Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 25.03.2014 19:32 
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Ich werde es jetzt auch einmal mit einem Filmtagebuch versuchen, mal sehen, wie lange ich es durchhalte, es regelmäßig zu pflegen :D

Los geht es mit einer gestern gesehenen seltenen Filmperle:


Mach´s nochmal, Baby - Jess Franco

Frankreich 1979

24.3.2014; leicht rotstichige Kopie / Kommkino Nürnberg


An der französischen Mittelmeerküste treffen sich unbekannterweise nach Zeitungsannoncen drei Männer und drei Frauen in einem Hotel zwecks erotischem Austauschs. Als jedoch eine sich für eine zukünftige Filmrolle sich vorbereitende Pornoaktrice sich ebenfalls in das Hotel einquartiert, ist es vorbei mit dem munteren Einerlei der Pärchen, da es der Dame gelingt, das Interesse der Herren zu wecken. Erst nachdem sie Gute Fee spielt und die zerstrittenen Paare wieder vereinigt, ist der Friede wieder hergestellt und das Happy-End des Films gesichert.

Eine sehr seltene und unbeachtete Pornokomödie Jess Francos mit den typischen Aktricen seiner Filme in der Zeit um 1980: Susan Hemingway spielte in den beiden vorherigen Jahren in „Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne“ und „Frauen für Zellenblock 9“, Ursula Buchfellner in „Jungfrau unter Kannibalen“, und auch seine spätere Ehefrau und hier noch sehr ansehnliche Lina Romay überzeugt in ihrer Rolle als unentwegt textprobender Pornostar. Aida Vargas ist ebenfalls aus „Liebesbriefe“ bekannt, und war auch in „Die Sklavinnen“ zu sehen, während unter den männlichen Darstellern lediglich Didier Aubriot mit „Frauengefängnis 2“ aus einem weiteren Franco-Film bekannt ist.

Elles font tout ist einer der wenigen reinen Pornofilme Jess Francos, bevor er nach dem Fall des spanischen Pornographieverbots ein paar Jahre lang hauptsächlich in diesem Metier tätig war. Dabei überrascht der für in seinen Filmen doch recht oft für erzählerischen Leerlauf und Langeweile bekannte Regisseur mit einer über die gesamte Filmdauer von 80 Minuten stringent unterhaltsamen und humorvollen Erzählweise; auch handwerklich werden größere Fehler wie Handkameragewackle und falsche Schärfeeinstellungen bis auf wenige Ausnahmen vermieden. Auch die drohende Gefahr, durch immer gleiche Stellungsspiele das Interesse des Zuschauers zu verlieren, wird geschickt umgangen, indem sie einerseits in eine sinnvolle Komödienhandlung eingebettet sind, oft Humor auch in den Sexszenen zum Vorschein tritt und dieser zudem allzu Kalauernde Tiefpunkte umschifft, die Kopulationsszenen andererseits recht kurz sind – keine dauert länger als gefühlt 5 Minuten, meist weniger – und die Darstellerinnen ausnahmslos sehr attraktiv sind, was jedoch für die im Film präsentierten Herren nur teilweise gilt.

Insgesamt gute Unterhaltung, wenn auch filmhistorisch und auch für Franco-Interessierte sicherlich kein Muss.

Wertung: 6,5/10


Zuletzt geändert von Pacific Nil am 26.03.2014 14:39, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 25.03.2014 20:21 
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Wirklich seltener Film, danke das du uns da einen eindruck von vermittelt hast...

:jc_doubleup:

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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 26.03.2014 19:36 
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Eine total verrückte Kompanie / Riavanti... Marsch! – Luciano Salce


(Italien 1979)


25.3.2014; VHS (VCI – Video Company International) / 1,85:1


Reservisten unterschiedlichster sozialer Milieus werden 20 Jahre nach ihrer Militärzeit für ein paar Monate zum Dienst eingezogen und nutzen dort ihre Zeit, alte Frauenbekanntschaften wieder aufzufrischen und neue Romanzen zu knüpfen; dabei nutzen sie auch die Gelegenheit, die Autorität ihrer Vorgesetzten durch Streiche und Scherze zu untergraben.

Während mir die übrigen Filme des Regisseurs bis dato unbekannt ist, umfasst der Cast des Films mehrere bekannte Darsteller der italienischen Kinos seiner Zeit: Während Venantino Venantini und Nello Pazzafini es zwar eine beachtliche Filmographie bringen, leisteten sie für die italienische Komödie eher wenige Beiträge, dagegen spielte Renzo Montagnani 1977 bereits in einer anderen Militärkomödie, in „Die letzten Heuler der Kompanie“, sowie zeitnah in den bekannteren „Flotte Teens und Sex nach Noten“, „Die Hauslehrerin“ und „Flotte Teens und die neue Schulmieze“. Die weit zahlreicheren attraktiven Darstellerinnen wirkten wesentlich häufiger in den natürlich erotischen Komödien mit: Carmen Russo ein Jahr später in der Militärkomödie „Der Idiotenzwinger“, Anna Maria Rizzoli, die mehrfach Titelmädchen des italienischen Playboy war, spielte in „Das verrückteste U-Boot der Welt“ und „Die Schulschwänzerin“; Elisa Mainardi und Sandra Milo sind vor allem aus diversen Fellini-Filmen bekannt.

„Eine total verrückte Kompanie“ ist eine der besseren italienischen Komödien, die zu der Zeit, als auch dieser Film gedreht wurde, zu häufig für meinen Geschmack zu klamaukig waren. Klamauk gibt es zwar auch, aber maßvoll und gerade die „Denglisch“-Szenen sind tatsächlich zum schieflachen. Der Wortverdreher- und Buchstabenvertauschhumor der Marke „zum Bleistift“, der sich durch den ganzen Film zieht, ist aufgrund des vielfachen Einsatzes in anderen Filmen zu abgedroschen, um noch lustig zu sein. Positiv fällt aber auf, dass es mit der Geschichte um einen der Reservisten, der erfährt, dass es in seiner früheren Dienstzeit vor 20 Jahren ein Mädchen gezeugt hat, dessen Bekanntschaft er jetzt macht und dem er sich als Vater anzunähern versucht, die ihrerseits jedoch ihren noch unbekannten Vater als „Hurenbock“ sieht, auch sehr ernste Untertöne gibt, die zudem auch schauspielerisch überzeugen.

Ansonsten überzeugt die in und in der Nähe von Rom gedrehte Komödie mit schönen Aufnahmen der Landschaft und den mal mehr, mal weniger bekleideten Darstellerinnen. Zugeben muss ich allerdings, dass die Länge des Films von 115 Minuten dem Film schadet und man am Schneidetisch sich für etwas mehr Tempo hätte entscheiden sollen.

Fazit:
Unter den mir bekannten Militärkomödien sicherlich die Beste und somit den Liebhabern italienscher Komödien empfehlenswert.

Wertung:
6 /10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 26.03.2014 21:07 
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Die Spur führt ins Nichts / The Criminal – Joseph Losey


(England 1960)

25.3.2014; DVD (StudioCanal / Universal) / 1,85:1


Der Gangster Johnny Bannion gerät in im Zuge einer von ihm auf einem Feld vergrabenen Beute zwischen die Fronten seiner ehemaligen Gangmitglieder und den Vollzugsbeamten des Gefängnisses, in dem er einsitzt, und die beide hinter das Geheimnis des Verstecks kommen wollen.

Arthauskino, zwischen Gangster-, Gefängnisfilm und Film Noir von Joseph Losey, der 1951 auch das Remake von Fritz Langs „M“ inszenierte und sich in den 60er Jahren an der Nouvelle Vague und dem italienischen Neorealismus orientierte. Losey geriet 1951 auf die Schwarze Liste des Komitees für Unamerikanische Umtriebe und ging, um weiter Filme machen zu können, ins Exil. Heimatlos, drehte er in verschiedenen europäischen Ländern, später vor allem in Frankreich, aber auch in Mexiko. Vielleicht ist der Blickwinkel des Amerikaners auf die englischen Sitten und Gebräuche auch der Grund, warum sich in „The Criminal“ die Engländer wesentlich britischer verhalten, als in anderen britischen Filmen seiner Zeit – ein ähnliches Phänomen ist ja auch in den deutschen Edgar-Wallace-Filmen zu beobachten. Jedenfalls wird sich gerade zu beginn des Films mit Teetrinken und Höflichkeitsfloskeln regelrecht überboten.

Dass Losey in den 40er und 50er Jahren mit Bertolt Brecht in Kontakt stand, merkt man diesem Film deutlich an: So zeigt der Film zwar harte Gewalt, aber durch absichtlich unübersichtlich gesetzte Schnitte, oder kurze Szenerien und unpassende musikalische Untermalung macht weder die Gewalt so betroffen, dass der Zuschauer emotional ergriffen wird, noch wird das Interesse des Zuschauers so an die Figuren gebunden, dass er sich wirklich für sie interessiert. Dies war immer das Konzept Brechts, und eben auch Loseys: Der Zuschauer soll sich zwar für die Handlung und Figuren interessieren, aber immer auf emotionaler Distanz bleiben. Hierin sehe ich jedoch das Problem des Films: Wenn ich emotional distanziert bin, interessiere ich mich auch nicht mehr sonderlich für die Figuren und ihr Schicksal. Teilweise erscheint mir gerade der Musikeinsatz am unpassendsten, so wird während einer Gefangenenausbruchsszenerie in leicht abgewandelter Form „I want to be in America“ aus der West Side Story instrumental eingespielt, oder in einem anderen Teil des Films, wo ein Gespräch in lockerer Gesellschaft in einen Streit ausufert, ist unentwegt munterer Jazz zu hören. Auch in der Schlusssequenz wird das grandios gespielte Gefühl panischer Reue durch einen traurigen Chanson relativiert. Dies alles führt bedauerlicherweise zu einer beträchtlichen Spannungsminderung während des gesamten Films.

Dabei schneidet der Film sehr interessante Themen an, die teils auch in Loseys negativen Erlebnissen mit dem Komitee für Unamerikanische Umtriebe ihre Ursache haben. So steht das Thema, oder besser gesagt das Tabu des Geheimnisverrats mehrmals im Vordergrund. Es wird sich damit auseinandergesetzt, dass gerade im kriminellen Milieu, wo Verbrechen unterschiedlichster Art nachsichtig betrachtet werden, die in der bürgerlichen Gesellschaft nachsichtig betrachtete Schwatzhaftigkeit als absolutes Tabu gilt. Und letztlich kam Losey ja aufgrund der Schwatzhaftigkeit eines anderen Verhörten auf die Schwarze Liste. Weiters kritisiert der Film die bürgerliche kapitalistische Gesellschaft in der Tradition anderer später Film Noirs, die ihre Verflochten- und Verdorbenheit mit kriminellen Untugenden wie Gier und Rücksichtslosigkeit anprangern.

Ein anderes Thema ist noch das Gefühl des Gefangenseins. Die Hauptfigur Johnny Bannion verhält sich während des ganzen Films, auch wenn sie in Freiheit ist, reserviert und vorsichtig wie ein Gefangener. Aufgrund der zurückhaltenden Inszenierung fällt dies aber viel zu wenig auf und wurde in Filmen wie z. B. „Die Verurteilten“ wesentlich eindrücklicher thematisiert.

Zu würdigen ist auch die Kameraarbeit von Robert Krasker („Der dritte Mann“, „El Cid“), der einige äußerst beeindruckende und schöne Bilder auf die Leinwand zaubert und trotzdem mitunter auch den Mut zur Hässlichkeit wagt.

Fazit:
Wichtiger später Film Noir mit Tiefgang, der durch seine sperrige Inszenierung jedoch beträchtlich an Qualität einbüßt.

Wertung:
7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 27.03.2014 19:36 
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Last Impact – Der Einschlag / Impact – Mike Rohl


(Deutschland, Kanada 2008)

26.3.2014; DVD (Sony) / 1,85:1


Meteorit aus magnetischer Hypermasse schlägt auf den Mond ein, einzelne Trümmer auf die Erde. Dadurch wird der Mond immer näher an die Erde gezogen, was zu weiteren Katastrophen führt…

Der TV-Zweiteiler des Serienregisseurs Mike Rohl weiß zu Beginn noch zu fesseln, aber bereits nach einer halben Stunde ist die Luft in diesem 182 Minuten Film raus. Die CGI Effekte sind auf Babylon 5 Niveau, bei einem Einschlagskrater wird geschlampt, was das Setting betrifft: Für den Zuschauer ist immer deutlich erkennbar, wann in einem Waldstück und wann in einer Baugrube gedreht wurde, und der mit CGI getrickste Krater sieht auch wieder völlig anders aus. Das größte Problem des Films ist aber, dass TV-Serientypisch zu viele Handlungsstränge, die gar nicht interessieren, in den Film gepackt werden, und die oft wie Füllmaterial wirken. So kommt es zu oft zu Wiederholungen im Laufe des Films, und der Spannung wird so schließlich der Todesstoß versetzt.

Witzig ist jedoch, dass die Protagonisten dieses Films „Terrence Young“ und „Roland Emerson“ heißen, sowie, dass die Synchronsprecherin Andrea Aust die von Natasha Henstridge dargestellte Astrophysikerin Dr. Reese als lebenden Blondinenwitz anlegt, indem sie sie permanent „Asteorid“ statt „Asteroid“ sagen lässt.

Fazit:
Spannungsarmes Katastrophendrama, überflüssig.

Wertung:
3,5 / 10




Französisch für Anfänger – Christian Ditter


(Deutschland, Frankreich 2006)

26.3.2014; DVD (Highlight – Constantin Film) / 1,85:1


Der Schüler Henrik ist in Valerie verliebt, fürchtet sich aber davor, sie anzusprechen. Erschwert wird sein Problem noch, als er eine abfällige Bemerkung über Franzosen macht, da er den Französischunterricht mitsamt den Französischlehrer hasst, und er nachfolgend herausfindet, dass Valerie Halbfranzösin ist. Um ihr zu zeigen, dass das nur ein dummer Spruch war und er natürlich gaaaaanz begeistert ist von Frankreich, nimmt er nun sogar an einem Schüleraustausch nach Frankreich teil, um seiner Flamme nahe zu sein. Nach einem touristischen Abstecher nach Paris führt der Weg in ein bezauberndes kleines Dorf in den Rhone-Alps, wo es zu weiteren Irrungen und Wirrungen der Liebe kommt.

Der Filmhochschulabschlussfilm von Christian Ditter, der vorher bereits für die RTL-Serie „Schulmädchen“ einzelne Folgen und später die beiden Kinderfilme „Vorstadtkrokodile“ drehte, überzeugt mit einer durchgehend charmanten und amüsanten Teenagerromanze in der Tradition von „La Boum“, dessen Nimbus er jedoch trotzdem nicht ganz erreichen kann. Die Gefühle und Konflikte der Figuren werden glücklicherweise ernst genommen, wobei die Komödiendramaturgie natürlich nie verlassen wird. Verstärkt wird das durch das durchgehend gute Schauspiel von Francois Göske („Lost Place“), Paula Schramm („Anonymous“) und Elodie Bollée. Die hektischen Drehbedingungen – so war Schramm zur Zeit der Dreharbeiten erst 15 und durfte nur 5 Stunden am Tag drehen, die übrigen meist 16jährigen Darsteller des deutschen Casts durften nach 22 Uhr nur mit Sondergenehmigung vor die Kamera – merkt man dem Film nicht an, und darüber hinaus besitzt der Film einen guten Rhythmus in seinen sich abwechselnden schnellen und handlungsintensiven Szenen und ruhigen lyrischen Momenten. Gewünscht hätte ich mir jedoch gerade hier, dass einige dieser langsameren Szenen noch breiter ausgespielt worden wären, gerde, da sie auch gefilmt wurden. Man entschied sich jedoch, nach Filmhochschullehrbuch zu verfahren und sich immer auf die Geschichte und den Grundkonflikt zu konzentrieren, also zu einer rein narrativen Erzählweise. Dabei scheint außer Acht gelassen worden zu sein, dass der Film eben nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, sondern auch das Gefühl des Verliebtseins, das Gefühl des Jungseins und natürlich auch Urlaubsstimmung weckt. Hätte man mehr davon im Film gelassen, wäre der Film noch wesentlich stärker geworden.

Fazit:
Äußerst charmante Liebeskomödie unter Teenagern, die auch für Erwachsene geeignet ist.

Wertung:
8 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 27.03.2014 20:00 
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Feines Filmtagebuch hast'e da angefangen! :good:


Als kleine Anregung => Fände es klasse, wenn Du Deine Texte auch noch im jeweiligen Film-Thread posten würdest (wie's auch die meisten Filmtagebuchkollegen machen)! ;)


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 01.04.2014 19:15 
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Niagara – Henry Hathaway


(USA 1953)

28.3.2014; DVD (20th Century Fox) / 1,33:1


Ray und Polly verbringen ihre verspäteten Flitterwochen bei den Niagarafällen, doch bereits zu ihrer Ankunft kommt es zu Problemen: Der gebuchte Bungalow ist noch von einem Ehepaar besetzt, George und Rose Loomis, letztere gespielt von Marilyn Monroe. George ist krank, angeblich auch psychisch und Rose möchte sich bis zu seiner Gesundung treu um ihn kümmern. Doch wenig später stellt sich heraus, dass sie ganz andere Pläne verfolgt.

Film Noir von Henry Hathaway in bester Hitchcock-Manier mit unglaublich faszinierenden Bildern, die Kameramann Joseph MacDonald auf die Leinwand zauberte. Regisseur und Kameramann arbeiteten bereits vorher zusammen, unter anderem für die Noirs „Feind im Dunkel“ und Kennwort 777“. „Niagara“ fällt etwas aus der Reihe, da er Farben in strahlendem Technicolor bietet, allerdings gibt es trotzdem genug Szenen, die sich im genretypischen Dunkel und Zwielicht zutragen, besonders sei hier der Mord im Glockenturm zu erwähnen, eine wahre filmische Meisterleistung.

Die Wasserfälle sind nicht nur Kulisse oder attraktive Staffage, sondern werden symbolisch aufgeladen: sie stellen den Punkt vor, wo etwas, das einmal in Bewegung geraten ist, nicht mehr aufzuhalten ist und seinem Untergang entgegen geht. Dem Zuschauer wird dies bereits zu Beginn des Films in Form eines Monologs von George Loomis (Joseph Cotten) erzählt und wirft auf den ganzen Film den Schatten der Todessehnsucht.

Marilyn Monroe brilliert hier in ihrer ersten großen Rolle, zuvor hatte sie allenfalls größere Nebenrollen, und erstmals mit ihrer beachtlichen erotischen Präsenz. Als klassische Femme fatale ist sie entgegen ihres bereits bestehenden Images besetzt gewesen, schließlich spielte sie meist in Komödien. Schauspielerisch leistete sie hier jedoch außer ihrer gekonnt verführerischen Auftritte noch nicht viel, erst einige Jahre später, nachdem sie Schauspielunterricht genommen hatte, zeigte sie sich wandlungsfähiger.

Fazit:
Sehr empfehlenswerter farbenprächtiger Film Noir mit auch für heutige Zuschauer unvorhersehbaren Wendungen.

Wertung:
8 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 01.04.2014 19:54 
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Aus zeitgründen folgen heute und morgen nur Kurzkritiken zu Filmen, die ich auf den Fantasy Film Fest Nights gesehen habe.
Voila! :D

The Sacrament - Ti West


(USA 2013)

29.3.2013; Kino (Cinecitta Nürnberg) / 1,85:1


Patrick recherchiert vor Ort mit einem Kamerateam über eine christliche Sekte, die anfangs harmlos im Hippiegewand daherkommt, sich jedoch nach und nach als immer gefährlicher für alle Beteiligten entpuppt.

Realistischer und harter Found-Footage-Film, dessen Grauen in seiner Personifikation des fanatischen und rhetorisch kaum angreifbaren Sektenführers „Father“ sich langsam und unerbittlich aufbaut und in einen knüppelharten und ausführlich aufbereiteten Höhepunkt mündet.

Wertung:

8 /10



Witching & Bitching – Álex de la Iglesia


(Spanien 2013)

29.3.2014; Kino (Cinecitta Nürnberg) / 2,40:1


Sympathische Gangster geraten nach einem Schmuckraub im Zuge ihrer Flucht nach Frankreich in die Fänge eines baskischen Hexenkultes.

Teils unterhaltsamer, teils nervige und langatmige Iglesia-typische Provokation gegen den Geschmack der Zuschauer. Leider fehlt ihm nach wie vor das Gefühl für Timing, d. h. viele Szenen sind zu breit angelegt und können trotz des hohen Tempos, das nur durch den Filmschnitt erzeugt wird, den Zuschauer nicht fesseln.

Bei den von den Hexen gesungenen Liedern handelt es sich übrigens nicht um eine Phantasiesprache, sondern um baskisch, die gezeigte Symbolik ist ebenfalls typisch für die Region und basiert nicht auf einem Einfall des Ausstatters.

Wertung:

4 /10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 02.04.2014 18:28 
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The Returned


(Kanada / Spanien 2013)

29.3.2014; Kino (Cinecitta Nürnberg)


Zombiedrama um Infizierte, die mit Hilfe eines regelmäßig einzunehmenden Antiserums überleben, aber ein Außenseiterdasein in ihrer Gesellschaft fristen müssen.

Aus der interessanten Grundidee, nämlich einen Zombiefilm bzw. eine Seuche, die Menschen zu Zombies mutieren lässt und die mittlerweile wieder eingedämmt worden ist, als Sozialdrama mit einem Schuss Gesellschaftskritik zu inszenieren, ist leider nur ein langweiliger, blutleerer, überflüssiger Film geworden. Auch die Sozialkritik regt in sämtlichen von Romero inszenierten Filmen des gleichen Genres mehr zum Nachdenken an, als es diesem Film gelingt. Verschenkt!

Wertung:
2,5 / 10




The Green Inferno


(USA 2013)

29.3.2014; Kino (Cinecitta Nürnberg)


Umweltaktivisten geraten nach einem Flugzeugabsturz im Regenwald in die Fänge von Kannibalen.

Handwerklich perfekter Kannibalenhorrorfilm von Eli Roth („Hostel"). Der Film will sich als Hommage an den Italokannibalenfilm verstehen, was besonders der Abspann nochmal verdeutlicht, der die wichtigsten italienischen Kannibalenfilme aufzählt, mitsamt Ausprachehilfen der Regisseure! Aber hat der Film wirklich italienischen Charakter? Ein Film, der ohne jede Nacktheit auskommt, bei dem es Blut und Ekeleffekte gibt, aber kein Gedärm, der schnell inszeniert ist und nicht atmosphärisch und der keinen Tiersnuff bringt (natürlich nicht!) entfernt sich doch etwas zu weit von den „Klassikern“ dieses von mir eher weniger geachteten Genres. Da der Film sehr unterhaltsam ist, trotzdem:

Wertung:
6,5 / 10




Snowpiercer


(Südkorea / USA / Frankreich)

29.3.2014; Kino (Cinecitta Nürnberg) / 1,185:1


2014 wurde das Weltklima im Kampf gegen die Klimaerwärmung infolge unkalkulierter Nebenwirkungen eines Wetterexperiments in eine Eiszeit verwandelt. 17 Jahre später bahnt sich in einem Zug, der die letzten Überlebenden beherbergt, unter den sozial benachteiligten Menschen ganz hinten im Zug eine Revolution an.

Die interessante Geschichte punktet mit faszinierenden Einfällen und schreckt vor satirisch-absurden Wendungen nicht zurück. Die ernste Grundhandlung bietet Action zuhauf und hält konsequent die Spannung trotz der langen Filmlaufzeit. Nur das Deus-ex-machina-Ende enttäuscht etwas.

Wertung:
8 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 03.04.2014 18:41 
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Pervert!


(USA 2005)

2.4.2014; DVD (MIB) / 1,85:1


James fährt aufs Land, um dort seinem Vater zu helfen. Dort macht er die Bekanntschaft mit der großbrüstigen Cheryl, der Geliebten seines Vaters, und verliebt sich ebenfalls in sie. Als sie verschwindet, sein Vater aber Tags darauf bereits ebenso attraktiven Ersatz gefunden hat, der wiederum bald verschwindet und ersetzt wird, beschleicht ihn das Gefühl, sein Vater könnte ein Serienkiller sein – doch dann taucht auch noch ein weibliches Penismonster auf, weiblich, weil es eifersüchtig, unberechenbar und tödlich ist…

Der einzige Film von Jonathan Yudis versteht sich all Hommage an Russ Meyer, dem er auch gewidmet ist. Die Ähnlichkeiten zu Meyers Spätwerk sind dabei insofern verblüffend, als dass dieser in 12 Tagen abgedrehte Film in der Würdigung seiner Filme äußers exakt vorgeht: so ist nicht nur der sonnenverbrannte Schauplatz Kalifornien identisch, auch die leuchtende Farbgebung und die Kameraperspektiven sind deutlich von Meyer inspiriert – und natürlich die gutgebauten Frauen, allen voran Pornostar Mary Carey. Zu sehen ist in „Pervert!“ nur Softcore, also nicht auf gewisse Details hoffen.

Mit dem auftauchen des Knetgummi-Penismonsters, das in Clay-Motion-Technik animiert wurde, schraubt sich dann der Gore-Gehalt in die Höhe und die Stimmung verändert sich etwas in Richtung eines Troma-Movies. Gleichzeitig hält der Filme ab diesem Zeitpunkt, obwohl es eigentlich gegensätzlich hätte sein müssen, nicht mehr die bisherige Spannung, bzw. das Interesse des Zuschauers aufrecht, vielleicht auch, weil der Film Russ Meyers mit viel Wut inszenierte Gewaltausbrüche nicht übernimmt, sondern eher auf Splattereffekte setzt.

Der Regisseur des Films hat übrigens eine Nebenrolle als schwuler Nazi-KFZ-Mechaniker, der sich in James verliebt.

Fazit:
Charmanter Liebesfilm für 70er-Jahre Nostalgiker.

Wertung:
7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 08.04.2014 19:50 
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Der Wildeste unter Tausend / Hud – Martin Ritt

(USA 1962)

4.4.2014; DVD (Paramount) / 2,35:1


Vor dem Hintergrund, dass die Rinderherde Homer Bannons von einer Seuche befallen sein könnte, schildert der Film den Konflikt des moralisch integren Viehbesitzers Homer mit seinem unbelehrbar selbstsüchtigen Sohn Hud, sowie dessen unentschlossenen Neffen Lonnie.

Martin Ritt, der in den folgenden Jahren zusammen mit seinem Kameramann James Wong Howe mit „Carrasco, der Schänder“ und „Man nannte ihn Hombre“ nicht minder düstere Westernkassiker drehte, deren schonungsloser Nihilismus teilweise nur von einigen Italowestern erreicht wurde, drehte diesen Anti-Western nach einer Vorlage von Larry McMurty, der auch das Drehbuch zu „Brokeback Mountain“ schrieb. „Hud“ wurde von der damaligen Filmpresse teils als unamerikanisch aufgefasst, was sich vermutlich sowohl auf die den Film immer stärker dominierende Hoffnungslosigkeit beziehen lässt, als auch auf Ritts Platz auf der Liste des Komitees für unamerikanische Umtriebe anspielen könnte. Vom überwiegenden Teil der Presse gelobt und mit Oscar-Würden bedacht, gelang trotzdem ein beachtlicher Erfolg beim amerikanischen Publikum, das in Hud, beeindruckend dargestellt von Paul Newman, eine Identifikationsfigur sah, anstelle des von Ritt, McMurty und den Drehbuchautoren Irving Ravetch und Harriet Frank jr. intendierten Antihelden-Typus. Erklären lässt sich dies von dem bereits einsetzenden Wertewandel her, der nicht, wie oft angenommen, plötzlich 1967/68 aufkam, sondern sich lange vorher aufbaute. So konnte das Publikum in Hud, der sich sinnlos betrinkt, seinem Vater widerspricht und ihn mit Entmündigung bedroht, der sexuelle Freizügigkeit deutlich als vorbildhaft anspricht und auch nicht davor zurückschrecken will, das eventuell verseuchte Rindfleisch in den Verkauf gelangen zu lassen um den bisherigen Lebensstandard beibehalten zu können, ein Vorbild sehen.

Dabei erzählt der Film eigentlich das völlige Scheitern von Erziehung und der Werte, die Eltern einem Sohn vermitteln wollen. Homer, der streng biblische Werte lebt und diese zu vermitteln versucht hat, hat längst aufgegeben, an seinen 30jährigen Sohn zu glauben, und wenn er ihn doch maßregelt, dann nur noch halbherzig und in dem Wissen, dass es nichts nützen wird. Vielmehr geht es ihm noch darum, Lonnie zu lenken und muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass dieser in Hud immer mehr ein Rollenvorbild sieht: Hud ist schließlich charmant, körperlich stark und erfolgreich beim anderen Geschlecht. Zum Nachdenken kommt Lonnie erst, als sein Onkel versucht, eine Frau zu vergewaltigen – wie auch der Zuschauer hier beginnt, über Hud zu kritischer zu reflektieren, und in dem Film nicht nur eine Variante von „Jenseits von Eden“ zu sehen, der 6 Jahre zuvor ebenfalls einen Vater-Sohn-Konflikt ins Kino brachte.

Vergleicht man „Hud“ weiter mit „Jenseits von Eden“, fällt auf, dass „Hud“ wesentlich ruhiger erzählt ist, bei „Eden“ kippt in Konfliktsituationen die Kamera in die Schräge, bei „Hud“ bleibt sie wie auch der Schnitt ruhig, bei „Eden“ wird die aufgeregte Emotionalität des Drehbuchs immer mit filmischen Mitteln entsprechend passend umgesetzt, bei „Hud“ bleibt der Blick durch die schwarz-weiß-Kamera immer distanziert und kühl – dennoch wie bei Bergman und später bei Kubrick immer ergreifend. Auch die Musik hält sich über lange Strecken sehr zurück und fällt nur zu Beginn und gegen Ende mit einem traurigen Leitmotiv auf. Auffällig ist darüber hinaus auch, dass Paul Newman seinen Charakter genauso spielt, wie James Dean spielt, er nimmt oftmals die gleiche Körperhaltung und ein; für die Mimik gilt gleiches. Dass das Autorenteam sich mit „Jenseits von Eden“ intensiv auseinandergesetzt hat, legt auch die Freundschaft Martin Ritts mit Elia Kazan nahe, des Regisseurs dieses filmischen Vorläufers.

Fazit:
Für mich aus künstlerischer und auch handwerklicher Sicht der wichtigste US-Antiwestern – unbedingt zu empfehlen

Wertung:
10 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 10.04.2014 19:03 
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Lebendig gefressen / Mangiati vivi! – Umberto Lenzi

(Italien 1980)

8.4.2014; Kommkino / 1,66:1


Nach einigen Morden durch Giftpfeile in New York sucht Sheila ihre verschwundene Schwester Diane mit der Hilfe eines Vietnam-Veteranen im indonesischen Dschungel. Doch dort treiben nicht nur Kannibalen ihr Unwesen, sondern auch eine radikale christliche Sekte, in deren Krallen sich Diane befindet.

Der zweite und unterhaltsamste von Lenzis drei Kannibalenfilmen langweilt anders als die meisten anderen Filme dieses Genres keine Sekunde. Gedreht in Sri Lanka für den Produzenten Luciano Martino, Sergio Martinos Bruder, mit einem eingespielten Team – fast alle Hauptrollen, sowie z. B. der Kameramann Federico Zanni arbeiteten bereits in anderen Filmen mit Lenzi zusammen – ist der Film zwar handwerklich souverän, besitzt jedoch viele Logiklöcher, die sich auf den Film aber eher positiv auswirken, da sie seinen Unterhaltungswert nur noch steigern.

Für die Zuschauer, die Tiersnuff ablehnen und zu denen ich mich auch zähle, wird es vielleicht interessant sein, dass alle Szenen dieser Art, die sich in „Lebendig gefressen“ befinden, aus anderen älteren Kannibalenfilmen stammen, und für diesen Film also keine Tiere sterben mussten. Trotzdem ist das ein entscheidender Wermutstropfen…

Robert Kerman, dessen Charakter in diesem Film ähnlich vorgestellt wird wie Rambo in „Rambo III“ und einen ähnlich harten Helden abgibt und zudem auch noch von Klaus Kindler Synchronisiert wird, Clint Eastwoods Stammsprecher, sammelte bereits Kannibalenfilmerfahrung in „Cannibal Ferox“, ebenso auch Fiamma Maglione, während Franco Fantasio in „Die weiße Göttin der Kannibalen“, Me Me Lai in „Mondo Cannibale“ und „Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch“ zu sehen war – aus ersterem stammt auch ihre Todesszene, die in „Lebendig gefressen“ zu sehen ist. Ivan Rassimov, der den Sektenführer Jonas beeindruckend furchterregend-fanatisch spielt, war ebenfalls in den beiden Mondo-Cannibale-Filmen zu sehen. Auch seine Rolle profitiert von der Synchronisation, da Gert Günther Hoffmanns ruhige sonore Bassstimme Jonas nur noch gefährlicher wirken lässt.

Inspiriert wurde die Geschichte um die Purifikationssekte von der Peoples Temple Sekte um Jim Jones, deren Mitglieder sich 1978 in Jonestown, Guyana in einem Massensuizid umbrachten, woraufhin 900 Menschen ihr Leben verloren.


Fazit:
Verhältnismäßig gelungener Kannibalenfilm, künstlerisch für Umberto Lenzi aber bereits ein Abstieg.

Wertung:
5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 16.04.2014 01:21 
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Noah - Darren Aronofsky


(USA 2014)

8.4.2014; Kino (Cinecitta Nürnberg) / 2,35:1


In einer, wie der Einleitungstext des Filmes sie nennt, industrialisierten Gesellschaft erhält Noah von Gott den Auftrag, eine Arche zu bauen, da eine Flut über die Welt hereinbrechen werde. Mit Hilfe riesiger mit erkalteter Magmaschlacke überkrusteter Engel macht Noah sich ans Werk, doch Schwierigkeiten nahen, als Tubalkain, Nachfahre Kains und Führer der Menschheit, gewaltsam versucht, in Noahs Arche einzudringen. Weitere Probleme ergeben sich, als Noahs Sohn Ham unbedingt eine Freundin möchte und Noah aber nicht erlaubt, dass außer ihm, seiner Frau und seinen Söhnen weitere Menschen Zuflucht auf der Arche finden, sowie während der 40tägigen Flut, als Tubalkain die Zeit nutzt, Ham gegen Noah aufzuhetzen.

So weit, so frei nach der Bibel. Hollywood, das derzeit erkennt, dass der Superheldenfilm des Monats nicht gerade das Publikum über 30 erreicht, hat mit Noah den ersten einer Reihe von Bibelverfilmungen auf die Menschheit losgelassen, weitere sind schon in der Produktion. Nur kann ich mir kaum vorstellen, dass eine derart freie, zudem in Teilen strunzdumme und viel schlimmer, langweilig erzählte Geschichte ein großes Publikum finden wird. Dabei scheinen die für das Drehbuch Verantwortlichen die Bibel durchaus genau gelesen zu haben: So ist Tubalkain tatsächlich der letzte Nachfahre Kains bis zur Flut, Methusalem ist Noahs Großvater, auf der Erde gibt es Riesen, die sich mit den Menschen „einlassen und diese ihnen Kinder gebären“ (Gen. 6,4). Jedoch scheint hier den Autoren schon die hollywoodtypische Klischeephantasie durchgegangen zu sein: mit schlechtem CGI animierte Steinmonstren, als gefallene Engel und Wächter dem Kinopublikum vorgestellt, sowie erst furchterregend, dann aber gar nicht so übel und Noah hilfreich charakterisiert und im Kampf gegen die Menschen, „deren Sinnen und Trachten [ihres] Herzens immer nur böse war“ (Gen. 6,5) zu puren Kampfmaschinen avancieren, wird doch nur ein langatmiges Effektespektakel geboten, das das an solchen Stoffen interessierte Publikum kaum mitzunehmen vermag.

Forschen wir einmal genauer nach: Was bedeutet die Geschichte um die Flut selbst, ihre biblische Bearbeitung und ihre Darstellung in diesem Film, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? -

Weltweit erzählen 68 alte Geschichten von einer globalen Flut, 4 in Europa, 13 in Asien, 5 in Afrika, 9 in Australien und den Pazifischen Inseln, 37 in Amerika. Die uns bekanntesten Flutgeschichten neben der Bibel stammen aus der griechischen Mythologie, wo Zeus eine Flut schickt, nachdem der Mensch Lykaon den sich nicht als Gott zu erkennen gebenden Zeus versucht, im Schlaf umzubringen (z. B. Ovid, Metamorphosen - Liber I,163ff), sowie das 1900 v.Chr. geschriebene Gilgamesch-Epos, in dem Gilgamesch ebenfalls über eine Arche verfügt. Im Koran finden wir in den Suren 25-48 eine Erzählung um Noah und die Sintflut. Da weltweit ähnliche Flutgeschichten um die Zeit des Übergangs von Steinzeit zu Bronzezeit (3. Jahrtausend v.Chr.) erhalten sind, ist von einer tatsächlich stattgefundenen globalen Katastrophe auszugehen, etwa in Folge einer Polkappenschmelze nach der letzten Kaltzeit – die geowissenschaftlich jedoch schon im 6. Jahrtausend v.Chr. letzte Auswirkungen zeigte. Literaturwissenschaftlich handelt es sich nun bei der Geschichte um Noah um eine Vergleichsgeschichte, gerade, da viele dieser Geschichten auch über die bloße Gemeinsamkeit „Flut“ weitere Übereinstimmungen bieten, z. B. auch eine chinesische Geschichte um eine Überflutung im Jahre 2297 v.Chr., in der ein Mann, seine Frau und ihre 3 Kinder als einzige errettet werden.

Sinn der biblischen Geschichte ist, darzustellen, dass Gott die Menschen straft, wenn sie „verdorben und voller Gewalttat“ (Gen. 6,13) sind, sowie der Bund zwischen Gott und allen Menschen – nicht nur den Juden und Christen – der besagt, dass „nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch […] ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben“ (Gen. 9,11). Erzählt wird also das Zustandekommen eines Friedensvertrags zwischen Gott und den Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies.

Darren Aronofsky, bekannt für teils schlimmsten Kunstquark, schlimm, da bei maximalen formalen Qualitäten im Bereich des Visuellen und der Tonspur Inhalt und Sinn ebenso maximal vernachlässigt werden ("Requiem for a Dream", "Black Swan"), hat sich nun aufgemacht, den Noah-Stoff zu verfilmen, eine Bearbeitung, die nach dem aus meiner Sicht einzigen bisher gelungenen seiner Filme, „The Fountain“, ein religiöses Selbst- und Gottfindungsdrama, durchaus hohe Erwartungen zugelassen hat. Herausgekommen ist ein dramaturgisch hilflos wirkendes Drama, das zwischen Fantasy-Action, Psychodrama und plumpen Anspielungen auf die Gegenwart schwankt. Erschwert wird der positive Zugang zu diesem Film noch dadurch, dass die eigentlich interessante Geschichte, also Vernichtung durch Katastrophe und Bund zwischen Gott und Menschen, durch einen dramaturgischen Fehler zu einem Stillstand kommt und dadurch zäh und langweilig wird: Oder wen hat es denn bisher interessiert, ob Ham eine Frau bekommt (in der Bibel hat er eine und es gibt dabei überhaupt keine Probleme - Gen. 7,13) und welche psychologische Konflikte Noah ausstehen muss angesichts dessen, dass er mit seiner Familie der einzige Überlebende sein wird? Nun, ersteres Thema ist vielleicht dem Koran entlehnt, wo einer von Noahs Söhnen sich abseits hält und „Zuflucht auf einem Berg suchen“ will (Sure 11,42 u. 43), neben dem Hervorschießen des Wassers aus dem Erdinneren (Sure 11,40), letzteres soll wohl auf das von Gott geforderte Erstlingsopfer Abrahams anspielen.

Übrig bleibt ein nicht einmal visuell packendes Drama, da auch die Landschaft Islands, die in ihrer Kargheit unwirtlichen Gerölls anfangs die ihrer Schätze ausgebeuteten Erde zwar anschaulich macht, aber nicht fasziniert, die Steinengel- und Tiereffekte kindisch wirken und die Action dramaturgisch wenig berührend umgesetzt worden sind. Schauspielerisch kann Jennifer Connelly begeistern – ich tippe mal auf einen Nebenrollenoscar – Russel Crowe überraschenderweise jedoch gar nicht, dabei konnte er sogar dem letzten Superman-Film allein mit seiner Präsenz eine gewisse Wertigkeit verleihen.

Fazit:
Große Enttäuschung!

Wertung:
2 / 10 (wenn man sich nur unterhalten lassen will, 5 / 10)


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 23.04.2014 19:57 
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Die Jungfrauenquelle / Jungfrukällan – Ingmar Bergman

(Schweden, 1960)

23.4.2014; DVD (Arthaus/Kinowelt) / 1,33:1


Karin ist die einzige Tochter eines reichen Bauern und soll für die Mutter Gottes Kerzen in die entfernte Kirche bringen. Anfangs begleitet, später heimlich verfolgt, wird sie von der ungeliebten Magd Ingeri, die den nordischen Gott Wotan Tags zuvor beschworen hat, Karin zu schaden, da sie eifersüchtig auf sie ist – sie hatte an einem Tanzabend mit einem Jungen getanzt, in den Ingeri verliebt ist. Auf dem Weg zur Kirche findet Karin drei arme Hirten, der eine mit abgeschnittener Zunge, der zweite spielt Maultrommel, der dritte ist ein Junge von etwa 10-12 Jahren. Sie kommen ins Gespräch und sie teilt ihr Brot mit ihnen. Doch die drei führen böses im Schilde, das anfangs zwanglos-heitere Gespräch wendet sich dabei und wird für Karin immer bedrohlicher. Als sie zu fliehen versucht, wird sie von den dreien gewaltsam daran gehindert und von den beiden älteren vor den Augen des Kindes vergewaltigt.
Auch Ingeri beobachtet aus ihrer Deckung das Geschehen, ohne einzugreifen. Karin, die nach der Vergewaltigung unter Schock steht, und nicht einmal mehr schreien kann, winselnd und orientierungslos im Wald auf und ab geht, wird schließlich ermordet und ihrer Kleidung beraubt.

Abends begeben sich die drei an einen Bauernhof, zufällig dem Hof von Karins Eltern, was ihnen jedoch unbekannt ist, um dort nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu fragen. Sie werden freundlich aufgenommen, erst als sie Karins Kleid anbieten, erkennt die Bäuerin, die schon Bedenken hatte, Karin überhaupt loszuschicken, da sie unheilvolle Träume hatte, dass Karin tot ist und vor ihr ihre Mörder stehen. Sie erzählt ihrem Mann ihren Verdacht, der lässt das Haus verriegeln, weckt die Mörder, ersticht die zwei Erwachsenen im Kampf und wirft den Jungen gegen eine Wand, so dass auch dieser stirbt. Von der schuldbewussten Ingeri an den Ort des Verbrechens geführt, verspricht der Vater, an diesem Ort eine Kirche zu bauen, in diesem Augenblick entspringt aus dem Boden eine Quelle.


Ingmar Bergman, vor diesem Film eine Ikone der Nouvelle Vague, dagegen in Deutschland noch fast unbekannt – drei seiner fünf wichtigsten Filme („Gefängnis“, „Das siebte Siegel“, „Wilde Erdbeeren“) liefen vor „Die Jungfrauenquelle“ gar nicht in den deutschen Kinos, der Spiegel schreibt dazu, dass das Verleihangebot in seiner „Provinzialität im westlichen Europa nur von Irland, Spanien und Griechenland erreicht und von Österreich übertroffen wird“ (Spiegel 44/1960) – inszenierte mit seinem 22. Film einen vergleichsweise kommerziellen Film, der ihm in Deutschland den Durchbruch verschaffte, in Frankreich jedoch die Sympathien der Nouvelle-Vague-Autoren für ein paar Jahre verscherzte. Und Bergman selbst hielt den Film erst für sein Meisterwerk, wenige Jahre später jedoch als „Betriebsunfall“, „miserable Imitation von Kurosawa“, „unklar in den Motivationen“, „tot“. Er meint über diesen Film: „[…] später entdeckte ich […], daß er eine äußere Gestaltung hatte, aber keine innere. Er war ohne Kern.“ 1961 erhielt „Die Jungfrauenquelle“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Natürlich erklärt sich Bergmans veränderter Standpunkt zu „Die Jungfrauenquelle“ biographisch, und nicht aus einer etwaigen Fehleinschätzung aus Arbeitseifer und Begeisterung heraus. Als Literaturstudent hatte er bereits eine Arbeit über die 32-strophige Ballade aus dem 14. Jahrhundert, die wiederum Wurzeln im 10. Jh. hat, verfasst, die diesem Film zugrunde liegt. Der Film ist also Produkt einer Jahrzehntelangen Beschäftigung Bergmans mit diesem bestimmten Stoff. In den Jahren vor und nach dem Dreh dieses Films, etwa bis 1963, setzte sich Bergman mit der Frage nach der Existenz Gottes auseinander, das letzte Mal in „Das Schweigen“. Anschließend stehen andere Themen im Vordergrund: Die Einsamkeit des Menschen, die Suche nach Verständnis, das Streben nach Glück. In „Das siebte Siegel“ sagt eine Hauptperson: "Ich brauche Gewißheit, nicht Glauben, sondern Gewißheit. Gott möge mir seine Hand ausstrecken, sein Gesicht enthüllen, zu mir sprechen." Im Jahr der Erstaufführung von „Die Jungfrauenquelle“ gab Bergman nun an, diese Gewissheit gefunden zu haben. Der Film stellt eine Möglichkeit vor, wie das bisherige Thema von Bergmans Filmen, die Suche nach geistiger Geborgenheit, enden kann: Mit einem Zeichen Gottes – deswegen auch die Schlussszene mit der plötzlich hervorsprudelnden Quelle nach der aufrichtigen Reue des Vaters für seine Tat und seinem Versprechen, die Kirche zu errichten. Und Bergman erklärte sich als „heute von der Existenz Gottes überzeugt“, wenn auch nicht im Zuge eines Zugehörigkeitsgefühls zu einer Kirche. Diese Gewissheit hat er, aus strenggläubigem Elternahaus stammend und dadurch dem christlichen Glauben ambivalent gegenüberstehend, wohl einige Jahre später verloren. Daraus folgend sind auch Stimmen, die in diesem Film einen Bruch ins Triviale und Kommerzielle sehen, wie auch der späte Bergman selbst, der ihn rückblickend wie oben geschildert aburteilt, ins Unrecht gesetzt. Bergman hatte eben später andere Themen für sich entdeckt und seine eigene Gottesgewissheit nicht mehr nachvollziehen.

Der Film reiht sich auch in anderer Hinsicht in das Niveau anderer Bergman-Filme ein: Der schwarz-weiß-Film zeigt starke Kontraste bei großer Tiefenschärfe, und damit wunderschöne Bilder, Brigitta Pettersson spielt Karin wunderbar frisch und kindlich-naiv, Max von Sydow den Vater emotional unterkühlt und entschlossen. Die in anderen Filmen dieses Regisseurs vielfältig eingesetzten Symbole kommen auch hier zur Geltung, so das Rotkäppchen-Motiv, als Karin vom Weg abweicht, als sie ihre drei künftigen Vergewaltiger trifft, verstärkt noch durch die Fragen des einen, als die Vergewaltigung beginnt: „Du hast so schöne Hände“ und „Du hast einen so schönen Hals“. Später rückt eine Kröte ins Bild, die in Skandinavien das Symbol für das Niedrige, Hässliche ist.

Der Erfolg des Films in Deutschland wurde übrigens nicht nur durch die wohlwollende Kritik in allen großen Zeitschriften wie Spiegel, Welt und Zeit, sondern auch durch die bayerische Zensur forciert, die in München die Herausgabe des Films verlangten und eine Schnittauflage von 16m Film (die ganze Vergewaltigungsszene) durchsetzen wollten. Denn angeblich wäre diese Szene für das Verständnis des Films nicht relevant... Die Staatsanwaltschaft verhinderte jedoch die Zensur dieses Kunstwerkes.

Fazit:
Spannender und erschütternder Film, intelligent angesiedelt zwischen dem Rape-and-Revenge-Genre und einem Glaubensdrama.

Wertung:
8,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 02.05.2014 13:30 
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Das letzte Haus links / The Last House on the Left – Wes Craven

(USA 1972)

23.4.2014; DVD (XT Video) / 1,85:1


Mari, eine Arzttochter, und Phyllis, fahren in die Stadt, um ein Rockkonzert der Band “Bloodlust“ zu besuchen. Auf der Suche nach ein bischen Gras laufen sie einer Bande entlaufener Sträflinge in die Hände, die zum Teil wegen Sexualverbrechen verurteilt wurden. Ohne dass diese viel Zeit verlieren, werden die beiden gequält und missbraucht und am nächsten Tag – die Eltern wundern sich derweil, dass Mari noch nicht wieder da ist - schließlich in einen Wald verschleppt, der sich zufällig in der Nähe des Anwesens von Maris Eltern befindet. Dort setzt sich die Tortur fort, bis die beiden schließlich sterben. Unterbrochen wird der erzählerische Verlauf durch in ihren Ermittlungen versagende Polizisten. Die Täter finden unterdessen eine Übernachtungsgelegenheit bei Maris Eltern, die, als sie herausfinden, was ihre Gäste ihrer Tochter angetan haben, sich grausam rächen. Erst am Ende kündet sich das Eintreffen der Polizei durch herannahende Sirenen an.

Zugute halten kann man dem Film, der manchmal als Wes Cravens Regiedebut betrachtet wird, jedoch tatsächlich schon sein zweiter Film ist, dass er wirklich hervorragend gespielt ist, seien es nun die Darsteller der Opfer oder die der Täter, alle liefern sie Glanzleistungen ab. Positiv hervorheben lässt sich weiterhin, dass der blueslastige Soundtrack mit vier Songs von David Hess, der auch Krug Stillo, den Anführer der Vergewaltiger spielt, dem Geschehen eine ungewöhnliche Note verleiht, das gilt besonders für den Titel „Now you´re all alone“, in dem es um die Sehnsucht nach jemandem, der sich um einen dann kümmert, wenn man einsam und auf sich selbst zurückgeworfen ist. Eingesetzt wird der Song zu Maris Todesszene, in einem Moment, wo sie sich selbst aufgibt gebrochen und freiwillig in einen Teich watet und dort dann erschossen wird. Die folgende Szenerie, in der Mari tot im Wasser inmitten von Seerosen und Algen treibt, zitiert das Ophelia-Motiv aus „Hamlet“ – Ophelia hat sich dort nach enttäuschter Liebe ebenfalls aufgegeben, und nachdem sie Blumenkränze gebunden hatte, sich in einem Fluss ertränkt, eine Szene, die gerade in der bildenden Kunst immer wieder aufgegriffen wird. Aber auch der sinnlose Titel „The Last House on the Left“ der Interviews mit den Produzenten zufolge einfach nur des Klangs wegen gewählt wurde – ursprüngliche Titelüberlegung war z. B. „Sex-Crime of the Century“ – erhält mit dem Titelsong „The Road Leads to Nowhere“ zumindest ansatzweise einen tieferen Sinn: Das Schreckliche, das sich in einer entscheidenden letzten Lebenssituation (das letzte Haus) zuträgt, führt zur völligen Deindividualisierung und Aufgabe seiner selbst (das Nichts, „Nowhere“).

Soviel Tiefe schwebte dem Regisseur Craven, der später mit „Nightmare on Elm Street“ einen Meilenstein des Horrorfilms drehte, und dem Produzenten Sean S. Cunningham, der mit seiner Regiearbeit zu „Freitag, der 13.“ ebenfalls berühmt und erfolgreich wurde, wohl nicht vor. Zu dem Film befragt, hört man von den beiden immer nur, dass sie sich um Realismus bemühten, um Tabubrüche und darum, den Splatterszenen eine neue höhere Intensität geben zu wollen (z. B. das Hineinschneiden von Buchstaben in die Haut eines der Opfer, das Zerstückeln der Leichen). Dass ihnen das gelungen ist – geschenkt! Mit dem Ziel, einen realistischen Film zu drehen, ist es beim fertigen Film schon etwas schwieriger, denn bei einem derart niedrig budgetierten Film (90000 Dollar) und relativ unerfahrener Crew (sowohl bei den Darstellern, als auch bei den Leuten hinter der Kamera handelt es sich überwiegend um erste oder zweite Arbeiten an einem Film) ist es bei diesem Produktionsstandard aus dokumentarischem Anspruch Notlösungen und Dilettantismus fast schon zwangsläufig, dass das Ergebnis halbwegs realistisch ausfällt. Der Realismus wird jedoch gebrochen durch die überhaupt nicht funktionierende, zynisch-komische Polizistenhandlung und als die Splatterszenen vollkommen aus dem Ruder geraten, wenn sich Maris Eltern schließlich an den Mördern rächen, verabschiedet sich der Film gänzlich davon. Hier verlässt der Film endgültig die Narrative und will nur noch Splatter- und Effektfilm sein, gerät aber aufgrund der unerträglich unangenehmen Handlung, die bisher erzählt wurde, eher primitiv als spannend, lehrreich oder unterhaltsam.

Fazit:
Trotz hervorragender Darstellerleistungen und nihilistischer Untertöne leider nur ein primitiver Splatterfilm, der seine Fans vor allem dort gewonnen hat, wo der Film verboten ist (England und Deutschland).

Wertung:
3 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 05.05.2014 20:03 
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Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien / L'ultimo treno della notte – Aldo Lado

(Italien 1974)

13.4.2014; BluRay (KochMedia) / 1,85:1


Lisa und Margaret fahren mit dem Zug von München nach Italien, um in Turin die Weihnachtstage bei Lisas Eltern zu verbringen. Im Gepäck haben sie für Lisas Vater eine blaue Krawatte, die etwas kindisch-geschmacklos aussieht und vor deren Aussehen Margarets Mutter Lisas Eltern warnt. In den Zug steigen im letzten Moment vor der Abfahrt zwei namenlose Kleinkriminelle zu, die vorher mit den Besuchern des Münchner Weihnachtsmarktes ihre Scherze getrieben, aber auch einen Weihnachtsmann ausgeraubt haben. Unterwegs müssen die beiden Mädchen umsteigen, nachdem sie auch beobachtet hatten, dass einer der beiden mit einer im Film ebenso namenlosen Frau auf der Zugtoilette Sex hatte. In das Abteil der Mädchen, das sich in einem sehr ruhigen Wagon befindet, dringen nun die beiden Männer in Begleitung der Frau ein, bedrohen und vergewaltigen sie, teils unter Beobachtung, später auch Mitwirkung eines weiteren Zuggastes, der dann jedoch einen Moment der Unachtsamkeit nutzt, das Abteil wieder zu verlassen. Von der namenlosen Frau weiter angestachelt, erhöht sich das Martyrium für die beiden,
bis Lisa nach einem Messerstich in den Unterleib stirbt und die fliehende Margaret beim Sprung aus dem fahrenden Zug ums Leben kommt. Die Eltern Lisas, die zunächst an eine Zugverspätung glauben und direkt am Bahnhof nachfragen, ob und wann der Zug ankommt, finden dort die drei Täter vor, die leicht verletzte Dame bittet Lisas Vater, einen Arzt, ihr die Wunde zu verbinden. Da Weihnachten ist, nimmt er die drei mit zu sich nach Hause, wo sie übernachten dürfen. Unterdessen schafft eine Radiomeldung Gewissheit, dass die beiden Mädchen tot sind, die blaue Krawatte offenbart die Täterschaft der beiden Männer, während die Frau, anfangs von Lisas Vater verdächtigt, ihre Beteiligung leugnet und sich selbst als ein weiteres Opfer ausgibt. Vor den Augen der beiden Frauen tötet er den ersten der beiden mit medizinischen Geräten – schwerverletzt bekommt er vor seinem Tod noch Fußtritte von der namenlosen Frau – und den zweiten trotz der Bitten seiner Frau es nicht zu tun in einer regelrechten Jagd mit Gewehrschüssen. Am Ende des Filmes hören wir die Sirenen der herannahenden Polizei.


Aldo Lado, Regisseur von „Malastrana“ und „The Child“, schrieb bei „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“ auch am Drehbuch mit, die Story schrieb unter Beteiligung auch Ettore Sanzo, der auch für die Geschichte des ähnlichen, aber weit schwächeren „Junge Mädchen zur Liebe gezwungen“ verantwortlich war. Gábor Pogánzy kleidete den Film wie auch schon „Gesicht im Dunkeln“ und „Kaliber 38“ in wunderschöne, stilvolle Bilder von in den Nachtszenen dominierendem leuchtenden Blau; dass die Kamera zu Beginn des Filmes sehr wackelig und dokumentarisch wirkt, liegt daran, dass die Szenen sehr schnell abgedreht werden mussten, da die Drehgenehmigung in München fehlte – mutig vor allem, weil auch viele Szenen im Münchner Hauptbahnhof gedreht wurden! Bekannt unter den Darstellern ist besonders die Französin Macha Méril als namenlose Frau mit dem schwarzen Hutschleier, die in Godards „Eine verheiratete Frau“, Argentos „Profondo Rosso“ spielte, und für „Vogelfrei“ auch eine Césarnominierung bekommen hat. In diesem Film liefert sie die beste Darstellerleistung als eiskalte Frau, die die Gelegenheit nutzt, ihrer dunklen Seite freien Lauf zu lassen – während allerdings die übrigen Darsteller gerade im Vergleich zu anderen Filmen dieser Art weniger intensiv spielen.

Der Film überzeugt jedoch nicht nur mit seiner hervorragenden Kameraarbeit und teils sehr gutem Schauspiel, sondern auch durch das durchweg spannende Drehbuch, die selten, dafür aber intensiv und einprägsam eingesetzte Musik von Ennio Morricone – sein Mundharmonikathema in diesem Film bleibt genauso im Gehör wie das in „Spiel mir das Lied vom Tod“! – und seinen Aussagen, die er trifft. Hiermit geht Lado besonders kunstvoll um: Er enthält sich jeder wertenden Zuschreibung, sei es nun die Schuld der Täter oder die Rache des Vaters, stattdessen deutet er Zusammenhänge an. So gibt es geradezu eine Unterbrechung des Films mitten in der Vergewaltigung Lisas; ihre Eltern sitzen mit Gästen an einem Tisch und diskutieren anlässlich eines Berichtes über einen Jungen, der von einem Hund totgebissen wurde, über Gewalt in der Gesellschaft. Das Gespräch reißt dabei die Themen der Vorbeugung von Gewalt durch mehr elterliche und staatliche Kontrolle an, sowie die Frage, ob in jedem Menschen Gewalttätigkeit schlummert, eine Frage, der sich Lisas Vater schließlich noch nicht gestellt hat und sie beiläufig hinweglächelt.

Die im Menschen schlummernde Gewalttätigkeit ist verquickt mit dem Thema der Maske, das sich den ganzen Film hinweg durchzieht. Am deutlichsten, und im Kommentar „Keiner kommt hier lebend raus“ von Lado auch angesprochen, mit dem schwarzen Hutschleier, den die namenlose Dame trägt, und den sie anfangs nach Beginn der Zugfahrt abnimmt, als sie bei der Lektüre eines Zeitungsartikels feststellt, dass der Mann ihr gegenüber der Prominente ist, über den in dem Artikel gerade berichtet wird – auch eine Demaskierung! Solange sie nun den Schleier lüftet, lässt sie die Gewalt der beiden Kleinkriminellen zu, die sie immer weiter dazu ermuntert, bis sie, als die beiden am Ende des Films getötet werden, in einer letzten Geste, die der Film zeigt, den Schleier wieder vor ihr Gesicht zieht. Ähnlich Symbolträchtig verfährt übrigens Nathaniel Hawthorne in seiner Erzählung „Des Pfarrers schwarzer Schleier“, wo besagter Schleier mit der Sünde selbst eine symbolische Einheit bildet. Weitergeführt wird das Thema auch mit einigen Altnazis, die, kaum dass sie mit dem Zug deutsches Gebiet verlassen haben, die Zeit nutzen, das Horst-Wessel-Lied „Die Fahne hoch!“ zu singen. Verlogenheit zeigt der Film, wenn der Voyeur die Vergewaltigungen lustvoll beobachtet, gezwungen, selbst mitzuwirken, diese Lust verliert, flieht, und schließlich anonym das Verbrechen bei der Polizei meldet. Die letzte Demaskierung verläuft schließlich auch für den Zuschauer zutiefst beunruhigend,
wenn der Arzt und Vater des Opfers Lisa seinem Rachetrieb nachgibt und mit seinem Gewehr Jagd auf einen der Täter macht. Nach dem Tötungsakt und in der gleichen Szene, in der Macha Méril sich verschleiert, sehen wir nun in ihm einen zutiefst gebrochenen Mann, dem sein Racheakt keine Genugtuung oder gar Erlösung geben kann ob der Gewissheit des Todes seines Kindes.


Auch die Mechanismen der menschlichen Gesellschaft werden schonungslos, aber doch subtil, offengelegt und in Frage gestellt. So werden sowohl die Dame mit dem Hutschleier, die die Spirale der Gewalt letztlich in Gang gesetzt hat, als auch der Voyeur, der viel früher gegen das Verbrechen hätte agieren
und damit den Tod der beiden Mädchen verhindern können
, ungestraft davonkommen, während die beiden Kleinkriminellen, von der reichen Oberschicht (vertreten durch die Dame) zu ihren Taten ermuntert,
diese mit ihrem Tod auch bezahlen müssen
. Verallgemeinert man diese Betrachtung auf den Film zu einer gesellschaftspolitischen Sichtweise, lässt sich so auch der Mechanismus des Krieges in einem zivilisierten, demokratischen Land erklären: Benötigt der Staat (die Frau mit dem Schleier), der Mord und Gewalt sonst ächtet, berechtigt oder unberechtigt Soldaten (die beiden Kriminellen), so billigt er ihnen das Töten zu, ist der Krieg beendet, kümmert er sich nicht weiter um sie (bekommen am Boden liegend Fußtritte); Kriegsverbrechen werden abgestritten (Hutschleier).

Fazit:
Packendes und beunruhigendes Meisterwerk, der im Zuschauer lange nachwirkt.

Wertung:
9,5 /10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 06.05.2014 08:48 
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Zufälligerweise hab ich den Film gestern auch gesehen, und bin von Deiner Kritik genauso begeistert wie vom Film selber. Magst du Deinen Text nicht auch in den Thread des Filmes reinhängen? Da wäre er mit Sicherheit sehr gut aufgehoben!

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 06.05.2014 18:54 
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Abschließende Betrachtung zu „Die Jungfrauenquelle“, „Das letzte Haus links“ und „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“


Während „Das letzte Haus links“ für sich in Anspruch nimmt, eine zeitgemäße Übertragung des Stoffes von „Die Jungfrauenquelle“ und auch dessen Remake zu sein, wird „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien häufig vorgeworfen, ein Plagiat von „Das letzte Haus links zu sein. Die folgende kurze Nachbetrachtung soll Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufdecken.

Der Storyverlauf ist in den drei Filmen sehr ähnlich: Ein oder zwei Mädchen werden von Männern vergewaltigt, zweimal in Begleitung einer Frau und sterben auf der Flucht vor ihren Peinigern, bzw. direkt an den Folgen ihres Martyriums. In „Die Jungfrauenquelle“ und in „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“ erkennen die Eltern anhand von Kleidungsstücken die Mörder ihres Kindes, in jedem Film nehmen sie nach diesem Erkennungsprozess Rache und töten die Täter. Während „Die Jungfrauenquelle“ nun den Eltern, die sich gerächt hatten, Erlösung in der Religion bietet, deutet „Das letzte Haus links“ einen kathartischen erlösenden Effekt durch die Rache an, während „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“ ganz darauf verzichtet, wodurch er sich auch zu dem Film mit der heftigsten Wirkung auf den Zuschauer macht. In beiden letztgenannten Filmen ist das Heulen von Polizeisirenen in der Schlusseinstellung zu hören, Aldo Lado spricht in „Keiner kommt hier lebend raus“ davon, dass er hierzu vom Produzenten gezwungen wurde und „Das letzte Haus links“ während der Dreharbeiten noch nicht kannte. Letztlich wird durch das Fehlen und Versagen staatlicher Gewalt – besonders in „Das letzte Haus links“ wird die Polizei als lächerlich unfähig portraitiert – die Hilflosigkeit des/der Mädchen hervorgehoben und die Tragik der elterlichen Erkenntnis um das vorausgegangene Geschehen verstärkt.

In „Die Jungfrauenquelle“ wird nun abseits des Erlösungsthemas die Handlung um Vergewaltigung und Rache dazu benutzt, um zu zeigen, dass religiöse Unerschütterlichkeit und Gottesgewissheit – hierauf verweist auch das stoische Spiel Max von Sydows - auch bei Fehltritten (Gewalt, Rache) die Verzeihung und Versöhnlichkeit Gottes sichern kann, ein Gedanke, der bei „Das letzte Haus links“ gar nicht auftaucht. Hier scheint es mehr so, dass die sich rächenden Eltern das Recht auf ihrer Seite wissen und sich in bester Cowboymanier an den Übeltätern rächen dürfen, um Gerechtigkeit und Ordnung wieder herzustellen. „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“ hingegen verweigert sich der Wiederherstellung einer religiösen, gesellschaftlichen und sogar individualpsychologischen Ordnung ganz und hinterlässt mit den ohne für ihre Taten zu Re(ä)chenschaft gezogenen bürgerlichen Tätern (Dame und Voyeur) den Zuschauer mit einem Gefühl des Unbehagens und der Bedrohung, da dieser durch die subtilen Andeutungen, die der Film einstreut, diese Mechanismen abstrahiert und auf die Gesellschaft allgemein anwendet – somit ein Film, der den Zuschauer zum Nachdenken über sein eigenes Weltbild anregt. Dieser Faktor stellt diesen Film qualitativ auch über „Die Jungfrauenquelle“, da dieser nur zu dem Zuschauer spricht, der bereits religiös empfindet, für diesen dann aber auch beste und sinnvolle Unterhaltung bietet, Lados Film aber den Zuschauer zum Philosophen macht.


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 06.05.2014 19:04 
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danke für das Lob, Schmutziger Maulwurf, und ich hab die letzte Filmbesprechung mal in den entsprechenden Thread gestellt :)


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 09.07.2014 19:08 
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Jetzt, wo ich von einer längeren Reise nach Frankreich zurückgekehrt bin, ist es auch an der Zeit, mein Filmtagebuch weiterzuführen. Los geht’s mit 2 Filmen, die ich gestern angesehen habe:


Die Hamburger Krankheit - Peter Fleischmann

(Deutschland 1979)

8.7.2014; DVD (Arthaus / Kinowelt) / 1,66:1



Während eines Seminars über lebensverlängernde Medizin in Hamburg bricht ein Redner zusammen und stirbt. Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass eine Seuche ausgebrochen ist, Hamburg wird unter Quarantäne gestellt – doch diese Maßnahme hilft nicht, die Krankheit einzudämmen. Vielmehr erzählt der Film die Geschichte der Flucht einiger Menschen nach Süddeutschland und des Irrsinns und Chaos, das ihnen dort und auf ihrer Reise begegnet.

Peter Fleischmann inszenierte 1979 nicht etwa, wie die Inhaltsbeschreibung vermuten lassen wird, einen Seuchenthriller in der Art von George A. Romeros „Crazies“, oder die Schilderung des Kampfes gegen eine Seuche, wie später von Steven Soderbergh in „Contagion“ dargestellt, sondern ein abstrakt-satirischen Roadmovie mit mal subtilen, mal deutlichen Seitenhieben auf politische und gesellschaftliche bundesdeutsche Strukturen. Darunter leidet zwar teils die Spannung – Thrill gibt es hier jedenfalls nie – dafür wird der Zuschauer aber über den ganzen Film hinweg auf eine philosophische Reise mitgenommen, die viele überraschende Erkenntnisse zu bieten hat.

Die Krankheit selbst und wie genau sie sich überträgt, welche Körperregionen zuerst befallen werden – kurz, alles Medizinische wird im Film nicht erzählt, nur das Sterben wird inszeniert: Der Kranke erstarrt, bricht zusammen, nimmt eine Fötusstellung ein und stirbt. Es wird also angedeutet, dass in den letzten Lebensmomenten der Mensch eine Rückentwicklung ins Kindliche, ja sogar Embryonale durchlebt. Und genau das visualisiert einerseits die ironische Haltung, mit der die Fluchthandlung der Protagonisten reflektiert wird: denn es zeugt nicht gerade von besonnenem erwachsenem Verhalten, als womöglich Infizierter aus einem Quarantänebereich zu fliehen und andere Menschen somit zu gefährden, andererseits kommentiert der Film so auch die staatlichen Abwehrmechanismen, die schlecht geplant und zu langsam umgesetzt werden, also vergreist sind und auf den Eingangsvortrag über den Unsinn lebensverlängernder Medizin verweisen, dann wieder mit deren brutal-affektiven Aktionen mit anschließender Teilnahmslosigkeit der durchführenden Staatsbeamten und zivilen Heimatschutzmilizen, wie man es bei Kindern beobachtet, die andere Kinder verbal oder körperlich verletzen und sich keine Gedanken darüber machen, was sie dem anderen eigentlich angetan haben.

Den ganzen Film über wird der Zuschauer so mit den Themenkreisen Vergreisung und Verkindlichung konfrontiert, mal subtil mit einer Gruppe flüchtender, oder eher trottender Menschen im Rentenalter, die im alten Trott dabei Volkslieder singen – ganz ohne Gefühl und Leidenschaft, mal deutlicher, wenn der bayrische Heimatschutz, in Jägertracht gekleidet,
auf einen Menschen schießt, der deutlich erkennbar eine mit Milch gefüllte Kanne in der Hand trägt, dies auch deutlich mitteilt und trotzdem erschossen wird mit der nachträglichen Begründung über Funk, er hätte einen Bombenähnlichen Gegenstand bei sich gehabt
– eine kindische, faule Ausrede.

Interessant auch, dass gerade in Bayern am Ende des Films die Staatsorgane besonders hart zugreifen, womit Fleischmann wohl auch persönliche gegenwärtige Erfahrungen aus dem nachfolgend besprochenen Film verarbeitet und kommentiert, andererseits auch zukünftige Entwicklungen wie den Vorschlag Horst Seehofers in den 1980ern, AIDS-Kranke in „speziellen Heimen“ zu „konzentrieren“, vorwegnimmt (*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***).

Fazit:
Mäßig spannender Film, der aber im Kopf des Zuschauers geradezu furchterregend wird.

Wertung:
8 / 10



Herbst der Gammler - Peter Fleischmann

(Deutschland 1967)

8.7.2014; DVD (Arthaus / Kinowelt) / 1,33:1



Dokumentarfilm über Gammler in München, deren Weltbild und Träume, sowie deren Ansehen im Münchner Establishment und in der Öffentlichkeit.

Der als Reportage gedrehte Film stellt Gammler, später hätte man gesagt, Hippies, noch später Punker, in den Mittelpunkt und erforscht ihre Beweggründe, sich für ein Leben abseits des Mainstreams zu stellen. Dabei nähert sich ihnen der Regisseur Peter Fleischmann völlig vorurteilsfrei und wohlwollend. Vorurteilsfrei und wohlwollend sind jedoch die Münchner Bürger, deren Kommentare über Gammler und direkt vor den Gammlern von der Kamera frontal erfasst werden, überhaupt nicht. Da wünschen sich normale erwachsene Bürger aller Altersschichten einen Zwangsarbeitsdienst zurück, einen Hitler zurück, denn bei ihm hat es sowas nicht gegeben, und sogar KZs mit dem Wunsch, sie alle zu vergasen. Andere argumentieren, wenn die Gammler arbeiten würden (anscheinend übrigens gerade mal 40 in München), dann bräuchte man keine Gastarbeiter (Türken). So zeigt der Film auf schockierende Art, wie salonfähig diese Ansichten noch 21 Jahre nach dem 2. Weltkrieg waren, und wie nötig letztlich die 68er Bewegung gewesen ist, um ein humanistischeres, liberaleres und multikulturelleres Weltbild in der Gesellschaft zu verankern.

Im Premierenjahr 1967, jedoch 1 Jahr, nachdem der Film gedreht wurde, setzte die Stadt München, die damals selbsternannte „Weltstadt mit Herz“, einen Maßnahmenkatalog gegen Gammler vor. Nun wurden diese wegen nächtlichen Lagerns, Behinderung von Fußgängern und Gotteslästerung (wegen eines Plakats mit der Aufschrift „Auch Christus war ein Gammler“) mit Haft- und Geldstrafen bedacht und deren Personalien laufend überprüft.

(*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***)

Fleischmann, mit dem Thema ja durch seinen damals aktuellen Film vertraut, sah sich so dazu veranlasst, einen Menschenschutz-Verein zu gründen, da er die gegen die Juden gerichtete Intoleranz in der NS-Zeit nun hemmungslos gegen die Gammler gerichtet sah. Dass die Gesellschaft heute hier sich zwar klar zum Besseren gewandelt hat, HARTZ IV-Bezieher jedoch immer noch von einigen als Drückeberger bezeichnet werden und als faul gelten, obwohl die meisten Arbeitslosen sehr wohl arbeiten wollen und Arbeit suchen, und eine Gesellschaft mit den wenigen Menschen, die tatsächlich ein Leben außerhalb der Gesellschaft suchen, fertig werden muss, ohne ihnen ihre grundgesetzlich verbürgten Rechte und Menschenrechte zu nehmen, zeigt, dass das in diesem Film angeprangerte Problem der Wertorientierung mancher konservativer Mitbürger immer noch aktuell ist.

Die negativen Erfahrungen mit der Wertorientierung der bayrischen Landesregierung, die nicht nur in Bezug auf Gammler oft Handlungen zur Folge hatte, die gesellschaftliche Außenseiter einer staatlich verordneten Schikane aussetzte, reflektiere Fleischmann auch später in Filmen wie „Die Hamburger Krankheit“.

Fazit:
Leider nach wie vor aktueller, wichtiger Dokumentarfilm

Wertung:
8,5 /10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 14.07.2014 15:06 
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Engel aus der Kellerwohnung / Gli Angeli del quartiere – Carlo Borghesio

(Italien 1952)

10.07.2014; DVD (Pidax) / 1,33:1



Im Nachkriegsitalien finden einige Jungen im Alter von etwa 8 – 12 Jahren eine größere Menge Geld, das sie, ganz auch im Interesse des alten Poitiers, der sich liebevoll um sie kümmert, auch anderen Kindern schenken. Schwierigkeiten treten auf, als Mario, ein junger erwachsener Kleinkrimineller, ihr Vertrauen gewinnt und es schafft, dass sie ihm all ihr Geld geben, um ihnen Spielzeug zu kaufen.

Doch trotz seinen skrupellosen Freunden überlegt er es sich anders, gibt das Geld zurück und hilft den Kindern schließlich auch, als seine Freunde mit Gewalt versuchen, das Geld zu bekommen. Als sich wieder alles zum Guten gewendet hat, spenden sie nach einstimmigem Beschluss alles der katholischen Kirche.


Der Kinderfilm mit typisierten Charakteren von Carlo Borghesio, der nach diesem Film nur noch zwei Filme drehte, und hier auch am Drehbuch mitschrieb. Unterstützt wurde er dabei von den sehr erfolgreichen Autoren Mario Amendola, Sandro Continenza und Ennio De Concini, die über Jahrzehnte hinweg mit ihren Drehbüchern das italienische Kino prägten und es jeweils auf weit über 100 Filme bringen. Unter den Darstellern sind insbesondere die vor einem halben Jahr verstorbene Rossana Podestà („Die schöne Helena“ – Titelrolle! - und „Sieben goldene Männer“) und Marisa Merlini („Liebe, Brot und Eifersucht“) bekannt, erstere spielt Marios aktuelle, letztere seine frühere Flamme. Auch Nino Rotas einfühlsame Filmmusik ist erwähnenswert, die vor allem zum Ende hin einen einprägsamen Höhepunkt setzt.

Die Geschichte wird in dem Film, langsam, kindgerecht und logisch entwickelt, dass das Geld von Deutschen stammt, die überhastet fliehen mussten und so das Geld zurücklassen mussten, wird in der Synchronfassung natürlich ausgespart. Gleich zu Beginn erzählt der Poitier dem Zuschauer, dass es zwei Arten von Geld gibt: das gute und das böse Geld. Das gute Geld braucht man, um zu wohnen und sich zu ernähren, und um ab und zu ins Kino zu gehen, das böse ist all das Mehr an Geld, das man nicht zu Ersterem braucht. Und böse ist es selbst dann, wenn man es verschenkt, da es auch dann zu Zwietracht führt. Die Handlung, die sich dann entwickelt, zeigt genau diesen verlauf, wobei keines der Kinder jemals den Pfad der Tugend auch nur ansatzweise verlässt – wahre Engel also. Im Gegenteil wird sogar
Mario, der das Vertrauen der Kinder nur aus dem Motiv heraus gewinnt, sie zu bestehlen, auf den rechten Weg gebracht und das Geld schließlich den einzigen geschenkt, denen das Böse des Geldes nichts anhaben kann: einem Schwesternorden der Kirche.


Synchronisiert wurde der Film wohl erst in den Siebziger Jahren, da einer der Jungen von Janina Richter, der Gangsterboß von Heinz Petruo gesprochen wird.

Fazit:

Was kitschig klingt, ist tatsächlich ein außerordentlich sympathisches und in allen Rollen gut gespieltes christliches Moralstück, dessen Nachkriegskulisse Realismus bringt.

Wertung:

8 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 14.07.2014 19:20 
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Psycho – Alfred Hitchcock

(USA 1960)

13.07.2014; TV (BR) / 1,33:1



Marion Crane, die zu Beginn des Filmes 40000 Dollar gestohlen hat, befindet sich auf der Reise nach Phoenix, um dort ein neues Leben zu beginnen. Unterwegs plagen sie das schlechte Wetter, das schlechte Gewissen und die Müdigkeit. So findet sie Unterkunft im Bates-Motel, das von einem sympathischen jungen Mann, Norman Bates, und dessen Mutter betrieben wird.

Abgesehen davon, dass Alfred Hitchcock wie gewohnt mit den Erwartungen des Zuschauers an die Handlungsentwicklung spielt – so wird die Hauptfigur, gespielt von Vera Miles, nach einem Drittel des Filmes ermordet, weitere Hauptfiguren werden nicht im gleichen Maße aufgebaut; oder auch, dass die Mutter, die von Marion Crane in einem Gespräch mit Norman belauscht wird, nicht wirklich gesprochen hat, da sie schon tot ist und Norman ihre Stimme imitiert – ist der Film visuell sehr interessant, da die Bildsprache die Themen der Persönlichkeitsspaltung und des Voyeurismus vertieft. So teilt zu Beginn des Filmes ein Kran das Bild in zwei Hälften, im Vorspann verdecken und überlagern zahlreiche Balken immer wieder das Bild, und die Kamera spielt immer wieder gekonnt auch mit den voyeuristischen Zuschauererwartungen. Nur einmal wird Voyeurismus plakativ gezeigt, wenn Norman Marion durch ein Loch in der Wand dabei beobachtet, wie sie sich auszieht. Gerade diese Szene ist nun in sämtlichen internationalen Veröffentlichen auf DVD und BluRay geschnitten, deswegen ist die alte TV-Fassung, die ungekürzt ist, besonders wertvoll für das Verständnis des Films. Denn nachdem Norman Bates sie beobachtet hat, gerät er in Unruhe, flüchtet, nimmt die Persönlichkeit seiner Mutter an und begeht den Mord an Marion. Während Normans Persönlichkeit nach dem Mord sofort wieder zurückkehrt, die Schuld aber der Mutter zuschreibt – deren Identität er ja angenommen hatte – übernimmt diese zweite Persönlichkeit Norman am Ende des Films dauerhaft.

Das Hören von Stimmen wird im Film ebenfalls intelligent bearbeitet: Wenn Marion sich zu Beginn des Filmes noch auf ihrer Reise nach Phoenix befindet, tauscht sie ihr Auto, um wegen der gestohlenen 40000 Dollar nicht so leicht von der Polizei verfolg werden zu können. Anschließend denkt sie über das Gespräch mit dem Autoverkäufer nach, das sie wenige Minuten vorher geführt hat; der Zuschauer hört diesen inneren Dialog mit. Übergangslos wird der Zuschauer aber nun Zeuge eines inneren Dialogs, den sie sich nur vorstellt: ein Gespräch ihres Chefs mit einer anderen Angestellten und mit dem Eigentümer der 40000 Dollar, wie sich zuerst darüber gewundert wird, warum Marion noch nicht an ihrem Arbeitsplatz ist, und sie dann als Diebin verdächtigt wird. Später im Bates-Motel wird der Zuschauer mit Marion Zeuge eines Gesprächs zwischen Norman und seiner toten Mutter, deren Stimme er imitiert; am Ende des Films trägt er ihre Kleider und selbst sein Gesicht trägt ihre Züge. Ein Psychiater erklärt einer Reihe von Beamten, dass das Tragen der Kleidung der Mutter nicht in einem sexuellen Kontext steht, sondern die Übernahme der Identität seiner Mutter anzeigt, einer Mutter, die zu Lebzeiten immer die totale Aufmerksamkeit und Liebe des Sohnes forderte, und auch gab – filmhistorisch eine interessante Weiterentwicklung des Motivs des triebhaften Mörders, das in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ vorgestellt wird. Auch hier schreibt der Mörder Hans Beckert, gespielt von Peter Lorre, die Schuld Stimmen zu, die ihn zu seinen Taten drängen, und gegen die er sich nicht wehren kann. In „Psycho“ wird der Zuschauer nun Zeuge dieser Stimmen, und dies in einem Aufbau vom Normalen, wenn Gedanken um ein Thema noch kreisen, das einen nicht los lässt, über das schlechte Gewissen hin zum Krankhaften, wenn man sich nicht mehr gegen Stimmen und Triebe wehren kann – und der Zuschauer ist gleichzeitig der atemberaubenden Spannung wehrlos ausgeliefert.

Fazit:

Brillanter, epochemachender Psychothriller, der auf Filme des Genres bis heute wirkt.

Wertung:

10 / 10


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BeitragVerfasst: 15.07.2014 18:19 
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10% / Zehn Prozent – Theo Mezger

(Deutschland 1966)

14.07.2014; DVD (Pidax) / 1,33:1



Zunächst hält es die Politik für absurd, dann für großes Glück: Diebe haben einen Verein gegründet, den VDEI – Verband der Eigentumsminderer, und treten in einen Warnstreik; - 48 Stunden lang wird es keine Einbrüche und keinen Diebstahl geben, wenn die Politik nicht auf das immer mehr steigende Berufsrisiko reagiert. Das heißt im Klartext, wenn ein Dieb eine Bank überfällt und 100000 DM erbeutet, und er wird dabei erwischt und kommt ins Gefängnis, sollen ihm 25% Entschädigung, also in diesem Fall 25000 DM vom Staat zufallen. Und sobald der Streik beginnt, beginnt auch die Misere:
Die Polizei fährt Streife und hat nichts mehr zu tun, Alarmanlagen und Tresore verkaufen sich nicht mehr… Daraufhin setzt sich Politik, Wirtschaft und VDEI an einen Tisch und verhandeln über die Forderungen des VDEI – worauf man sich einigt, verrät der Titel des Films. Doch bald steigen die Versicherungen – und die Gehälter…


Herrlich intelligente Satire von Theo Mezger, der vor allem durch die Serie „Raumpatrouille“ bekannt ist. In der Hauptrolle sehen wir Klaus Schwarzkopf (Tatort-Kommissar Finke, Synchronstimme von Columbo), in einer Nebenrolle Franz Schafheitlin (ebenfalls „Raumpatrouille“, „Die toten Augen von London“) und andere bekannte Gesichter des 60er-Jahre Kinos und Fernsehens.

Gesellschaftskritisch und trotzdem immer unterhaltsam zeigt der Film die Absurdität des Lobbyismus und prangert dessen Auswirkungen an. Dass hier gerade Diebe eine Lobby bilden, ist natürlich unmöglich im realen Geschehen, aber das Wesen der Satire ist es ja, durch Übertreibungen auf reale Mißstände hinzuweisen.

Fazit:

Intelligentes Fernsehen, das es heute viel zu selten gibt

Wertung:

8 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 16.07.2014 19:32 
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Konrad aus der Konservenbüchse – Claudia Schröder

(Deutschland 1983)

15.07.2014; DVD (Kinowelt) / 1,33:1



In einer kleinen Konservendose wird der älteren Frau Berta Bartolotti ein Winzling geliefert, der sich mit Hilfe von Nährflüssigkeit innerhalb von Minuten zu einem siebenjährigen Jungen entwickelt. Er spricht sie mit Mutter an, und ist ansonsten das perfekte Kind: strebsam, folgsam, ehrlich, flucht nie usw. Die Aufgabe von Berta und Egon, ihrem Freund, ist es nun, Konrad, den Jungen aus der Konservendose, vom perfekten Kind zum normalen Kind umzuerziehen – Hilfe bekommen sie dabei von einer frechen Mitschülerin Konrads.

Doch dann tritt „Die Firma“ auf den Plan: die Büchse mit Konrad wurde an die falsche Adresse zugestellt und Konrad ist eigentlich für ein Ehepaar bestimmt, das einen Hund wollte, und sich dann doch für einen Jungen entschieden hatte.

Das Regiedebüt von Claudia Schröder wartet nur mit einem bekannten Namen in der Darstellerriege auf: Der Apotheker Egon wird von Heinz Schubert dargestellt, der in der Serie „Kara Ben Nemsi“ Hadschi Halef Omar spielte. Zugrunde liegt dem Film das gleichnamige Kinderbuch aus dem Jahr 1975 von Christine Nöstlinger, das der „Arbeitskreis Roter Elephant“ zusammen mit der Regisseurin adaptierte. Zwei Jahre später wurde für das US-Fernsehen eine Neuverfilmung gedreht, mit Max Wright (Willie Tanner aus „ALF“) in der Egon-Rolle, die hier allerdings einen anderen Namen trägt.

Um es vorwegzunehmen: Ich finde, die Buchverfilmung macht schlimme Fehler was die Bearbeitung des Stoffes angeht. Was von Nöstlinger und dem Arbeitskreis, der das Drehbuch schrieb, eigentlich beabsichtigt ist zu zeigen, nämlich, dass ein Kind, und wohl nicht nur ein Kind, nicht angepasst sein muss, sondern Kind sein können und dürfen soll, wird in dem Film einfach nicht erzählt! Konrad, der perfekte Junge mit den perfekten Eigenschaften ist im Vergleich mit anderen Kindern keinesfalls angepasst – er ist völlig anders! – und deswegen wird er schließlich auch von seinen Mitschülern gemobbt. Der Film erzählt nicht, dass Kinder, die „Strebereigenschaften“ haben, einfach auch ein Recht darauf haben, nicht gemobbt und akzeptiert zu werden, er spricht sich auch nicht gegen Mobbing aus, erst dann, wenn Konrad ein „normales“ Kind ist, also flucht und frech ist, wird er in ihrem Kreis aufgenommen. Die Anpassung an die Wunschvorstellung einiger Erwachsener (die eigentlichen Adressaten der Dose im Film, die eigentlich einen Hund wollten) wird durch die Anpassung an das Verhalten aller übrigen Kinder, die im Film vorkommen, lediglich ausgetauscht. Individualität und eigene Persönlichkeit, und das Finden derselben wird nicht thematisiert.

Da Kinder die Zielgruppe des Filmes sind, wird zudem auf allzu futuristische Elemente und Gesellschaftskritik weitgehend verzichtet. Dass Ehepaare Konservenkinder bei einer Firma bestellen können, die dann auch noch so unzuverlässig arbeitet, dass sie sich im Adressaten irrt, wird nur gezeigt, aber nicht näher kritisiert oder wenigstens ins Lächerlich-Absurde übertrieben. Stattdessen ist der Film zutiefst getränkt von der Pädagogik derer, die es immer gut meinen, aber nicht immer gut machen: Denn wie oben geschildert erfüllt Konrad am Ende des Filmes exakt die Vorstellungen, die sich Pädagogen von Kindern machen. Vorstellungen die, nach diesem Film, etwa so sind: Wenn ein Kind anders ist als andere Kinder, ist die schlechte autoritäre Erziehung der Erwachsenen und Eltern schuld, wenn es so ist, wie alle anderen Kinder, und zugleich antiautoritär erzogen ist, dann ist das Kind so, wie es sein soll – dies verfehlt aber den Zweck von Erziehung, nämlich aus Kindern Individuen zu machen, die auch Regeln und Normen achten und mitgestalten können. Den bloßen Naturzustand des Kindes kindgerecht finden und damit zufrieden zu sein – dazu noch ein Verlogenheit mitzuliefern, indem man Anpassung mit Anpassung tauscht und dabei etwas anderes behauptet, reicht nicht und gefällt mir nicht.

Fazit:

Verlogener Kinderfilm mit mäßigem Unterhaltungswert für Erwachsene, den Kinder dessenungeachtet durchaus etwas abgewinnen können, wie viele zustimmende Äußerungen damals wie heute bezeugen.

Wertung:

4 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 22.07.2014 19:06 
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Spuk im Morgengrauen – Dieter Munck

(Deutschland 1969)

17.07.2014; DVD (Pidax) / 1,33:1



Das Ehepaar Margaret und John wacht spät nachts im Schlafzimmer ihres Landhauses auf, um festzustellen, dass sie in ihrem Haus eingesperrt sind, sich zudem jemand im Haus befindet und im Garten ein Maskierter eine Grube gräbt. Jeder Versuch, mit den Eindringlingen in Kontakt zu treten, schlägt fehl, und auch zwischen den Eheleuten brechen Spannungen aus.

Dieter Munck verfilmte für den Süddeutschen Rundfunk ein Drehbuch des erfolgreichen englischen Drehbuchautors Michael Ashe, der hier auch in der Rolle des Maskierten zu sehen ist – am Ende des Films kurz ohne Maske. Der mit 56 Minuten sehr kurze Fernsehfilm ist zudem mit Günther Neutze in der Hauptrolle sehr prominent besetzt – Neutze spielte 1969 bereits im 3. Jahr die Hauptrolle des Commissaire Bernard in „Dem Täter auf der Spur“.

Der Film selbst, der auch als Theaterstück oderHörspiel problemlos funktionieren würde, da er überwiegend in einem Raum spielt und nur zwei Sprechrollen benötigt, vermag es über die gesamte, wenn auch recht kurze Laufzeit, den Zuschauer in Spannung zu halten, setzt schon zu Beginn intelligente falsche Fährten (was wird hier eigentlich gegraben, und warum? – Ich habe da erst etwas anderes vermutet, als die Lösung, die der Film schließlich bietet), schafft weitgehend folgerichtige, aber unvorhersehbare Wendungen, und fängt die wenigen Außenszenen, die fast immer etwas mit der Grube zu tun haben, die gegraben wird, während es immer heller wird, bis der Morgen graut, sehr unheimlich und atmosphärisch mit der Kamera ein. Besonders prägen sich in diesem Zusammenhang auch einige Szenenübergänge ein, die den Effekt des Unheimlichen verstärken. Die Schauspieler wiederum leisten Beeindruckendes in ihrem Schwanken zwischen Panik, detektivischem Gespür und Selbstoffenbarung und runden somit eine Stunde perfekte Fernsehunterhaltung ab.

Fazit:
Beste Unterhaltung mit richtigem Timing.

Wertung:
7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 24.07.2014 18:55 
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Der Film lässt sich kaum Spoilerfrei besprechen, deswegen veröffentliche ich die Rezension auch nur im Filmtagebuch. Wer sich von dem Film überraschen lassen will, sollte spätestens nach der Zusammenfassung über die Zweite Spielrunde aufhören, weiterzulesen, das gilt auch für die nachfolgende Kritik zum Film!


The Philosophers – John Huddles

(USA / Indonesien 2013)

23.07.2014; Blu-Ray (Ascot Elite) / 1,85:1



Der letzte Seminartag eines Philosophiekurses hat begonnen, doch anstelle eines ruhigen Ausklangs plant der Philosophieprofessor Mr. Zimit ein besonders anstrengendes Gedankenexperiment. Vorher werden für den Zuschauer einige moralische Zwickmühlen erklärend und visualisiert rekapituliert: 5 Menschen sind an ein Gleis gefesselt, an ein parallel verlaufendes Gleis ist 1 Mensch gefesselt – du hast die Entscheidung, ob du den Zug mittels einer Weiche auf das Parallelgleis lenkst, oder nicht eingreifst. Steigerung: 5 Menschen sind an ein Gleis gefesselt, du hast die Entscheidung, ob du einen dicken Mann auf das Gleis wirfst, um den Zug zum Entgleisen zu bringen, oder nicht eingreifst. Anderes Dilemma: Du klammerst dich mit beiden Händen an die Brüstung eines Hochhausdaches, um nicht herunterzufallen und rufst deine 3 besten Freunde, um dir zu helfen. Die Freunde kommen, beraten und beschließen, dass es zu gefährlich ist, zu helfen – sie könnten selbst abstürzen. Du lässt los, für die Freunde überraschend geht ein Fallschirm auf, du bist wie geplant gerettet, während deine Freunde im Treuetest versagt haben. Möchtest du weiter mit ihnen befreundet sein, jetzt, wo du weißt, dass sie dich im Stich lassen, wenn es hart auf hart kommt?

Nun beginnt die eigentliche Handlung, das Gedankenexperiment des Filmes: Während einer Exkursion zur größten hinduistischen Tempelanlage Indonesiens, Prambanan, beginnt ein Atomkrieg, in der Nähe fallen Atombomben, und es dauert höchstens eine Stunde, bis die Radioaktivität ankommt. In einem nahegelegenen Bunker haben 10 Menschen Platz und Luft für 1 Jahr – 10 Menschen sind die Hälfte der Seminarteilnehmer. Den Teilnehmern wurden Berufe zugelost, man entscheidet sich, die Menschen in den Bunker zu nehmen, die für die medizinische Versorgung im nächsten Jahr, und für den Wiederaufbau danach anscheinend notwendig sind: also einen Arzt, einen Schreiner, einen Ingenieur etc. Ein Dichter wird von Mr. Zimit sofort erschossen, weswegen dieser von der Gruppe nicht in den Bunker gelassen wird, obwohl er behauptet, der Einzige zu sein, der den Code, um aus dem Bunker zu gelangen, besitzt. Schließlich stirbt er an der Strahlung und wird von einem Hund gefressen. Als ein Jahr vorbei ist, gelingt es niemandem, den Code zu knacken, die Luft und die Nahrung versiegen und alle sterben.

Zweite Runde: Während einer Exkursion auf den Mount Bromo, Indonesion beginnt ein Atomkrieg, wieder fallen in der Nähe Atombomben und wieder haben nur 10 Menschen Platz im Bunker. Diesmal wird eine zusätzliche Maßgabe in das Gedankenexperiment eingeflochten: Die Welt muss nach dem Atomkrieg bevölkert werden, zusätzlich zu den Berufen bekommen die Seminarteilnehmer diesmal Attribute wie: Homosexuell, unfruchtbar, stirbt in 3 Jahren an Krebs, fruchtbar, oder auch gar nichts. Der Dichter wird wie beim ersten Mal sofort erschossen, Mr. Zimit wird diesmal jedoch in den Bunker gelassen, da man aus der Erfahrung mit den Code gelernt hat. Womit niemand rechnet, ist, dass die Pärchen, die sich im Bunker bilden, keine Schwangerschaft zustande bringen, woraufhin man Polygamiezwang einführt, gegen den sich jedoch einige Bunkerinsassen wehren. Konflikte brechen hervor, die in einem Öffnen der Bunkertüre enden, woraufhin alle in der Feuersbrunst der immer noch fallenden Atombomben sterben.

Dritte Runde: Nach Ankunft auf einer Südseeinsel bricht ein Atomkrieg aus, der den Rest der Welt verstrahlt. Diesmal reist jedoch außerhalb des Gedankenexperiments die Musterschülerin Petra die Spielleitung an sich: Sie sorgt dafür, dass Mr. Zimit keine Waffe mehr besitzt, um den Dichter zu erschießen und auch dafür, dass gerade die nicht nützlichen Menschen Platz im Bunker bekommen: Der Dichter natürlich, eine Opernsängerin, die 3 Jahre später Kehlkopfkrebs bekommen wird, einen Eiskremhersteller, eine Weinhändlerin, die auch 2 Kisten Wein dabei hat, etc. Die Ärzte und Ingenieure hingegen versuchen sich mit dem Boot alleine durchzuschlagen und einen anderen, nichtverstrahlten Erdteil zu finden. Im Bunker wiederum lassen die Insassen ihrer Kreativität freien Lauf, es wird Shakespeare aufgeführt, getanzt, eine Harfe gebaut, Wein getrunken und Poker gespielt. Als sie nach einem Jahr den Bunker verlassen, fällt ein Blindgänger vom Himmel, den sie nachträglich absichtlich auslösen wollen, da sie alle ihr letztes Lebensjahr auskosten konnten und um sich so den Folgen der strahlenden, lebensfeindlichen Umwelt zu entziehen.

Auch wenn der Film von John Huddles unvergleichlich verkopft klingt, hält er von Anfang bis zum Ende eine atemlose Spannung. Denn der Zuschauer ist hier angehalten, selbst mitzudenken und seine eigenen Werte zu hinterfragen, speziell dann, wenn der Zuschauer utilitaristisch geprägt ist, d. h. seine Maximen einem Nützlichkeitsdenken unterworfen sind. Philosophisch Erfahrene können wiederum z. B. den Zusammenhang der Handlung, wie sie sich speziell in der dritten Runde des Gedankenexperiments entwickelt, mit dem platonschen Höhlengleichnis zu verbinden suchen, das in einem Zwischenspiel im Film ebenfalls visualisiert und erklärt wird, allerdings so unvollständig, dass es für den Zuschauer einen gewissen Reiz bilden kann, die eigentliche Bedeutung dieses Gleichnisses anhand der Lösung, die der Film in der dritten Spielrunde anbietet, zu vervollständigen.

Exkurs Höhlengleichnis: Ein Junge ist von Geburt an mit dem Gesicht hin zu einer Höhlenwand angekettet und hält die Schatten, die die Menschen im Feuerschein an die Wand werfen, für die einzige Ausprägung der Realität – die Schatten für Menschen. Irgendwann nach vielen Jahren wird er befreit und sieht „wahre Menschen“, die „echte“ Realität. Oberflächlich gesehen, und so auch im Film gedeutet, eine Aufforderung, die augenscheinliche Realität zu hinterfragen und sich in andere Sichtweisen hineinzuversetzen, tatsächlich will Platon jedoch verdeutlichen, dass es hinter unserer Realität eine uns verborgene ideale Realität gibt, die wir Menschen, gebunden an das irdische Dasein, nicht erkennen können – erst dann erkennen können, wenn wir entfesselt sind, also der Tod eintritt. Diese ideale, verborgene Welt lässt natürlich auch christliche Deutungen zu, die natürlich von Platon nicht intendiert ist, da er ca. 350 Jahre vor unserer Zeitrechnung gestorben ist.

Auch die später im Film folgende wörtliche Bedeutung von „Apokalypse“ kann der Zuschauer mit dem Höhlengleichnis in Verbindung setzen: Apokalypse ist griechisch und bedeutet, dass das vorher nicht sichtbare vom Vorschein kommt.

Der Film nun deutet wie erwähnt das Höhlengleichnis unzureichend, vervollständigt die Erklärung jedoch subtil über die moralische und lebensphilosophische Richtung, die im letzten Handlungsabschnitt eingeschlagen wird. Denn hier kehrt sich der Film von einem reinen Nützlichkeitsdenken ab und wendet sich den Dingen zu, die das Leben lebenswert machen. Erst das Schöne und Künstlerische, das Rauschhafte und Heitere gibt dem Leben wirklich Sinn, die Attribute der idealen Welt in unserer augenscheinlichen Welt, anders formuliert, erst wenn man vom logisch-philosophischen Denken zum rauschhaft-künstlerischen Denken Zugang gefunden hat, ist das Leben sinnerfüllt. Dieser Ansatz kann vom Zuschauer nun als Gegenphilosophisch begriffen werden, oder lediglich als andere philosophische Richtung – dies bleibt dem Zuschauer überlassen.

Doch auch die moralischen Zwickmühlen, die zu Beginn des Films dargestellt werden, kommen so zur Geltung: Ob es nun um ans Eisenbahngleis Gefesselte geht, oder um die Entscheidung, wer in den Bunker darf, derjenige, der sich so eine Entscheidung anmaßt, also Leben gegen Leben abwägt, begeht ein Verbrechen – immer. In der dritten Spielrunde findet die Auswahl so auch weitgehend auf Basis von Freiwilligkeit statt.

Zeitbezug: Wie sehr rein utilitaristisches Denken die politische Welt in Deutschland prägt, zeigt folgendes Beispiel. Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble wollte vor 5 Jahren erreichen, dass in Deutschland im Falle eines zwecks eines geplanten Terroranschlags entführten Passagierflugzeuges Leben gegen Leben abgewogen werden darf und die Luftwaffe dieses Flugzeug, besetzt mit Zivilisten, abschießen dürfen soll. Nach dem Verbot durch das Bundesverfassungsgericht wegen Verstoßes gegen Artikel 1 GG, der die Würde des Menschen für unantastbar erklärt, kündigte er an, so einen Abschuss trotzdem anzuordnen.
( *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** ) - Sollte ein Politiker, der ankündigt, sich über Urteile des Bundesverfassungsgerichts und über den Kernartikel unserer Verfassung hinwegzusetzen, weiterhin hohe politische Ämter bekleiden dürfen?


Fazit:
Für die wertvolle Aussage, die konstante Spannung und das hervorragende Schauspiel, sowie die filmisch unverbrauchte Idee erhält „The Philosophers“ die

Wertung:
9,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 23.09.2014 16:19 
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Die Feuerzangenbowle

Die Feuerzangenbowle (Heinrich Spoerl, 1933);
So ein Flegel (Robert A. Stemmle, 1934);
Die Feuerzangenbowle (Helmut Weiss, 1944);
Die Feuerzangenbowle (Helmut Käutner, 1970)



Dr. Johannes Pfeiffer findet sich als Jüngster in einen kleinen Kreis seiner Freunde zu einer Feuerzangenbowle ein, einem Getränk, das, wie der Autor des Romans, Heinrich Spoerl, beschreibt, nicht wie Schnaps ins Hirn und wie Wein auf die Zunge, sondern aufs Gemüt schlägt. Und tatsächlich gerät man ob einer Trauerrede auf einen kürzlich verstorbenen Professor ins Schwärmen über die eigene Schulzeit, die Eigenartigkeiten der Professoren und natürlich die Streiche, die selbigen gespielt wurden. Nur Pfeiffer kann sich da kaum einbringen, da er zu Hause von einem Privatlehrer unterrichtet wurde und so niemals eine höhere Lehranstalt besucht hat. Und bedingt durch die benebelnde Wirkung der Bowle setzt sich der Gedanke im Raum fest, Pfeiffer müsse seine Schulzeit als Schüler zurechtgemacht doch für einige Wochen nachholen, um in den Genuss der wichtigsten Erfahrungen, die ein junger Mensch nur in der Schule macht, zu kommen.

Und so findet er sich auch bald in dem kleinen Ort Babenberg in einer Schule ein, lernt die keineswegs überstrengen oder gar bösartigen Professoren kennen und kann sogar früh feststellen, dass hinter deren vermeintlich autoritärem Stil ein vom jeweiligen individuellen Charakter geprägtes Verständnis gegenüber den Schülern herrscht. So zieht auch das Betrunkenspielen der ganzen Klasse nach nur einem „wänzigen Schlock“ Heidelbeerwein mit der anschließenden Aufforderung des Schuldirektors, sich möglichst gesittet nach Hause zu begeben, um die Schule nicht ins Gerede zu bringen, für Pfeiffer, der diese Idee hatte, lediglich einen mehrstündigen Arrest im Karzer nach sich, während anderes, wie ein versteckter Schuh gänzlich ungesühnt bleibt. Doch es werden auch Freundschaften geschlossen, z. B. zum kleinen Luck, klein wegen seiner Körpergröße, der in seiner Klasse als Streber gilt, aber besonders wegen seiner Unauffälligkeit oft Ziel des Gespötts wird. Natürlich darf auch eine Romanze nicht fehlen, die sich zwischen Pfeiffer und der hübschen blonden Rektorentochter Eva entspinnt und mit einem Heiratsversprechen am Ende des Buches/Filmes endet, obwohl beider Glück eine Zeitlang von Pfeiffers Exfreundin Marion gefährdet wird, die er zu Beginn bei seinem Aufbruch nach Babenberg ohne den Mut zu finden, ihr seine Absichten zu erklären, verlassen hat.

Doch am Ende, wieder in fröhlicher Runde bei einer Feuerzangenbowle, gibt Pfeiffer zu, die ganze Geschichte um seinen Schulbesuch in Babenberg nur erfunden zu haben, um die Wahrheit unser aller Sehnsüchte, Träume und Erinnerungen ans Licht zu bringen.

Während sich bei einigen Abweichungen die beiden letzten Verfilmungen von Spoerls Roman an die Vorlage halten, weicht die Erstverfilmung „So ein Flegel“ teils massiv ab: Hier besucht der Theaterautor Johannes Pfeiffer die Schule seines Bruders Ernst Pfeiffer in dessen Identität, was möglich ist, da sich die beiden so ähnlich sehen (und beide von Heinz Rühmann gespielt werden), während Ernst Pfeiffer als mehrfach sitzengebliebener Schüler unabsichtlich die Identität seines älteren Bruders annehmen und als Theaterautor und –regisseur plötzlich Verantwortung tragen muss. Ernst verliebt sich hier nun in die Sekretärin seines Bruders, während Johannes sich an Eva versucht, nicht ohne mit seinem Bruder vorher besprochen zu haben, ob nicht dieser an ihr interessiert wäre, da er allem Anschein nach sich noch kurz zuvor um sie bemüht hatte, was dieser aber als völlig abwegig von sich weist. Gelüftet wird das Geheimnis um den Identitätentausch auch für die beiden Damen erst bei der Aufführung von Pfeiffers neuem Theaterstück.

Die Abweichungen der Erstverfilmung von der Vorlage begründeten die Produzenten mit der Sorge, dass es für den Zuschauer nicht glaubwürdig sei, wenn ein Erwachsener die Rolle eines Schülers annähme und Mitschülern und Lehrern dieses nicht auffiele. Diese Sorge hätte sich jedoch erübrigen müssen, da selbst die Handlung um den Nachgeholten Schulbesuch selbst nur eine Erfindung Pfeiffers ist, also fiktiv ist und schildert, wie es sich die Romanfigur Dr. Johannes Pfeiffer vorstellt, in der Schule zu sein. Dies scheinen jedoch auch einige Filmkritiker nicht zu verstehen, da oft an Walter Giller in der Siebzigerjahreverfilmung herumgemäkelt wird, er sei für die Rolle des Pfeiffer zu alt gewesen und würde zu steif und betulich spielen. Ungeachtet dessen, dass Giller zu Drehzeiten genauso alt war, wie Rühmann in der 1944er Verfilmung, nämlich 42 Jahre, und sich auch ein 42jähriger in einen Schulbesuch hineinträumen kann, hätte man das Problem auch umgehen können, indem man für die Rolle des Pfeiffer einen Schauspieler verpflichtet hätte, der in etwa so alt ist, wie der Pfeiffer des Romans, der 24 ist. „So ein Flegel“ ist rückblickend betrachtet, ein zwar gefälliger Film, allerdings auch ein unbedeutender Film, an den man sich ähnlich wie an seine Zeitgenossen im Komödienbereich heute kaum noch erinnern würde, wenn es nicht zu der werkgetreueren Neuverfilmung von 1944 gekommen wäre.

Der Ende 1943 gedrehte und Anfang 1944 erschiene Film „Die Feuerzangenbowle“ hatte es wie schon „So ein Flegel“ schwer mit der NS-Filmzensur des „Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“, die wie der 1953 gegründete bundesrepublikanische „Interministerielle Filmausschuss für Ost/West-Filmfragen“ Vorzensur betrieb. Während „So ein Flegel“ von der Joseph Goebbels unterstellten Zensurbehörde wegen des Bildes von Schule und Lehrern, die der Lächerlichkeit preisgegeben wurden und somit nicht den NS-Anspruch an das Leben und Treiben in einer Lehranstalt erfüllen konnten, als nicht jugendfrei in die Kinos kam, erhielt „Die Feuerzangenbowle“ anfangs das gleiche Jugendverbot, obwohl die Romanvorlage nicht weniger zimperlich mit den Lehrern umging und trotzdem für Frontsoldaten als Feldpostbuch gedruckt wurde. Nachdem sich allerdings Rühmann bei Hermann Göring und Göring wiederum bei Hitler für die Jugendfreigabe von „Die Feuerzangenbowle“ eingesetzt hatte, erhielt sie der Film doch noch.

Übersehen hatten die Zensoren allerdings die Kritik am Denunziantentum, die in der Romanvorlage gar nicht vorkommt. Während im Buch der kleine Luck im Alleingang mit einem Schild, dass die Schule wegen Bauarbeiten geschlossen sei, dafür sorgt, dass sowohl Schüler als auch Lehrer glauben, es sei schulfrei, und er damit bezweckt, endlich als mutiger Schüler anerkannt zu werden, was dann aber nicht klappt, da Rektor und Lehrerkollegium beschließen, tatsächlich Bauarbeiten vorzutäuschen, um keine Probleme mit dem Ministerium und der öffentlichen Meinung zu bekommen, und Lucks Geständnis am Folgetag vor der ganzen Klasse und vor dem Oberstudienrat Professor Crey wirkungslos verpufft, ist es im Film Pfeiffer, der das Schild aufhängt und ein Mitschüler, der am Folgetag Pfeiffer bei Professor Crey denunzieren will. Da hier die Lehrer das Gleiche beschlossen haben, wie in der Romanvorlage, findet der Denunziant kein Gehör und erhält stattdessen sogar die Verachtung Creys als Lohn. - - Auch Friedrich Schiller, der im Gegensatz zu Goethe im Dritten Reich sehr stiefmütterlich wegen seiner Revolutionären Ideen in seinen Werken behandelt wurde, wird im Film immer wieder erwähnt, unter anderem auch im Szenenabschluss zu besagter Denunziantenepisode, während dies im Roman wiederum nur an einer Stelle mit Wilhelm Tell geschieht. Wilhelm Tell wird wiederum im Film nicht erwähnt, da dies den Produzenten wohl doch zu riskant erschien: Wilhelm Tell war seit 1941 im Reich verboten, da die Aussage des „Rechts auf Wiederstand“ Anstoß erregte.

Der größte Unterschied zum Roman ist die Figur des Professor Brett. Im Roman unterrichtet dieser Mathematik, im Film, überigens auch in der 70erjahreverfilmung, stattdessen deutsche Geschichte. Der Streich Pfeiffers, einem Schüler mit Hilfe eines Taschenspiegels die Völkerwanderung der Goten an der Tafel vorzuzeichnen, ist eine freie Umsetzung des im Roman beschriebenen Streichs, wo mit gleichen Mitteln über Wochen hinweg die Leistungen der Schüler im Mathematikunterricht „verbessert“ werden – zumindest bei sonnigem Wetter, worauf Brett insofern reagiert, dass er Klausuren nur noch an sonnigen Tagen schreiben lässt, da er für sich festgestellt hat, dass das gute Wetter anscheinend einen positiven Einfluss auf die Leistungen der Schüler hat. Im Film kommentiert er, nachdem der Taschenspiegel entdeckt wurde: „Und was machen Sie bei Regen?“ Brett erhält zudem im Film mehr Bedeutung als in den anderen Umsetzungen oder in der Vorlage, was sich aus den Zensurbefürchtungen ergab, die schon zu Drehzeiten herrschten: Lutz Götz, der Darsteller, entsprach was seine Körperlichkeit und seinen offenen, freimütigen Charme angeht, exakt dem NS-Ideal eines vorbildlichen Deutschen, und seine idealisierten Vorstellungen an die „Neue Zeit“ der Schule und der Unterrichtsmethoden ist natürlich sehr ideologiekonform. Trotzdem, eine Jugendfreigabe für den Film gab es wie erwähnt erst einmal nicht.

Auch der Umgang mit Erotik ist in jedem Film ein Anderer: In der Erstverfilmung kommt fast keine vor, Eva wird allerdings, als sie sich Pfeiffer, der im Karzer sitzt, nähert, längere Zeit durch ein Schlüsselloch gefilmt, während sie immer näher kommt – also ein Anflug von harmlosem, aber ikonographischem Voyeurismus. Auch in der Zweitverfilmung fehlt die stimmungsvolle Raucherepisode im Karzer. Nachdem sich nämlich Pfeiffer nach seinem Heidelbeerwein-Scherz gestellt hatte, bekommt er einige Stunden Karzer auferlegt. Im Buch findet er einen leeren Raum mit einer Holzbank vor, ohne die ersehnten Sprüche an den Wänden - diese findet der Zuschauer aber in der Käutnerverfilmung – und hat so keine Ablenkungsmöglichkeiten. Da nähern sich plötzlich drei Mädchen, darunter die Rektorentochter Eva, und „rauchen ihm etwas vor“, d. h. sie blasen Rauch durchs Schlüsselloch. Pfeiffer sieht nun immer wieder einen kirschförmigen, einen herzförmigen und einen kussförmigen Mund, und küsst schließlich, ohne zu wissen welches, eines der Mädchen. In Käutners Film läuft die geküsste Eva, gespielt von Uschi Glas und somit erstmals nicht blond, daraufhin schockiert davon, während eine ihrer Freundinnen wartet und hofft, auch geküsst zu werden, jedoch vergeblich.

Marion dagegen baut im Roman lediglich Druck auf, um Pfeiffer dazu zu bewegen, zu ihr zurück und nach Berlin zu gehen, indem sie ihm erklärt dass sich bereits andere Männer wieder für sie interessieren und sie nicht gewillt ist, ihm nachzutrauern, wenn er sich nicht endgültig trennen wolle, müsse er in einer Stunde seine Koffer gepackt haben. In Weiss´ Verfilmung von 1944 setzt sie stattdessen auch die Waffen der Frauen ein, was sie lasziv in die Kamera spricht und anschließend in Pfeiffers Kammer die Rollos herunterlässt. Sowohl in der Zweit- als auch in der Drittverfilmung sehen wir auch Marion, wie sie sich, gerade angekommen, in Pfeiffers Zimmer umzieht und dabei von drei Mitschülern überrascht wird, die eigentlich Pfeiffer besuchen wollen. Während sie ihr in Weiss´ Film buchstäblich zu Füßen fallen, spielt die ihrer Schönheit bewusste Marion in Käutners Film noch etwas mehr mit ihren Reizen und lässt sich von den Schülern bewusst beim Umziehen im Spiegel beobachten. Nur in Käutners Film kommt darüber hinaus vor, wie Pfeiffer und Eva sich im Kino einen Stummfilm ansehen, in dem Marion als Schauspielerin gerade eine erotische Szene spielt; Eva bedauert es dabei, dass immer abgeblendet wird, wenn es interessant wird und macht Pfeiffer anschließend eine Szene, bezeichnet ihn als Schuft und Gigolo, da sie gesehen hat, dass der Wagen von Marion die ganze Nacht vor seiner Wohnung stand.

Humor ergibt sich im Buch und den letzten beiden Verfilmung oft aus Dialekten oder Sprecheigenheiten. Die Streiche selbst hingegen sind so harmlos, dass sie sowohl im Buch, als auch in den Filmen meist nur zum Schmunzeln anregen und für eine fröhliche Stimmung sorgen, den Zuschauer aber nicht gerade zu Lachanfällen animieren – was aber auch nicht nötig oder beabsichtigt ist. Im Buch beispielsweise ist immer dann, wenn Professor Bömmel spricht, etwas zu lesen wie: „Wo simmer denn dran? Aha, heute krieje mer de Dampfmaschin. Also, wat is en Dampfmaschin? ...“ – Was nur in „So ein Flegel“ in reinem Hochdeutsch gesprochen wird, und so all seinen Humor verliert und nicht mal mehr interessant ist. Professor Crey hingegen hat es sich angewöhnt, wie Professor Heinzerling aus Ecksteins Schulhumoreske „Besuch im Karzer“ zu sprechen, die Humoreske wird im Roman auch bei Creys erstem Auftritt erwähnt, da Pfeiffer sich daran erinnert fühlt. Und das klingt dann so, wieder aus dem Buch zitiert: „Ech heiße Sä em Namen onserer Lehranstalt ond em Namen der Oberprema herzlech willkommen. Ech hoffe, Sä werden sech recht wohl bei uns föhlen.“

Crey, der hinter seinem Rücken von seinen Schülern wegen seines Bartes „Schnauz“ genannt wird, wird im Buch als nicht viel älter als seine Schüler beschrieben, ist aber nur in „So ein Flegel“ in einem entsprechenden Alter, da er von dem damals 37jährigen Otto Sima gespielt wurde. Erich Ponto, der Crey der Verfilmung von 1944, war 59, und Theo Lingen in der 70er Verfilmung 66 Jahre alt. Dies ist auch vor dem Hintergrund interessant, weil in „So ein Flegel“ aus Professor Crey Pfeiffers Rivale wird , da Crey als in seiner sicheren Position als Professor für Eva der richtige Mann wäre und ihre Eltern die beiden verkuppeln wollen. Auch in den folgenden Verfilmungen wird Creys Interesse an Eva zumindest angedeutet, während im Buch nichts davon geschildert wird.

Zu loben ist in Weiss´ Film neben dem Stoff selbst auch der Kameramann Ewald Daub („Der Bettenstudent“, „Endstation“, „Kleider machen Leute“), der kurz nach Kriegsende starb. Oft hat man das Gefühl, dass der Bildschirm oder die Leinwand geradezu birst vor der Lebendigkeit des Gezeigten. Untermalt von der schwungvollen Musik des Komponisten Werner Bochmann findet sich so wohl der Grund, warum die Käutnerverfilmung als weniger pfiffig gilt. Diese hingegen ist am liebevollsten und sehr altmodisch ausgestattet und zeigt sich den Zuschauern in wunderbaren herbstlichen Farben, was der Sentimentalität des Stoffes gerecht wird.


Fazit:
Während „So ein Flegel“ von einem hervorragend spielenden Rühmann profitiert, jedoch viel Staub angesetzt hat, ist „Die Feuerzangenbowle 1944“ als überaus kraftvoller Film zurecht ein Klassiker des deutschen Kinos und „Die Feuerzangenbowle 1970“ ein sehr zu unrecht gescholtener Film, der Handlung und Stimmung der Romanvorlage am genauesten ins Medium Film überträgt.

Wertung:
So ein Flegel: 6,5 / 10
Die Feuerzangenbowle 1944: 10 / 10
Die Feuerzangenbowle 1970: 9 /10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 10.10.2014 18:38 
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Eugenie – Jess Franco

(Deutschland / Spanien 1970)

8.10.2014; DVD (DEFCON 1 Cover A; Blue Underground) / 2,35:1



Die junge Eugenie wird von Madame de Saint-Ange dazu eingeladen, ein Wochenende mit ihr und ihrem Stiefbruder Mirvel zu verbringen. Bei ihnen zu Hause, auf einer Mittelmeerinsel, gerät sie immer mehr in einen Strudel der Lust und des Sadismus, der ihre Wahrnehmung von Wirklichkeit und Traum verwirrt.

Als sie feststellt, dass die scheinbar geträumten Folterungen, die sie erlitten hat, wirklich stattgefunden haben, Mirvel für einen Mord verantwortlich ist und dieser nun auch sie bedroht, tötet sie ihn in Notwehr. Die Architektin des Ganzen, Madame De Saint-Ange, deren Machenschaften sie kurz danach durchschaut, wird während einer sexuellen Orgie von Eugenie grausam getötet.


„Eugenie“ basiert wie viele Filme Francos auf Werken Marquis De Sades, der dem Begriff des Sadismus seinen Namen gab. De Sade begann im vorrevolutionären Frankreich mit dem Schreiben philosophischer, satirischer und dezent erotischer Sex-and-Crime-Storys, mit denen er bereits seine Zeitgenossen und die staatliche Autorität zu provozieren vermochte. In den 1790er Jahren reicherte er seine Schriften zunehmend mit Pornographie und persönlichen Obsessionen wie exakte Strukturen im Ablauf von z. B. Orgien, in Zahlen genau definierte Handlungen und ausführlich zelebrierte Grausamkeiten an. Der napoleonische Staat reagierte darauf, De Sade mal zu inhaftieren, mal in Anstalten für Geisteskranke unterzubringen, wo er teils heimlich seine Werke anonym fortschrieb. Sein Spätwerk entwickelte sich in philosophischer Hinsicht kaum noch, in erotischer oder auch „sadistischer“ Hinsicht variiert es häufig bereits Veröffentlichtes, was seine „Justine“, ursprünglich „Justine und Juliette“ mit etwa 150 Seiten, zu einem Mammutwerk anschwellen ließ, das erst 2002 in Deutschland erstmals vollständig veröffentlicht wurde – 10-bändig. - - Ich selbst kenne nur die erste und die zweite, noch moderate Fassung „Justine“ mit etwa 300 Seiten. –

So wie nun De Sade immer wieder um seine ureigenen Themen kreist, so entwickelt Jess Franco die Seinen in den meisten seiner Filmen fort. Dabei bleibt er thematisch, sofern Erotik und erotischer Sadismus leitende Motive darin sind, immer De Sade verhaftet, Weiterentwicklungen der Literatur wie sie Reages „Geschichte der O.“ vor nun schon einem halben Jahrhundert bot, nahm er nicht auf. Während nämlich Reage in ihrem Werk dem Sadismus einen Sinn gab, nämlich die völlige Auflösung der Individualität und des Willens der Frau aus Liebe zum Mann, die Frau wird so zur bloßen Maske oder Statue, und auch Sacher-Masoch eine andere, psychologische Perspektive einnahm, die Franco ein wenig in „Paroxismus“ spiegelt, zeigte Franco bis in unser Jahrzehnt thematisch wie stilistische Variationen und Fortentwicklungen De Sadescher Themen – und gleicht ihm so auch in der Herangehensweise.

1969 und somit im gleichen Jahr, in dem Francos „Justine“ Premiere feierte, drehte dieser bereits einen weiteren Film nach einer Vorlage De Sades: „Eugenie“, der auf „Die Philosophie im Boudoir“ basiert, welches bereits den Beginn De Sades Spätphase markieren kann. Der Film ist vor und hinter der Kamera teilweise mit identischem Cast gedreht, beide sind Harry Alan Towers Produktionen und wie alle Produktionen Towers, bei denen Franco Regie führte, ist „Eugenie“ handwerklich sehr sauber gearbeitet und kann künstlerische und kommerzielle Ansprüche vereinen und sehr gut befriedigen. Bruno Nicolai steuerte eine wunderschöne, wenn auch typische Easy-Listening-Musik bei, die vor allem dann auf die Stimmung des Zuschauers einwirkt, wenn Franco das Forterzählen der Handlung phasenweise aufgibt, um sich und den Betrachter in Stimmungen zu sonnen. Dies also besonders in den erotischen Szenen, aber auch dann, wenn wie typisch für Franco, Landschaft und Architektur vom Kameraauge eingefangen werden. Dieses Verlassen der Narrative ist ein typisches, jedoch nicht immer gelingendes Stilmittel Francos; hier in „Eugenie“ geht der Regisseur allerdings perfekt damit um, was dem Film nicht zuletzt beträchtlichen finanziellen Erfolg bescherte und den Franco aus künstlerischer Sicht als eine Art Lieblingsfilm von ihm bezeichnet. So spielt die Kamera oft mit der Sichtbarkeit des den Zuschauer interessierenden Motivs, das von Gegenständen verstellt ist, betont die Farbe Rot, der symbolhafte Wirkungen von Liebe, Leidenschaft und Aggression zugeschrieben werden, teils in über lange Zeit hinweg kompletten Bildeinfärbungen, teils in der Kulissenauswahl, zu denken ist da etwa an den Belag der Treppe, die in den ersten Filmminuten zu sehen ist, oder auch an Christopher Lees Jackett, das dieser bereits in dem s/w-Film „Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“ in der Titelrolle trug. Auch sonst legt Franco wie sehr oft großen Wert auf Stimmungen, etwa, indem er die Schlussszenen am frühen Morgen filmt, Marie Liljedahls Haut im Morgenlicht größtmögliche Farbigkeit erlangt, während die Strandlandschaft im Hintergrund vom Meeresdunst eintrübt und Himmel und Strand so fast grau scheinen.

Das Ende des Films spielt ein wenig mit dem Zuschauer, wenn die De Sade Figur Dolmance, gespielt von Lee, sich als Marquis De Sade Leser zu erkennen gibt und aus einem dessen Bücher liest, um der Handlung eine „gerechte“ Wendung zu geben: Die Übeltäter fallen der eigenen Grausamkeit zum Opfer, doch auch die Protagonistin Eugenie, die von selbigen zur „Verbrecherin“ erzogen werden sollte (übliches De Sade Motiv!) wird nach dieser von ihr begangenen Grausamkeit wohl Hauptverdächtige eines Mordes sein. Im Gegensatz zum Roman begeht Eugenie hier keinen Mord aus Lust und Grausamkeit, sondern aus Notwehr an Mirvel und aus Rache an Madame De Saint-Ange. Die Eugenie des Filmendes ist jedoch keineswegs eine Ikone De Sadescher Grausamkeit wie im Roman; der Film beschränkt sich darauf zu zeigen, dass sie nun Aggressionen zulassen kann und zu einem Mord fähig ist. Der tatsächliche Schluss, der den Anfang des Filmes wiederholt, wie sich Eugenie mit Madame Saint-Ange zum Wochenende verabredet, lädt zur Interpretation ein, dass Eugenie sich in eine Phantasie ergeben hat – schließlich spricht der Film ja immer wieder das Aufheben der Grenzen von Traum und Wirklichkeit an. So regt der Film den Zuschauer zu genau dem an, was seine eigenen filmischen Stilmittel (Kamera, Musik), und seine Handlung, die er erzählt, ausmachen: frei zu assoziieren, und schafft es mit seinem etwas beunruhigenden Ende, dass der Zuschauer sich auch nach dem Ende des Films noch mit ihm beschäftigt. „Lolita am Scheideweg“, eine Neuverfilmung von Jess Franco, sollte 1980 Motive aus „Eugenie“ aufnehmen und in seiner Anfangs- und Schlussszene die Szenerien am Ende von „Eugenie“ mit dem Mord an Madame De Saint-Ange und dem Friedhof am Strand kommentieren.


Fazit:
Kunstwerk mit richtigem Rhythmus, im Vergleich zu den übrigen Filmen Jess Francos recht leicht zugänglich – ein audiovisueller Genuss.

Wertung:
8,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 13.10.2014 17:03 
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[align=center]Lolita am Scheideweg – Jess Franco

(Spanien, 1980)

13.09.2013, 10.10.2014; Kino (Kommkino Nürnberg) / 1,66:1
Originalfassung: 09.10.2014; Internetdownload, OmeU, 95:01 Minuten; / 1,66:1[/align
]


Lolita (OV: Eugenie) macht mit ihren Eltern Urlaub in Spanien und wird von dem Spanier Alberto (OV: Franzose) begehrt, der sich zusammen mit seiner Partnerin Alba de Rossa die Sklavin Sultana (OV: Sultana, mit eigentlichem Namen Irina von Karlstein) wie einen Hund hält. Nachdem Alberto über längere Zeit hinweg durchs Fernglas beobachtet und erste Kontakte zu Lolita knüpft, auch ihre Eltern am Hotelpool kennenlernt – der Vater lässt sich kurz danach von Alba auspeitschen - erlauben diese es Lolita, nach ihrer Abreise Alberto und Alba noch weiter Gesellschaft zu leisten.

[spoil]Auf dem Inselsitz der beiden angekommen, sind sie nicht alleine, auch der unheimliche Walter und ein blinder Gitarrenspieler befinden sich auf der Insel (und in der deutschen Fassung noch mehr Leute). Hier wird Lolita nun unter Drogen gesetzt und nimmt an sexuellen Orgien teil; am nächsten Tag jedoch am Strand, wo sich in Sand modellierte Figuren von Menschen in teils erotischen Posen befinden, redet man ihr ein, dies sei nur ein Traum. Als Lolita jedoch eine Ermordete findet und kurz darauf den Mord an Sultana heimlich mithört, versucht sie zu fliehen, wird aber von Alberto festgehalten. In Notwehr harpuniert sie ihn und zerstört die Figuren am Strand.
[/spoil]

Jess Franco Arbeit mit der zu Drehzeiten 13jährigen Katja Bienert (14 ist falsch, da der Film am 1. Juli 1980 bereits in Spanien Premiere feierte und somit 2 Monate vor Bienerts 14. Geburtstag) startete mit diesem Film, in den folgenden Jahren sollten noch „Die nackten Superhexen vom Rio Amore“, „Diamonds of Kilimandscharo“ und „Lago de los Virgines“ gedreht werden, sowie ohne Wissen Bienerts aus nicht verwendetem Material der vorigen Filme mit neugedrehten pornographischen Szenen zusammengeschnitten „Lillian - La Virgen pervertida“. Wie in dem kurz vorher gedrehten Film Schulmädchen-Report Teil 13 ist Bienert hier nackt und in Sexszenen zu sehen, die nicht expliziter sind als in der obigen FSK 16 Produktion. Eine strafrechtliche Relevanz sehe ich aus diesem Grund nicht, auch ihre Auftritte vor Schulmädchenreport oder in Derrick (auch nackt) im gleichen Jahr sind FSK freigegeben, im Falle von „Derrick“ FSK 12, untermauern das.

Eugenie in der Originalfassung ist, um es vorwegzunehmen, zwar weit länger als Lolita am Scheideweg, der wiederum an mehreren Stellen Material aus Hubert Franks „Insel der 1000 Freuden“ enthält; somit fehlen tatsächlich noch mehr als die reine Laufzeitdifferenz von 18 Minuten, jedoch nicht expliziter, und auch in jeder anderen Hinsicht nicht interessanter als die Deutsche Fassung. Am offensichtlichsten zeigt das schon die Musik von Gerhard Heinz, die die Musik von Jess Franco selbst komponiert, in der deutschen Fassung ersetzt. Schon in der ersten Szene, wo die Anfangscredits über der Strandlandschaft mit den modellierten Sandfiguren zu sehen sind, hören wir bei Gerhard Heinz bedrohliche Klänge, die Heinz im Laufe des Films mit harter Gitarren- und Discomusik weiterentwickelt In der Originalversion hören wir stattdessen Klaviermusik, wie sie exakt so in fast jeder Saloonszene in Western zu hören sind. Bei Franco bleibt der Soundtrack dieser Saloonstimmung über eine sehr weite Strecke verhaftet, erinnert manchmal auch an 30er Jahre Swing, und kann erst bei den Orgienszenen auf der Insel, wo sie Gitarrenlastiger wird, den Zuschauer ein wenig fesseln. Heinz stattdessen gelingt es viel besser, eine so ausgeflippte Szene wie die Autofahrt mit der barbusigen Hundefrau Sultana unter den Touristen, an denen sie vorbeifahren, mit ebenso ausgeflippter Discomusik zu untermalen – bei Jess Franco klimpert auch hier nur langsam ein Klavier vor sich hin…

Stilistisch ist „Lolita am Scheideweg“ bereits geprägt von den Kennzeichen, die alle seine spanischen Werke bis etwa 1987 definieren: Nacktheit steht noch stärker im Vordergrund als bisher, seine Muse Lina Romay spielt wie nun fast immer eine tragende oder zumindest auffällige Rolle, das Budget ist hier geringer als bisher – und sollte in zukünftigen Produktionen sichtbar noch mehr absinken – was zu immer mehr wahrnehmbaren handwerklichen Mängeln führte, die sich hier in Form von falschen Schärfeeinstellungen bermerkbar machen. Teils brillant ist die Kameraführung von Juan Soler trotzdem, besonders in den Orgienszenen, wo dem Zuschauer minutenlang Extreme-Close-Ups auf den Mund, auf Augen etc geboten werden, und ihn auf eine selten gekannte psychedelische Reise mitnehmen – eine der stärksten Szenen in einem Franco-Film überhaupt.

Sehr stark und in Erinnerung bleibend ist auch die Schlussszene, wenn Lolita die Sandfiguren zerstört, nachdem sie Alberto harpuniert hat. Nackt und blutbeschmiert wirft sie sich auf sie und zerwühlt ihre Körper mit ihren Händen, in einer Art, die die Gleiche ist, wie der Mord an Madame Saint-Ange in „Eugenie – Die Jungfrau und die Peitsche“. Während dort aber ungewiss bleibt, ob Eugenies (Marie Liljedahl) Erziehung zur De Sadeschen Verbrecherin doch zumindest teilweise geglückt ist, kumulieren die Erlebnisse Lolitas hier in der Zerstörung der Kunstwerke des Verbrechers Alberto, um danach die vergangenen Erlebnisse ruhen lassen zu können. Dies in der deutschen Fassung auch von Lolita kommentiert, im Original noch etwas subtiler und offener in seiner Deutung, verleiht dieser Akt der Zerstörung auch dem ganzen Film eine Deutungsmöglichkeit aus Ausdruck der Orientierungslosigkeit, auch in Folge sexueller Unerfahrenheit, einer jungen Frau. Frau, da der Charakter der Eugenie in der Originalfassung klar wiederspricht, noch nicht volljährig zu sein (abwehrend: „ich bin kein Kind mehr“ auf die Frage, ob sie jünger als 18 ist), während sie jedoch in der deutschen Fassung ein „ist ja egal“ verlauten lässt. Sexuell unerfahren ist sie jedenfalls in beiden Fassungen, und ihre Verführung und ihr Missbrauch ist ein typisches Element De Sadescher Szenarien, das hier wie auch bei „Die Jungfrau und die Peitsche“ auf dessen „Philosophie im Boudoir“ beruht.



Fazit:

Eindrucksvoller, psychedelischer Film mit Handwerklichen Unzulänglichkeiten, die hier aber nicht sehr stören, die deutsche Fassung ist der Originalfassung vorzuziehen.

Wertung:

Lolita am Scheideweg: 8 / 10
Eugenie (Historia de una perversión): 6,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 15.10.2014 20:02 
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Betragen ungenügend! – F. J. Gottlieb

(Deutschland, 1972)

21.08.2014; DVD (Eurovideo) / 1,66:1



Als Pepe Nietnagel mit der 13a des Mommsen-Gymnasiums Professor Knörz wieder einmal einen Streich spielt und Direkter Taft einmal mehr nicht hart durchgreift, intrigiert Knörz zusammen mit Professor Blaumeier gegen Taft und melden ihn beim Ministerium. Dieses entspricht deren Ansinnen und schickt Taft in Pension. Pepe ergreift nun unter der Parole „Rache für Taft“ den Plan, Knörz und Blaumeier als noch viel unfähiger erscheinen zu lassen, als Taft es je schien, und Taft wiederum kehrt ebenfalls seine anarchistische Seite zum Vorschein, nicht zuletzt, da er in Sachen Schülerstreiche schon in seiner Schulzeit einiges an Erfahrung sammeln konnte, und unterstützt Pepe tatkräftig.

Für den siebten und letzten Film der „Die Lümmel von der ersten Bank“ Reihe nahm erstmals F. J. Gottlieb auf dem Regiestuhl platz, der jedoch 1969 bereits mit „Klassenkeile“ einen der mindestens 17 Paukerfilme inszenierte, die zwischen 1968 und 1974 in die bundesdeutschen Kinos gelangten. Trotz des bestenfalls mäßigen Rufs dieser Art Film ist herauszustellen, dass sowohl die Lümmel-Reihe, als auch die „Trittbrettfahrer“ sich in ihrem Tenor stark voneinander unterscheiden, so begegnet uns in Käutners „Die Feuerzangenbowle“ ein Film in historischem Ambiente mit wehmütigen, sentimentalen Gefühlen, in „Unsere Pauker gehen in die Luft“ eine unterhaltsame, aber sehr klamaukige Verwechslungskomödie, „Wenn mein Schätzchen auf die Pauke haut“ richtet sich mit seinen etwa 12jährigen Schülern noch mehr an Kinder als die übrigen Filme, und „Morgen fällt die Schule aus!“ mit seinen derb-schmerzhaften Späßen ist der wohl am wenigsten geschmackssichere Film der Reihe. „Betragen ungenügend!“, der „Morgen fällt die Schule aus!“ folgte, setzt mit seiner heiteren und überaus gelösten Atmosphäre nicht nur einen deutlichen Kontrast zu seinem Vorgänger, sondern auch einen würdigen Abschluss der Lümmelfilme.

Obwohl Inhalte in den Paukerfilmen also variieren können, wirken sie inszenatorisch meist sehr ähnlich, was daran liegt, dass sie einerseits sehr kommerziell ausgerichtet sind, andererseits vor und hinter der Kamera oft die gleichen Leute wirken. So finden sich immer einige der Darsteller der Lümmelfilme in den „Trittbrettfahrerfilmen“, und nicht nur Gottlieb filmte „fremd“, sondern auch Werner Jacobs, der 1970 bei „Zwanzig Mädchen und die Pauker“ Regie führte. Nebenbei könnte für Einige interessant sein, dass Juan Soler, Jess Francos Hauskameramann von etwa 1980 bis 1987, bei „Betragen ungenügend!“ wie auch beim fünften Lümmelfilm als Kameraassistent erste Erfahrungen sammelte.

Besonders wichtig ist bei diesem Film die zweite Episode – Paukerfilme haben so gut wie immer episodenhaften Charakter – in der Taft (Theo Lingen), nachdem er seine Frau mit einer konfiszierten aufblasbaren Gummipuppe erschreckt hat (ja, das Sexspielzeug ist gemeint), eine eigene Erfahrung aus Abiturientenzeiten zum Besten gibt. Er beschreibt, wie er (jetzt gespielt von Ilja Richter, jedoch wahrscheinlich von Theo Lingen synchronisiert), als sein Deutschprofessor Heinzerling gerade ein Schillergedicht, in dem ein Gewittersturm eine Rolle spielt, eben jenen Gewittersturm mit einem Knallkörper simuliert, und während sein Professor aufgrund dieser Unverschämtheit nun den Direktor holt, Taft vor seiner Klasse die Stimme Heinzerlings nachahmt. Auch hier auf frischer Tat ertappt, erhält Taft für diesen Tag 6 Stunden Arrest im Karzer, wohin er von Pedell Quaddler (der von Hans Terofal gespielt wird, der seit den Lausbubenfilmen meist in solchen Produktionen die Rolle des Hausmeisters spielt und in „Betragen ungenügend!“ auch die Lümmelfilmstammrolle des Pedell Bloch spielt) geführt wird. Auch vor Quaddler imitiert Taft weiterhin Professor Heinzerling, was der Hausmeister sehr negativ aufnimmt und meint, Taft geschähe recht mit seiner Strafe. Nach einiger Zeit im Karzer besucht Professor Heinzerling Taft, um herauszufinden, ob dieser bereits Reue zeigt, Taft nutzt dabei die Gelegenheit eines unbeobachteten Moments, um aus dem Karzer zu fliehen und Heinzerling dort einzusperren. Auf dem Weg aus der Schule ruft Taft Quaddler noch zu, nicht auf den noch im Karzer sitzenden Taft zu hören, da dieser die Stimme Heinzerlings weiter imitiere und Taft behaupten könnte, er sei Heinzerling. Damit endet die Rückblende, und auf die Frage seiner Frau, ob er daraufhin von der Schule geflogen sei, erwidert Taft, das sei natürlich nicht geschehen, schließlich sei er ja noch Direktor geworden.

Diese Episode folgt in weiten Teilen detail- und wortgetreu der Geschichte „Der Besuch im Carcer“ von Ernst Eckstein 1875 geschrieben, und ersetzt dabei den Namen des Schülers Wilhelm Rumpf durch Taft. Die Knallkörpereinleitung wird im Film hinzuerfunden, Professor Heinzerling ertappt in der Geschichte Rumpf gleich zu Beginn dabei, wie er ihn imitiert. Im Film endet die Geschichte mit Tafts Flucht aus dem Karzer und wie er Quaddler als Heinzerling anweist, Taft im Karzer nicht zu beachten; im Buch überlegt Rumpf es sich nach einer Weile anders und kehrt zurück, um mit Professor Heinzerling über seine Strafe zu verhandeln. Man einigt sich darauf, dass Heinzerling aus dem Karzer befreit wird und niemand von der Sache erfahren würde, so dass Heinzerling die öffentliche Schmach, von einem Schüler übertölpelt und eingesperrt worden zu sein erspart bleibt. Rumpf hingegen wird die übrige Karzerstrafe erlassen, und er wird auch nicht der Schule verwiesen (relegiert), darf aber auch Heinzerling nie wieder stimmlich imitieren. Und erst, als Heinzerling pensioniert wird, wird die Geschichte bekannt, und besonders gerne wird sie von Heinzerling persönlich „beim schäumenden Glase“ erzählt.

„Der Besuch im Carcer“ wirkte nicht nur unmittelbar auf „Betragen ungenügend!“, indem es hier verfilmt wurde, sondern auch in anderer Hinsicht auf „Die Feuerzangenbowle“. Dort nämlich spricht Professor Crey genauso wie Professor Heinzerling in der Kurzgeschichte, worauf Spoerl auch deutlich hinweist, als Pfeiffer, der Protagonist in „Die Feuerzangenbowle“, zum ersten Mal Crey reden hört. Wie später Spoerl, lautmalt Eckstein die Sprechweise Heinzerlings: „Goot, so gähen Sä noch heute hinöber und erkondigen Sä säch, wä säch däse Angelägenheit verhält…“ Eine Sprechweise, die nur in „So ein Flegel“, der Erstverfilmung der Feuerzangenbowle, nicht übernommen wurde, sonst aber sowohl in den Neuverfilmungen, als auch in der Adaption von „Der Besuch im Carcer“ in „Betragen ungenügend!“ von Ilja Richter/Theo Lingen köstlich dargeboten wird.. Theo Lingen spielte passenderweise zwei Jahre zuvor in Käutners Feuerzangenbowle Professor Crey.

Bereits Carl Arnold Kortum sorgte 1784 mit der „Jobisade“ für einen neuzeitlichen Höhepunkt des Schüler- und Studentenhumors, sein Werk war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ein Standardwerk deutschen Humors, das Wilhelm Busch 100 Jahre später und im gleichen Jahrzehnt, in dem „Der Besuch im Carcer“ geschrieben wurde, illustrierte. Das folgende Zitat aus der Examensepisode der Jobisade ist in einigen Studentenverbindungen noch heute geflügelt:

Über diese Antwort des Kandidaten Jobses
Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes.
Der Inspector sprach zuerst hem! hem!
Drauf die andern secundum ordinem.


Der Studentenhumor steht also in einer langen Tradition, der seit etwa 230 Jahren in der Literatur fortlaufend weiterentwickelt wird und in Studentenverbindungen Eingang in Fuxenmimiken (Sketche unterschiedlichster Art, die von den Erst- und Zweitsemestern unter Leitung des Fuxmajors, eines erfahrenen Burschen, dargebracht werden) und in die „Kneipen“ (festliche rituelle Veranstaltung in Verbindungen) Einzug gefunden hat. In diese Tradition reiht sich auch Heinrich Spoerl ein, als er 1933 „Die Feuerzangenbowle“ schrieb, das ein Jahr später bereits verfilmt wurde und das zusammen mit den „Lausbubengeschichten“ Ludwig Thomas die Paukerfilme um 1970 am stärksten prägte. Bei „Betragen ungenügend!“ wurde nun dem Kinopublikum der Siebzigerjahre am klarsten vermittelt, das der auch damals schon in seiner Qualität von der Kritik zwiespältig bis negativ aufgenommene Pennälerhumor in den kommerziellen Paukerfilmen durchaus Traditionen wahrnimmt und zeitgemäß weiterentwickelt.


Fazit:

Heiterer und temporeicher Abschluss der siebenteiligen Lümmelreihe, hinter dessen kommerzieller Fassade man interessante Verweise auf den traditionsreichen Schüler- und Studentenhumor entdecken kann.

Wertung:

7 / 10


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