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 Betreff des Beitrags: ICH WERDE DICH AUF HÄNDEN TRAGEN - Veit Harlan
BeitragVerfasst: 09.01.2019 14:00 
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"Ich werde Dich auf Händen tragen" (Deutschland 1958)
mit: Kristina Söderbaum, Hans Holt, Hans Nielsen, Monika Dahlberg, Günter Pfitzmann, Barbara Haller, Hilde Körber, Frank von der Bottlenberg, Malte Jaeger u.a. | Drehbuch: Guido Fürst und Veit Harlan nach der Novelle "Viola Tricolor" von Theodor Storm | Regie: Veit Harlan

Der Südtiroler Antiquitätenhändler Rudolf Asmus verbringt einige Tage in Holstein, wo er bei einem Spaziergang auf das Klavierspiel von Ines Thormälen aufmerksam wird. Nach kurzer Bekanntschaft heiraten die beiden und Asmus nimmt seine Frau mit nach Florenz, wo er ein Haus besitzt. Seine Tochter Nesi aus erster Ehe ist der neuen Stiefmutter feindlich gesinnt und wird in dieser Überzeugung vom Kindermädchen Anna bestärkt. Eines Nachts hört Ines im alten Pavillon das Klavierspiel von Asmus' verstorbener Frau, deren Anwesenheit im Haus durch zahlreiche Erinnerungsstücke betont wird. Kurz darauf geht der Pavillon im abgeriegelten Garten in Flammen auf....

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"Aus dem Mädel kann eine Puppe oder eine große Darstellerin werden. Man sollte ihr wirklich auf den Zahn fühlen." Mit diesen Worten taxierte Söderbaums späterer Ehemann Veit Harlan die junge Darstellerin, der er in seinem Film "Jugend" (1938) die erste von einer Reihe von Hauptrollen gab. In der Tat sieht die schwedische Schauspielerin Kristina Söderbaum mit ihren wasserblauen Augen, den weichen Gesichtszügen und den blonden Lockenkringeln wie aus Marzipan gefertigt aus. "Ich werde Dich auf Händen trägen" war der letzte Film, den Veit Harlan, der 1964 starb, inszenierte. Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste sich Harlan wegen Beihilfe zur Verfolgung vor dem Hamburger Schwurgericht verantworten, wurde jedoch in letzter Instanz freigesprochen, weil ein Zusammenhang zwischen Filmpropaganda und Völkermord angeblich nicht nachzuweisen war. Der Hamburger Senatsdirektor Erich Lüth rief Anfang der Fünfziger Jahre zum Boykott der Werke Veit Harlans auf, sein Aufruf wurde jedoch vom Gericht als sittenwidrig eingestuft. Bis heute scheiden sich die Geister, inwiefern das filmische Œuvre des bekennenden Nationalsozialisten zur Gänze abzulehnen ist oder nur seine Hetzwerke wie das antisemitische "Jud Süß" (1940). Wenn ein Filmhistoriker wie Enno Patalas jedoch einen Angriff auf die "Welschen" sieht, dann muss korrigiert werden, dass die verstorbene Frau des männlichen Hauptdarstellers Schweizerin war, das italienische Hausmädchen Pia mit vielen positiven Eigenschaften bedacht wird und die größte Feindin der neuen Frau Asmus das Tiroler Kindermädchen Anna ist. Zudem klingt in dem Film nichts bösartiger als das Schwyzerdütsch der kleinen Nesi, die das Gegenteil eines kindlichen Filmengels verkörpert und sich in all ihrer heimtückischen Verachtung gegen die neue Frau im Haus als listiger Satansbraten präsentiert. Barbara Haller liefert hier eine beachtliche Vorstellung ab. Unbestreitbar jedoch nimmt Veit Harlan Anleihen beim Hitchcock-Klassiker "Rebecca" (1939), der sich mit den Insignien der matrimonialen Macht von Maria Asmus ein Beispiel an der posthumen Omnipräsenz der toten Rebecca De Winter nimmt.

Ines Thormälen sieht sich in einer ähnlichen Situation wie die Heldin aus "Rebecca", doch der Unterschied zwischen den beiden Frauen ist gravierend. Während die unbedarfte Namenlose aus der Daphne Du Maurier-Vorlage den Intrigen der Hausdame schüchtern und ängstlich gegenüber steht und kurz davor ist, aufzugeben, lässt sich die reifere und durch eine große Enttäuschung klug gewordene Holsteinerin das Verhalten der Kinderfrau nicht bieten. Es tut dem Film gut, dass die Hauptrolle mit der sechsundvierzigjährigen Kristina Söderbaum besetzt worden ist, die sich von den Netzen, die im Haus für sie gespannt wurden, nicht gleich zu Fall bringen lässt. Ihrem Mann ist gar nicht bewusst, welchen Einfluss seine verstorbene Frau noch immer auf die Abläufe im Haus hat. Der Wiener Hans Holt beherzigt in "Ich werde Dich auf Händen tragen" sein persönliches Credo, dass sich die Einzelleistung eines Schauspielers harmonisch in die Gesamtdarstellung fügen muss. Während Holt sich als Rudolf Asmus also zurückhält, fungiert Hans Nielsen in einer souveränen Rolle als Ratgeber und Verteidiger des Rechts, auch wenn er diesmal einen Arzt und keinen Anwalt spielt. Er ist eine wichtige moralische Stütze für Ines und strahlt jene Durchsetzungskraft aus, die wie ein reinigendes Gewitter wirkt. Dr. Compagnuolo ist neutral genug, um das Konfliktpotenzial der veränderten Familiensituation von seiner Warte aus zu betrachten, schaltet sich jedoch vehement und energisch ein, als er das Gefühl bekommt, dass der Ehemann zu wenig unternehme, um die Unfrieden-Stifter zu neutralisieren. Günter Pfitzmann hingegen bedient die leichte Muse; die Berliner Pfiffigkeit ermöglicht ihm ein weitgehend sorgenfreies Auskommen an seinem Arbeitsplatz, wo er durch die häufige Abwesenheit des Hausherrn als "Mädchen für alles" aktiv ist. Veit Harlan inszeniert den Film als farbenfrohes Familienporträt, das leider in ein wenig überzeugendes, dem Wunsch nach Harmonie geschuldetes Ende fließt und doch sehr konstruiert wirkt. Die Fehden werden ad acta gelegt und alles fügt sich zum Guten - in bester Heimatfilm-Manier. Der Geist der Fünfziger Jahre liegt einigend auf der Familie Asmus und wendet die Katastrophe rechtzeitig ab. Fürs erste jedenfalls....

Die leichte Muse präsentiert Kristina Söderbaum als Frau der Tat, deren schwedischer Akzent nach all den Jahren beim deutschen Film noch hörbar ist, ihre Position als Neuankömmling jedoch nur unterstreicht. Ihr Kampf gegen die Intrigen des Haushaltes sorgt für Spannung, die sogar einige unheimliche Momente beinhaltet. Den gesellschaftlichen Konventionen geschuldet, reizt der Film sein dramatisches Potential nicht vollends aus, was dem zeitgenössischen Publikum sicher zupass kam und für erleichterte Seufzer in den Kinosesseln sorgte.


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