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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: IM TIEFEN TAL DER SUPERHEXEN - Russ Meyer
BeitragVerfasst: 13.12.2012 20:11 
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Alternativer Titel: Beneath the Valley of the Ultra-Vixens
Produktionsland: USA
Produktion: Russ Meyer
Erscheinungsjahr: 1979
Regie: Russ Meyer
Drehbuch: Russ Meyer, Roger Ebert
Kamera: Russ Meyer
Schnitt: Russ Meyer
Musik: William Tasker
Länge: ca. 88 Min.
Freigabe: FSK 18
Darsteller: Kitten Natividad, Ken Kerr, Ann Marie, June Mack, Uschi Digard





Lamar kann beim Sex seiner Frau nicht in die Augen schauen. Er sucht nach Möglichkeiten der Heilung. Diese sind unterschiedlich und allesamt voll daneben, so wie auch die Bewohner des gesamten Dorfs.

Mit deutschem Liedgut wird der Zuschauer im Reiche von Russ Meyer empfangen. Der letzten Strophe von „Deutschland erwache“ folgt die auf dem Piano interpretierte Version von!!! Matin Borman. Bedeutet dieses: dass Bormann nicht in Berlin gefunden wurde und er tatsächlich die Flucht nach Small Town antreten konnte? Welch schräge Gedanken, auf so etwas konnte wohl nur Russ Meyer kommen.

Schräg wie die Stränge der Gedanken ist natürlich auch der gesamte Film und wer sich diesem zu stellen nicht in der Lage ist, der sollte es auch erst gar nicht versuchen. Denn an dieser Trash-Front werden sich einzig deren Liebhaber zu Hause fühlen.

Nachdem wir Martin Bormann kennen gelernt haben, stellt uns der Sprecher die weiteren Charaktere aus Small Town vor. Als Zentrum wird ein Schrottplatz präsentiert wo sich die Bewohner ihr Geld verdienen. Als da wären die Hauptfigur Lamar und dessen Kollegen: ein Rassist, ein Redneck und ein Farbiger. Lamar muss sich nebenher mit Liebesdiensten bei der Besitzerin des Schrottplatzes beliebt machen. Die anderen Kollegen haben wie auch Lamar total die Kappe kaputt. In Meyers Film ist nämlich jede/r bekloppt und das hat natürlich seine Vorzüge. Denn die Gesamtschar an Vollidioten kann für einiges an Unterhaltung sorgen.

Eine Handlung und eine Sinn auszumachen fällt innerhalb des tiefen Tals in dem die Superhexen wohnen sehr schwierig, denn eigentlich gibt es keine/n und eine Message will der Film ebenfalls nicht vermitteln (es sein denn irgendwer kann ein Anprangern von Religionen und Sekten erkennen, dann möge er sprechen). Das Hauptaugenmerk liegt auf Sex und überzogenen Humor, so wie man es als Fan von Russ Meyers Werken durchaus zu schätzen weiß. Der Part der Gewalt kommt hier leider etwas zu kurz.

Der eigentlich letzte Film von Russ Meyer (wenn man Pandora Peaks ausklammert) kann in keiner Weise mit den Meyer Werken der 60er mithalten und ist ungefähr im Bereich von „Up“ angesiedelt. Nur mit dem Unterschied, dass „Up“ ein wenig interessanter und noch abgedrehter ist.

6/10

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 Betreff des Beitrags: Re: IM TIEFEN TAL DER SUPERHEXEN - Russ Meyer
BeitragVerfasst: 28.07.2015 15:45 
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Das war der letzte aus der Box, damit ist die Russ Meyer Retrospektive jetzt beendet.
Ein schöner Abschluss, wenn auch nicht so überragend, wie ich geglaubt habe.
Ich denke, hier wird einfach zuviel Wert auf Sex gelegt, dadurch wird es manchmal schon zäh.
Stellenweise gibt's zwar noch den typisch überdrehten Humor (Arztbesuch), aber insgesamt bleibt das Werk dann doch unausgewogen.
Obwohl (fast) die gesamte Damen-Riege wieder sehr ansehnlich ist.
Stuart Lancaster gibt diesmal den Erzähler und Russ Meyer höchstpersönlich übernimmt den Epilog.
So ist es insgesamt doch ein guter, wenn auch nicht für den Einstieg empfehlenswerter, Film.
8/10


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 Betreff des Beitrags: Re: IM TIEFEN TAL DER SUPERHEXEN - Russ Meyer
BeitragVerfasst: 24.11.2017 16:07 
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Im tiefen Tal der Superhexen – Russ Meyer

(USA 1979)

März 2003, VHS (Warner Vision, DF, 1,33:1, Open Matte, 2. und 3. Akt der Filmrolle vertauscht)
21.10.2017, Kino (Kommkino Nürnberg, DF, 1,37:1, Open Matte)
20.11.2017, DVD (Arrow, OV, 1,33:1, Open Matte)



„In Deutschland ist es Pflicht, “Hexen” (Witch) anstelle von “Vixen” zu sagen (um zu masturbieren).“
Russ Meyer



Inhalt:

In Small Town U.S.A., „wo man seinen Nachbarn trifft und wo der Demokratie eine neue Bedeutung verliehen wird“ spielt Martin Bormann auf einem automatischen Klavier „Deutschland erwache“, während seine Frau Eufaula Roop mit einem Computerspiel beschäftigt ist. „Deutschland, Deutschland über alles“ singend begibt er sich in einen Sarg, der in seinem Wohnzimmer liegt, und während Eufaula sich ihm tanzend nähert, meint er „Oh, das ist ja wunderbar!“. Eufaula setzt sich auf Martin und schläft mit ihm, während Heilungsmusik erklingt, da Eufaula für einen Radiosender als christliche „Heilerin durch Radioauflegen“ arbeitet.

Doch in Small Town gibt es auch unbefriedigte Menschen, wie Lavonia, die mit dem Schrottplatzarbeiter Lamar verheiratet ist. Während Lamar des Abends Rechnungen bearbeitet, befriedigt sich Lavonia mit einem Vibrator, als sie ihn sich jedoch einführt, wird Lamar wütend und zerstört ihn, indem er ihn gegen die Wand wirft und kehrt zu seiner Arbeit zurück. Lavonia gesellt sich nun zu ihrem Mann und gießt sich Milch über die Brüste, während sie mit ihren Zehen seinen Schritt massiert, kriecht dann unter den Tisch, wo ihn oral befriedigt. Lamar, der fleißig weiter an seinen Rechnungen arbeitet, kann sich nach einiger Zeit doch nicht mehr zurückhalten und nimmt seine Frau anal von hinten; nach dem Orgasmus tritt sie ihn in die Eier: „Das war das letzte Mal, dass du mich in den Arsch gefickt hast!“ und flüchtet. In einem Auto schläft sie zu Eufaulas Radiosendung mit Mr. Peterbuilt, kehrt anschließend jedoch zu Lamar zurück und kühlt seinen Schwanz mit einem feuchten Tuch.

Lamar arbeitet mit den beiden Rassisten Tyrone und Badger („crude, rude and tatooed“) und dem schwarzen Zebulon für Junk Yard Sal, ebenfalls eine Farbige. Wie viele Bewohner Small Towns toben sich Tyrone und Badger gerne aus, um der Langeweile zu entgehen, und so erlaubt sich Badger mit Tyrone gerne einen Spaß, indem er diesem beim Kacken mit einer Schaufel die Scheiße auffängt und wegschleudert, was der völlig verwirrte Tyrone verwundert mit einem „No Shit?“ bemerkt. Sal ermöglicht es den Einwohnern Small Towns, Geld zu verdienen und Freizeit zu haben, die sie für Spaß mit Frauen verwenden können. Doch auch in der Arbeitszeit ist die meist barbrüstige Sal gewillt, ihren Angestellten Spaß zu bieten und schläft mit Lamar, von Badger und Tyrone beobachtet, während ein Radiosprecher von „einem Feuersturm einer neuen moralischen Konzeption“ spricht und anschließend Eufaulas Sendung startet. Lamar, der nach dem Orgasmus die beiden Voyeure bemerkt, verprügelt sie, so dass sie gelb und grün bluten, doch auch Sal ist auf Lamar wütend, weil er „einem guten Fick nicht in die Augen sehen will“.

Lavonia verführt inzwischen den 14jährigen Rhett, um ihm „praktische Sexualkunde“ zu erteilen und ihm „in wilder Ekstase die letzte Prüfung“ zu „entfesseln“. Auch dem Damenunterwäschevertreter Semper Fidelis lässt sie nach dem Wäschekauf an ihre Wäsche und reimt mit ihm, während sie miteinander schlafen. Abends arbeitet sie als Lola Langusta als Stripperin in einer Bar, in der auch Lamar oft zu Gast ist. Doch er bemerkt nicht, dass es sich bei der rassigen Mexikanerin Lola um seine Frau Lavonia handelt, da er einen IQ von 37 hat. Lavonia hat die Absicht, Lamar von seiner analen Abirrung „umzudrehen“, indem sie ihn als Mexikanerin Lola verführt und ihm die Vorzüge von „einfachem Sex ohne neumodischem Klimbim“ zeigt.

Lamar ist allerdings noch nicht auf Dauer geheilt und als er falsch in eine Einbahnstraße fährt werden seine Reifen aufgeschlitzt. Lavonia schläft unterdessen in Lamars Haus mit Mr. Peterbuilt; als Lamar doch früher als erwartet zu Hause eintrifft, erwischt er die Beiden in flagranti und greift Peterbuilts an, der den Angriff jedoch nicht zu bemerken scheint und Lavonia weiter fickt. Lavonia unterstützt daraufhin ihren Mann und verbrennt Mr. Peterbuilts Eier mit einer leuchtenden Glühbirne. Der Kampf zwischen Peterbuilt und Lamar endet damit, dass beide, Lamar blau und Peterville rot blutend, zu Boden gehen.

Lavonia und Lamar beschließen nun, den Zahnarzt und Eheberater Dr. Asa Lavender aufzusuchen. Dort vergnügt sich Lavonia mit dessen Assistentin Flovilla Thatch und teilen sich einen Dildo („40cm geteilt durch 2 ist?“). Lavender hat weniger Glück mit Lamar, der vor dessen homosexuellen Avancen in einen Schrank flieht. Lavender, der mit einer Motorsäge den Schrank öffnet, wird von Lamar kurz und knapp niedergeschlagen, sodass er rosa blutet.

Da der Besuch bei Dr. Lavender zu nichts geführt hat, beschließen die Beiden, Eufaula Roop in ihrem Radiosender aufzusuchen. Als sich Lamar ihr mit entblöstem Schwanz präsentiert, legt sie schnell Musik auf: „Was kann ich für dich tun, Bruder?“ – „Ich möchte erlöst und geheilt werden.“ und verlässt mit ihm den Moderationsraum, um sich umzuziehen und ihn in einer Badewanne zu taufen, während sie mit ihm schläft; die Taufe wird von Radio Rio Dio landesweit gesendet, dabei heilt Eufaula nicht nur Lamar, sondern auch sich selbst. Auf einem Bett ohne Matratze fickt Lavonia inzwischen erneut das Muskelpaket Mr. Peterbuilt, der während des Aktes von seiner Frau angerufen wird und die ihn „Bimbo“ nennt. Sie droht ihm mit anwaltlichen Schritten, wenn er nicht pünktlich zum Essen käme. Schließlich kehrt Lamar heim, setzt sich gegen Mr. Peterbuilt durch und während dieser rot blutet, fickt er endlich seine Frau ins richtige Loch.

Eufaula widmet sich einem neuen Sünder: dem 14jährigen Rhett, der sich als Sohn des Farmers Lute entpuppt und der sein neues Wissen sogleich an dessen österreichischer Frau SuperSoul ausprobiert, was Lute mit Stolz zur Kenntnis nimmt. Auf dem Schrottplatz entsorgt mittlerweile Zebulon seine Chefin Sal, die gerade mit Mr. Peterbuilt fickt, und seine rassistischen Kollegen in einer Schrottpresse und freut sich darüber, dass er jetzt seinen Traum eines eigenen Schrottplatzes verwirklichen kann.

Da der Film nun zu Ende ist, kann Russ Meyer nur noch die auf Felsen turnende nackte Kitten Natividad mit seinem Kameraobjektiv einfangen und wundert sich dennoch über den Verbleib des übrigen Filmteams. Seinen Zuschauern, die er direkt anspricht, liefert er eine „historische Anmerkung“: „Bormanns Zähne und Gaumen wurden einige Jahre nach dem 2. Weltkrieg gefunden – doch jetzt taucht er wieder auf, lebendig und wohlauf – der Beweis, dass man vorsichtige Schritte machen muss, wenn man beyond the valley of the Ulta-Vixens gehen will“. „In München steht ein Hofbräuhaus“ singend fährt Martin Bormann hinaus in die Wüste, wo er auf einem wie eine Brust geformten Berg seinen Sarg aufbahrt und zwischen ihm und seinen Deckel sein Gebiss klemmt. Im Sarg schläft er mit Eufaula: „Oh, das ist ja wunderbar!“


Review:

1977 drehte Russ Meyer „Im tiefen Tal der Superhexen“, für dessen Schnitt und Soundediting er 9 Monate brauchte. Ab April 1979 wurde der 233000 Dollar teure Film in den USA gezeigt und erzielte zwar Gewinn, jedoch weniger als Meyers zwei vorherigen Filme. Als letzter richtiger Film Russ Meyers verzeichnet er einige letzte Auftritte Meyers Heroinnen: Kitten Natividad in einer scheinbaren Doppelrolle spielte bereits den griechischen Chor in „Up!“ (1976), in dem ebenfalls Ann Marie in einer kleinen Rolle zu sehen war. Uschi Digard hat nach „Megavixens“ (1970) und „Supervixens“ (1975) einen erneuten kurzen Auftritt als SuperSoul, die sie auch schon 1975 spielte. Männlicherseits spielt erneut Stuart Lancaster SuperSouls Ehemann Lute, der hier auch als Erzähler des Films fungiert und Henry Rowland ist nach „Blumen ohne Duft“ (1970), „The seven minutes“ (1971) und „Supervixens“ ein letztes Mal als Martin Bormann zu sehen.

„Im tiefen Tal der Superhexen“ liegt Thornton Wilders Theaterstück „Our Town“ zugrunde, das als „Unsere kleine Stadt“ (1940) von Sam Woods verfilmt wurde. Der Stoff ist der sogenannten „Americana“ zugehörig, d.h., er beschäftigt sich mit uramerikanischen Themen, Bräuchen und Lebensweisen und ist damit vergleichbar mit dem deutschen Heimatfilmgenre. Mit „Im tiefen Tal der Superhexen“ vergleichbare Americana sind „Stephen Kings In einer kleinen Stadt“ (1993) und die Serien „Twin Peaks“ (1990-1991, 2017) und Picket Fences“ (1992-1996), da sie wie Russ Meyers Film ebenfalls Klischees aufbrechen, aber trotzdem dem heimatverbundenen Geist der Americana verhaftet bleiben oder zumindest mit ihm spielen.

Entsprechend wird Small Town U.S.A vom Erzähler. als „Schmelztiegel“ diverser Kulturen und Rassen bezeichnet – Martin Bormann „repräsentiert die Kultur“, die Schrottplatzbesitzerin Junk Yard Sal und ihr Angestellter Zebulon sind schwarz. Russ Meyer führt die Aussage „Wie kann man nur äußerlich so schwarz und innerlich so yellow/feige sein!“ der Rassistin Vixen in „Vixen“ (1968) hier konsequent weiter, indem er seine Filmfiguren in zu ihrem Charakter passenden Farben bluten lässt, worauf bereits Shakespeare in ähnlicher Form in „Der Kaufmann von Venedig“ (ca. 1598) hinweist, wenn der stets wegen seiner Religion angefeindete Jude Shylock sich beklagt: „wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht“, was auf das Blut als gleichfarbiger und kleinster gemeinsamer Nenner unter den Menschen hinweist, während in „Othello“ (ca. 1604) der schwarze Protagonist und Feldherr Othello im 1. Akt gelobt wird: „Gäb´s helle Haut für Edelmut als Preis, dann wär´ ihr Schwiegersohn statt schwarz reinweiß“, also die Hautfarbe als moralische Metapher im positiven Sinne verwendet wird. In „Im tiefen Tal der Superhexen“ bluten die beiden Yellows/Feiglinge Badger und Tyrone yellow/gelb und grün – zudem sind sie Voyeure; Meyer hat bereits in „Der unmoralische Mr. Teas“ (1959) seinen voyeuristischen Titelhelden als feige dargestellt, indem er ihn weglaufen lässt, als sich ihm drei seiner begehrten Objekte nähern, um sich zu ihm zum Sonnen an den Strand legen. Zebulon blutet „reinweiß“, was weniger auf seinen Charakter hindeutet, da er später aus Habgier seine Konkurrenten umbringt, um seinen eigenen Schrottplatz zu bekommen, sondern eher als kontrastreicher Gag zu verstehen ist, der homosexuelle Dr. Lavender blutet rosa, eine Farbe, die vor allem von Frauen bevorzugt wird, die wie Lavender meist Männern zugeneigt sind, Mr. Peterbuilt blutet rot, was auf einen Antagonismus zu Lamar hindeutet, denn rot deutet hier nicht auf Liebe hin, sondern auf Kampf und Tod – dementsprechend blutet Lamar als Held in tapferem Kavallerieuniformenblau. - - Farbe als Charakteristik für Personen oder Stimmungen im Film wurde bereits zu Stummfilmzeiten als Virage zum Erzeugen von Stimmungen oder Verdeutlichen von Situationen verwendet, blau beispielsweise, um eine nächtliche Außenszene auszuschmücken, rot, um Liebe und Gewalt zu illustrieren. Ab den 1950er Jahren wurde manchmal das Filmbild teils nachträglich, teils durch Ausleuchtung am Set farbverfremdet, um in der Tradition der Stummfilmära Stimmungen zu steigern, besonders intensiv nutzten Douglas Sirk in seinen melodramatischen Meisterwerken („Was der Himmel erlaubt“, 1955) und italienische Horror- und Erotikfilmregisseure (Mario Bava, Dario Argento, Tinto Brass in nahezu allen Filmen dieser beiden Genres) dieses Stilmittel. Russ Meyer verzichtet darauf, sich in diese Tradition einzuordnen und reiht sich vielmehr unter die Surrealisten, auf die er sich bereits mehrmals zuvor, besonders in „Supervixens“, bezog, und kehrt das Innere (Charakter) nach Außen (Farbe des Blutes als Charaktermerkmal) – eine zentrale Forderung des surrealistischen Manifests (1924).

Der Film wird eingerahmt von jeweils einer kurzen Martin-Bormann-Episode, dem Kulturmenschen. Bormann war bereits in drei Filmen Russ Meyers zu sehen, in den beiden Ersten als negativer Charakter – in „Blumen ohne Duft“ trug er eine Naziuniform mit Hakenkreuzbinde, in „The seven minutes“ unterstütze er die Machenschaften der Zensoren. „Im tiefen Tal der Superhexen“ erklärt, warum Bormann seit „Supervixens“ eher positiv charakterisiert wird: Er ist nun mit Eufaula Roop verheiratet, die nicht nur durch „Radioauflegen“, sondern auch durch Sex den Charakter heilt. Eufaula als christliche Heilerin sexueller Defizite ist Meyers abschließender Kommentar auf sein Verständnis eines möglichen „wahren“ Christentums: Was wäre, wenn das Christentum seinem Anspruch als Religion der Liebe gerecht würde und Sex zum Nutzen der Menschen einsetzte, anstatt ihn als Sünde zu Verdammen? „Gib mir den alten Glauben wieder, gib mir den alten Glauben wieder, denn das ist gut für mich! Lass mich jeden Menschen lieben, lass mich jeden Menschen lieben, denn das ist gut für mich!“ - - Ein Gegenentwurf, eine Utopie!

Im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern „Supervixens“ und „Up!“ erhöht Russ Meyer nochmals den Comic- und Superheldenanteil, indem er auf groteske, an die Serie „Batman“ (1966-1968) erinnernde Soundeffekte zurückgreift, aber auch die Reise des Helden als besonderes Merkmal von Superheldenfilmen („Dark Knight Rises“, 2012), nach „Supervixens“ ein zweites Mal in den Mittelpunkt stellt. Der Angestellte Lamar, der auf das weibliche Geschlecht anziehend wirkt und mit einer wunderschönen Frau verheiratet ist, bevorzugt Analsex – anstelle des von den Frauen bevorzugten vaginalen Geschlechtsverkehrs, wo man seinem Partner „in die Augen sehen“ kann. Erste Versuche seiner Frau, ihn unter einer anderen Identität als mexikanische Stripperin zu heilen, wie auch ein Gang zu einem Eheberater, scheitern. Erst, als Lamar die Baptistin Eufaula Roop in ihrem Radiosender aufsucht, kann „die Bibel lebendig“ und „was kurz ist (…) laaaaang“ werden; Lamars anale Abirrung wird geheilt. Ort der Heilung ist eine Badewanne; in Badewannen trug sich in den beiden vorherigen Filmen Meyers immer die Handlung auslösende extreme Gewalt zu: In „Supervixens“ wurde SuperAngel von einem impotenten Polizisten mit Minderwertigkeitskomplexen ermordet, ihr tatverdächtiger Ehemann Clint musste sich deswegen auf eine Odyssee nach Westen begeben, bis er sich seinen Prüfungen stellen konnte und mit dem Mörder um seine neue Geliebte kämpfen musste. In „Up!“ wurde Adolf Hitler in einer Badewanne von einem Piranha aufgefressen, die Suche nach dem Mörder bestimmt die weitere Handlung des Films. Sowohl SuperAngel, als auch Hitler sind Allegorien auf Meyers damalige Ehefrau/Exfrau Edy Williams, im Laufe der Trennung gab es zwischen den beiden naive Hitlervergleiche. Dass eine Badewanne nun nicht mehr Ort der symbolhaften Vernichtung von Meyers Ehefrau Edy ist, sondern Ort der Heilung, zeigt, dass Meyers Intention, seine Ressentiments gegen Edy künstlerisch und kreativ im Film zu verarbeiten, erfolgreich war und Russ Meyer selbst Heilung gefunden hat. Zurück zu unserem Helden Lamar: Seine Heilung in der Badewanne ist nicht eine einfache Erlösung wie in „Eve and the Handyman“ (1961), sondern mit einer letzten Prüfung verbunden, wie sie Burt in „Good Morning… and Goodbye“ (1967) absolvieren muss. So, wie der durch Magie geheilte Burt sich gegen seinen Konkurrenten, den Tiermenschen Stone, im Kampf durchsetzen muss, so muss sich Lamar gegen den tierischen Mr. Peterbuilt in einer letzten Prüfung durchsetzen, damit er seiner Frau zeigen kann, dass er geheilt und bekehrt wurde. Seine Frau Lavonia stellt ihm diese Prüfung bewusst und planvoll, und schlüpft so in die Rolle des Mentors. - - Mentor ist eine Figur in der „Odyssee“ (ca. 700 v.Chr.), ein Werk, auf das sich Meyer bereits in „Supervixens“ bezog. Nur agiert in der „Odyssee“ Mentor als Lehrer des Odysseus und dessen Sohnes gar nicht, sondern die Göttin Athene, die dessen Gestalt angenommen hast und die die Wege der beiden überwacht und beschützend lenkt. In diese allwissende, beschützende und lenkende Rolle schlüpft nun Lavonia, deren göttliche Zuversicht über jeden Zweifel erhaben ist.


Fazit:

„Im tiefen Tal der Superhexen“ ist ein stimmiger und gelungener Abschluss von Russ Meyers Gesamtwerk und lehrt ein wichtiges Lebensmotto: „Wer die Hände in den Schoß legt, muss nicht untätig sein!“ – mit Sicherheit bestimmend für die nächsten 22 Jahre in Russ Meyers Leben.


Wertung:

8,5 / 10


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