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 Betreff des Beitrags: OPFERGANG - Veit Harlan
BeitragVerfasst: 02.12.2016 17:26 
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Opfergang – Veit Harlan

(Deutschland 1944)

Novelle: Juli 2015; Binding, Rudolf G.: Opfergang, in: Binding, Rudolf G.: Gesammeltes Werk I, Potsdam 1937.
Film: 17.11.2016; DVD (Concorde; 1,33:1)



Inhaltsbeschreibung der Novelle:

Nach 10 Jahren kehrt Albrecht nach Hamburg zurück und begegnet seiner Cousine zum ersten Mal seit seiner Jugend wieder, der 27jährigen Octavia, „eines der vollkommensten Frauenwesen, die damals mit Anstand über den Jungfernsteg gehen konnten.“ Sofort gelingt es Albrecht, „auf diesem Ankerplatz, der vor der tiefen Bucht ihres Herzens lag“, anzulegen. Als er tags darauf um ihre Hand anhält, zögert Octavia anfangs, da sie weiß, dass Albrecht „Meeresstille und gedämpftes Licht“ sucht, „Wind und Wellen, Sonnenglut und Sonnenlust“ aber seine Elemente sind. Als er ihr aber seine Liebe erklärt, „verzischt der kühle Tau“, der sie umgibt.

Nach 5 Jahren Ehe hat sich Octavia kaum verändert, ihre Schönheit ist noch immer „die eines lebenden schönen Bildes.“ Allerdings lebt sie, als schliefe sie einen „Zauberschlaf, der vielleicht von Leidenschaft und Schmerz träumen lässt, aber ihr das Erleben erspart.“ Wenn Albrecht sie küsst, scheint es, als wäre „eines Armes Länge zwischen ihren Leibern.“ An einem Maiabend fährt Albrecht mit einem Boot auf die Alster hinaus und bemerkt, dass sich plötzlich ein „schlankes Fischwesen“ an seinem Boot festhält und sich ziehen lässt: „Wenn Sie übrigens das Rudern einstellen, wird mein Wellenkleid zu durchsichtig und ich muß sie Sie verlassen!“ ruft es ihm zu, und diese und weitere Worte, die sie zu ihm spricht, spielen sich „in sein Herz hinein wie die Zärtlichkeit und Kraft einer sonnigen tändelnden Meereswelle in die Höhlung eines Gesteins.“ Am nächsten Tag erklärt Octavia Albrecht, dass die „Nixe“ Joie heißt und „die prächtigste freudestrotzende Weibsperson welche die Sonne bescheint“ ist. Octavia gesteht aber: „Nur vermochte ich ihr nie nahe zu kommen; ich konnte, wie man zu sagen pflegt, nie ganz mit ihr mit.“ Erneut begegnet er Joie: „Sie haben recht, Herr Froben, sich den unterlassenen Dank für Ihre Schleppdienste einzuholen, oder wollen Sie auch noch einen Lohn?“, dabei „blitzte sie ihn unbefangen seltsam zärtlich an.“ Beide beschließen einen Ausritt, den sie täglich wiederholen. Dabei stellt er fest, dass alles an ihr „ungemacht, unbewußt, unbeabsichtigt“ wirkt, „wie ein Vorgang in der Natur: ein Regen, ein Sonnenschein, eine Quelle, ein Erdsturz – und doch auch wieder von derselben Bewußtheit, von derselben geheimnisvollen Absicht, wie etwa ein Regen, ein Sonnenschein, eine Quelle.“ Albrecht spürt, wie die „ganze glückliche Herrlichkeit“ wieder aus ihm herausbricht, und er fühlt sich Joie verfallen. Und schließlich, als Joie ihn in ihren Pferdestallt ruft und er sieht, wie ein Pferd „Nase und Stirn in einem unaufhörlichen Bohren und Auf und Nieder an Brust und Schoß seiner Herrin schabte“ und sie dabei zu Fall kommt, springt der Funke von Körper zu Körper über, doch ihre Kraft, der sie sich „mit aller der selbstbewußten Wehrhaftigkeit ihres Frauentums“ hingibt, gibt ihr Selbstbeherrschung: „Wir lieben uns, mein Freund (…) und es wird schlimm.“ Und Albrecht, weiß, dass er „Wind und Welle, Sonnenglut und Sonnenlust verfallen war.“

Octavia weiß von den Ausflügen Albrechts mit Joie und von seiner Begeisterung für sie. Sie mag Joie, aber findet keinen Zugang zu ihr aufgrund ihres völlig anderen Temperaments, obwohl sie „eine prächtige Person, so recht geschaffen die Freude eines Mannes zu sein“ ist. Dass Albrecht Joie liebt, ahnt sie und will ihm beim Widerstreit seiner Gefühle beistehen. Sie bemerkt aber, dass Albrecht ihr trotzdem immer mehr entgleitet und versucht zu erkunden, was der geheime Zauber Joies ist: sie verfolgt sie, als sie zum Hafen geht und bemerkt dabei, dass Joie von Kindern an denen sie vorbeigeht, angelächelt wird, sie aber nicht, ihr die Möwen einfaches Backwerk aus der Hand picken, die Vögel sich ihr, Octavia, nur nähern, aber ihre Hand meiden – daraufhin „war nun ein schwerer stummer Stein in das klare Brünnlein ihres Herzens gefallen.“

Im Spätsommer reitet Albrecht weiter mit Joie aus und als sie sich in einem Kornfeld auf die Ähren niederlässt, sieht sie aus „wie die leibhaftige Fruchtbarkeit, (…) strotzend von Kraft und Farbigkeit.“ Doch „wie ein fallendes Blatt im Hauch des Herbstes“ klingt, was sie Albrecht sagt: „…die Wünsche meines Schoßes sollen dir nicht mehr sein…“, denn „einst wurden sie verschenkt, ach!.“ Joie versinkt dabei in Tränen und Albrecht tröstet sie, „in einer Wolke von Leid“ reiten sie weiter, dabei verschwindet die Wolke und sie umarmen und küssen sich, der Kuss schmeckt „nach Salz und Blut und war mit einem Wenig von Bitterkeit gewürzt.“ – So entgleitet er Octavia doch, und er ist ihr nicht viel mehr „als eine märchenhafte Gestalt.“

Als die Cholera in Hamburg ausbricht, verfällt Joie in ein Scharlachfieber, die gemeinsamen Ausritte hören auf. Ihr Arzt verbietet ihr ein Treffen mit Albrecht, aber abends lässt sie sich in ihrem Liegestuhl ans Fenster tragen, um Albrecht, der vorbeireitet und ihr dann zuwinkt, zu sehen. Sie erfährt von der Cholera, und ein Kind in Doventleth, das sie liebt, ist in Gefahr. Sie schreibt einen Brief an Albrecht, in dem sie ihn bittet, das Kind zu retten. Albrecht organisiert einen Desinfektionstrupp, um das Kind von den Keimen der Krankheit befreien zu lassen. Er findet ein vierjähriges Mädchen vor, das er vom Boden hebt, dabei küsst er versehentlich „die leichte Hand, als sie an seinen Lippen vorbeistreifte.“ Am gleichen Abend reitet Albrecht wieder an Joies Fenster vorbei und grüßt, um ihr zu zeigen, dass alles gut gegangen ist, erkrankt aber noch in der gleichen Nacht und stirbt „an der Cholera, bevor der Tag graute.“ Seine letzten Worte, die er zu Octavia spricht, sind: „Nun wird auch Joie sterben (…) wenn ich meine Pflicht versäume. Keiner wird die Hand grüßend zu ihr erheben wenn der Abend kommt.“

Den ganzen Tag bringt Octavia in einem hohen Sessel zu und starrt „trockenen Auges in die Ferne.“ Am Abend zieht sie sich Albrechts Reitkleidung an und reitet selbst an Joies Fenster vorbei, um ihr in der Art Albrechts zuzuwinken, Joie lässt sich täuschen. Octavia kostet es große Überwindung, so zu handeln und sinkt „unter der männlich-freien Haltung die sie nachahmte fast zusammen“, wiederholt ihren Opfergang aber noch an zwei weiteren Abenden. Am vierten Tag erholt sich Joie und erfährt, dass Albrecht bereits seit vier Tagen tot und seit zwei begraben ist. „Da wurde Joie ganz still. Es war als ob eine rätselhafte Macht ihr ganzes Denken ablenkte von ihrem Schmerz und ein kühler Strom sich zwischen ihm und ihrem Fühlen hindurch ergösse (…) Wer sie gegrüßt hatte, sie wußte es. (…) Und da hat Joie etwas wie eine Pflicht gefühlt, gesund zu werden, und hat sich Ruhe und Überwinden erkämpft, damit der Opfergang einer edeln Frau nicht vergebens gewesen sei.“


Inhaltsbeschreibung des Films:

Albrecht Froben, ein Senatorensohn, kehrt nach 3 Jahren Weltreise im Auftrag des Deutschen Kolonialbundes nach Hamburg zurück. Seinem Freund Matthias schenkt er eine elfgesichtige japanische Kwannon, die Gottheit der Barmherzigkeit. An dessen Wand hängt auch ein gemaltes Bild von Octavia, an der Albrecht als Frauenheld sofort Interesse zeigt, und auch gleich im Haus ihrer gutbürgerlichen Senatorenfamilie mit einem Strauß Blumen vorstellig wird. Während er darauf wartet, empfangen zu werden, fällt ihm eine Standuhr auf, auf die der Spruch eingeprägt ist: „Eine dieser Stunden wird deine letzte sein.“ Ein Butler erscheint und verweist darauf, dass ohnehin gerade nur Octavia zu Hause ist; so kommt es, dass sie Albrecht sofort zu sich nach oben bittet, wo sie ihre alte Freundschaft – sie sind über ein paar Ecken miteinander verwandt – auffrischen. Octavia verliebt sich in ihn, da Albrecht „Wind und Wellen, Sonnenglut und Sonnenlust“ braucht, und Albrecht erwidert ihre Liebe; er beichtet Matthias: „Ich wollte nur (…) für eine Stunde an Land gehen und nun sitz´ ich fest.“ Später hält Albrecht um Octavias Hand an und mahnt scherzhaft: „Keines Armes Länge darf mehr zwischen uns sein“, während er sie an sich heranzieht. Bei einem weiteren Besuch an einem Sonntagvormittag offenbart sich nun aber, wie wenig Albrecht in diese Familie passt: Zu Nachtstücken von Chopin werden philosophische Gespräche geführt und als Höhepunkt der geistreichen Unterhaltung Nietzsches Dionysos-Dithyrambe „Die Sonne sinkt“ vorgetragen (siehe Anhang). „Siehst du Albrecht, so sitzen wir hier jeden Sonntagvormittag. Es ist gewissermaßen die geistige Vorspeise für unseren Sonntagsbraten.“ Albrecht findet es schrecklich, dass man sich mit soviel geistvollem Schwermut bei geschlossenen Fensterläden den sonnigen Sonntagvormittag verdüstert.

Während Albrecht wenig später auf dem nahegelegenen See rudert, bemerkt er, wie eine junge nackte Frau sich an seinem Boot festhält und sich schleppen lässt: „Wenn Sie das Rudern einstellen, wird mein Wellenkleid zu durchsichtig und ich muss Sie verlassen. Das Wasser streichelt mich auch besser, wenn Sie schneller rudern.“ Am nächsten Tag meint Octavia, das wäre Aels, wohl eine Finnin mit ungebundener Lebensweise: „Ich kann nicht viel mit ihr anfangen. Ich konnte nie ganz mit ihr mit. Schade eigentlich! Ich glaube, sie ist ein nettes Wesen.“ Aels ist ein Zugvogel, mal in Finnland, mal in Deutschland, und im Winter in Afrika. Einen weiteren Tag später begegnet er Aels erneut: „Guten Morgen! (…) Ich schulde Ihnen noch Dank für Ihre Schleppdienste! (…) Oder verlangen Sie auch einen Lohn?“ fragt sie verführerisch flirtend, und als Lohn erbittet sich Albrecht einen gemeinsamen Ausritt aus. Sie reiten nun regelmäßig am frühen morgen aus und kommen sich näher, allerdings ist Aels in ständiger ärztlicher Behandlung. Als ihr Arzt sie auffordert, sich mehr zu schonen erwidert sie: „Ich will leben. Ich will nicht vegetieren! Ich will mir nicht bei allem überlegen, ob ich nun darf oder ich es nicht darf. Lieber will ich kürzer leben. (…) Von diesen 25 Jahren will ich wenigstens was haben!“ Aels sieht sich als barmherzig an, da sie einem Hund, der todkrank war, den Gnadentod gegeben hat. Der Arzt meint daraufhin, wenn sie sich schone, wäre es besser, denn dann sei sie „barmherzig mit sich selbst.“ Bei einem weiteren Ausritt erfährt Albrecht, dass sich Aels mit Tropenfieber angesteckt hat, dass immer wieder zurückkehrt. Ihre Gedanken werden immer schwermütiger und düsterer, als sie gemeinsam am Strand in der Nähe eines Leuchtturms sitzen: „Es passt doch gar nicht, dass Sie hier bei Wind und Wellen und Sonnenglut an den Tod denken.“ Aels erwidert: „(…) Woran soll ich denn denken? An Sie?“ Ihrem Pferd gesteht sie später, dass sie tatsächlich unentwegt an Albrecht denkt.

Matthias fürchtet um das Wohl der Ehe, da ihm Albrecht anvertraut, dass er Octavia himmlisch und Aels irdisch findet, und der Mensch ja den irdischen Freuden oft mehr zugeneigt ist. „Es hat doch was zu besagen, dass du deiner Segelleidenschaft untreu – entschuldige das Wort Untreu – geworden und plötzlich ein passionierter Reiter geworden bist.“ Seine Worte führen zu keinem Erfolg, also versucht er es bei Aels, die ihm verärgert erwidert: „Sie haben etwas ausgesprochen, was zwischen Herrn Froben und mir behutsam verschwiegen wurde! Man sollte nicht alles aussprechen!“ Schließlich rät er Albrecht, mit seiner Gattin nach Düsseldorf zu ziehen, wo er Abstand gewinnen kann.

Dort besucht Matthias nach einiger Zeit Octavia, die ihm erklärt, dass sie hier jeden Abend mit Albrecht eine Veranstaltung besuchen könnte, sie aber aufgrund ihres Temperaments selten ausgeht. Diesen Abend wird sie jedoch mit Albrecht ausgehen: „Die Rutschbahn“, eine Faschingsfeier, für die sie sich eine goldene Maske und ein weißes Kleid besorgt hat. Das bunte Treiben vor infernalisch roter Kulisse sorgt für erotische Verwicklungen, denn Albrecht und Octavia wissen beide nicht, wie der andere maskiert ist und suchen sich. Albrecht gerät an zwei blonde Frauen in Zylinder, Hutschleier und schwarzer Maske, die eine mit weißer, die andere mit roter Rose an der Brust; sie blicken ihn lange verführerisch an und tasten seine Hände ab, um herauszufinden, ob er noch zu haben sei. Beide könnten sie unter der Maske Octavia sein, aber auch Aels. In genau diesem Moment schreibt Aels einen Tagebucheintrag:
„Am 25. Februar II Uhr nachts.
Ich fühle, dass Du an mich denkst.
In der Nacht sind die Seelen verbundener
als am Tage. Oder ist es meine
Sehnsucht, die mich belügt?“

Ebenfalls im gleichen Moment erkennt Albrecht die etwas weiter entfernte Octavia unter der Maske und eilt zu ihr, was die „Zwillinge“ sichtlich frustriert. Er will Octavia küssen, doch sie wehrt ab, da sie sich vor diesem unschicklichen Verhalten in der Öffentlichkeit trotz Maske scheut. Geradezu panisch reagiert sie, als sie zur Faschingsprinzessin erkoren wird, entsetzt schreiend wehrt sie sich und flüchtet, während der Büttenredner im Weinrausch weiter über die Freuden des Rebensaftes und den auf die Welt niederkommenden Narren schwadroniert. Wieder daheim schlägt Albrecht Octavia vor, zurück nach Hamburg zu ziehen, Octavia ist einverstanden und glücklich, wieder nach Hause zu kommen.

Dort stellen sie fest, dass Aels diesen Winter gar nicht nach Afrika verreist, sondern noch hier ist. Totenbleich betrachtet sie Blumen, die Octavia ihr geschickt hat, und am Fenster Albrecht, der vorbeireitet und winkt. Dass Albrecht wieder da ist verhilft ihr zu neuer Lebensfrische und bald reiten sie wieder gemeinsam aus. Beinahe kommt es dabei zu einem ersten Kuss: „Wir lieben uns mein Freund. Und es wird schlimm. Schlimm.“ Albrecht fühlt sich mittlerweile in Aels´ Gegenwart glücklicher, obwohl in Octavias Blut Adel fließt. Noch immer fühlt er wie bei ihrer Verlobung im vergangenen Jahr, dass eines Armes Länge zwischen ihnen ist. Matthias verurteilt ihn deswegen und Albrecht will daraufhin in Zukunft „die Dinge alleine mit sich abmachen.“ Während er das sagt, zieht er den Ehering an seinem Finger hin und her. Im Gespräch mit Octavia, die inzwischen auch im Bilde ist, zeigt sich, wie tolerant sie ist: „Es kann doch nichts Schlechtes sein, wenn es dir eine Kraft und eine Freude und einen Flug gibt, den ich nie an dir gesehen hab´. Soll ich dich deshalb weniger Lieben?“ Als sie dazu noch sagt, dass es nicht um sie, sondern um ihn ginge, meint er hingerissen, das sei „übermenschlich“. In dem Moment tritt Aels im weißen Kleid aus ihrem Haus, umringt von einer Vielzahl ihrer Doggen. Beide starren sie an. Octavia bemerkt, das Albrecht seinen Blick nicht von Aels lösen kann und flieht. Auf der Straße versetzt Aels die Natur in Schwingung, indem sie z. B. mit einem Stock gegen die Zweige der Bäume schlägt. Octavia, die sich in einer großen seelischen Krise befindet, nimmt die Verfolgung auf, der sich Matthias zugesellt. „Wenn du wüsstest, was ich in den letzten Tagen durchlitten hab´. (…) Sieh doch! Wie sich die Männer nach ihr umdrehen. Mir schaut keiner nach auf der Straße. Obwohl mir doch alle sagen, dass ich schön bin. Du hast es mir doch oft gesagt. Albrecht hat es mir doch oft gesagt. Woran liegt das? Sie ist ja wie ein Magnet! (…) Sie ist mir überlegen. Es nützt doch gar nicht, sich da was vorzumachen (…)“ In Dovenfleet im Hamburger Hafenviertel endet Aels Spaziergang und Octavia und Matthias beobachten, wie sie ein Haus aufsucht und ein kleines Mädchen, ihre Tochter, von der sie bisher nichts wussten, besucht.

Bei einem erneuten Ausritt küssen sich Albrecht und Aels zum ersten Mal, Aels meint: „ Du bist Aels. (…) So sterben – das wär´ der glücklichste Tod!“ Sie möchte, dass ihre Asche nach ihrem Tod ins Meer gestreut wird. Wenn die Wellen Albrechts Fuß streicheln, soll er wissen, dass sie es ist, seine Aels. Und sie philosophiert weiter: „Es heißt, in der Trennung gehen wir ein, wie die Blumen ohne Sonne.“

Aels erfährt wenig später, wieder bettlägerig, dass in Dovenfleet eine Seuche ausgebrochen ist und schreibt Albrecht einen Brief, in dem sie ihn darum bittet, ihr Kind zu retten. Er holt es, die Ärzte meinen, es sei gesund. Dass alles in Ordnung ist, signalisiert er Aels, indem er um 18 Uhr an ihrem Fenster vorbeireitet und ihr ein vereinbartes Zeichen gibt. Dies beobachtet Octavia mit gequältem Blick. Albrecht erkrankt in der selben Nacht noch an Typhus, Octavia besucht ihn im Krankenhaus. Sie meint, ein Licht über Albrecht und über ihrer Liebe zu sehen: „Wo du hingehst, um glücklich zu sein, wird sie dich immer begleiten.“ Albrecht sieht aus dem Fenster in den Regen: „In diesem Regen habe ich Aels das erste Mal gegrüßt. Und jetzt wird sie warten. Und – sterben. (…) Sie sagte einmal zu mir: In der Trennung gehen wir ein. Wie die Blumen ohne Sonne.“

Aels verfasst ein Testament und setzt ihre Tochter als Universalerbin ein. Zum Notar meint sie: „Er ist noch nicht im Zimmer, aber ich glaube, er schleicht schon ums Haus (…) der Freund, (…) Freund Hein.“ Um 18 Uhr erwartet sie wieder Albrecht, der aber noch im Krankenbett liegt und der dort über Octavia sinniert: „Für sie ist unsere Ehe ein Opfergang, ein einziger Opfergang gewesen.“ Sein Arzt, der auch Aels behandelnder Arzt ist, erwidert: „Ja, solche Naturen gibt es, Herr Froben. Und darum braucht auch Aels nicht vergeblich auf Sie und auf Ihren Gruß zu warten. Es steht ein Reiter am Tor. An Aels´ Gartentor, der ihr den Liebesgruß spendet, auf den sie täglich wartet.“ Und tatsächlich, Octavia reitet in Albrechts Kleidung an Aels´ Fenster vorbei und grüßt, Aels erwidert das Winken mit einer Rose in der Hand.

Albrecht, tief beeindruckt von Octavias Barmherzigkeit, meint auf dem Krankenbett „Aels, ich muss dir sehr wehtun, Aels“, und wie telepathisch über Zeit und Raum hinweg verbunden, antwortet Aels: „Ich weiß es ja, Albrecht, ich weiß, ich weiß ja alles, ich bin so traurig, Albrecht. Wenn ich auch am Fenster dein Gesicht sehe, aber du bist so weit weg von mir. Deine Liebe ist so weit weg von mir. Ich fühl´ es gar nicht mehr.“ (…) Albrecht: „Für Octavias Liebe muss alles aus und vergangen sein, verstehst du das? (…) Verzeih mir Aels, dass ich so grausam bin, aber ich muss es dir sagen: Ich liebe Octavia.“ Vor Aels´ innerem Auge verschwindet das Bild Albrechts und ihr Gartentor öffnet sich wie von Geisterhand, dahinter wogt der Ozean, während Aels´ Gesicht leblos erstarrt.

Ihre Asche wird nach ihrem Tod ins Meer gestreut. Die mit Albrecht am Strand entlangreitende Octavia wirft eine Rose in die Wellen: „Wind und Welle waren ihr Temperament. Und Wind und Welle ist sie.“ Die Rose wird von den Wellen umschmeichelt und schließlich aus dem sich verdunkelnden Leinwandbild gespült.


Produktionsgeschichte:

„Opfergang“ ist eine Verfilmung der 46-Seiten-Novelle „Der Opfergang von Rudolf G. Binding aus dem Jahr 1911. Veit Harlan, der „Starregisseur“ des 3. Reiches und wegen diverser propagandistischer Filme heute hochumstritten, verfilmte den nicht für die NS-Propaganda tauglichen Stoff in teuren Agfacolorfarben; es war der dritte von vier Farbfilmen Harlans und einer von nur 13 Agfacolorfilmen, die bis zum Ende des 3. Reiches entstanden. Mit den Dreharbeiten wurde bereits im Sommer 1942 begonnen, zeitgleich mit dem ebenfalls farbigen Harlanfilm „Immensee“. Während dieser aber schon 1943 in den Kinos lief, dauerte es bei „Opfergang“ bis 1944. Premiere hatte er Ende August in Schweden, erfuhr allerdings erst Ende Dezember seinen deutschen Kinostart, da Propagandaminister Goebbels den Film aufgrund seiner Todesromantik und Untergangsstimmung für verfehlt hielt, ihn aber trotzdem mochte und ihn sich immer wieder privat vorführen ließ. Da der Film jedoch mit dem ursprünglich geplanten Ende, das näher an der Bindingnovelle gewesen wäre, die Folgen des Ehebruchs nicht ausreichend bestrafte, setzte Goebbels ein anderes Ende durch: Die für den Ehebruch Verantwortliche Aels, wie die Figur der Joie aus der Novelle im Film heißt, musste sterben. Der Film wurde bereits im Februar 1944 geprüft und dem umgeschriebenen Filmende zum Trotz mit einem Jugendverbot belegt. Er erfuhr seit 1950 mehrere FSK-Prüfungen ab 16 und 2016 für die ungekürzte Veröffentlichung auf BluRay und DVD eine FSK 6. Von den 17 Filmen, die Kristina Söderbaum unter der Regie ihres Ehemannes Harlan drehte, war „Opfergang“ ihr Lieblingsfilm, da sie sich am meisten mit ihm identifizieren konnte. 1994 landete der Film zudem auf Platz 6 der hundert besten Filme aller Zeiten, die 4 Filmwissenschaftler und –journalisten für den Spiegel erstellten.


Filmanalyse:

Symbolismus und Neuromantik, Kunst oder Kitsch?

Rudolf G. Binding schrieb die Novelle „Der Opfergang“ 1911, einer Zeit vieler literarischer Stilrichtungen, die sich häufig innerhalb eines Werkes überschneiden. Bindings Werk ist generell besonders vom Symbolismus und der Neuromantik geprägt, beide Richtungen definieren sich unter anderem durch einen Schönheitskult, dem Binding besonders mit einer Wortpoesie huldigt, sowie der Kunst der Andeutungen, beides zeigt sich unter vielen Beispielen im Text an der Stelle, in der Octavia merkt, dass Joie eine geradezu magische Anziehung auf Mensch und Tier besitzt. Hier gibt es nur Andeutung, es wird nicht aufgeklärt, warum auch die Möwen sich an Joie, bedingt durch ihre geradezu magische Anziehungskraft, heranwagen, ihr aus der Hand fressen und sie zu lieben scheinen, während sie bei Octavia Abstand wahren. Die von ihr empfundene Demütigung wird märchenhaft-poetisch und so gegensätzlich zu ihrer ganz und gar nicht märchenhaften Empfindung formuliert: Ein stummer schwerer Stein fällt in das klare Brünnlein ihres Herzens.

In der Verfilmung stellen sich dem Zuschauer neben einem wesentlich komplexeren Gefüge aus Symbolismus und dramatischen Inhalten auch die Frage nach Kunst und Kitsch. Typisch symbolistisch ist die Inszenierung der beiden Frauen, die auch im modernen Kino des Film noir und Neonoir besonders offensichtlich wird und die David Lynch in den meisten seiner Filme auf die Spitze treibt: Die Zuordnung von Tugend und Laster auf zwei Frauentypen, die für ein Spannungsfeld sorgen, dem der männliche Protagonist ausgesetzt ist. Im Sinne Marquis de Sades sorgt für zusätzliche Spannung, wenn das Laster in der dramatischen Darstellung auf irgend eine Weise belohnt, die Tugend bestraft wird (Negatives Filmende, der Schuldige entkommt, oder der Unschuldige wird verhaftet und angeklagt). Während bei Lynch und im Film noir meist Frauen negativer Charakterisierung zigarettenrauchend, dunkelhaarig, mit schwarz lackierten Fingernägeln und ungebundener oder verbrecherischer Lebensweise auftreten, erscheinen tugendhafte, hilfreiche, gute Frauen meist blond und in helle elegante Farben gekleidet. In „Opfergang“ wirken die beiden Frauen Aels (Kristina Söderbaum) und Octavia (Irene von Meyenforff) auf den ersten Blick gleich in ihrem Äußeren, beide sind blond und elegant gekleidet, nach und nach offenbart sich jedoch eine ausgeklügelte Farbdramaturgie: Die verführerische Aels, die ein Kind aus erster Beziehung hat, ist meist in äußerst „irdischen“ Farben gekleidet. Sie trägt ein flammendrotes Kleid in der Szene, in der sie mit Pfeil und Bogen schießt, wenn sie im Krankenbett liegt, ist ihr Nachthemd und die Bettwäsche zartrosa. Farben der Liebe und der Leidenschaft also. Bildlich werden ihr zudem rote Rosen und Orchideen zugeordnet, Symbole der Liebe. Indem sie beim Derby reiten möchte, macht sie den Männern ihren Rang streitig (Albrecht: „Das ist ja Gott sei Dank noch Männersache“), sie erobert sich Männlichkeit. Octavia hingegen kleidet sich meist in weiße, fliederfarbene oder blaue Kleider, Farben, die in der christlichen Ikonographie der Jungfrau Maria zugeordnet werden. In der Faschingsszene tragen die beiden „Zwillinge“ im schwarzen Zylinder, Maske, Hutschleier und schwarzem Anzug eine weiße Rose, die andere eine rote und verweisen so auf Octavia (anwesend) und Aels (in diesem Moment den in der Inhaltsangabe angeführten Tagebucheintrag schreibend). - - - Der Symbolismus ist eine Kunst, die ihren Reiz aus der Vielzahl komplexer Andeutungen zieht.

Auch die Musik Hans-Otto Borgmanns (viele Harlan-Filme, darunter auch „Hanna Amon“, 1951) versteht sich in der Tradition Spät- bzw. Neuromatischer Musik und erinnert in der Szene der Nietzschelesung stark an Richard Wagner, sonst zumeist an Richard Strauss, insbesondere an „Von den Freuden und Leidenschaften“ aus „Also sprach Zarathustra“ (1896) und nimmt phasenweise Wojciech Kilars Komposition für „Die neun Pforten“ (Roman Polanski, 1999) vorweg. Im Film sorgt sie wie die Bilddramaturgie in ihrem Einsatz für Spannung. Wenn nach der Szene, in der Aels im roten Kleid mit dem Bogen schießt, Aels gleich ein weiteres Mal, diesmal „vom Pferd aus, im Galopp“ und im weißen Badeanzug zweimal auf die Zielscheibe zureitet, schießt und trifft, galoppiert die Musik in bester Hornbläserkonzerttradition mit. In dem Moment, in dem sie ihr Pferd ins Meer lenkt, setzten unheilvolle Chöre ein, die sie geradezu in die Fluten hineintreiben. Der Zuschauer wird so in ein bizarres Wechselbad der Gefühle gesetzt, denn der Bruch der Stimmungen erfolgt abrupt und massiv, er weiß zudem seit kurzem, dass sich Aels schonen muss und sich diesen Lebensstil nach Meinung ihres Arztes nicht leisten darf.

Ungerecht ist es, dem Film „Kitsch“ vorzuhalten. Natürlich endet der Film traurig, das Leiden aller drei Hauptfiguren steht im Vordergrund und Stimmungen werden in Inszenierung (Schauspielerführung, Kameraeinstellungen und Musikeinsatz) überhöht, Kitsch darf aber nicht mit „Rührseligkeit“ verwechselt werden, sondern ist in erster Linie ein Werk, das sich massiv an Vorbildern orientiert und sie wiederholt; und Gefühle nur stimulieren will, aber nicht zum Denken anregt (nach Umberto Eco: Geschichte der Hässlichkeit, 2007). Eine Definition, die auf Schnulze, Horrorfilm wie auch ganz besonders auf einen Regisseur, der vor kurzem einen hochgelobten, aber überbewerteten Western gedreht hat, gleichermaßen zutreffen kann, auf den Film „Opfergang“ jedoch keineswegs, da er sich zu sehr von zeitgenössischen Filmen abhebt, und die Filmkunst in Deutschland auf ein völlig neues, aber nach wie vor seltenes Niveau gehoben hat. Der Film ist ein Autorenfilm und vielleicht typischer Harlanfilm, aber gleichzeitig kann er als Höhepunkt seines Schaffens gewertet werden, etwa so wie der äußerst komplexe und künstlerisch vollendete „Vertigo“ ein typischer Hitchcockfilm ist und gleichzeitig als Höhepunkt dessen Filmschaffens gilt.

Überhaupt sind einige Vorwegnahmen von „Vertigo“ (1958) und Hitchcockfilmen allgemein augenfällig: Bei einer Einstellung, die Aels krank im Bett zeigt, ist die Kameraposition und ein paar Takte lang auch die Musik identisch mit der Szene, in der Scotties (James Stewart) Alptraum beginnt. Auch behandelt „Vertigo“ das Thema Todessehnsucht und stellt seine männliche Hauptfigur zwischen zwei blonde Frauen – mit dem Unterschied, dass die Hauptfigur in „Vertigo“ nicht in beide verliebt ist, sondern beide Frauen in die Hauptfigur. Wie Hitchcock allgemein in seinen Filmen inszeniert Harlan in „Opfergang“ die beiden Hauptdarstellerinnen ausgesprochen modisch-elegant, selbst heute könnte eine Frau auf festlichen Veranstaltungen das tragen, was der Film zeigt. Und zu guter Letzt würde die Szene, in der Octavia Aels verfolgt, in jeden Thriller von Hitchcock passen, so perfekt ist sie hinsichtlich Kameraführung, psychologischem Spannungsaufbau und wiederum der Kleidungsmode inszeniert. Man vermisst beinahe James Stewart in diesem Film!
Die Faschingsszene erinnert nebenbei an einen Höhepunkt des Films „Eyes Wide Shut“ (Stanley Kubrick, 1999).


Dramaturgie der Barmherzigkeit

Der Film nimmt Drehbuchprinzipien, wie sie später Christopher Vogler und Syd Field niedergeschrieben haben vorweg, indem er die die Dreiakttheaterdramaturgie kunstvoll übernimmt. Nach einem Drittel der Filmzeit ist der Zuschauer im Bilde, dass Aels krank ist, aber sich nicht genug schont, sowie dass sich eine Romanze zwischen dem jungverheirateten Albrecht und Aels entwickelt. Nach zwei Dritteln ist nach einer örtlichen Trennung, die etwa ein halbes Jahr gedauert haben dürfte, die Liebe nicht erloschen, sondern erstarkt sogar noch, als sich Albrecht und Aels zum ersten Mal küssen.

Von Beginn an ergänzt der Film sein Thema der großen Liebe und der Größe der Liebe mit den Fragen: Was ist Barmherzigkeit und wie zeigt sie sich? Albrecht schenkt seinem Freund Matthias nach seiner Rückkehr nach mehrjähriger Geschäftsreise eine elfgesichtige Kwannon, die er fälschlich für einen Buddha hält. Matthias klärt ihn darüber auf, dass die Kwannon die Göttin der Barmherzigkeit ist. Nachdem Aels als „Nixe“ in den Film eingeführt wurde, offenbart sie im Gespräch mit ihrem Arzt, dass sie nicht meint, noch lange zu leben, aber den Rest ihres Lebens nicht vegetieren will, sie will es auskosten. Gleichzeitig erzählt sie von einem verletzten Hund, den sie selbst umgebracht hat, aus Barmherzigkeit, wie sie meint, da sie ihm damit ein Leben in Qual erspart hat. Diese Aussage wird dem Film teils vorgeworfen, da er mit ihr Propaganda für Euthanasie im Sinne der NS-Ideologie betreibe. Tatsächlich ist das aber nicht so einfach-einseitig, denn der Arzt erwidert darauf, sie solle lieber barmherzig mit sich selbst sein und sich schonen. Allein in diesem kurzen Dialog erweist sich schon, dass, wenn überhaupt, der Film Euthanasie diskutiert, aber nicht propagiert! Zudem ist die Aussage einer hochgestellten Person wie die eines Arztes in der Entstehungszeit des Films bedeutender zu werten als die einer Frau. Wenn man zusätzlich in Betracht zieht, dass das Filmende sich deswegen von Bindings Novelle unterscheidet, weil Goebbels den Film an die Front schicken wollte und befürchtet hatte, dass die Soldaten aus Angst vor den Taten ihrer Frauen desertierten, wenn sie sähen, dass Ehebruch nichts verwerfliches sei, da die am Ehebruch Schuldige (Aels) nicht bestraft würde. Goebbels setzte nun durch, dass Albrecht überlebt und sich, überzeugt von der Größe Octavias, ihrer Liebe wieder zuwendet. Man versuchte also mit dem neuen Filmende, Aels nachträglich für einen negativen Charakterzug zu bestrafen, der unmittelbar mit ihrer Auffassung von Barmherzigkeit zu tun hat. Es muss betont werden, dass diese Intention speziell für den heutigen Zuschauer, der Aels gar nicht aufgrund etwaiger amoralischen Einstellungen bestraft wissen möchte, ganz ins Leere geht, da über den ganzen Film hinweg alle Figuren durchweg positiv charakterisiert sind.

Die Kwannon wird neben ihrer Eigenschaft, barmherzig zu sein, auch als mütterlich charakterisiert. Dies verweist wiederum auf Aels, die selbst erkrankt, sofort an ihre Tochter denkt, als sie erfährt, dass Typhus (in der Vorlage Cholera) in Dovenfleet, wo ihre Tochter wohnt, ausgebrochen ist. Sie bittet Albrecht ihre Tochter zu retten, nachdem das gelungen ist, diktiert sie ihr Testament und setzt Susanne, ihre kleine Tochter, als Universalerbin ein.

Das Thema „Barmherzigkeit“ erschöpft sich jedoch nicht bereits bei der Einführung der Figuren, und in dem vielleicht zufälligen Verweis auf Mütterlichkeit, sondern wird mit der Filmhandlung weiterentwickelt. So handelt auch Octavia selbstlos-barmherzig, indem sie sich sogar dafür freut, dass die Leidenschaft Albrechts für Aels ihm „eine Kraft und eine Freude und einen Flug“ gibt und ihm nicht eine Szene macht. Der Höhepunkt des Films zeigt, dass Octavia nicht nur Albrecht gegenüber, sondern auch Aels gegenüber barmherzig handelt, indem sie sich in Albrechts Reitkleidung hüllt und an ihrem Fenster zur vereinbarten Zeit vorbeireitet, im ihr neue Kraft, neue Freunde und einen neuen Flug zu schenken. Und auch wenn anders als in der literarischen Vorlage ihr Opfergang aus Barmherzigkeit nicht auch noch an den beiden folgenden Abenden wiederholt wird und er nicht mit der Gesundung Joies/Aels´ endet, schmälert das nicht die Größe ihrer Liebe, ihres Charakters und ihrer Tat.

Bleibt noch die letzte offensichtliche und dafür desto verstecktere Eigenschaft der Kwannon aufzudecken: Ihre Elfgesichtigkeit, die auf ihre Fähigkeit, allsehend zu sein, verweist – damit sind wir auch wieder zurück beim Symbolismus. Denn der rätselhafte Schluss des Films, in dem die Figuren Albrecht und Aels wie telepathisch miteinander kommunizieren, ließe sich auch so erklären, dass die Kwannon eine transzendentale Kommunikation ermöglicht. Natürlich ließe sich das auch viel profaner und einfacher erklären: Eine der beiden Kranken, wahrscheinlich Aels, hat einen Fiebertraum. Symbolismus neigt aber nicht zur einfachsten Erklärung hin, sondern schöpft seinen Gehalt insbesondere aus der Vielfältigkeit der Interpretationsmöglichkeiten des Verweissystems oder Symbols.


Fazit:

Meisterwerk! Ansehen! Ein Neueintritt in meine persönliche Top 10!


Wertung:

10 / 10



Anhang:

Friedrich Nietzsche: Dionysos-Dithyramben. Fettgedruckt sind die Stellen, die im Film zu hören sind.

Die Sonne sinkt.
I.

Nicht lange durstest du noch,
verbranntes Herz!
Verheissung ist in der Luft,
aus unbekannten Mündern bläst mich's an
- die grosse Kühle kommt ...


Meine Sonne stand heiss über mir im Mittage:
seid mir gegrüsst, dass ihr kommt
ihr plötzlichen Winde
ihr kühlen Geister des Nachmittags!


Die Luft geht fremd und rein.
Schielt nicht mit schiefem
Verführerblick
die Nacht mich an?...
Bleib stark, mein tapfres Herz!
Frag nicht: warum? -


2.

Tag meines Lebens!
die Sonne sinkt.
Schon steht die glatte
Fluth vergüldet.
Warm athmet der Fels:
schlief wohl zu Mittag
das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
In grünen Lichtern
spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

Tag meines Lebens!
gen Abend gehts!
Schon glüht dein Auge
halbgebrochen,
schon quillt deines Thaus
Thränengeträufel,
schon läuft still über weisse Meere
deiner Liebe Purpur,
deine letzte zögernde Seligkeit...

3.

Heiterkeit, güldene, komm!
du des Todes
heimlichster süssester Vorgenuss!
- Lief ich zu rasch meines Wegs?
Jetzt erst, wo der Fuss müde ward,
holt dein Blick mich noch ein,
holt dein G l ü c k mich noch ein.


Rings nur Welle und Spiel.
Was je schwer war,
sank in blaue Vergessenheit,
müssig steht nun mein Kahn.
Sturm und Fahrt - wie verlernt er das!
Wunsch und Hoffnung ertrank,
glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!
Nie empfand ich
näher mir süsse Sicherheit,
wärmer der Sonne Blick.
- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
Silbern, leicht, ein Fisch
schwimmt nun mein Nachen hinaus...


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 Betreff des Beitrags: Re: OPFERGANG - Veit Harlan
BeitragVerfasst: 02.12.2016 21:26 
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Ich weiß nicht, was mich da geritten hatte, aber vorige Woche habe ich den Film gekauft (hatte zuvor bei amazon die Rezensionen studiert). Ich sehe mir sonst nie Filme an, die vor 1945 erschienen sind.
Aber auch die Tatsache, dass es einer der ersten deutschen Farbfilme war, hatte mich neugierig gemacht. Und das Bild der restaurierten Version ist ja wirklich gut.
Die Novelle kannte ich nicht. Deshalb bin ich überrascht, dass dort der Mann stirbt und nicht die Frau. Schmunzeln musste ich, als er das Kind einfach so ausgehändigt bekam. Heute hat doch da das Jugendamt das Sagen oder? Film hat mir sehr gut gefallen. Das einzige was mich etwas störte, war die melodramatische Filmmusik, die aber wohl dem Zeitgeist entsprach. Von mir auch eine klare Empfehlung den Film zu kaufen. Hab ihn (-20%) für 12 EUR bekommen, das ist doch günstig.


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 Betreff des Beitrags: Re: OPFERGANG - Veit Harlan
BeitragVerfasst: 02.12.2016 21:47 
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wuthe57 hat geschrieben:
Ich weiß nicht, was mich da geritten hatte, aber vorige Woche habe ich den Film gekauft (hatte zuvor bei amazon die Rezensionen studiert). Ich sehe mir sonst nie Filme an, die vor 1945 erschienen sind.


Warum denn das ?


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 Betreff des Beitrags: Re: OPFERGANG - Veit Harlan
BeitragVerfasst: 03.12.2016 15:18 
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Vielen Dank für die Erinnerung, Pacific Nil! Ich hatte den Film mal auf Tape - ihn aber lange 'vergessen'. Meine Harlan/Söderbaum Aversion, aufgrund bestimmter Filme, hat sicher einiges dazu beigetragen, dass ich diesen Film lange nicht mehr "auf dem Schirm" hatte.

Ich werde mir Blu-ray demnächst besorgen.


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 Betreff des Beitrags: Re: OPFERGANG - Veit Harlan
BeitragVerfasst: 03.12.2016 16:46 
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Die BD habe ich mir gleich am Erstverkaufstag besorgt, da ich den Film schon von der TOPPIC-VHS kannte.
Herausragender, empfehlenswerter Farbfilm mit schönen "Hamburg-Szenen".
Der Veröffentlichung liegt ein Booklet von Dominik Graf bei.
Zeitgleich erschien von CONCORDE HOME ENTERTAINMENT auch noch IMMENSEE (1943).


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