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 Betreff des Beitrags: DIE SCHWARZE SPINNE - Mark M. Rissi
BeitragVerfasst: 11.07.2018 12:47 
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Die schwarze Spinne (Schweiz 1983, Regie: Mark M. Rissi)

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Während ihr Lehrer "Die schwarze Spinne" von Jeremias Gotthelf vorliest, stören zwei Schülerinnen mit ihren Privatgesprächen den Unterricht, welchen sie nach einer Zurechtweisung verlassen. Sie treffen sich mit ihren Freunden und brechen schließlich in ein Labor ein, um sich dort ein paar Drogen zu beschaffen. Als sie dabei versehentlich einen Giftstoff freisetzen, was die ganze Umgebung in Aufruhr versetzt, fliehen sie in das Haus eines alten Mannes, welchen sie zunächst terrorisieren, derweil sie sich auch gegenseitig angehen und dabei ihre Drogen konsumieren. Doch der Alte warnt sie vor dem Dachbalken, in welchen einst die schwarze Spinne gebannt worden sei. Dennoch lösen die Jugendlichen einen Propfen aus dem Balken - und unter den Augen eines der berauschten Mädchen entweicht die schwarze Spinne aus dem Balken (oder aus der Einstichstelle am Unterarm ihrer Freundin), ehe sich ihr sodann die erste Binnengeschichte aus Gotthelfs Novelle darbietet: Ritter Hans von Stoffeln (Peter Ehrlich) herrscht mit harter Hand über die Bauern der Umgebung. Als er von ihnen unter Androhung von Gewalt die schier unmögliche Anfertigung eines Schattengangs innerhalb von kurzer Zeit verlangt, bietet ein unheimlicher Jägersmann seine Hilfe an - und verlangt im Gegenzug ein noch ungeborenes Kind als später fällige Bezahlung. Christine, eine Bäuerin, geht schließlich auf den Vorschlag ein - mit dem Hintergedanken, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen. Als dieser sich um seinen Lohn geprellt sieht, schlüpft eine schwarze Spinne aus Christines Wange, auf welche sie zuvor der Teufel in Gestalt des Jägersmanns geküsst hatte. Die Spinne fällt über Vieh und Leute her und bringt Verderben über den ganzen Landstrich..
(OFDb, geändert)

Wer mit Schweizerdeutsch klar kommt und Filme wie "Sennentuntschi" oder "Blutgletscher" gut fand, dem sei diese fast vergessene Filmperle ans Herz gelegt. Es gibt eine VÖ auf DVD, die mit englischem Ton und deutschen UT ausgestattet ist. Für die muss man aber über 50 € hinblättern. :shock: Lange habe ich diesen Film gesucht. Auf Vimeo wurde ich dann (quasi durch Zufall) fündig. Und offenbar steckt kein geringerer als Carlos Peron hinter dem Upload, den man sich kostenlos downloaden kann. Aber seht selbst: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** Carlos Peron komponierte auch den Soundtrack zum Film. Zu dieser Zeit gehörte er noch zum legendären Electro-Pop-Trio YELLO, von dem hier auch ein paar Songs zu hören sind.

Als Vorlage diente hier eine schweizer Novelle von 1842. Diese wurde um einen weiteren Handlungsstrang, der in der Gegenwart spielt, erweitert. Mark M. Rissi baute hier sowohl Kritik an Umweltverschmutzung ein und thematisiert auch die Verrohung der Jugend. Doch beides will nicht so recht überzeugen, da die Darsteller in ihren Rollen doch etwas steif wirken und das Ganze auch nicht weiter vertieft wird. Nach einer surreal anmutenden Schnittfolge befindet man sich plötzlich im 19. Jahrhundert, wo der tyrannische Hans von Stoffeln regiert. Hier gewinnt der Film immens an Atmosphäre, auch wirkt das Setting sehr authentisch. So entwickelt sich das Ganze zu einem durchaus fesselnden Gruselmärchen auf der Schweizer Alm.

Effektemäßig gibt es eine recht bizarre Szene, wo einer Frau eine schwarze Spinne aus dem Kopf hervorbricht. Hierfür wurde eine Vogelspinne unter eine Latexmaske gesteckt, aus der sie dann hervorkrabbelt. Sehr gut gemacht und verblüffend glaubhaft. Der Effekt könnte glatt von Gianetto Di Rossi stammen, nur gibt es hier kein Geschmadder. Dass die Spinne den ganzen Landstrich terrorisiert, mutet zwar reichlich naiv an und ist auch etwas verwirrend dargestellt, da der Eindruck entsteht, dass es immer mehr Spinnen werden, aber es ist auch stets der Märchencharakter erkennbar. Am Ende befindet man sich wieder in der Gegenwart und gleich darauf folgt auch schon der Abspann.

Was will uns dieser Film nun sagen? Zunächst mal hatte ich so meine Schwierigkeiten das "Schwizerdütsch" zu verstehen. Da wäre ich mit einer englischen Tonspur definitiv besser bedient gewesen. Zum Glück gibt es auch einige Figuren, die (fast) Hochdeutsch sprechen. So z. B. Peter Ehrlich, in der Rolle des Hans von Stoffeln. In wieweit man nun einen Bezug zu den rücksichtslosen Jugendlichen und dem unbarmherzigen Hans Von Stoffeln erkennt, liegt im Auge des Betrachters. Mir erscheinen beide Handlungselemente etwas zu krampfhaft und ohne Zusammenhang zusammengepappt.

Dennoch weiß der Film irgendwie gut zu fesseln. Mit wenig Mitteln gedreht, gelingt es Mark M. Rissi das beste aus dem Filmprojekt herauszuholen. Die Musik von Carlos Peron trägt viel zur mysteriösen Atmosphäre des Films bei, auch wenn sie nicht immer passend eingebaut wurde. "Die schwarze Spinne" ist ein echtes Unikum. Er hat seine Ecken und Kanten und wirkt teilweise wie ein Amateur-Projekt (auf hohem technischen Niveau), aber das macht auch mit den Reiz dieses Films aus. Man merkt einfach, dass hier künstlerische Interessen im Vordergrund standen. Trotz aller Mängel und Holprigkeiten (über die ich hier gerne hinweg sehe) ist das Engagement aller Beteiligten spürbar.

Außerdem wurde hier eine ureigene Vorlage verarbeitet und nicht dem US-Kino nachgeeifert. "Die schwarze Spinne" ist echtes, unverfälschtes Euro-Kino. Schon alleine als Zeitdokument ist der Film einen Blick wert. Von der Machart her, fühlte ich mich teilweise etwas an die Serie "Die dreibeinigen Herrscher" erinnert. Der Film wirkt, wie eine typische TV-Produktion für Jugendliche, die in den 80ern im Nachmittagsprogramm von ARD und ZDF liefen. Da gab es überhaupt so manche Sachen, die heute irgendwie verschollen sind.

Regisseur Mark M. Rissi konzentrierte sich hiernach vor allem auf Dokumentationen und setzte sich für Tierschutz ein. Durch seine Dokus löste er Mitte der 80er eine nachhaltige Kontroverse über die Pelzindustrie aus und ist heute noch als Tierschützer und Dokufilmer aktiv.

7/10

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PHOBOS (Trailer - deutsch)


THC statt TTIP!


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 Betreff des Beitrags: Re: DIE SCHWARZE SPINNE - Mark M. Rissi
BeitragVerfasst: 12.07.2018 14:51 
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Vielen Dank für diese überraschende Vorstellung, Guilala!
Mir war überhaupt nicht bewusst, dass eine Verfilmung dieser Novelle existiert. Den werde ich mir auf jeden Fall einmal anschauen - interessiert mich sehr!
Ich erinnere mich aus der Schulzeit noch gut an die Novelle, oder eher das gelbe Reclam-Heftchen; sogar daran, dass mir die Geschichte gut gefallen hat.


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 Betreff des Beitrags: Re: DIE SCHWARZE SPINNE - Mark M. Rissi
BeitragVerfasst: 13.07.2018 19:10 
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