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 Betreff des Beitrags: 24 HOUR PARTY PEOPLE - Michael Winterbottom
BeitragVerfasst: 18.02.2018 22:23 
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UK 2002

R: Michael Winterbottom
D: Steve Coogan, Lennie James, Paul Popplewell, Paddy Considine, Shirley Henderson, Andy Serkis, John Simm, Danny Cunningham, Dave Gorman u.a.


Score: Sex Pistols, Buzzcocks, The Clash, Joy Division, New Order, Happy Mondays, Durutti Column, 808 State, A Guy Called Gerald, Marshall Jefferson u.a.

OFDb





24 HOUR PARTY PEOPLE ist eine aus dem Jahre 2002 stammende Art von Mockumentary, in der Regisseur Michael Winterbottom (WELCOME TO SARAJEVO, 9 SONGS, ROAD TO GUANTANAMO, THE KILLER INSIDE ME) nicht nur sehr umfassend den sowohl sagenhaften Aufstieg als auch heftigen Fall des britischen Rundfunk- und Fernsehmoderators, Plattenlabelbesitzers, Nachtclubmanagers und Journalisten Anthony Howard "Tony" Wilson nachskizziert, sondern auch eindrucksvoll die Verbindung zwischen der britischen Punk- und späteren Ravekultur aufzeigt. Die ironische Machart des Films lässt sich übrigens auch als eine Kombination aus realen Ereignissen, Gerüchten und urbanen Legenden beschreiben, die auf den Vorstellungen Winterbottoms beruhen.

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"Willkommen in Manchester!"

Wenn man der Geschichte glauben schenken darf, dann nahm alles mit dem allerersten Sex Pistols Gig in Manchester seinen Lauf, der am 04.06.1976 in der Lesser Free Trade Hall über die Bühne ging. Unter den 40(!) Besuchern befanden sich neben dem eigenwilligen Rundfunk- und Fernsehmoderator Tony Wilson auch die Band 'Stiff Kitten', aus der später 'Warsaw', 'Joy Division' und irgendwann auch noch 'New Order' resultieren sollte, die 'Buzzcocks' als Veranstalter des historischen Abends, der begnadete Musikproduzent Martin Hannett, Mick Hucknall (a.k.a Simply Red) und John der Briefträger. Geflasht von der Kraft, Energie und Magie des sexpistolischen Punkrocksounds ermöglichte er diesen schon kurz darauf im Rahmen seiner regionalen Fernsehsendung 'So it goes' ihren ersten Auftritt im britischen TV, wodurch sich John „Johnny Rotten“ Lydon, Steve Jones, Paul Cook und Glen Matlock (meines Wissens nach ersetzte Sid Vicious diesen erst kurz danach) erstmals einem breiten Publikum präsentieren konnten. Doch Wilson war zu diesem Zeitpunkt schon längst von seiner Moderatorentätigkeit gelangweilt, so dass er diese auch nur kurze Zeit später vorübergehend ad acta legte, um sich von da an viel lieber seiner neuendeckten Selbstständigkeit als Club- als auch Plattenlabelbetreiber zu widmen. Der Name des Programms lautete 'Factory' und beinhaltete sowohl den Club [Fac 1], in dem sich von da an Wave-, Punk-, Post-Punk-, Independent- und avantgardistisch angehauchte Bands die Klinke in die Hand geben würden als auch das gleichnamige Plattenlabel, das mit seinen zukünftigen Künstlern keine Verträge, sondern lediglich sporadische Vereinbarungen der Marke "Die Künstler behalten die Rechte - Das Label besitzt nichts!" oder "unsere Bands haben die Freiheit, sich zu verpissen!" traf. Erstere Vereinbarung stammt übrigens aus dem legendären 'quasi' Vertrag, den Wilson mit der Band 'Warsaw' abschloss und mit Blut geschrieben war. Was jetzt noch folgte war die Umbenennung der Band 'Warsaw' in 'Joy Division' und alles weitere war Geschichte. Doch leider nahm der Traum bereits am 18.05.1980 infolge des tragischen Freitods Ian Curtis ein vorzeitiges Ende.


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"Wo ein Ende, da auch ein neuer Anfang", welcher im vorliegen Fall unweigerlich mit den Namen 'Happy Mondays' und 'New Order' verbunden war. Nachdem der legendäre 'Factory-Club' [Fac 01] am 21.05.1982 an einer anderen Stelle unter dem Namen 'Haçienda' [Fac 51] neu eröffnet wurde, waren es gerade diese beiden Bands, die das Geschehen des Labels dann auch bis Anfang der 90er bestimmen sollten. Und trotz des völlig unerwarteten Welterfolgs von New Orders 'Blue Monday' [FAC 73] blieb letzten Endes vom erzielten Gewinn weder großartig viel davon für das Label, noch für die Band übrig, da alleine die Kosten für die "im Namen der Kunst" von Wilson erwünschte Verpackungsvariante (Vierfarbdruck im Floppy Disk-Design mit Klappcover) den eigentlichen Verkaufspreis schon überschritt. ('Blue Monday' zählt übrigens zu den meistverkauftesten Maxi-Singles aller Zeiten). Hinzu kam ein fast zwei jahrelang andauernder Erholungsurlaub, den die Band auf Kosten des Labels in Ibiza verbrachte, anstatt dort wie vereinbart ihr kommendes Album einzuspielen. Im Gegenzug gingen sämtliche der Einnahmen New Orders für die monatlich sehr kostenintensiven Unterhaltskosten des Haçienda Clubs drauf, in dem dann auch bereits Mitte der 80er die ersten DJs ihre beatgeladenen Platten auf die so langsam immer ekstatisch werdende Partymeute los ließen und somit das Zeitalter der britischen Rave-Kultur auf den Plan riefen. Damit einhergehend kam auch der Erfolg für die drogenverseuchte Chaotentruppe der 'Happy Mondays', welche zwar ihre erste EP schon im Jahre 1985 auf Factory Records veröffentlicht hatten [FAC 129], ihre musikalischen Meilensteine des groovenden Rave-Rocks aber erst 1987 mit 'Squirrel And G-Man Twenty Four Hour Party People Plastic Face Carnt Smile (White Out)' [FACT 170] und insbesondere 1990 mit 'Pills 'N' Thrills And Bellyaches' [FACT 320] ablieferten. Doch leider machten sich zu diesem Zeitpunkt bereits die verheerenden Auswirkungen des zügellosen Drogenkonsums aller am Factory-Projekt beteiligten Mitstreiter bemerkbar (beispielsweise verpulverte Wilson einfach mal so nebenbei 30.000£ für einen Designer-Schreibtisch oder auch 200.000£ für ein neues Album der Happy Mondays, das letztendlich aber nie erschien...), was wiederum das ganze Factory-Projekt kurz darauf vollends zum scheitern brachte, denn sowohl der Betrieb der 'Haçienda' als auch 'Factory Records' mussten finanztechnisch Ende der 90er eingestellt werden.

Der britische Schauspieler Steve Coogan verkörpert die Person Tony Wilsons übrigens absolut famos, wobei sich aber auch die Darsteller der jeweiligen Bandmitglieder nicht verstecken müssen, denn auch ihre Darbietungen vermitteln ein hohes Maß an Authentizität. Und zu alledem schauen dann auch noch
Paul Ryder (Happy Mondays), Gary "Mani" Mounfield (Stone Roses / Primal Scream), Mark E. Smith (The Fall) Clint Boom (Inspiral Carpets) und sogar der leibhaftige Tony Wilson im Rahmen kleinerer Cameo-Auftritte kurzzeitig in Erscheinung.

Eine erstklassige 'Madchester' Hommage! :dh:



Empfehlung: 24 HOUR Party People eignet sich auch ausgezeichnet für ein Double-Feature mit dem gleichfalls brillanten CONTROL von Anton Corbijn, da es in diesem ausschließlich um den Werdegang Ian Curtis und seiner Band 'Joy Division' geht. Wer dann immer noch nicht genug hat, kann sich halt auch noch die ausgezeichnete Doku GLASTONBURY von Julien Temple oder auch die durchgeknallte Ravefilmsause HUMAN TRAFFIC anschauen. Und wenn gar nichts mehr hilft, gibt es auch immer noch das allseits beliebte ACID HOUSE....



Trailer:

www.youtube.com Video From : www.youtube.com


Trailer #2


Bericht aus dem Spiegel (Nov. 2002): Von Joy Division bis Acid House -
"24 Hour Party People" - Abgesang auf einen schrägen Mythos

Bericht aus der Frankfurter Rundschau (Juli 2017):
24 Hour Party People -
Manchesters Montage


Infos zu Factory Records:
*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** (inkl. Hintergrundinfos zu den FAC-Katalognummern)


Dokumentation:

www.youtube.com Video From : www.youtube.com


MTV Kurzbericht: Manchester's new music scene (1990)


Soundtrack:

www.youtube.com Video From : www.youtube.com


Tracklist:

01) Sex Pistols - Anarchy In The UK
02) Happy Mondays - 24 Hour Party People (Jon Carter's Main Vocal)
03) Joy Division - Transmission
04) Buzzcocks - Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn't Have)
05) The Clash - Janie Jones
06) New Order - New Dawn Fades
07) Joy Division - Atmosphere
08) Durutti Column - Otis
09) A Guy Called Gerald - Voodoo Ray
10) New Order - Temptation
11) Happy Mondays - Loose Fit
12) 808 State - Pacific State
13) New Order - Blue Monday
14) Marshall Jefferson - Move Your Body
15) Joy Division - She's Lost Control
16) Happy Mondays - Hallelujah (Club Mix)
17) New Order - Here To Stay (Full Length Vocal)
18) Joy Division - Love Will Tear Us Apart




Die Soundtrack CD zählt wohl mit zu meinen meist gehörten CDs, da diese seit ihrer Veröffentlichung auch heute noch weiterhin mit aller Regelmäßigkeit aus den heimischen Boxen hallt. Ein weiteres Relikt aus meiner Plattensammlung, auf das ich besonders stolz bin, ist ein so gut wie neuwertiges Exemplar der allerersten Doppel-EP von Factory Records: A Factory Sample [FAC 02]

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Tracklist:

A: "Tears In Their Eyes"

Joy Division - Digital
Joy Division - Glass

B: "Occasional Labour In Culture"

The Durutti Column - No Communication
The Durutti Column - Thin Ice (Detail)

C: "A Piece Of The Cake, 3 Songs That Spell FAG"

John Dowie - Acne
John Dowie - Idiot
John Dowie - Hitler's Liver

D "Lips Of Sulphur"

Cabaret Voltaire - Baader-Meinhof
Cabaret Voltaire - Sex In Secret





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 Betreff des Beitrags: Re: 24 HOUR PARTY PEOPLE - Michael Winterbottom
BeitragVerfasst: 19.02.2018 08:50 
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Ein geniales Stück Musik- und Zeitgeschichte!! Unbedingte Empfehlung meinerseits!!

"What are you doing?"
"Recording. Silence!"
"You're recording silence?"
"No, I'm recording Tony Fucking Wilson ..."

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Betreff des Beitrags: Re: 24 HOUR PARTY PEOPLE - Michael Winterbottom
BeitragVerfasst: 19.02.2018 23:25 
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Schmutziger_Maulwurf hat geschrieben:

"What are you doing?"
"Recording. Silence!"
"You're recording silence?"
"No, I'm recording Tony Fucking Wilson ..."


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:)


Schmutziger_Maulwurf hat geschrieben:
Ein geniales Stück Musik- und Zeitgeschichte!! Unbedingte Empfehlung meinerseits!!


24 HOUR PARTY PEOPLE war für mich sozusagen eine absolute Offenbarung, da ich meinen ganzen subkulturellen Kollegen aus den Wave- Punk- und Independentlagern nach über 14 Jahren endlich beweisen konnte (der Film erschien hierzulande leider erst im Jahre 2008 auf DVD), dass ich meine um 1994 entstandene Vorliebe für 'britischen' Electrosound bereits damals schon mit den richtigen Worten umschrieb, obwohl mir das 'Madchester'-Ding zu diesem Zeitpunkt noch nicht 'bewusst' ein Begriff war. SEX PISTOLS, THE CLASH, NEW ORDER, JOY DIVISION, HAPPY MONDAYS, PRIMAL SCREAM, STONE ROSES und THE CHARLATANS waren zwar schon damals Bestandteile meiner gerade erst anwachsenden Platten- und CD-Sammlung, aber halt losgelöst von Factory und Madchester. Als dann aber 1994/95 Bands/Acts/Künstler (der 2. Rave-Generation) wie beispielsweise THE CHEMICAL BROTHERS, LEFTFIELD, THE PRODIGY, ORBITAL, UNDERWORLD, APHEX TWIN oder auch THE SABRES OF PARADISE bei mir aufschlugen, war alles vorbei, denn die unfreiwillige Folge dieses glorreichen Zusammentreffens war ein knapp fünfzehn jahrelang andauernder Partyexzess gewesen, der fast schon zum Leistungsbezug aus dem Rave-Opferentschädigungsfond geführt hätte. Im Gegensatz zum damals in Deutschland vorherrschenden Clubsound, der in erster Linie vom kalten, harten, kantigen und monotonen Detroit Techno beeinflusst war, gestalteten sich für mich die zuvor genannten UK Acts als absolute Offenbarung, da deren Sound vielmehr ein sowohl kunterbuntes als auch zugleich hochexplosives Soundgemisch aus Punk, Wave, Dub, Psychedelic, Independent, Avantgarde - aber auch Hip Hop und Reggae darstellte, das dann wiederum mit einem ordentlichen Schuss Chicago House und ein wenig Detroit Techno angereichert wurde (man munkelt übrigens, dass das Mischverhältnis in zahlreichen Fällen auch umgekehrt angewandt worden sein soll). Aber leider regierte hierzulande immer noch (bis zur Jahrtausendwende) das leidige Gesetz: 'Rockers to Rockers' und 'Ravers to Ravers', was mich aber wenig juckte, denn als feierwütiger Rock 'n' Roll-Raver tanzte man ganz einfach auf beiden Partys mit :)



Kurzum: 24 HOUR PARTY PEOPLE spiegelt sowohl die Grundzüge meiner musikalischen Sozialisation als auch mein damit verbundenes Musikverständnis vortrefflich wieder.
Ich liebe diesen Film :ggg55:




Beitrag aus dem OX-Fanzine:
*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** :dh:

Beitrag aus der Intro:
*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***

Beitrag von BR2:
*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** (Das Label 'Factory Records') :dh:




Zwei kurze Filmausschnitte:


Das legendäre SEX PISTOLS Konzert:
www.youtube.com Video From : www.youtube.com


Birth of Rave Culture:
www.youtube.com Video From : www.youtube.com


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