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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: KANAKERBRAUT - Uwe Schrader
BeitragVerfasst: 30.12.2017 11:27 
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Kanakerbraut
BRD 1984
Regie: Uwe Schrader
Peter Franke, Brigitte Janner, Gerhard Olschewski, Nikolaus Dutsch, Grete Jochmann, Steffi Lang, Alfred Raschke


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Seitdem seine Frau ihn verlassen hat reist Paul langsam aber unaufhörlich gen Abgrund. Er lebt in einem Loch von Wohnung, trinkt literweise Bier, hält sich mit Gelegenheitsjobs gerade noch über Wasser, und lässt sich eigentlich nur von Kneipe zu Kneipe treiben. Er trifft Lisa die Kanakerbraut, die so genannt wird weil sie sich mal mit einem Türken eingelassen hat. Aber Paul kommt über den Verlust seiner Frau (und damit auch seiner früheren Existenz) nicht hinweg, während Lisa aus Trauer über die Abwesenheit ihres Mannes (er ist auf Montage im Sudan) das Vergnügen sucht und ständig die Affären wechselt. Jeder hat halt so seine Art, die Abwesenheit des Geliebten und die daraus resultierenden Enttäuschungen zu kompensieren …

Mit Paul und Lisa ziehen wir durch die Nacht, und das so intensiv, dass der Bildschirm nach Zigarettenrauch riecht und sich im Mund der Geschmack von fadem Bier breitmacht. Die Kneipen sind trist, die Wohnungen noch viel mehr, und am Tristesten ist das Leben. Wo 4 Jahre später in MAU MAU dann durchaus eine gewisse Energie und gelegentliche Heiterkeit anzutreffen sind (dort möchte ja wenigstens Rosa das Leben genießen), ist KANAKERBRAUT direkt vom Leben abgeschaut und ausgesprochen depressiv. Hier gibt es keinen Frohsinn, und wenn man sich in Lisas Wohnung zu dritt vergnügen will wird schnell festgestellt, dass da einer zuviel ist: Paul wird rausgeworfen. Jeder sucht halt sein kleines Stückchen Wärme: Der eine zwischen den Beinen Lisas, und der andere in einer Flasche Bier.
Der Film sprengt die Grenzen des Spielfilms und schafft das Kunststück, dass wir Schauspielern zuschauen, die Leben spielen. Dass wir Laiendarstellen zuschauen die ihr Leben vor der Kamera leben. Dass die Grenzen zwischen Spiel und Leben verwischen, durchlässig werden, und der ungeschönte Blick in die Kneipen der Arbeiter- und Arbeitslosenviertel nichts mehr mit einem auch nur irgendwie gearteten „Spielfilm“ zu tun hat. Stattdessen könnten diese knapp 60 Minuten auch eine Reportage eines investigativen Journalisten sein, und keiner würde den Unterschied merken. Doch: Es gibt keinen Mitleid heuchelnden Off-Sprecher. Der Blick ist ungeschminkt und ehrlich, was die klassische Klientel so eines Films, bürgerliche Filmfans und Soziologiestudenten, gleichzeitig faszinieren und abstoßen dürfte. Man kennt das, wenn man den Kopf so gar nicht abwenden kann, und da mache ich beileibe keine Ausnahme …
Es gibt diese Szene, wenn Paul, Lisa und der dicke Mann die Kneipe verlassen, und die Kamera an den Gesichtern der Gestrauchelten entlangfährt. Gesichter, die jeder Stadtbewohner kennt, und aus einer Mischung aus Neugier und Abscheu betrachtet. Diejenigen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Keine „Schauspieler“ in einem „Film“, sondern bittere und erschreckende Wahrheiten. Gesichter von echten Menschen, die einmal Kinder waren, die groß geworden sind, und die nach und nach ihre Träume begraben mussten. Und den einzigen Trost beim Wirt um die Ecke fanden.

Faszinierende und gleichzeitig deprimierende Kunst, die ein erschreckend realistisches Bild der Wirklichkeit zeichnet. Und diesen Satz meine ich genauso so wie ich ihn schreibe …

7/10

Es gibt auch eine ganz hervorragende Homepage von Uwe Schrader :D

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Betreff des Beitrags: Re: KANAKERBRAUT - Uwe Schrader
BeitragVerfasst: 30.12.2017 11:57 
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Sehr fein. Ein weiteres angenehm-unangenehmes Schätzchen der Deutschtümelei.

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 Betreff des Beitrags: Re: KANAKERBRAUT - Uwe Schrader
BeitragVerfasst: 01.01.2018 08:04 
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Ein absolut super Film von Uwe Schrader. Wem KANAKERBRAUT gefällt, der sollte sich auch SIERRA LEONE von Uwe Schrader anschauen. Der Film schlägt in die selbe Kerbe. Christian Redl ist ja sowieso ein toller Schauspieler, und dann noch die Atmosphäre die (genau wie in KANAKERBRAUT) richtig eingefangen wurde.

Meiner Meinung sollte man alle drei Filme der Trilogie gesehen haben: KANAKERBRAUT, SIERRA LEONE und MAU MAU.


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 Betreff des Beitrags: Re: KANAKERBRAUT - Uwe Schrader
BeitragVerfasst: 01.01.2018 11:42 
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Christian Redl ist ein Typ, der über die Grenzen hinaus geht. Als "Hammermörder" fand ich ihn schon klasse, aber in "Angst" (nur einmal gesehen, aber einige Dialoge bis heute behalten) hat er mir tatsächlich große Angst bereitet. Ein großartiger Schauspieler.

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 Betreff des Beitrags: Re: KANAKERBRAUT - Uwe Schrader
BeitragVerfasst: 01.01.2018 15:46 
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Ich kann mich an den Fernsehkrimi TÖDLICHES VERTRAUEN erinnern, in dem mich Redl sehr beeindruckt hat. Aber trotzdem kann ich mit ihm nicht wirklich viel anfangen, wahrscheinlich fand ich SIERRA LEONE von den drei Schraders deswegen am Schwächsten. Wobei "schwach" relativ zu sehen ist, aber von diesen dreien hat er mich halt am Wenigsten beeindruckt.
MAU MAU hat mich ziemlich umgehauen, ich weiss nur noch nicht ob mein Text dazu auch was taugt ... :oops:

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 Betreff des Beitrags: Re: KANAKERBRAUT - Uwe Schrader
BeitragVerfasst: 01.01.2018 21:54 
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sid.vicious hat geschrieben:
Christian Redl ist ein Typ, der über die Grenzen hinaus geht. Als "Hammermörder" fand ich ihn schon klasse, aber in "Angst" (nur einmal gesehen, aber einige Dialoge bis heute behalten) hat er mir tatsächlich große Angst bereitet. Ein großartiger Schauspieler.


Du sagst es! Ein großartiger Schauspieler der über Grenzen hinaus geht. Das ist genau die richtige Beschreibung.

Toll das du ANGST erwähnst. Ich habe den Anfang der 2000er das erste mal auf ARTE gesehen. Da ich kurz vorher den Hammermörder gesehen habe und Redl da schon toll fand, habe ich ANGST auf gut Glück direkt auf VHS mitgeschnitten. Seit dem lief der Film leider nicht mehr. Die VHS pflege ich daher gut ;)

Von DER HAMMERMÖRDER gibt es ja mittlerweile eine DVD, worüber ich sehr froh bin. Hoffe immer noch das ANGST auch noch irgendwann erscheint.

Ein weiterer toller Film mit Christian Redl ist LEA von Ivan Fila. Dieser ist aber leider auch recht unbekannt. Auch den habe ich nur als VHS Aufnahme. LEA ist auch ein Film der einen ziemlich umhaut und in dem Redl sehr beängstigend spielt. Die Atmospähre ist extrem düster und kalt. Redl unterstreicht dies noch zusätzlich.

Außerdem spielen in LEA Leute wie Udo Kier, Hanna Schygulla und Oliver Stritzel kleinere Nebenrollen.

Ein paar Infos und ne Inhalsangabe zu LEA: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***


@Schmutziger_Maulwurf : Hau mal deinen Text über MAU MAU rein. So schlimm kann er doch nicht sein...


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 Betreff des Beitrags: Re: KANAKERBRAUT - Uwe Schrader
BeitragVerfasst: 02.01.2018 19:15 
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Dieser Angst ist mir letztens beim schauen des hammermörders auch wieder in Erinnerung gekommen. Hab den damals als Kind oder Jugendlicher tv gesehen und immer wenn ich den Hauptdarsteller wiedersehe kommen so ein paar Szenen hoch die sich in mein unterbewusstsein eingebrannt haben. War damals total geschockt und berührt weil das alles so widerlich und realistisch rüberkam. Ein Schlag in die magengrube der film, damals zumindest. Würde den auch sehr gerne nochmal schauen.

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