Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
Aktuelle Zeit: 19.04.2018 21:25

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: EKEL - Roman Polanski
BeitragVerfasst: 03.04.2018 23:50 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 07.2013
Beiträge: 6111
Geschlecht: nicht angegeben
Bild

Produktionsland/Jahr: Großbritannien 1965
Darsteller: Catherine Deneuve, Ian Hendry, John Fraser, Yvonne Furneaux, Patrick Wymark
Drehbuch: Roman Polanski & Gérard Brach
Produziert von: Gene Gutowski
Musik: Chico Hamilton

Die Maniküristin Carole (Catherine Deneuve) lebt mit ihrer etwas älteren Schwester Hélène (Yvonne Furneaux) in einer kleinen Londoner Vorstadtwohnung. Während die lebenshungrige Helen die meiste Zeit mit dem verheirateten Michael (Ian Hendry) verbringt, lebt die sensible Carole zurückgezogen. Wie in einem Traum bewegt sie sich durch den Tag und reagiert mit großer Abscheu auf die Annäherungsversuche diverser Männer. Wahrhaftigen Ekel empfindet sie auch für Michael. Angewidert betrachtet sie seine Zahnbürste und sein Rasiermesser im Badezimmer.

Als Michael und Hélène nach Italien verreisen, überlassen sie Carole den Auftrag, die noch ausstehende Miete dem Hauswirt zu übergeben. Carole scheint der Gedanke, mit dem Hauswirt allein zu sein, stark zu beschäftigen - so sehr, dass sie bei der Arbeit einer älteren Dame in den Finger schneidet und nach Hause geschickt wird. Dort bekommt sie blanke Panik: Sie verriegelt die Tür und alle Fenster. Als ihr Freund Colin (John Fraser) zu Besuch kommt, um nach ihr zu sehen, öffnet sie nicht. Besorgt öffnet Colin die Tür gewaltsam, was dazu führt, dass Carole völlig den Verstand verliert...
(Moviepilot)

Erste britische Produktion von Polanski und der erste Teil einer losen Trilogie zum Thema "Mieter-Dasein".
Von Beginn an merkt man, dass Carole irgendwie nicht normal ist.
Bei der Arbeit wirkt sie abwesend, wenn sie alleine durch die Straßen Londons streift, ist ihr Blick starr, ihr Gesicht zeugt von hoher Angespanntheit, Nervosität, sogar Angst.
Aber auch zuhause bessert sich dies nur geringfügig, sie wirkt trotz der Anwesenheit ihrer Schwester, ob der Anwesenheit von deren Geliebten sehr schüchtern, scheint von ihm angewidert und spricht nur wenn es unbedingt sein muss.
Das bessert sich jedoch nie, ganz im Gegenteil.
Als Caroles Schwester mit ihrem Geliebten auf Urlaub fährt, markiert dies einen Knackpunkt.
Bis dahin sind ca. 40 Minuten vergangen.
Diese 40 Minuten nimmt sich Polanski zeit, Carole ausführlich dem Zuschauer vorzustellen.
Das macht er eigentlich nicht schlecht, jedoch ist diese "Aufwärmphase" auch von mehreren kleinen Längen gekennzeichnet, obwohl Polanski durch fast permanent ungewöhnlich nahe Fotografie immer ein ganz eigenartiges Gefühl vermittelt.
Als wäre der Zuschauer ein Schatten von Carole, würde sie tatsächlich überall hin begleiten und ihr immer über die Schulter schauen.
Auch das kann in meinen Augen kleinere Längen nicht vermeiden, aber abgesehen davon ist es das perfekte Vorspiel für den noch kommenden Wahnsinn.
Wenn Carole dann endgültig alleine in der Wohnung ist, bricht ihre Krankheit bald in vollem Ausmaß hervor.
Sie nicht mehr im Stande, arbeiten zu gehen, hat diverse Wahnvorstellungen von einem Mann, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht und sie vergewaltigen will, über Risse in den Mauern bis zu Händen, die aus den Mauern ragen.
Die Isoliertheit im zweiten Teil, das zusehends schneller voranschreitende Abdriften in den Wahnsinn, die vereinzelten, aber effektiven Schockmomente - all das lässt die letzten ca. 60 Minuten in den Bereichen atmosphärische Dichte, Spannung und Intensität kontinuierlich steigen.
Sparsamer Musikeinsatz ist ausnahmsweise auch nicht unbedingt ein Fehler (ich hätte mir nur etwas mehr Jazz gewünscht).
Polanski dirigiert die große Catherine Deneuve in seinem erst zweiten Langfilm durchaus mit erstaunlich sicherer Hand, holt das Beste aus ihr heraus.
Somit wird EKEL trotz mehrerer Schwächen zu einem immer noch überwiegend angenehmen Psychothriller.
7,5/10 (mit Potenzial nach oben).

Trailer:
www.youtube.com Video From : www.youtube.com


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: EKEL - Roman Polanski
BeitragVerfasst: 04.04.2018 11:47 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 04.2010
Beiträge: 339
Geschlecht: nicht angegeben
EKEL ist für mich mit Abstand der beste Polanski und auch seit jeher einer meiner Lieblingsfilme.

Hier stimmt einfach jede Einstellung, nichts ist dem Zufall überlassen. Der verzerrte Blick in den Wasserkessel, die grinsenden Bauarbeiter, das vor sich hinschimmelnde Kaninchen, das bizarre Musiktrio auf der Straße.

Die Morde, die Carole begeht, sind dabei noch nicht einmal das wichtigste Element, sondern vielmehr der Wahnsinn einer zutiefst gestörten Seele, aus dessen Blickwinkel der Zuschauer das Ganze wahrnehmen muss. Alle übrigen Protagonisten des Filmes erscheinen in ihrer Normalität extrem oberflächlich.

Die Handlung plätschert zunächst eher gemächlich dahin, was durchaus beabsichtigt war. Bis zu jenem ersten Schockmoment, bei dem der Zuschauer unwillkürlich zusammenzuckt. Carole bewegt die Spiegeltüre des Kleiderschrankes und sieht für den Bruchteil einer Sekunde die Silhouette eines Mannes.

Von da ab verschmelzen Realität und Einbildung miteinander und unterliegen einer stetigen Steigerung.

Die an sich normal zugeschnittene Wohnung erscheint am Ende riesengroß. Der kleine Korridor verwandelt sich in ein langes Labyrinth.

Dieser Film ist ohne Übertreibung ein Meisterwerk. Zudem ist die deutsche Synchronisation hervorragend auf die Charaktere abgestimmt, allen voran die Stimme Carole's mit dem leicht französischen Akzent.

Hier ist noch einmal der Trailer der deutschen Fassung:



Rund 10 Jahre später nahm Polanski mit "Der Mieter" diese Thematik noch einmal auf und schlüpfte selbst in die Rolle eines vom Wahnsinn Getriebenen. Auch dieser Film ist genial, kommt aber an die Intensität von "Ekel" nicht heran.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: EKEL - Roman Polanski
BeitragVerfasst: 04.04.2018 14:46 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 07.2013
Beiträge: 6111
Geschlecht: nicht angegeben
Ragory hat geschrieben:
Rund 10 Jahre später nahm Polanski mit "Der Mieter" diese Thematik noch einmal auf und schlüpfte selbst in die Rolle eines vom Wahnsinn Getriebenen. Auch dieser Film ist genial, kommt aber an die Intensität von "Ekel" nicht heran.

Das wird sich in den nächsten Tagen (spätestens nächste Woche irgendwann) herausstellen.
Ich stehe ja noch am Anfang meiner kleinen Früh (und auch Hoch?)phasen Polanski-Retro.
DER MIETER ist davon der letzte, weil "neueste", Titel.

EKEL war diesmal auf jeden Fall bei weitem nicht so schlimm, wie beim ersten Mal, wo ich ziemlich gelangweilt davon war.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: EKEL - Roman Polanski
BeitragVerfasst: 04.04.2018 22:50 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 12.2013
Beiträge: 3280
Wohnort: Provinzmetropole an Rhein und Mosel
Geschlecht: männlich
"Der polnische Avantgardist (Polanski) und die englische Produktionsfirma Compton Films ließen ihr "Ekel"-Projekt, bevor sie zu drehen begannen, von einem Londoner Psychiater und vom Sekretär des britischen Zensur-Rates, John Trevelyan, prüfen. Der Psychiater nannte das Drehbuch "genial" :) , der Zensor zog anfängliche Bedenken zurück: er wolle sich auf Polanskis Stilgefühl und Geschmack verlassen."

*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
© phpBB® Forum Software | phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker