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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DIE ZWEITE FRAU - Herbert Ballmann
PostPosted: 01.05.2020 13:17 
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"Die zweite Frau" (Deutschland 1983)
mit: Ruth Olafs, Christoph Moosbrugger, Paul Dahlke, Gisela Uhlen, Doris Kunstmann, Hartmut Becker, Luitgard Im, Rainer Hunold, Susanne Schaefer, Markus Jahn, Joachim Ziegelski, Gerd Duwner, Helga Sommerfeld, Daniela Strietzel, Marina Busse, Monika Gruber u.a. | Drehbuch: Karl Wittlinger nach dem Roman von Eugenie Marlitt | Regie: Herbert Ballmann

Liane von Trachenberg wird vom verwitweten Baron Mainau auserwählt, ihn zu ehelichen, damit für seinen Sohn Leo gesorgt ist, wenn er ausgedehnte Forschungsreisen in den Orient unternimmt. Die Grafen Trachenberg sind schwer verschuldet, weswegen die Verbindung als äußerst vorteilhaft gesehen wird. Die Vernunftehe gestaltet sich jedoch nicht so, wie es Baron Raoul vorgesehen hat. Seine Braut vertritt liberale Ansichten und muss sich bald mit den Anfeindungen, die ihr als neuer Herrin vom Hofmarschall und dessen engstem Vertrauten, dem Pfarrer, entgegengebracht werden, auseinander setzen. Eine Intrige aus der Vergangenheit vergiftet das Klima auf dem Anwesen und bedroht auch Liane, die alles daran setzt, hinter das Geheimnis des hartherzigen Hofmarschalls und seines lasterhaften Komplizen zu gelangen....

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Eine strategische Liaison verspricht selten jene Romantik, welche die Phantasie des Lesers bzw. des Zuschauers anregt, wenn er Stoffe auswählt, die sich mit Freud und Leid der gehobenen Gesellschaftskreise befassen. Kühle Überlegungen sind für Baron Mainau maßgeblich bei der Wahl seiner Zukünftigen. Sie muss "weder schön, noch reich, sondern nur tugendhaft" sein, um eine Gattin zu repräsentieren, die das Haus führt, wenn er auf einer Auslandsreise ist und sich nicht um seinen Sohn aus erster Ehe kümmern kann. Zudem möchte sich der Baron für eine Abfuhr revanchieren, die er vor vielen Jahren von einer schönen Herzogin erhalten hat und die ihn nun - ihrerseits ebenfalls verwitwet - zum zweiten Gemahl wünscht. Liane von Trachenberg hat wahrlich keinen leichten Stand in ihrem neuen Heim und da sie über einen regen Intellekt und ein gesundes Urteilsvermögen verfügt, bleiben die Beleidigungen und Anmaßungen, mit denen sie konfrontiert wird, nicht unwidersprochen. Als Protestantin kulminieren ihre Meinung und ihre Einstellung immer wieder mit den erzkonservativen katholischen Ansichten ihrer beiden Gegner - dem Hofmarschall und dem Jesuitenpater. Beide sind verschlagen und kriminell und schrecken sogar vor einem Mordversuch nicht zurück. Liane kämpft zunächst allein auf weiter Flur, weil ihr Verhalten ihren Mann vorerst irritiert, hatte er doch mit einer Gattin gerechnet, die sich unauffällig in ihre Position fügt. Ihre Direktheit und Klugheit ringen ihm Respekt ab, was ihn für sie Partei ergreifen lässt, engt ihn die starre Struktur des Hofes doch selbst schon länger ein. Im Grunde sind ihm Gepflogenheiten, die nur um der Vergangenheit willen befolgt werden, zuwider. Sein Drang nach Freiheit wird durch seine Umgebung verstärkt.

Mit Ruth Olafs und Christoph Moosbrugger in den Hauptrollen profitiert die Verfilmung nicht nur von der Frische ihres Spiels, sondern auch durch die Unvoreingenommenheit, mit der ihre Figuren vom Zuschauer angenommen werden. Es ist schwer einzuschätzen, in welche Richtung sich das Verhalten der Eheleute zueinander entwickeln wird, weil die Schauspieler sich ihrem Publikum nicht durch ein bestimmtes Image empfohlen haben. Es liegt allein an der Darstellungskunst der Mimen, die Persönlichkeiten lebendig werden zu lassen und ihre Beweggründe zu entschlüsseln. Besonders Ruth Olafs zieht durch ihr natürliches und freimütiges Spiel die Aufmerksamkeit auf sich, versteht sie es doch, sich mit klaren Worten und präzisen Argumenten Gehör zu verschaffen. Sie ist eine Frau, die auf den zweiten Blick wirkt, weil sie keine Talmi-Schönheit ist, sondern über eine Ausstrahlung verfügt, die aus verschiedenen Faktoren schöpft. Ihr reger Geist, ihre natürliche Aura, die selbst durch die historischen Kostüme weit entfernt von einem Püppchen-Image ist, und ihre wendige Art, sich durchzusetzen, nehmen den Zuschauer für sie ein und generieren Sympathie. Paul Dahlke als verbitterter Greis, dessen Borniertheit mit dem Machtstreben des lüsternen Geistlichen eine dunkle Allianz bildet, schafft zusammen mit Hartmut Becker eine fatale Atmosphäre der Fäulnis, die mit klammen Fingern nach den Schlossmauern greift und jeden Versuch einer Modernisierung ersticken will. Das Festhalten des Adels und des Klerus an Privilegien, die sich durch nichts rechtfertigen und andere mit Drohungen und Heilsversprechen in Schach halten, stellt auch hier eine Stolperfalle dar, die früher oder später den eigenen Ast absägen wird, auf dem die Beteiligten lange bequem gesessen haben.

Doris Kunstmann wird als Frau eingeführt, die sich noch einmal Hoffnung auf einen großen Triumph machen will. Kaum ist die Trauerzeit um, sinnt sie auf eine neue Verbindung und zwar ausgerechnet mit jenem Mann, den sie früher einmal abblitzen ließ. Umringt von ihrem Hofstaat, hat sich die Herzogin mit mädchenhaftem Charme herausgeputzt und lockt mit ihrer Ausstrahlung und einem Selbstbewusstsein, die nichts anderes als einen Sieg zulassen. Eine Zurückweisung ist für eine Frau wie sie ein ungeheurer Affront, weil er sie in zweierlei Hinsicht empfindlich trifft: Erstens wird ihr eine Jüngere vorgezogen, zweitens eine Frau, die gesellschaftlich unter ihr steht. Das Nein, das in Gegenwart ihrer Damen ausgesprochen wird, erschüttert sie bis ins Mark; sie schwankt, fällt aber nicht. Doch ihr Gesicht zuckt sekundenlang, bevor es zu einer Maske eisiger Höflichkeit einfriert. Ihr hitziges Temperament verbindet sich mit dem Wunsch nach Revanche, die sie im rechten Moment wieder aufgreifen wird. Gisela Uhlen tritt dem Zuseher als eine stille Frau entgegen, die gelernt hat, sich zurückzuhalten, weil andere am längeren Hebel sitzen und aufgrund ihrer höheren Stellung die Ansicht vertreten, für sie denken zu können. Man kann zu Beginn schlecht abschätzen, auf welcher Seite sie steht, weil ihre neutrale Haltung keinerlei Sympathien erkennen lässt. Die Anwesenheit einer starken Frau ermutigt sie, das auszusprechen, was sie seit langem für sich behalten hat, weil sie weiß, dass es zwecklos war, Zeugnis darüber abzulegen. Die Tatsache, dass Hausangestellte oft die finstersten Geheimnisse ihrer Herrschaften kennen, bewahrheitet sich auch in diesem Fall. Gisela Uhlens verhaltener Schrecken steht anklagend für die Würde der Unterschätzten.

Fazit: Das Sittenbild einer privilegierten Gesellschaftsschicht erhält durch die gelungene Mischung aus Romantreue und kritischer Distanz zu den gezeigten Verhältnissen einen lebendigen Anstrich, der in den engagierten Mimen einen überzeugenden Widerhall findet und den Zuschauer auf einem hohen Unterhaltungsniveau nachdenklich stimmt.


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