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 Betreff des Beitrags: DIE KRIEGSBRAUT - Tom Toelle
BeitragVerfasst: 03.02.2019 13:22 
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"Die Kriegsbraut" (Deutschland 1974)
mit: Volkert Kraeft, Donata Höffer, Eva Christian, Wolfgang Preiss, Alice Treff, Thomas Stroux, Claudia Rieschel, Hans Dieter Jendreyko, Willy Leyrer, Gernot Endemann u.a. | Drehbuch: Tom Toelle nach dem gleichnamigen Roman von Hedwig Courths-Mahler | Regie: Tom Toelle

Hasso von Falkenried arbeitet an einer wichtigen Erfindung für seine Fliegertruppe in Berlin. Alle Anzeichen deuten auf einen baldigen Krieg hin, weswegen besondere Vorsicht geboten ist. Natascha von Kowalski, eine Russin, verdreht Hasso den Kopf und nutzt einen unbeobachteten Moment in seiner Wohnung, um die Konstruktionspläne zu kopieren. Rose von Lossow, eine verarmte Verwandte von Hasso, verhindert durch ihre Anwesenheit, dass Natascha die Skizze aus dem Haus schaffen kann. Von nun an sieht Hasso seine Cousine mit neuen Augen und merkt, wie viel Zuneigung ihm die junge Frau entgegen bringt. Kurz darauf erhält der Offizier seine Einberufung zu den Kampfhandlungen und muss sich entscheiden, wie er Rose für den Fall seines Soldatentodes absichern kann....

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Tom Toelle nähert sich dem Stoff auf ungewöhnliche Weise: Er unterteilt den umfangreichen Roman von Hedwig Courths-Mahler in siebzehn Kapitel, die Momentaufnahmen aus dem Alltag der handelnden Personen wiedergeben und die Handlung straffen. Der Pathos und die Begeisterung, die Ereignissen beiwohnen, die der heutige Betrachter selbstredend mit anderen Augen sieht, lassen viele Szenen gerade zu Beginn unfreiwillig komisch wirken. Die Überzeichnung der falschen Liebe von Natascha, nach der sich der steife Hasso in flammender Leidenschaft vergeblich windet, wird von Toelle nachhaltig inszeniert, um den Kontrast zwischen der berechnenden Spionin und der bescheidenen Rose von Lossow aufzuzeigen. Als Hasso aus dem Zimmer getreten ist, entlarvt sich Natascha durch eine Geste, die einer tugendhaften Frau nicht zugebilligt wird: sie zündet sich eine Zigarette an. Der Regisseur zeigt die Moral-und Ehrvorstellungen der damaligen Zeit präzise auf und findet in seinem Hauptdarsteller Kraeft den perfekten Mann. Geboren im norddeutschen Timmendorfer Strand eignet er sich besonders gut für militärisch-strenge Rollen, die Haltung erfordern. Wohl deshalb - und nicht vordergründig wegen der aufwendigen Außenaufnahmen, bei der Flugzeuge aus dem Ersten Weltkrieg zum Einsatz kamen - unterscheidet sich "Die Kriegsbraut" von den romantisch durchwebten anderen HCM-Verfilmungen. Kraeft und Höffer lassen keinen Zweifel, dass sie zum Wohl des Anwesens derer von Falkenried ihr Bestes geben werden. Ihre Verpflichtung gegenüber dem Vaterland lässt sie privates Glück jedoch erst einmal hintenan stellen. Die Lebenseinstellung der damaligen Menschen lässt sich vor allem in den Reihen des Bildungsbürgertums und des Adels mit folgendem Zitat von Judith und Rita Breuer auf den Nenner bringen: Quelle: "Von wegen Heilige Nacht! Das Weihnachtsfest in der politischen Propaganda, Verlag an der Ruhr, Seite 17" : "Wie schon zuvor in den Kriegen des 19. Jahrhunderts wurde auch der Erste Weltkrieg in Deutschland von einer Welle patriotisch-religiöser Begeisterung begleitet. (...) Der Waffendienst für das Vaterland galt quer durch alle Konfessionen als selbstverständliche Christenpflicht." Immer wieder streut Toelle Zweifel an dem hehren Glauben der Personen, der Krieg sei eine unabdingbare Lösung aufgestauter politischer Probleme, z.B. als die Mutter von Hasso mitteilt, sie werde ihren einzigen Sohn nicht frohen Herzens einer fragwürdigen Sache opfern oder wenn der Sohn des Verwalters sich wie ein kleiner Junge darüber freut, an die Front ziehen zu dürfen. Die Bitte an den "gütigen Gott", er möge die Kampfhandlungen - die schließlich nicht er, sondern die Menschen begonnen haben - beenden und für Frieden sorgen, sprechen in diesem Zusammenhang für die Duldsamkeit, Demut und Selbstverleugnung der weiblichen Hauptdarstellerin.

Stets stehen das Glück und die Zufriedenheit der anderen im Vordergrund. Rose wünscht dem Geliebten alles Gute dieser Welt, unterstützt seine Pläne, fürchtet aber gleichzeitig die Folgen. Während er aus der Luft gegen den Feind kämpft, wartet sie auf dem Gut und auf seine Briefe. Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung des Krieges, der Männer und Frauen temporär oder für immer trennt, sorgt für weitere Schwierigkeiten in der Erfüllung des romantischen Versprechens, das Hedwig Courths-Mahler ihren Lesern (und vor allem Leserinnen) gibt. Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2015, zieht in ihrem Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, Suhrkamp Taschenbuch 2015, Seite 22" folgenden Schluss: "Männer verstecken sich hinter der Geschichte, hinter Fakten; der Krieg fasziniert sie als Ereignis und als Kampf der Ideen und Interessen. Frauen dagegen sind von Gefühlen beherrscht. Und noch etwas: Männern wird von Kindheit an gesagt, dass sie eines Tages vielleicht schießen müssen. Frauen bringt man das nicht bei... sie hatten nicht vor, diese Arbeit zu tun..." Eva Christian sorgt in der Rolle der feindlichen Spionin für den besonderen Nervenkitzel und die Frage, ob man Gnade vor Recht walten lassen soll. Im Rahmen einer kurzen, aber prägnanten Darstellung wandelt sie sich von der mondänen Angebeteten über die nüchterne Rot-Kreuz-Schwester bis zur entlarvten Todgeweihten. Die Rolle der Natascha ist ein kleines Juwel, da man mehr über die Geschichte dieser Frau erfahren möchte, deren Leben mehr Stoff für eine Erzählung hergibt als jenes der ruhigen Rose. Die Überzeichnung der Charaktere greift dort, wo Pathos über das Leben siegt. Dank überzeugender Darsteller gelingt es der Handlung, das Interesse am Schicksal der Personen aufrecht zu erhalten. In ihrem Verhalten siegt die Natürlichkeit erst in der zweiten Hälfte des Films. Wie auch in "Eine ungeliebte Frau" statuiert Regisseur Toelle ein Exempel, indem er seine Figuren in pathetischen Situationen in künstlichen Posen verharren lässt und damit unterstreicht, wie sehr die menschlichen Belange in jenen Tagen hinter Pflichterfüllung und Erwartungen der Gesellschaft zurücktreten. Seine Distanz zum Stoff wird in dieser Regie-Arbeit noch deutlicher als sonst. Technisch sehr aufwendig und eine Abwechslung zu den steifen Dialogen sind die Szenen mit Originalflugzeugen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, was sich in hohen Produktionskosten niederschlug. Tatsächlich wurden keine Mühen gescheut, den Edelkitsch aus der Groschenromanecke zu holen und ihm einen ansehnlichen, hochwertigen Rahmen zu verleihen.


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