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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: LABYRINTH DER LEIDENSCHAFTEN - Rolf Thiele
PostPosted: 20.01.2020 18:49 
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LABYRINTH DER LEIDENSCHAFTEN
aka LABYRINTH
BRD 1959



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Regie:
Rolf Thiele

Darsteller:
Nadja Tiller,
Peter van Eyck,
Amedeo Nazzari,
Nicole Badal,
Elisabeth Flickenschildt,
Benno Hoffmann



Die Schriftstellerin Georgia Gale (Nadja Tiller) lässt sich in das Sanatorium von Doktor de Lattre (Amedeo Nazzari) einliefern, will sie doch ihre Alkoholsucht überwinden. Dabei trifft sie auf die unterschiedlichsten Gestalten, die ebenso wegen ihrer Laster die Luxusklinik in der Schweiz aufgesucht haben. Georgia ist jedoch nicht sehr interessiert daran, mit den anderen Patienten in Kontakt zu treten – gänzlich fokussiert sie sich auf ihr eigenes „Ich“, weshalb sie die Annäherungsversuche des reichen Künstlers Ron (Peter van Eyck) dann immer wieder ausbremst. Gleichwohl überredet sie ihn, dass sie gemeinsam in den kleinen Ort fahren
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– vielleicht kommt man dort ja an Alkohol. Ron empfindet wirkliche Liebe für Georgia; als diese allerdings ihre Türe verschließt, besucht er die sexsüchtige Marjorie (Nicole Badal), die Ron mit „offenen Armen“ empfängt. Nach einer durchzechten Nacht findet Georgia sich schließlich in einem Kloster wieder, sie spielt sogar mit dem Gedanken, Nonne zu werden. Aber die Realität lässt sie zurück in die Klinik kehren, wo sie unabsichtlich den Selbstmord von Marjorie begünstigt. Marjories Tod bringt Georgia zur Erkenntnis, dass sich das Leben möglicherweise dann doch noch lohnen könnte – diese Erkenntnis gleicht quasi einer Neugeburt…


Nach DAS MÄDCHEN ROSEMARIE ist dies nun der zweite Film, den ich von Regisseur Rolf Thiele bewusst gesehen habe. Wäre aber der Vorgängerfilm von 1958 eine (noch) recht konventionell inszenierte Reportage, so sieht die Sache bei LABYRINTH wesentlich anders aus: Thiele schafft es hier, durch eine beinahe schon surreal zu nennende Künstlichkeit, eine „Verfremdung der Bilder“ zu gestalten, die es dem Zuschauer ermöglichen soll, dass er genauso desorientiert wie die alkoholsüchtige Georgia die Welt erlebt. Der Zuschauer erfährt somit eine subjektive Wahrnehmungsperspektive, die durch Georgias Alkoholentzug – oder durch deren Rauschzuständ – den Kontakt mit der Realität komplett verloren hat. Die ersten zehn Minuten, wenn Georgia in die Klinik eingeliefert wird, wirken so intensiv auf den Zuschauer – was unter anderem dann auch dem avantgardistischen Soundtrack geschuldet ist –, so dass der Zugang zum dargestellten Geschehen völlig irritiert – denn: Thieles Bilder erlebt man wortwörtlich als Rausch. Dabei sind die Bilder ungemein ästhetisch angelegt. Im Film herrscht eher eine „ästhetische“ Kälte vor, was mit dem künstlerischen Beruf Georgias zusammenhängen könnte – sprich: mit ihrem poetischen Ausdruck, der sich in Thieles extremer Bildstilisierung widerzuspiegeln scheint. Thieles Formalismus trägt sodann aber auch die inhaltliche Ebene, die das Gefühl der völligen Entfremdung von den wichtigen Dingen des Lebens thematisiert. Insofern wäre Georgias Alkoholsucht ihrer Verzweiflung geschuldet, in dieser Konsum-durchdrängten Moderne (im bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder der 50er Jahre) nicht mehr „als Mensch“ atmen zu können. Als die eigene Kunst nicht mehr länger als Fluchtmöglichkeit fungiert, stürzt Georgia sich in den Alkohol, was schließlich ihren Todeswunsch unterfüttert. Die Realität des Selbstmordes Marjories wird folglich zum Erweckungserlebnis für die junge Dichterin, gleichwie sie dabei jedoch erkennen muss, dass ebenso ihre ästhetische Distanziertheit – in ihrer Kunst – sie vom eigentlichen Leben entfernt hat. Dies zeigt sich vor allem in ihrer Distanzierung zu Ron, der seine Gefühle offenbaren kann. Möglich, dass Thieles Filmende hier einen neuen Anfang für Georgia ermöglicht. Als Fazit muss ich sagen, dass ich solch einen Formwillen, wie er hier von Thiele inszeniert wurde, eigentlich noch nie in einem Film der BRD aus den 50er Jahren gesehen habe. Ehrlich gesagt, bin ich von LABYRINTH absolut fasziniert – für mich die Blaupause für Bergmans PERSONA (Schweden 1966), wo sich eines ähnlichen Stoffs mit ähnlichen ästhetischen Mitteln bedient wird…




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 Post subject: Re: LABYRINTH DER LEIDENSCHAFTEN - Rolf Thiele
PostPosted: 20.01.2020 20:34 
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Ich kann mich deinen lobenden Worten nur anschließen. Die Sichtung liegt nun schon wieder zu lange zurück um genauer darauf einzugehen, aber gerade die von dir hervorgehobene visuelle Gestaltung hat mich auch stark beeindruck. Damit hätte ich so nicht gerechnet.

Einen Blick zu riskieren lohnt sich.


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 Post subject: Re: LABYRINTH DER LEIDENSCHAFTEN - Rolf Thiele
PostPosted: 20.01.2020 20:43 
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Pa_Nik wrote:

Einen Blick zu riskieren lohnt sich.


Pa_Nik, mich hat die Inszenierung wirklich richtig umgehauen - die Bildergalerie von VENUSBERG, die von Richie Pistilli angefertigt wurde, hat mich schon erahnen lassen, dass der Regisseur etwas für meine "Augen" ist - dass das Ergebnis von LABYRINTH dann so beeindruckend ausfiel, damit aber hätte ich niemals gerechnet (auch der elektronische Soundtrack ist göttlich!!!) - übrigends: die Blu Ray von LABYRINTH ist 1A geworden...


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 Post subject: Re: LABYRINTH DER LEIDENSCHAFTEN - Rolf Thiele
PostPosted: 22.01.2020 12:26 
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"Venusberg" ist sicherlich auch etwas für dich.


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 Post subject: Re: LABYRINTH DER LEIDENSCHAFTEN - Rolf Thiele
PostPosted: 22.01.2020 16:44 
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Pa_Nik wrote:
"Venusberg" ist sicherlich auch etwas für dich.



Das denke ich auch - optisch scheint er ja ebenfalls sehr gelungen - ich hoffe auf eine gute BD-Veröffentlichung...


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