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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 01.12.2014 13:00 
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Kirk Douglas

STADT OHNE MITLEID

● TOWN WITHOUT PITY / STADT OHNE MITLEID (US|D|CH|1961)
mit Barbara Rütting, Christine Kaufmann, Hans Nielsen, Karin Hardt, Ingrid van Bergen, Robert Blake, Frank Sutton,
Richard Jaeckel, Alan Gifford, Mal Sondock, Gerhart Lippert, Rose Renée Roth, Egon von Jordan sowie E.G. Marshall
eine Gemeinschaftsproduktion der Mirisch Corporation | Gloria | Osweg | im Gloria Filmverleih
ein Film von Gottfried Reinhardt


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»Was heißt das, negotiate?«

Karin Steinhof (Christine Kaufmann) wird von vier betrunkenen US-Soldaten vergewaltigt und wegen dieser Tat droht den vier Männern nun die Todesstrafe, die von der Staatsanwaltschaft auch klar gefordert wird. Die deutsche Kleinstadt, in der sich das Verbrechen ereignete, ist empört und fordert Genugtuung. Steve Garrett (Kirk Douglas) ist mit der schwierigen Verteidigung beauftragt und strebt einen Kompromiss an. Falls die Anklage auf die Todesstrafe verzichten sollte, bekennen sich die vier Männer schuldig. Außerdem würden dem Opfer somit peinliche Fragen im Zeugenstand und dem öffentlichen Kreuzverhör erspart bleiben. Doch die Strategie der Verteidigung scheitert am Widerstand von Karins Vater (Hans Nielsen) und der Sensationsgier der Öffentlichkeit. Der Prozess nimmt seinen Lauf und provoziert eine Hexenjagd, bei der die Katastrophe vorprogrammiert erscheint...

Gottfried Reinhardts Spielfilm "Stadt ohne Mitleid" kann zu den ganz großen Beiträgen im Bereich des Justiz-Dramas gezählt werden und schildert eine bedrückende Geschichte mit all ihren perfiden Gesichtern überaus eindringlich und nachhaltig. Die Geschichte erteilt dem Effekt weitgehend eine deutliche Absage und mithilfe von sehr bewegenden Bildern und gestochen scharfen Psychogrammen entsteht ein Verlauf, in den sich die Ohnmacht der Opfer quasi auf den Zuschauer übertragen wird. Hierbei entsteht jedoch keine Schwarz-Weiß-Malerei, die eine Seite der Medaille nicht ausreichend beleuchten will, oder falschen Patriotismus, Optimismus oder unangebrachte Sentimentalitäten kolportieren will, die Abhandlung geschieht überaus kritisch und hinterlässt einen nahezu fassungslosen Beigeschmack. Trotz aller Sterilität und einer gewissen Starre von vielen Beteiligten, kommt es zu eindeutigen Berührungspunkten, so dass man es nicht anders sagen kann, dass der Film immer ungemütlicher, bewegender und abverlangend wird. Die Geschichte wird mit Unbekümmertheit eröffnet und innerhalb weniger Minuten werden mehrere Existenzen zerstört. Dabei kann man die Strategie von Regie und Drehbuch schon als genial bezeichnen, denn der Zuschauer wird ebenfalls in den Zeugenstand gezwungen. Einerseits kann man die Ungerechtigkeit, die das Opfer erdulden muss, kaum ertragen, doch andererseits entsteht die berechtigte Hoffnung, dass die vier jungen Soldaten trotz der schrecklichen Tat nicht zum Tode verurteilt werden. Diese Schachmatt-Situation lässt ein taubes Gefühl entstehen, da es gewiss ist, dass Unschuldige und Unbeteiligte auf der Strecke bleiben müssen. Die Kleinstadt wird durch diesen zwar bedauerlichen, aber anscheinend willkommenen Vorfall zum Hexenkessel und man sieht das komplette Repertoire innerhalb des Kleinbürgertums, der Doppelmoral und der Sensationslust. Die Handlung wird von Anfang bis Ende durch Barbara Rütting als Erzählerin begleitet und auch der Song 'Town Without Pity' von Gene Pitney begleitet den sich immer mehr zuspitzenden Verlauf wie ein langsam verhallendes Echo, selbst wenn der Film bereits zu Ende ist.

Christine Kaufmann erhielt für ihre präzise und bewegende Leistung des Missbrauchsopfers Karin Steinhof den Golden Globe Award als Beste Nachwuchsdarstellerin. Ihre Fähigkeit, Emotionen glaubhaft darzustellen und zu transportieren erweist sich hier als Fundament dieser Geschichte. Mit ihr braucht man jedoch nicht auf einen reibungslosen Verlauf zu hoffen, denn es lauern überall erschreckende Komplikationen. Im späteren Verlauf entsteht sogar der Eindruck, dass sie die Angeklagte sei, die sie es mit ihren körperlichen Reizen nur darauf angelegt habe, die Männer zu verführen. Auch die Stadt mutiert zum kollektiven Verfolger und stempelt das junge Mädchen schnell als Hure und Lügnerin ab. Kirk Douglas leistet hier als Verteidiger ganze Arbeit und er brilliert insbesondere beim Kreuzverhör. Zwar sieht man Garrett an, dass ihn diese Aufgabe sehr mitnimmt, aber er sieht sich den vier jungen Männern verpflichtet, da er sie vor dem Galgen bewahren möchte. Synchronisiert wurde Douglas übrigens von Heinz Drache, dessen Stimme genügend Vehemenz, Unempfindlichkeit und Arroganz zur Verfügung stellt. Barbara Rütting als Journalistin und Erzählerin erweist sich als Sprachrohr des Zuschauers und sie liefert genau wie Hans Nielsen als Karins Vater, dessen Enttäuschung und geplatzte Illusionen wie ein Brett vorm Kopf werden, einen Präzisionsauftritt. Überhaupt ist der Film bis in die kleinsten Rollen überragend besetzt, Ingrid van Bergen, Karin Hardt oder E.G. Marshall tragen beispielsweise zur hohen Glaubwürdigkeit bei. Die Kleinstadt, die unerbittlich eine mutwillige Hexenjagd veranstaltet, könnte also dem Empfinden nach überall sein. So wird der Prozess der Austragungsort für private Belange, und Karin wird schwer von Zeugen der Anklage belastet, wie von einem Spanner, der sie gerne vom Fenster aus beobachtete und sich animiert fühlte, vor Gericht allerdings von einem ordinären Flittchen spricht, einer alten Klatschtante, die ihre Augen und Ohren offenbar überall hat, einer eifersüchtigen jungen Frau, die eine Retourkutsche ausspielt und von der Mutter ihres eigenen Freundes, die der Ansicht ist, dass Karin nicht der richtige Umgang für ihren Sohn sei. Gottfried Reinhardts Inszenierung ist in gewisser Weise schonungslos, da sie sich nicht an Kompromissen orientiert und resolut eine Katastrophe ansteuert. Der Appell an das Gerechtigkeitsempfinden des Zuschauers wird immer wieder mir harten Schocks erschüttert und insgesamt zerrt dieser ernstzunehmende Beitrag gehörig an den Nerven. Überragend!


Last edited by Prisma on 29.08.2020 16:21, edited 1 time in total.

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 Post subject: Re: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 04.12.2014 19:22 
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Oha,...da hast Du ja im Grunde ein "böses Ding" ausgegraben.
Aber der Film ist in der Tat brillant inszeniert und auch gespielt.
Und zwar so, das er einen regelrecht mitnimmt und in gewisser Weise auch nicht ungerührt läßt.

Im Laufe dieses "Sensations-Prozesses" kommen die verlogenen Kleinstadt-Doppelmoralitäten zum Vorschein. Desweiteren bestimmen Neid, Missgunst, Schadenfreude usw. von einigen Leuten die Szenerie. KARIN (Christine Kaufmann) ist erst 16 und würde am liebsten alles vergessen und ungeschehen machen. Sie ist jung und weiß im Grunde auch nicht wie ihr weiter geschieht. GARRETT (Kirk Douglas) ist Anwalt und hat die eher undankbare Aufgabe diese vier Soldaten vor der Todesstrafe zu bewahren. Vorher versucht er noch inständig alles mögliche, um Karin die Tortur eines Kreuzverhörs zu ersparen, denn ihr Erlebtes ist ihm alles andere als gleichgültig. Hans Nielsen ist Karins Vater und liefert hier ebenfalls eine exzellente tolle Leistung ab.

Dieses starke Drama wurde zwischen BRD, Schweiz und USA co-produziert, wenn ich mich nicht irre.
Die Musik bzw. auch der Titelsong, der sich schön anhört wurde seinerzeit sogar für den Oscar nominiert.
Nur ein wenig schade, das der Film bis heute irgendwie untergegangen ist, denn er verdient schon mehr Aufmerksamkeit :)

Ich habe zwar noch eine alte, aber damalige Neuauflage als VHS,...aber wenn ich mich recht entsinne, erschien der Film doch inzwischen beim Label FILMJUWELEN oder :?

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 Post subject: Re: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 04.12.2014 21:06 
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Graf von Karnstein wrote:
Nur ein wenig schade, das der Film bis heute irgendwie untergegangen ist, denn er verdient schon mehr Aufmerksamkeit

Finde ich auch denn es handelt sich um einen sehr mutigen Beitrag, der ziemlich nachdenklich stimmt.
Von der Inszenierung her passt hier wirklich alles, allerdings ist es definitiv kein Film, den man vielleicht übermäßig häufig sehen möchte.
Ob der von Filmjuwelen kam weiß ich gar nicht. Der Output ist mittlerweile so groß, dass ich den Überblick verloren habe.
Meine DVD ist von Kinowelt aus dem Jahre 2007.


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 Post subject: Re: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 06.12.2014 17:55 
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Graf von Karnstein wrote:
Die Musik bzw. auch der Titelsong, der sich schön anhört wurde seinerzeit sogar für den Oscar nominiert.




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 Post subject: Re: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 13.12.2016 21:18 
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100 Jahre Kirk Douglas - Grund genug für ein Wiedersehen mit diesem etwas unbekannteren, aber dennoch sehr sehenswerten Werk.

Mr. Douglas spielt einen Strafverteidiger, welcher die Todesstrafe für seine Mandanten zu verhindern versucht, mit beeindruckender Subtilität. Glaubhaft ist er bemüht, auch die Interessen des von Christine Kaufmann berührend dargestellten Vergewaltigungsopfers zu wahren.

Als reizvoll erweist sich der Umstand, Kirk Douglas einmal im Umfeld einer deutschen Kleinstadt zu erleben. Auch die Kombination weiterer bekannter US-Darsteller (E.G.Marshall, Robert Blake oder Richard Jaeckel) mit deutschsprachiger Prominenz (Barbara Rütting, Hans Nielsen oder Ingrid van Bergen) verleiht dem Film eine ansprechende Atmosphäre. Nicht selten sind die Dialoge in dem Streifen umständebedingt von zweisprachiger Natur.

Das packende Justizdrama wurde von KINOWELT HOME ENTERTAINMENT auf DVD veröffentlicht und enthält im Bonusmaterial auch Szenenvergleiche zwischen der deutschen und der englischen Fassung.

Hohe Empfehlungsstufe.


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 Post subject: Re: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 14.12.2016 00:11 
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Frank wrote:
100 Jahre Kirk Douglas - Grund genug für ein Wiedersehen mit diesem etwas unbekannteren, aber dennoch sehr sehenswerten Werk.

Zufälle gibt es... Genau den hatte ich mir bei dieser Gelegenheit auch nochmal herausgelegt, kam mir irgendwie direkt in den Sinn, da die letzte Sichtung schon wieder so lange her ist. ;)
"Stadt ohne Mitleid" und vor allem Kirk Douglas' und Christine Kaufmanns Leistungen habe ich nämlich in sehr guter Erinnerung behalten, das war schon großartig.
Schön, dass er dir auch gefallen hat!


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 Post subject: Re: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 29.08.2020 19:36 
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Gottfried Reinhardts Justiz-Drama "Stadt ohne Mitleid" kann sicherlich als eine der Sternstunden des Kinos dieser Zeit bezeichnet werden und entfaltet seine Stärken oft mit einfachen Mitteln, vor allem aber im Rahmen der Bild- und Sprachgewalt. Der österreichisch-amerikanische Regisseur setzt das exzellente Script teils atemberaubend um, und präsentiert die schnell auftauchenden Schocks häppchenweise mit großer Intensität. Die Brisanz des Themas wird immer mehr durch die sich aufbäumende Ungerechtigkeit angefeuert, sodass einem schnell klar wird, dass man nicht auf ein handelsübliches Happy-End spekulieren sollte. Vor allem die Gerichtsszenen mit den entsprechenden Verhören bleiben als große Paukenschläge in Erinnerung und hallen neben dem tragischen Finale noch lange nach. Hervorragend agieren Kirk Douglas und Barbara Rütting als sich dem Empfinden nach zugeneigte Antagonisten, außerdem muss die Leistung von Christine Kaufmann hervorgehoben werden, die die Geschichte mit mehr Tragik auszustatten weiß, die einem vielleicht lieb ist. "Stadt ohne Mitleid" ist spannend, fordernd und sozialkritisch zugleich, und spürt menschliche Schwächen und die des Justizsystems resolut auf, jedoch nicht um sie grundsätzlich sondern en detail in Frage zu stellen.


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 Post subject: Re: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 29.08.2020 23:58 
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Diesen eindringlichen Film habe ich noch als Original-Videokassette vorliegen, dessen Quali gar nicht mal schlecht ist, wie ich gerade sehe. Ich habe ihn schon länger nicht mehr angeschaut, werde dies aber demnächst nachholen bzw. erneuern. Danke für die Erinnerung, Prisma.


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 Post subject: Re: STADT OHNE MITLEID - Gottfried Reinhardt
PostPosted: 30.08.2020 10:34 
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Ich habe viele wirklich gute Filme oft gar nicht mehr so auf dem Schirm.
Über "Stadt ohne Mitleid" bin ich letztens auch nur beim Sortieren gestolpert.
Da ich ihn schon ziemlich lange nicht mehr gesehen hatte, habe ich aber gleich nochmal Lust drauf bekommen.
Bin mir aber ziemlich sicher, dass der nach wie vor gut ankommt, Jimmy.


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