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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 31.03.2017 16:32 
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Null Null Sex – Russ Meyer

(USA 1968)

Januar 2003, VHS (Warner Vision, DF, 1,33:1)
17.3.2017 Kino (Kommkino Nürnberg, DF, 35mm, 1,33:1, stark gekürzt)
30.3.2017 DVD (Arrow, OV, 1,33:1)



„Meine Filme werden häufig auf Partys gezeigt. Wenn einer in die Küche geht und Bier geholt hat, muss er beim Reinkommen wieder ein paar Leute beim Bumsen sehen.“
Russ Meyer



Inhalt:

Paul und Kelly sind zwar verheiratet, aber Sex sucht er sich lieber bei Prostituierten oder besucht den Red-Carpet-Club, wo er sich betrinkt, während er die zahlreichen Oben-ohne-Tänzerinnen bewundert. So auch an jenem Abend, als Cal und Feeny darauf warten, dass der letzte Gast den Club verlassen hat, um ihn ausrauben zu können. Unauffällig betrachten sie neben gierenden alten Männern die Schönheiten und spielen Billard, bis sich ihnen spätabends die Gelegenheit bietet.

Paul wird inzwischen von Claire, einer schwarzen Puffmutter, angerufen, die etwas schönes für ihn hat und ihn in ihrem Etablissement erwartet. Er lässt sich nicht lange bitten, und Claire stellt ihm Christiana vor, mit der er schläft, nachdem sie ihm vor einem indischen Wandteppich erklärt hat, dass die dort abgebildete Ganika in Indien eine Prostituierte ist, die hochgeachtet ist und die ihm die Brust rasiert. Vom Sex erschöpft, weckt ihn Claire, die er nun „wie ein Schokoladeneclair“ vernaschen will. Betrunken und vollkommen weggetreten lässt Claire ihn anschließend nach Hause bringen, wo ihn seine ob seines Alkoholkonsums missgelaunte Frau erwartet und mit der er ebenfalls schläft, es ist jedoch Sex, der beide aufgrund der fehlenden Zärtlichkeit und Liebe wenig befriedigt.

Ray, der Inhaber des Red-Carpet-Club, ruft nun Kelly an, um sich mit ihr zu verabreden und bittet sie, in seiner Bar zu tanzen. Kelly willigt ein und tanzt sich Topless den Frust von der Seele und leistet nach Ladenschluss Ray in dessen luxuriösem Pool Gesellschaft und schläft mit ihm. Der Club ist nun geschlossen und bietet Cal und Feeny endlich die Gelegenheit, den Raub zu begehen. Doch unvermutet platzen Ray und Kelly, sowie der Kelly suchende Paul ins Geschehen und werden von den Gangstern brutal misshandelt und gefesselt. Als Feeny Kelly vergewaltigen will, gelingt es Paul, der zuvor von Cal ein Billardqueue ins Gemächt gestoßen bekommen hatte, Feeny von ihr wegzureißen. Der Kampf wird von der plötzlich auftauchenden Claire unterbrochen, die mit Cal und Feeny unter einer Decke steckt und Paul und andere Gäste des Clubs zu Beginn des Abends weglocken sollte. Da sie der Gewalt Einhalt gebieten will, tötet sie Cal jedoch und in ihren letzten Atemzügen liegend erschießt Claire Cal.


Review:

Wenn man die Nudies, die Russ Meyer zu Beginn seiner Karriere und „Mondo Topless“ (1966) nicht berücksichtigt, ist „Null Null Sex“ Russ Meyers erster Film mit viel nackter Haut; zuvor gab es nur sehr kurze Einstellungen in „Lorna“ (1964) und „Mudhoney“ (1965) von Nacktheit und weiblichen Brüsten. Ab „Motor Psycho“ (1965) reduzierte Russ Meyer Sex in seinen Filmen, da in einigen Staaten des südlichen Bible-Belt seine Filme verboten wurden und sich zudem „Mudhoney“ generell als finanzieller Flop erwies – diese Selbstzensur stellte sich jedoch als wenig erfolgreich heraus, da auch „Die Satansweiber von Tittfield“ (1965) und „Die liebestollen Hexen“ (1967) an der Kasse floppten. Ab 1968 wagte es Meyer aufgrund des veränderten Zeitgeistes und des im Jahr zuvor gefallenen „Hays Code“ wieder, mehr Sex zu zeigen und feierte mit „Null Null Sex“ einen großen finanziellen Erfolg – doch so, wie die Spanne zwischen finanziellem und künstlerischem Erfolg wie bei „Die Satansweiber von Tittfield“ weit auseinandergehen kann, so ging die Spanne in umgekehrter Richtung in „Null Null Sex“ auseinander.

„Null Null Sex“ ist kein schlechter Film, er hat einige wunderbar bizarre Einfälle und präsentiert wie üblich ein paar sehr schöne Frauen. Aber seiner Dramaturgie kann man so schwer folgen, wie dem unlogisch erzähltem „Die liebestollen Hexen“; und das Setting – nur wenige Außenszenen, alle bei Nacht, ein Stripclub, ein Bordell und eine Privatwohnung – sorgt für eine tristere Stimmung und lässt die grellen Farben anderer Russ-Meyer-Filme kaum zu. Da die Handlung zudem weitgehend auf Humor verzichtet und es nur in der DF ein paar Schenkelklopfer gibt („Schokoladeneclair“), wird so automatisch der Krimiplot betont. Allerdings nur in der zweiten Filmhälfte, während in der ersten die Figuren eingeführt werden und Sexszenen das Geschehen dominieren. Das Setting hat aber auch gewisse interessante Vorteile: In den Clubs kommt die Sixtiesmode massiv zur Geltung, die ekstatische Verruchtheit der Spielorte wird von dem jazzbetonten Soundtrack gelungen untermalt und die Coolness der Protagonisten wirkt wie von Tarantino und Jess Franco gemeinsam inszeniert. Die Filmreihe „Austin Powers“ soll nicht nur primär von dem James-Bond-Film „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969) in Ausstattung und Mode beeinflusst worden sein, sondern auch speziell von „Null Null Sex“ – womit die Deutschen mit ihrer Titelvergabe dann doch irgendwie das richtige Gespür hatten, Agenten gibt es allerdings keine, trotzdem der Titel anderes vermuten lässt.

Thematische Bezüge und Weiterentwicklungen zu Stoffen aus vorherigen Filmen Meyers gibt es in diesem Film unseres brustbetontesten Autorenfilmers erfreulicherweise auch wieder: In „Good Morning… and Goodbye“ (1967) war es noch eine von ihrem impotenten Mann frustrierte Ehefrau, die „grausam gequält von ihrer Gier“ auf Männerfang ging, in „Null Null Sex“ ist es nun ein Mann der so handelt und gleichzeitig erleben wir den Moment, indem sich eine Frau von der braven treuen Ehefrau in einen Vamp zu verwandeln droht. Denn Kelly, Pauls Frau, entschließt sich nach einem weiteren sexuell frustrierendem Erlebnis mit Paul, in Rays Stripclub zu tanzen und sich ihre Seele gesund zu tanzen; in ihren Tanz werden zuvor gezeigte Szenen des wenig harmonischen Sex mit Paul eingeschnitten. Als am Ende Paul mit seinen letzten Kräften und ein wenig Glück Kelly vor einer Vergewaltigung durch Feeny retten kann, stellt er sich ähnlich wie Burt Stone in „Good Morning… and Goodbye“ seinem sexuellen Widersacher und erkämpft sich – hoffentlich – die Liebe seiner Frau zurück.

Sex wurde in den Filmen Meyers – und natürlich nicht nur bei ihm - oft metaphorisch dargestellt oder mit gleichnishaften Szenenschnipseln vermengt. In „Eve an the Handyman“ (1961) zeigt Meyer zum finalen Sex Ölpumpen und Raketenstarts, Hitchcock zeigt in „Der unsichtbare Dritte“ (1959) einen Zug, der in einen Tunnel einfährt. In „Null Null Sex“ fährt Meyer nun eine ganze Palette von bizarren Einfällen auf, so erklärt die Hure Christiana Paul, dass sie ihre Kindheit und Jugend als Amish verbrachte, sich in ihren Bruder inzestuös verliebte und der sie mit seinen überzeugenden Sexualtechniken davon überzeugte, eine Karriere als Prostituierte einzuschlagen; als Paul dann mit ihr schläft, zeigt die Kamera Bilder von zwei jungen Amishen, die einen Drachen steigen lassen. Wenn Paul mit Claire schläft, die ihm dabei von mehreren klassischen Komponisten erzählt, zeigt die Kamera immer wieder Ansichten bunt beleuchteter Gebäude und Springbrunnen, während die „Finlandia“ von Sibelius gespielt wird; das Finale der Finlandia, die mit dem sexuellen Höhepunkt zusammenfällt, wird mit Applaus bedacht. Der übernächste Akt, wenn Kelly mit Ray im Pool schläft, wird mit Carcrashs verschnitten, um die Aggressivität der Stöße Rays in Kellys Unterleib zu bebildern. Zuletzt fällt noch der ausgiebige Gebrauch eines Billardqueues durch Cal auf. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielt Cal im Red-Carpet-Club mit Feeny Billard, nimmt das Queue aber später mit auf die Toilette und hält im Sitzen das Queue senkrecht zwischen seinen Beinen. Was aufgrund der phallischen Form schon offensichtlich ist, wird noch deutlicher wenn man bedenkt, dass in der französischen Vulgärsprache „Queue“ „Schwanz“ bedeutet. Wenn Cal kurz vor der finalen gewalttätigen Auseinandersetzung dem gefesselten Paul das Billardqueue mit all seiner Kraft gegen das Gemächt stößt, betont dies die anschließende Rückeroberung Pauls Sexualität.


Fazit:

Etwas unentschlossen erzählter Film, in den Russ Meyer erstmals viel Sex in eine Spielfilmhandlung packt und mit einigen bizarren Einfällen glänzt.


Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 13.04.2017 19:16 
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Blumen der Nacht – Jeffrey Bloom

(USA 1987)

26.8.1995; TV (RTL II, DF, 1,33:1 beschnitten)
2000; VHS (Highlight, DF, 1,33:1 beschnitten)
12.3.2017; DVD (Inked Pictures, DF, 1,85:1)
Buch: Mitte bis Ende März 2017 (Andrews, V. C., Blumen der Nacht, Weltbild Verlag 1999)



Inhalt des Buches:

Die 50erjahre: Der Vater der Familie Dollanganger stirbt bei einem Autounfall, den er nicht verursacht hatte und hinterlässt seine Witwe Corinne, 33 Jahre und die vier Kinder Christopher, 14 Jahre, Cathy, 12 Jahre und die Zwillinge Cory und Carrie, 5 Jahre. Corinne, die zwar sehr hübsch ist, hat es nie gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen und bald fehlt es ihrer Familie an Geld, so dass sie beschließt, zurück zu ihren Eltern zu ziehen, die sie verstoßen hatten, und „die Liebe ihres Vaters zurückzugewinnen“. Die Kinder erfahren, dass sie bisher unter einer falschen Identität gelebt haben und eigentlich Foxworth heißen, ihre Großeltern steinreich sind und dass die Sache einen Haken hat: Ihr verstorbener Vater war der Halbonkel ihrer Mutter; damit sind sie inzestuös gezeugt worden und deswegen ziehen sie den Hass der Großmutter auf sich, der Großvater darf erst gar nicht von ihnen erfahren, sonst würde es Corinne nie gelingen, seine Liebe zurückzugewinnen und zu erben. Daher werden die Kinder im Nordflügel des großen Foxworthanwesens versteckt und haben nur Zugang zum Dachboden, aber nicht ins übrige Haus oder gar nach draußen…

Versteckt warten die Kinder nun, dass ihr Großvater stirbt, ihre Mutter erbt und sie in die Freiheit entlassen werden, müssen sich aber dem strengen Regelwerk ihrer Großmutter beugen, die es z. B. den 5jährigen Zwillingen verbietet, in einem Bett zu schlafen und erwartet, dass jedes Kind täglich einen Bibelvers auswendig lernt. Corinne besucht die Kinder allabendlich und muss auf Geheiß der Großmutter vor ihren Kindern den Rücken entblößen, auf dem sich die Wunden von 48 Stockschlägen befinden, die sie für ihre Anzahl der Lebensjahre und für die Anzahl der Ehejahre von ihrer Mutter auf Befehl des Großvaters erhalten hat. Corinne versichert ihren Kindern, dass sie sie aufrichtig liebt und sie sich für sie opfert, warnt sie jedoch, dass es sein könnte, dass sie sich verändert. Nach einiger Zeit werden ihre Besuche seltener; sie vertröstet die Vier jedoch stets, dass der Großvater im sterben läge, es sich nur noch im wenige Wochen handele und bringt ihnen oft kostbare Geschenke mit, die den Kindern allerdings im Vergleich dazu, frei zu leben und Freunde zu haben, wertlos erscheinen.

Die Kinder arrangieren sich in den nächsten Monaten mit ihrer Situation soweit es ihnen möglich ist, und zu Weihnachten gelingt es Corinne, Christopher und Cathy heimlich nach unten zu bringen, wo sie hinter dem Kamin die Weihnachtsfeier, eine große Party beobachten können. Christopher beschließt, im Alleingang das Haus zu erkunden und erwischt seine Mutter in flagranti mit ihrem neuen Liebhaber, Bart Winslow, Corinne wiederum entdeckt später, dass Christopher nicht mehr bei Cathy ist und droht Christopher nach dessen Eintreffen, ihn und auch Cathy mit der Rute auszupeitschen und schlägt ihn ins Gesicht. Unregelmäßig besucht sie weiterhin die Kinder.

Nach zwei Jahren erwischt die Großmutter Cathy und Christoper erstmals dabei, wie sie eine „Sünde“ begehen: Christopher betrachtet seine nackte Schwester. Bestraft werden alle vier Kinder damit, dass sie über eine Woche kein Essen mehr bekommen, alle Spiegel zerschlagen werden und sich die Großmutter nachts ins Zimmer schleicht, Cathy eine Betäubungsspritze verabreicht und ihr Haar teert. An dem Tag, an dem die Kinder soweit sind, aus Hunger die Mäuse auf dem Dachboden zu essen, bringt die Großmutter ihnen wieder Essen und erstmals gepuderte Krapfen, obwohl Süßes bisher streng verboten war. Wenige Wochen später beschließen Christopher und Cathy einmalig, sich von einem Fenster am Dachboden mit zusammengeknoteten Bettlaken abzulassen, um in einem nahegelegenen See nachts schwimmen zu gehen. Christopher beginnt, seine halbnackt badende Schwester sexuell zu begehren.

Kurz vor seinem 17. Geburtstag reagiert Christopher rebellisch auf die Befehle der Großmutter, daraufhin flüchtet sie vor seiner Wut, um aber kurz darauf mit einer Rute zurückzukehren und prügelt ihn damit durch. Die vor Entsetzen schreiende Cathy erhält wegen ihres Vergehens zu Schreien ebenfalls Schläge auf ihren komplett nackten Körper bis die Weidenrute durchbricht. Nachdem die Großmutter sich aus dem Raum entfernt, nehmen sich Christopher und Cathy nackt in die Arme um sich zu trösten, Christopher küsst sie und Cathy merkt, wie unter den Reibungen ihrer beiden Körper „sein Geschlecht hart und groß“ wird.

Corinne kehrt nun von ihrer Hochzeitsreise in Europa zurück, verwundert nimmt sie zur Kenntnis, dass die Kinder nicht sehr erfreut sind, sie zu sehen, ihr Vorwürfe ob ihres langen Fortbleibens machen und offenlegen, dass ihnen das Geld aus der Erbschaft mittlerweile vollkommen egal ist und sie nur noch in Freiheit leben wollen. Mit einem Gefühlsausbruch lullt sie die Kinder ein, beschenkt sie und verabschiedet sich mit einem „Wenn ihr darüber nachgedacht habt, wie sehr ihr mich heute verletzt habt, und wenn ihr mich wieder mit Liebe und Respekt behandelt, dann komme ich zurück. Nicht früher.“ 10 Tage bleibt sie weg, dann erklärt sie den Kindern, dass sie Bart geheiratet hat. Von nun an besucht sie die Kinder 2-3mal im Monat und bringt jedes mal Geschenke mit; Christopher und Cathy schmieden unterdessen einen Plan und entwenden den Schlüssel, machen in Seife einen Abdruck und fertigen einen hölzernen Schlüssel an, um die Tür zu öffnen und ausbrechen zu können. Sobald sie ihr Gefängnis verlassen können, machen sich Christopher und Cathy nachts auf Beutezug, um das Geld, das seine Mutter achtlos in ihren Räumlichkeiten herumliegen lässt, zu stehlen und entdecken dabei in ihrem Schlafzimmer ein pornographisches Buch, das sie fasziniert durchblättern. Einige Nächte später findet Cathy überrascht Bart in Corinnes Zimmer schlafend in einem Stuhl vor und fühlt sich von ihm angezogen, nähert sich ihm vorsichtig und küsst ihn. Und wieder einige Nächte später muss sich Cathy im Kleiderschrank verstecken, da Bart und Corinne überraschend auftauchen, dabei erfährt sie, dass sie bemerkt haben, dass Geld fehlt, aber die Dienstmädchen dafür verantwortlich machen, und dass Bart von einem jungen Mädchen „mit langen, goldenen Haaren“ geträumt hat, das sich „in dieses Zimmer schleicht und mich im Schlaf küßt“. Christopher ist wütend darüber, dass Cathy so unvorsichtig war und vor Eifersucht „zwang (er) sein angeschwollenes, hartes männliches Glied in (sie) hinein, das von (ihr) befriedigt werden musste. Er stieß in (ihr) enges, Widerstand leistendes Fleisch, das riß und blutete“. Später erklärt Cathy Christopher, der sich Vorwürfe macht, dass er sie vergewaltigt hat, dass sie es auch wollte.

Cory erkrankt nun schwer und alles deutet auf eine Lebensmittelvergiftung hin, obwohl das Essen von allen Kindern gegessen wurde und diese keine Beschwerden haben. Cathy spricht daraufhin gegen die Regeln die Großmutter an, als sie Essen bringt, diese holt Corinne, die einfach nur dasteht. Als Cathy ihr ein weiteres Mal Vorwürfe macht und sie drängt, Cory in ein Krankenhaus zu bringen, spuckt Corinne: „Du! Immer du!“ Und schlägt sie hart ins Gesicht. Daraufhin beschwichtigt die Großmutter Corinne und erklärt ihr, dass das Kind ins Krankenhaus muss. Nachts kommen sie zurück und erklären den Kindern, dass Cory an einer Lungenentzündung gestorben sei und unter falschem Namen schon beerdigt ist.

Am 10. November, nach 3 ½ Jahren, beschließen die Kinder endgültig zu fliehen und finden Corinnes Zimmer verlassen vor, nur in einer Schatulle finden sie die Verlobungsringe, die Corinne früher von ihrem verstorbenen Mann erhalten hatte. Zudem offenbart sich ihnen auch, dass der Großvater schon längst verstorben ist und Corinne bereits ihr Millionenerbe bekommen hat. Christopher, der Arzt werden will, schließt außerdem aufgrund des Todes Corys, dass die Krapfen mit Arsen zusätzlich zum Zucker gepudert waren, und dass dafür nicht die Großmutter, die dazu viel zu Bibelfest ist, verantwortlich sein kann, sondern ihre Mutter. Falls in den Giftmord die Großmutter eingeweiht gewesen wäre, dann hätte sie ihre Hände trotzdem in Unschuld waschen können, da sie den Kindern ja von Beginn an Süßigkeiten verboten hatte und der Tod nur wegen einer Regelübertretung / Sünde eintreten würde. Als die Kinder im Morgengrauen sicher das Haus verlassen und in den Zug einsteigen, bemerkt Cathy, dass die Großmutter viel früher als gewöhnlich in ihrem ehemaligen Gefängnis die Gardinen am Fenster aufzieht und in ihre Richtung blickt. Cathy schwört, sich an ihrer Mutter zu rächen, blickt aber auch hoffnungsvoll in die Zukunft.



Inhalt des Films:

Die 80erjahre: Der Vater der Familie Dollanganger stirbt bei einem Unfall und hinterlässt seine Witwe Corinne, die beiden etwa 17jährigen Geschwister Christopher und Cathy und die etwa 6jährigen Zwillinge Cory und Carrie. Da Corinne bald das Geld ausgeht und sie ihr Haus verkaufen muss, um zu überleben, beschließt sie, zurück zu ihren Eltern zu ziehen und „die Liebe ihres Vaters“ zurückzugewinnen. Die Kinder erfahren, dass die Großeltern steinreich sind und dass Corinne hofft, ihren im Sterben liegenden Vater bald zu beerben, doch die Sache hat einen Haken: Ihr verstobener Vater war der Onkel ihrer Mutter, damit sind sie inzestuös gezeugt worden und deswegen ziehen sie den Hass der Großmutter auf sich, der Großvater darf erst gar nicht von ihnen erfahren, sonst würde es Corinne nie gelingen, seine Liebe zurückzugewinnen und zu erben. Daher werden die Kinder in einem Zimmer im Obergeschoss des großen Anwesens vor dem Großvater versteckt, während der unheimliche Butler John und der bedrohliche Hausmeister ihr Kommen bemerken, und haben nur Zugang zum Dachboden, aber nicht ins übrige Haus oder gar nach draußen…

Versteckt warten die Kinder nun, dass ihr Großvater stirbt, ihre Mutter erbt und sie in die Freiheit entlassen werden, müssen sich aber dem strengen Regelwerk ihrer Großmutter beugen, die es z. B. den Zwillingen verbietet, in einem Bett zu schlafen. Corinne besucht die Kinder am nächsten Abend und muss auf Geheiß der Großmutter vor ihren Kindern den Rücken entblößen, auf dem sich die Wunden von 17 Peitschenhieben befinden, die sie für die Anzahl der Ehejahre von ihrer Mutter in Anwesenheit des Großvaters erhalten hat. Nach einiger Zeit werden ihre Besuche seltener; sie vertröstet die Vier jedoch, dass der Großvater im Sterben läge, es sich nur noch im wenige Wochen handele und bringt ihnen Geschenke mit, um ihnen eine Freude zu bereiten. Bald erwischt die Großmutter die Kinder, wie sie eine erste „Sünde“ begehen, indem sie nicht nach Geschlechtern getrennt in den beiden Betten schlafen und zerbricht Cathys Porzellanstatue, die ihr ihr Vater geschenkt hat und die ihr viel bedeutet.

Als Corinne die Vier wochenlang nicht mehr besucht, beschließen sie auszubrechen, um sie zu suchen, doch sobald sich Christopher und Cathy im Garten des Anwesens befinden, werden Flutlichtscheinwerfer eingeschaltet, scharfe Hunde auf sie gehetzt und der mit einem Gewehr bewaffnete Hausmeister macht im plötzlich einsetzenden Gewitter Jagd auf die Beiden, die so schnell wie möglich wieder zurück in ihr Gefängnis fliehen. Am nächsten Tag ermahnt die Mutter heftig ihre Kinder wegen des Fluchtversuchs, der unnötig gewesen sei, da der Großvater schließlich bald stürbe.

Wenig später erwischt die Großmutter die Cathy und Christoper erneut dabei, wie sie eine „Sünde“ begehen: Christopher betrachtet seine badende Schwester. Die Großmutter gibt ihnen zu erkennen, dass sie sie dabei gesehen hat und überfällt kurz darauf Cathy, schlägt sie und schleudert sie zu Boden und schneidet ihr die Haare ab. Derweil erhält die Mutter vom Großvater, dem sie regelmäßig aus der Bibel vorliest, kostbare Geschenke, sie hat seine Liebe nun zurückgewonnen und beide umarmen sich.

Die Großmutter hört nun auf, den Kindern Essen zu bringen, was Christopher dazu zwingt, dem kränkelnden Cory via Aderlass mit seinem Blut zu ernähren. Um das Haus zu erkunden, hebelt Christopher die Tür aus den Angeln, er und Cathy finden auf ihrer gefährlichen Reise ihren Großvater schlafend vor, als sich aber Cathy zu nah an ihn heranwagt, packt er sie, Cathy schreit erschrocken auf, was Johns Aufmerksamkeit erregt, und die Beiden fliehen zurück in ihr Zimmer.

Corinne kehrt nun nach längerer Zeit zurück, verwundert nimmt sie zur Kenntnis, dass die Kinder nicht sehr erfreut sind, sie zu sehen, ihr Vorwürfe ob ihres langen Fortbleibens machen und offenlegen, dass ihnen das Geld aus der Erbschaft mittlerweile vollkommen egal ist und sie nur noch in Freiheit leben wollen. Mit einem Gefühlsausbruch lullt sie die Kinder ein, beschenkt sie und verabschiedet sich mit einem „Ihr seid herzlos! Wenn ihr bereit seid, mich wieder zu lieben, werde ich zurückkommen, aber nicht vorher!.“ Trotzdem sehen Christopher und Cathy ihre Mutter bald wieder, als sie sich erneut heimlich aus dem Zimmer schleichen und hinter dem Kamin versteckt eine Party beobachten, wo Corinne verliebt mit einem Mann tanzt.

Cory erkrankt nun schwer, Cathy bittet daraufhin die Großmutter, ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Diese holt Corinne, die einfach nur dasteht. Als Cathy ihr Vorwürfe über ihre Untätigkeit und Gier macht und sie drängt, Cory in ein Krankenhaus zu bringen, erwidert Corinne verbissen: „Immer bist du es!“ und schlägt Cathy ins Gesicht, die sofort zurückschlägt. Daraufhin wirkt die Großmutter mäßigend auf Corinne ein und bestimmt, dass ihre Tochter das Kind nun in ein Krankenhaus bringen werde. Nachts kommen sie zurück und erklären den Kindern, dass Cory an einer Lungenentzündung gestorben sei, während draußen der Hausmeister das erste von vier im Wald ausgehobenen Gräbern zuschüttet.

Als auch Corys Maus erkrankt, entdeckt Christopher, der später einmal Arzt werden will, dass die Kekse, die den Kindern von Anfang an von John und der Großmutter gebracht wurden, mit Arsen gepudert sind. Auf einer weiteren nächtlichen Erkundungstour durchs Haus organisiert Christopher Geld und plant auch, Diamantringe zu erbeuten, die sie brauchen, um nach ihrer Flucht nicht völlig mittellos dazustehen. Er plant, die Flucht nicht heimlich auszuführen, sondern durch die Vordertür, da bald wieder eine Party stattfinden soll und sie dann nicht an ihrer Flucht gehindert werden könnten vor all den Leuten; Cathy aber will nicht nur fliehen, sondern sich auch rächen und ihre Mutter bloßstellen. Er schlägt die Großmutter nieder, als sie ihnen wieder Essen bringt, darunter die zuvor von Corinne bestäubten Kekse; auf dem Weg durchs Haus und der Suche nach Beute entdecken sie, dass der Großvater längst tot ist und dass im in einer Schublade verwahrten Testament steht, dass Corinne auch nachträglich enterbt wird, wenn sich herausstellen sollte, dass sie Kinder aus erster Ehe hat – „Sie hat nie gewollt, dass wir diesen Dachboden verlassen!“

Die Party stellt sich nun nicht nur als eine Party heraus – es ist die Hochzeitsfeier Corinnes. Die vier Kinder nähern sich dem Altar, vor dem ihre Mutter mit ihrem Bräutigam steht, und als Cathy die Zeremonie laut unterbricht („Mutter!“) und schwere Vorwürfe erhebt, weicht er angewidert zurück. Als sich Corinne wenig glaubwürdig verteidigt, drängt Cathy sie nach draußen, wo sie über eine schlecht gesicherte Mauer fällt und sich an ihrem Hochzeitskleid stranguliert. Beobachtet von ihrer Großmutter verlassen sie nach einem Jahr ihr Gefängnis.



Review:

„Blumen der Nacht“ ist ein flüssig geschriebener Roman von V. C. Andrews, der 1979 geschrieben und 1987 von Jeffrey Bloom („Blood Beach“, 1980, „Das Girl vom anderen Stern“, 1985) verfilmt wurde. Obwohl der Roman sich an eine vorwiegend weibliche Leserschaft richtet und er ab und zu Sadomasochismus thematisiert, ist er nicht nur aufgrund seines Tabuthemas „Inzest“ (siehe Anmerkung) weit von einem Mommy-Porn wie „50 Shades of Grey“ entfernt, eines Romans, der so konstruiert wurde, dass er thematisch nicht vor den Kopf stößt. Die Verfilmung jedoch bewies, dass es in der Literatur zwar funktioniert, den Leser mit bestimmten Themen vor den Kopf zu stoßen und ihn trotzdem zu begeistern, sich im Film die gleiche Zielgruppe (Frauen zwischen 20 und 30 Jahren) jedoch schockiert abwendet. Bei Testvorführungen Ende 1986 lehnten die Zuschauerinnen die Szenen, die den Inzest zwischen Christopher und Cathy thematisieren – im Vergleich zum Buch bereits entschärft, indem es sich nur um Küsse gehandelt haben soll – sowie das nicht werkgetreue Ende, in dem die Großmutter mit einem Fleischermesser die Kinder attackiert, ab. So folgten Nachdrehs und den Filmproduzenten wurden zusätzliche 2-3 Enden vorgelegt, das einzige Ende, das Jeffrey Bloom nicht gedreht hatte, wurde schließlich in den fertigen Film eingefügt; er wurde ein Jahr nach den Testvorführungen uraufgeführt und mit dem anvisierten PG freigegeben.

Der Film profitiert immens von der Darstellung Louise Fletchers als Großmutter, Fletcher hat sich während der Dreharbeiten stark in ihren Charakter eingefühlt und konnte auch in ihrer Freizeit zwischen den Drehtagen nicht „abschalten“. Einen ähnlichen Charakter spielte sie ab 1993 mit dem von Minderwertigkeitskomplexen geplagten religiösen Oberhaupt „Kai Winn“ in „Star Trek: Deep Space Nine“ sieben Jahre lang, doch auch in zahlreichen anderen Rollen wie als reiche Südstaateneminenz in „Two Moon Junction“ (1988) findet man einen ähnlichen Rollentypus wieder. Und natürlich ist ihre Rolle als hartherzige Krankenschwester in „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) aus den gleichen Gründen besonders erwähnenswert. Kristy Swanson, die Cathy spielt, hatte in „Blumen der Nacht“ nach „Der tödliche Freund“ (1986) ihre zweite Hauptrolle und entsprach laut Andrews genau ihrer Vorstellung von Cathys Charakter. Mit „Der tödliche Freund“ sind wir wiederum bei Wes Craven, der 1985 ein Drehbuch für „Blumen der Nacht“ vorlegte, das allerdings genauso abgelehnt wurde wie er als Regisseur. Immerhin bekam er Swanson für eine Hauptrolle und konnte sein Drehbuch unter Modifikationen als „Haus der Vergessenen“ (1991) noch verwenden. Die stilvollen Bilder des Films stammen überwiegend von Frank Byers, der allerdings einen Co-Kameramann hatte. Byers ist der Kameramann aller Twin-Peaks-Folgen (ab 1990) mit Ausnahme des Pilotfilms; und „Blumen der Nacht“ ist tatsächlich ähnlich schön aufgenommen wie die beliebte Serie – es lohnt sich sogar, „Blumen der Nacht“ wie als eine Twin-Peaks-Folge zu sehen, und dabei zu überlegen, wie der Film noch gewinnen würde, wenn David Lynch diesen ganz gut zu seinem Werk passenden Stoff inszeniert hätte.

Passend untermalt ist der Film auch von einem Score von Christopher Young, der ab 1982 Musik besonders für Horrorfilme schrieb und ein halbes Jahr vor dem Start von „Blumen der Nacht“ „Hellraiser“ komponierte. Young schafft zwar bis heute meist sehr stimmungsvolle Musik, bewegt sich aber oft am Rande des Plagiats: Bei „Hellraiser“ klingt das Main Theme wie „Carlotta´s Portrait“ aus Bernard Hermanns Komposition zu „Vertigo“ (1958), in „Blumen der Nacht schrieb er immerhin nur bei sich selbst ab, so klingt „Goodbye Daddy“, das Thema zur Porzellanstatue, die später von der Großmutter zerbrochen wird, wie der Beginn von „Seduction und Pursuit“ aus „Hellraiser“. Sowohl „Goodbye Daddy“ als auch das Main Theme, besonders im Titel „The Attic“ sind jedoch Glanzpunkte des Filmsoundtracks, unglaublich stimmungsvoll und zum Thema des Films passend, wenn eine vereinzelte Jungensopranstimme textlosen Gesang anstimmt und der Einsamkeit einen Klang und eine musikalische Entsprechung gibt.

Aufgrund des Filmendes waren Fortsetzungen zu „Blumen der Nacht“ weitgehend unmöglich, V. C. Andrews schrieb während der Dreharbeiten jedoch bereits an ihrem 5. Band, den Film sah sie jedoch nicht mehr, da sie vor dem offiziellen Start starb. Ab 2014 gab es aber eine Neuverfilmung mit 3 Fortsetzungen, unverfilmt blieb bisher nur der 5. Band, das Prequel. Bei der Neuauflage handelt es sich zwar um eine in Sachen Inzest und Sadismus werkgetreuere Version, dafür ist sie aber inszenatorisch weit von Kinoqualität entfernt und wirkt sehr künstlich.

Der Film „Blumen der Nacht“ ist der dritte von vier Filmen, die ich im Laufe meiner Kindheit und Jugend als besonders und nachhaltig spannend empfand – die anderen Filme sind „Schneeweißchen und Rosenrot“ (1979), den ich mit etwa 6 Jahren sah, „Die Vögel“ (1963) mit 12 Jahren, und „Das Experiment“ (2001) mit 20 Jahren. Im Nachhinein betrachtet verdient „Blumen der Nacht“ vielleicht nicht unbedingt eine so ausführliche Filmbesprechung und lässt sich an künstlerischer Finesse und filmischer Qualität keinesfalls mit „Die Vögel“ vergleichen, jedoch kann ich auch heute noch gut nachvollziehen, warum der Film vor 22 Jahren so intensiv auf mich gewirkt hat und bekommt deswegen einen ordentlichen Nostalgiebonus bei der abschließenden Punktebewertung.


Hexen

V. C. Andrews führt in ihrem Roman den Leser langsam in das unheimliche Anwesen und das Schicksal der Kinder ein und lässt ihn erst selbst assoziieren, welcher Art das eigentliche Thema der Geschichte ist, wenn aber Cathy etwa zur Mitte des Buches, als sie gerade von einem ihr heimlich gespritzten Schlafmittel betäubt ist, von einem Lebkuchenhaus träumt mit einer Hexe darin, die der Großmutter ähnlich sieht und die sich dann in ihre Mutter verwandelt, die sie und die übrigen Kinder ihrerseits versucht umzubringen, um ihr Erbe nicht zu gefährden, zeigt sich dem Leser, dass die Geschichte eine Abwandlung des Hänsel-und-Gretel-Motivs ist. Der Film geht hier subtiler und deswegen an sich sogar geschickter vor: Nur zu Beginn, als die Dollanganger-Familie auf das unheimliche Haus zuläuft, noch bevor die Kinder dort eingesperrt werden, ruft Carrie: „Da sind Hexen drin, Mama, Hexen und Monster“. Dabei wird die unheimliche Stimmung bereits schon verstärkt, indem das Anwesen teils aus Ruinen besteht – nicht so im Buch – der Hausmeister und die anschlagenden Hunde ihr Eintreffen finster bemerken und der Butler John, der im Buch nur zum Ende hin vorkommt und dort nie etwas von den Kindern erfährt, die Kinder im Film unheimlich-wortlos in Empfang nimmt. Die Großmutter, die nun auftaucht und den Kindern von Anfang an kaltherzig und hart gegenübertritt, trägt stets eine Bibel mit sich und scheint eine Heilige zu sein, wo sie Teufel (Hexe) ist. Während im Buch ihre ungeheuerliche Größe, ihre Adlernase und ihr straff zusammengebundenes graues Haar immer wieder betont wird, ist es im Film die schwarze Robe, der aggressive Blick und der oft vor Ekel verzerrte Mund Louise Fletchers, was ebenfalls Assoziationen zu Hexen weckt. Andrews und Bloom bedienen hier ein klassisches mittelalterliches Klischee, dass die äußere Hässlichkeit von Hexen mit ihrer inneren Hässlichkeit identisch ist. „Blumen der Nacht“ stellt sich trotz des moderne Tabus brechenden Inzestmotivs somit in die antimoderne Tradition des Gothic Horrors und erklärt die Grausamkeit seiner Antagonisten religiös-satanisch, anstatt psychologisch und rein menschlich.


Gothic Horror (Schauerliteratur) oder Gothic Romance?

Das Wesen der Schauerliteratur – das gilt auch für Filme – liegt im Austausch des Gegensatzpaares “Schön und Hässlich” mit “Schön und Erhaben”. Das Erhabene ist in der Kunstwissenschaft so definiert, dass der Leser / Zuschauer es mit einem gewissen Desinteresse betrachten oder auf sich wirken lassen kann ohne dass es ihm gefährlich werden könnte – der Schrecken trägt sich schließlich nur innerhalb eines Kunstwerks oder weit weg zu. Das Gleiche gilt auch für das Schöne, das man mit einer gewissen Interesselosigkeit betrachtet und nicht an sich reißen und allein besitzen möchte. Die Gothic Romance dagegen sieht sich mehr als Befreierin der Hässlichkeit, indem sie zeigt, dass in allem Hässlichen Schönheit – z. B. im Charakter des Glöckners von Notre Dame – innewohnt, und ist somit psychologischer und weniger einseitig; sie hebt die Distanz der Schauerliteratur auf. Man darf nicht den Fehler begehen, „Blumen der Nacht“ als Gothic Romance zu sehen, weil etwa das Inzestmotiv romantisch, die physische Gewalt nicht drastisch und das Leiden der Charaktere für den Zuschauer psychologisch nachvollziehbar geschildert werden. „Blumen der Nacht“ folgt mit der Bösartigkeit der Großmutter-Hexe, der psychologisch gerade eben nicht erzählten Umwandlung der Mutter in die böse Hexen-Tochter und den geschilderten Konsequenzen ihrer bösen Taten (die Striemen des ausgepeitschten Rückens der Mutter, die geteerten Haare Cathys im Buch, bzw. die abgeschnittenen Haare im Film, der versuchte Giftmord in 3 Fällen und der vollzogene Giftmord in einem Fall) ganz dem Narrativ des Gothic Horrors; der Film verstärkt dies im Vergleich zum Buch sogar, auch wenn er weniger Gewalt und Inzest zeigt, als es das Buch erzählt. Während das Buch das Foxworth-Anwesen lediglich als großes altes Anwesen in den 50erjahren schildert, betont der Film bereits in der Titelsequenz teils friedhofsartige Statuen, Gemäuer und Ruinen, die das Anwesen umgeben. Die verwitterte Schönheit alter Architektur wirkt erhaben. Wenn die Kinder – nur im Film – sich über das Dach des Anwesens in den Park an Seilen ablassen, setzt plötzlich ein Gewitter und starker Regen ein – vielleicht Kitsch, sicher ist aber die Gewitternacht ein typisches Stilmittel der erhabenen Schauerliteratur. Nach Immanuel Kant unterstützt die Natur hier mit Sturm und Gewitter die Demütigung, die Mutter und Großmutter die Kindern erleiden lassen in einem dynamisch-erhabenen Sinne. Und auch die so wortlosen wie unheimlichen Charaktere des Butlers John und des Gräber schaufelnden, mit Hunden auf Kinder Jagd machenden bewaffneten Hausmeisters unterstützen den unfassbaren Schrecken.



Fazit:

Enorm spannendes Gothic-Psychodrama, das etwas unter den Kürzungen leidet, die die Produzenten vornahmen, um eine PG-Freigabe zu bekommen.


Wertung:

9,5 / 10 (inklusive 1,5 Nostalgiepunkte)



Anhang:

Inzest:

Heirat und Sex zwischen (Halb-)Onkel und Nichte ist nach US-Recht Inzest, nach deutschem Recht nicht. Nach deutschem Recht ist nur Heirat und Sex zwischen Bruder und Schwester und Eltern und ihren Kindern Inzest, nicht aber Heirat und Sex zwischen z. B. Cousin und Cousine, Großeltern und Enkel, Onkel und Nichte.


Musikvergleich:

Vertigo: Carlotta´s Theme:
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Hellraiser: Main Theme:
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Hellraiser: Seduction and Pursuit:
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Flowers in the Attic: Goodbye Daddy:
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Zuletzt geändert von Pacific Nil am 04.05.2017 14:43, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 02.05.2017 17:05 
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Fanny Hill – Russ Meyer, Albert Zugsmith

(Deutschland / USA 1964)

Film:
Dezember 2002, VHS (Warner Vision; DF; 1,33:1)
23.4.2017, DVD (Universum Film; DF; 1,33:1)
Buch (1. Fassung):
Anfang April 2017 (Cleland, John: Die Abenteuer der Fanny Hill, area Verlag, Erftstadt 2005.)



Inhalt des Buches:

Ermuntert von ihrer Bekannten Esther Davis reist das 15jährige Landmädchen Fanny Hill nach London, um dort nach dem Tod ihrer Eltern ihr Glück zu versuchen. Kaum dort angekommen, lässt Esther sie allein zurück und Fanny trifft in einem Stellenvermittlungsbüro auf Mrs. Brown, einer Kupplerin. In ihrem Etablissement, das Fanny noch nicht als Bordell durchschaut, findet sie Unterkunft und eine Aufpasserin, Phoebe Ayres, die ihr bald die Vorzüge der lesbischen Liebe näherbringt. Fannys erster Freier, ein alter „geiler Bock“, der ihr als Verwandter Mrs. Browns vorgestellt wird, kommt nicht zum Vollzug, dafür aber später der 19jährige Stammgast Charles, in den sich Fanny, sich mittlerweile der Arbeit, der im Hause Mrs. Browns nachgegangen wird, bewusst, verliebt und mit dem sie schläft. Charles befreit Fanny mit Hilfe eines Advokaten aus dem Bordell, nimmt sie bei sich auf und gibt ihr Unterricht, da sie Analphabetin ist. Doch als Charles unvermittelt verschwindet – er fällt einer Intrige seines Vaters zum Opfer und fährt zur See – bringt Mrs. Jones, Charles Hauswirtin, Fanny dazu, sich erneut zu prostituieren. Nun lernt sie Mr. H. kennen, der sie zu sich nach Hause holt und der regelmäßig mit ihr schläft, bis Fanny nach 7 Monaten merkt, dass sie nicht die einzige Frau ist, mit der er Sex hat; sie rächt sich, indem sie Will, seinen Stallburschen verführt, nach einem Monat fliegt sie auf und verlässt Mr. H. Zurück in London findet die nun 17jährige Fanny eine Anstellung in Mrs. Coles Bordell, wo sie sich mit ihren neuen Kolleginnen Emily, Harriet und Louisa anfreundet. Nachdem sie sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte erzählen kommt es zu einer theaterartigen sexuellen Darbietung der vier Mädchen; mit dem Gentleman, mit dem Fanny hier schläft, verkehrt sie eine Weile regelmäßig, bis sie Mr. Norbert kennenlernt, bei dem sie ein halbes Jahr bleibt. Zudem lernt sie die sadistischen Neigungen Mr. Barvilles schätzen und genießen, wird mit Harriet zusammen Zeugin homosexuellen männlichen Verkehrs „zweier Unholde“, die „ohne Zweifel zu irgendeiner Zeit die gerechte Rache treffen würde“, wie Mrs. Cole meint und beobachtet, wie Louisa „den braven Dick“ verführt, einen geistig Behinderten, der sich an ihr animalisch verausgabt. Nach einem Gartenfest, das zu einer Orgie ausartet, trennt sich die mittlerweile gut situierte Fanny von Mrs. Cole und findet einen über 60jährigen reichen Gönner, „ein vernünftiger Wollüstling, der viel zu weise war, um sich der Vergnügungen der Menschheit zu schämen“. Dieser stirbt jedoch bald und hinterlässt Fanny all sein Vermögen. Das Glück will es, dass nach 2 Jahren und 7 Monaten Charles, Fannys erste große Liebe, zurückkehrt; sie heiratet ihn und schenkt ihm Kinder.


Inhalt des Films:

Fanny ist neu in London, in einem Stellenvermittlungsbüro bekundet sie: „Leider war ich noch nie in Stellung, bin aber sehr willig“, was Mrs. Brown hellhörig werden lässt, die Fanny sofort Unterkunft in ihrem Etablissement anbietet. Fanny, die dankbar annimmt, werden nun zahlreiche Cousinen vorgestellt, sowie Cousin Dinklespieler, der eine bizarre Perücke trägt und Fanny damit mehr verschreckt als anzieht. Seine Nachstellungen werden jedoch beendet, als die Polizei anrückt um Ernst Karl Aloysius, wie Dinklespieler eigentlich heißt, festzunehmen, da er ein gesuchter Münzfälscher ist.

Bei einem Gartenfest mit Flottillencouch zeigt sich Fanny entsetzt über die lockere Moral ihrer Cousinen, doch lernt sie dort den Fähnrich zur See Charles kennen, der sie sofort heiraten will. Mrs. Brown spinnt nun eine Intrige, so dass Charles wieder in See stechen muss, Fanny gegenüber behauptet sie, er wolle sich nur verdrücken, nachdem er sich mit einem hübschen Mädchen amüsiert hat.

Mrs. Brown schickt Fanny nun in ein Hutgeschäft, wo Mr. Norbert „etwas Junges“ sucht. Fanny, die noch immer nicht weiß, dass sie und nicht ein Hut das Objekt der Begierde zahlreicher Männer ist, reagiert erneut verschreckt, als Mr. Norbert ihr eine Birkenrute mitbringt, mit der Fanny ihn verhauen soll, da er sich nach Bestrafung sehnt – als er noch ein Kind war, ist er schließlich auch immer mit einer Rute verhauen worden wenn er ungezogen war, und jetzt war er auch ungezogen und hatte schlechte Gedanken, Reinigung erhofft er sich von Fanny, einem „reinen Mädchen“. Natürlich verlässt Fanny entsetzt den Raum.

Auch Mr. Hemmingway, der auf dem Land wohnt und zu dem Fanny geschickt wird, um sich zu erholen, scheitert mit seinem Bemühungen, Fannys erster erfolgreicher Freier zu werden, als er ihr einen Heiratsantrag macht, geht sein Gutshaus in Flammen auf. Doch nun schleicht sich Charles, als Frau verkleidet, in Mrs. Browns Haus, wo die Hochzeit mit Mr. Hemmingway scheinbar schon stattgefunden hat, diese ist jedoch ungültig, da der versoffene Pfarrer nicht echt, sondern nur Chorsänger ist. Fanny verlässt Mrs. Browns Haus, das sie nun als Bordell durchschaut hat, bleibt „rein“, was seit 22 Jahren das erste Mal in diesem Haus ist; und dem gemeinsamen Glück mit Charles steht nichts mehr entgegen.


Review:

„Fanny Hill“ ist ein skandalträchtiger Roman Roman John Clelands, der 1748 und 1749 in zwei Teilen erschien, gleich verfolgt und eingezogen wurde und 1750 als massiv entschärfte 2. Fassung erneut erschien. Das sexuell äußerst explizite Buch, das trotzdem in sehr poetischer Sprache geschrieben wurde, wurde seit 1756 auch ins Deutsche übersetzt, dabei jedoch häufig in der 2. Fassung, gekürzt oder im anderen Extrem um sexuelle Eindeutigkeiten ergänzt. In Deutschland wurde noch 1968 der „objektiv unzüchtige“ Gehalt des Buches gerichtlich festgestellt, während in den USA „Fanny Hill“ 1963 aufgrund seines künstlerischen und sittengeschichtlichen Wertes legal, wenn auch nur gekürzt, erscheinen konnte.

1964 beschloss Artur Brauner, „Fanny Hill“ zu verfilmen und holte sich dafür einen bekannten Playboyfotographen und Regisseur amerikanischer Sexfilme nach Berlin, der jedoch in allen künstlerischen Belangen kaum Freiheiten zugesprochen bekam, stattdessen jedoch einen Aufpasser in Form des Coproduzenten Albert Zugsmith, der den heiteren Ton der Verfilmung im Auftrag Brauners durchsetzte und etliche Szenen auch im Alleingang drehte. Auch den Endschnitt beaufsichtige Zugsmith, während der prestigeträchtige Regisseur explizit ausgeschlossen wurde.

In der Titelrolle sehen wir in der ersten Fanny-Hill-Verfilmung Letícia Román („Old Surehand“, 1965), die Fanny als unschuldige Naive anlegen musste, ein gegenüber der Vorlage völlig gegensätzlicher Ansatz. Für Starqualität aus deutschen Landen sorgen darüber hinaus Walter Giller als Mr. Hemmingway, der zuvor schon in der Brauner-Produktion „Der Würger von Schloss Blackmoor“ (1963) zu sehen war, der damals 19jährige Ulli Lommel als Charles, der später in diversen Fassbinderfilmen wichtige Rollen bekam und selbst eine Regiekarriere startete, hier aber noch ganz am Anfang stand sowie Christine Schmidtmer, der man eine Affäre mit Elvis Presley nachsagte und die es zu einer kleinen Hollywoodkarriere brachte, sowie Rena Horten, die ein Jahr später in Russ Meyers „Mudhoney“ (1965) als Taubstumme in einer Hauptrolle zu sehen war. Damit übertraf sie Veronica Ericson, die nach „Fanny Hill“ ebenfalls in einer Russ-Meyer-Produktion spielte, allerdings bekam sie nur eine Kleinstrolle in „Blumen ohne Duft“ (1970). Der Brite Chris Howland, der vor allem in Deutschland Bekanntheit erlangte, spielte ebenfalls wie Román in Karl-May-Verfilmungen, bekannt ist er insbesondere als Archibald in den von Brauner produzierten Orient-Karl Mays „Der Schut“ (1964), „Durchs wilde Kurdistan“ (1965) und „Im Reich des silbernen Löwen“ (1965) und in „Fanny Hill“ Mr. Norbert.

Hinter der Kamera hören wir eine flotte Musik von Erwin Halletz, der ein Jahr später einen wunderschönen Score für die Brauner-Karl-May-Filme „Der Schatz der Azteken“ und „Die Pyramide des Sonnengottes“ (beide 1965) schuf, Heinz Hölscher führte die Kamera 1965 in einem Brauner Karl-May-Film („Der Ölprinz“) und 1966 in einem von Wendlandt („Winnetou und das Halbblut Apanatschi“) und durfte ab den späten 1960erjahren vermehrt in „Fanny Hill“-näheren Sexwellenproduktionen arbeiten („Josphine Mutzenbacher“, 1970 – und beide Fortsetzungen, „Griechische Feigen“, 1976).

Da der zugrundeliegende Roman 1964 nicht nur berühmt, sondern noch vielmehr berüchtigt war, entschloss man sich aus verständlichen Gründen, die Handlung zu entschärfen und keinerlei Nacktheiten zu zeigen – diese gibt es nur, allerdings recht harmlos, in der US-Fassung. Ob man mit der Verkehrung Fannys als Prostituierte, die eher zufällig in ein Bordell gerät, dort den Sex mit Männern als ausgesprochen lustvoll erlebt und schließlich jedoch lernt, dass Sex mit einem Partner, den man liebt, der beste Sex ist in einen naiven Justine-Charakter, der bis zum Ende tugendhaft bleibt und noch nicht einmal etwas von dem unzüchtigen Treiben in dem Bordell bemerkt den Erwartungen des Publikums entsprochen hat, darf bezweifelt werden, ist im Film jedoch stimmig erzählt: Hier deutet weder der Titelschlager anderes an, als im Film später erzählt wird – die junge schöne Fanny Hill kommt nach London, um die große Liebe zu finden – noch die Ich-Erzählerin, die zu Beginn über ihren Ruf spricht – „Ich bin Fanny Hill – die so unmoralische und verdorbene Fanny Hill, über die noch nach Jahrhunderten gelästert werden sollte. Meine Lebensgeschichte würde Staatsanwälte, Polizeiminister und brave Bürger um ihren geruhsamen Schlaf bringen. Aber war ich wirklich so verdorben?“ - - Dem Film nach ganz klar „Nein“…

Der Film legt stattdessen den Stoff und die Erzählweise heiter an und gerät trotz Chris Howland, der mir meist und insbesondere in den Schlagerklamotten in den Jahren vor „Fanny Hill“ unerträglich ist stilistisch harmonisch und gefällig. Drei Szenen, darunter gleich die zu Anfang, wo einer Frau ein Fisch in den Ausschnitt fällt und die Schaukelpartie beim Gartenfest wirken beinahe so, als hätte Russ Meyer Regie geführt, aber für den heiteren Ton dieser Verfilmung ist ja Zugsmith hauptverantwortlicher Gehilfe Brauners gewesen.


Fazit:

In ihrer Aussage zwar freie Literaturverfilmung, die nur die Struktur des Romans teilweise beibehält, verglichen mit den meisten anderen Klamotten der frühen 60erjahre jedoch ausgesprochen gelungen.


Wertung:

6,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 02.05.2017 19:10 
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Fanny Hill – Memoiren eines Freudenmädchens – Gerry O´Hara

(Großbritannien 1983)

Film:
24.4.2017, DVD (Universum Film, OV, 1,85:1)
Buch (1. Fassung):
Anfang April 2017 (Cleland, John: Die Abenteuer der Fanny Hill, area Verlag, Erftstadt 2005.)



Inhaltsbeschreibung des Buches:

Siehe einen Eintrag im Filmtagebuch weiter oben oder hier:
http://dirtypictures.phpbb8.de/post265352.html#p265352


Inhaltsbeschreibung des Films:

Fanny ist ein Mädchen vom Lande, das gleich nach seiner Ankunft in London ausgeraubt wird. Mit nur noch wenigen Schillingen in der Tasche sucht sie ein Stellenvermittlungsbüro auf, wo sie für sich wirbt: „Ich bin aber sehr willig, ich würde alles tun, was man von mir verlangt. (…) Ich würde alles tun, um andere glücklich zu machen.“ Daraufhin wird sie an Mrs. Brown vermittelt, die Besitzerin eines Freudenhauses ist. Phoebe, die dort schon länger lebt und arbeitet, führt Fanny sehr bald in die Freuden der lesbischen Liebe ein, weniger Freude bereitet ihr jedoch wenig später der Händler Mr. Croft, der sich Fanny mit Gewalt nehmen will, aufgrund eines plötzlichen Schwächeanfalls aber nicht zum Vollzug kommt.

Fanny hat nun durchschaut, wo sie lebt und verliebt sich in den jungen Gast Charles, der sie küsst und anschließend mit ihr schläft. Mit Hilfe des Anwalts Mr. Widdlecomb, der wie Charles Stammgast in Mrs. Browns Etablissement ist, gelingt es Charles, Fanny aus dem Bordell zu befreien und Fanny zieht bei ihm ein. Sie schlafen dreimal die Woche zusammen und Fanny wird bald schwanger, doch Charles Vater spinnt eine Intrige, so dass Charles nach Indien entführt wird; Fanny verliert daraufhin ihr Kind.

Der nächste Freier Fannys ist Mr. H. der sie mit seinem Spazierstock schlägt, was sie sehr erregt. Mr. H. nimmt sie daraufhin mit auf sein Landgut, wo sie nach kurzer Zeit den Stallburschen William verführt. Danach kehrt Fanny nach London zurück und arbeitet nun in dem Bordell Mrs. Coles. Dort wird eines Abends eine erotische Theaterinszenierung vor Publikum gegeben, darunter auch eine Auspeitschung. Im Mittelpunkt der 3. Szene steht Fanny. Mrs. Cole beauftragt Fanny später, Mr. Norbert einen Besuch abzustatten, den sie oral befriedigt; und anschließend zu zwei Schwulen, wobei einer der Beiden sie erst für einen Mann hält und versucht, sie zu verführen, dann aber enttäuschst von ihr ablässt. Mr. Barville, ihr nächster Freier, lässt Fanny, die er für tugendhaft hält und von der er glaubt, sie sei noch Jungfrau, zu sich holen, damit sie ihm im Bett Gesellschaft leistet und wo er sie küsst, dann aber gleich einschläft. Fanny besucht ihn regelmäßig und beginnt ihn zu mögen, er stirbt jedoch nach einiger Zeit. Er hinterlässt ihr sein ganzes riesiges Vermögen. Nun kehrt Charles zurück, alles wendet sich zum Guten und Fanny lobt den „süßen Zauber der Tugend“.


Review:

„Fanny Hill“ ist nach der Verfilmung Russ Meyers und Albert Zugsmith von 1964 und „Fanny Hill auf schwedisch“ (1968) von Mac Ahlberg die dritte Verfilmung von John Clelands skandalumwitterten Roman. Ungeachtet der mir unbekannten Verfilmung von 1968 ist die Version von 1983 wesentlich werkgetreuer als die von 1964, wenn auch alles in allem nicht unbedingt besser.

Harry Alan Towers, der zwischen 1983 und 1985 mehrere Erotikfilme (darunter „Black Venus“, 1983 und „Die Karriere der Francis B.“, 1984) und auch einen Porno („Christina y la reconversión sexual“, 1984) produzierte und ein bekannter Haudegen des Eurocult-B-Films ist, er produzierte unter anderem 9 Jess-Franco-Filme Ende der 60erjahre. Wie später bei „Die Karriere der Francis B.“ war das Playboymagazin Geldgeber und sorgte für einen für das Magazin typischen Look des Films, den man trotz eines völlig anderen Stabes vor und hinter der Kamera deutlich erkennen kann und nicht alleine auf einen „Eightieslook“ zurückzuführen ist. Der Regisseur Gerry O´Hara war meist Regieassistent größerer Filme und wirkte manchmal fürs englische Fernsehen oder Videoproduktionen als Regisseur (2 Folgen von „The Avengers“, 1965 und 1966, „Mumie – Tal des Todes“, 1993), „Fanny Hill“ dürfte jedoch sein größter Film sein. Der Komponist Paul Hoffert schuf einen passenden Sore für den Film, der sich am Festivalbarock orientiert, manchmal aber auch an den Werken von Komponisten der Romantik. Er wirkte zuvor in der Towersproduktion „Delta III“ (1979) und 1982 in „Das blaue Paradies“, einem „Die-blaue-Lagune“-Epigonen, der dem Original allerdings überlegen ist.

Vor der Kamera ist der Film zudem mit Wilfrid Hyde-White („Der dritte Mann“, 1949; „My Fair Lady“, 1964) als Mr. Barville, Oliver Reed („Die drei Musketiere“, 1973, „Gladiator“, 2000) als Anwalt und Freund Mr. Barvilles und Charles´ und Shelley Winters („Lolita“, 1962) als Mrs. Cole prominent besetzt, während Lisa Foster in der Titelrolle sich dieser Klasse nicht anschließen kann und 1984 in Joe D´Amatos „Ator“ die weibliche Hauptrolle spielte.

Während die Komposition zeitgemäß passend und die Ausleuchtung edel und besonders in den Nachtszenen schön ist, gerieten Frisuren und Make-up leider völlig daneben und präsentieren dem Zuschauer im typischen 80er-Stil frisierte Frauen. Dem schließt sich die deutsche Synchronisation an, die den Film witzig „aufgepeppt“ hat:

DF: „Tja, um mich erstmal vorzustellen“
OV: „My name is Fanny Hill“

DF: “Also zieh los und viel Glück!”
OV: „Off you go“

DF: „Kommt rein, meine Matratzen!“
OV: „Girls“


Während einen die deutsche Fassung also „so richtig zusülzt“ mit Spontisprüchen der 80er, bemüht sich der Film im Original sogar, die Sprache des 18. Jahrhunderts wiederzubeleben.

Diese Verfilmung von Fanny Hill hatte es im Gegensatz zu der von 1964 nicht mehr nötig, in vorauseilendem Gehorsam den Stoff zu zensieren und zeigt Fanny tatsächlich als Freudenmädchen, das sehr schnell und wie in der literarischen Vorlage erkennt, wo es lebt und als was es arbeitet und diese Arbeit mit Genuss verrichtet. Die Geschichte bleibt sehr dicht am Buch, allerdings verändert er teilweise die Namen, so ist im Buch der reiche Gönner, der Fanny sein Vermögen hinterlässt, namenlos, im Film heißt er Mr. Barville, der im Buch in etwa die Funktion innehat, die im Film Mr. H. ausübt. Dabei ist diese Verfilmung nicht nur Neuverfilmung des Romans, sondern in zumindest einer auffälligen Szene auch Remake der Fassung von 1964, wenn Fanny zu Beginn im Stellenvermittlungsbüro angibt, sie sei „sehr willig“ – das kommt so im Buch nicht vor! Auch Sex zeigt der Film reichlich, und teilweise für einen mittlerweile ab 16 freigegebenen und im TV ausgestrahlten Film überraschend explizit; die in der Theatersequenz etwas ausufernde Länge dieser Szenen nimmt jedoch Tempo aus dem Film und funktioniert in diesem dramatischen Medium schlechter als im Literaturepos.


Fazit:

Schön bebilderter erotischer Reigen mit einigen Vor- und Nachteilen werkgetreuer Verfilmungen.


Wertung:

6,5 / 10


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BeitragVerfasst: 03.05.2017 16:17 
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Paprika – Ein Leben für die Liebe – Tinto Brass

(Italien 1991)

Dezember 2003, DVD (One World; DF; 1,45:1; gekürzt)
1.5.2017, DVD (One World; DF; 1,45:1; gekürzt)
Buch (Fanny Hill – 1. Fassung):
Anfang April 2017 (Cleland, John: Die Abenteuer der Fanny Hill, area Verlag, Erftstadt 2005.)



Inhaltsbeschreibung des Buches:

Siehe zwei Einträge im Filmtagebuch weiter oben oder hier:
http://dirtypictures.phpbb8.de/post265352.html#p265352


Inhalt des Films:

Mimma will ihrem Freund Nino dabei helfen, seine Geldnöte zu bewältigen und beschließt in Absprache mit ihm, 14 Tage lang im Bordell von Madame Colette zu arbeiten. Da sie aus Parenzo in Jugoslawien kommt und Mimma nicht schön klingt, wird sie dort „Paprika“ genannt, „Paprika – scharf wie Zigeunergulasch“. Schnell schläft Mimma mit ihrem ersten Kunden und stellt dabei ein Problem fest: „So ein Mist, es hat mir Spaß gemacht!“, worauf Colette kontert: „Wenn du bei jedem Kunden kommst, kannst du den Job hier vergessen!“ Nach vielen weiteren Freiern hat sie bald 50 000 Lire verdient, worüber sie sich sehr freut, die Bilder der vielen geilen Männer vor ihrem inneren Auge machen ihr jedoch sehr zu schaffen und Gina, ebenfalls Angestellte bei Madame Colette, befreit sie von diesen Bildern, indem sie Sex mit Mimma hat und warnt sie zudem vor Colette, da diese irgendwann mit jedem der Mädchen schlafen würde – und tatsächlich nähert sich wenig später Colette Mimma mit einem Umschnalldildo: „Ich bin dein Deckhengst, kleine Hure!“

Mimma verliebt sich nun in einen ihrer Freier, den jungen Seemann Franco und geht mit ihm Essen. Gestört wird das romantische Diner vor der untergehenden Sonne von Nino, der sich ausgerechnet das gleiche Restaurant ausgesucht hat, um mit Liliana, mit der er seit 3 Jahren verlobt ist, zu speisen. Empört stellt Mimma fest, dass Nino sie nur ausbeuten wollte wie ein Zuhälter, und Nino besucht sie wenig später im Bordell, stolz darauf, dass er ihr diesen Job verschafft hat, wo sie so viel Geld verdienen kann, und will ab jetzt 60 % ihrer Einnahmen. Mimma, die sich zuvor entschlossen hatte, noch weitere 2 Wochen in dem Bordell zu verbringen, lehnt einen Heiratsantrag Francos aufgrund der schlechten Erfahrung mit Nino ab und sucht sich einen neuen Beschützer, Herrn Tome, mit einem „mordmäßigen Gerät in der Hose, wie alle Zwerge und Buckligen“.

Mimma schläft auch mit dem gewalttätigen Rocco, der zuvor in Colettes Etablissement Mimmas Freundin Foufou verprügelt hat, da sie ihm Geld unterschlagen hat und das sie sparen wollte, um eine Kneipe zu eröffnen. Nach einer Nacht mit ihm nennt Mimma ihn bereits vertrauensselig „Amore“. Rocco verschafft ihr nun eine Anstellung in Marseille bei Madame Olympia, die so heißt, weil sie bereits bei den Spielen ´36 dabei war und ihre Härte und Disziplin mit einem Hitlergruß demonstriert. In ihrem Etablissement wird Mimma von ihrem Onkel besucht, der mit ihr schlafen will, da er schon immer in sie verliebt war. Als sie Rocco auf ihn hetzt, flüchtet er.

Nach einer bizarren Orgie bei dem Adeligen Ascanio hat sie sich genug ausgelebt und will Schluss mit ihrer Karriere machen und Franco zurück, obwohl sie alle hier mag, „die verrückten Kunden und die Mädchen“. Kummer bereitet ihr noch der Tod ihrer Freundin Beba, die zu Tode geprügelt wurde; obwohl unter Olympias Gästen sofort ein Arzt zur Hilfe eilen konnte, konnte nur noch ein Priester, ebenfalls ein Kunde Olympias, ein letztes Gebet für sie sprechen. Und Rocco bedroht nun auch Mimma, obwohl, oder gerade weil sie mittlerweile 30 000 Lire pro Kunden verdient. Und so genießt Mimma weiterhin ihr Leben, schläft mit dem zwischenzeitlich kurz auftauchenden Franco am Strand, verweigert einem Admiral ihren Arsch und wird Zeugin, wie ein Commendatore erst sie fickt und dann einen Mann.

Der reiche Adelige Bastiano holt sie nun zu sich und als er sie von hinten fickt und nach langer Zeit zum ersten Mal wieder einen Orgasmus hat, bittet er sie, ihn zu heiraten. Als sie ihn betrügt und Bastiano dies bemerkt, ist er entgegen Mimmas Befürchtungen nicht erbost, sondern begeistert, weil dadurch sein Schwanz endlich wieder hart werden konnte. Und Mimma merkt: „Dank dieser Titten, diesem Arsch und dieser Pussy bin ich adlig, vermögend und allseits respektiert“. Freudvoll feiert sie: „Trinken wir darauf, dass das Leben kurz ist und die Liebe unsterblich! (…) Heute verkaufe ich mich nicht, ich verschenke mich!“ Ebenso tragisch wie der plötzliche Tod Bastianos, den Mimma betrauert, ist für alle Beteiligten, dass jetzt, am 20. September 1958, das Merlin-Gesetz verabschiedet wird und deswegen alle Freudenhäuser geschlossen werden müssen – „Ab heute freut man sich nicht mehr in Italien“, meint ein Radiosprecher. Doch zumindest für Mimma gibt es einen Lichtblick: Franco kehrt mit seinem Schiff zu ihr zurück.


Review:

Tinto Brass, der bedeutendste Regisseur von Erotikfilmen in Italien, plante über längere Zeit hinweg, John Clelands „Fanny Hill“ zu adaptieren, entschloss sich jedoch, den Stoff zu modernisieren und im Sommer 1958 in Italien und Frankreich anzusiedeln, statt im England des 18. Jahrhunderts. Dabei behält er die Struktur des Romans im Großen und Ganzen, indem ein Mädchen vom Land in einem Großstadtbordell eine Karriere beginnt, sich in einen jungen Mann verliebt, der fort von ihm auf See muss, und bis es ihn zum Happy-End wiedertrifft erlebt es mit Männern aus teils höchsten Gesellschaftsschichten sexuelle und teils bizarr-erotische Abenteuer, bis es einen alten weisen Wollüstling trifft, der sich in es verliebt und ihm all sein Vermögen hinterlässt.

Brass geht jedoch über eine in einem moderneren Setting angesiedelte Literaturverfilmung hinaus, indem er auch zu der Zeit, als der Film gedreht wurde und heute noch aktuelle gesellschaftspolitische Dimensionen Italiens in den Fanny-Hill-Stoff hineinwirkt: Das auch heute noch mit kleinen Änderungen gültige Merlin-Gesetz bewirkte, dass in Italien ab 1958 sämtliche Bordelle geschlossen werden mussten und Zuhälterei verboten wurde. Prostitution war von nun an nur noch im privaten Raum möglich; dieses Gesetz förderte jedoch unbeabsichtigt auch die Straßenprostitution und wird deswegen und weil es streitig ist, ob Frauen dadurch wirklich besser geschützt werden, Ziel vieler Angriffe. In „Paprika“ darf nicht nur ein Radionachrichtensprecher anlässlich der Schließung der Freudenhäuser verkünden: „Ab heute freut man sich nicht mehr in Italien“, das Gesetz wird von den Protagonisten des Films resigniert als Werkzeug betrachtet, das aus der Kultur der Erotik eine untergegangene Kultur macht. Brass zeigt trotzdem in aller Deutlichkeit – und in der ungekürzten Version des Films, die ich nicht kenne und die aber düsterer sein soll, wohl noch deutlicher – dass das Gesetz auch eine gewisse Berechtigung hat, wird der Zuschauer doch Zeuge, wie junge Männer Frauen teils manipulativ zur Prostitution überreden und sie dann mit körperlicher und teils tödlicher Gewalt dazu zwingen, ihnen einen großen Teil ihrer Einnahmen zu überlassen.

Interessant wird der Film noch mehr, wenn man die Leichtigkeit, mit der Mimma diesen Sommer in den Freudenhäusern verbringt, diesen düsteren Grundtenor gegenüberstellt. Debora Caprioglio, von 1987 – 1989 Ehefrau von Klaus Kinski und mit ihm 1989 in „Paganini“ zu sehen, einerseits ganz dem Tinto-Brass-Klischee seiner ihm bevorzugten üppigen Körperformen entsprechend, andererseits außerordentlich fröhlich aufspielend, portraitiert glaubwürdig einen Charakter, der sich von Männergewalt psychisch nicht unterkriegen lässt und sich eine gewisse kindliche Naivität bewahrt, ohne albern zu sein, oder die Dinge allzu unrealistisch betrachtend, scheitern müsste.

Handwerklich ist der Film Standard für Tinto Brass, d. h., es gibt zahlreiche voyeuristische Kamerafahrten und Schwenks auf Nuditäten, oft symmetrische Bildaufteilungen mit Spiegeln in der Mitte, Spiegel über und am Bett und Fahrten von Spiegeln ins reale Geschehen und zurück, farbenfrohe Ausleuchtungen und ebenso buntgestrichene Wände im edlen Ambiente der Bordelle, Restaurants und Wohnungen mit Seeblick und schummrige Schlafzimmer mit hell beleuchteten Frauen, deren Haar im gleißenden Licht wie ein Flammenkranz wirkt. Und natürlich Tinto Brass selbst als lüsterner Abtreibungsarzt, der Mimmas Brüste begrapscht, während er zynische Kommentare von sich gibt.


Fazit:

Gelungene Erotik-Drama-Komödie mit gut aufgelegten Darstellern und schöner Fotographie, die nachdenklich stimmt.


Wertung:

8,5 / 10


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BeitragVerfasst: 17.05.2017 16:20 
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Das Tal der Puppen – Mark Robson

(USA 1967)

Buch:
Ende April 2017 (Susan, Jacqueline: Das Tal der Puppen, Bertelsmann, Gütersloh o.J.)
Film:
7.5.2017; DVD (20th Century Fox, DF, 2,35:1)



Pfeile und Wegweiser (allesamt teils verkürzt aus Wikipedia und imdb):

Marilyn Monroe I:
Während der Dreharbeiten zu “Manche mögen´s heiß“ (1959) unterbrach Monroe Szenen, weil sie mit sich nicht zufrieden war, erschien nicht am Set oder um Stunden verspätet, lernte ihre Texte nicht und nahm aus Angst, nicht gut zu spielen hohe Dosen an barbiturathaltigen Schlafmitteln (Seconal, Nembutal etc.), um einschlafen zu können.

Marilyn Monroe II:
Am ersten Drehtag zu Monroes unvollendetem letztem Film, „Something´s Got to Give“ (1962) erschien sie nicht und meldete sich krank; an den insgesamt 30 Drehtagen erschien sie an nur 17. Währenddessen sang sie krankgeschrieben an John F. Kennedys Geburtstagsfeier „Happy Birthday, Mr. President“, woraufhin ihr von Fox gekündigt wurde. Nach anschließenden Verhandlungen lenkte das Studio ein und setzte die Dreharbeiten mit Monroe fort.

Marilyn Monroe III:
Die Ehe mit Arthur Miller wurde von 3 Fehlgeburten überschattet; Miller verzweifelte zudem an Monroes erheblichem Tablettenkonsum. Monroe hatte sein Tagebuch gelesen, in dem er sie unter anderem als unberechenbare und hilflose Kindfrau beschrieb, für die er nur Mitleid empfinde.

Marilyn Monroe IV:
Während der letzten 7 Lebensjahre war Monroe ständig in ärztlicher und psychoanalytischer Behandlung. Im Jahr 1962 sah sie ihren Psychoanalytiker zweimal täglich. Ihre manische Depression und die daraus resultierenden Selbstzweifel versuchte sie gegen Ende ihres Lebens vermehrt mit Psychopharmaka zu bekämpfen, auch trank sie zu viel Alkohol.

Marilyn Monroe V:
Monroe starb in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1962. Laut Obduktionsberichten war die Todesursache eine Überdosis Nembutal in Verbindung mit dem Schlafmittel Chlorhydrat. In ihrer Sterbeurkunde steht „wahrscheinlich Suizid“. Möglich ist auch eine unabsichtliche Überdosierung.

Judy Garland I:
Garland nahm Aufputsch- und Schlafmittel, je nach Bedarf, was zur Mitte des 20. Jahrhunderts als unbedenklich angesehen wurde. Es kam wiederholt zu langen Verzögerungen und Skandalen, die dafür sorgten, dass Garland 1950 aus ihrem Vertrag entlassen wurde. Vorausgegangen war wegen ihres bislang unglücklich verlaufenen Privatlebens ein Selbstmordversuch. Ihre Ehe mit Vincente Minnelli stand kurz vor dem Scheitern. Sie erhob im Nachhinein schwere Vorwürfe gegen das Studio MGM und ihre inzwischen verstorbene Mutter, die sie aus finanziellen Gründen rücksichtslos ausgebeutet hätten.

Judy Garland II:
Am 22. Juni 1969 starb Garland 47jährig an einer versehentlich eingenommenen Überdosis von 10 Tabletten Seconal.

Judy Garland III:
Garland wurde im Februar 1967 am ersten Drehtag von „Das Tal der Puppen“ für die Rolle der Helen Lawson durch Susan Heyward ersetzt, da sie alkoholisiert am Set erschien.

Frances Farmer:
Nach diversen Skandalen wurde sie unter anderem wegen ihrer radikalen politischen Ansichten für geisteskrank erklärt und in die Nervenheilanstalt „Western State Hospital“ in Lakewood eingeliefert. Es begann eine Odyssee durch die Psychiatrie, die erst nach 11 Jahren mit ihrer Entlassung endete.

Betty Hutton:
Während der Arbeiten zu „Panama Hattie“, einem großen Bühnenerfolg für Ethel Merman, verlangte diese direkt am Abend vor der Premiere, dass die beste Nummer von Hutton ersatzlos gestrichen werden sollte, da sie ihr sonst die Schau stehlen würde.

Ethel Merman:
Hatte eine leidenschaftliche Affäre mit Jacqueline Susan.

Jacqueline Susan:
Susan hatte 1962 eine Mastektomie und starb 1974 an Krebs


Inhalt des Buches:

Anne Welles verlässt im September 1945 das provinzielle Lawrenceville in Neuengland und findet eine Anstellung in der New Yorker Schauspieleragentur Henry Bellamys. Dort lernt sie in den nächsten Monaten Allen Cooper und Lyon Burke kennen und beginnt eine Affäre mit Allen, den sie aber wegen einer ernsteren Liebesbeziehung mit Lyon verlässt. Des Weiteren freundet sie sich mit der 17jährigen Ethel Agnes O´Neill, die sich den Künstlernamen Neely O´Hara zulegt, weil sie „Vom Winde verweht“ gelesen hat und mit der 25jährigen Jennifer North, die bereits ein Star ist, an. Die wesentlich ältere Anne Lawson, die schon seit langem ein Broadway- und Filmstar ist, gehört bald ebenfalls zu Annes Bekanntenkreis und Anne setzt sich bei ihr für Neely ein, damit diese eine erste größere Rolle bekommt, und tatsächlich spricht Helen für Neely beim Produzenten für Neely vor. Mit einer Intrige schafft sie es daraufhin, Terry King, die ebenfalls in ihrem Bühnenstück auftritt, auszubooten, indem sie ihr wichtigstes Lied streichen lässt und die Rolle für Terry deswegen zu klein ist, für Neely jedoch als Neuling groß genug. Während Neelys Karriere Fahrt aufnimmt und ihr eine Hollywoodkarriere bevorsteht, die sie für etwa 5 Jahre zu verfolgen plant, um sich dann von dem Rummel zurückzuziehen, lernt Jennifer den berühmten Sänger Tony Polar kennen und erwartet bald ein Kind von ihm – jedoch stellt sich heraus, dass Tony eine erbliche Geisteskrankheit hat, woraufhin Jennifer, um sich zu beruhigen, erstmals das Schlafmittel Seconal nimmt, das Kind abtreiben lässt und sich von Tony trennt. Ende 1947 beginnt sie eine Affäre mit Claude Chardot, einem französischen Produzenten von Sexfilmen; sie begleitet ihn nach Paris und wird ein international bekannter Star des Bahnhofskinos.

Neely beginnt ebenfalls die Schlafmittel Seconal und Nembutal einzunehmen, um mit ihrem privaten und berufsbedingten Stress fertigzuwerden und putscht sich morgens mit Dextroamphetaminen auf, um wieder zu sich zu kommen. Sie hat Mel Harris geheiratet und mit ihm Zwillinge bekommen; entsetzt reagiert die betrunkene und von Schlafmitteln fast betäubte Neely, als sie entdeckt, dass Mel sie in ihrem eigenen Pool mit einer jüngeren Schauspielerin betrügt. Ihr Scheidungskrieg dauert 3 Jahre, zu Beginn bleibt sie den Dreharbeiten eine Woche lang fern, hat aber bald ihren nächsten Erfolg, als sie einen Oscar gewinnt. Trotzdem sie Tabletten nimmt, hält sie 1953 dem Druck des Film- und Showbusiness nicht mehr stand und bleibt Dreharbeiten immer öfter fern, da sie Fressattacken hat, sinnlos Tabletten schluckt und dem Whiskey immer mehr zuspricht. 1956 erhält sie den Titel „Miss Produzentenschreck“. Kurz darauf überdosiert Neely aus Frust ihre Tabletten versehentlich und wacht in einer Klinik wieder auf, bekommt aber trotzdem ihre nächste Rolle, da sie das Studio erpresst – schließlich war es das Studio, das sie dazu getrieben hätte, die Schlaftabletten zu nehmen, die auch als Appetitzügler eingesetzt wurden. Doch das Studio gewinnt schnell die Oberhand, als sich Neely am ersten Drehtag ihren Text auch nach mehreren Wiederholungen nicht merken kann und die Aufnahmen abbricht. Ihre Zweitbesetzung bekommt die Rolle.

Nachdem Lyon Anne verlassen hat, beginnt Anne mit dem TV-Produzenten Kevin Gilmore eine Beziehung und wird das „Gillian Girl“ und damit im Fernsehen ein Star. Anne und Kevin treffen in einer Bar Neely und zufällig auch Helen; Kevin, der Neely davon überzeugen will, auch für ihn und damit fürs Fernsehen zu arbeiten, kassiert eine Absage. Nachdem es jedoch zwischen Helen und Neely in den Toilettenräumen zu einem Eklat kommt und Neely versucht, Helens Perücke das Klo runterspülen, sagt sie Kevin in einem Triumphgefühl zu, versagt jedoch vor den völlig anderen Drehbedingungen im Fernsehen und überdosiert ihre Tabletten erneut. Bei ihren nächsten Dreharbeiten entschuldigt sie sich permanent mit angeblichen Rückenschmerzen und Halsentzündungen, was das Absetzen der Produktion zur Folge hat. Sie nistet sich bei Anne ein, jedoch sorgt Kevin dafür, dass sie bald wieder auszieht. Als Neely empfohlen wird, eine Nervenklinik aufzusuchen, taucht sie nach Spanien unter.

Indessen kehrt die nach wie vor von Schlafmitteln abhängige Jennifer nach Hollywood zurück und verjüngt sich, indem sie sich ihr Gesicht straffen und ihre Brüste vergrößern lässt. Sie beginnt eine Liebesbeziehung mit dem Senator Winston Adams, der für die Republikaner antritt und will ihn Anfang 1961 heiraten, da allerdings wird bei ihr Brustkrebs festgestellt, der nur in Form einer Mastektomie behandelt werden kann. Dafür dass Jennifer keine Kinder mehr bekommen kann, hat Winston Verständnis, da er aber so sehr vernarrt in ihre Brüste ist, verschweigt sie ihm die anstehende Brustoperation. Sie flüchtet aus dem Krankenhaus, schminkt sich wie zu einem Auftritt und tötet sich mit einer Überdosis von Schlafmitteln.

Nun kehrt Neely wieder aus Spanien zurück und wohnt wieder bei Anne. Nur kurz dauert es, bis sie sich besoffen einen Glassplitter in den Arm drückt, obwohl ihre Karriere wieder Fahrt aufnimmt. Sie wird zur Therapie in die Psychiatrie eingewiesen; ihre Behandlung dauert ein Jahr. Dort steht sie und ihre Leidensgenossinnen unter ständiger Beobachtung von mehreren Krankenschwestern, wird mit Warmwassergüssen ruhig gestellt, da sie sich gegen ihren Aufenthalt anfangs wehrt und auf ihre Tabletten nicht verzichten will, bekommt aber bald mehr Freiheiten, die ihr aber wieder gestrichen werden, als sie eine Flasche Nembutal stiehlt. Vor ihrer Entlassung erkennt sie, dass Tony Polar ebenfalls Patient in der Klinik ist.

1962 will Anne Kevin endlich heiraten, nachdem die Hochzeit teils wegen der durch Neely verursachten Turbulenzen immer wieder verschoben wurde. Doch dann taucht Lyon wieder auf und Anne entdeckt ihre Gefühle für Lyon wieder. Anne und der verständlicherweise eifersüchtige Kevin trennen sich und Anne heiratet Lyon; am 1.1.1963 bekommt sie Jennifer, ihr erstes Kind – das Lyon kaum sieht, weil er sich als Agent für Schauspieler ständig um Neely kümmert, die mittlerweile wieder erfolgreich Konzerte gibt. Er begleitet Neely auf eine Tour nach Europa, als er nach Amerika zurückkehrt, meldet er sich nicht bei Anne, woraufhin diese nun zum ersten Mal Seconal, „die Grundausrüstung dieser Branche“, nimmt, um ihre Sorgen zu betäuben. Neely benimmt sich Anne und Lyon gegenüber immer psychopathischer und will Lyon für sich alleine haben. Sie verliert das Machtspiel mit Lyon, als sie Tabletten nimmt, um ihn an sich zu binden: „Wenn ich also mit dem kleinen Finger winke, dann hast du von jetzt ab hier zu sein!“ – Lyon geht wortlos und bootet Neely aus, da sie keinen Erfolg mehr bringt. Nach der Einschätzung Lyons wird es nicht mehr lange dauern, bis sich Neely gänzlich selbst zerstört.

1965, an Jennifers 2. Geburtstag, bringt Lyon Margie, eine junge Frau, die zu einem neuen Star aufgebaut werden soll, mit nach Hause, wo sie beobachtet von Anne Sex haben. „Sie wusste jetzt, daß es immer eine Neely oder eine Margie geben würde.“ Für Anne wird diese Erkenntnis mit der Zeit weniger schmerzvoll, allerdings verblasst auch das Gefühl der Liebe in ihr. Nachts gönnt sie sich Betäubungsmittel.



Inhalt des Films:

Im Winter 1963/64 verlässt Anne Welles das kleinbürgerliche Lawrenceville in Neuengland, um in New York ihr Glück zu finden. Ein Stellenvermittlungsbüro verschafft ihr eine Anstellung bei der Schauspieleragentur Henry Bellamys, wo sie als Sekretärin eingestellt wird. Ihr erster Auftrag ist es, die berühmte Schauspielerin und Sängerin Helen Lawson aufzusuchen; bei ihr wird sie Zeugin, wie Helen gerade die aufstrebende Neely O´Hara aus ihrem Bühnenstück feuern lassen will, da diese das beste Lied der Show hat und ihr dadurch die Show gestohlen würde. Sie beauftragt Anne, Bellamy davon zu unterrichten, dass Neely „an die Luft“ gesetzt werden soll. Anne findet daraufhin das Showgeschäft so schrecklich, dass sie gleich wieder kündigen will, lernt jedoch Lyon Burke kennen und da sie sich von seiner charmanten Art angezogen fühlt, bleibt sie. Neely andererseits ist aufgrund Helens Angriff auf ihren Part in der Show hin und hergerissen, ob sie selbst kündigen oder die ihr vertraglich zugesicherte Grundgage einheimsen soll und beschließt: „Ich verzichte auf diese Scheißshow – und mit Anstand!“

Lyon erreicht, dass Neely die Nachfolgerin des berühmten Sängers Tony Polar wird. In dem Club, wo Tony gerade auftritt, befindet sich auch Neelys Bekannte Jennifer, die mit einem reichen, alten Verehrer da ist und hingerissen von Tonys Auftritt ist. Als Sängerin wird Neely erfolgreich und fühlt sich bei ihren Auftritten wie von allen Zuschauern umarmt. Auch das private Glück ist ihr hold und sie heiratet Mel Anderson und die Träume von einer größeren Wohnung und einem Nerzmantel werden Wirklichkeit – allerdings nicht ohne Schattenseiten, denn um die berufliche Belastung zu ertragen beginnt sie Schlafmittel zu nehmen. Während auch Jennifers Privatleben gut läuft und Tony ernsthaft in sie verliebt ist, verlässt Lyon Anne nach „dem schönsten Winter meines Lebens“, um in England ein Buch zu schreiben. Doch immerhin stimmt es mit ihrer Karriere und sie wird das „Gillian-Girl“, ein Werbemodel für Haarspray, steht damit jedoch im Schatten Neelys, die ihren ersten Grammy bekommt.

Neelys Eheglück mit Mel bekommt erste Risse, als sie sich in seiner und Jennifers Gegenwart verletzend über Mel äußert, Mel weiß daraufhin: „Jetzt ist sie wie alle anderen, kann den Erfolg nicht verkraften“ – und er weiß auch von den grundsätzlichen Schattenseiten der Stars: Tabletten zu schlucken, um schlafen zu können und wieder fit werden zu können. Neely lässt sich daraufhin scheiden und will nun Ted Casablana heiraten. Jennifers Trennung von Tony wird ungleich tragischer, da nach einem Sturz mit Bewusstseinsstörungen bei ihm Huntingtonsche Chorea diagnostiziert wird, eine vererbliche zum Tod führende Krankheit, die Jennifer dazu bewegt, abtreiben zu lassen. Sie lernt Claude Chardot kennen, einen Regisseur der „nackten Welle“ und der sie für seine Filme als Darstellerin will; Jennifer akzeptiert, weil die Kosten für das Sanatorium, in dem Tony untergebracht ist, so hoch sind.

Neely ist dem Stress mittlerweile trotz ihres Tablettenkonsums nicht mehr gewachsen, verlässt Filmsets und bekommt einen Nervenzusammenbruch, während sie Schnaps und Whiskey säuft: „Alleine nicht, alleine nie mehr! Anne, ich brauche jemanden, an den ich mich halten kann!“ Anne bietet sie auch Tabletten an, die jedoch ablehnt. Als sie eines Nachts Stimmen von ihrem Pool kommend hört, erwischt Neely, angetrunken und vom Schlafmittelkonsum desorientiert Ted, wie er sie in ihrem Pool betrügt und schreit: „Na, seid ihr schön geil? (…) Na los du schwule Tucke, na lass mal hören!“ Ted erklärt ihr daraufhin, dass sie ihn nur beinahe dazu gebracht habe, schwul zu werden, es aber nicht ist.

Lyon versucht als ihr Agent mäßigend auf Neely einzuwirken und möchte, dass sie in ein Sanatorium geht und dort eine Entziehungskur macht; zum Schein willigt sie ein, fliegt jedoch nach San Francisco und grölt dort besoffen in einer Bar einen ihrer eigenen Songs mit, der im Radio läuft. In San Franciscos Rotlichtmilieu sieht sie Plakate für „Nudie Cuties“, auf denen teils auch für die Filme Jennifers geworben wird, wird in einer billigen Absteige von einem Typen bestohlen und erwacht plötzlich in einem Krankenhaus. Einsichtsvoll berichtet sie von ihrer Sucht: „Ich krieg´ ohne die Puppen kein Auge mehr zu, ich kann es ohne die Puppen nicht aushalten!“ und weiß, dass Tablettensucht schlimmer als Alkohol ist. Neely wird nun in ein Sanatorium eingewiesen und berichtet einige Monate später Anne, die sie dort besucht, von ihren Erlebnissen: Sie wurde zu Beginn in eine Wanne gesteckt, über die eine Leinwand gespannt wurde, und Krankenschwestern schrieben jedes Wort mit, eine Mitpatientin griff sie an, da Neely angeblich überall erzählt habe, sie habe mit ihr eine lesbische Beziehung und bei einem Ringelpietz sei ihr Tony Polar begegnet, der während der Veranstaltung in ihren Gesang einstimmte. Über ihre Träume nach dem Sanatoriumsaufenthalt meint sie: „Es gibt vieles, was ich haben will und ich werd´ es auch kriegen!“

In Jennifers Brust wird indessen ein bösartiges Geschwulst festgestellt, das eine Mastektomie erforderlich macht: „Das einzige Kapital, das ich hatte, war mein Körper und jetzt ist das auch aus.“ Während sie sich vorsätzlich tödlich mit Tabletten überdosiert, erinnert sie sich an ihre Mutter, die stets ihre finanzielle Unterstützung bekommen hatte, und an ihre Beziehung zu Tony.

In einer Bar kommt es zu einer Konfrontation zwischen Neely und Helen Lawson, die darin gipfelt, dass Nelly an Helens Haaren zieht und plötzlich deren Perücke in der Hand hält. Sie versucht, die Perücke das Klo runterzuspülen, was ihr jedoch misslingt. Helen bewahrt ihre Würde, indem sie selbstbewusst beschließt: „Ich geh´ da raus, wo ich reingekommen bin!“ Später analysiert Helen: „Sie (Neely) hat es nie verstanden, Prügel zu verkraften. (…) Sie kann nie ihr Talent zerstören. Aber sie wird sich selbst zerstören.“

Lyon, der für Neely weiterhin beruflich tätig ist, wird von ihr immer mehr herumkommandiert, dieser wehrt sich: „Man muss für alles im Leben bezahlen. Jeder, hast du verstanden?“ – „Ich bin aber nicht Jeder! Ich brauche mich nicht nach den spießigen Regeln zu richten, die für gewöhnliche Sterbliche gelten! Ich kenne Tabletten, Schnaps und die verdammte Klapsmühle, gute Ratschläge brauche ich nicht, von keinem!“ Während Lyon daraufhin Neely verlässt, ergreift sie eine Flasche Tabletten. Zum nächsten Drehtag zieht sie sich das falsche Kostüm an, daraufhin bekommt die Zweitbesetzung ihre Rolle und Neely wird gefeuert. Sie irrt durch leere Studiokulissen: „Ich brauch´ keinen Menschen. Weil ich begabt bin. Ich bin ein großes Talent. Alle Leute lieben mich. Hey, wo seid ihr denn bloß alle? (…) Wo seid ihr? (…) Alle weg, keiner da. Ach rutscht mir doch! Ihr seid doch ganz unwichtig! Die ganze Welt verehrt mich! Wo seid ihr denn bloß? Lyon! Anne! Jennifer! Ted! Oh Gott! Gott! Gott! Neely! NEELY O´HARA! Neely! NEELY!!! Neely!“

Annes Beziehung zu Lyon bekommt wieder Aufwind, doch Anne nimmt nun auch Tabletten, als sie zum „Loser oft the Week“ gekürt wird. Als ihr Tablettenmissbrauch auch immer heftiger wird, wirft sie das Tablettenfläschchen mit aller Kraft gegen die Wand und flieht zurück nach Lawrenceville. Lyon, dem Helen geraten hatte sich ernsthaft eine Frau zu suchen, findet bei Anne nun kein Glück mehr, denn sie glaubt, dass diese Beziehung nicht gut gehen würde und sie nichts mehr für Lyon empfindet. Sie sagt ihm Lebewohl und wandert alleine durch die verschneite Landschaft Lawrencevilles.



Review:

Als „Das Tal der Puppen“ 1966 erschien, wurde das Buch zu einem Bestseller und hielt sich 28 Wochen lang auf dem ersten Platz der New York Times. Die 20th Century Fox erlangte schnell die Filmrechte an dem Stoff und beauftragte den SF-Autor Harlan Ellison, ein Drehbuch zu schreiben, das jedoch zu düster und ernsthaft ausfiel und umgeschrieben wurde. Nur wenige Monate später schrieb Ellison das Drehbuch „The City on the Edge of Forever“ für die Serie „Star Trek“ (1966-1969), wo der Arzt Dr. McCoy, eine der Hauptrollen, medikamentenabhängig aufgrund des hohen Stresses an Bord des Raumschiffes wird und Wahnvorstellungen bekommt. Wie bei „Tal der Puppen“ veranlassten die Produzenten, dass das Drehbuch umgeschrieben wurde – und erst in der Serie „Babylon 5“ (1992-1998), für die Ellison als Creative Consultant fungierte, konnte eine medikamentenabhängige Hauptrolle – wieder ein Arzt – dem Publikum zugemutet werden. Während im Falle der Star-Trek-Folge Ellisons Name als Drehbuchautor immerhin noch genannt wurde, zog er bei „Das Tal der Puppen“ seinen Namen zurück.

Auch in der weichgespülten Version, die die Romanautorin Jacqueline Susan insbesondere wegen ihres positiveren Endes als „Stück Scheiße“ bezeichnete gelingt es dem Film „Das Tal der Puppen“ den Zuschauer, für den Hollywood und die Kunst- und Theaterszene zumeist glamourös inszeniert werden und der meist auch nur die guten Seiten des Film- und Showbusiness´ kennenlernen kann zu desillusionieren und nennt Barbiturate und amphetaminhaltige Aufputschmittel die „Grundausrüstung dieser Branche“. Themenverwandt mit „Das Tal der Puppen“ sind die Filme „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (1981), der ähnlich aufgebaut ist in seiner Begeisterung für David Bowie und das Konzerterlebnis der Christiane F. und der erst danach die Konsequenzen des Drogenmissbrauchs düster zeigt, „Prozac Nation“ (2001) der das Thema des Missbrauchs von Aufputschmitteln in alle sozialen Milieus globalisiert und das verkannte Beinahemeisterwerk „Showgirls“ (1995), der den harten Kampf hinter dem erotischen Tanzshowbusiness zeigt.

Mit „Showgirls“ teilt der Film „Das Tal der Puppen“ auch den Campcharakter, indem er Modisches und Artifizielles naiv einsetzt. So sehen wir im Film dann, wenn sich die Handlung noch positiv aufbaut Szenen, die ganz dem Zeitgeschmack der mittleren Sechziger gemäß inszeniert sind: psychedelische bunte Plastikscheiben, die Helen Lawsons Gesang auf der Bühne illustrieren, knallbunte Fitnesstrainingsszenen Neelys mit Zeitraffer, aneinandergeschnittenen Standbilder und dabei collagenartig eingeschnittene Bilder ihrer Hochzeit und ihres ersten Tablettenkonsums. Von den Frisuren über die Kleidung bis zu den Schuhen der Protagonisten sowieso auf dem modischen Gipfel seiner Zeit, während – und das macht den Film so sehr camp – Hässlichkeit kaum und nur sehr gemäßigt inszeniert wird. Das Drehbuch selbst hält sich zwar ans Buch und ändert den Roman nur insofern ab, als es für das Umschmieden eines epischen Werkes in ein dramatisches erforderlich war – auch Susans „Piece of Shit“-Reaktion über den Film dürfte eher ihrem Ansinnen geschuldet sein, ihr Werk werkgetreu verfilmt zu sehen – und erzählt die Handlung im mittleren und letzten Akt düster; die Inszenierung jedoch folgt dieser Erzählung nicht und bleibt neutral und oberflächlich. Mehr Mut zur Hässlichkeit wäre insbesondere dann zu zeigen nötig gewesen, wenn Neelys Zusammenbruch in den leeren Studiokulissen gezeigt wird, eine Szene, die so im Buch nicht vorkommt, und zuvor in der ebenfalls im Buch fehlenden Szene in San Francisco, wo sie erst besoffen in der Bar einen Song mitgrölt und dann ihr Spaziergang durch ein Rotlichtviertel mit anschließendem Bestohlenwerden in einer billigen Absteige gezeigt wird. 10 Jahre später wagte das New Hollywood glücklicherweise sehr viel mehr – und mehr als heute! …Im Gegensatz zum Buch ist der Film auch deswegen Camp, weil die Natürlichkeit, mit der Susan die Charaktere zu Beginn portraitierte und sie so dem Leser nahebrachte im Film gänzlich verschwunden ist und Anne, Jennifer und Neely ganz und gar puppenhaft-künstlich wirken.

Gelungen ist der Einsatz des Charakters Helen Lawson im Film, die vor Neelys völligem Zusammenbruch deren Charakter portraitiert und ihr eine düstere Zukunftsprognose ausstellt – eine Szene, die so im Buch auch nicht vorkommt. Zuvor hatte Helen einen Disput mit Neely der darin gipfelt, dass Neely versucht, die Perücke der gealterten Helen das Klo hinunterzuspülen. Während im Buch Helen wahrscheinlich stundenlang voller Scham wartet, bis der letzte Gast der Bar, in der sich die Toilettenräume befinden gegangen ist, beschließt sie im Film: „Ich geh´ da raus, wo ich reingekommen bin!“ und behält ihre Würde – so wie Neely zu Beginn des Films, wo sie von Helen ausgebootet „auf diese Scheißshow“ verzichtet – „und mit Anstand“. Helen entwickelt sich so von der Widersacherin, als die sie anfangs im Film eingeführt wurde, zur erfahrenen und gereiften Mentorin. Neely wandelt sich im Gegenzug und korrumpiert völlig, als sie in leeren Studiokulissen erst ihre Freunde, dann Gott und schließlich sich selbst anruft: Gottgleich im Wahn, von aller Welt verehrt zu werden. Auch dass Anne anders als im Buch sich nicht mit den Gegebenheiten des Filmbusiness´ abfindet, medikamentenabhängig und ein Leben ohne Schmerz und ohne Liebe führen wird, sondern die Notbremse zieht und ins provinzielle Neuengland zurückkehrt, ist nicht so misslungen, wie Susan es bewertete: Der Zuschauer weiß um die Bedrohung, vor der die Notbremse gezogen wurde.


Von „Das Tal der Puppen“ wurde 1981 eine freiere Neuverfilmung fürs Fernsehen als Miniserie produziert und 1970 ebenfalls von 20th Century Fox der thematisch verwandte „Blumen ohne Duft“, dessen Originaltitel „Beyond the Valley of Dolls“ die thematische Verbundenheit zu diesem Film deutlicher aufzeigt. Eine Review hierzu folgt in den nächsten Tagen und wird aufzeigen, was genau es eigentlich mit diesem „Tal“ auf sich hat.


Fazit:

Thematisch interessant, mit etwas lauer Dramaturgie, aber einigen großartigen Szenen.


Wertung:

7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 09.06.2017 18:55 
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Blumen ohne Duft – Russ Meyer

(USA 1970)

7.5.2017; DVD (20th Century Fox; OV; 2,35:1)



“Ich habe keine Botschaft!”
Russ Meyer über “Blumen ohne Duft”



Hinweis:

Review mit Inhalt des Films und des Buches findet sich hier oder im Filmtagebuch einen Eintrag weiter oben:
http://dirtypictures.phpbb8.de/american-cinema-f38/das-tal-der-puppen-mark-robson-t11613.html


Inhalt:

Die Rockgruppe “The Kelly Band”, bestehend aus den 3 jungen Frauen Kelly, Casey und Pet, reisen zusammen mit ihrem Manager Harris nach Los Angeles, der Stadt ihrer Träume. Dort erfährt Kelly von ihrer Tante Susan, dass sie Erbin eines Vermögens von 500 000 Dollar ist, was jedoch Susans Anwalt Porter wenig erfreut, da er dem Lebenswandel einer Frau, die mit 2 anderen Frauen und einem Mann auf Tournee geht, ablehnend gegenübersteht. Susan ermöglicht es unterdessen Kelly und ihrer Band, Z-Man auf einer dessen Partys kennenzulernen. Z-Man, der eigentlich Ronnie Barzell heißt, führt Kelly durch seine Räumlichkeiten, angesichts seines Schlafzimmers reagiert Kelly erstaunt: „This looks like the…“ – „…Master´s Bedroom“. Doch auch die anderen Bandmitglieder flirten mit den Gästen der eskalierenden Party: Harris lernt den Pornostar Ashley St. Ives kennen, Casey beginnt eine lesbische Affäre mit Roxanne und Pet verliebt sich in den Jurastudenten Emerson. Z-Man, der Plattenproduzent ist, benennt die Band um, sodass sie fortan „The Carrie Nations“ heißt, und nimmt sie unter Vertrag.

Ashley schläft nun mit Harris, für den es das erste Mal in einem Rolls Royce ist. Als er dies ihr gesteht, schreit sie während des Aktes unter Stöhnen immer wieder „Rolls!“ und „Bentley!“ Kelly schläft derweil mit dem Schauspieler Lance im Glauben, mit seiner Hilfe an noch mehr Geld der Erbschaft zu kommen; nachdem dieser sie herabwürdigt, verführt sie Porter, um ihr Erbe gegen dessen Pläne zu verteidigen; lädt ihn auf eine Runde Marihuana ein und schläft mit ihm.

Auf einer weiteren Party Z-Mans begegnet Susan ihrer alten Liebe Baxter wieder und trennt sich von ihrem Anwalt Porter; Pet, die sich von Emerson vernachlässigt fühlt, da dieser sich auf die Prüfungen seines Jurastudiums vorbereiten muss, flirtet mit Randy, einem Boxer; und Ashley beginnt eine Affäre mit Lance. Harris und Lance wie auch Randy und Emerson suchen ihre Konflikte gewaltsam zu lösen, indem sie sich prügeln, was zu einer Verletzung Emersons führt; Harris verunglückt kurz darauf und zieht sich eine Querschnittslähmung zu und nimmt nun auch wie seine neue Freundin Casey Tabletten, um sich zu beruhigen. Auf Anraten Roxannes lässt die schwangere Casey das gemeinsame Kind mit Harris abtreiben, da dieses ihrer Karriere hinderlich wäre und Pet muss sich gegen Randys aggressive Eifersucht zur Wehr setzen.

Bei einer letzten Party, in der sich Z-Man als König Arthur mit Schwert Excalibur und Barmann Otto als Nazi mit Hakenkreuzbinde verkleiden, stellt sich heraus, dass Z-Man eigentlich Superwoman ist und die Brüste einer Frau hat. Da Lance ihn in seiner ihm eigenen Art und wie zuvor schon Kelly verhöhnt, tötet ihn Superwoman mit Excalibur, ihm folgt Otto nach – möglicherweise das Ende von Reichsminister Martin Bormann? Superwoman tötet auch Roxanne und Casey; Kelly, Pet und Emerson jedoch gelingt es, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen und ihrerseits Superwoman zu töten. Harris als Zeuge des Geschehens erfährt währenddessen eine Spontanheilung und heiratet Kelly, während Susan Baxter und Pet Emerson heiratet.



Review:

Nachdem Russ Meyer 1964 bereits für Artur Brauner in Deutschland einen Film gedreht hat, bei dem er kaum inhaltliche oder auch nur kreative Entscheidungsgewalt hatte, entschloss er sich 1969 dem Ruf Hollywoods, genauer gesagt der 20th Century Fox, zu folgen und die Fortsetzung von „Das Tal der Puppen“ (1967) zu drehen. Nachdem jedoch zwei Drehbuchentwürfe der Autorin Jacqueline Susann, die die international erfolgreiche Vorlage des Films 1966 schrieb, verworfen wurden, schrieben Meyer und Filmkritiker Roger Ebert in 6 Wochen ein Drehbuch, das allenfalls einige inhaltliche Ähnlichkeiten aufweisen kann, keineswegs aber Fortsetzung, Remake oder Plagiat ist. In einer früheren Version des Drehbuchs entsprechen die Charaktere Susan und Baxter aus „Blumen ohne Duft“ den Charakteren Anne Welles und Lyon Burke aus „Das Tal der Puppen“.

Obwohl die Fox 1969 noch in einer finanziellen Krise steckte, die mit dem Cleopatradesaster 1964 begann und mit den finanziell wenig erfolgreichen teuren Musicals „Star!“ (1968) und „Hello, Dolly!“ (1969) verschärft wurde, ließ man Meyer große künstlerische Freiheiten, so konnte er den Film nahezu vollständig nach eigenem Belieben besetzen. Von einem Regisseur von Meyers Kaliber erhoffte man sich frischen Wind für die Fox und damit für ein jüngeres Publikum wieder attraktiv zu werden, da damals „Easy Rider“ (1969) bei diesem ein großer Magnet war, die Fox selbst aber gerade zwei Kriegsfilme und einen Western in Produktion hatte und man nun befürchtete, dass diese Filme als zu konservativ ebenfalls floppen würden – taten sie nicht, denn es handelte sich dabei um „MASH“ (1970), „Patton“ (1970) und „Zwei Banditen“ (1969). Bei einem Budget von 1,4 Millionen Dollar, wobei die Hälfte davon für die Drehbuchentwicklung der Fortsetzung von „Das Tal der Puppen“ mit eingerechnet wurde, spielte „Blumen ohne Duft“ 9 Millionen Dollar ein und zeigt, dass die Hoffnungen der Fox sich erfüllten. Einige Jahre später verdoppelten sich jedoch die Kosten des Films, da der Witwer der mittlerweile verstorbenen Jacqueline Susann den Titel des Films (Originaltitel: Beyond the Valley oft he Dolls“) nicht hinreichend vom Titel „Valley of the Dolls“ abgegrenzt sah und Recht, bzw. 1 425 000 Dollar bekam.

Meyer nutzte in Absprache mit Richard D. Zanuck, der 1969 begann die Fox zu leiten, seine großen Freiheiten auch, den Film so hart wie möglich zu drehen, so dass er sich im Grenzbereich zwischen einem R- und einem X-Rating befinden sollte. Um ein „R“ zu bekommen, schnitt er zuletzt jedoch noch zwei Sexszenen aus dem Film, aufgrund einer Enthauptungsszene während des finalen Massakers, das spontan am Set entstand und in keiner Drehbuchfassung enthalten war, verliehen die Behörden jedoch das unerwünschte „X“, wonach Meyer bedauerte, den Film nicht von Anfang an noch härter gedreht zu haben. Wegen des recht knapp nach dem Rating angesetzten Filmstarts konnte Meyer die herausgeschnittenen Szenen nicht wieder in den Film integrieren.

Meyer drehte den Film mit sehr großem Cast, darunter befinden sich Erica Gavin als Roxanne, die 1968 bereits in „Vixen: Ohne Gnade – Schätzchen“ zu sehen war, Lavelle Roby, zuvor in „Null Null Sex“ (1968) zu sehen, Veronica Ericson aus „Fanny Hill“ (1964), Angel Ray aus „Megavixens“ (1970), Stammdarstellerin Haji aus „Motorpsycho“ (1965), „Die Satansweiber von Tittfield“ (1965), „Guten Morgen… und auf Wiedersehen“ (1967) und „Supervixens“ (1975) und Princess Livingston aus „Wilde Mädchen des nackten Westens“ (1962), „Heavenly Bodies!“ (1963) und „Mudhoney“ (1965). Edy Williams in der Rolle der Ashley St. Ives sollte in Meyers nachfolgendem Film „The Seven Minutes“ (1971) zurückkehren und Russ Meyer 1970 heiraten. Zudem bietet „Blumen ohne Duft“ mit Charles Napier auch einen wiederkehrenden männlichen Cast, diesmal aber nicht in der Rolle eines Schurken, während Henry Rowland die Rolle des Martin Bormann noch in „Supervixens“ und „Im tiefen Tal der Superhexen“ (1979) wiederholen sollte und auch in „The Seven Minutes“ als Diener des üblen Strippenziehers Yerkes mitspielt.

„Blumen ohne Duft“ ist von Beginn an als Satire auf das Exploitationgenre angelegt gewesen; um den Film besser funktionieren zu lassen entschied sich Russ Meyer, den Darstellern nicht mitzuteilen, dass sie in einer satirischen Komödie spielten. Den Comicstripcharakter erhält der Film zudem durch die stets übermäßige Beleuchtung, gestochenscharfe Kamerafokussierungen und die für Russ Meyer längst typischen Stakkatoschnitte, die er nutzt, um z. B. in „Eve and the Handyman“ (1961) einen Orgasmus zu inszenieren. Der Gegensatz, der aus der Schönheit der Form – natürlich auch der Frauen und der zahlreichen Songs – und der scheinbar planlosen Beiläufigkeit der Narrative entsteht, geht jedoch über das Satirische hinaus und mündet letztlich in eine Groteske. Sehr deutlich wird das schon sehr früh im Film während der ersten Partyszene, wenn Princess Livingston, die damals hässlichste Frau der Welt, mit ihrem männlichen Gegenstück Stan Ross, beide im Seniorenalter, tanzt, während um sie herum unzählige junge Erwachsene ausgelassen feiern und dabei von einer nackten Blondine, die ebenfalls mittanzt, keine Notiz nehmen. Die Szene bildet zusammen mit der Schlussszene den Schlüssel zur Interpretation des Films: Nimmt man an, der Zuschauer kennt „Das Tal der Puppen“ mit seiner Offenlegung der Abgründe des Showbusiness´, die von den Stars nur mit Hilfe von dämpfenden und aufputschenden Pillen, „Dolls“, überstanden werden können; und dieser Zuschauer sieht nun während der Partyszene die 3 Protagonistinnen Kelly, Casey und Pet, die Z-Man kennenlernen und der ihnen zu ersten Erfolgen im Musikbusiness verhilft, und die einzigen alten Menschen auf dieser Party sind gleichzeitig ins Bizarre gesteigert hässlich, dann kann es nur so sein, dass Meyer/Ebert dem Zuschauer vor Augen führen wollen, dass das Show- und Musikbusiness moralisch so verdorben und verlottert ist, dass es erst den Geist korrumpiert, dann den Körper. Das geht einher mit antiken und mittelalterlichen Vorstellungen, so z. B. in der „Göttlichen Komödie“, wenn im XIX. Gesang Dante in der Hölle „ein stammelnd Weib mit scheelen Augen und verkrümmten Füßen, verkrallten Händen und von bleicher Farbe“ begegnet und diese ihm lallend vorsingt, sie sei einst eine Sirene gewesen. In der bildenden Kunst stellen zahlreiche Sillleben dem Menschen die Vanitas vor und in „Die Lebensalter des Menschen“ (1540) von Hans Baldung Grien erkennt der Betrachter, dass Jugend und Schönheit flüchtig, Erfolgsstreben Eitelkeit und der Mensch sterblich ist.

Nur in der englischen Ausgabe des Buches „Das Tal der Puppen“ ist ein Gedicht Jacqueline Susanns vorangestellt: Darin geht es um den ziel- und karriereorientierten Menschen, der, wenn er „es“ geschafft hat, sich im Tal der Puppen wiederfindet – sich also mit Psychopharmaka über seine seelischen Abgründe hinwegtäuscht. Obwohl der Mensch auf dem Gipfel des Erfolges von allen als Held/Star verehrt wird, ist man nicht in der Lage, seinen Triumph zu genießen, da es einsam ist auf diesem Gipfel. Russ Meyer bietet dem Zuschauer in Form eines Off-Kommentars, ähnlich wie in „Good Morning… and Goodbye!“, eine Deutung seines Films an, die die aus jenem Film zudem weiterentwickelt. Dort zeigt Meyer noch auf, dass der Zuschauer wie der Held seiner Filme die Chance hat, dass sein Seelenleben durch gesunden Sex geheilt werden kann und illustriert dies mit den magischen Künsten einer Hexe und der Natur selbst, als deren Teil der Mensch sich begreifen soll. In „Blumen ohne Duft“ stellt der Off-Kommentar den jeweiligen Abgrund, vor dem 13 Protagonisten seines Films standen, seiner jeweiligen Rettung oder auch Konsequenz gegenüber und erinnert hier auch an die Vorzüge und Nachteile Los Angeles´, die zu Beginn des Films erläutert werden. So verlieren die Schurken und Helden des Films den Sinn für Realität, sehen Männer nur als Spielzeug an, konsumieren nur, sind selbstsüchtig, exzessiv freigiebig, lassen das Böse zu, sind zu Vergangenheitsorientiert, überemotional, oder lassen das Tier im Manne zu. Konsequenzen aus den Abgründen und Tälern ihres Charakters sind: Entfremdung von der Liebe, Missbrauch von Vertrauen, das Leben anderer aufs Spiel setzen, das eigene Leben aufs Spiel setzen, der Tod. Bis zum Schluss lernen sie oder hätten Folgendes lernen sollen: die Vielseitigkeit des Lebens sehen, auf Gefühle achten, geben, weniger perfekte Menschen achten, Liebe als Kraft für besseres Verständnis erkennen, den Blick in die Zukunft richten und aus dem Schmerz lernen. Dem Zuschauer wird empfohlen, seinen eigenen Weg zu finden und zu erkennen, dass „Liebe nicht fragt, nicht erwartet, nur da ist. Wenn Liebe in einem ist, erleichtert sie jeden Schritt, wenn man durch dieses Tal schreitet“.

Trotzdem lässt sich der Film schwer deuten, er will auch gar nicht gedeutet werden. Es ist letztlich nicht so, als würde Russ Meyer zwingend absichtlich Princess Livingston in diesem und einigen anderen seiner Filme einsetzen, um dem Zuschauer zu zeigen, dass er, der Regisseur, ein mittelalterliches Weltbild hat und wenn er, der Zuschauer, ein ungesundes Sexleben hat, würde man ihm das irgendwann auch körperlich ansehen. Aber der Film enthält diese Gedanken, und die Heilkraft der Liebe und der Erotik, wie auch das aus unterdrücktem oder fehlgeleitetem Sexualtrieb entsprossene Böse sind zentrale Themen seiner Filme.

Wie „Das Tal der Puppen“ gilt „Blumen ohne Duft“ heute als Camp, und das berechtigt. Anders als Filme wie „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969) zeigen beide Filme nicht nur Campmode z. B. in Form der Frisuren und der Kostüme, sondern sind in ihren filmischen Mitteln selbst Camp – es werden filmische Ausdrucksmittel gewählt, die modisch sind, die neu sind, die man benutzt, weil man sie benutzen kann – die aber nicht die Erzählung unterstützen, unnötig sind (In anderen und späteren Filmen z. B. der übermäßige und gleichzeitig unnötige Einsatz des Zoomobjektivs, der Arraytechnik, auch Bullettime genannt, der Wackelkamera). In „Das Tal der Puppen“ ist das insbesondere die Szene, in der Neelys Training gezeigt wird: collagenhafte Einzelbilder, Zeichentrick, ganz beiläufig gezeigter erster Konsum der „Puppen“; in „Blumen ohne Duft“ die Dramaturgie, der Film besteht fast nur aus drei Partyszenen, die Letzte ist dabei besonders erwähnenswert: Spontan am Set ohne Drehbuch entstanden entpuppt sich Musikproduzent Ronnie Z-Man Barzell als „Superwoman“ mit weiblichen Brüsten, die sich zuvor trotz engster Hemden nie abgezeichnet haben, sein Diener Otto trägt eine Hakenkreuzbinde und ist vielleicht Martin Bormann, ein deutscher Reichsminister, der sich nach dem 2. Weltkrieg möglicherweise ins Ausland abgesetzt haben soll; mittlerweile ist sein Tod im Jahr 1945 zweifelsfrei bestätigt. Die Frage, ob Otto Bormann ist oder nicht, trägt jedoch nichts zu Handlung bei – wie Vieles in „Blumen ohne Duft“ – und erinnert den Zuschauer, wie ebenfalls Vieles in dem Film, daran, dass es die Intention Meyers war, eine Satire auf das Exploitationgenre zu drehen.


Fazit:

Heute ein Kultfilm, bei dem ähnlich wie in „The Rocky Horror Picture Show“ das Publikum alle Dialoge mitspricht. Meyer betrachtete den Film rückblickend als seinen Wichtigsten, ich nicht, aber „Blumen ohne Duft“ ist mit Sicherheit ein Beweis dafür, dass es dem Hollywoodstudiosystem nicht jedesmal gelingt, einen Auteur zu korrumpieren.


Wertung:

8,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 18.07.2017 18:17 
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The Seven Minutes – Russ Meyer

(USA 1971)

Buch: Ende Mai 2017 (Wallace, Irving: Die sieben Minuten, Deutscher Bücherbund Stuttgart, 1970.
Film: 28.6.2017; Download (Youtube, 13.10.2013; OmspanU; 1,33:1; 1:50:43)



„Ein gutes Buch zu töten, das ist fast so, als töte man einen Menschen; wer einen Menschen tötet, der tötet ein vernunftbegabtes Geschöpf, ein Ebenbild Gottes; wer jedoch ein gutes Buch vernichtet, tötet die Vernunft selbst, tötet das Ebenbild Gottes“.
John Milton



Vorbemerkung:

Da die Inhaltsbeschreibung des Buches sehr lang geraten ist, befindet er sich komplett im Spoiler. Ab Beginn der Gerichtsverhandlung sollte man aufhören zu lesen, sie ist auch in der Filminhaltsbeschreibung im Spoiler, da hier tatsächlich Wendungen verraten werden.


Inhalt des Buches:

Nach 35 Jahren weltweiter Unterdrückung wird in den USA erstmals das erotische Buch „Die sieben Minuten“ von JJ Jadway, das Anfang der 30er Jahre in Paris geschrieben wurde, neuaufgelegt und als „Das am häufigsten verbotene Buch aller Zeiten“, „Das obszönste Stück Pornographie…“ und „Eines der ehrlichsten, empfindsamsten und großartigsten Kunstwerke, die je in der modernen westlichen Literatur geschaffen wurden“ beworben. 2 Polizisten stellen dem Buchhändler Ben Fremont eine Falle, indem sie Undercover eines der Bücher kaufen und das Verkaufsgespräch („Manche Leute … werden sagen, dieses Buch ist schmutzig. Aber es wird auch viele geben, die es großartig finden.“) auf Tonband aufnehmen. Kurz darauf verhaften sie Fremont, da er wissentlich obszöne Schriften, die über das übliche Maß an Offenheit hinausgehen und keinen sozialen Zweck erfüllen verkauft hat. Fremont, der deswegen von 1 Jahr Gefängnis bedroht ist, wendet sich an seinen Verleger und bittet ihn um Beistand und dieser wiederum an seinen Freund Mike Barrett, der ein erfolgreicher Anwalt ist.

Barrett sucht den Staatsanwalt Elmo Duncan auf um sich bei ihm für Fremont einzusetzen: Die Zeiten hätten sich geändert, „Obszönität“ ließe sich nicht genau definieren, Sex sei nicht unmoralisch, Keuschheit die schlimmste sexuelle Verirrung, im Kino gäbe es Sex, Selbstbefriedigung und Homosexualität zu sehen. Doch Duncan hält entgegen, dass die Anzeige von einem anerkannten Sittlichkeitsverein von wohltätigen Frauen, dem KDA, kommt und dass er die Empörung dieser Frauen über das Buch für repräsentativ hält. Außerdem braucht die Welt trotz immer größerer sexueller Freizügigkeit Grenzen, und „Die sieben Minuten“ habe diese Grenzen überschritten. Barrett und Duncan gelingt jedoch eine Einigung: Fremont soll auf eine hohe Geldstrafe und 1 Jahr Bewährung verurteilt und das Buch in Oakwood bei L. A. verboten werden. Duncan setzt sich nun bei Luther Yerkes, der reich und so einflussreich ist, dass er 4 US-Präsidenten, sowie Gouverneure immer mit Erfolg ins Amt fördern konnte, erfolgreich dafür ein, den Fall „Sieben Minuten“ mit weniger Bedeutung zu betrachten.

Am gleichen Tag ereignet sich eine schlimme Gewalttat: Jerry Griffith, 21 Jahre alt, vergewaltigt und prügelt die 18jährige Sheri Moore krankenhausreif. In seinem Auto findet die Polizei ein Exemplar von „Die sieben Minuten“ – dadurch wird die Einigung zwischen Barrett und Duncan hinfällig, da Duncan in dem Buch nun ein „bedrohlich obszönes Werk“ sieht.

Barrett berichtet Willard Osborne, dem Vater seiner Verlobten Faye und zukünftigem Arbeitgeber, dass er das Buch vor Gericht verteidigen will und da er dafür Zeit braucht bittet er ihn, seine Einstellung um ein paar Wochen zu verschieben. Osborne reagiert ausgesprochen abweisend, da er zwar für Freiheit und Aufklärung ist, für ihn „Die sieben Minuten“ aber ein „scheußliches Monstrum“ ist, „nichts anderes“ habe „einen jungen Mann … so korrumpieren können als nur ein verbrecherisches, pornographisches Buch“. Barrett ist von ihm und Faye, die ihrem Vater beipflichtet, entsetzt, da sie wie viele andere Menschen „bereit sind, ohne schlüssige Beweise die Meinungsfreiheit einzuschränken“. Er liest nun das Buch, um sich einen eigenen Eindruck über die Bedrohlichkeit oder etwa die künstlerischen Qualitäten zu verschaffen und entdeckt, dass es zwar „obszöne Worte, rüde Ausdrücke, (…) abnorme oder gar frevlerische Sexualbeziehung“ enthält bzw. beschreibt – aber im Ganzen betrachtet keine Pornographie ist, da es „die Schönheit des Wahren an sich (hat), das zu Selbsterkenntnis und Entdeckung des eigenen Ich führt“. Da Buch handelt von einer Frau, die in ihrem Bett mit einem Mann Sex hat und bis zu ihrem Orgasmus nach 7 Minuten dem Leser ihre geheimen Gefühle, Erinnerungen und Träume verrät. „Ihre Phantasie gaukelt ihr Liebesszenen mit Jesus, Julius Cäsar, Shakespeare, Chopin, Galilei, Byron, Washington und Parnell vor. In diese Phantasien mischte sich die Vorstellung von Paarungen mit einem Neger, einem Asiaten, einem Indianer“. Barrett beurteilt das Buch als für den Durchschnittsleser nach dem Gesetz nicht obszön, da der Geschlechtsakt juristisch nicht unsittlich ist, hält aber die deutliche Wortwahl („Ficken“) für streitig. Schwierig findet Barrett zudem, dass es bei dem Roman „Lady Chatterley“ das in 300 Seiten nur 30 Seiten Sexszenen enthält Jahre gedauert hatte, bis er von der Justiz freigegeben wurde, „Die sieben Minuten“ aber auf 171 Seiten ausschließlich von Sex handelt. Zudem erkennt er, dass seit 1940 „die Sicherheit an die erste Stelle gesetzt und ihr die individuelle Freiheit untergeordnet“ wird, da die individuellen Freiheiten von einer übermächtigen Staatsgewalt immer mehr ausgehöhlt wurden, was zur Folge hat, dass heute (1969) die Bill of Rights nicht mehr verabschiedet würde und der Erste Zusatz der Verfassung nach dem der „Kongreß kein Gesetz erlassen darf, das die Freiheit der Rede oder der Presse beschneidet“ chancenlos wäre. Er folgert, dass wenn man heute nicht mehr freimütig über Sex sprechen darf es auch leicht geschehen könnte, dass man eines Tages nicht mehr freimütig über Religion, Politik, staatliche Einrichtungen, Armut, Rassengleichheit, gerechte Repräsentation und Gerechtigkeit reden darf. Damit „es“ nicht mit diesem Buch beginnt, entschließt sich Barrett nun fest, das Buch vor Gericht zu verteidigen. Unterstützung sucht er sich bei Leo Kimura, dessen japanisch-amerikanische Eltern nach Pearl Harbor in einem US-Konzentrationslager einsaßen – wie 110 000 andere – und der Jura studierte, damit so etwas nicht wieder geschieht.

Duncan findet derweil einen mächtigen Unterstützer in der katholischen Kirche. Kardinal MacManus setzt sich für seine Sache sofort mit einem Gebet für anständige Literatur ein:
„O Gott, der Du gesagt hast, Lasset die Kindlein zu Mir kommen, hilf und segne uns in unserem Bemühen um das Wachrufen der öffentlichen Meinung, auf daß wir obszöne und unanständige Literatur aus den Bücherschränken und Buchhandlungen tilgen mögen. Mögen durch Deine göttliche Fügung die Gesetze erreichen, daß diese Art von Literatur in unserem Land und auf der ganzen Welt zu existieren aufhört. Heilige Jungfrau Maria, deren Leben Vorbild für uns alle ist, wache über uns und bitte für uns, auf daß unserem Bemühen Erfolg beschieden sei. Durch Jesus Christus unseren Herrn. Amen.“
Mac Manus führt daraufhin aus, dass die Menschen in einer geordneten Gesellschaft leben. „Um sie geordnet und zivilisiert zu erhalten, bedarf es der Autorität und gewisser Beschränkungen. Ohne solche Beschränkungen gäbe es schon bald keine demokratischen Freiheiten mehr. Wir hätten eine gottlose, heidnische Gesellschaft, in der nur Anarchie und die Macht des Stärkeren regierten.“ Die Kirche sei jedoch nur gegen Pornographie, die keinen anderen Zweck verfolgt, „als die Jugend in ein Leben der Sünde zu treiben“. Pornographie „verspottet das Ehegelöbnis, sie macht Keuschheit und Treue verächtlich und verherrlicht den Ehebruch, die Unzucht, die Prostitution und naturwidrige sexuelle Praktiken“. MacManus offenbart daraufhin, dass „Die sieben Minuten“ seit 1937 auf dem Index Librorum Expurgatorius (dem Kirchenindex) steht und der Papst selbst an einem „tapferen Kreuzzug“ oder Prozess gegen das Buch interessiert ist. JJ Jadway sei darüber hinaus nach dem Erscheinen der Buches von der katholischen Kirche exkommuniziert worden und habe Selbstmord begangen.

Barrett hingegen weiß den amerikanischen Bibliotheksverband hinter sich, da nach dessen Geboten „die Bibliotheken sich (…) gegen jegliche Zensur von Büchern zu wenden haben, die von selbsternannten Hütern der Moral oder der politischen Meinung oder von Organisationen veranlasst oder praktiziert wird, die zwangsweise einen bestimmten Begriff von Amerikanertum durchsetzen wollen“ und „jeglicher Einschränkung des freien Zugangs zu Ideen und der vollen Freiheit der Meinungsäußerung widerstehen und dadurch diese ererbten Traditionen Amerikas sichern helfen“ sollen. Eine Bibliothekarin, mit der sich Barrett unterhält, meint, dass die Eltern das Problem sind, nicht die angeblich von unmoralischen Büchern gefährdete Jugend. Die Eltern seien vorurteilsbelastet, indem sie ganz genau zu wissen behaupten, was richtig und was falsch ist und dies dann „gesunden Menschenverstand“ nennen. Dabei seien das aber nur halbverdaute Erfahrungen, Beobachtungen und Gedanken und vor allem die Furcht vor Neuem. Nur deswegen müsse sich Amerika mit Prozessen herumschlagen, die die Tarzan-Serie verbieten wollen, da „Tarzan und Jane unverheiratet sind und ergo in Sünde leben…“

Einen Vortrag Duncans wider die Pornographie, zu dem insbesondere Barretts Gegenspieler geladen sind besucht auch Barrett und erfährt dort, dass „Pornographe“ „Schriften von Dirnen“ bedeutet, also das Sexualleben von Prostituierten beschreibt, die Kriminalitätsrate seit den Lockerungen der Zensur gestiegen ist und besonders stark unter Jugendlichen, Pornographie mit literarischem Anspruch noch gefährlicher ist als die plumpe, keine Gesellschaft ohne Intoleranz, Empörung und Abscheu auskommen könne, da das die Triebkräfte der Moral seien und dass Gesetze unter allen Umständen eingehalten werden müssen, damit die Gesellschaft nicht unter der aushöhlenden Wirkung der Unmoral zugrunde geht. Kunst als Selbstzweck sei zudem herzlos, damit kunstlos; Kunst für die Massen keine Kunst, sondern nur Geschäft – aber „Kunst im Dienste der Allgemeinheit ein edler und lebenswichtiger Bestandteil im menschlichen Leben“. „Meisterwerke wurden niemals von Menschen geschaffen, die sich obszönen und lüsternen Gedanken hingaben“. Kunst soll „erfreuen, trösten, erbauen, das Leben (…) veredeln“. Obwohl Barrett Christian Leroux, den französischen Verleger des Romans in den 30er Jahren für seine Seite gewinnen konnte, wird nun bekanntgegeben, dass Leroux nun für die Anklageseite sprechen wird.

Bei den Ermittlungen in der Universität wird Barrett vom Vater Sheri Moores niedergeschlagen, aufgrund seines Verständnisses für seinen Verlust sieht er aber von Konsequenzen ab. Er findet heraus, dass Sheri beliebt, eine „dufte Puppe“ ist und Jerry wiederum als schüchtern und unauffällig, aber normal gilt. Barrett besucht eine Jugenddisco auf und beobachtet Jerry, der plötzlich entsetzt das Lokal verlässt und von Barrett nach einem Selbsttötungsversuch mit einer Überdosis Tabletten gerettet wird. Er informiert Maggie Russell, eine Verwandte Jerrys, die er bei Duncans Vortrag kennengelernt hat. Von ihr erfährt er, dass Yerkes nicht nur Duncan unterstützt, sondern auch Griffith Sr. und man entschlossen ist, die Gewalttat Jerrys gänzlich der aufreizenden Lektüre zuzuschreiben, um eine Kehrtwende in der zunehmend liberalen Gesetzgebung zu bewirken. Maggie hat „Die sieben Minuten“ ebenfalls gelesen und befürwortet die Veröffentlichung des Buches, da sie es für unschädlich hält; stattdessen macht sie die katastrophalen Familienverhältnisse im Hause Griffith für Jerrys Tat verantwortlich. Eine ehemalige Haushaltshilfe der Griffiths, Mrs. Vogler, soll dies auch vor Gericht erläutern, wird jedoch von der Gegenseite bestochen und springt ab.

Faye, auf die Barrett immer gereizter reagiert, die sie mit rein gefühlsbetonten und rational nicht begründbaren Argumenten das Verbot des Buches fordert, hält besonders die pornographische Wortwahl Jadways für ekelerregend; als Frau will sie mit Achtung und Liebe behandelt werden. Sie schläft mit Barrett und dieser erkennt nach dem Akt, dass Sex für Faye nur etwas ist, das man aus Gründen der Gesundheit und aus normaler Veranlagung vollzieht und sie gerne einen persönlichen Vorteil daraus zieht; Schmutz und Begierde unbeschadet übersteht und das keuchende Männchen mit Nachsicht behandelt. Für Barrett passt nun gerade der Begriff Jadways, den sie zuvor so vehement abgelehnt hatte, perfekt zu ihr: „Cunt“. Kurz bevor er sich von Faye trennt machen er und Kimura Norman C. Quandt ausfindig, einen Sexfilmproduzenten, der zuvor Bücher verlegt hat und zuletzt die Rechte an „Die sieben Minuten“ hatte. Barrett sucht dessen „Filmgesellschaft für Kunst und Wissenschaft“ auf, ein heruntergekommenes Wohnhaus in dessen Garagen primitivste Filmstudios untergebracht sind und erfährt von Quandt, „ein berufsmäßiger Voyeur“, der ihn deswegen anwidert, dass er bis vor wenigen Tagen auch im Besitz von 4 Originalbriefen Jadways war, diese aber nun an einen Fachhändler für Handschriften verkauft hat. Barrett erhofft sich von den Briefen, dass sie das Gegenteil der Meinung der Anklageseite beweisen und Jadway nicht ein einfacher geldgieriger Pornograph sei. Beim Händler angekommen muss er jedoch feststellen, dass die Briefe wenige Minuten vorher von einem anderen Herrn, der behauptet hatte, Barrett zu sein, abgeholt wurden. Barrett ahnt nun, dass er abgehört wird und sucht sein Büro auf, um die Telefone zu kontrollieren – dort wird er niedergeschlagen; Maggie, die ihn findet, behandelt seine Wunden.

Am ersten Verhandlungstag berichtet die Presse sehr wohlwollend über die Seite der Verteidigung: Ein Prozess, der es zum Ziel hat, die Freiheit der Rede und Meinungsäußerung einzuschränken ist gleichzeitig auch ein Angriff auf die Pressefreiheit. Da „überall in der Welt die Autorität von Religion in Frage gestellt“ wird, sehen „Staat und Kirche ihren Untergang voraus“ und wollen „die Zerstörer der gültigen Moralordnung in ihre Schranken weisen“. Als Opferlamm haben sie sich „Die sieben Minuten“ ausgewählt, der Sex aus der Sicht einer Frau erzählt. Die Leserinnen, die „in erster Linie Frauen und erst in zweiter Linie Bürgerinnen irgendeines Staates sind“, finden den Roman interessant, was wiederum das Patriarchat in „Unruhe und Besorgnis“ versetzt. Zur Verhandlungseröffnung erhält Duncan das Wort, der die Strafbarkeit des in Umlaufbringens von pornographischen Schriften betont. „Die sieben Minuten“ hält er für „obszön“ und „aufreizend“, da das Buch „die üblichen Grenzen (…) überschreitet (…) und (…) ohne gesellschaftliche Bedeutung ist.“ „Die sieben Minuten“ sei „ausschließlich zur Ausbeutung niedriger Instinkte“ aus geschrieben, um damit Profit zu machen. Desweiteren dürfe man ein obszönes Buch genausowenig zirkulieren lassen wie einen Verrückten oder Mörder. Duncan will außerdem gewährleisten, dass der Erste Zusatz der Verfassung durch das Verbot von „Die sieben Minuten“ nicht angetastet wird, indem er sich auf den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Norman Thomas beruft, der 1955 erklärte, dass jener Zusatz „niemandem die Freiheit garantiert, Unschuldige zu verführen und die noch ungefestigte Jugend schamlos auszubeuten.“ Zuletzt sei ein Werk nicht zwangsläufig nicht obszön, nur weil eine kleine Gruppe von Intellektuellen behauptet, ihre niedrigen Instinkte würden von dem Werk nicht angesprochen werden. Die Meinung eines Autors und des Feuilletons sind nicht gleichzusetzen und stellvertretend mit der Meinung des Durchschnittsbürgers. So wurde auch „Lady Chatterley“ stets von den Intellektuellen ob seiner literarischen Qualitäten gelobt und vor Gericht freigekämpft – trotzdem würde wohl keiner „naiv genug annehmen, dass die plötzliche Umsatzlawine dieses Buches auf den plötzlich aufgetretenen Wunsch der amerikanischen Öffentlichkeit zurückzuführen ist, sich mit den Problemen eines Wildhüters auf einem englischen Landsitz vertraut zu machen.“ – Und „Die sieben Minuten wurde nicht geschrieben um zu beschreiben, wie eine Frau „volle sieben Minuten lang ohne Nachthemd in einem Bett“ liegen kann, „ohne sich zu Tode zu erkälten“, sondern nur, um „das Schamgefühl zu verletzen und ein gemeines Interesse an Nacktheit, Sexualität und Ausschweifungen zu wecken“.

Barretts Eröffnungsworte zielen darauf ab, zwischen „obszön“ und „Sex“ zu trennen und „Die sieben Minuten“ ein „menschliches Drama im Rahmen eines Geschlechtsaktes“ erzählt. Außerdem sei es nicht der Sinn der Freiheit, tugendsam zu sein, sondern das zu tun, was beliebt; Staat und Gesetz sollen deswegen nicht „die Hebung der Moral“ als Aufgabe sehen, sondern den Spielraum sichern, „den der Mensch zu seinem Glück und zu seiner freien Entfaltung braucht“. Er besteht darauf, dass „Die sieben Minuten“ künstlerisch gestaltet ist und Kunst nicht obszön sein kann. Der Buchhändler Fremont wäre demzufolge freizusprechen.

Das Gericht ruft nun die ersten Zeugen auf: Kellog, der Polizist, der Fremont verhaftet hatte, erzählt von seinem Einsatz und der Verhaftung; im Kreuzverhör stellt Barrett den Geschworenen dar, dass Kellog Fremont mit Suggestivfragen reingelegt hat. Nach den Aussagen zweier weiterer Polizisten muss die Frage geklärt werden, ob ein Schutzumschlag zum Buch gehört oder nicht, das Gericht lässt den Umschlag nicht zu. „Die sieben Minuten“ wird nun von einem Vorleser vollständig gelesen, damit die Geschworenen über den Inhalt des Buches informiert sind. Am dritten Verhandlungstag ist das Buch vollständig vorgelesen; Leroux, der französische Verleger des Buches aus den 30erjahren wird nun als Zeuge aufgerufen. Leroux sagt aus, dass „Die sieben Minuten“ in Frankreich nur in englischer Sprache erschien, weil er von den Behörden als zu obszön betrachtet wurde. So konnte der durchschnittliche Franzose das Buch nicht lesen, und dass Ausländer und Touristen verdorben wurden betrachtete man als amüsant. „Die sieben Minuten“ ist für Leroux ohne literarischen Wert; nur zum Geldverdienen geschrieben und zur Anregung gelesen worden. Er berichtet auch, dass Jadway ihm sagte, das „dreckigste Buch“ schreiben zu wollen, „das jemals geschrieben wurde“ und er damit „Fanny Hill“ übertreffen wolle. „Die sieben Minuten“ schrieb er daraufhin innerhalb von 3 Wochen, während er sich mit Absinthe besoff. 1935 verkaufte sich der Roman sehr gut, ein Jahr später aber schlechter; nach der Indizierung durch den Vatikan gar nicht mehr. Anfang 1937 beging Jadway Selbstmord. Im Kreuzverhör stellt Barrett fest, dass Leroux nie direkt mit Jadway gesprochen hatte, sondern nur per Telefon und über Cassie McGraw, Jadways Lebensgefährtin. Vor vier Jahren gab Leroux schließlich seinen Verlag auf und verkaufte die Rechte an dem Buch, da er dessen zersetzende Wirkung fürchtete und es loswerden wollte, an Quandt. Barrett kann außerdem beweisen, dass Leroux deswegen das Geschäft mit der Pornographie aufgegeben hat, weil Sex heute leichter zugänglich geworden ist und man nicht mehr für das bezahlt, was man umsonst bekommen kann. Außerdem kann Barrett ältere Interviews mit Leroux vorlegen, in denen er sich stolz äußert „Sex und Erotik rehabilitiert“, „Sex frei und gesund gemacht“ und „Tabus zerschlagen“ zu haben. Leroux gibt nach dem Verhör ein Interview fürs Fernsehen, in dem er über die Familie Jadways berichtet, die nach der Veröffentlichung des Buches ebenfalls verfiel: Seine Schwester wurde wegen des Buchs Alkoholikerin, Sein Vater wurde krank und die Tochter von Jadway bestem Freund nahm sich das Buch zum Vorbild und wurde eine „Straßendirne“. Immerhin habe Jadway zuletzt ein Einsehen gehabt und in seinen Abschiedsbrief geschrieben: „Ich mußte es tun, um die Sünde zu büßen, die ich mit diesem Buch begangen habe“. Er erklärt weiterhin, dass Cassie McGraw nach Jadways Tod eine gemeinsame Tochter zur Welt brachte.

Der nächste Zeuge, der aufgerufen wird, ist Pater Sarfatti, ein Abgesandter des Vatikan. Er erklärt den Prozess, wie ein Buch grundsätzlich auf dem Index der katholischen Kirche landet und dass auch „Die sieben Minuten“ diesen üblichen Prozess durchlief. Jadway sei darüber hinaus von der Kirche damals auch überwacht und gebeten worden das Buch zurückzuziehen, was er jedoch ablehnte. Barrett kann im Kreuzverhör kaum Erfolge verzeichnen: Sarfatti ist der Ansicht, dass die Indizierung von heute harmlosen Büchern wie „Pamela“ von Samuel Richardson noch immer gerechtfertigt sind, da mehr Beachtung dieser kirchlichen Urteile die heutige „hemmungslose Unmoral“ verhindert hätte; sowie dass die katholische Kirche in ihren Urteilen nicht unfehlbar ist und deswegen auch die Schriften Galileis vom Index genommen hätte.

Der Literaturagent Ian Ashcroft ist der nächste Zeuge: Er hält „Die sieben Minuten“ für „schrecklich“, „unsittlich und unanständig, absoluter Schund“. Danach tritt der Meinungsforscher Harvey Underwood in den Zeugenstand, Barrett hakt im Kreuzverhör ein, dass es etwas wie einen „Durchschnittsbürger“ gar nicht gäbe und Menschen nicht wandelnde Mittelwerte sind. „Kleinbauern aus Mississippi und Angestellte aus einem kalifonischen Ballungsgebiet ergeben im Durchschnitt nicht einen Fabrikarbeiter aus Toledo“. Entkräftet wird Barrett von Duncan, da man davon sprechen kann, dass der durchschnittliche Amerikaner ein Radio besitzt, wenn 90 % und damit die Mehrzahl ein Radio besitzt. Anschließend wird eine „Durchschnittsfrau“ in den Zeugenstand gerufen, Anne Lou White, die der Meinung ist, dass „dieser Roman in den Mülleimer gehört“. Barrett stellt im Kreuzverhör fest, dass White „Peyton Place“, „Gottes kleiner Acker“, „Lady Chatterley“ und „In His Steps“ nicht gelesen hat, obwohl es 4 der 5 erfolgreichsten Bücher in den USA sind und die Durchschnittsfrau diese Bücher gelesen haben müsste. White meint aber, dass man nicht Gift trinken muss, „um zu wissen, dass es auch wirklich Gift ist“ und besteht darauf zu wissen, was obszöne Literatur ist und dass „Die sieben Minuten“ obszön ist! Barrett liest ihr daraufhin Stellen aus vier bekannten Büchern vor und White beurteilt erotische Stellen aus „A Sentimental Journey“ von Sterne, „Madame Bovary“ von Flaubert und Dreises „Schwester Carrie“ als nicht obszön, obwohl es sämtlich vom Vatikan indizierte oder in den USA früher verbotene Bücher waren, „Durch und durch obszön“ ist allerdings der vierte Text aus der Bibel, Genesis 38 – die Geschichte um Onan, die Barrett in einer modernen Übersetzung vorgelesen hat. Als White ihm vorwirft, er habe eine „schmutzige“ Bibelstelle vorgelesen, erklärt ihr Barrett, dass die Bibel nicht schmutzig ist und ein Buch nur als ganzes beurteilt werden kann, aber nicht durch zusammenhanglose Zitate. Das gelte auch für „Die sieben Minuten“! White wird nun gebeten, auf Wörter zu deuten, die sie in „Die sieben Minuten“ für besonders anstößig hält, sie deutet auf „fucking“. Barrett erklärt ihr dass das Wort aus dem Deutschen kommt und dort früher „stoßen“, „schlagen“ bedeutete. „Cock“, „Cunt“ und „Kondom“, auf die sie ebenfalls deutet, erklärt ihr Barrett auch, so z. B. dass auch Shakespeare das Wort „Cunt“ benutzt. In der Literatur sei es wichtig, jemanden darstellen zu können, der nicht nur „ja“ meint, sondern auch „ja“ sagt! Trotzdem beharrt White darauf, dass die Jugend vor diesen Ausdrücken geschützt werden muss und dass die Jugend diese Begriffe nur aus Büchern wie „Die sieben Minuten“ kennt. Barrett hält dagegen, dass Experten der Meinung sind, dass die Jugend diese Wörter benutzt, um zu provozieren und sich gegen das Establishment aufzulehnen, das sie für zynisch und heuchlerisch hält. Schließlich hält White auch eine Masturbationsszene zu Beginn von „Die sieben Minuten“ inhaltlich für obszön, Barrett erklärt ihr, dass die amerikanischen Durchschnittsmädchen und die durchschnittlichen verheirateten Frauen häufig masturbieren. Zuletzt wird der Literaturkritiker Paul Van Fleet aufgerufen, der das Buch als „obszön im übelsten Sinne des Wortes“ hält. Dabei erläutert Van Fleet auch eine Anekdote über Jadway aus dem Jahr 1939 – obwohl Jadway doch angeblich 1937 Selbstmord begangen hat…

Ein Literaturwissenschaftler nennt Barrett als Quelle für die anachronistische Anekdote Sean O´Flanagan, ein Name, der Barrett schon von dem Handschriftenfachhändler als Stammkunde genannt wurde. Es gelingt ihm, ihn zu treffen und er erfährt von ihm, dass er mit Jadway seit 1934 eng befreundet war. Bei der Anekdote sei ihm ein Irrtum unterlaufen. Barrett kann er jedoch zu einem Bild verhelfen, das ihn mit Cassie und Jadway zusammen zeigt und einen alten Brief von Judith McGraw, der Tochter, in dem sie ihre morgige Heirat ankündigt. Er muss jedoch kurz darauf feststellen, dass Judith Nonne geworden ist und die Heirat eine Vermählung mit Gott gewesen ist. Indessen erfährt er von seinem Mitarbeiter Zelkin, dass vor Gericht mittlerweile weitere Zeugen gehört wurden, die den schädlichen Einfluss von Literatur auf die Leser beschrieben, so z. B. Suetons „Leben der Cäsaren“ (ca. 120) und De Sades „Die 120 Tage von Sodom“ (1785). Danach kam Howard Moore zu Wort, der Vater des Vergewaltigungsopfers Sheri, der seine Tochter als die Reinheit in Person beschreibt. Hinzu kommt, dass Maggie Barrett nun in Bedrängnis bringt, da sie ihn bittet, Jerry, den mutmaßlichen Vergewaltiger, nicht ins Kreuzverhör zu nehmen – dafür verspricht sie ihm aber Cassie McGraw als Zeugin! Vor Gericht sagt Jerry aus, dass er Englische Literatur studiert und Bücher insbesondere deswegen liest, um etwas über sich selbst zu erfahren. Erotische Bücher liest er nicht und „Die sieben Minuten“ sei sein erster Kontakt mit erotischer Literatur gewesen und es habe ihn dazu gebracht anzunehmen, dass die meisten Frauen „nach Sex und Perversionen hungerten wie Cathleen, die Heldin aus Die sieben Minuten“. Sheri, die ihm bislang unbekannt war, fuhr er nach Hause und missbrauchte sie, obwohl sie Widerstand leistete. An genaue Details kann er sich jedoch nicht mehr erinnern – und Barrett verzichtet nun tatsächlich auf das Kreuzverhör.

Der Buchhändler Ben Fremont sagt nun im Zeugenstand aus, dass er „Die sieben Minuten“ nicht für obszön hält, sondern für ein „großartiges Röntgenbild weiblichen Denkens“ und für künstlerisch und gesellschaftlich wichtiger als die meisten anderen Bücher. Die Anklage kann aber deutlich machen, dass Fremont genau wusste, dass „Die sieben Minuten“ als „schmutzigstes Buch der Literaturgeschichte“ beworben wurde und es trotzdem verkaufte.
Phil Sanford als nächster Zeuge beschreibt, dass er das Buch deswegen verlegen will, weil es heute nicht mehr als grenzüberschreitend wahrgenommen wird und Moralgesetze im Zeitalter der Pille im Wandel begriffen sind. Der Literaturprofessor Hugo Knight sieht das Buch vor allem symbolisch, indem der Autor Sex gegen die 7 Todsünden einsetzt und jede der Minuten zum Orgasmus für eine Todsünde steht. Die Anklage macht ihn lächerlich, als sie Knight fragt, welche Symbolik er in dem Wort „cunt“ vermutet. Der Künstler Da Vecchi attestiert „Die sieben Minuten“ ebenfalls, große Kunst zu sein und der Oxfordprofessor Sir Esmond Ingram hält es für „hervorragend“ und meint: „Es gibt keine obszönen Bücher, nur obszöne Menschen mit obszönen Gedanken“.

Aufgrund ihrer Sympathien für Barrett wird Maggie nun aus dem Hause Griffith geworfen, weswegen sie verspätet und nur unter großen Schwierigkeiten an eine aktuelle Postkarte mit Cassies Adresse kommt, die sich in Frank Griffiths Besitz befindet und in der steht, dass Cassie es sich nicht vorstellen kann, dass „Die sieben Minuten“ einem Menschen schaden könnten, sowie, dass die Anregung zu dem Roman von ihr kam. Die Adresse führt Barrett in ein Pflegeheim, in dem eine Mrs. McGraw allerdings unbekannt ist. Als Barrett eine Belohnung verspricht, meldet sich einen Tag später eine Krankenschwester, die Cassie identifizieren konnte – Cassie heißt tatsächlich Katherine Sullivan, ist an den Rollstuhl gefesselt, senil und hat nur selten lichte Augenblicke. Als Barrett versucht, mit ihr zu sprechen, hat sie deren keinen. Die Schwester erzählt Barrett, dass Katherine jährlich zu ihrem Geburtstag von einem US-Senator Blumen geschickt bekommt. Barrett nimmt mit Senator Thomas Bainbridge Kontakt auf, der ihm erklärt, dass er und Jadway schon länger damit gerechnet haben, dass Barrett sie findet.

Derweil werden weitere Zeugen angehört: Eine Contessa Orsini behauptet, Jadway einmal auf einem Maskenball gesehen zu haben, die Anklage legt dar, dass die Contessa sich nicht sicher sein kann, dass Jadway wirklich hinter der Maske gewesen ist. Ein schwedischer Sexualforscher, Dr. Lagergren, hält die Darstellung in dem Roman für „eine genaue Darstellung der Gefühle und des Verhaltens der Mehrzahl aller Frauen“. Die Anklage hält Lagergren entgegen, dass die Mehrzahl der Frauen den Orgasmus in 1-6 Minuten erreicht. Lagergren räumt ein, dass Jadway hier von veralteten Forschungsergebnissen ausgegangen ist, die sexuellen Gefühle, die Jadway jedoch schildert authentisch sind. Eine Bibliothekarin als nächste Zeugin hält „Die sieben Minuten“ für sauber und literarisch wertvoll.

Barrett lernt nun Bainbridge kennen, zu dem gemeinsamen Treffen taucht Jadway jedoch nicht auf. Bainbridge erklärt, er und Jadway seien zusammen aufgewachsen und in der gleichen Studentenverbindung gewesen. Er erklärt weiterhin, dass er in Absprach mit Jadway die Briefe unter Barretts Namen erworben hat, um das Buch „Die sieben Minuten“ „sterben zu lassen“, damit die gesicherte Existenz Jadways nicht gefährdet würde, wenn sich seine Identität lüften sollte. Jadway war früher ein Idealist, heute jedoch ein Pragmatiker. Es war nach seinem Juraexamen, dass er nach Paris reiste, um sich dort selbstzuverwirklichen, jetzt aber ist er in seinen Anwaltsberuf zurückgekehrt und soll in wenigen Wochen an den Obersten Gerichtshof berufen werden. Deswegen wird Jadway nicht vor Gericht über eine seiner Jugendsünden aussagen und seine Karriere ruinieren; er hofft allerdings, dass sich in einer anderen Zeit das Buch von selbst rehabilitieren wird. Als Barrett Bainbridge verlässt entdeckter er, dass die Zeitungen gerade darüber berichten, dass Sheri Moore ihren Verletzungen erlegen ist.

Bainbridge reist nach Chikago, um Katherine zu treffen und um sie um Rat zu fragen, was er tun soll, doch Katherine erkennt weder ihn noch weiß sie, wer Jadway ist. Während nun Maggie versucht, Bainbridge zu einer Aussage vor Gericht zu bewegen, stellt Duncan sein Schlussplädoyer fertig, in dem es darum gehen soll, dass 50 % aller Jugendlichen Zugang zu pornographischer Literatur haben und Straffälligkeit und asoziales Verhalten sich aus der sexuellen Stimulation durch Pornographie ergibt und Mädchen in die Prostitution treibt und Männer unheilbar sexuell aggressiv werden lässt. Der Erste Zusatz der Verfassung, der die Redefreiheit garantiert, greift nicht, weil Obszönität ohne gesellschaftliche Bedeutung ist, zwischen 1842 und 1956 bereits 20 Gesetze gegen Obszönität dem Ersten Zusatz zum Trotz verabschiedet wurden – und da „Die sieben Minuten“ nichts weiter als obszön ist, greift der Erste Zusatz auch bei diesem Buch im speziellen nicht. Barretts Schlussplädoyer soll hingegen davor warnen, Zensoren jeden Gedanken an Sex verbannen lassen zu erlauben, da ein Mensch ohne Gedanken an Sex abnormal ist. „Ein Kunstwerk zu verbannen, weil es dazu anregt, über Sex nachzudenken, bedroht die Gesundheit unserer Gesellschaft“. Erotische Literatur kann den Konsumenten allenfalls dazu bringen zu masturbieren, ein harmloses Ventil, das ein Kriminalroman z. B. nicht besitzt. Barrett will auch Gershon Legman zitieren: „Mord ist ein Verbrechen. Die Beschreibung des Mordes ist es nicht. Sex ist kein Verbrechen. Aber die Beschreibung von Sex ist eins“. Dazu schreibt der Psychiater Robert Lindner, dass auch wenn sämtliche anstößige Literatur plötzlich verschwinden würde, Verbrechen, asoziales und unmoralisches Verhalten der Menschen dadurch nicht beeinflusst würde. Es würde keine bessere Welt und keine höhere Moral unter den Bürgern bewirken. Zudem weiß ein Zensor nicht, was für einen Menschen als Individuum gut oder schlecht ist. Platon wollte das Flötespielen verbieten, weil er meinte, die Flöte verdirbt den Charakter – heute absurd, aber muss das, was der Zensor für obszön hält, für jeden anderen Menschen auch obszön sein? Hinzu kommt die Frage, wie es dazu kommt, dass Zensoren die einzigen immunen Menschen sind – setzten sie sich doch wie kaum ein anderer Mensch Sex und Gewalt aus und werden in der Regel keine Gewaltverbrecher. Und ebenso werden auch private Sammler von pornographischen Schriften keine Gewaltverbrecher!

Maggie konnte nun Bainbridge von der Bedeutung des Prozesses überzeugen, und Bainbridge tritt in den Zeugenstand und verspricht Barrett, dass auch Jadway aussagen wird. Vor Gericht sagt Bainbridge aus, dass er „Die sieben Minuten“ besitzt und mehrmals gelesen hat und dass ihm bekannt ist, dass der Roman im Moment unter Anklage steht. Er hält den Roman nicht für obszön, sondern für „höchst moralisch“. Er erklärt, dass Jadway vermögend war und den Roman nicht des Geldes wegen geschrieben hat, er weder trank noch Drogen nahm. „Die sieben Minuten“ verfasste er, um sich zu befreien und sexuell zu gesunden – vor allem aber als Denkmal für Cassie McGraw, die ihm beibrachte, „was Liebe heißt“. Den Roman schrieb er auch für andere, um seine Leser von sexueller Angst, Scham und Schuld zu befreien – so auch Jerry Griffith, der gar nicht imstande ist, eine Erektion zu bekommen, sondern impotent ist. Auf die Frage, ob er neben Sachbüchern auch andere Romane geschrieben hat, antwortet Bainbridge, dass er unter seinem Pseudonym JJ Jadway ein Buch mit dem Titel „Die sieben Minuten“ geschrieben hat. Die Geschworenen urteilen nach Duncans Schlussplädoyer, dass Ben Fremont wegen des Verkaufs obszöner Gegenstände nicht schuldig ist.

Maggie klärt Barrett anschließend über Jerry Griffith auf: Er sei tatsächlich impotent und habe deswegen bereits einen ersten Selbstmordversuch unternommen, der, von dem Barrett ihn gerettet hatte, war der Zweite. Jerrys Impotenz ist nach Maggies Einschätzung in der strengen und diktatorischen Erziehung durch dessen Vater begründet. Als Jerrys Sexualität mit der Lektüre von „Die sieben Minuten“ geweckt wurde, ein Buch, dass er von ihr erhalten hatte, geriet er ausgerechnet an Sheri, eine Femme fatale. Das sexuelle Vorspiel war erfolglos und Sheri würde verletzend und wütend, sodass Jerry sich anzog, um zu gehen. Sheri wollte ihn nicht gehen lassen, Jerry wehrte sie ab, so dass sie mit dem Kopf gegen eine Tischkante stieß und wegen eines Schädelbruchs das Bewusstsein verlor. Jerry entschied sich, die Peinlichkeit impotent zu sein nicht öffentlich zu machen und lieber als Vergewaltiger ins Gefängnis zu gehen.

Bainbridge wird nun im Fernsehen ausführlich interviewt und erklärt dabei auch, dass der schlechte Ruf als Trinker und Selbstmörder auf Instruktionen von ihm zurückgehen, um seiner Familie zu verheimlichen, dass er der Autor von „Die sieben Minuten“ ist. Die Berufung ins Oberste Gericht wird er jetzt nicht mehr annehmen, obwohl der US-Präsident meint, dass die Fist Lady ihn jetzt interessanter findet. Barrett spricht mit Duncan, der noch immer der Ansicht ist, dass das Buch verboten werden sollte, da es nicht in ein „anständiges Haus gehört“. Barrett stellt Duncans Ansicht in Frage: „Sie sind der Meinung, daß alle Literatur und alle Ideen so beschaffen sein sollten, daß sie sich für einen zwölfjährigen Leser eignen?“ Zudem würden die Meisten auf die Frage, ob sie mehr „durch ein Theaterstück, ein Kino, ein Foto oder ein Buch“ angeregt würden, antworten: durch einen Mann/eine Frau. Zensur sollte nicht vom Staat, sondern von den Eltern ausgeübt werden! Während im Straßenverkehr der Staat den Rechtsverkehr vorschreiben kann, ist das bei Geschmacksfragen in der Kunst für den Staat unmöglich. Barrett will hingegen „die wahren Obszönitäten von heute“ bekämpfen: Dass man einen schwarzen Mann „Nigger“ nennt, jemanden, den man nicht mag, als „Kommunisten“ denunziert, Menschen verfolgt, weil sie anders denken, junge Männer dazu zwingt, in anderen Ländern Jugendliche zu ermorden (Vietnamkrieg) und die Todesstrafe. Außerdem die Überbetonung des Materialismus´, das Übersehen der Armut in einem reichen Land, das Abfinden mit Ungleichheit und Ungerechtigkeit, während man die Nationalhymne singt. Zu Hause findet Barrett eine Karte von Luther Yerkes, der ihn anwerben will – er zerreißt die Karte. Und nachdem er mit Maggie seine sieben Minuten hatte, will er mit ihr auch die achte, neunte, bis zur Millionsten Minute leben.



Inhalt des Films:

Der Polizist Frank Kellog stellt zusammen mit seinen beiden Kollegen dem Buchhändler Ben Fremont eine Falle: Als Inhaber des Argus Book Store verkauft er Kellog, der in Zivil bei ihm auftaucht, das seit 35 Jahren erstmals wiederaufgelegte bisher weltweit verbotene Buch „The Seven Minutes“ von J. J. Jadway. Das Verkaufsgespräch wird auf Tonband aufgenommen und Fremont wegen Verkaufs von obszönen Schriften festgenommen.

Der Anwalt Mike Barrett, der gerade mit seiner Freundin Faye Osborne schläft, erhält einen dringenden Anruf seinem Freund Phil Sanford, dem Verleger des Buches und bittet ihn, ihm und Fremont zu helfen. Fremont ist wegen eines ähnlichen Delikts schon einmal verhaftet worden, deswegen drohen ihm als Wiederholungstäter ein Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe. Obwohl ihm Faye daraufhin erklärt, dass ihr Vater nicht sehr erbaut darüber wäre, wenn er wüsste, dass er sich für ein so schmutziges Buch einsetzt; ebenso auch, dass sie mit ihm schläft, sucht Barrett den Staatsanwalt Elmo Duncan auf, um mit ihm einen Deal auszuhandeln: Keine Gefängnisstrafe, nur eine hohe Geldstrafe für Fremont; das Buch wird in Oakwood verboten und ist sonst weiterhin verkäuflich. Duncan bespricht das weitere Vorgehen noch mit dem „Königsmacher“ Luther Yerkes und anderen einflussreichen Persönlichkeiten, die Duncan dabei unterstützen, einen Kreuzzug gegen die Pornographie zu führen, aber noch auf den „großen Fall“ warten wollen, der „The Seven Minutes“ nicht ist.

Zur gleichen Zeit wird die Studentin Sheri Moore von George vergewaltigt, nachdem sein Freund Jerry Griffith es wegen seines „biologischen Problems“ nicht geschafft hat, mit ihr zu schlafen. Jerry fährt ihn anschließend nach Hause, George droht ihm, damit er schweigt; kurz darauf wird Jerry jedoch von der Polizei verhaftet, da man seine Ausweispapiere bei Sheri fand. Da in seinem Auto ein Exemplar von „The Seven Minutes“ gefunden wird, haben nun auch Yerkes und Duncan ihren „großen Fall“ und für Yerkes steht fest, dass der „normale, unschuldige Junge“ nicht schuldig an dem Verbrechen sein kann, auch weil sein Vater ein wichtiger Parteispender ist, sondern die Schuld an dem Verbrechen allein am Buch liegt. Die beiden sprechen auch persönlich mit Jerry, der keine Chance hat, seine Sichtweise „Ich hab´ sie nicht vergewaltigt“ zu erklären – Yerkes´ und Duncans Strategie seht schon fest.

Da der Deal zwischen Barrett und Duncan aufgrund der geänderten Tatsachen hinfällig ist, entscheidet sich Barrett jetzt endgültig, den Fall zu übernehmen, obwohl ihm Faye beim Sex danach fragt, ober er nicht lieber für ihren Vater arbeiten wolle. Er will Christian Leroux, der vor 35 Jahren in Paris das Buch verlegte, finden und stellt auch an der Universität Nachforschungen über Jerry an; dabei spricht er auch mit George, der abweisend und aggressiv reagiert. Duncan findet gleichzeitig Unterstützung bei der katholischen Kirche, da „The Seven Minutes“ auf dem Kirchenindex steht. Man plant, Pater Sarfatti aus dem Vatikan zu holen, da er in diesen Dingen eine Autorität ist.

Barrett besucht mit Faye eine Veranstaltung der „Strength through Decency League“ (SDL), wo Faye ihn mit ihrer Freundin Maggie bekannt macht. Kurz darauf erhält Elmo Duncan das Wort: „Vergewaltigung, Lust, Motorradgangs, Homosexuelle, lesbischer Sex, Drogenmissbrauch – was ist mit unseren Filmen passiert?“ Er beschwert sich, dass man seine Kinder nicht mehr ins Kino mitnehmen kann und Filme und Bücher nie zuvor so obszön wie heute waren. Als gutes Beispiel gegen den Trend nennt er die Filme der anwesenden SDL-Grand-Dame Constance Cumberland.

Yerkes inszeniert ein Interview mit Jerry und Familie fürs Fernsehen – Jerry will nicht sprechen und hat einen Nervenzusammenbruch vor der Kamera, was der Interviewer folgendermaßen kommentiert: „Das erste Mal in meiner Karriere bin ich sprachlos. (…) Doch wie viele Killer-Bücher sind in den Händen Ihrer Söhne und Töchter?“

Bei weiteren Ermittlungen am Uni-Gelände wird Barrett vom Vater Sheri Moores angebrüllt und niedergeschlagen. Später beobachtet Barrett auf einer Studentenparty, wie Jerry und George angeregt miteinander sprechen und Jerry schließlich flüchtet. Barrett verfolgt ihn und findet Jerry in seinem Auto, wo er gerade eine Überdosis Tabletten genommen hat, um sich umzubringen. Er rettet ihn, bringt ihn zu einem Arzt und informiert Maggie, die mit Jerry verwandt ist und im Griffith-Haus wohnt und arbeitet. Maggie reagiert erst abweisend auf Barrett, doch als sie erfährt, was er für Jerry getan hat, wird sie freundlicher und erzählt ihm sogar, dass sie „The Seven Minutes“ gelesen hat und es schön findet. Faye hingegen reagiert immer abweisender auf Barretts Erfolge und Pläne; und als Barrett ihr erklärt, dass er Mrs. Vogler sprechen möchte, die ehemalige Haushälterin im Hause Griffith, sagt sie ihm, dass es ihr unangenehm ist, dass man ihn mit solch „unwertem Müll“ assoziieren wird. Barrett ermittelt weiter und trifft den Sexfilmproduzenten Quandt, der eine Zeitlang die Rechte an „The Seven Minutes“ innehatte. Quandt kann ihm jedoch nur die Adresse von Adams Handschriften-Laden nennen, an den er einige Originalbriefe Jadway verkauft hat, als eine Polizeirazzia ihr Gespräch abrupt beendet. Als sich Barrett anschickt nach Chikago zu Adams zu fliegen, ruft Faye ihn in einer wichtigen Angelegenheit an; sie fährt ihn zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin erklärt sie Barrett, dass ihr Vater geschäftliche Beziehungen mit Griffith hat und dass deswegen ein Interview mit Vogler nicht in Frage kommt, Vogler sei eine „Psychopathin“. Daraufhin trennt sich Barrett von Faye, da er nicht ihres Vaters Marionette sein will, was Faye mit einem „Fahr zur Hölle!“ quittiert. Bei Adams muss Barrett feststellen, dass die Briefe bereits abgeholt wurden – von einem Mann, der vorgab, Barrett zu sein! Und zurück in seinem Büro wird er niedergeschlagen und von Maggie, mit der er sich verabredet hatte, gefunden und versorgt. Barrett weiß nun, dass seine Telefone abgehört werden. Yerkes erfährt sehr schnell, dass Barrett sich jetzt mit Maggie trifft, und während er, seine Freunde und auch Griffith sich gerade eine Heimkinoprojektion eines Quandt-Films ansehen besänftigt Yerkes Griffith, der Maggie deswegen rausschmeißen will.

Es beginnt nun die Gerichtsverhandlung unter dem Vorsitz des Richters Nathan Upshaw, über die auch das Fernsehen berichtet. Der erste Zeuge ist Frank Kellog, der Fremont identifiziert und erklärt, der Beschuldigte hätte angegeben, dass „The Seven Minutes“ das meistverbotene Buch der Welt sei, also gewusst habe, was er verkauft. Der zweite Zeuge ist das Buch selbst, das von dem schwarzen Highschool-Lehrer Charles Winter vorgelesen wird, obwohl Barrett dagegen Einspruch erhebt, da ein Buch dazu gedacht ist, im Stillen gelesen zu werden. Danach äußert sich der Buchhändler Van Fleet als nächste Zeuge über Jadway: Er habe nichts über Liebe gewusst und sah Sex als Wettbewerb an, um das weibliche Geschlecht zu erniedrigen und führt dazu als Quelle auch ein Buch eines Dr. Eberhard an. Christian Leroux, der seit 1933 die „Etoile Press“ in Paris besaß und 1935 „The Seven Minutes“ verlegte, erhält als nächster Zeuge das Wort. Das Buch ist nur in englischer Sprache erschienen, da die französischen Behörden eine Übersetzung als zu obszön verboten. Die 1. Auflage sei noch erfolgreich gewesen, die 2. nicht mehr und die Verkäufe endeten ganz, als der Vatikan das Buch verbot. Dies führt gleich zum nächsten Zeugen, Pater Sarfatti, der beteuert, dass die katholische Kirche demokratisch organisiert ist, da sie aus mehreren Ebenen besteht. Auf die Frage, ob etwas, das früher verboten wurde, heute aufgrund geänderter Zeitumstände erlaubt werden könne, antwortet er, dass er nicht befugt sei, die Frage zu beantworten, die Kirche aber aufgrund der „Unmoral“ von „The Seven Minutes“ auf jeden Fall der gleichen Meinung ist wie noch 1935.

Harvey Underwood als Zeuge sagt aus, dass das Buch anstößig auf einen Durchschnittsamerikaner wirkt und wird von Barrett mit der problematischen Definition eines „Durchschnittsamerikaners“ konfrontiert: Sind bei 51 % weiblichen Amerikanern alle Amerikaner im Durchschnitt weiblich oder „queer“? Als siebte Zeugin wird die „Durchschnittsamerikanerin“ Mrs. White vor Gericht gebeten, die sich für den Prozess dazu gezwungen hat, das Buch zu lesen, das sie „krank und obszön“ findet, da es nur „Sex und nichts weiter“ enthält. Im Kreuzverhör freut sich Barrett: „Mrs. White, Sie sind die erste Durchschnittsfrau, die ich je getroffen habe…“ und fragt sie, ob sie auch durchschnittliche Lesegewohnheiten hat, was sie bejaht, da sie viel liest. “. Barrett stellt fest, dass White „Peyton Place“, „Gottes kleiner Acker“, „Lady Chatterley“ und „In His Steps“ nicht gelesen hat, obwohl sich diese Bücher über 30 Millionen Mal in den USA verkauften. „The Seven Minutes“ hätte sie auch nicht gelesen, weil es so obszön ist und lehnt es ab, dass man sich grundsätzlich selbst eine Meinung über die Obszönität eines Buches verschaffen sollte: „Ich muss nicht Gift trinken, um zu wissen, dass es Gift ist.“ Gegen das Buch wendet sie ein, dass es Sex nicht umschreibt und zu direkt ist. Gebeten, auf die obszönen Wörter zu deuten, zeigt sie zuerst das Wort „Fucking“; Barrett erklärt, dass das Wort notwendig ist, da es unmissverständlich ist. Grundsätzlich sollte es „Autoren von Chaucer bis Jadway erlaubt sein, präzise Wörter zu verwenden, wenn sie realistisch schreiben“. White erklärt, dass sie sich nicht für die Vergangenheit interessiert, sondern für die Gegenwart, damit sie und ihre Jugend nicht untergeht wie in anderen Ländern.

Barrett ist bei der Vernehmung von Van Fleet ein Anachronismus aufgefallen, da Jadway 1937 gestorben ist, Van Fleet aber aus Dr. Eberhards Buch eine Anekdote vorgelesen hat, wo Jadway über Henry Millers „Im Wendekreis des Krebses“ aus dem Jahr 1939 sprach. Barrett sucht Dr. Eberhard auf, der erklärt, sich geirrt zu haben und verrät seine Quelle: Sean O´Flanagan. In einer Bar trifft er O´Flanagan, der erzählt, dass sich Jadway im Februar 1937 von einer Brücke gestürzt hat und ertrank. O´Flanagan ist als Alkoholiker jedoch unzuverlässig, auch weil er den 1. und den 2. Weltkrieg verwechselt. Der Prozess geht derweil weiter und Maggie berichtet Barrett darüber kurz: Die Anklage ist nun dazu übergegangen, den Zusammenhang zum Vergewaltigungsfall Sheri Moore herzustellen. Maggie bittet Barrett darüber hinaus, Jerry nicht ins Kreuzverhör zu nehmen; als Ersatz stellt sie ihm Cassie McGraw in Aussicht, die Lebensgefährtin Jadways vor 35 Jahren, da sich eine aktuelle Postkarte von ihr bei Griffith befindet.

Vor Gericht wird als achter Zeuge Jerry Griffith aufgerufen, der viel liest und auch „The Seven Minutes“ gelesen hat. Das Buch hat ihn nach dem Lesen nicht mehr losgelassen, er konnte nur noch an das Buch denken. Es hat ihn physisch erregt und er wollte Sex haben. Daraufhin ging er mit einem Messer bewaffnet zu Sheri Moore, um sie zu Sex zu zwingen, sie wehrte sich – an mehr könne er sich nicht erinnern. Er habe sich noch nie zuvor in seinem Leben so verhalten; auf die Frage „Glauben Sie, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen pornographischen Büchern und kriminellen Gewalttaten gibt?“ antwortet er den Tränen nahe: „Ich weiß nur, was mit mir geschah!“

Ben Fremont ist der nächste Zeuge und hält das Buch für Kunst, der Verleger Sanford hält danach das Buch nicht für obszön, sondern emotional berührend. Im Vergleich zu zeitgemäßen Standards sei es „mild“, denn „Filme zeigen Nacktheit, Sex, Oralsex, Masturbation, Homosexualität, lesbischen Sex – Standards haben sich geändert!“

Maggie wurde mittlerweile doch von Griffith rausgeschmissen und kann die Postkarte Cassies nicht bekommen, Barrett verursacht daraufhin einen Autounfall mit Griffith, um Maggie Zeit zu verschaffen, die Postkarte zu stehlen. Gegen den Unfallgegner verwendet Griffith ausgesprochen obszönes Vokabular… Barrett besucht Cassie nach Erhalt der Postkarte in einem Altenheim und muss feststellen, dass sie senil ist und nur selten lichte Momente hat. Eine Pflegerin erzählt ihm, dass sie noch jemanden hat, der ihr seit 5 Jahren immer wenn sie Geburtstag hat Blumen schickt. Barrett erfährt aus den Medien, dass Sheri ihren Verletzungen erlegen ist und Maggie macht das SDL-Mitglied Constance Cumberland als die Absenderin der Blumen für Cassie aus und spricht mit ihr. Cumberland erklärt, dass sie vor 35 Jahren in Paris war und Cassie ihre beste Freundin und Sekretärin war.

Obwohl nun bereits die Schlussplädoyers anstehen und Barrett in seinem die Normalität von Gedanken an Sex und die Abnormalität von Menschen ohne Gedanken an Sex betonen will, kann nun Constance Cumberland als elfte Zeugin aufgerufen werden. Cumberland ist seit 35 Jahren Schauspielerin und Mitglied bei der „Liga der Wählerinnen“, dem „Zentrum für emotional gestörte Kinder“ und der SDL, da sie der Meinung ist, dass Pornographie einen schlechten Effekt auf Jugendliche hat. Sie hat eine Autobiographie geschrieben und „The Seven Minutes“ hat sie mehrmals gelesen, zuletzt diese Nacht, obwohl sie weiß, dass das Buch unter Anklage steht, obszön zu sein. Sie schätzt das Buch jedoch nicht als obszön, sondern als „hochmoralisch“ ein. Da sie in den Schaffensprozess des Buches verwickelt war, weiß sie auch, dass der Autor des Buches nicht daran interessiert war, „Sex krankhaft schamlos darzustellen“. Sie erklärt, dass alles, was vor Gericht bisher über Jadway gesagt wurde, falsch ist, da Jadway diese Geschichten und seinen Selbstmord erfand, um sich zu schützen. Sie habe noch ein zweites Buch geschrieben, unter Pseudonym: „The Seven Minutes“ von J. J. Jadway. Sie erklärt die Themen und Symbole des Buches, in dem es darum geht, dass es einer Frau mit freier Sexualität gelingt, einen impotenten Mann zu heilen. Sie als Autorin fand ebenfalls ihren Frieden mit dem Verfassen des Buches und hofft das auch für ihre Leser. Jerry kann zudem von dem Buch nicht zu einer Vergewaltigung getrieben worden sein, da er impotent ist und keine Erektion bekommen kann.

Barrett gewinnt den Prozess und hat anschließend in einem Parkhaus ein Gespräch mit Duncan: Dieser ist noch immer davon überzeugt, dass pornographische Bücher gefährlich sind. Barrett weißt ihn darauf hin, dass bei einem Verbot streitiger Bücher nur noch Bücher für 12jährige Leser geschrieben werden könnten. Duncan ist uneinsichtig und will die Pornographie weiter bekämpfen – und solange Duncan das tut, will Barrett ihn bekämpfen.

Maggie schläft eine Siegesfeier vor, als Barrett einwendet, dass er nichts starkes trinkt, höchstens Coca-Cola, erklärt ihm Maggie, dass sie an etwas viel gesünderes gedacht hat. Zu Hause finden sie ein Anwerbungsschreiben von Luther Yerkes vor, dass Maggie Barrett vorliest. Gemeinsam werfen sie es ins Kaminfeuer und verbringen zusammen die „nächsten sieben Minuten“.



Review:

Gleich nach dem an der Kasse überaus erfolgreichen „Blumen ohne Duft“ (1970) durfte Russ Meyer Irving Wallace´ Roman „Die sieben Minuten“ für die 20th Century Fox verfilmen; seine Letzte von drei Studioproduktionen (die Erste war „Fanny Hill“, 1964). Stars aus anderen Meyer-Filmen sind diesmal etwas rarer gesät: Edy Williams aus „Blumen ohne Duft“ spielt Faye und Yerkes´ Gespielin Baby Doll wird von Shawn Devereaux dargestellt, die in der Dokumentation „Europe in the Raw (1963) schon zu sehen war. Ansonsten gibt es Uschi Digard in einer Kleinstrolle und Charles Napier als Iverson, ebenfalls eine sehr kleine Rolle; dafür aber Tom Selleck („Magnum“, 1980-1988) als Sanford. Martin Bormann ist auch wieder dabei, wenn auch nur kurz und als Butler des teuflischen Yerkes… Eigentlich wollte Meyer nach „Blumen ohne Duft“ einen Horrorfilm drehen und verstand das spontan am Set entstandene gewalttätige Ende des Films als Übung dafür. Die Fox bot ihm jedoch an, „Die sieben Minuten“ zu verfilmen; die Rechte an dem Buch an dem Buch waren sehr teuer und Irving Wallace wurde eine werkgetreue Verfilmung zugestanden, die dieser auch überwachte. Meyer filmte etwa 24 Stunden verwertbares Material, was weit über dem Durchschnitt liegt – und um möglichst viel davon zu verwenden konzentrierte er sich mehr als zuvor auf seinen Stil des Stakkatoschnitts, den er bisher nur Szenenweise, z. B. beim Höhepunkt von „Eve and the Handyman“ (1961) und in „Megavixens“ (1970) notgedrungen einsetzte, der bei „The Seven Minutes“ aber durchgängig ist; kaum eine Einstellung dauert länger als 4 Sekunden.

„The Seven Minutes“ ist eine weitgehend werkgetreue Verfilmung eines 560-Seiten-Romans von Irving Wallace aus dem Jahr 1969. Wallace begann als Drehbuchautor und schrieb den Western „Mit der Waffe in der Hand“ (Raoul Walsh, 1953) und den Kriegsfilm „Die Hölle von Dien Bien Phu (David Butler, 1954), überwarf sich jedoch mit Hollywood aufgrund der Arbeitsbedungen und konzentrierte sich ab Ende der 50er Jahre aufs Schreiben von Romanen, von denen wiederum mehrere verfilmt wurden („Der Chapman-Report“, George Cukor 1961; „Der Preis“, Mark Robson 1963) Seine Romane gelten als besonders gut recherchiert und so wartet auch „Die sieben Minuten“ mit einer Vielzahl von Zitaten auf, mit denen sich Richter, Politiker, Psychologen und Literaturwissenschaftler über Sexualität, Pornographie, Meinungsfreiheit und Jugendschutz äußern. Trotzdem ist „Die sieben Minuten“ kein Professorenroman, sondern überaus unterhaltsam, temporeich und spannend. Eine Verfilmung muss leider grundsätzlich das Ausbreiten von Fakten verkürzen um nicht zu lang und langweilig zu geraten und sich mehr auf die Handlung konzentrieren; Russ Meyer fand hier einen Kompromiss indem er extrem temporeich erzählt und es ihm so gelingt, viele Fakten zur Zensurdiskussion aus dem Buch darzustellen und gleichzeitig einen eher konventionellen Anwaltskrimi zu inszenieren, der allerdings an einer für den Regisseur typischen Schwäche krankt: Aufgrund dessen, dass Russ Meyers gesamtes sonstiges Werk dem Erotik- und Exploitationgenre zuzuordnen ist und nicht dem klassischen Erzählkino, interessiert sich Meyer kaum für eine ausgewogene Figurenzeichnung, die gerade, um dem Zuschauer eine Identifikationsmöglichkeit mit Barrett zu bieten, für „The Seven Minutes“ nötig gewesen wäre. „The Seven Minutes“ strapaziert zumindest streckenweise die Geduld des Zuschauers nicht wegen des Übermaßes an gezeigter Zensurdiskussion, sondern weil Russ Meyer der falsche Regisseur war, um klassisches Spannungs- und Erzählkino zu schaffen.

Trotzdem war Meyer mit seinem ganzen Herzblut bei der Sache und schätzte den Film als „den wichtigsten und besten Film, den ich je gemacht habe“ ein. Und das lag an folgender Situation: Charles Keating war in den 50er bis 90er Jahren ein einflussreicher Anwalt, Banker und Anti-Pornographie-Kreuzzügler – 1956 schloss er sich einer katholischen Hinterwälder-Priester-Initiative gegen Pornographie an, eines Typus´, der im mahnenden Priester in „Lorna“ (1964) bereits von Meyer aufgenommen wurde und wo den Mahnungen des Priesters keine Beachtung geschenkt wird, sondern einfach vorbei- und weitergefahren wird, hin zum Ort des Unheils und der Sünde. 1958 gründete Keating die „Citizens for Decency through Law“ (CDL) , die mit 100 000 Mitgliedern größte Anti-Pornographie-Organisation der USA und auf die Wallace und Meyer mit der SDL (siehe Inhaltsbeschreibungen) anspielen. Mr. Clean, wie Keating genannt wurde, finanzierte und produzierte 1965 den Film „Perversion for Profit“, in dem er Produzenten von Sexfilmen, -magazinen und -büchern vorwarf gar nicht so sehr von Kommunisten unterwandert zu sein um die USA zu zerstören, sondern rein aus Profitgier den Zerfall der USA voranzutreiben, weil die Erzeugnisse in den Händen von Kindern und Jugendlichen landen und sie verderben; ebenso argumentiert die „Durchschnittsfrau“ Mrs. White, insbesondere im Film und auch Duncan in seiner Rede vor Publikum im Buch! Nachdem besonders Meyers Filme „Lorna“ und „Mudhoney“ (1965) in den USA gebietsweise verboten wurden und Meyer deswegen bis zum Fall des Hays-Codes 1968 harmlosere Filme ohne Nacktheit inszenierte, wagte er ab „Null Null Sex“ (1968) mehr – und mit Vixen (1969) trat schließlich Mr. Clean auf den Plan: 2 Tage nach der Erstaufführung in Ohio lies der „Vixen“ beschlagnahmen und gerichtlich verbieten. Da Keating und die CDL erfolgreich Einfluss auf die Berichterstattung, die Staatsanwaltschaft und die Gerichte ausüben konnten, bekam Meyer von Richter Simon L. Leis Sr. die objektive richterliche Wahrheit zu hören: Er sei ein „Krebsgeschwür der Gesellschaft“, „infiziere die Gesellschaft mit einer Krankheit, die sie tötet“. Ähnlich äußern sich Kardinal MacManus und Pater Sarfatti im Buch und die Durchschnittsfrau Mrs. White in Buch und Film. „Vixen“ ist bis heute in Ohio verboten; Keatings neuer Hauptgegner nach Russ Meyer wurde Larry Flynt und in Milos Formans „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ (1996) wurde Keating würdig von James Cromwell dargestellt. Keating verursachte in den 80er Jahren eine Bankenkrise, da er insbesondere von Profitgier getrieben Regeln und Gesetze nicht beachtete und zu 151 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, von denen er weniger als die Hälfte absaß. Den USA kostete das 3,6 Milliarden Dollar. Doch setzt schon vor Formans Film „The Seven Minutes“ Keating ein Denkmal, wenn auch im übertragenen Sinne: Der diabolische Luther Yerkes, der zum Filmende Barrett via Überblendung aus den Flammen des Kaminfeuers heraus das Angebot macht, seiner „Seite“ beizutreten, und der im Film grundsätzlich und im Schlussdialog im Parkhaus wesentlich fanatischer als im Buch agierende Duncan stehen für Keating und seinen „Kreuzzug“. Und wenn Barrett auf Duncans Beschluss, die Pornographie weiterzubekämpfen antwortet „Und so lange werde ich Sie bekämpfen“ ist es wohl Meyer selbst, der hier spricht!

Buch wie Film konfrontieren den Leser und Zuschauer mit vielfältigen Argumenten für und wider die Pornographie, die im Sinne Wallace´ und Meyers nicht unbedingt Hardcore sein muss, sondern auch eine vergleichsweise harmlose erotische Darstellung sein kann. Da beide eine sexuell liberale Grundeinstellung vertreten sind die Argumente der Gegenseite weniger überzeugend und im Buch im Falle des Gebets, das Kardinal MacManus Duncan vorspricht, grotesk. Richtig starke Argumente gegen „Obszönität“ und für deren Verbot fehlen jedoch: Man könnte auch argumentieren, dass eine Gesellschaft in allen Belangen ihres Zusammenlebens einen Konsens braucht. Gesetzt, ein Briefträger ist am ganzen Körper tätowiert und betrachtet seinen Körper als Kunstwerk – würde man wollen, dass dieser Briefträger jedem Kunden nackt seine Post zustellen darf? Oder befürwortet man Zensur, also eine Bekleidungsvorschrift? - - In der Rechts- wie auch der Protestpraxis unserer westlichen Gesellschaften können Minderheiten oder auch Mehrheiten gegen staatliche Zensur aufbegehren und damit einen neuen gesellschaftlichen Konsens herstellen, da es keine vernünftigen Gründe für Zensur gibt, wenn die gesellschaftliche Mehrheit sie nicht will. Und anders herum: Beinahe jeder ist für Zensur von Medien, die nicht dem gesellschaftlichen Konsens entsprechen, z. B. folgenden Liedtext der Skinheadband „Landser“: „Irgendwer wollte den Niggern erzählen, / sie hätten das freie Recht zu wählen. / Das haben sie auch: / Strick um den Hals / oder Kugel in den Bauch.“ – Die Meisten werden den Text zensieren oder verbieten wollen, da diesem Text der gesellschaftliche Konsens fehlt; deswegen gibt es in unserem Staat einen Zensurparagraphen, der Volksverhetzung verbietet. Aber wenn man Liedtexte, die zum töten von „Niggern“ auffordern verbietet, müsste man auch Hip-Hop-Texte, die das Erschießen von Polizisten propagieren verbieten – doch schon hier gibt es eine große Minderheit von Hip-Hop-Hörern, die diese Aufforderung als satirisch überspitzt, Kunst und nicht ernst gemeint darstellt und bewirkt, dass die Texte anders bewertet werden als volksverhetzende. Obszönität, um zum Grundproblem von „Die sieben Minuten“ zurückzukehren, lässt sich nicht definieren, da es von der Wahrnehmung einer gesellschaftlichen Mehrheit abhängt, die sich permanent ändert. „Sie ist alles, was Obrigkeit Ärgernis gibt“ (Bertrand Russell: Wissen und Wahn).


Fazit:

Trotz vieler für Russ Meyer typischer Stilmittel aufgrund der klassischen Erzählweise und der wenig exploitativen Herangehensweise an den Film für Meyer-Fans eher uninteressant; sehr interessant aber für alle, die sich mit der Zensurdiskussion befassen wollen!


Wertung:

7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 13.10.2017 14:39 
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Macho Man 2 – Davide Grisolia

(Deutschland, 2017)

27.9.201; Kino (Cinecitta Nürnberg: Filmpremiere; OV; 1,85:1)



Inhalt:

Der Karatechampion Andreas und der Boxer Danny sind auch nach über 30 Jahren befreundet, werden allerdings von der jüngeren Generation an Sportlern nicht mehr ganz ernst genommen. Als sie während eines Trainingslaufes pausieren vernimmt Andreas die Hilfeschreie einer Frau, die sich den Zudringlichkeiten eines Mannes erwehrt und schlägt ihn nieder, muss aber sogleich feststellen, dass die Situation einvernehmlich war und es sich bei dem Niedergeschlagenen um den Yogalehrer Sophies, dem vermeintlichen Opfer, handelt. Im Krankenhaus lädt Andreas die Beiden als Wiedergutmachung zum Fight of the Night ein.

Derweil machen sich finstere Italienisch-russisch-türkische Organhändler auf in die Frankenmetropole Nürnberg, verlieren jedoch alle Organe in ihrem Kleinbus, als der russische Fahrer Sascha kurz von vorbeilaufenden Chicas abgelenkt wird, ihnen zujohlt und mit dem Wagen von der Straße abkommt. Trotz dem Verlust und obwohl das Auto explodiert ist, findet Sascha die Situation nicht besonders schlimm, da „Nürnberg eigentlich ganz schön“ ist. Ersatz versuchen sie im nahegelegenen Krankenhaus zu finden, wo sich just Andreas, Dany und deren gemeinsamer Freund Markus befinden. Letzterer wird bei dem Versuch, die Organhändler zu stellen, niedergeschossen, woraufhin – ohne Zweifel fähiger als die Polizei – Andreas und Dany ohne zu tändeln die Ermittlungen aufnehmen, auch nicht davor zurückschrecken, unkooperativen Informanten „a Schelln“ anzudrohen, sogar Ruggero Deodato befragen und schließlich den Schlingeln immer dichter auf die Pelle rücken.

Da die Organhändler dumme Organhändler sind, haben sie im Krankenhaus jedoch nur Schweineherzen erbeutet. Unerwartete Hilfe erhalten sie von dem irren wie hasserfüllten Arzt Dr. De Masi, dessen Vorschlag, die Organe lebenden Sportlern zu entnehmen, bei Finsterling Azhar Zustimmung findet. So werden beim Fight of the Night nach und nach unauffällig 12 Kämpfer ab- und ausgeschlachtet; Polizei und Medien rufen daraufhin die Bevölkerung Nürnbergs zur Mithilfe auf – und Andreas und Danny lassen sich da natürlich nicht lange bitten. Doch Azhar gelingt es, Sophie, mit der Andreas mittlerweile eine Affäre begonnen hat, zu entführen und behandelt sie ganz entgegen dem morgenländischen Gebot: Mit einer Blume nur zu schlagen ein Frauenbild, nicht sollst du wagen!, - Keine Frage, Azhar ist kein Macho Man, sonst würde er Sophie behandeln wie Andreas, der sein „Schnuffi“ schließlich aus dessen Fängen rettet und Azhar zeigt, wo der Bartel den Most holt. Nach einer bewegenden Trauerfeier für Markus müssen Andreas und Danny nur noch die Frage klären, ob Boxen oder Karate der bessere Sport ist.


Review:

32 Jahre nach „Macho Man“ (1985) und nach etwa 3 Jahren Vorbereitungs- und Drehzeit ist nun „Macho Man 2“ erschienen, wieder mit den damaligen Stars Peter Althof und René Weller, hinter der Kamera jedoch mit gänzlich anderer Besetzung. Der Spielfreude Althofs mitsamt dem amüsanten Drehbuch, das treffsicher mit dem richtigen Timing inszeniert wurde verdankt man es, dass der Zuschauer über den ganzen Film hinweg merkt, dass der Film mit viel Herzblut gemacht wurde und man sich über die ganze Laufzeit des Films gut unterhalten fühlt. – Das war beim ersten Teil nicht so! „Macho Man“ verdankt seinen Kultstatus viel mehr dem Unvermögen, eine etablierte Filmsprache und –dramaturgie zu nutzen und verwendet z. B. zwei Drittel seiner Laufzeit für die Exposition, den 1. Von 3 Akten; sowie dem Campcharakter der 80erjahremode, deren Wirkung sich dem zeitgenössischen Zuschauer wohl noch nicht in seiner Fülle offenbarte, jetzt jedoch desto mehr für Eighties-Feeling sorgt. Da die Autoren und der Regisseur der Fortsetzung wussten, dass „so ein 80erjahre Machoscheiß“ nicht mehr zieht, legte man diesmal mehr Wert auf ein Drehbuch, das seine klassische Heldenreise witzig und temporeich erzählt – und damit völlig entgegen dem ersten Teil, ohne sich aber über diesen lustig zu machen oder den Zuschauer ärgerlich zu stimmen, weil man sich etwa zu weit vom Ur-Macho-Man entfernt habe. So gibt es 2 Videoclipartige Szenen, eine Bordellszene und eine Liebesszene zwischen Andreas und Sophie, die man als zu lang und unpassend kritisieren könnte, allerdings genau die Anti-Funktionalität der Breakdanceszene mit Tony Dasson-Harrison (Captain Hollywood) übernehmen. Und die Liebe zwischen Andreas und Sophie wird ebenso schwach wie unfreiwillig komisch erzählt wie die Liebesgeschichten im ersten Teil.

Obwohl laut Davide Grisolia die Technik neben dem Alter der Helden den Unterschied zum ersten Teil ausmachen und der Trashcharakter und die Kultelemente desselben übernommen wurden, finden sich in der Fortsetzung diverse klassische Trashstilelemente: So gibt es einen Vorspann und in diesem Vorspann ist der jeweilige Filmcharakter zu sehen, während man den Namen des Darstellers liest, und die Filmmusik erinnert teils an den Score Brad Fiedels zu „The Terminator“ (1984). Andererseits ist die Kameraarbeit ganz in unserer Zeit verankert und keineswegs so verwackelt, wie es der Trailer zum Film befürchten lies: In den Szenen der „Fight-of-the-Night“ ist jeder Boxschlag so inszeniert, als würde die Kamera ebenfalls von einem Schlag getroffen werden.

Großartige Szenen, wie die mit dem verrückten Arzt Di Masi, der 12 Fight-of-the-Night-Kämpfer einerseits blutig, andererseits slapstickartig tötet und deren Organe ausschlachtet hätten leicht daneben gehen können bei geringerem Inszenierungstalent und leicht zu brutal geraten können; und jene mit Saschas Diskussion mit dem Tankwart oder die selbstironisch-traurige Rede von Pfarrer Bembers lassen sich nur mit „Schnuffis“ Worten beschreiben: „Ey, mit dir machd mer echd was mid, aber es macht Spaß“.


Fazit:

Ob sich um „Macho Man 2“ wie um den ersten Teil ein Kult bilden wird, wird sich wie beim ersten Teil wohl erst in 1-2 Jahrzehnten herausstellen, wenn der Camp des Jahres 2017 sich einer neuen Sehgeneration offenbart.


Wertung:

7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 24.10.2017 18:39 
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Vixen – Ohne Gnade, Schätzchen! – Russ Meyer

(USA, 1968)

Februar 2003, VHS (Warner Vision, DF, 1,33:1)
20.10.2017, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, 1,37:1, stark gekürzt)
23.10.2017, DVD (Arrow, OV, 1,33:1)



Inhalt:

In British Columbia lebt Tom mit seiner attraktiven Frau Vixen in einem einsamen Gebiet, das nur via Flugzeug zu erreichen ist. Während Tom als Pilot sich sein Geld damit verdient, US-amerikanische Touristen zu fliegen und bei sich zu Hause zu beherbergen, nutzt Vixen die Gelegenheit für Seitensprünge, z. B. mit einem Mountie, mit dem sie in freier Natur Sex hat. Als sie ihm zeigt, dass er für sie nur ein Abenteuer war, reagiert er wütend: „You cold Bitch!“

Wenig später trifft sie auf ihren jüngeren Bruder Judd, der an seiner Jeansjacke NS-Symbole trägt, und dessen Freund Niles, der aus den USA nach Kanada geflohen ist, um dem Kriegsdienst in Vietnam zu entgehen: „Wenn mein Land mich beschützt, beschütze ich es auch“ meint der rassisch diskriminierte schwarze Niles später – Vixen kann ihn nicht ausstehen, da sie ihn für einen Feigling hält und sich vor Schwarzen grundsätzlich ekelt und nennt ihn „Bimbo“, „Schwarzwurzel“ und „Schornsteinfeger“..

Tom bringt zwei neue Touristen in sein Domizil, den Anwalt Dave und seine Frau Janet. Bei einer abendlichen Feier simuliert Vixen bim Tanzen einen Blowjob mit einer Forelle, um Dave anzuheizen und schläft später mit ihrem Mann, während es bei Dave und Janet im Bett gerade nicht so gut klappt, da Janet befürchtet, Dave wolle sie mit Vixen betrügen. Am nächsten Tag führt Vixen Dave an ein einsames Plätzchen, wo man besonders gut fischen kann, verführt ihn und schläft mit ihm; gleichzeitig versucht Janet Tom zu verführen und zeigt ihm ihre Brüste; Tom jedoch widersteht ihr: „Miss Janet, ich bin Ihr Pilot, Gastgeber und Angelkamerad, aber nicht Ihr Ersatzliebhaber. … Machen Sie Ihre Bluse zu, ich habe schon genug zu bewältigen!“. Er glaubt auch nicht, dass Vixen ihn betrügt, er vertraut ihr. Bei der nächsten Gelegenheit verführt Vixen Janet, als die beiden Männer frühzeitig zurückkehren, brechen sie ihr Liebesspiel ab und Janet schläft mit Dave.

Nachdem Vixen Niles erneut rassistisch beleidigt und dieser klarstellt, dass er keine weißen Mädchen vergewaltige, sondern die weißen Mädchen ihn aufgrund seiner Vorzüge wollen, verführt Vixen ihren Bruder unter der Dusche. Als Judd ihr nahelegt, auch mit Niles zu schlafen, reagiert sie mit Abscheu. Von Judd angestachelt, versucht Niles gleich darauf, sich Vixen mit Gewalt zu nehmen, doch da kommt Tom zurück. Judd warnt Niles rechtzeitig und bedroht Vixen, damit sie nichts verrät.

Tom bringt den Iren O´Bannion mit, der versucht, Niles für den Kommunismus zu gewinnen. Er möchte Niles nach Kuba fliegen lassen, wo alle Menschen gleich sind und man keine rassistischen Vorurteile kennt. Als Tom mit Vixen zusammen O´Bannion zurück in die USA fliegen will und O´Bannion möchte, dass Niles mitkommt, weigert sich Vixen, mit Niles in einem Flugzeug zu sitzen und beschimpft ihn erneut rassistisch als „Boy“ und „Spuk“. O´Bannion zeigt sich entsetzt und meint: „Rassismus ist eine Krankheit, die die ganze westliche Welt einstürzen lassen wird!“ Niles darf mitfliegen; später versucht nun wie geplant O´Bannion das Flugzeug zu entführen, um sich nach Kuba abzusetzen. Vixen verdächtigt sofort Niles als Mitwisser und O´Bannion, der wieder von den Vorzügen der Gleichheit in der kommunistischen Welt schwärmt, erhält von ihr die Antwort: „Some of your kind are a bit more equal than others, Mr. O´Bannion!“. Niles hat nun auch von O´Bannions Phrasen genug und äußert, dass er sich endlich einmal für seine Interessen, nur für sich einsetzen will, worauf Vixen kontert: „Ja, du bist ein Prinz aus dem Kongo“ – sie reizt ihn und wiegelt ihn gegen O´Bannion auf, bis dieser „Shut up, Nigger!“ brüllt und damit zeigt, dass unter seiner Fassade der Gleichheit ebenfalls Rassismus schlummert. In diesem Moment schlägt Tom ihn mit einem Schraubenschlüssel nieder, doch Niles kann die Waffe ergreifen und versucht nun, Tom zum Umkehren nach Kanada zu bewegen, wofür jedoch das Benzin nicht mehr reicht. Vixen reizt Niles noch mehr „Sie sind ein dummer Hund, wie alle Ihre Stammesgenossen! … Sie Hottentotte!“, und stellt klar, dass wenn er Tom erschießen solle, sie nicht das Steuer übernimmt, um ihn zu fliegen. Als Niles unsicher wird, besänftigt sie ihn, und sie und Tom ermöglichen ihm auf dem US-amerikanischen Flughafen die Flucht, während sie O´Bannion den Behörden übergeben. Ein neues Touristenpärchen nähert sich dem Flugzeug, um ein paar schöne Tage in British Columbia zu verbringen, was Vixen erwartungsvoll zu einem so begeisterten wie diabolischen Lächeln reizt.


Review:

Während es für Vincene Wallace (Janet) die einzige Rolle in einem Russ-Meyer-Film war, konnte man Erica Gavin nach „Vixen“ noch in „Blumen ohne Duft“ (1969) sehen, Gavin würde wie viele andere Darstellerinnen Meyers im Stipclub „The Losers“ entdeckt und erfreute das Publikum mit ihrer überaus starken Ausstrahlung und Attraktivität leider nur in 5 Filmen, bevor sie sich insbesondere aus psychischen Gründen ganz von der Schauspielerei zurückzog. Dabei ist Gavin eine der schönsten Darstellerinnen, die je in einem Russ-Meyer-Film spielten, entspricht vom Typ und der Frisur her Alaina Capri aus „Die liebestollen Hexen“ und „Good Morning… and Goodbye“ (beide 1967), besitzt jedoch wegen ihrer nach oben geschminkten Augenbrauen etwas charmant-diabolisches – Vergleiche zu Vulkaniern aus der zeitgleich bei NBC ausgestrahlten Serie „Star Trek“ drängen sich auf, wo man mit Spocks spitzen Augenbrauen ebenfalls satanische Assoziationen wecken wollte.

„Vixen“ wird manchmal als erster Teil einer Vixentrilogie bezeichnet, der Film hat allerdings bis auf den Namensbestandteil „Vixen“ nicht mehr mit „Supervixens“ (1975) und „Beneath the Valley of Ultravixens“ (1979) gemein, als er auch mit „Good morning… and Goodbye“ gemein hat: „Vixen“ bedeutet neben „Füchsin“ auch „zänkisches Weib“ und ist im Zusammenhang mit der Filmhandlung als eine Femme fatale zu deuten, die nicht mit Sex und Intrigen Männer für ihre sinisteren Pläne, sondern aggressiv Männer zur Befriedigung ihrer sexuellen Lust benutzt – etwas, das auch auf Angel aus „Good morning… and Goodbye“ und andere Heldinnen Meyers zutrifft. Russ Meyer wollte mit dem Vixencharakter nun auch Frauen ansprechen, nachdem er seine bisherigen Filme als reine Männerfilme sah, und konzipierte Vixen so, dass sich auch Frauen von ihrer sexuellen Freiheit und Ausgelassenheit inspiriert fühlen konnten. Edy Williams, Meyers spätere Ehefrau, meinte dazu: „Vixen ist mein Favorit. Ich glaube, dass jede Frau, die den Film gesehen hat, inspiriert ist auszugehen und den ersten Mann zu befriedigen, den sie sieht.“ Gleichzeitig sieht Russ Meyer in der Figur der Vixen die Verwirklichung des amerikanischen Traumes: „Eine Frau ohne Prinzipien, aber mit einer gierigen Pussy.“.

Oberflächlich betrachtet ist der Film aufgrund seines scheinbaren Rassismus schwierig. Vixen betrachtet Niles aufgrund seiner Hautfarbe als ekelhaft, meint, er stinke, nennt ihn „Boy“ und „Spuk“, außerdem aufgrund seiner Flucht aus den USA wegen seiner Verpflichtung zum Vietnamkrieg „Hasenfuß“. Aufgrund ihrer Nymphomanie haben ihre aggressiv vorgetragenen Provokationen manchmal auch einen sexuellen Unterton, den sie allenfalls unabsichtlich einsetzt, da sie mit deutlichem und lautem Abscheu reagiert, als ihr Bruder ihr Niles als Liebhaber empfiehlt. Näher betrachtet muss man jedoch feststellen, dass Meyer in seinen Filmen von Beginn an Symbole und Allegorien verwendet, z. B. Raketenstarts für den Orgasmus oder die Erektion und Ölpumpen für Sex in „Eve and the Handyman“ (1961). Russ Meyer geht völlig zurecht davon aus, dass in der amerikanischen Gesellschaft viele Menschen Angst und Vorurteile vor Schwarzen oder Menschen anderer Rasse haben, und diese sich natürlich auch auf die Sexualität und die Partnerwahl auswirken. Bei einer Frau wie Vixen, die sexuell so aggressiv wie selbstbewusst und lebenslustig ist, legt er diese rassistischen Vorurteile nicht in einer gesteigerten Angst an, sondern als eine gesteigerte rassistische Aggression. Dass der Film lediglich diese Verbindung aufzuzeigen versucht und nicht etwa rassistische Propaganda vertritt, zeigt sich zuletzt an der Charakterisierung Niles´: Seine Motive bleiben stets nachvollziehbar, sowohl, was seine Flucht aus den USA, als auch den – natürlich grundsätzlich abzulehnenden – Vergewaltigungsversuch, den Vixens Bruder Judd provozierte, betrifft.

„Vixen“ wurde der erste Film in den USA, der das Siegel X-Rated bekam, was sich auf die zahlreichen Sexszenen zurückführen lässt, die sogar „Null Null Sex“ (1968) übertreffen und neben heterosexuellen auch lesbischen und inzestuösen Sex zeigt. Zahlreiche Anzeigen von Einzelpersonen und Sittlichkeitsvereinen waren die Folge und aufgrund der Hexenjagd Charles Keatings ist „Vixen“ bis heute in Cincinnati verboten (siehe meine Review zu „The seven Minutes“: http://dirtypictures.phpbb8.de/american-cinema-f38/the-seven-minutes-russ-meyer-t10406.html). Die Doppelmoral der Staatsmacht verarbeitete Meyer bereits in seinem nächsten Film „Megavixens“ (1969) und setzte sich in der Verfilmung des Romans „Die sieben Minuten“ von Irving Wallace intensiv mit der Zensurdiskussion und der Meinungsfreiheit auseinander.

Katastrophal fällt bei „Vixen“ die Synchronisation aus. Im Kino 1970 um ca. 11 Minuten gekürzt, findet sich in der deutschen VHS- und DVD-Fassung eine komplette Synchronisation, die Teile der alten Synchrofassung behält, aber auch vieles neu einsprechen lies. Christian Brückner ist glücklicherweise noch komplett als Niles zu hören, während umgekehrt die Rolle der Janet komplett neu von Manuela Renard synchronisiert wurde. Viel schwerer wiegt aber, dass sowohl in der gekürzten Fassung mit der Ursynchronisation als auch in der ungekürzten neuen Fassung der Inhalt des Filmes völlig entstellt wurde. So wurde der Name Vixens in Vicky und der Judds in George geändert, George ist nicht mehr Vixens Bruder, sondern ein Angestellter Toms, was die Sexszene zwischen Vixen und Judd weniger skandalös macht, und O´Bannion überredet Niles nicht mehr dazu, sich mit ihm nach Kuba abzusetzen, sondern Kokain zu schmuggeln und an Schwarze zu verkaufen, da der Absatz größer ist, wenn das auch ein Schwarzer macht. Wenn die Beiden das Flugzeug entführen, erfährt man als Zuschauer der deutschen Fassung nur noch das, was man zuvor schon gehört hat, nämlich die Absicht von O´Bannion, Kokain zu schmuggeln, während sich in der Originalfassung eine interessante, spannende und sich zuspitzende Diskussion über die angeblichen Vorteile des Kommunismus entwickelt, an deren Gipfel Niles erkennt, dass auch in dieser Welt der Gleichheit hinter der Fassade Rassismus lauert. Dass O´Bannion in den meisten seiner Szenen musikalisch mit dem russischen Lied „Poljuschko Pole“, zu deutsch „Feldchen, mein Feldchen“, auch bekannt als „The Red Cavalry March“, untermalt wird, ist in der deutschen Fassung nicht mehr verständlich.


Fazit:

Der Film lebt von seiner nicht nur ausgezogen überaus anziehenden Titelfigur und seiner temporeich und ernsthaft erzählten Handlung. Unbedingt in der Originalfassung ansehen!


Wertung:

8,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 26.10.2017 17:26 
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Megavixens – Russ Meyer

(USA 1970)

Herbst 1993, TV (RTL, DF, 1,33:1, falsches Bildformat)
Februar 2003, VHS (Warner Vision, DF, 1,33:1, falsches Bildformat)
19.10.2017, Kino (Kommkino Nürnberg, DF, 35mm, 1,85:1)
24.10.2017, DVD (Arrow, OV, 1,33:1, falsches Bildformat)



"Wen interessiert Schauspiel und Charakterentwicklung, wenn man Nippel sehen kann, die sogar auf Satellitenfotos erkennbar sind?"
Russ Meyer über Uschi Digard



Inhalt:

Harry ist ein korrupter US-Polizist, der an der Grenze zu Mexikos dem örtlichen Drogenbaron Mr. Franklin beim Schmuggel von Marihuana in den „weichen, verwundbaren Unterleib Arizonas“ behilflich ist. Harry ist liiert mit der Krankenschwester Raquel, während sein Gehilfe, der Latino Enrique, mit Cherry zusammenlebt, die auch als Prostituierte arbeitet. Der bettlägerige Franklin verlangt von Harry, sich um „den Apachen“ zu kümmern, da dieser auf eigene Faust Geschäfte macht und Harry „Recht und Ordnung“ durchsetzen und ihn aus dem Weg raumen soll. Raquel, die ihm zuvor zu Diensten war und ihm einen Blowjob geleistet hatte, schmeißt er raus, verärgert, auch weil sie Champagner auf seinem Bett verschüttet hat. Harry nimmt sie mit, da er ohnehin zu Raquels Mann Enrique muss, und als er sie nicht ranlässt, beschwert sie sich: „Seit wann bist du Vegetarier?“ Harrys Frau Cherry möchte sie auch einmal vorgestellt werden, doch Harry mag es nicht, „wenn´s Weiber mit Weibern treiben, das ist unamerikanisch.“ Raquel gelingt es schließlich doch, mit Harry Sex im Auto zu haben.

Mit Enrique fährt Harry in die Wüste, um dort dem Apachen aufzulauern und verrät seinem mexikanischen Helfer, dass er „eine anstrengende Nacht“ hatte, eine Anspielung auf Raquel, die Enrique versteht. Der Apache wird auf die beiden Aufmerksam und lockt sie in einen Hinterhalt, bei der Schießerei wird er jedoch verletzt, kann aber fliehen. Harry meldet sich wegen „einer Erkältung“ krank, zu Hause schläft er mit seiner Frau Cherry, einer „Briten-Pussy“. Diese entdeckt, dass Harry mit Raquel fremdgegangen ist, worauf sie erfreut reagiert und Raquel auch gerne kennenlernen möchte. Danach haben Cherry und Harry erneut Sex in der Wüste. Harry schickt seine Frau später zu Franklin ins Krankenhaus, den sie mit einem Schwamm wäscht, sich auf ihn setzt und ihn massiert, danach kümmert sie sich um die schwarze Millie, die ebenfalls Patientin in einem Nebenzimmer ist und hilft ihr beim Duschen.

Franklin drängt Harry nun zur Eile und möchte, dass Raquel ihn nachmittags besucht, die gerade mit Enrique schläft. Harry schickt ihn dringend in die Silbermine, die ihnen als Versteck für die Drogen dient, und schläft mit Raquel, die anschließend Franklin besucht, aber feststellen muss, dass der Apache ihn blutig ermordet hat. Zudem hat er in der Silbermine die Drogen erbeutet und Enrique, der ihn zunächst jagt, wird selbst zum gejagten – er stirbt, als der Apache ihn mit seinem Wagen überfährt.

Während sich nun Cherry und Raquel kennenlernen, zusammen Marihuana rauchen und sich in einem Akt lesbischer Liebe vereinigen, kann Harry den „Grenzlandhippie“, wie er den Apachen nennt, ausfindig machen, und vereinigt sich mit ihm nach einem Katz-und-Maus-Spiel blutüberströmt im Tod.



Review:

„Megavixens“ bietet in seinem Cast zwei bedeutende Neuzugänge von Schauspielern, die sich ikonisch in das Zuschauerbewusstsein eigeprägt haben, wenn man an einen Russ-Meyer Film denkt: Charles Napier, noch am Anfang seiner Filmkarriere stehend, ließ seine Burt Lancester übertreffenden Zahnreihen noch dreimal blitzen: Er spielt kleinere Nebenrollen in „Blumen ohne Duft“ (1970) und „The seven Minutes“ (1971) und kehrt in einer erneuten männlichen Hauptrolle als Polizist in „Supervixens“ (1975) zurück. Und zum ersten Mal darf Uschi Digard ihre gewaltige und wohlgeformte natürlich gewachsene Oberweite als „Soul“ vor Meyers Kamera präsentieren; sie ist neben einem Cameo in „The seven Minutes“ in einer größeren Nebenrolle als „Supersoul“ in „Supervixens“ zu sehen und in der gleichen Rolle, jedoch ungleich kürzer, in „Im tiefen Tal der Superhexen“ (1979). Für Larissa Ely und Linda Ashton, die Raquel und Cherry spielen, blieb „Megavixens“ der einzige Film ihrer Karriere. Als Schauplatz wurde eine Wüstenlandschaft mit phallisch aufragenden Felsen ausgewählt, die ähnlich schon in „Coogans größter Bluff“ (1968) zu sehen war, dessen erste Minuten eine wichtige Inspirationsquelle für die Bildsprache des Films und den „Apachen“ sind.

Mit 90000 Dollar war „Megavixens“ Meyers bis dahin teuerster Film, und auch er entwickelte sich zu einem großen Erfolg, bis 1979 spielte er das 100fache seiner Produktionskosten ein. Heute allerdings gilt der Film als einer der unbedeutenderen Meyers – zu unrecht, da der vielgescholtene wirre Handlungsaufbau sich bei genauem Hinsehen eher als meyertypisch und sehr passend entpuppt. Viele Gerüchte gibt es, um die angeblich fehlerhafte Erzählweise zu entschuldigen: Große Teile des Filmmaterials wären im Labor beschädigt worden – mal durch einen Wasserschaden, mal durch Fehlbelichtungen – und Linda Ashton habe die Filmproduktion vorzeitig verlassen, wodurch nicht alle geplanten Szenen mit ihr verwirklicht werden konnten. Deswegen seien die Szenen mit „Soul“ hineinmontiert worden, um dem Film einen psychedelischen Anstrich zu geben und von der unvollständig erzählten Handlung abzulenken, ja diese selbst psychedelisch wirken zu lassen – völliger Unsinn!

Wie aus meiner Wiedergabe des Inhalts hervorgeht ist der Film schlüssig und konsequent zu Ende erzählt, dabei gliedert sich der Film in 3 Akte mit einem Prolog, einem Epilog und 2 Intermezzi. Die drei Akte zeigen, wie Harry von Franklin beauftragt wird, den Apachen zu jagen und die anschließende Jagd, bei der er entwischen kann.
Es folgt Franklins Drängen zur Eile, den Apachen schnell zur Strecke zu bringen, das Auffinden des ermordeten Franklins durch Raquel, mit der Harry vorher Sex hatte und der Tod Enriques durch den Apachen. Zuletzt das Finale, in dem sich Harry und der Apache im Tod, Cherry und Raquel in Liebe vereinigen.
Prolog und Epilog klären die allgemeinen menschlich-allzumenschlichen Situationen um Drogenschmuggel, Moral, Sinn des Lebens, Meinungsfreiheit und Zensur, die Intermezzi zeigen sinnvoll sich aus der Handlung ergebende Sexszenen. Diese sind es vermutlich, die den Film in den Augen mancher Zuschauer wirr werden lassen, denn sie verlangsamen die Narrative ähnlich einem Jess-Franco-Film, doch sie sind plausibel eingesetzt und verleihen dem Film tatsächlich etwas psychedelisch-tripartiges – wiederum ähnlich einem Film des spanischen Sexploitationmeisters.

Im Prolog hören wir einen Erzähler, der Marihuana als gefährliche Einstiegsdroge brandmarkt und vor dem Weg ins Verbrechen sowohl der Dealer, als auch der Konsumenten warnt und diese zudem als „Potheads“ vorstellt. Im Ergebnis seiner Handlung, gerade im Finale, ist es jedoch das ach so teuflische Marihuana, das Raquel und Cherry sich zu „größten Höhen aufschwingen und gähnendste Schluchten überqueren“ und ihre „königliche Vorliebe“ nach außen wenden lässt, im Gegensatz zu jenen mit „fantasielosen, konventionellen Gelüsten“. - - Es wird oft in der Literatur behauptet, Meyer sei erzkonservativ gewesen und habe sowohl Homosexualität, als auch Drogenkonsum und Beatmusik abgelehnt. Trotzdem zeigt er zumindest weibliche Homosexualität rundum positiv betont in seinen Filmen und Beatmusik besonders in „Blumen ohne Duft“. Auch sein Ausspruch, Sex abseits der Missionarsstellung sei unamerikanisch führt er in seinen Filmen ad absurdum. Es drängt sich somit vielmehr die Vermutung auf, dass Meyer sich lediglich konservativ gab, um seinen Kritikern und Zensoren den Wind aus den Segeln zu nehmen...

Der Film beginnt folgerichtig mit einem Text, in dem die Zensur verurteilt wird. Russ Meyer hatte mit seinem letzten Film „Vixen“ (1968) aufgrund seiner Sexszenen um eine polygame Frau, die sich auch der gleichgeschlechtlichen und inzestuösen Liebe hingibt, massive Probleme mit Sittlichkeitsvereinen, die ihn wegen Verbreitung von Obszönität anzeigten – bis 1971 landeten 100 Anzeigen auf Meyers Tisch!. Aus diesem Grund prangert Meyer an, dass konservative Kräfte in den USA „den menschlichen Körper schlecht und die Liebe obszön“ nennen. Sie bevormunden ihre Mitmenschen, indem sie „bestimmen, was wir ungefährdet lesen und sehen dürfen“ und „glauben, diejenigen von uns beschützen zu müssen, die sie als schwach und labil eingestuft haben.“ Er empfiehlt ihnen, „ihre Entscheidungen für sich selbst zu treffen, denn kein Mensch hat das Recht, für einen anderen zu entscheiden.“ In seinem Film „The seven Minutes“, dessen zugrundeliegender Roman von Irving Wallace aufgrund der gleichen Missstände geschrieben wurde, liefert Meyer trotz größter Werktreue einen sehr persönlichen Kommentar gegen diese Praxis (Rezension von Film und Buch hier: http://dirtypictures.phpbb8.de/american-cinema-f38/the-seven-minutes-russ-meyer-t10406.html).

Wegen der zahlreichen negativen Erfahrungen mit der Staatsmacht wird ab „Megavixens“ die Charakterisierung der Personen metaphorischer: Der Staat mit seinen Zensurbestrebungen, seiner Sexualfeindlichkeit und Bevormundung findet seine Entsprechung in der Doppelmoral christlicher Fundamentalisten, in schlagstockbewehrten Polizisten und Nazis. In diesem Film ist es der Polizist Harry, der sich gegenüber Raquel zu beginn auch ähnlich äußert, wie Meyer über die Missionarsstellung: Lesbischer Sex „ist unamerikanisch“ – etwas, das mit Sicherheit auch die Anzeigen gegen den Film „Vixen“ als Streitpunkt enthielten. Während der Schlusstext Harry als einen gescheiterten Jedermann entschuldigt, prangert er die Raffgier Franklins, eines Frauenhassers im schlimmsten Hal-Hopper-Sinne („Mudhoney“, 1964) im Gegenzug an und Cherry und Raquel werden als zwar „oberflächliche, aber absolut unerlässliche (Frauen) für unseren Way of Life, sei er nun Realität oder Einbildung“ bewundert.

Russ Meyer führt mit den meist sehr kurz gezeigten filmischen Einsprengseln um „Soul“ die Rolle der Hexe, gespielt von Haji, aus „Good morning… and Goodbye“ (1967) fort. Hier heilt die Hexe, ein „Naturwesen“ mit ihren Zauberkräften einen impotenten älteren Mann, der unter der Aggressivität seiner polygamen Frau Angel leidet, in einem sexualmagischen Ritual und mit Hilfe eines Zaubertranks, wodurch er im Konflikt mit einem Nebenbuhler seinen Mann stehen und seine Frau überzeugen kann. „Soul“ spiegelt als eine Art Seele der Wüste die Leiden, Gefühle, Wünsche und Erlebnisse der Protagonisten wider, indem sie z. B. blutbesudelt an einem Fels lehnt, nachdem der Apache verwundet wurde, sexuelle Erregung zeigt, wenn andere gerade Liebe machen, oder indem sie an einem Daumen nuckelt, während angedeutet wird, dass eine Krankenhauspatientin vaginal mit einem Finger untersucht wird und gleichzeitig Harry einen Wagenheber mit langen Stangen benutzt. Sie ist ebenfalls als Telefonistin in freier Natur zu sehen, wo sie die Kommunikation der Hauptpersonen ermöglicht, die miteinander sprechen wollen; „Soul“ spricht dabei englisch, schwedisch und deutsch, was darauf verweist, dass Sex eine für alle Menschen mögliche und funktionierende Kommunikationsart ist.


Fazit:

Stark unterschätzter Film, der ausgesprochen gut unterhält und Meyers Frühwerk mit seinem Spätwerk verbindet.


Wertung:

8 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 28.10.2017 21:14 
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Black Snake – Russ Meyer

(USA 1973)


Februar 2003, VHS (Warner Vision, DF, 1,75:1, falsches Bildformat, gekürzt)
20.10.2017, Kino (Kommkino Nürnberg, DF, 2,35:1, gekürzt)
26.10.2017, DVD (Arrow, OV, 2,35:1)



„Was soll dieser Mist, Russ? Wo ist die Braut mit den großen Titten?“
Frage eines Zuschauers an Russ Meyer auf dem Dallas Film Festival



Inhalt:

Auf der Insel San Cristobal herrscht Lady Susan Walker über die letzte Bastion der Sklaverei, nachdem England sie abgeschafft hat. Der Adelige Sir Charles Walker lässt sich unter falschem Namen nach San Cristobal auf Susans Blackmore-Plantage empfehlen, um dort den Verbleib seines verschollenen Bruders Jonathan Walker, der mit Susan verheiratet war, aufzuklären.

Dort angekommen, muss er feststellen, dass Lady Susan mit eiserner Faust und schwarzer Peitsche über die Sklaven herrscht. Dabei behilflich sind ihr der Ire Joxer und Captain Raymond Daladier, ein französischsprechender Schwarzer, der zusammen mit seinen berittenen Soldaten Sonderrechte genießt, da seine „Vorfahren … Könige“ waren, wie er meint – woraufhin Susan ihn sofort verbessert: „Sklavenhändler“. Zwischen Joxer und Daladier herrscht Rivalität, da Joxer als Zuckerrohrproduzent besser bezahlt wird. Daladier nennt ihn „eine weiße Ratte, eine Missgeburt mit weißer Haut“. Charles gerät sofort in eine Hatz auf einen entlaufenen Sklaven, der schließlich die Flucht ins Meer sucht, wo er von einem weißen Hai gefressen wird; er bemerkt, dass es unter den Sklaven brodelt und dass der schwarze Prediger Isiah seinen Sohn Joshua stets besänftigen muss, damit dieser keinen Aufstand anzettelt. Auch Captain Daladier belauscht die Sklaven später bei einer nächtlichen Besprechung und stellt klar: „Irgendwann werdet ihr sicher gewisse Freiheiten bekommen, und wenn nicht ihr, dann doch sicher eure Kinder. Aber solange das noch nicht ist, wollen wir, wir alle, an dem gemeinsamen Ziel arbeiten.“ Damit meint er den wirtschaftlichen Erfolg Lady Susans – „Es ist nun mal so, dass ihr zum Leiden geboren seid, und ihr solltet euch damit abfinden!“ Als Daladier weg ist, meint Joshua zu seinem einmal mehr alle beschwichtigenden Vater: „Mein Gott ist nicht dein Gott, alter Mann. Mein Gott hat nämlich Eier!“

Als Charles Joxer vorsichtig nach seiner Lordschaft, Sir Jonathan, befragt, erhält er von ihm keine Auskunft, stattdessen macht Joxer ihn mit einer schwarzen Sklavin bekannt: „Cleone, du Samenräuber, trab´ mal an, ich will dir deinen neuen Boss zeigen“ – „Wollen sie mit mir vögeln, Massa?“ Später vögelt er sie tatsächlich und spricht sie ebenfalls auf Jonathan an. Cleone erklärt ihm, er sei jetzt ein Geist, ein Mann, der gestorben ist, aber noch nicht weiß, dass er tot ist – da unterbricht die beiden Daladier, der seine Ohren überall hat.

Auf der Plantage kommt es zu einem Unfall, als sich Isiah versehentlich eine Machete tief in den Oberschenkel schlägt. Joxer verlangt von den bestürzten Sklaven, dass sie weiterarbeiten, und als Charles ihn verarzten will, meint er: „Er ist nicht mal mehr sein Fressen wert!“ Später lernt Charles endlich Lady Susan kennen, die ihn nach einer kurzen Vorstellung nach oben bittet: „Sie dürfen mich jetzt küssen“. Allerdings stellt sie klar: „Sie können nicht mich haben und diese Negernutte!“ Da unterbricht sie der volltrunkene Joxer, der Charles erklärt: „Vielleicht wird sie Ihnen auch die Eier abschneiden, so, wie sie es bei ihrem vierten Mann (Jonathan) getan hat.“ Als Susan mit ihrem Finger andeutet, dass Joxer einen kleinen Schwanz hat, stürzt er sich wutentbrannt auf sie und vergewaltigt sie, dabei taucht auch der „Geist“ Jonathan auf, ein wahnsinnig gewordener Hühne, der jedoch flieht, als Charles ihn beim Namen ruft. Als Charles ihm hinterher läuft und versucht mit ihm zu sprechen, belauscht sie abermals Daladier, der jedoch das kleine Geheimnis um Charles´ wahre Identität für sich behält.

Am nächsten Tag ist alles wieder beim Alten, auch Joxer beaufsichtigt wieder die Sklaven und erklärt Charles Susans Nachsicht: „Hier kommt´s nicht drauf an, wie gut Sie vögeln, sondern wie gut Sie sich bei den Niggern durchsetzen“. Als er den verletzten Isiah zur Arbeit zwingen will, setzt sich Joshua für seinen Vater ein, mit dem Resultat, dass Susan, die hinzukommt, beide auspeitscht. Als Charles interveniert peitscht sie auch ihn: „Wenn ein weißer Mann auf Blackmore ausgepeitscht wird, wird er von mir ausgepeitscht!“

Wieder in ihrem Domizil will Susan gerade in ihre Wanne steigen, als sie darin erschrocken eine Schlange vorfindet und entdeckt Joshua, der auf der Flucht aus ihrem Garten gerade von Daladier festgehalten wird: „Ich schlag dir die Kinnlade weg, wenn du nicht das Maul aufmachst! (...) Du Niggersau, ich schneide dich in Stücke!“ Lady Susan will aber nicht, dass er sofort getötet wird: „Es ist zu milde, ihn nur zu töten; wenn man will, dass sie vor Angst verrückt werden, dann muss man sich schon was ganz besonderes einfallen lassen. Eure verfluchten Missionare haben euch zu Gott-errette-uns-Christen gemacht und eure verfluchten schwarzen Schädel vollgestopft mit Worten wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Gnade“ – Joshua: „Honky Whore!“ – Sie schlägt ihn – „Sein einziger geliebter Sohn, das ist er doch…“ Brüllend: „Kreuzigt den schwarzen Bastard!“ Joshua wird daraufhin auf freiem Feld an ein Andreaskreuz geschlagen, Charles, der Susan als wahnsinnig bezeichnet und sich entsetzt, dass sie „die Rolle des Pontius Pilatus“ spielt, wird niedergeschlagen. Als Joshua nach drei Tagen immer noch lebt befiehlt Susan Joxer, ihn am Kreuz auszupeitschen, doch Joxer scheint Skrupel zu haben. Daraufhin säuselt sie: „Bitte, Joxer – für mich“; als sie ihm erklärt, dass Daladier Charles gefangen genommen hat, verfliegen seine moralischen Bedenken, doch genau in dem Augenblick stirbt Joshua. Susan treibt Joxer an: „Los Joxer, er kann es noch spüren!“ und Joxer peitscht ihn, während er meint, dass er tot ist und nichts mehr spüren könne.

Als Susan die Hinrichtungsstätte verlässt, beginnt der Sklavenaufstand unter der Führung Isiahs, und zuerst bringen sie Joxer in ihre Gewalt, der sich erbärmlich rauszureden versucht. Es folgen Daladiers Soldaten, die alle gehängt werden, und auch Daladier, der zuvor noch Charles im Kerker erklärt hatte, dass er es war, der seinem Bruder Zunge und Schwanz abgeschnitten hat, wird mit Macheten von den Freiheitskämpfern zerhackt, seine letzten Worte sind „Schmutzige Nigger!“ Gleichzeitig befiehlt Susan Cleone, ihr ein Bad, „diesmal ohne Schlange“ einzulassen – diesmal befindet sich keine Schlange in ihrer Wanne, sondern der vom Kreuz abgenommene Joshua. Sie versucht zu fliehen und muss feststellen, dass an ihrer Gartenmauer Joxer brutal ausgepeitscht wird. Als sie die Sklaven bezähmen will, erklärt ihr der Prediger: „Deine Sünden sind so scheußlich, dass selbst der Teufel sich abwendet!“

Jonathan befreit inzwischen Charles und stellt sich anschließend vor, mit Glocken zu läuten, während er die baumelnden Soldaten Daladiers schaukelt. Charles versucht, die Sklaven zu beruhigen, doch der Prediger erklärt: „Wir tun hier nur SEin Werk. (…) Glauben Sie denn wirklich, GOtt ist weiß? ER ist so schwarz wie ich.“ – Susan: „Was für ein Geschwätz!“ – Charles: „Es gibt vor Gott nicht weiß oder schwarz!“ – Susan: „Black and white together? – Never! (…) Das Einzige, was sie respektieren, ist die Peitsche!“ Da taucht Jonathan auf, den Susan mit einem Gewehr erschießt, als er auf sie zustürmt. Nun will Charles sie wutentbrannt umbringen, da ruft Isiah: „Holt sie euch!“ Sie ergreifen Susan, Isiah sieht seinen Sohn, der – als Geist? – ihn unverwandt anblickend an ihm vorüberläuft und tötet Joxer mit einer Machete, während er spricht: „Das Licht der Sündigen soll für immer verlöschen, und der Funke seines Feuers soll nicht mehr leuchten.“ Susan wird kopfüber an ein Andreaskreuz gehängt und über Stroh verbrannt. Charles, der sie vor Gericht sehen will, ruft vergeblich: „Ihr seid Verbrecher, ihr seid genauso dreckige Mörder wie sie! (…) Wer gibt euch das Recht zu töten? / Stop this murder!“



Review:

Russ Meyer hatte bereits seit „Blumen ohne Duft“ (1970) vor, einen Horrorfilm zu drehen, leider wurde daraus nichts. Stattdessen drehte er nach seinem zweiten und letzten Hollywoodfilm „The seven Minutes“ (1971) für 400 000 Dollar einen Independentfilm, den man im weitesten Sinne dem Blaxploitationgenre zuordnen kann und der ein Ausnahmefilm in Meyers Werk ist, da es nur sehr wenig Sex gibt, dafür mehr Gewalt und auch der Humor weitgehend fehlt. Den Grund erklärt Meyer lapidar damit, dass, seitdem es Pornos gibt, mit Sex kein Geld mehr zu machen sei, stattdessen sei jetzt Gewalt Mode. Trotzdem drehte Meyer mit „Black Snake einen Film, der typischer für ihn ist, als oberflächlich betrachtet auffällt. So wie in den meisten seiner übrigen späteren Filme Sex in allen erdenklichen Stellungen gezeigt wird, so dass selbst Kamasutraerprobte noch etwas dazulernen können, ist es in „Black Snake“ der Tod, der in allen erdenklichen Grausamkeiten auf die Leinwand gebannt wird. Und so wie in Meyers Filmen seit „Megavixens“ (1970) die Staatsgewalt oder das Establishment meist als Feind der menschlichen Liebe und Sexualität dargestellt wird – in „Megavixens“ beugt sich ein an sich lebensfroher Polizist einem menschenfeindlichen Drogenbaron, um Profit zu machen – so zeigt „Black Snake“ wie es aussieht, wenn die Staatsgewalt uneingeschränkt walten kann. Der Film fügt sich so auch in die Zensurkritik ein, die Meyer seit „Megavixens“ immer wieder thematisiert und die Zensurdiskussion in der Verfilmung von Irving Wallace´ Roman „Die sieben Minuten“ in den Vordergrund stellte. Denn Lady Susans Ausspruch „Black and white together? – Never!“ lässt sich sinngemäß durchaus aus dem Mund so manchen Zensors vernehmen, der sich gegen gemischtrassigen Sex oder auch nur Küsse in Film und Fernsehen wehrte.

Damit „Black Snake“ ein so kraftvolles und flammendes Plädoyer für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Gnade werden konnte, nutzte Meyer das kontrastreiche Schildern des Leidens der von Lady Susan Unterworfenen – das schließt Weiße wie Charles und seinen Bruder Jonathan ein – und dem Sadismus der Unterdrücker. Symbol des Leidens ist bereits das erste Bild, das der Film zeigt, ein Andreaskreuz. Entliehen ist es wohl weniger der S/M-Szene, als der historischen Bedeutung in der christlichen Kunst, in der Andreas, einer der 12 Apostel, auf einem X-förmigen Kreuz zu Tode kam und dabei zusätzlich gefoltert wurde. Trotzdem soll er vom Kreuz herab noch 2 Tage gepredigt haben. In „Black Snake“ wird Joshua, der Sohn eines Predigers unter den Sklaven, wegen eines Mordanschlags auf die Sklavenhalterin an ein Andreaskreuz gefesselt und stirbt am dritten Tag, unmittelbar vor seinem Tod betet er. „Joshua“ ist zudem eine Namensvariante von Jesus, der bekanntlich auch gekreuzigt wurde, wenn auch nicht auf einem Andreaskreuz, und der nach 3 Tagen des Todes auferstanden ist. Die Auferstehung wird in „Black Snake“ während des Sklavenaufstands gezeigt, wenn Isiah, der Vater Joshuas, den ihn anblickenden und an ihm vorübergehenden Sohn bemerkt. Die Grausamkeit der Lady Susan hat wiederum zwei Vorbilder: einerseits sollte der Film ursprünglich eine Verfilmung des Romans „The White Witch of Rosehall“ (1929) von Herbert G. De Lisser werden, wo es bei der titelgebenden Hexe um eine Sklavenhalterin namens Annie Palmer geht, die in Montego Bay, Jamaica eine Plantagenbesitzerin war, 3 Ehemänner umbrachte und schließlich selbst von einem Sklaven ermordet wurde. De Lisser erfand die Geschichte, mittlerweile ist sie in Jamaica jedoch zur Sage geworden. Gemeinsames Vorbild für Annie Palmer und Lady Susan Walker dürfte jedoch vielmehr die Figur der Juliette von Marquis De Sade sein. De Sade schildert in „Juliette“ (1796), sowie in unterschiedlich ausführlicher Form in den 3 Justine-Romanvarianten, wie Juliette, der tugendhaften Justine Schwester, mit 14 eine Bordellkarriere beginnt und mit 20 den Grafen Lorsange ehelicht und ihn später ermordet; es folgen noch 2 Morde, um Geld zu erben. Lady Susan wird im Film als ehemalige Prostituierte beschrieben, sie selbst spricht über ihre Vergangenheit, sie sei ein „saublödes Vorstadtmädchen“ gewesen, das einen „dreckigen Zuhälter“ geriet, von ihrem ersten Mann, der sie „für ein reines Feldblümchen hielt“ nach Blackmore gebracht wurde, und den sie wie ihre nächsten beiden Männer ermordet hat. Ihren vierten Mann Lord Jonathan Walker ließ sie verstümmeln und in den Wahnsinn foltern. - - Was nach einer klaren Trennung von Gut und Böse und einem Happy-End der Sklavenbefreiung klingt, wird ambivalent, wenn die Sklaven zu ihrer Befreiung die gleiche Grausamkeit anwenden und nur Charles Walker, der sich mehrfach für sie eingesetzt hat, am Leben lassen. Während sie Lady Susan von einem Andreaskreuz kopfüber hängend verbrennen, ruft Charles „Stop this murder!“, ohne etwas damit zu erreichen, und gleichzeitig ist aus dem Fegefeuer ihres Todes das Echo Susans zu hören: „Black and white together? - Never!“ Die nächsten Bilder zeigen mehrere schwarze und gemischtrassige Liebespärchen, die teils nackt oder halbnackt über Blumenwiesen laufen, dabei erklärt ein Erzähler, dass die Zeit blutiger Aufstände vorbei ist und heute alle Menschen als gleichberechtigt erschaffen anerkannt sind. - - Auch wenn der Zensor dazu gerne „Never“ brüllt und liberale Filmschaffende mit Hunderten von Klagen überzieht, um sie zu kreuzigen.


In Deutschland ist „Black Snake“ um etwas Gewalt gekürzt und hat einen stark verkürzten Titelvorspann. Der Film wurde prominent synchronisiert, u.a. von Christian Brückner und Rolf Schult und gewinnt durch die harte, akzentuierte Sprache der Sprecherin Anoushka Hempels, die eher sanft klingt, an Kraft. Verfälschend ist, dass Captain Daladier in der Originalfassung meistens französisch spricht, in der deutschen jedoch ein sehr elaboriertes Deutsch. Der Film wurde bisher noch nicht in einer brauchbaren Fassung veröffentlicht, auch die Arrow-DVD besitzt sehr schwache Farben und ist kontrastarm.


Fazit:

Russ Meyer von der ungewohnten Seite, kraftvoll und düster.


Wertung:

9 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 09.11.2017 13:56 
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Supervixens – Russ Meyer

(USA 1975)

Februar 2003, VHS (Warner Vision, DF, 1,33:1, falsches Bildformat, leicht geschnitten)
25.8.2014, Kino (Sommernachtsfilmfestival Nürnberg, 35mm, DF, 1,85:1)
21.10.2017, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, Open Matte)
30.10.2017, DVD (Arrow, OV, 1,33:1, falsches Bildformat)



Inhalt:

Erster Akt – 35 Minuten

Clint arbeitet als Automechaniker bei Martin Bormanns Superservice und leidet unter den ständigen Anrufen seiner Frau SuperAngel, die ihn ständig anruft und ihn von der Arbeit abhält. Als sich Clint gerade um das Auto von SuperLorna kümmert, findet Angel am anderen Ende der Leitung Lorna vor und reagiert maßlos eifersüchtig. Beim dritten Anruf geht Martin Bormann ran, der Clint gleich darauf informiert, dass er einen „wichtigen Befehl vom Führer“ bekommen hat und Clint „mach schnell“ nach Hause muss, sonst habe er kein Haus mehr, wohin er heimkommen könne.

Zu Hause macht Clint SuperAngel Vorwürfe, da sie ihn von der Arbeit abhält und sie keinen Grund zur Eifersucht hat, doch Angel geht nicht auf die Vorwürfe ein und verführt Clint. Kaum ist sie gekommen, macht sie Clint erneut Vorwürfe, weil er nicht gleichzeitig mit ihr gekommen ist und bestimmt SuperLorna daran schuld sei, die sie kurz zuvor am Telefon hatte. Clint verneint und will sie beruhigen, doch Angel rastet immer mehr aus, schlägt mit einer Axt auf Clints Auto ein und wirft einen Pflasterstein durch die Windschutzscheibe. Ein Nachbar ruft die Polizei und behauptet, Clint wolle seine Frau umbringen – kurz darauf erscheint Officer Harry Sledge und schlägt Clint nieder. Trotzdem lässt Harry ihn laufen und erklärt auch Angel, dass sich Clints Version der Geschichte von der ihren unterscheidet – Angel flirtet mit ihm, während sich Clint bei Martin Bormann aufhält, der über Clints Ehe meint: „Ich wunder mich mal, ob das Vögeln, das er hat, es das Vögeln wert ist, das er kriegt“. Zu Hause wird Clint gar nicht erst ins Haus gelassen, da Angel Besuch hat: Von Harry. Angel tanzt sexy für Harry und schließlich gehen sie zusammen ins Bett, doch dann muss Angel feststellen, dass Harry zwar überaus gut ausgestattet, jedoch impotent ist. Sie macht sich über ihn lustig und wirft ihn raus, er kündigt einen erneuten Besuch an – als sie ihn erneut auslacht, trifft sie sein Faustschlag in die Magengrube. Er schaltet Diexielandmusik ein, zerstört das Telefon, mit dem Angel gerade Hilfe rufen will und lässt sie ins Badezimmer flüchten. Auf dem Weg ihr hinterher zieht er schwarze Handschuhe an, und holt sich Fleischermesser aus der Küche, um ins Badezimmer einzudringen, in dem Angel mittlerweile zu Radiomusik tanzt und Harry erneut auslacht. Wütend drischt Harry auf die Tür ein, bittet um Einlass „Mir steht er wie ´ne 1“ - ohne Erfolg. Daraufhin drückt er die Tür ein, in der ein Messer steckt, und die auf SuperAngel fällt, Harry zerrt sie in die Badewanne, wo er Angel zertrampelt und sie schließlich mit dem Radio, das er in die Wanne wirft und in dem ein Sprecher gerade von einem „Feuersturm einer neuen moralischen Konzeption“ spricht, tötet.

Clint hält sich indessen in der Bar SuperHajis auf, die ihm den Schlüssel reicht, den er aber verschmäht – was Haji sehr verärgert, sodass sie später, als Martin Bormann auftaucht, der von dem Mord an Angel weiß und wie die Polizei glaubt, Clint hätte sie umgebracht, diesem kein Alibi gibt und behauptet, Clint wäre gerade erst in ihrer Bar aufgetaucht. Clint erklärt Bormann, wie es sich wirklich verhält und dieser glaubt ihm. Um ihm zu helfen, gibt er ihm 103 Dollar und setzt ihn an einer Landstraße ab.

Zweiter Akt – 33 Minuten

Per Anhalter nach Westen trifft Clint auf Cal und SuperCherry, die Clint gleich erklärt: „I came in my shower this morning“ und ihre Titten auspackt – doch Clint weist sie zurück, was ihrem Freund Cal gar nicht gefällt. Clint steigt aus dem Wagen aus, doch die beiden steigen aus und verprügeln ihn, weil er Cherry nicht mit Respekt behandelt hat. Cal beraubt Clint um die 103 Dollar und stößt Cherry nun auch von sich, da er das Geld für sich alleine will. Doch da wird er von einer Klapperschlange gebissen, er drängt Cherry, ihm das Gift aus dem Bein zu saugen und lässt sich von ihr ins Krankenhaus fahren.

Clint wird nun vom Farmer Lute aufgelesen, der ihn viele Meilen nach Westen auf seine Farm bringt. Dort lebt er mit seiner österreichischen Frau SuperSoul zusammen, die Clint auf deutsch mit „Wie geht’s, mein Herr?“ begrüßt und die sich erhofft, dass Clint sie „very glücklich“ macht. Schon die erste Nacht nutzt sie, um heimlich in Clints Schlafzimmer einzudringen, doch obwohl sie ihm auf deutsch erklärt „Mensch, ich muss dich haben!“ wirft er sie raus. Die nächsten Tage arbeitet Clint auf Lutes Farm, während er ständig Zeuge wird, wie Lute SuperSoul in allen erdenklichen Stellungen in freier Wildbahn fickt. Eines Tags nutzt Soul die Gelegenheit, Clint auf dem Heuboden zu verführen, während ihr Mann gerade „ein paar Löcher bohren muss“, um einen Zaun zu errichten: „Ich muss dich haben, ich sehne mich nach deinem Körper (…) Dein Schwanz ist ganz tief in meinem Bauch. Meine hungrige Klitoris verschlingt dich“, stöhnt sie, als die ihn reitet. Als Lute nach getaner Arbeit in den Stall geht entdeckt er die beiden und macht Jagd auf den flüchtenden Clint mit einer Heugabel, die er nach ihm wirft; Clint kann entkommen. Zurück bei SuperSoul schlägt Lute sie nieder und erklärt ihr, wer der Boss ist, was sie mit deutschem Gruß und „Ja Meister“ einsieht – Lute fällt daraufhin mit dem Hintern in seine eigene Heugabel.

Clint erreicht nun das Hotel des alten Luther, den seine rebellische taubstumme Tochter SuperEula sehr auf Trab hält und die zu seinem Missfallen in einem äußerst knappen Bikini für alle Gäste sichtbar herumtanzt. Als Luther sich für ein paar Stunden verabschiedet, weil er zum Rotaryclub muss, bittet Eula Clint, ihren Wagen zu reparieren, was für Clint ein Klacks ist. Gemeinsam fahren sie hinaus in die Wüste und Eula genießt die freie Natur, indem sie ihre Brüste befreit. Luther hat seine Ziehtochter und Clint allerdings angelogen und kommt mit dem Sheriff frühzeitig zurück, da er das „dirty little Hippie-swine“ in Verdacht hatte, sich an SuperEula ranmachen zu wollen. Clint liefert sich eine Autoverfolgungsjagd und küsst Eula zum Abschied, die wenig später mit einem schwarzen Muskelpaket auf der Landstraße Sex hat, während dieses Gewichte stemmt und jene plötzlich sprechen kann.

Dritter Akt – 38 Minuten

Zuletzt trifft er auf den Fischer Tom, der ihn zu sich und seiner Frau auf sein einsames Haus einlädt, doch Clint lehnt abermals ab. Tom lässt ihn vor SuperVixens Oasis, einer einsamen Tankstelle, die sie alleine betreibt, aussteigen, beobachtet vom Geist Superangels, die das Geschehen von einem Felsen aus beobachtet. Clint freundet sich mit der Besitzerin an, arbeitet für sie beide verlieben sich und haben Sex in einem See. Eines Tages taucht Harry Sledge auf, dem Clint bekannt vorkommt, der sich jedoch darauf angesprochen nicht zu erkennen gibt. Harry will weiter um zu fischen, doch abrupt wendet er seinen Wagen und holt aus einer kleinen Felsenhütte einen Sack voll Dynamit und Waffen. Er verlängert seinen Aufenthalt und verbringt den Abend in einer Bar, wo er beobachtet, wie Clint und SuperVixen zusammen tanzen. Schließlich entführt er SuperVixen und kettet sie an einen wie eine riesige Brust geformten Felsen, während er Clint mitteilt, dass dessen Geliebte in seiner Gewalt ist. Sobald Clint in seiner Sichtweite ist, bewirft er ihn mit Dynamitstangen, die er an seiner Zigarre entzündet; Vixen, die in einem unbeobachteten Moment mit einem Felsen nach ihm wirft, bekommt einen Fußtritt in den Bauch. Harry stellt Clint nun vor seine Aufgabe: „Du versuchst auf den Hügel zu kommen, wo Vixen liegt. Dann bekommst du von mir den Passierschein. OK? Jetzt will ich mal sehen, aus welchem Holz du geschnitzt bist, Mann!“ Und zu SuperVixen: „Er muss den Hügel des Todes erklimmen“. Während Harry sich um Clint und SuperVixen kümmert, wird er immerfort angetrieben vom Geist SuperAngels, mit dem er sich unterhält. Sie stachelt ihn auf: „Clint´s a nice boy. But you´re a man“. Harry positioniert eine Dynamitstange zwischen SuperVixens Beine und entzündet eine lange Zündschnur, dabei schießt er auf Clint, der versucht, Vixen zu retten. Clint erreicht SuperVixen, schlägt auf die Zundschnur ein, um sie zu löschen und wird von Harry niedergeschlagen, der anschließend den betäubten Clint auf SuperVixen legt, der er zuvor die Bluse heruntergerissen hat und steckt nun ihm eine Dynamitstange zwischen die Beine. Als sich die Stange als Blindgänger entpuppt, beschließt Harry, sie nie wieder Polackendynamit zu kaufen – doch plötzlich brennt der Rest der Zündschnur wieder und das Dynamit explodiert in Harrys Hand. „Das war´s, Leute“ ruft SuperAngel von einem phallischen Felsen herab.



Filmanalyse:

„Supervixens“ ist eine surrealistische Groteske, die voller Seitenhiebe auf den Krieg der Geschlechter und auf männliche und weibliche Sexualität wie auch auf Russ Meyers bisheriges filmisches Werk steckt, vieles aus Meyers Eheleben und damit Persönliches filmpsychologisch aufarbeitet und ganz nebenbei in der Erzählstruktur ein Prototyp der Heldenreise nach Campbellschem Vorbild und im Erzählinhalt Homers „Odyssee“ (ca. 700 v.Chr.) variiert.


Produktionsnotizen

Der Cast des Films setzt sich mehr denn je aus altbekannten Gesichtern zusammen: Uschi Digard ist nach „Megavixens“ (1970) erneut als Telefonleitungsverbinderin Soul und als SuperSoul zu sehen, Haji aus „Die Satansweiber von Tittfield“ (1965), „Motorpsycho“ (1965), „Good Morning... and Goodbye“ (1967) und „Blumen ohne Duft“ (1970) spielt SuperHaji und wiederholt ihre Rolle aus „Good Morning... and Goodbye“ und Ann Marie, die hier nur kurz auftritt, bekam eine größere Rolle in „Im tiefen Tal der Superhexen“ (1979). Männlicherseits sehen wir ein drittes Mal nach „Megavixens“ und „Blumen ohne Duft“ Charles Napier als einen der furchterregendsten Schurken der Filmgeschichte, Henry Rowland nach „Blumen ohne Duft“, „The seven minutes“ (1971) und vor „Im tiefen Tal der Superhexen“ ein drittes Mal als Martin Bormann, John La Zar aus „Blumen ohne Duft“, Stuart Lancaster spielte Lute Wade in „Mudhoney“ (1964), eine Rolle, die er in „Supervixens“ wiederholt, und war außerdem in „Die Satansweiber von Tittfield“, „Good Morning... and Goodbye“, „The seven minutes“ zu sehen; „Im tiefen Tal der Superhexen“ sollte auch für ihn noch folgen. Eine kleine Rolle erhielt auch Garth Pilsbury, der seine Rolle als Tom, der Fischer aus „Vixen“ (1969) wiederholt. Gedreht wurde der Film im Frühjahr 1974 für 213000 Dollar, also die Hälfte des Budgets von „Black Snake“ (1973), nachdem das Drehbuch Russ Meyer selbst innerhalb einer Woche ein Jahr zuvor schrieb.


Literarische Vorbilder: Horatio Alger und Homers Odyssee

Russ Meyer gibt an, dass eine wichtige Inspirationsquelle für „Supervixens“ die Werke Horatio Algers waren, der im 19. Jahrhundert Groschenromane schrieb, in denen ein armer Held sich vom Tellerwäscher zum Millionär emporzuarbeiten versucht, in widrige Umstände verstrickt wird und schließlich zufällig einen reichen Gönner trifft, der ihm seinen Traum ermöglicht. In „Supervixens“ spiegelt sich das, indem Clint, der sich als Automechaniker durchs Leben schlägt, durch seine jähzornige und grundlos eifersüchtige Frau, sowie durch den gewalttätigen Polizisten Harry in jene widrigen Umstände versetzt wird und dessen drei Begegnungen mit nur auf den ersten Blick wohlmeinenden Helfern jedesmal in einem Unglück für Clint enden. In SuperVixen findet er schließlich eine „Gönnerin“ in Form seiner Traumfrau und durch Harry, sowie durch den „Geist“ SuperAngels kann er sich selbst und seinen Traum verwirklichen, indem er zeigen kann, „aus welchem Holz er geschnitzt ist“.

Homers „Odyssee“ ist wie angesprochen eine weitere Inspirationsquelle, ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt. Prämisse der Odyssee ist die Unberechenbarkeit und Wandelbarkeit der Göttlichkeit, die Odysseus dafür bestraft, vermessen den Sieg über Troja seiner List und Genialität allein zuzuschreiben. Da in der polytheistischen griechischen Götterwelt die unzähligen Gottheiten sich auf die 3 Prinzipien Liebe, Schöpfung und Vernichtung reduzieren lassen und diese wiederum Eigenschaften des höchsten Gottes Zeus sind, kann man hier auch von einem Gott in tausend Gestalten sprechen. Odysseus bringt nun zumindest einige Gestalten dieser Gottheit gegen sich auf und wird zu einer 10jährigen Fahrt über das Mittelmeer verdammt, wo er Ungeheuern, Menschenfressern und listigen Frauen begegnet, insbesondere Circe, die Erotik mit Zauberkraft vereint und so Odysseus für sich gewinnt. Nachdem sein Frevel vor Troja nach 10 Jahren gesühnt ist, darf er mit Unterstützung der Göttin der Weisheit (Schöpferisches Prinzip) nach Hause zu seiner Frau und seinem Sohn zurückkehren, muss sich dort aber seiner letzten Prüfung stellen und sich gegen die Scharen von Freiern, die um Odysseus´ Ehefrau Hand anhalten, zur Wehr setzen. - - Auch diese Inhalte übernimmt „Supervixens“ deutlich. Im Krieg der Geschlechter (Troja) kann sich Clint listenreich zur Wehr setzen, indem er von Officer Harry Sledge nicht wegen der Falschbeschuldigungen seiner Frau inhaftiert wird. Doch bringt er anschließend SuperHaji, die eine Bar betreibt, doch von der Kostümierung und musikalischen Untermalung ein exaktes Spiegelbild der „Hexe“ aus „Good Morning... and Goodbye“ ist, gegen sich auf, als er den Schlüssel abweist, den sie ihm reicht. Da sie ihm deswegen kein Alibi für den Mord an seiner Frau, den er nicht begangen hat, liefert, ist Clint zu einer Odyssee verdammt, die ihn mit 3 Versuchungen (jeweils eine Circe) und 3 Gefahren konfrontiert. Bei SuperVixen am Ende seiner Reise angekommen, muss er sich schließlich ein letztes und schlimmstes Mal selbst beweisen, indem er sich Harry, dem Mörder seiner Frau, stellen und SuperVixen aus dessen Krallen befreien muss. Harry entspricht den Freiern um Odysseus´ Frau. Der Geist SuperAngels, angenehm undeutlich und mal wohlwollend gegenüber Clint wirkend, mal die Aggression Harrys gegen Clint noch anfachend, entspricht dem Gott Poseidon, dem ärgsten Widersacher Odysseus´.



Biographische Interpretation

Auf persönlicher Ebene ist „Supervixens“ als Abrechnung mit Russ Meyers Frau Edy Williams zu verstehen. Edy Williams, die in „Blumen ohne Duft“ und „The seven minutes“ mitspielte, entpuppte sich im Laufe der Ehe als übertrieben eifersüchtig und rief während Dreharbeiten und anderen Veranstaltungen ihrem Ehemann unentwegt hinterher, um zu kontrollieren, dass er sie nicht betrüge – verbunden mit Drohungen und Szenen. Die Anrufe SuperAngels und die Vorwürfe, die sie Clint macht, sollen exakte Reproduktionen von Edys Anrufen und Vorwürfen sein – Wort für Wort! Wenn Harry Sledge SuperAngel schließlich in einem Exzess der Gewalt umbringt, ist Harry in den schwarzen Handschuhen das Alter Ego Russ Meyers, der seine schwärzesten Wünsche in künstlerischer Form auslebt. Clint als Opfer SuperAngels entspricht ebenfalls einem Persönlichkeitsaspekt Russ Meyers als Opfer Edys. Meyer „plante die Scheidung, als wäre er Adolf Hitler“, meinte Edy Williams, womit sich der Kreis zu „Supervixens“ schließt und sich erklärt, warum Martin Bormann Clint von einem Anruf SuperAngels als von einem „direkten Befehl vom Führer“ berichtet. Edy war für den Weltkriegsveteran Meyer zum Feind schlechthin geworden, und er zu ihrem ultimativen Feind. Als Nazi stellt er sie nicht dar, wohl aber als James-Bond-Superschurke, indem er sie wie Blofeld eine Katze streicheln lässt, während sie Clint anruft. Im letzten Akt, wenn sich Clint gegen Harry zur Wehr setzen muss um SuperVixen zu befreien, wähnt sich Harry im Krieg und stellt ihn vor gefährlichste und explosionsgeladene Aufgaben, die er schließlich siegreich bewältig – eine idealisierte Form Meyers und seine Hoffnung, den Krieg gegen Edy zu überstehen – siegreich, wenn möglich...



Sexualpsychologische Interpretation

In der damaligen Filmkritik ist vieles zu lesen von einem problematischen Frauenbild, männlicher Aggression, die sich an bildschönen Frauen entlädt und einer vermeintlichen Homosexualität des Protagonisten. Tatsächlich dürfte es sich hier ein klein wenig anders verhalten: Allein, weil nicht jeder Mann, der Frauen gegenüber nicht selbstbewusst agiert, homosexuell ist, und nicht jeder Film, der die Aktionen eines frauenfeindlichen Verbrechers zeigt, selbst frauenfeindlich ist. Clint wird in „Supervixens“ mit dem in Meyers Filmen oft anzutreffenden Handymancharakter versehen. Russ Meyer hatte diesen Archetypus seiner Geschichten in „Eve and the Handyman“ (1961) geschaffen und zeigt einen Charakter, der ganz in seiner Arbeit aufgeht, sexuell aber unterentwickelt und wenig selbstbewusst agiert – oder besser: nicht agiert. Erst Eve, die von Meyer damaliger Frau Eve Meyer gespielt wird, kann ihn erlösen, nachdem sie ihn einen Tag lang wie ein Detektiv beschattet hat, ihm schließlich Reinigungswaren verkauft und mit ihm schläft. In „Good Morning… and Goodbye“ wird ein Mann gezeigt, der unter der Aggression seiner Frau Angel leidet, die stets auf der Suche nach sexuellen Abenteuern ist. Erst, nachdem ihn eine Hexe an einem magischen Ritual teilhaben lässt, kann er sich einem Nebenbuhler stellen und seine Frau zurückerobern. Ähnlich ist es bei „Supervixens“: Clint leidet unter seiner mit enormem sexuellen Appetit ausgestatten Frau SuperAngel, die nicht nur zufällig den gleichen Namen trägt wie Angel aus „Good Morning… and Goodbye“. Nachdem sie ermordet wird und er als Tatverdächtiger flüchten muss, begegnen ihm mehrere Frauen, die ihn verführen wollen, doch er zeigt sich ihnen entweder wenig selbstbewusst, abweisend oder desinteressiert. Erst SuperVixen, die genauso aussieht, wie seine ermordete Frau, gefällt ihm, sodass er sich in sie verliebt. Nun sorgt der „Geist“ SuperAngels“, der das Geschehen von einem Berggipfel aus beobachtet, dafür, dass Harry, der zufällig unterwegs zum Angeln in SuperVixens Oasis einen Zwischenstop macht, Clints Charakter läutert, indem er ihn mit dem Tod konfrontiert und Clint zudem das Leben SuperVixens retten muss. Dabei nutzt der Film die Programmatik des surrealistischen Manifests (1924), um Inneres und Unbewusstes nach außen zu kehren: SuperVixen sieht deswegen genauso aus wie SuperAngel – Clint scheint das im Übrigen nicht zu bemerken – weil der Film damit zeigt, dass SuperAngel trotz des Ärgers, den sie Clint so oft bereitete, Clints Traumfrau, seine einzig mögliche Frau, ist. Das erklärt auch, warum er sich auf die Avancen der Frauen, die ihm auf seiner Odyssee begegnen, kaum reagiert – sie sind einfach nicht sein Typ. Der Film strengt es zwar nicht an, dass Clint in der Hinsicht am Filmende seine Erlösung findet, indem er nun ein polygames Leben führen und jede attraktive Frau, die ihm unterkommt bespringen solle, vielmehr akzeptiert er diese Eigenheit Clints, lässt ihn jedoch an Harry und der Konfrontation mit dem Tod so reifen, dass Clint sich in Zukunft nicht mehr von seiner Frau unterjochen lassen wird und Selbstbewusstsein gewinnt. Und dieses Selbstbewusstsein wird nicht mehr geschenkt, wie in „Eve and the Handyman“ oder durch Magie erteilt, sondern muss sich hart und unter Einsatz des eigenen Lebens erkämpft werden!



Zensurdiskussion

Nicht nur seine Ehekrise verarbeitete Russ Meyer in „Supervixens“, sondern wie in etlichen Filmen zuvor – und dort stärker im Vordergrund stehend – seine zahlreichen negativen Erfahrungen mit der amerikanischen Filmzensur. Gerne nutzte Meyer die Gelegenheit, Polizisten und Nazis in seinen Filmen als Metapher für die rigide und sexualfeindliche staatliche Gewalt zu verwenden, in „Black Snake“ werden sogar Standpunkte der Zensurbefürworter einer brutalen Sklavenhalterin in den Mund gelegt. In „Supervixens“ ist es der selbstbewusste und überaus maskuline Harry, den SuperAngel ihrem Mann Clint vorzieht, dann aber feststellen muss, dass Harry zwar mit allen Muskeln bestens ausgestattet ist, sein „Liebesmuskel“ allerdings gänzlich versagt. Harry ist impotent, und erst, als er gegen SuperAngel gewalttätig wird, gelingt ihm eine Erektion. Wird in „The seven minutes“ das zensurbefürwortende Establishment noch verlogen und bigott dargestellt, da sie ihre Diskussionen in einem Salon mit anwesender leicht bekleideter, überaus naiver Sexbombe führen und meinen, die schwache Welt vor Sexbomben in Literatur, Film und Fernsehen beschützen zu müssen, geht „Supervixens“ weiter und zweifelt die sexuelle Potenz der Zensoren an. Ein naheliegender Gedanke, denn warum sonst sollte man sich gegen Sex, sei es im realen Leben oder in der Kunst, einsetzen?


Filmische Bezüge

4 Jahre lang haderte Russ Meyer damit, erneut einen Sexfilm zu drehen, da mittlerweile selbst die großen Filmstudios viel Erotik zeigten und er gleichzeitig nicht Teil der Hardcorefilmindustrie werden wollte. Zudem schlossen Anfang der 70erjahre viele Kinos oder wanderten in die Einkaufszentren ab, wo die Betreiber den Kinos Nacktheit oder X-Rated-Filme verboten. Nach zwei Filmen, die sich im Verhältnis zu Meyers übrigen Filmen als Flop entpuppten („The seven minutes“ und „Black Snake“), kehrte er jedoch zu seinen Wurzeln zurück und zeigte neben einer Weiterentwicklung seines Hauptthemas um einen sexuell wenig selbstbewussten Mann, der zu sich selbst findet – und übrigens auch scheitern kann, wenn er den umgekehrten Weg beschreitet und sich trotz eines sexuell erfüllten Lebens nur noch dem Materialismus widmet, wie Harry in „Megavixens“ – die Figuren seiner früheren Filme in grotesker Übertreibung, oft tragen sie deswegen den Namensvorsatz „Super…“: SuperAngel ist Angel aus „Good Morning… and Goodbye“ – der Charaktertyp kommt allerdings öfter in Meyers Filmen vor – SuperCherry entspricht der überaus sexhungrigen Prostituierten Cherry aus „Megavixens“, die taubstumme SuperEula Eula aus „Mudhoney“ – beide erleben eine Spontanheilung, Eula noch im Angesicht des Todes eines Mannes, mit dem sie geschlafen hatte, SuperEula, als sie gerade mit einem Mann schläft. SuperHaji entspricht der namenlosen Hexe, die Impotenz mit Magie heilt und deren spärliche Kleidungen und Musikuntermalungen einander frappierend ähneln. SuperSoul hingegen entspricht nicht Soul aus „Megavixens“, wird aber von der gleichen Darstellerin gespielt, und SuperVixen entspricht ebenfalls nicht „Vixen“, da sie nicht übermäßig aggressiv auf Männerfang geht. Soul aus „Megavixens“ allerdings ist in „Supervixens“ erneut in einigen kurzen Einstellungen zu sehen und darf wie dort als personifizierte Natur die Kommunikation zwischen Menschen herstellen – diesmal jedoch im Dienste Harrys, der seinerseits nur Werkzeug ist in Clints Reifungsprozess.

„Supervixens“ überrascht den Zuschauer mit der Besetzung der Titelfigur, die in dem Film von der gleichen Schauspielerin gespielt wird, die SuperAngel spielt – und sogar als „Geist“ das Geschehen um SuperVixen beobachtet. Angeblich aus der Not heraus entstanden – Russ Meyer behauptet, dass er Edy Williams nicht mehr besetzen wollte und kurzfristig kein Ersatz mehr zu finden war, was unglaubwürdig ist, da Edy allenfalls in einer sehr frühen Drehbuchversion zu Vorproduktionszeiten eingeplant war, keinesfalls aber in einem Film, der teils wörtliche Zitate aus Meyers Eheleben als Abrechnung mit Edy enthält – ist diese Vorgehensweise vielmehr typisch für surrealistische Herangehensweisen an Filme (vgl. den später entstandenen „Dieses obskure Objekt der Begierde“, 1977). Außerdem, hätte man aus der Not heraus Shari Eubank zwei Rollen gegeben, dann wäre das in dem Film erklärt worden – eine Zwillingsschwester beispielsweise. So wie der Film erzählt ist – Clint bemerkt nicht, dass SuperVixen aussieht wie seine Frau, deutet alles auf Absichtlichkeit hin. „Supervixens“ ist damit ein wichtiges Bindeglied zwischen „Vertigo“ (1958) und „Lost Highway“ (1997); in ersterem trifft der Protagonist Scottie auf eine Frau, die genauso aussieht, wie die Frau, die zuvor gestorben war und die er liebte – und die von sich als von einem Geist besessen gesprochen hat, in letzterem lernt der Automechaniker Pete eine Frau kennen, die er später in einer anderen Identität und von einem anderen Schaupieler gespielt, jedoch im Film vorher erzählt, tötet. Bevor er mutmaßlich von seiner späteren Identität am Ende des Film eingeholt wird, stellt er seiner Affäre verunsichert die Frage „Bist du alle Beide?“, nicht nur, weil sie einen anderen Namen trägt, sondern von der gleichen Schauspielerin dargestellt wird. - - David Lynchs Werk steckt grundsätzlich voller Anspielungen und Zitate auf Russ Meyers Filme! Meyer hingegen wird immer wieder zugewiesen, er habe sich bei der Mordszene an SuperAngel an Hitchcocks „Psycho“(1960) orientiert – was weit hergeholt scheint; vielmehr fühlt man sich an „Der zerrissene Vorhang“ (1966) erinnert, in dem ähnlich schonungslos gezeigt wird, wie schwer es ist, einen Menschen umzubringen. Wie dem auch sei, Hitchcock wurde auf den Film aufmerksam bejubelte den Badewannenmord, stellte Charles Napier unter Vertrag und starb leider zu früh. Russ Meyer bedankte sich für das Lob, indem er ein Jahr später in „Up!“ (1976) tatsächlich eine Hommage an den Duschmord drehte.

Weiterhin nutzt der Film zwar die typischst denkbare Erzählkonstruktion, die Reise des Helden, jedoch bewusst in Anlehnung an die Forderungen des surrealistischen Manifests im Mittelteil als homerische Odyssee. Damit ist „Supervixens“ nicht der erste Film, auch Ingmar Bergman nutzte dieses Vorgehen bereits in „Wilde Erdbeeren“ (1957). Dort begibt sich ein Professor auf eine Reise nach Lund, um einen Preis für seine Lebensleistungen zu erhalten. Auf dem Weg dorthin begegnet er vielen Menschen – und Erinnerungen – die ihn damit konfrontieren, dass er sein Gefühl, und damit sein Leben, der Wissenschaft geopfert hat. In Gang gesetzt wird der Film von einer surrealistischen Episode, die den Professor mit dem eigenen Tod konfrontiert. Was all diese Filme nun gemeinsam haben, ist die Innenschau des Protagonisten im Rahmen einer Odyssee, gewissermaßen einer Pilgerreise, die ihm Erkenntnis oder vielleicht sogar Erleuchtung bringt.


Musikalische Bezüge

Nicht weniger anspielungsreich als die Namen und Figuren ist die musikalische Untermalung des Films. Nutzte Russ Meyer bereits in vorherigen Filmen klassische musikalische Motive wie „Rule, Britannia!“ in „Megavixens“, um eine Britin zu charakterisieren, oder die Marseillaise in „Black Snake“, wenn sich der Sklavenaufstand abzeichnet, so fährt Meyer diesmal ein ganzes Arsenal der Musikgeschichte auf. Schon in der Titelsequenz wird das Herannahen Martin Bormanns mit „Deutschland erwache! (Heil Hitler Dir)“ untermalt, genauso sein letzter Auftritt am Ende des ersten Aktes. Die Österreicherin SuperSoul, die überwiegend deutsch spricht, wird mit „An der schönen blauen Donau“ beim Kühemelken gezeigt, Harry Sledge legt Dixielandmusik auf, bevor er SuperAngel umbringt – Russ Meyers Lieblingsmusik. Wenn sich Clint erstmals SuperVixens Oasis nähert und der Geist SuperAngels dabei in den Film eingeführt wird, ist eine Variation von Richard Strauß bekannter sinfonischer Dichtung „Also sprach Zarathustra“ zu hören, der ausgedehnte Schlusskampf und die Jagd Harrys auf Clint ist mit Soldatenlieder überwiegend aus der Bürgerkriegszeit untermalt, darunter „When Johnny comes marching home“. Während die Soldatenlieder dabei unterstreichen, dass Harry sich im Krieg wähnt, um Clint für den Krieg der Geschlechter zu stählen, dient „Deutschland erwache!“ lediglich dazu, Martin Bormanns Herkunft zu illustrieren, ebenso wird bei der Österreicherin SuperSoul verfahren. „Also sprach Zarathustra“, das Friedrich Nietzsches gleichnamiges philosphisch-poetisches Hauptwerk vertont, zeigt in der Originalbedeutung die Geburt eines tiefen, Ewigkeit wollenden Gedankens, im Film „Supervixens“ die Wiedergeburt der Liebe Clints zu einer Frau, die seiner früheren Liebe vollkommen gleicht.



Synchronisation

Der Film wurde 1979 fürs deutsche Kino mit professionellen Sprechern synchronisiert und wurde ungeschnitten gezeigt; er besitzt jedoch eine Tonzensur am Ende des 1. Aktes, wenn Martin Bormann seinen letzten Auftritt hat: Das Nazi-Propaganda-Lied „Deutschland erwache!“ ist hier durch Grillenzirpen ersetzt. Die Zensur erscheint seltsam, da mit dem selben Lied der Film beginnt – auch in der deutschen Fassung! Auch der Vergleich, den Bormann anstellt, wenn er SuperAngel als „Führer“ betitelt und Clint „mach schnell“ nach Hause soll, ist in der deutschen Fassung getilgt. Ärgerlich ist die Episode mit SuperSoul auf der Farm, da jene in der deutschen Fassung Susi heißt und es natürlich verloren geht, dass sie auch in der Originalfassung meist deutsch spricht. Schwerer wiegt noch, dass Susi Schweizerin ist und SuperSoul Österreicherin, wodurch in der deutschen Fassung der Wiener Walzer „An der schönen blauen Donau“ deplaziert wirkt. Außerdem entging dem Autor des Synchronbuches, dass es sich bei den Worten der taubstummen SuperEulas, die sie spricht, während sie zu ersten Mal Sex hat, nicht um einen inhaltlichen Fehler handelt, sondern beabsichtigt ist und eine Spontanheilung durch Sex zeigt – was der mit Meyers Filmen vertraute Zuschauer schon aus dessen früheren Filmen kennt. In der deutschen Fassung stellt sie sich selbst überrascht die Frage: „Warum kann ich auf einmal reden?“


Fazit:

Anspielungsreiches surrealistisches Meisterwerk, das zudem überaus gut unterhält. Ein Superheldenfilm für Erwachsene!


Wertung:

10 / 10 – und in meiner persönlichen Top Ten!


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 15.11.2017 16:04 
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Up! – Drüber, drunter und drauf – Russ Meyer

(USA 1976)


März 2003, VHS (Warner Vision, 1,33:1, DF, leicht geschnitten)
2009, DVD (Arrow, 1,33:1, OV)
Dezember 2016, Kino (Kommkino Nürnberg, 1,33:1, DF, 35mm, stark geschnitten)
18.10.2017, Kino (Kommkino Nürnberg, 1,33:1, DF, 35mm, stark geschnitten)
12.11.2017, DVD (Arrow, 1,33:1, OV)



Inhalt:

Adolf Hitler, der sich in ein kalifornisches Schloss Neuschwanstein unter dem Pseudonym Adolph Schwartz zurückgezogen hat, gibt sich mit Begeisterung S/M-Praktiken hin, während er den verlorenen Krieg rekapituliert. Die beglückenden Qualen fügen ihm dabei Männer wie Frauen zu, und letztere auch jedweder Hautfarbe, auch wenn er manchmal kritisch aufmerkt: „Mein Arsch ist keine Trommel, Schwarze! Setz dich auf mein Gesicht!“ Mit den folgenden Prozeduren zufriedener und nahe am Höhepunkt freut er sich: „Mein Schwanz ist ganz groß. Heil Schwein! (…) Tiefer! Tiefer! (…) Ich komme! (…) Mir gehört die ganze Welt!“

Durch seine plüschigen Schlossräume marschierend legt Hitler eine Schallplatte mit dem Lied „Deutschland, du Land der Treue“ auf, um in der Badewanne „Die Zeit“ zu lesen, deren Titelseite gerade über „Heil und Unheil aus Amerika?“ berichtet. Doch plötzlich betritt ein schwarz behandschuhter Mörder seine Räumlichkeiten und ein hitchcockgesichtiger Piranha, Harry der Nimrod, wird ihm ins Badewasser geworfen, der ihn auffrisst. Doch wer ist verantwortlich für diesen „Murder, most foul!“?

Margo Winchester ist auf dem Weg nach Miranda und nutzt die Gelegenheit, um zu joggen. Der Sheriff Homer Johnson bietet ihr an, sie in seinem Wagen mitzunehmen, was sie ablehnt, zum etwas hartnäckigeren Waldarbeiter Leonard steigt sie ein. Als er sie zum Bleiben überreden will, blickt sie auf seine Hose und meint „I don´t think so.“ Daraufhin will er sie vergewaltigen, sie flüchtet, er holt sie ein und malträtiert sie mit Tritten und Faustschlägen, bis sie ohnmächtig ist und er über sie herfällt. Doch in einem günstigen Augenblick gewinnt Margo die Oberhand und tötet ihn – der Sheriff Homer, der alles gesehen hat, nimmt sie fest und lässt ihr nun die Wahl, wegen Mordes ins Gefängnis zu gehen oder sich von ihm sexuell benutzen zu lassen für ein wasserdichtes Alibi. Margo, noch immer nackt im Polizeiauto sitzend, entscheidet sich für Letzteres und gibt sich Homer mit Begeisterung in allen erdenklichen Stellungen hin.

Alice und Paul, die beide bereits Adolf Hitler sexuelle Qualen bereiteten, betreiben in Miranda eine „Alice´s Cafe“ und sind ein Paar. Als Homer das Cafe besucht, spricht Paul ihn auf die Morde an Hitler und Leonard an, sowie auf Margo, den Neuankömmling. Homer lobt Margo in höchsten Tönen: „ihre Titten sind mindestens genauso super. Mit Nippeln so groß wie andere Weiber sich ihre Titten wünschen. Aber das Schärfste ist ihr Arsch!“ und vermittelt sie als Bedienung. Das muntere Treiben in Miranda, einer Kleinstadt, in der jeder des Mordes an Hitler verdächtig ist, lässt die Hoffnung wachsen, dass der „Irrsinn der Leidenschaft“ den Täter verrät, und Leidenschaft gibt es in Miranda sehr viel: Alice und Paul lieben es, sich in freier Wildbahn zu lieben, Margo und Homer meist zu Hause oder im Garten, doch bald genießt auch Paul Margo und Homer die Indianerin Pocohontas. Als Margo vorzeitig nach Hause kommt und Homer beinahe mit Pocohontas erwischt, begutachtet Margo dessen geröteten Schwanz: „It´s all red. Looks like you´ve been fucking an Indian“.

Wenig später tritt Margo als Tänzerin in Alice´s Cafe auf, was den ständig nach „Beer!“ rufenden riesenhaften Holzfäller Rafe nach mehr als nur Bier verlangen lässt: Er vergewaltigt Margo unter dem Jubel der anwesenden Gäste und den Zurufen Hitchcocks; Paul und Homer, die Margo zur Hilfe eilen, schlägt er nieder. Alice hat bereits längst die Bar via eines Geheimgangs verlassen, um in einer Telefonzelle, verlassen in der Prärie stehend, nach Hilfe zu rufen. Zurück ist sie entsetzt, was Rafe Paul angetan hat und versucht, Rafe mit einem Stuhl zu erschlagen; Rafe packt sich daraufhin Alice und hebt sie auf Margo, um beide gleichzeitig zu vergewaltigen. Als Homer Rafe eine Axt in den Rücken jagt, zieht sie sich Rafe wieder heraus, um sie in Homers Bauch zu versenken, auch Homer überlebt und verfolgt Rafe, der das Cafe verlässt, unter jedem Arm eine Frau im Schlepptau. Bewaffnet mit einer Kettensäge stellt Homer Rafe, beide laufen wie in einem Duell aufeinander zu, Homer ruft: „Es ist etwas weit weit besseres, was ich tu“, und beide sterben an den Verletzungen, die ihnen die Kettensäge zufügt; Alice und Margo fallen einander schluchzend in die Arme, trösten sich und berühren sich erotisch.

Als Margo nach all den Strapazen eine Dusche nimmt, schleicht sich ein schwarzgewandeter Mörder mit einem Messer in des Sheriffs Haus, um sie zu meucheln: Es ist Alice, der unwahrscheinlichste Verdächtige. Margo kann erfolgreich entwischen und es gelingt ihr, Alice in ein Gespräch zu verwickeln; Alice ist empört, weil Paul mit Margo fremdgegangen ist und letzte Nacht Margos statt ihren Namen rief. Doch nun stellt sich heraus, dass Alice auch Adolph Schwartz umgebracht hat, es sich bei Schwartz tatsächlich um Hitler handelte – Hitler konnte nach dem Krieg nach Amerika fliehen, nur Eva Braun ist verbrannt. Und Alice enthüllt ihre wahre Identität: „Schwartz my ass! My real name is Eva Braun jr., bastard daughter of Adolf Hitler, boxom haired Mistress! (…) Aber genug von der historischen Scheiße, ich habe Adolf Hitler umgebracht, um meine Ehe zu retten. (…) Außerdem bin ich nie wirklich mit Dad zurechtgekommen!“ Alice erklärt sich weiter, während sie Margo mit einem Wehrmachtsdolch verfolgt, Margo lauert Alice von hinten auf und fasst ihr an die Brüste, was Alice gefällt. Sie sinkt vor Margo auf die Knie und erblickt ein Rosentatoo an Margos Venushügel: „Hmm. Rosebud“.

Nun will Alice Margo ihren großen Gummidildo zeigen und führt sie an einen einsamen Ort im Wald, wo ein Bettgestell steht – doch da schießt Paul auf sie, sein Grund: Alice hat „den armen Adolf, so missverstanden!“ getötet; zudem entpuppt er sich als Frauenfeind: „Du bist wie alle anderen, selbstsüchtig und egozentrisch!“ Margo kann Paul entwaffnen, der jammert, weil er sich bei der Abgabe eines Schusses wegen des Rückstoßes an der Hand verletzt hat. Als Margo drohend den Gummidildo schwingt, schreit Alice: „You´ve hurt my Paul, cunt!“, während Paul sein Leid in die Welt schreit: „I love you and I hate you and your big tits and your fat ass!“

Margo stellt sich nun als Agentin heraus, die den Mord an Adolf Hitler aufklären sollte und wird belobigt. Und „Irgendwo in Bayern“, wo ein Wegweiser zur Hanns Seidel Stiftung Wildbad Kreuth weist, verbittet sich Martin Bormann, dass je wieder das Horst-Wessel-Lied gespielt wird. „Jawohl, Martin“.



Review:

Nach dem großen Erfolg von „Supervixens“ – sowohl künstlerisch als auch an der Kasse – drehte Russ Meyer mit „Up!“ einen Film, der mit 290000 Dollar etwas teurer war und zwar erfolgreich an der Kasse lief, jedoch nicht an die Einspielergebnisse seines Vorgängers heranreichte. Uschi Digard gibt es diesmal nur hinter der Kamera, sie war fürs Make-up zuständig und Coproduzierte den Film, und bis auf Kitten Natividad und Candy Samples, die beide in „Up!“ und in „Im tiefen Tal der Superhexen“ (1979) mitspielen, gibt es vom weiblichen Teil des Casts keine Wiederbesetzungen. Dafür wurde der Film am gleichen Ort, an dem auch „Vixen“ (1968) gedreht wurde, inszeniert, unter anderem erkennt man die Flusslandschaft wieder.

„Up!“ besitzt nicht die Bedeutungstiefe seines Vorgängers, übersteigert aber die grotesken Elemente früherer Russ-Meyer-Filme in eine Comic-Strip-artige Parodie auf Kriminalfilme. Bereits in „Wilde Mädchen des nackten Westens“ (1962) übte sich Meyer in einer überaus comichaften Inszenierung, die er zwar in den schnellen Bildfolgen, die all seine Filme ausmachen, beibehielt, die in „Up!“ jedoch ihren Gipfel finden. Dass Meyer grundsätzlich die farbenfrohe Welt der Comics filmisch umsetzt, legt auch „Supervixens“ nahe, nicht nur, weil nahezu alle Frauen in dem Film ein „Super“ vor ihrem Namen tragen und damit an die Superhelden der Comics erinnern, sondern auch wegen seines Themas um einen schwachen Helden, der Stärke erlangt (vgl. „Dark Knight Rises“, 2012). Grell-farbenfroh inszeniert Meyer immer, und das gelingt ihm, trotzdem er weitgehend auf Beleuchtung während des Drehens verzichtet. Margo Winchester, deren Namen ebenfalls gut zu einer Comicheldin passt, darf sich in „Up!“ passenderweise an Lianen schwingend und sich ihrer Gegner mit Karatetritten erwehrend gegen Ende als weiblicher Dick Tracy entpuppen.

„No fairytale… this“ – mit diesem Schriftzug beginnt der Film und führt Kitten Natividad als griechischen Chorus ein. In der griechischen Tragödie, um 500 v.Chr. aus religiösen Wechselgespächen zwischen einem Priester und der „Gemeinde“ entstanden, stand der Chor stellvertretend für den Zuschauer, der nun nicht mehr aktiv in ein Wechselgespräch eingebunden wurde, sondern nur noch passiv zusah. Der Chor reflektierte die Handlung, die dargeboten wurde und die im Laufe des 5. Jahrhunderts v.Chr. immer mehr in den Vordergrund trat, emotional, psychologisch und moralisch und lieferte dem Zuschauer die Interpretation des Gesehenen gleich mit. Während im römischen Reich der Chor in der Auftrittsdauer weiter reduziert wurde, gab es im Mittelalter und in der Neuzeit allenfalls noch einen Erzähler, der einzelne Akte einführt – bei Betonung der moralischen Deutungsebene. In „Geliebte Aphrodite“ (1995) geht Woody Allen davon aus, dass ein griechischer Chor heute nicht mehr ernst genommen werden kann und erzählt eine an sich tragische Geschichte humorvoll unter Einbeziehung eines den Film regelmäßig unterbrechenden griechischen Chores – jedoch ist es auch möglich, das epische Theater Brechts und das moderne Theater, in dem der Zuschauer teils von im Hintergrund zu sehenden Dokumentarfilmen oder Projektionen von echten Dokumenten und Fakten die Handlung wissenschaftlich-moralisch reflektiert, als ernsthafte Fortsetzung der Funktionen, die früher der Chor in der Tragödie ausgeführt hat, zu sehen. Im Film hingegen geschieht das in epischer Form dann, wenn in Seefahrts- oder Science-Fiction-Filmen Tagebuch- und Logbucheinträge zu hören sind und die emotionale Verfassung der Helden reflektieren, und auf lyrisch-emotionaler Ebene, wenn das Fortschreiten der Narrative verlangsamt wird oder gar stoppt, indem die Schönheit der Bilder inszeniert wird – dazu gehören auch Sexszenen; „Megavixens“ (1970) ist hier ein ideales Beispiel.

Der griechische Chorus in „Up!“ ist ein „Einpersonenchor“, sich selbst zu Beginn als „Missklang der Fleischeslust, Verkörperung des Körpers und des Suspense“ bezeichnend. Nachdem Adolf Hitler im ersten Akt des Films ermordet wird, stellt er dem Zuschauer in poetischer Sprache die Verdächtigen vor: Die äthiopische Köchin, Alice, „Maiden, Lesbian and Princess, Hüterin des Allerheiligsten, die ursprüngliche Mutter“, Paul, „ein Mann von mannigfacher Stoßkraft, dessen Hammer einen unermüdlichen Zapfenstreich gegen die weichen Unterleiber seiner weiblichen Beutetiere schlägt“, Margo, „die rehäugige Fickmaschine (…) eine makellose Konfiguration von Nietzsches Überweib“, Homer, der „Bulle in der Arena der Minne“, und Gwendolyne, die nicht „zwischen Paul und Alice kommt, sondern mit ihnen“. Während des Films führt der Chor immer wieder den Zuschauer zum eigentlichen Krimiplot zurück, den der Mittelteil „narrativ“ gar nicht erzählt, und fasst abschließend moralisierend das Scheitern und Triumphieren der Charaktere zusammen: „Rafe, der reizlose Riese, Opfer seines Mutterkomplexes und der Alkohollobby (…) Eva Braun jr. – ein Stutenfohlen in doppelter Kreuzung, hart zugeritten und beiseite geschoben (…) Paul, ein Fuchs, der seinen eigenen Schwanz jagt, Selbstfellatio ist seine Belohnung (…) Margo, kein Berg ist zu hoch, um erklommen zu werden – Winchester über Alles!“

Der Beginn des Films, in dem der masochistische Adolf Hitler sich seinen sexuellen Vergnügungen hingibt und schließlich ermordet wird, gefiel dem damaligen Publikum wenig – dabei steht er tief verankert in der Tradition der Geschichten in Russ Meyers Werk, besonders seines späteren. In Meyers Verständnis von Sexualität muss ein Mann ein heterosexuell aktiver Mann sein. Seine Filme zeigen nun Helden, die sexuell wenig selbstbewusst sind und entweder von einer Frau erlöst werden („Eve and the Handyman“, 1961), durch Magie befreit werden („Good Morning… and Goodbye“, 1967), oder sich ihre Sexualität erkämpfen müssen („Supervixens“, 1975). Die Gegenspieler sind Männer, die „gesunden Sex“ niemals kennengelernt haben und ihn nie kennenlernen werden und sich daher in tierische Brutalität, Alkoholismus und Frauenverachtung fliehen (besonders Sidney Breshaw in „Mudhoney“, 1964, aber in fast allen Filmen Russ Meyers vorzufinden). Nach seinen schlimmen Erlebnissen mit der US-Zensur koppelt Meyer die Frauenverachtung seiner „Tiermenschen“ mit der Sexverachtung der Zensoren, woraus dann der Charakter des Harry Sledge in „Supervixens“ entstanden ist – und in „Up!“ Adolf Hitler als mörderischster Verbrecher der Menschheit, der sich, in die USA geflohen, nun Sadomasochismus und Homosexualität hingibt – beides für Meyer weder gesund, noch ein Weg für sexuelle Heilung durch eine Frau. Auf persönlicher Ebene entspricht Hitler in „Up!“ Meyers Ehefrau Edy Williams, von der er sich zwischen „Supervixens“ und dem Drehbeginn von „Up!“ scheiden ließ. In „Supervixens“ wird SuperAngel, die Ehefrau des Helden Clint, der die gleichen Worte in den Mund gelegt werden, die Meyer sich von Edy Williams immer wieder bieten lassen musste, von einem Polizisten Harry grausam in einer Badewanne ermordet; ebenso grausam wird Hitler von einem Piranha, der ebenfalls auf den Namen Harry hört und den ein Killer, der die gleichen schwarzen Handschuhe trägt wie der Polizist Harry, in eine Badewanne wirft und Hitler damit ermordet. Da es im Verlauf der Trennung zwischen den beiden Eheleuten naive Hitlervergleiche gab, erscheint eine weitere emotionale Verarbeitung von Meyers Hassliebe und Trennungsschmerz offensichtlich.

„Up!“ wurde in Deutschland erst 1986 im Kino uraufgeführt und ist um Sex und Gewalt stark geschnitten, gerade das „Kettensägenmassaker“ fehlt gänzlich und lässt den Zuschauer völlig um Ungewissen. Die VHS- und DVD-Fassung ist nur sehr behutsam in Gewaltszenen geschnitten: Die Gewalt fehlt nicht, wird nur in der Dauer etwas verkürzt. Inhaltlich gab es kaum Änderungen, nur das einer oft der amerikanischen Satzstellung folgende Deutsch Hitlers wurde in der deutschen Fassung angepasst. Ein Manko ist die fehlende, Mae West imitierende Originalstimme Raven De La Croix´, deren laszive Coolness Quentin Tarantino in fast all seinen Filmen würdigt - - eine Hommage an De La Croix´ Tanz findet sich auch in Rodriguez´ „From Dusk Till Dawn“ (1996), den Tarantino mitinszenierte.


Fazit:

Äußerst unterhaltsame Cartoon-Grotske und Krimiparodie mit einer verdient kultverdächtigen Raven De La Croix. „Winchester über Alles!“


Wertung:

10 / 10


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