Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 21.02.2018 16:38 
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Angela, the Fireworks Woman – Wes Craven

(USA 1975)

7.1.2018. Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, 1,37:1)
Der Film wurde in einer italienischen Sprachfassung mit hinzugefügten, inhaltlich verfälschenden Szenen aus anderen Filmen und möglicherweise um Originalszenen geschnitten gezeigt. Englische Untertitel.



Inhalt:

Bereits seit ihrer Kindheit lieben sich die Geschwister Angela und Peter, und als sie „älter werden, merken sie, dass sie keine Kinder mehr sind“. Peter will Priester werden, was Angela in die Einsamkeit treibt und dazu, ihre Sexualität auszuleben. Dabei gerät sie unter anderem an ein Sadomasochistenpaar und wird Opfer einer Vergewaltigung durch einen Fischer.

Peter, inzwischen weit fortgeschritten in seiner Priesterausbildung, muss trotzdem immer wieder an Angela denken, die ihn manchmal besucht, um zu beichten. Er gibt sein Amt schließlich auf, beschließt, mit Angela zusammen zu leben und segelt mit ihr hinaus aufs Meer.


Review:

Zwischen „Last House on the Left“ (1972) und “Hügel der blutigen Augen” (1977) drehte Wes Craven das Pornoliebesdrama „Angela, the Fireworks Woman“, in dem er auch selbst mitspielt. Nicht seine einzige Arbeit, er soll zu dieser Zeit als Produktionsassistent an mehreren Pornos mitgewirkt haben.

Der Film ist einer der Golden-Age-Pornos, die mit einer richtigen Handlung punkten können, er schwächelt jedoch inszenatorisch: Horst Badörties, das Pseudonym eines unbekannten Kameramanns, dessen Karriere durch eine Beteiligung an Hardcorefilmen nicht gefährdet werden sollte, filmt zwar die Party- und Orgienszenen ausgesprochen rauschhaft und schön, den Sex aber gerade nicht. Nun mag man einwenden, dass Angela sich als Charakter in einer Krise befindet und emotional unter der Trennung von ihrem Bruder leidet, doch bis auf die begleitende Musik, die passend z. B. die S/M-Erziehungsszenen wie einen Horrorfilm untermalt, ist der Sex selbst sehr banal und öde von der Kamera eingefangen. Stattdessen reicht wiederum der Filmschnitt, der auf das Konto Cravens selbst geht, an die Schule Eisensteins (und Russ Meyers) heran: Wenn Peter, der Priester und Bruder Angelas, leidvoll an seine Schwester denkt, wird der Zuschauer Zeuge von kurzen Auspeitschungssegmenten, die in der Form der Montage erkennen lassen, dass dies auch der Gemütszustand Peters ist und zudem die katholische Praxis der Selbstgeißelung kunstpsychologisch aufarbeiten.

Das Titelgebende Feuerwerk, das es zu Beginn und gegen Ende des Filmes im Rahmen einer Party zu sehen gibt, in der die Silhouette eines Mannes mit Zylinder gegen das Licht gefilmt immer wieder markant auffällt (Craven?), steht in dem Film symbolisch für den Geist der Unabhängigkeit und der Begierde, das Meer, auf das sie mit ihrem Bruder zum Happy-End hinausfährt, für die erlangte Freiheit.

Der Film wurde auf dem 17. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Intelligentes Pornodrama, inszenatorisch Geschmackssache.


Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 22.02.2018 18:08 
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Das Rasthaus der grausamen Puppen – Rolf Olsen

(Deutschland / Italien 1967)

7.1.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, 1,66:1)



Inhalt:

Bob und Betty töten mit ihrem Fluchtauto nach einem Juwelendiebstahl einen Polizisten, indem sie ihn mit dem Wagen zerquetschen; während Bob fliehen kann, wird Betty eingebuchtet. Im Knast herrscht Superintendant Nipple mit eiserner Faust und Bettys Mitgefangene sind alles Lesben – „Mit mir nicht, ich bin normal“ meint sie, doch die Antwort „Schnauze, du Klosettbesen“ lässt Böses erahnen: Bald wird sie Zeugin, wie Nipple 3 Frauen an Duschen gekettet mit auf „heiß“ gestelltem Wasser foltert, doch in diesem Moment ergibt sich die Gelegenheit für Betty – „Soll ich dich auch mal unter die Brause stecken, du Luder? Oder heute Abend bei mir in meinem Büro?“ Als Nipple sie im Dominakostüm auspeitschen will, sticht Betty sie nieder und flieht mit ihren Zellengenossinnen am Nachtwächter vorbei, der nicht kontrolliert, sondern Eier legt.

In einem Bekleidungsgeschäft, in das sie einbrechen, besorgt sich jede der Geflüchteten „ne dufte Pelle“ und entführen einen Totengräber, um in dessen Leichenwagen zu fliehen. Bei einer Polizeikontrolle versucht der Entführte zwei Polizisten verständlich zu machen, dass er eine Geisel ist, doch um das zu verstehen sind Polizisten zu dumm: „Wenn´s im Köpfchen alle ist, wird man eben Polizist“. Nach überstandener Polizeikontrolle erschießen sie den Totengräber.

In einem schottischen Rasthaus treffen sie wie geplant Bob, der dort arbeitet und wollen gemeinsam fliehen; um das nötige Geld für die Flucht zu bekommen, wollen sie Marilyn Oland entführen und von ihrem Gatten Geld erpressen – doch da entdeckt Mrs. Twaddle beim Radfahren mit ihrem Hund den ermordeten Totengräber und weiß sofort: Es waren Mörder! „Mörder, Mörder“ rufend eilt sie mit ihrem Rad zum Rasthaus und erzählt Bob von dem schnöden Mord – dem Falschen! Eine zweite Leiche dort entdeckend, wird sie durchs Rasthaus gejagt und schließlich getötet.

Nachdem auch die Entführung Mrs. Olands scheiterte, taucht eine junge Mutter mit ihrer gelähmten Tochter Emily auf. Sie ist auf dem Weg in das nächste Krankenhaus und erzählt bereitwillig, dass sie 2000 Pfund für die Operation dabei hat, die Emily wieder auf die Beine helfen soll. Die verbliebenen Verbrecherinnen entführen Emily, geraten aber untereinander in Streit ob der Brutalität, die sich nun auch gegen ein Kind und ihre Eltern richtet – als der Vater im Kampf stirbt, wählt die Mutter den Freitod. Linda, die einzige überlebende Ausbrecherin, wandert wieder in den Knast, aber nicht für lange, da sie Emily geholfen hat.



Review:

„Das Rasthaus der grausamen Puppen“ ist ein Exploitationkrimi von Rolf Olsen („Heubodengeflüster“, „Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“, beide auch 1967) und überrascht mit einem stargespickten Cast, unter anderem Ellen Schwiers als Mrs. Nipple, Jane Tilden, Margot Trooger und Helga Anders.

Was den Film bemerkenswert macht, ist die ausgesprochen dichte Inszenierung, ständig gibt es Eyecandy, Action, Humor, Derbheiten, so dass es überhaupt nicht mehr auffällt, dass es dem Film aufgrund seiner Sprunghaftigkeit an einer Grundspannung mangelt. Es ist kein spannender Krimi, auch wenn er auf den ersten Blick wie ein Edgar-Wallace-Film aussieht, vielmehr ein Actionfilm, wie er aufregender und unterhaltsamer nicht sein kann. Während die Gewalt exzessiv wie ein Horrorfilm (der späten 60er) inszeniert ist, der Beginn 10 Minuten lang an das Women-in-Prison-Genre denken lässt, die Flucht im Leichenwagen an ein Roadmovie und die Situation im Rasthaus „The Hateful Eight“ (2015) alle Male in die Tasche steckt, bietet der Showdown nach dem Verlust Miss Marples noch ordentlich Dramatisches, bis der Film in den letzten Minuten so tut, als sei er ein Polizeifilm gewesen und das Verbrechen vom Yard endlich aufgeklärt worden. Dazu mit fetziger Musik und noch besserem Titelsong („Dirty Angels“ von Don Adams), sexy Frauen in einer „Pelle“ up to Date, die böse sind wie es in anderen Filmen dieser Zeit nur Männer oder Frauen in Russ-Meyer-Filmen sein durften und damit auch aus feministischer Sicht fortschrittlicher als die meisten heutigen Genrefilme.

Der Film wurde als Abschlussfilm auf dem 17. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in ungekürzter Fassung gezeigt und vom Publikum als einer der Höhepunkte und würdiger Abschluss des Festivals gefeiert.


Fazit:

„Einer der übelsten Schundfilme der letzten Zeit. Schärfstens abzulehnen!“
(Evangelischer Filmbeobachter)


Wertung:

10 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 27.11.2018 17:10 
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Suspiria – Luca Guadagnino

(Italien / USA 2018)

15.11.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, DCP, DF)
25.11.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, DCP, DF)



Inhalt:

Susie Bannion aus den USA möchte in der „Markos“-Tanzschule in Berlin ihre Ballettkünste verbessern. Dort wird gerade das Stück „Volk“ eingeübt und dort angekommen, kann sie die Tanzlehrerinnen, insbesondere die perfektionistische Madame Blanc, schnell von ihren Fähigkeiten überzeugen und bekommt schnell die Hauptrolle, die sie beherrscht, da sie bereits eine Aufführung von „Volk“ gesehen hat.

Allerlei Merkwürdigkeiten, von denen Susie keine Ahnung hat, tragen sich unterdessen in der Tanzschule zu: Die ehemalige Tänzerin Patricia mit Sympathien für die RAF muss sich einem Psychiater anvertrauen, da sie meint, Hexen würden nachts in ihren Träumen zu ihr sprechen; von Bildern, auf denen Augen zu sehen sind, fühlt sie sich beobachtet. Olga, die vor Susie die Hauptrolle in „Volk“ kurzzeitig inne hat – sie ersetzt Patricia – bekommt einen hysterischen Anfall und kündigt ihre Rolle auf – als Susie kurze Zeit später „Volk“ einübt, werden ihre Tanzbewegungen von den Hexen der Tanzschule auf Olga durch Zauberei übertragen, so dass diese Bewegungen Olgas Körper zerstören.

Dr. Klemperer, dem sich die mittlerweile verschwundene Patricia anvertraut hat und der immer noch hofft, seine im 2. Weltkrieg von ihm getrennte Frau wiederzufinden, glaubt mittlerweile auch an die Existenz eines Hexenkultes in der Tanzschule und sieht sich auch die Neuaufführung von „Volk“ an, die allerdings wegen eines Unfalls einer Tänzerin abgebrochen werden muss. Als er sich abermals der Schule nähert, trifft er tatsächlich seine verschollene Frau, die sich jedoch kurze Zeit später in Nichts auflöst. In diesem Augenblick wird er von höhnisch kreischenden Hexen in die Tanzschule entführt, wo er Zeuge eines Rituals wird, die seine Vermutungen über zwei Parteiungen im Hexenkult bestätigen, denn neben den 3 Müttern Lachrymarum, Tenebrarum und Suspiriorum gibt es auch noch eine neue Mutter – Markos. Mutter Markos soll im Körper einer der Tanzschülerinnen im Laufe dieses Rituals wiedergeboren werden – doch Madame Blanc, die Zeremonienmeisterin dieses Rituals, spürt, dass etwas nicht stimmt und will abbrechen. Dafür ist es zu spät, als sich Susie als Mater Suspiriorum zu erkennen gibt, die Herrschaft übernimmt und den Tanzschülerinnen das gibt, was sie sich ersehnen („Ich will sterben“): Den Tod.

Wenige Tage später sucht Mater Suspiriorum Dr. Klemperer auf und enthüllt ihm, was wirklich mit seiner Frau geschehen ist: Sie kam bei der Flucht aus Berlin um. Anschließend nimmt sie ihm aus mütterlicher Barmherzigkeit die Erinnerung an diese Offenbarung.



Review:

Mit Tilda Swinton arbeitete Regisseur Luca Guadagnino bereits häufig zusammen, mit seinem Kameramann Sayombhu Mukdeeprom, seinem Cutter Walter Fasano und seinem Drehbuchautor David Kajganich vereinzelt („Call me by your Name“, 2017, bzw. „A Bigger Splash“, 2015). Mit diesem eingespielten Team verfilmte er Dario Argentos Meisterwerk „Suspiria“ (1977) neu und siedelte die Geschichte seines Films in die Gegenwart von Argentos Film an, in die Zeit des Deutschen Herbstes.

Das Drehbuch erscheint zunächst ambitioniert und vielschichtig: Konzentrierte sich Dario Argento noch auf den reinen Horror, den er mit surrealistischen Farbspielen auf die Leinwand zauberte und so einen Look schuf, der sich zwar in die Tradition Douglas Sirks und seinen unmittelbaren Vorläufer Mario Bava stellte, jedoch trotzdem in dieser Vollkommenheit und Konsequenz über fast den ganzen Film hinweg so noch nie da war und gewiss stilistisch einen Höhepunkt der Farbdramaturgie bildet, verwarfen Kajganich und Guadagnino selbige als Style-over-Substance-Camp und stellten die Story in den Vordergrund. Diese, durchaus komplex, bietet vielerlei Subtexte und Anspielungen, die das Original in dieser Deutlichkeit nicht besaß oder brauchte:


1. Mütterlichkeit

Während bei Dario Argento die Drei Mütter, von Thomas De Quincey, einem Dichter der Englischen Romantik entlehnt, die Personifikationen von Seufzen, Tränen und Finsternis sind, somit redende Namen tragen und den Tod bringen, ist zumindest Mater Suspiriorum in Guadagnonis Werk die Personifikation der Mütterlichkeit. Der Begriff ist hier ganzheitlich aufzufassen und nicht einseitig positiv, etwa im Sinne von „Fürsorglichkeit“, nach dem er auf den ersten Eindruck klingt. Eine Mutter, und das macht der Film mit einer Texttafel schon zu Beginn des Filmes deutlich, entscheidet als mächtigste Person im Leben eines Kindes über dessen Glück und Unglück. In der Philosophie wird die Mutter manchmal mit einem gottgleichen Wesen Verglichen, als das ein Kleinkind diese betrachten muss, und in Abgrenzung zum Begriff „Fürsorglichkeit“ muss zur Mutterrolle auch berücksichtigt werden, wie brutal die Kindererziehung im Vergleich zu unserer zivilisierten und überregulierten Zeit noch vor 50 Jahren teils gewesen ist.

Dies erklärt auf den Film bezogen nicht nur, dass Mater Suspiriorum, die ihren „Kindern“, den Tanzschülerinnen, am Ende den Tod bringt (Euthanatos), aber Klemperer gegenüber Barmherzigkeit übt, sondern auch die Rollen der Tanzlehrerinnen (bis auf Madame Blanc, der Zeremonienmeisterin), deren Launenhaftigkeit an Pubertierende erinnert. Die Mutter ist Kontrollinstanz über Kinder verschiedener Altersgruppen – in „Suspiria“ ins Mythologisch-Allegorische überhöht.



2. Gewalt und Terror

„Sie sind seit dem Krieg im Untergrund“ meint die entflohene Patricia zu Dr. Klemperer gleich zu Beginn des Films. Damit baut der Film eine Verbindung zur Zeit des Nationalsozialismus auf, der gewalttätigsten Epoche in der deutschen Geschichte. Ähnlich wie also nationalsozialistische Haupttäter sind die Hexen dieser Tanzschule also gezwungen, aus dem Verborgenen zu agieren. Spiegelt man die oben angesprochene Totalität der Mutterrolle in den Nationalsozialismus, erkennt man Parallelen zum Führerprinzip, das seinem „Volk“ Glück und Barmherzigkeit versprach, aber vielen den Tod brachte – wie Mater Suspiriorum am Ende den Tänzerinnen des Stückes „Volk“, von denen sie einigen den Tod bringt.

Eine weitere Parallele ist Terrorgewalt, in „Suspiria“ am Beispiel der RAF dargestellt. Die dem Hexenhaus entflohene Patricia hegt Sympathieen für die RAF und wird auch verdächtigt, an einem Bombenanschlag in Hörweite der Tanzschule beteiligt gewesen zu sein. Der Film deutet an, dass die dem Menschen innewohnende Gewalt, seit dem 2. Weltkrieg gezügelt (Hexen im „Untergrund“), Ventile im Terror sucht, der durch Hexen angeregt wird, in Entsprechung in ihrer Rolle als nationalsozialistische Haupttäter. Erst im Wiedererscheinen Mater Suspiriorums und damit des Führerprinzips deutet sich an, dass man in Zukunft solcher Ventile nicht mehr bedarf.



3. Verschwörungstheorien und Geheimgesellschaften

Bereits in den ersten Bildern eines Filmes sollen sich die wichtigsten Handlungselemente bis zum Ende des Films ableiten lassen, so die Drehbuchtheorie, die „Suspiria“ brav umsetzt. So sehen wir in Dr. Klemperers Praxis ein Buch über Freimaurerei mit Winkel und Zirkel und allsehendem Auge darin auf dem Buchdeckel – Patricia hat, nachdem sie das Buch bemerkt, Angst davor und dreht es um, wie auch Fotographien, auf denen Gesichter zu sehen sind, da sie wahnhaft befürchtet, beobachtet zu werden. So also, wie es Menschen gibt, die einen Verfolgungswahn vor den Machenschaften von Freimaurern und Illuminaten entwickeln – deren Psyche also von den Fantasien über real existierende Geheimgesellschaften zerstört wird – wird Patricias Geist von den Ängsten und Fantasien, die die real existierenden Hexen in ihren Träumen in ihr säen, zerstört. Zwar gibt es Parallelen auch zu anderen Geheimgesellschaften und okkultistischen Bewegungen, doch bleiben wir bei der Freimaurerei, die die vorgenannten Prinzipien in diesem Film erneut spiegelt: Regelmäßig nimmt man in der Freimaurerei an Ritualen teil, es gibt einen Logen- oder Stuhlmeister und einen Zeremonienmeister. So wie in die verborgenen Räume der Tanzschule verschafft man sich Eintritt in die Logenräume durch Klopfzeichen und so, wie in Klemperers Buch mit seinen Aufzeichnungen über den Hexenkult mit teils kabbalistischen geometrischen Anordnungen sind auch die Ritualgegenstände und Positionen der Brüder im Logenraum angeordnet. Unterstellt wird der Freimaurerei manchmal fälschlicherweise, es gäbe zwei unterschiedliche Gruppen (blaue und rote) die sich in Parteiungen zusammengeschlossen bekämpfen, so wie die Markos-Parteiung in „Suspiria“. Freimaurerei bildet aus Sicht der ausschließlich männlichen Freimaurer einen Gegenpart zum weiblichen Prinzip der Mütterlichkeit, das die Möglichkeit, Kinder zu gebären – zu erschaffen – einschließt, indem sie Brüder den Prozess der Erkenntnis wie eine Wiedergeburt erfahren lässt. Der Film spiegelt also seine Aussagen über Mütterlichkeit und Führerprinzip auch in das Wesen der Geheimgesellschaften so, wie er Tanzbewegungen in den Körper anderer, abtrünniger Mitglieder zu deren körperlicher Vernichtung spiegelt.


Kritik:

„Suspiria“ (2018) ist ein Film, der komplex auf philosophische, faschistische und psychologische Fragestellungen verweist und ein Paradebeispiel dafür, warum hohe Komplexität nicht gleich Kunst ist, Kunst ist Virtuosität. Sieht man sich Argentos gleichnamigen Film an, erkennt man Filmsprache und Virtuosität auf dem Gipfel der Kreativität und des filmisch Möglichen, bei Guadagninos Film ist alles Drehbuch. Wie ein verfilmtes Hörspiel mutet der Film an, der alles zu erklären versucht („Die RAF. Baader-Meinhof. Sie haben einen Geschäftsmann entführt. (...)“. Ob der Dialoglastigkeit gelingt es dem Film nie, auch nur das kleinste bisschen Spannung zu erzeugen, denn um in einem Film Spannung zu erzeugen braucht es filmischer Mittel, ein Konzept von Schnelligkeit und Langsamkeit in der Szenenfolge, Licht und Dunkelheit, eine ungewohnte Ausstattung, Täuschung und Erkenntnis – eben Virtuosität. Einen Film durch und durch grau erscheinen zu lassen (Berliner Plattenbauten, Asphalt, Dauerregen und Schneematsch) und eine historisch korrekte 70erjahreausstattung mag zwar stimmig sein und eine intensive Atmosphäre bei dem ein oder anderen Zuschauer bewirken, Spannung wird aber durch Suspense erzeugt, durch eine Bedrohung, bei der mindestens der Zuschauer, vielleicht auch der Protagonist weiß, was die Bedrohung ist. Über die Art der Bedrohung lässt der Film seine Zuschauer aber gänzlich im Unklaren und endet sogar mit einem Plottwist; dass dem Zuschauer sehr früh am Beispiel Olgas erklärt wird, mit welchen Sanktionen die Schülerinnen bei einer Kündigung oder Flucht zu rechnen haben, wirkt nutzlos, da es im weiteren Handlungsverlauf nie um eine Flucht geht.

Man muss „Suspiria“ (2018) auch nicht mit dem gleichnamigen Film von 1977 vergleichen, um ihn schlecht zu finden, man kann auch irgendeinen italienischen Horrorfilm oder irgendeinen Giallo heranziehen und nach kurzer Betrachtung feststellen, wie unterschiedlich der Charakter und künstlerische Wert ist: Bei Szenen des Entsetzens sind plötzlich Gesichter die ganze Leinwand erfüllend, wie man es in der Realität nie sehen kann, zu sehen und bieten nie gesehene Bilderwelten, Spannung, Romantik und jedes Gefühl wird in Musik mit Ohrwurmcharakter gekleidet, die Frauen sind schön und ebenso gekleidet (und die Männer soweit ich beurteilen kann auch), Farbigkeit wird mindestens im Design und der Mode betont, die Filme vermögen mit Humor oder unvermittelter Gewalt zu überraschen (nicht erst nur am Schluss mit einem Twist) und immer kann man auch bei den schlechteren Filmen sehen, dass sie von Menschen gemacht werden, die Filme lieben und zeigen wollen, was sie lieben (Ich spreche wohlgemerkt vom italienischen Film der Sechziger und Siebziger, nicht vom modernen Superheldenblockbusterkino, da wird das auch meist falsch gemacht). „Suspiria“ als handwerklich gänzlich uninspirierter Film ist der filmgewordene Inbegriff eines Professorenfilms, ein Beispiel intellektueller, drehbuchversessener Lieblosigkeit par excellence.


Fazit.

Gattungsspezifisch ist der Film sicherlich Kunst.

Wertung:

2 / 10



Anmerkung:

Das einzig Interessante und Witzige ist Mater Suspiriorums Vorname. Darüber darf nachgedacht werden.


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