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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DER SCHIMMELREITER - Hans Deppe und Curt Oertel
PostPosted: 28.12.2018 14:44 
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"Der Schimmelreiter" (Deutschland 1934)
mit: Marianne Hoppe, Mathias Wieman, Walther Suessenguth, Ali Ghito, Hans Deppe, Margarete Albrecht, Eduard von Winterstein, Wilhelm Diegelmann, Walter Griep, Walter Werner u.a. | Drehbuch und Regie: Hans Deppe und Curt Oertel

Hauke Haien arbeitet für den Deichgrafen Tede Volkerts, den größten Bauern an einem nordfriesischen Küstenabschnitt und unterstützt ihn auch bei der Verwaltung und Buchhaltung. Nach zwei Jahren Abwesenheit kehrt Elke, die Tochter des Deichgrafen zurück. Der gewissenhafte Hauke gewinnt ihre Zuneigung und als ihr Vater stirbt, schlägt sie ihren Bräutigam für die Stellung vor, was von der Verwaltungsbehörde akzeptiert wird. Hauke trägt sich mit großen Plänen: er will einen neuen, modernen Deich errichten, um dem Meer fruchtbares Ackerland abzuringen und die Gefahr der Sturmfluten zu reduzieren. Sein Gegner ist der ehemalige Großknecht Ole Peters, der die Bevölkerung gegen Haukes Vorhaben aufhetzt, weil er selbst Deichgraf werden wollte. Doch die Pläne für die Errichtung des neuen Deichs werden genehmigt und nun müssen alle mit anpacken, damit das Projekt vor dem Herbst fertiggestellt werden kann. Ole Peters intrigiert jedoch weiter und gefährdet damit sogar Menschenleben....

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Die Novelle von Theodor Storm beruht auf seinem großen Interesse für die Sagenwelt seiner Heimat, wobei der gespenstische Schimmelreiter "bei Sturmfluten nachts auf den Deichen gesehen wird und, wenn ein Unglück bevorsteht, mit seiner Mähre sich in den Bruch hinabstürzt." Die Filmlandschaft sah sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Einerseits wurden publikumswirksame Unterhaltungsfilme mit beliebten Stars gedreht, andererseits versuchte das Regime bereits in den Anfangsjahren, dezent Botschaften der neuen Ideologie einfließen zu lassen und griff dabei besonders gern auf Klassiker der deutschen Literatur zurück. Der schicksalsschwere "Schimmelreiter", der im Frühjahr 1888 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, eignet sich in besonderem Maße dazu, den Menschen als Bezwinger der Natur zu inszenieren, um damit "für das Volk neuen Lebensraum zu schaffen". Dennoch schrammt die Produktion von Rudolf Fritsch haarscharf an der Kategorie Propagandafilm vorbei, weil sie sich eng an die Buchvorlage hält und keine typischen Stigmatisierungen vorgenommen werden. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Hauke Haien und sein Kampf gegen die Sturheit der gottesfürchtigen, gleichzeitig aber auch abergläubischen Landbevölkerung, deren Voreingenommenheit jede Modernisierung blockiert. Persönliche Animositäten spielen dabei natürlich eine nicht unwesentliche Rolle. Hauke Haien wirkt auf Fremde wenig zugänglich, er ist nachdenklich und wortkarg, blüht nur beim Gedanken an sein Lebenswerk und seine Frau Elke auf. Eine ganz besondere Beziehung hat er zu dem Pferd, das er per Zufall erwirbt und das von niemandem außer Hauke geritten werden kann. Im Dorf erzählt man sich, er hätte den Schimmel vom Teufel erworben und es handele sich dabei um einen Wiedergänger, dessen Knochengerippe bis vor kurzem noch auf Jeverssand lag. Der Brauch, dem Staudamm ein Lebendopfer zu bringen, rührt ebenfalls von der diffusen Angst her, die in der Bevölkerung grassiert wie ein schleichendes Fieber. Auch mit dieser Tradition bricht der rationale Hauke Haien, der für so viel Dummheit nur ein Kopfschütteln übrig hat.

Marianne Hoppe scheint mit ihrem nordischen Naturell prädestiniert für die Rolle der Jungfer Elke, deren Anhänglichkeit sich in einfachen Gesten ausdrückt und keinen Pathos benötigt. Sie beherrscht das herzhafte Lachen ebenso wie sie stille Tränen weinen kann und ihr schmales, herbes Gesicht entbehrt jeder aufgesetzten Künstlichkeit. Mathias Wieman und sie ergänzen sich in ihrem Spiel auf natürliche Weise, weil ihre Geradlinigkeit Sympathien weckt, während das Kontrastpaar Walther Suessenguth und Ali Ghito von berechnenden Gefühlen und Zielen geleitet wird. Es bedarf anfangs nicht vieler Worte, um den Verlauf in einfachen, klaren Bildern zu skizzieren. Die Regie nimmt Anleihen bei den Stummfilm-Kompositionen, deren sparsamer Expressionismus den Sachverhalt auf wenige Szenen reduziert und die Handlung damit vorantreibt. Die Fokussierung auf das Wesentliche lässt jedoch immer noch genügend Platz für sentimentale Bilder, welche die Beständigkeit des Wechselspiels zwischen Ebbe und Flut zeigen und den immerwährenden Kreislauf des Meeres, das nach dem Land greift, das der Mensch ihm abringen will. Die Panorama-Aufnahmen der windumtosten Weite wirken in ihrer schwarzweißen Inszenierung sowohl poetisch, als auch bedrohlich, weil sich neben der menschlichen eine höhere Gewalt auftut, die zu bezwingen eine jahrtausendealte Herausforderung darstellt. Die Betonung der Tradition, die im ländlichen Raum noch pflichtschuldig gepflegt wird, unterstreicht die Schwierigkeit, Neues zu wagen, ohne sich gegen die Mehrheit aufzulehnen. Interpretationen, die dahin gehen, hier einen Führerkult herauszulesen, negieren die Tatsache, dass Hauke Haien erst post mortem dauerhafte Anerkennung finden wird, während dem realen Diktator die ewige Verdammnis beschert ist. Das Zusammenspiel der beiden Regisseure - wobei Oertel vom Dokumentarfach und Deppe vom Heimatfilm kommt - wirkt frisch, wenn auch etwas unentschlossen; der große Respekt vor der Vorlage verhindert die eine oder andere künstlerische Freiheit, die vor allem in der Dialogarbeit für mehr Verständnis gesorgt hätte. Dafür ist die Bildersprache kraftvoll und von intensiver Nachhaltigkeit, die Kamera leistet gute Arbeit und zeigt Momente von großer Schönheit ebenso wie unheimliche Vorboten des Todes. Sehenswert!


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