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 Betreff des Beitrags: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 01.07.2016 12:32 
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Kirmes - Wolfgang Staudte


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Originaltitel: Kirmes
Produktionsland: Deutschland
Originalsprache: Deutsch
Erscheinungsjahr: 1960
Länge: 102 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16
Regie:Wolfgang Staudte
Drehbuch: Wolfgang Staudte
Produktion: Harald Braun, Helmut Käutner, Wolfgang Staudte
Musik: Werner Pohl
Kamera: Georg Krause
Schnitt: Lilian Seng
Darsteller: Götz George, Juliette Mayniel, Hans Mahnke, Wolfgang Reichmann, Manja Behrens, Fritz Schmiedel


Worum geht’s:
Der Films beginnt mit einer Szene in der ein Mann an Plakatwände Kirmesplakate klebt. Ich denke mir, dass die Plakate die bereits Kleben vom Regisseur wohl gewählt sind. Werbeposter für unser Heer hängen zwischen reißerischen Filmpostern und Parteiposter der CDU die sich keine Experimente also keine Veränderung wünschen. Dies deutet auch schon ein wenig den Sinn dieses Filmes an, denn hier geht’s unter anderem Darum das sich eigentlich nichts geändert hat seit dem Krieg. Und Probleme werden verschwiegen.
Zu Beginn wird bei Bauarbeiten auf einer Kirmes in der Eifel eine Leiche von einem Toten deutschen Soldaten gefunden. Martha Mertens weiß sofort, dass dies Ihr Sohn ist. Ihre Familie und andere bekannte der Familie versuchen Ihr das auszureden. Sie sagen, es gibt ja keine Beweise, dass er es ist. Außerdem würde Sie wirklich wollen, dass Ihr Sohn den Heldenstatus aberkannt bekommt. Denn dies würde bedeuten, dass er Desertiert ist.
Warum Sie und auch die anderen eigentlich wissen müssten, dass dies definitiv nur Robert (Götz George) sein kann wir nun mit einem Zeitsprung nahe gebracht.
Ende des Krieges, ist Robert von der Front geflohen und versteckt sich in seinem Heimatdorf. Die Front ist schon zu hören. Ständiger Fliegeralarm. Die Kinder kommen aus der Schule und müssen Plakate kleben auf denen steht das Desaströse erschossen werden. Der NSDAP Parteichef der Region wittert das sich irgendwo Robert versteckt haben muss. Alle die von Robert erfahren wollen Ihm eigentlich helfen, haben aber alle sehr viel Angst, denn es wird ständig mit der Todesstrafe gedroht.
Es geht in diesem Teil vor allem um den Wahnsinn der letzten Tage, in dem die Alten zum Volksturm berufen werden und mit Holzpanzerfäusten ausgerüstet werden. Wo fast jeder weiß, dass es eigentlich bald vorbei sein muss, aber die Fanatiker des Ortes immer noch an den Endsieg glauben. Der größte Feind scheinen die Deserteure zu sein, die es wagen sich in einem verlorenen Krieg von der Front zu entfernen.
Beeindruckender Film. Passt sehr gut zu den anderen anspruchsvollen Staudte Filmen die ich bis jetzt sah: Der Untertan, Die Mörder sind unter uns

Ich würde hier noch auf eine Rezension hinweisen die auf der ofdb von Bretzelburger veröffentlicht worden ist. Sehr gut verfasst, allerdings muss ich dabei einen großen Spoiler Hinweis geben.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 01.07.2016 18:10 
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Hab den auch hier und wollte ich seit längeren schauen.Hatte ich nun zum Tode von George vor kam aber noch nicht zu.Werde ich nächste Woche mal tun und dann ein Fazit abgeben.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 02.07.2016 18:47 
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Einer der besten deutschen Filme, die ich je gesehen habe. Muss damals vielen Mitläufern der NS-Zeit sauer aufgestoßen haben. Ein weiterer Klasse-Film Staudtes ist "Herrenpartie". Wer den nicht kennt, sollte ihn sich mal besorgen.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 03.07.2016 14:46 
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Kirmes (D)
Storia di un disertore (IT)
Je ne voulais pas être un nazi (F)
Kermesse (F - Alternativ)
I Hate the Nazis (USA - TV)
Death Carousel (USA - TV)
Todos somos cobardes (MEX)

D 1960

R: Wolfgang Staudte
D: Juliette Mayniel, Götz George, Hans Mahnke, Wolfgang Reichmann, Manja Behrens, Fritz Schmiedel, Erica Schramm, Elisabeth Goebel, Benno Hoffmann, Irmgard Kleber, Hansi Jochmann, Solveig Loevel u.a.

Erst-Verleih: Europa-Filmverleih GmbH, Hamburg
Atelier: Real-Film Studio, Hamburg-Wandsbek
Außenaufnahmen: Harz, Bad Lauterberg
Drehzeit: ab Mai 1960
Format: 35 mm, s/w, 1:1,37
Länge: 2805 Meter
Laufzeit bei Kinoprojektion (24 Bilder/Sekunde): 102'31''
Laufzeit bei Fernsehprojektion (25 Bilder/Sekunde): 98'25''
FSK: 29.06.1960: ab 12 ff
Uraufführung: 02.07.1960, Berlin (IFF) 18.08.1960, Massenstart
TV-Erstausstrahlung: 08.07.1967, ARD

Quelle


OFDb





"Was gibt es da schon zu sehen? Ein paar Knochen und eine verrostete Knarre. Los, wir drehen lieber noch 'ne Runde."


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Habe mir diesen außerordentlichen Film gestern Abend auch endlich mal in Ruhe zu Gemüte geführt und bin restlos begeistert. Wolfgang Staudte erzählt in seiner selbst produzierten Inszenierung "Kirmes" eine unter die Haut gehende Geschichte über einen zufälligen Skelettfund eines desertierten Soldaten während der Eröffnung einer Dorfkirmes in der Eifel im Jahre 1960. Obwohl dieses grausame Kapitel der deutschen Geschichte gerade erst einmal 15 Jahre zurück lag, möchte sich niemand der zahlreich versammelten Dorfbewohner mit der unangenehmen Vergangenheit seinerselbst konrontiert sehen und feiern daher ihr Fest zur Aufrechterhaltung ihrer "neuen" heilen Welt ausgelassen weiter.

Als aber das Ehepaar Martha (Manja Behrens) und Paul Mertens (Hans Mahnke) in dem Skelettfund urplötzlich ihren angeblich im Krieg verschollenen Sohn Robert (Götz George) wiedererkennen, ist für einige der Protagonisten Schluss mit dem Verdrängen, da die Familie auf eine ordnungsgemäße Beisetzung seiner leiblichen Überreste besteht. Da aber Robert augenschlich sein Leben aufgrund einer Fahnenflucht lassen musste, gilt er auch im Jahre 1960 immer noch in der Mehrheit der Köpfe als Vaterlandsverräter, womit wir auch schon beim Kern dieser kritischen Aufarbeitung angelangt sind, denn die heutigen Würdenträger des Dorfes (Bürgermeister, Pfarrer...) waren 15 Jahre zuvor für das Geschehene mitverantwortlich. Insbesondere der heutige Bürgermeister Georg Hölchert (Wolfgang Reichmann) trug in seiner damaligen Funktion als Ortsgruppenleiter der NSDAP einiges zu dem grausamen Geschehen bei, was dem Zuschauer daraufhin in Form einer ausgiebigen Rückblende aufgezeigt wird. Erzählt wird die Geschichte des 18 jährigen Soldates Robert Mertens (Götz George), der aufgrund der Unmenschlichkeit des Krieges desertierte und heimlich Unterschlupf im Keller seines Elternhauses suchte.


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Da aber Vaterlandsverrat zu einer der schlimmsten Schanden des NS-Regimes zählte, gehörte Robert in den Augen der Nazis zu den todgeweihten Verrätern und somit an den Galgen. Staudte zeigt dabei die vorherrschenden und teils nachvollziehbaren Ängste der einfachen Dorfbewhoner auf, welche aufgrund der grausamen Diktatur um ihr eigenes Leben bangten und sich daher auch sehr schwer taten, dem zu recht desertierten Robert einen lebensspendenten Unterschlupf zu gewähren, denn zu groß waren die eigenen Ängste vor den todbringenden Repressalien der Partei. Selbst beim Pfarrer (Fritz Schmiedel) gerät angesichts der drohenden Repressalien das ansonsten so hochgehaltene Gebot der Nächstenliebe ganz schnell in Vergessenheit, wodurch auch er dem geläuterten Kriegstreiber nicht nur die benötigte Hilfe verwehrt, sondern ihm sogar noch die Notwendigkeit der Einhaltung des bedingungslosen Gehorsam vor der völkermordenden Obrigkeit predigt.

Der größte Doppelmoralist im Bunde ist hiebei der NSDAP-Ortsgruppenleiter Georg Hölchert, dessen Darbietung von der damaligen Kritik völligst zu unrecht als überkarrikatiert dargestellt wurde. Zum einen propagiert er nach Außen hin völlig schonungslos die propagandistischen Lügen des Führers, obwohl er im tiefsten Innern schon selbst nicht mehr so wirklich an den allseits propagierten Endsieg glaubt. Am Erschreckendsten entpuppt sich aber die Tatsache, dass dieser hochrangige und schuldbeladene Nazi in der Gegenwart weiterhin ein hohes Ansehen in der Dorfgemeinschaft genießt und dabei sogar das öffentliche Amt des ortsansässigen Bürgermeisters inne hat. Zu alledem scheint auch auch noch im Jahre 1960 weiterhin ungebrochen das krankhafte Gedankengut in vielen Köpfen vorzuherrschen, dass Vaterlandsverrat immer noch zu eine der größten Schanden der Nation zu zählen ist. So viel dann zur Ernsthaftigkeit einer erfolgreichen Entnazifizierung....


Ein außerordentlicher Beitrag des deutschen Nachkriegsfilms, der die Falschheit der vermeintlich heilen Welt aufzeigt und seine Finger unverblümt in die Wunde der selbsternannten Gutbürgern legt. Respekt!


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"An das deutsche Volk: Jeder, der Maßnahmen die unsere Widerstandskraft schwächen, propagiert oder gar billigt, ist ein Verräter! Er ist augenblicklich zu erschießen oder zu hängen. Gezeichnet: Adolf Hitler"



Zwei völlig daneben gegangene Filmkritiken:

Filmdienst

Der Spiegel (30/1960)

:ohman:

Dokumentation: Hinter den Kulissen des Klassikers » Die Mörder sind unter uns « (Wolfgang Staudte)


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 04.07.2016 17:47 
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ui. Den Youtube Schnipsel direkt mal weggeguckt.

Eine schande das es diesen Film nicht auf DVD gibt. Immerhin sah die Fernsehfassung sehr gut aus.

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 04.07.2016 18:03 
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Der wunderbare Film befindet sich momentan noch in der Mediathek der ARD und lässt sich dort in guter Qualität genießen!

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DER NAME DER ROSE (ARD-HDTV-Fassung), FASSBINDER COLLECTION (Limited Edition/Arrow),

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 04.07.2016 20:35 
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Don Ricuzzo hat geschrieben:
Der wunderbare Film befindet sich momentan noch in der Mediathek der ARD und lässt sich dort in guter Qualität genießen!

Kann mich den bisherigen Meinungen zu "Kirmes" nur anschließen. Ich bin total begeistert von diesem anspruchsvollen und glänzend inszenierten Film.
Den werde ich mir auch heute nochmal anschauen, da es dort bestimmt noch viel mehr zu entdecken gibt, als der erste Blick vielleicht hergegeben hat.
Toll übrigens, dass er überhaupt gesendet wurde! Es müssten viel mehr solcher in Vergessenheit geratenen Beiträge hervorgeholt werden.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 04.07.2016 21:55 
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Mein liebster Staudte. Und Staudte hat nun wahrlich viel Großartiges gedreht.

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 04.07.2016 22:28 
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Dr. Zombi hat geschrieben:
Und Staudte hat nun wahrlich viel Großartiges gedreht.

Das stimmt. Ich hab grade überlegen müssen, was ich den überhaupt so alles von ihm gesehen habe.
Wie solls anders sein, es sind hauptsächlich seine Beiträge für den Kriminalfilm, dadurch habe ich ihn als sehr guten Handwerker schätzen gelernt.
Beim Anschauen seiner Filmografie dachte ich mir allerdings, dass es da sicherlich noch ganz viele großartige Perlen zu entdecken gibt.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 09:41 
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Ich finde gerade wenn er versucht Gesellschaft kritische Filme zu drehen, dreht er richtig auf. Denn das ist irgenwie sein Element bei seinen Auftragsproduktionen fehlt etwas von seinem Herzblut. Dies ändert aber nicht daran, dass er meiner Meinung bei den ganz großen bei den deutschen Regie-Leuten mitspielt.
Von seinen Krimis kenne ich nur Fluchtweg St. Pauli und Tote brauchen keine Wohnung. Beide troll, letztere wurde für 19 Jahre für eine Wiederholung im TV gesperrt. Staudte schafft es halt irgendwie immer Leuten auf die Füße zu treten. Da kann mann sehen wie böse er manchen Leuten Dinge präsentiert hat.

Meine Lieblinge sind bis jetzt eher seine Frühen Werke. Die Mörder sind unter uns, der Untertan und jetzt auch Kirmes. Viel mehr habe ich noch nicht gesehen also kommen hoffentlich noch ein paar Überraschungen auf mich zu. Der Untertan war übrigens eine Zeit lang in West-Deutschland verboten.

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 14:40 
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Prisma hat geschrieben:
Dr. Zombi hat geschrieben:
Und Staudte hat nun wahrlich viel Großartiges gedreht.

Das stimmt. Ich hab grade überlegen müssen, was ich den überhaupt so alles von ihm gesehen habe.
Wie solls anders sein, es sind hauptsächlich seine Beiträge für den Kriminalfilm, dadurch habe ich ihn als sehr guten Handwerker schätzen gelernt.
Beim Anschauen seiner Filmografie dachte ich mir allerdings, dass es da sicherlich noch ganz viele großartige Perlen zu entdecken gibt.


Hab jetzt auch mal geguckt: kenne bisher 10 Filme von ihm, alles beliebige Sachen, die im Kino liefen oder die ich mal zu Hause im Fernsehen oder auf einem Bildträger gesehen habe. Sind aber nur Sachen zwischen seinen Kurzfilmen Anfang der 40er und seinem großen Meisterwerk HEIMLICHKEITEN von 1968. Alles was danach kam habe ich noch nicht gesehen.
Der Mann war ja zum Glück sehr produktiv, da gibt es viel zu entdecken.

Meiner Meinung nach zählt er neben Helmut Käutner, Veit Harlan und Harald Braun zu den besten Naziregisseuren.

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 14:47 
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Staudte ein Nazi-Regisseur?

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 15:11 
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nyby hat geschrieben:
Staudte ein Nazi-Regisseur?

Verstehe ich auch nicht Recht. Unter den Nazis war er doch nur ne kleine Rolle und hat nichts was irgenwie mit deren Idologie zu tun hat gedreht.

Nunja ich finde, dass er erst Bedeutung nach Ende des Krieges erlangt hat.

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 16:51 
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Der Name Helmut Käutner gehört auch nicht in die Kategorie.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 18:33 
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Dr. Zombi hat geschrieben:


Meiner Meinung nach zählt er neben Helmut Käutner, Veit Harlan und Harald Braun zu den besten Naziregisseuren.


Wie bitte?! Staudte, Braun und Käutner sollen "Naziregisseure" gewesen sein? Diese drei in Zusammenhang mit Harlan unter diesen 'Titel' zu subsumieren, ist mehr als unglücklich ausgedrückt!

Na ja, da hast du wohl einfach ein bisschen 'leichtherzig' in die Tasten gehauen?! ;)



Ich kann mich noch erinnern, bei einem Schulausflug "Der Untertan" im Kino gesehen zu haben. Das war ein ganz beindruckendes Erlebnis. Nicht nur die intelligente Story, auch die grossartige Leistung des 'entstellten' Werner Peters und die filmische Umsetzung haben mich nachhaltig beeindruckt.

Als ich dann irgendwann später den 'CrimeReisser' "Fluchtweg St. Pauli" im TV gesehen habe, dachte ich: Wow, das soll der gleiche Regisseur sein? Ach ja . . . der Staudte war wirklich ein ganz Grosser!


Zuletzt geändert von Jimmy Stewart am 05.07.2016 19:30, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 19:14 
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Ja, war wohl von mir etwas missverständlich formuliert.

Meinte nur generell Filmemacher die unter der Naziherrschafft in die Lehre gegangen sind und in den 30ern das Filmemachen begannen.

Ob Staudte als Regisseur sogenannte Propagandafilme gedreht hat weiß ich nicht, als Schauspieler hat er zumindest in einigen mitgewirkt (u.a. Pour le Mérite, Jud Süß, Legion Condor, ...reitet für Deutschland).

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 19:22 
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Interessante Lektüre ist das Interview mit zwei Staudte-Kennern, unter "Saarbrücker Hefte":

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 19:28 
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Auch sehr interessant:

"Staudte wird 1972 noch bei einem jüngeren "Klassiker" der Filmgeschichte Synchronregie führen. Auf ausdrücklichen Wunsch Stanley Kubricks ist er für die Übertragung von A CLOCKWORK ORANGE verantwortlich".

Quelle: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 19:55 
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Dr. Zombi hat geschrieben:
Ob Staudte als Regisseur sogenannte Propagandafilme gedreht hat weiß ich nicht, als Schauspieler hat er zumindest in einigen mitgewirkt (u.a. Pour le Mérite, Jud Süß, Legion Condor, ...reitet für Deutschland).


Nee, hat er nicht. Dem Filmtitel nach, dachte ich bei "Deutsche Siege in drei Erdteilen" auch zuerst: Ojeh! Es handelt sich aber um einen Rennsport - Film. :)

Und seine Beteiligung als Schauspieler an den Propagandafilmen, schätze ich nicht als 'Überzeugungsentscheidung' ein.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 20:19 
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Dr. Zombi hat geschrieben:
Alles was danach kam habe ich noch nicht gesehen.

Nach 1968, das ist eher so der Zeitraum, aus dem ich die meisten Sachen von ihm kenne.
So zum Beispiel seine 12 Beiträge für "Der Kommissar" oder "Kommissariat 9" und einige "Tatort"-Episoden.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 20:27 
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Lonestarr102 hat geschrieben:
Meine Lieblinge sind bis jetzt eher seine Frühen Werke. Die Mörder sind unter uns, der Untertan und jetzt auch Kirmes. Viel mehr habe ich noch nicht gesehen also kommen hoffentlich noch ein paar Überraschungen auf mich zu.

Die mag ich auch sehr, "Kirmes" ja erst neuerdings, und ich erinnere mich, dass wir "Der Untertan" damals sogar synchron zur Lektüre im Deutschunterricht gesehen hatten.
Ich mag auch noch "Rosen für den Staatsanwalt", "Der letzte Zeuge", "Die Herren mit der weißen Weste" und natürlich "Fluchtweg St. Pauli".
Von denen, die ich gesehen habe, fällt mir überhaupt nur ein Film von Staudte ein, der mir bislang nicht besonders gefallen hat und das war "Ganovenehre".
Aber wie gesagt, da gibts sicher noch viel zu entdecken!


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 20:35 
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Anlässlich einer Saarbrücker Vorführung von "Kirmes" vor zwei Jahren habe ich mal ein Interview mit einem Staudte-Kenner gemacht:





1960 drehte der Saarbrücker Regisseur Wolfgang Staudte den Film „Kirmes“: Götz George spielt einen Deserteur der Wehrmacht, der 1944 in seinem Heimatdorf Zuflucht sucht – und vom Dorf verstoßen wird, mit tödlichem Ausgang. Ein Interview dazu mit Andreas Lenhardt von der Saarbrücker Staudte-Gesellschaft.


Wie kontrovers wurde der Film damals, 1960, aufgenommen?

Lenhard: „Kirmes“ spaltete. Die dezenteren der ablehnenden Kritiker argumentierten mit formalen Schwächen, was bei einem politischen Film ja immer naheliegt, wenn man über das Thema nicht reden will – obwohl Staudte natürlich gerade eine Diskussion über Inhalte provozieren wollte in dieser lähmend-frostigen Zeit kurz vor dem Bau der Berliner Mauer. Er stellt die Frage nach der Rehabilitation der Wehrmachtsdeserteure, was letztlich nur auf Kosten des Mythos von der vermeintlich sauberen Wehrmacht hätte geschehen können. Und er spickt mehrere Szenen mit Sarkasmen gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands. Die „Süddeutsche“ hob den Film auf eine Stufe mit Bernhard Wickis „Die Brücke“.

Hatte der Film Erfolg beim Publikum?

Lenhard: „Kirmes“ lief schlecht, trotz der kontroversen Diskussion in den Medien. Es gab sogar einen Boykottaufruf und von ganz rechts her die Aufforderung, die Verbreitung dieses „Hetz- und Lügenmachwerks“ mit rechtlichen Mitteln zu verhindern. Es gab Leute, die sich beleidigt fühlten. Auch hob man hervor, dass Staudte als Mensch suspekt war, weil er vorher in der DDR Filme gedreht hatte. Dann geschah etwas sehr Befremdliches: Noch vor Beendigung der Kinoauswertung wurde der Film als Überraschungsfilm im Weihnachtsprogramm des DDR-Fernsehens ausgestrahlt. Wie das geschehen konnte, ist ungeklärt. Jedenfalls nutzten etliche Kinobetreiber diese Gelegenheit, zum Schaden des Verleihs, aus bereits abgeschlossenen Aufführungsverträgen auszusteigen.

Die Filmbewertungstelle hat „Kirmes“ ein Prädikat verweigert.

Lenhard: Ja, mit mit der Begründung, die Darstellung sei unglaubwürdig und menschenverachtend. Der Film behaupte ja, dass die Bewohner des Dorfs aus ihrer Erfahrung der Diktatur und des Krieges nichts gelernt hätten. Nach Staudtes Widerspruch erhielt der Film dann doch das Prädikat „wertvoll“, abgeschwächt durch den Hinweis auf Details, die als „tendenziöse Absicht“ missverstanden werden könnten.

War die Rezeption im Ausland besser?

Lenhard: Staudte sagte, dass er die Aufführungen in mehreren skandinavischen Ländern als Prestigeerfolg für Deutschland erlebt habe. Sie hätten vertrauensbildend gewirkt.

Wie ordnen Sie „Kirmes“ im Gesamtwerk Staudtes ein?

Lenhard: „Kirmes“ gehört zu jenen Filmen, die Staudte sich geschworen hatte, machen zu müssen als politisch verantwortlicher Künstler. Ich halte ihn für seinen persönlichsten Film, der Einblick gibt in Staudtes alarmierten Zustand anlässlich der restaurativen Tendenzen in der jungen Bundesrepublik – aber auch in seine Traurigkeit über die Schwäche der Menschen. Die will er nicht anklagen, aber den Krieg, in dem er den einzelnen Menschen moralisch überfordert sieht.

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 20:53 
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Sehr interessante Hintergrundinformationen, Danke fürs Teilen, nyby!


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 20:58 
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Aber gerne!

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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 05.07.2016 21:38 
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Ein wirklich sehr interessantes Interview, nyby! Dass nicht nur die 'Rechtsaussen', sondern auch die 'Mitte', sogar staatliche Institutionen, gegen diese wohl kaum als übertrieben emotionalisiert zu bezeichnende Aufarbeitung geschossen hat, ist heute als wichtiges Mahnmal einzuschätzen.

Ich meine mich zu erinnern, gelesen zu haben, dass auch zu Käutners "Unter den Brücken" zuerst aus dem skandinavischen Raum sehr gute Kritiken kamen - obwohl man das natürlich nicht so direkt vergleichen kann. Aber es gibt doch ein ganz gutes Bild dieser Zeit ab.


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 11.07.2016 12:08 
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KIRMES

● KIRMES (D|1960)
mit Juliette Mayniel, Götz George, Hans Mahnke, Manja Behrens, Wolfgang Reichmann, Fritz Schmiedel,
Benno Hoffmann, Elisabeth Goebel, Erica Schramm, Irmgard Kleber, Horst Niendorf, Raidar Müller, u.a.
eine Freie Film Produktion | im Europa Filmverleih
ein Film von Wolfgang Staudte


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»Wir zeigen Ihnen heute Abnormes und Enormes«

In einem Dorf in der Eifel findet sie alljährliche Kirmes statt. Als man das Karussell auf dem Festplatz aufbauen will und für die Befestigung ein Loch gräbt, kommt ein grausiger Fund in Form eines Skeletts zum Vorschein, außerdem eine Maschinenpistole und ein Helm der Wehrmacht. Die Überraschung ist groß, als plötzlich Frau Mertens (Manja Behrens), eine alteingesessene Bewohnerin des Dorfes behauptet, dass es sich bei den Gebeinen um ihren Sohn Robert (Götz George) handelt, der 1944 desertiert war. Mit dem Fund kommt eine lange verschwiegene, aber genauso schockierende Geschichte zum Vorschein, die mehrere Personen das Gesicht verlieren lassen...

»Ein paar Knochen und ne alte verrostete Knarre«, hört man von einer jungen Dame, die sich im selben Moment desinteressiert abwendet, um sich den schöneren Angeboten der Kirmes zu widmen. Betrachtet man den Menschenauflauf, so hat die Veranstaltung nicht nur eine zusätzliche, sondern eigentlich auch eine der zugkräftigeren Attraktionen gefunden und alles geht Schlag auf Schlag. Unsentimental geht man mit dem Leichenfund um, alles Nötige soll in die Wege geleitet werden, bis es einen ersten frühen Schock gibt. »Das Bündel da draußen war einmal unser Sohn Robert.« Schnell werden hektische Stimmen laut, denen ein Märchen vom unbekannten Soldaten lieber wäre, es würden Unannehmlichkeiten erspart und der Aufwand hielte sich auch in Grenzen, doch eine Mutter besteht auf ihrer Behauptung, dass es sich definitiv um ihr Kind handle. Konträr zum luftig-leichten Titel des Films macht sich eine eigenartige Schwere und Bedrängnis breit, es stellt sich daher unmittelbar die spannende Frage, wohin einen dieser Verlauf noch führen wird. Plötzlich werden alte Stimmen von Funktionären aus dem Krieg wieder laut, man windet sich und die mittlerweile fest in der eigenen Tasche isolierte Faust findet um mehrere Ecken herum neue Einsatzgebiete, wenig später präzise Skizzierungen. Bereits zu diesem Zeitpunkt ahnt man, dass sich der Film mit Rückblenden beschäftigen wird und vom Schauplatz Kirmes, normalerweise einem Sammelbecken für Ausgelassenheit und Freude, wird der Zuschauer plötzlich mit einer erschreckenden Exekution konfrontiert. In dieser Szene zeigt sich bereits die besondere inszenatorische Qualität dieses Beitrags, außerdem ein für diese Zeit vielleicht nicht gerade übliches Engagement der Regie.

Parolen, Worthülsen und Abschreckung provozieren ein irritierendes, hauptsächlich erzwungenes Mitläufertum, welches naturgemäß eine gewisse Entrüstung, aber auch ein Gefühl der Hilflosigkeit hervorruft. Als unangenehm wirkender Verstärker funktioniert zusätzlich eine Art sterile Kehrtwende des Verlaufs, in dem es eben doch noch so heiter zugegangen war. Plötzlich ist wieder Kriegszustand, die Waffen der Schießbuden werden durch echte ersetzt, Angst, Verfolgung und Bedrohung lauern in jedem Winkel der Szenerie. Kinder kolportieren die Geschichte des Landesverräters, der soeben hingerichtet wurde und die Atmosphäre wird zusehends unbehaglicher, vor allem auch, weil Ortsgruppenleiter Georg Hölchert sein Unwesen treibt und nach nicht linientreuen Bürgern herumschnüffelt. Diese Person, um nicht zu sagen, dieser Prototyp, wird so hervorragend dargestellt von Wolgang Reichmann und er bringt seine Interpretation in Gestalt, Wort und Tat überaus präzise auf den Punkt. Überhaupt bekamen die Darsteller sehr anspruchsvolle Aufgaben anvertraut und es lässt sich ein sehr hohes Niveau an darstellerischer Kompetenz feststellen, jeder von ihnen kommt in Einklang mit den größtenteils schwierigen Anforderungen. So spielt sich Multitalent Götz George langsam in den Fokus der Geschichte, angesichts der Anlegung dieser Rolle und den Gewissheiten, die der Verlauf früh festlegt, transportiert sich Tragik und eine ernüchternde Determination, die umso erdrückender wirkt, weil sich ein Ende des Krieges und die Verbindung zur Französin Annette anbahnt. Lichtblicke und Hoffnungsschimmer werden gerade von den Hauptpersonen skizziert, doch potentielle Schocks schweben wie ein schwarzer Schatten über dem Szenario. Die Leichtfüßigkeit und die Spiellaune der Französin Juliette Mayniel färbt den Verlauf mit trügerischer Sorglosigkeit, eine Art C'est-la-vie-Prinzip führt den Zuschauer immer wieder auf dünnes Eis.

Weitere hochklassige Leistungen zeigen Hans Mahnke und Manja Behrens als Roberts Eltern, die zwischen gefährlicher Diplomatie, aufsteigender Desillusionierung und nackter Angst hin- und herpendeln werden. Viele weitere bekannte Darsteller runden das Geschehen im Rahmen ausgefeilter Charakterdarstellungen ab, sodass man sowohl handwerklich, als auch stilistisch sozusagen mehrfache Qualitätsansprüche herausfiltern kann. Wolfgang Staudte bedient sich des hervorragenden Stilmittels, von Anfang an ein Damoklesschwert über die Geschichte zu legen. Da man als Zuschauer meint, den Verlauf weitgehend vorausahnen zu können, entstehen umso größere Schockerlebnisse, wenn trotzdem das Unerwartete passiert. Als Ursprung hierfür dient die Unberechenbarkeit gewisser Personen, die den Protagonisten möglicherweise selbst die Nächsten sein könnten. Der heimliche Kampf von Moral und Werten wird zur empfundenen Sisyphusarbeit, hohe Widerstände dominieren die Szenerie und machen das Anschauen meistens nicht leicht. Oftmals ist einem so, als habe man den Titel des Films vergessen oder vielleicht sogar falsch verstanden, aber im Endeffekt ist er an Doppelbödigkeit kaum zu übertreffen. War also am Ende alles nur "Kirmes"? Der hier entlarvende Blick der Regie in Richtung einiger Personen bestätigt den Eindruck, dass sich unter dem Nimbus eines "Spiels", wie dieses auch heißen mochte oder möge, für sie alles rechtfertigen und vergessen lässt. Das Finale im Bereich der Rückblenden versetzt einen großen Tiefschlag und wird mit dem eigentlichen Finale auf dem Festplatz zur universellen Anklage gegen diejenigen von damals, die immer noch, oder eben trotzdem mit ausgelassenem Gehabe am ewigen Ort des Geschehens zu beobachten sind. Regisseur Wolfgang Staudte ist ein Mahnmal gelungen, welches im Gros des deutschen Nachkriegsfilms mit Mut zur Wahrheit und intelligenter Reflexion hervorsticht. Großartig!


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 11.07.2016 19:45 
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Vielen Dank für diese sehr bemerkenswerte Vorstellung, werter Prisma :dh:

Prisma hat geschrieben:
Parolen, Worthülsen und Abschreckung provozieren ein irritierendes, hauptsächlich erzwungenes Mitläufertum, welches naturgemäß eine gewisse Entrüstung, aber auch ein Gefühl der Hilflosigkeit hervorruft. .....


Gerade die Darstellung dieser eigentlich paradoxen Situation ist Wolfgang Staudte meiner Meinung nach sehr gut gelungen, da er es gänzlich vermeidet, das Ganze auch noch mit gehobenem Zeigefinger zu kommentieren. Er zeigt einfach nur das entsprechende Menschsein im Rahmen einer Diktatur des Schreckens.


Prisma hat geschrieben:
Plötzlich ist wieder Kriegszustand, die Waffen der Schießbuden werden durch echte ersetzt, Angst, Verfolgung und Bedrohung lauern in jedem Winkel der Szenerie.


Dieser plötzliche und zugleich völlig unerwartete Bruch schlug mir auch sofort auf den Magen, wobei bereits schon kurz zuvor ein sehr interessanter Bildwechsel von Statten ging, und zwar genau anders herum: Nachdem das "echte" Maschinengewehr (durch welches eine hohe Anzahl unschuldiger Menschen im Krieg ihr Leben lassen mussten) geborgen wurde, wechselt der nächste Bildschnitt sofort zum heiteren Freizeitspaß an der Schießbude (Preisschiessen!)

Bild Bild




Prisma hat geschrieben:
In einem Dorf in der Eifel findet die alljährliche Kirmes statt....


Dabei wurde der Film eigentlich gar nicht in der Eifel abgedreht, sondern im Harz: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** Genauer gesagt in Barbis, einem Stadtteil von Bad Lauterberg (Landkreis Osterode, Niedersachsen) :)




Desweiteren bin ich zufällig über einen weiteren Artikel aus dem Spiegel gestolpert, der sich mit der sehr interessanten Fragestellung beschäftigt, wie es damals gelang, eine Kinokopie in den Osten der Republik zu schleusen, die daraufhin ungefragt im DDR Fernsehen ausgestrahlt wurde?

Zu dieser Frage kursieren in Westberlin fünf (unbestätigte) Versionen, die unter dem folgenden Link nachgelesen werden können: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** (DER SPIEGEL 4/1961)

Die Staudte-Version
Die Wildwest-Version
Die Ostblock-Version
Die Interzonen-Version
Die Gambaroff-Version


Dagegen scheint es bei der diesjährigen 35 mm Vorführung in Saarbrücken wieder mit rechten Mitteln zugegangen zu sein: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** 8-)


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 12.07.2016 00:45 
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Richie Pistilli hat geschrieben:
Gerade die Darstellung dieser eigentlich paradoxen Situation ist Wolfgang Staudte meiner Meinung nach sehr gut gelungen, da er es gänzlich vermeidet, das Ganze auch noch mit gehobenem Zeigefinger zu kommentieren.

Finde ich auch, dass diese Strategie sehr gelungen ist. Viele Filme, beziehungsweise Regisseure haben sich solch wertende Vorgaben ja oft nicht aufgespart, was das Potential zur Reflexion dann unter Umständen und bereits im Vorfeld zu viel einschränken kann. Außerdem muss man dem Zuschauer meines Erachtens ja auch nicht alles vorgeben. Beiträge mit Kriegs-Inhalten sind ja naturgemäß ohnehin als schwerer Stoff zu werten, wenn es dann aber noch zu belehrend wird, macht es das Anschauen nicht leichter. Bei "Kirmes" war die Handhabe in dieser Beziehung, aber auch generell sehr überraschend für mich.



Richie Pistilli hat geschrieben:
Dabei wurde der Film eigentlich gar nicht in der Eifel abgedreht, sondern im Harz

Oh, das wusste ich nicht. Hatte da zwar mal kurz nachgeschaut, da die Eifel ja nur um ein paar Ecken von mir entfernt ist, aber nichts dazu gefunden.
Naja, war ja bei vielen Filmen so, die meisten Wallaces haben ja beispielsweise auch eher ein kontinentales Flair. :lol:

Ich hatte mir "Kirmes" noch ein zweites Mal angeschaut und muss sagen, wie nachhaltig beeindruckt in von Wolfgang Reichmanns Darstellung bin. Man kann vielleicht nicht sagen, dass er ein derartiges Rollen-Abonnement hatte, aber viele seiner Charaktere wurden mit dem gleichen Grundprinzip ausgestattet. Durch und durch zynische, aggressive und berechnende Personen, die oftmals kultiviert im Auftreten waren, aber die ausschließlich darauf ausgerichtet waren, andere zu bedrohen und zu quälen, und sei es nur aus purem Vergnügen. So in etwa wie die eigene Beute einfach nur totzuspielen. Hervorragende Performances von Wolfgang Reichmann sieht man beispielsweise auch in "Der Regen verwischt jede Spur" oder im Pilotfilm zu "Der Alte".


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 12.07.2016 07:24 
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Prisma hat geschrieben:
.... da die Eifel ja nur um ein paar Ecken von mir entfernt ist...


Ach, bei Dir auch? :D


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 Betreff des Beitrags: Re: KIRMES - Wolfgang Staudte
BeitragVerfasst: 14.07.2016 00:30 
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Das wundert mich nicht.
Beim Lesen hier im Forum habe ich den Eindruck, dass 90% von euch im Großraum Köln wohnen. Dort, wo die Spezialkinos immer so tolle alte Filme zeigen, die man hier östlich des Harzes nie zu sehen kriegt :cry:


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