicht zustimmen. DEATH WISH ist nämlich mitnichten ein Plädoyer für Selbstjustiz. Er prangert sie zwar auch nicht eindeutig an, aber das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass er sie billigt. DEATH WISH lässt den Zuschauer am Ende selbst entscheiden, ob Kersey für ihn ein Held oder ein Psychopath ist, ob er Recht oder Unrecht tut. DEATH WISH ist in seiner Aussage völlig wertfrei und gerade das macht ihn so großartig.

Und TAXI DRIVER passt in die Aufzählung tatsächlich nicht rein. Zwar scheinen Teile von Scorseses Film deutlich inspiriert von den Eskapaden Kerseys, Calahans & Co., im Mittelpunkt jedoch steht nicht das Thema Selbstjustiz. TAXI DRIVER ist eher ein pessimistisches Gesellschaftsportrait, das den Zustand eines desillusionierten und orientierungslosen Amerikas nach dem Krieg beschreibt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 31.10.2017 23:42 
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DJANGOdzilla hat geschrieben:
Ebenso wie TRAXX kann auch ich dem Ausgangsposting inhaltlich nicht zustimmen. DEATH WISH ist nämlich mitnichten ein Plädoyer für Selbstjustiz. Er prangert sie zwar auch nicht eindeutig an, aber das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass er sie billigt. DEATH WISH lässt den Zuschauer am Ende selbst entscheiden, ob Kersey für ihn ein Held oder ein Psychopath ist, ob er Recht oder Unrecht tut. DEATH WISH ist in seiner Aussage völlig wertfrei und gerade das macht ihn so großartig.


Dann hast du einen komplett anderen Film gesehen als ich und alle, mit denen ich schon über den Streifen gesprochen habe. Aber bitte, jedem seine Meinung.

Ich jedenfalls finde, dass der Autor des von mir genannten SPIEGEL-Artikels vollkommen recht hat, wenn er schreibt, Death Wish sei ein "ein Film, der Selbstjustiz darstellt und predigt". Und eigentlich haben auch alle anderen damaligen Kritiker den Film so verstanden. Ob sie diese Botschaft als negativ beurteilt haben oder nicht, ist eine andere Frage.

Ich selbst halte den Film auch (wie du) für großartig. Ob jetzt trotz oder wegen der Selbstjustizbotschaft, weiß ich nicht recht, aber das ist ja hier auch nicht das Thema.

Jedenfalls ist der Film deswegen reaktionär. Aber auch das kann man (wie ich oben schon sagte) positiv oder negativ (oder natürlich auch neutral) beurteilen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 01.11.2017 01:19 
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DJANGOdzilla hat geschrieben:
Ebenso wie TRAXX kann auch ich dem Ausgangsposting inhaltlich nicht zustimmen. DEATH WISH ist nämlich mitnichten ein Plädoyer für Selbstjustiz. Er prangert sie zwar auch nicht eindeutig an, aber das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass er sie billigt. DEATH WISH lässt den Zuschauer am Ende selbst entscheiden, ob Kersey für ihn ein Held oder ein Psychopath ist, ob er Recht oder Unrecht tut. DEATH WISH ist in seiner Aussage völlig wertfrei und gerade das macht ihn so großartig.

Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei seinem Quasi-Remake DEATH SENTENCE. Wer den als "ein Plädoyer für Selbstjustiz" liest, dem ist echt nicht mehr zu helfen!

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 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionärer Film
BeitragVerfasst: 01.11.2017 22:34 
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Riccardo hat geschrieben:

Dann hast du einen komplett anderen Film gesehen als ich und alle, mit denen ich schon über den Streifen gesprochen habe. Aber bitte, jedem seine Meinung.


Das habe ich bestimmt nicht. Ganz im Gegenteil: Da ich meine Abschlussarbeit dem Thema "Selbstjustizfilm" gewidmet habe, habe ich den Film (zusammen mit ein paar weiteren, wie z. B. auch DIRTY HARRY) sogar sehr genau unter die Lupe und Szene für Szene auseinandergenommen. Es würde mich interessieren, wo genau du ein Plädoyer für die Selbstjustiz siehst und warum. Nur, weil Kersey am Ende mit seinen Taten davonkommt?


TRAXX hat geschrieben:
Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei seinem Quasi-Remake DEATH SENTENCE. Wer den als "ein Plädoyer für Selbstjustiz" liest, dem ist echt nicht mehr zu helfen!


Nun ja, DEATH SENTENCE ist letzten Endes ein völlig anderer Film. Er behandelt das gleiche Thema und die Vorlage stammt aus der Feder des selben Autors, aber da enden eben die Gemeinsamkeiten auch schon - allein schon, weil SENTENCE, im Gegensatz zu WISH, eben sehr wohl Partei ergreift.

Das Quasi-Remake zu EIN MANN SIEHT ROT ist eigentlich DIE FREMDE IN MIR, der dessen Handlung wirklich ziemlich dreist kopierte.

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