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 Betreff des Beitrags: DER SCHWARZE FREITAG - August Everding
BeitragVerfasst: 16.09.2018 19:55 
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BEWERTET: "Der schwarze Freitag" (Deutschland 1966)
mit: Curd Jürgens, Erik Ode, Dieter Borsche, Hans Christian Blech, Wolfgang Reichmann, Heinz Engelmann, Franz Rudnick, Ullrich Haupt, Paul Hoffmann, Hermann Lenschau, Manfred Steffen, Wolfgang Neuss, Hans Schellbach, Horst Beck, Hans Ulrich, Peter Capell u.a. | Drehbuch: Maria Matray und Answald Krüger | Regie: August Everding

Oktober 1929. Richard Whitney, der Präsident der New Yorker Börse, kauft im Auftrag der Großbanken 240 Millionen Aktien, um die Börse zu stützen, kann aber den Zusammenbruch des Aktienmarktes nicht verhindern. Der amerikanische Senat beruft einen Untersuchungsausschuss ein, um zu klären, ob der Crash durch Leerverkäufe bewusst herbeigeführt wurde und lädt Whitney vor, um ihn zu befragen. Dieser bereichert sich bereits seit Jahren durch unrechtmäßige Transaktionen mit den Geldern seiner Kunden und nun droht alles aufzufliegen....

Bild Bild Bild

Curd Jürgens verkörpert als Richard Whitney jene Eigenschaften, welche die breite Masse mit einem Top-Spekulanten der NYSE verbindet: Skrupellosigkeit, Wagemut und Nervenstärke. Gelangweilt lehnt er sich breitbeinig in seinem Kanapee zurück, als er vor den Senatoren des Untersuchungsausschusses der Regierung aussagen soll. Seine ganze Haltung drückt Verachtung aus. Die anwesenden Herren und ihre Fragen widern ihn in ihrer Ahnungslosigkeit an, er blickt auf die Börsenlaien herab und jede geforderte Erklärung scheint ihm jene Qualen zu bereiten, welche ein Genie in Gegenwart von Dummköpfen ereilen. Die Selbstüberschätzung, der Zynismus und die Arroganz eines Richard Whitney finden in Curd Jürgens ihren Meister. Ein müdes Lächeln umspielt seine Lippen, während er sich betont nachlässig gibt, so, als bestünde kein Grund, sich besonders anzustrengen oder den Dienern des Staates Respekt zu erweisen. Der kalte Blick und die sarkastischen Worte des Geladenen treffen jeweils auf unterschiedliche Reaktionen. Erik Ode, dem die Materie fremd ist, sucht nach Antworten und scheut sich nicht, Fragen zu stellen, deren Beantwortung Whitney für unter seiner Würde hält. Ode hat sichtlich Freude an der Rolle des Vertreters der "Vox populi" und zeigt sich engagiert und offen für alle Belehrungen durch den Fachmann, dessen beleidigender Unterton ungehört an ihm abperlt. Wolfgang Reichmann gibt sich als scharfer Ankläger, der dem Vorsitzenden gern ins Wort fällt, wenn ihm Whitneys Antworten zu ausweichend oder unpräzise sind. Dieter Borsche leitet die Sitzung souverän und ist der Einzige in der Runde, dem Whitney Respekt entgegen bringt. Borsches akribische Vorbereitung und sein trockener Ernst lassen keine Emotionen hochkochen.

Im allgemeinen lässt sich jedoch sagen, dass die Tatsache, diesen kleinbürgerlichen Banausen Rede und Antwort stehen zu müssen, Whitney teils amüsiert, teils von ihm als Zumutung empfunden wird. Seine Abneigung drückt sich im Ton seiner Erklärungen aus, der von gleichgültigem Abnicken bis zur aggressiven Rage reicht. Wieder einmal schöpft Jürgens aus dem Großmannsgehabe, das er auch privat gern zeigte und seiner Fähigkeit, andere einzuschüchtern. Die Bereitschaft, eigene Vergehen als Kavaliersdelikte nicht nur zu tolerieren, sondern konsequent zu kultivieren, lässt ihn zu spät erkennen, wann das Spiel verloren ist. Die Verwunderung über die kleinkarierte Selbstbeschränkung seiner Mitmenschen bestärkt ihn im Gefühl, klüger und weitsichtiger zu handeln als der Durchschnitt. Der Kaviar und die Lackschuhe stehen nie weit entfernt und beides sind Insignien von Jürgens' Überzeugung, das Beste wäre für ihn gerade gut genug. Die gekränkte Fassungslosigkeit über das Unverständnis seiner Umgebung lässt ihn stets entgeistert und offensichtlich beleidigt zurück. Majestätsbeleidigung ist nur schwer zu ertragen. Nachdem sich das Geschehen vom kargen Bürokratensaal ins Private verlagert hat, gibt sich Jürgens in der Gegenwart seines Bruders, den Paul Hoffmann mit der ihm eigenen stillen Würde spielt, jovial und schmeichelnd kleinlaut - je nachdem, mit welcher Tonlage er glaubt, mehr erreichen zu können. Das Ansehen seiner Bank ist Hoffmann viel wert; der gute Name und sein Ruf als seriöser und verlässlicher Geschäftsmann lassen ihn einlenken und Nachsicht üben, obwohl er damit gegen sein besseres Wissen handelt. Die Beeinflussung durch seinen egozentrischen Bruder macht ihn bitter.

Der Fernsehfilm wurde von August Everding geleitet, der vor allem wegen seiner Operninszenierungen bekannt ist und früher mit Fritz Kortner und Hans Schweikart zusammengearbeitet hat. Das Lehrstück in Sachen Wirtschaftspolitik der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre bringt dem Laien den Zusammenbruch des Aktienmarkts näher, was vor allem an der geschickten Montage von Originalaufnahmen der Wochenschauberichte liegt, die Horst Tappert kommentiert und die dann zur Person von Richard Whitney überleiten, in dem man den Schuldigen für diese weitreichenden Ereignisse gefunden zu haben scheint. Obwohl alle Handlungen in Räumen spielen, beschleicht den Zuschauer in keiner Minute eine einengende Beklemmung wie sie oftmals in früher entstandenen Fernsehspielen zu spüren ist. Der Unterhaltungswert rührt auch von den Dialogen des versierten Autorenduos Matray/Krüger her, das schon viele Arbeiten für den Krimibereich abgeliefert und sich dabei ausgleichend beeinflusst hat. Der dokumentarische Charakter wird durch die engagierten Schauspielleistungen aufgewogen, welche je nach Temperament des Darstellers einen repräsentativen Bevölkerungsdurchschnitt zeigen und somit einen Anwalt des Publikums. Die Inszenierung der Anhörung vor dem Untersuchungsausschuss kommt einer Gerichtsverhandlung gleich und bedient sich deshalb der selben schmackhaften Zutaten wie hitzige Verfahren, die über Mordfälle zu befinden haben. Das komplexe Thema wird verständlich und unterhaltsam aufbereitet und wartet mit prominenten deutschen Mimen auf, deren Beteiligung schon so manchen Film aufgewertet hat.


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