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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DER HUND VON BASKERVILLE - Karel Lamač
PostPosted: 29.12.2019 15:20 
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"Der Hund von Baskerville" (Deutschland 1936)
mit: Bruno Güttner, Fritz Odemar, Peter Voss, Alice Brandt, Fritz Rasp, Erich Ponto, Ernst Rotmund, Lilly Schönborn, Gertrud Wolle, Friedrich Kayßler, Paul Rehkopf, Klaus Pohl, Kurt Lauermann, Ilka Thimm, Horst Birr u.a. | Drehbuch: Carla von Stackelberg nach "The Hound of the Baskervilles" von Arthur Conan Doyle | Regie: Karel Lamač

Devonshire, England. Sir Hugo Baskerville lebt mit seiner Gattin auf Baskerville Hall, wo er rauschende Feste feiert. Als er seine Frau in einem Eifersuchtsanfall erwürgt, springt ihm deren treuer Hund an die Kehle und tötet ihn. Seitdem sterben alle männlichen Nachkommen der Familie eines unnatürlichen Todes. Lord Charles Baskerville fürchtet sich ebenfalls vor den unheimlichen Lauten eines Hundes, der nachts auf dem Moor herumstreunt. Eines Abends wird er durch einen Telefonanruf nach draußen gelockt, wo kurz darauf seine Leiche gefunden wird. Neben dem Toten prangen die Abdrücke eines riesigen Hundes in der feuchten Erde und der Arzt Dr. Mortimer entschließt sich, den bekannten Detektiv Sherlock Holmes aufzusuchen, um einen weiteren Todesfall zu verhindern....

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Das Verhältnis Deutschlands zu Großbritannien war immer von einer Hassliebe geprägt. So gab es nicht nur aufgrund der wirtschaftlichen Rivalität des Kaiserreichs mit dem Empire einen Wettstreit um die Vormachtstellung in der alten Welt, man orientierte sich auch an den kulturellen Errungenschaften und versuchte einander zu übertrumpfen, z.B. in der Schifffahrt. Das Faible der Deutschen für gute englische Krimis führte dazu, dass man eigene Filmproduktionen gern nach dem Vorbild des Konkurrenten jenseits des Kanals gestaltete oder Stoffe, die auf Klassikern der englischen Literatur beruhten, in eigener Regie inszenierte. Die Affinität der höchsten Führungsriege des Dritten Reichs für die Kinematografie und ein damit einhergehender Kult um Schauspieler und Regisseure, sorgte dafür, dass die Filmindustrie mit hohen Zuschüssen finanziert wurde und die Produktionen selbst während der Kriegsjahre am Laufen gehalten wurden. Nicht immer handelte es sich um Filme mit politisch gefärbten Inhalten, meistens wurde auf (ent)spannende Unterhaltung gesetzt, die dem Publikum vermitteln sollte, dass man nicht nach Amerika blicken musste, um einen guten Film zu sehen. "Der Hund von Baskerville" wurde oft und gerne am "Berghof" in Hitlers privatem Rückzugsort in den Berchtesgadener Alpen gezeigt, was nichts über seine Qualität aussagt, aber vielleicht einige Elemente des Films unter der Lupe betrachtet als bemerkenswert erscheinen lässt. Die populäre tschechische Schauspielerin Anny Ondra, die bereits mit Alfred Hitchcock gedreht hatte, gründete zusammen mit ihrem Landsmann Karel Lamač eine Produktionsgesellschaft, die auch zwei Edgar-Wallace-Filme finanzierte. Ursprünglich sollte der 1936 entstandene Klassiker der Kriminalliteratur mit heiterem Unterton inszeniert werden und Curt Goetz wurde für das Projekt als Ideengeber vorgeschlagen. Dieser wollte jedoch mit dem Dritten Reich nicht das Geringste zu tun haben, weswegen man letztendlich doch zu den traditionellen Wurzeln der Gruselerzählung zurückkehrte und sich um Ernst bemühte. Nicht in allen Punkten wurde diese Absicht von Erfolg gekrönt, was dem Film in einigen Aspekten Abzüge beschert.

Die Wahl der Darsteller spaltet das Ensemble in zwei Hälften, wobei der hagere Bruno Güttner nach eigenem Empfinden bei den Pluspunkten anzusiedeln ist. Bei seinem ersten Auftritt sieht man ihn von hinten, mit schwarzem Ledermantel und Knickerbocker-Hosen. Ein Blick auf seine Hände, die den vergessenen Spazierstock eines Besuchers halten, lässt den Feingeist ahnen und nicht den handfesten Arbeiter. Der schwarze Rollkragenpullover und der breite Gürtel wirken ungewöhnlich und lassen den Individualisten erkennen, der durch Siegfried Schürenberg eine wohlklingende, vertraute Stimme erhält, welche die Darstellung Güttners ungemein aufwertet. Leider erhält er im Gegensatz zu seinem Kollegen Fritz Odemar, der als Dr. Watson Präsenz auf Baskerville Hall zeigt, wenig Spielzeit, was zwar der Romanvorlage entspricht, in anderen populären Verfilmungen jedoch meistens kreativ gelöst wurde, um den Detektiv nicht zum Nebendarsteller verkommen zu lassen. Das Selbstbewusstsein und die Ausstrahlung Odemars machen ihn zu einem formidablen Dr. Watson, der sich in jeder Situation behaupten kann. Der Fokus der Geschichte liegt jedoch auf einer Frau, die durch Alice Brandt ein energisches Gesicht erhält, das seine Interessen mit Vehemenz und Geschick vertritt und der marginalen Rolle der Beryl neue Facetten verleiht. Wie erbärmlich wirkt ein Erich Ponto neben dieser kraftvollen Frau, wie töricht handelte man, indem die Rolle des Einzelgängers Stapleton zum verschrobenen Schmetterlingsjägers degradiert wurde! Die Besetzung dieser wichtigen Rolle mit Ponto ist ein eklatanter Fehlgriff, ebenso wie es dramaturgisch tödlich ist, den Hund optisch so lange unter Verschluss zu halten und ihn im großen Finale verschämt hinter Nebelschwaden zu verbergen. Nicht allein Gewitter und Sturm bürgen für eine unheimliche Stimmung in ländlicher Umgebung, sondern gerade die Bedrohung durch eine wilde Bestie, deren Unbezähmbarkeit zur tödlichen Gefahr für den Menschen wird, der ihr begegnet. Weswegen sich viele Verfilmungen schwer damit tun, einen furchteinflößenden Hund aufzubieten, dessen Erscheinen nicht der Lächerlichkeit preisgegeben wird, bleibt ein Rätsel, dessen sich Sherlock Holmes bei Gelegenheit annehmen sollte.

Peter Voss als Sir Henry Baskerville bleibt Durchschnitt, während sich das Charaktergesicht Fritz Rasp früh als stilsichere Verkörperung des sinisteren Beobachters erweist und in der dubiosen Rolle des Dieners Barrymore für echte englische Atmosphäre sorgen kann. In kluger, vorausschauender Weise gestaltet Drehbuchautorin Carla von Stackelberg diese Figur, deren undurchsichtiges Verhalten den gewünschten Ernst befördern, der durch Erich Pontos Interpretation des Stapleton verschenkt wird. Atmosphärisch dicht gestalten sich auch alle Szenen mit Friedrich Kayßler, der Sir Charles ein sympathisches Gesicht verleiht. Der Wind, der an den Weiden rüttelt, die tiefen Spuren im morastigen Boden und der Mond, der hinter den Wolken verschwindet, zeigen einen Naturalismus, der die von Menschenhand geschaffenen Festungen erschüttert. Trotz der nicht übermäßig üppig bemessenen Spielzeit von 77 Minuten benötigt die Handlung einen langen Anlauf, um zum wesentlichen Punkt zu kommen. Nach der Vorgeschichte, die wie eine Reminiszenz an den englischen König Heinrich VIII wirkt, schenkt der Film zunächst Beryl Vandeleure seine ganze Aufmerksamkeit, bevor die Handlung in die klassische Bahn mit Sir Henry und seiner Ankunft im Herrenhaus gelenkt wird. Sherlock Holmes beschäftigt in der Baker Street einen Burschen, der ihm zur Hand geht, Watson konsultiert eine Generalmaßstabskarte des Grimpener Moores und wird deswegen von Sir Henry gefragt, ob man sich im Krieg befände. Ein Gegner, der Fisch in der Pfanne brät und nebenbei fürchterlich stillos dichtet, gehört jedoch nicht in die Verbrecherkartei des Holmes-Chronisten, sondern in eine Komödie. Die ideale Symbiose zwischen gepflegtem Humor und peitschender Spannung sollte im deutschen Kriminalfilm erst noch gefunden werden. Dennoch stellen Versäumnisse ein Ärgernis dar, weil es oftmals an Kleinigkeiten liegt, die einen guten Gesamteindruck stören können. Begründet sich das Unbehagen jedoch in der Wahl eines Darstellers, so fällt es sehr schwer, darüber hinwegzusehen. Merke: Ein Kriminalfilm ist immer so gut wie sein Schurke.


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