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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: TITANIC - NACHSPIEL EINER KATASTROPHE - Lutz Büscher
PostPosted: 13.06.2019 14:07 
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"Titanic - Nachspiel einer Katastrophe" (Deutschland 1984)
mit: Hans Korte, Arthur Brauss, Gisela Dreyer, Sigmar Solbach, Volkert Kraeft, Benno Sterzenbach, Johannes Grossmann, Dirk Galuba, Stephan Orlac, Til Erwig, Veronika Faber, Gernot Duda, Tilly Breidenbach, Udo Thomer, Towje Kleiner, Péter Benkö, Walter Gnilka u.a. | Drehbuch: Wolfgang Mühlbauer | Regie: Lutz Büscher

Ausgestattet mit allem erdenklichen Luxus, kollidierte die "Titanic" auf ihrer Jungfernfahrt von Southampton nach New York südöstlich von Neufundland mit einem Eisberg und sank innerhalb von nicht einmal drei Stunden. Die Öffentlichkeit wurde von einer Schockwelle erfasst, wurde dem Schiff doch eine glänzende Zukunft bescheinigt - eine nautische Fachzeitschrift hatte ihm sogar das Prädikat "unsinkbar" verliehen. Bereits vier Tage nach dem Untergang der "Titanic" begann in New York die Untersuchung des Falles - unter der Leitung des engagierten Rechtsanwalts und Senators William Alden Smith.

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In Zusammenarbeit mit dem IPV-Filmstudio Budapest entstand im Fernsehstudio München Unterföhring im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens und des Schweizer Fernsehens ein bemerkenswert ambitioniertes Fernsehprojekt, das sich mit den Ursachen des Untergangs des Luxusliners "Titanic" befasst. Die amerikanische Untersuchung fand zwischen dem 19. April und dem 25. Mai 1912 zunächst in New York und dann in Washington statt. Insgesamt 82 Zeugen wurden zum Unglückshergang befragt, der Ausschuss der Senatoren zählte neben dem Vorsitzenden des Untersuchungskomitees William Alden Smith sechs weitere Mitglieder. Der Zweck der Anhörungen war, der Wahrheit eine Bühne zu bieten, um Gerechtigkeit walten zu lassen und Klarheit über den Hergang der Ereignisse zu schaffen. Eine Katastrophe diesen Ausmaßes fordert Konsequenzen. Die Öffentlichkeit verlangt nach einem Schuldigen, schon allein um die Ordnung wiederherzustellen und das Zusammentreffen mehrerer desaströser Faktoren auf einen einfachen Nenner bringen zu können. William Alden Smith, der im Vorfeld selbst eine Resolution verfasst hatte, welche die Bildung eines Untersuchungsausschusses befürwortete, sucht nach einer umfassenden Erklärung und ist keineswegs bereit, sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, um eine bequeme Lösung zu erwirken oder vorgefasste Ansichten zu bestätigen. Die Besetzung der Hauptrolle mit Hans Korte ist ein Glücksgriff. Der versierte Mime, der seine Wandlungsfähigkeit auf allen wichtigen Theaterbühnen unter Beweis stellte und sich neben seinen Fernsehproduktionen auch als Sprecher einen Namen machte, zeigt im Umgang mit Personen von Rang Rückgrat und lässt sich durch keine Drohung oder Beleidigung in seiner Arbeit beirren. Die ruhige Distanz, die er mit großer Selbstbeherrschung kombiniert, macht ihn zum souveränen Sammler von Informationen, die ihm teils widerwillig, teils in anmaßender Arroganz gegeben werden. Das Klassenbewusstsein ist im Jahr 1912 in den Köpfen der Beteiligten noch sehr präsent und äußert sich in den Repräsentanten der Führungselite des "White Star"-Schiffes, die jede Form von Verantwortung ablehnt und mit der berüchtigten "british stiff upper lip" stoische Verachtung gegen die amerikanische Einmischung zeigt. Die Presse in England urteilte scharf gegen den Stil der Anhörungen und stellte sogar die persönliche Integrität von Senator Smith in Frage. Mehrere Boykottversuche durch prominente Zeugen wie den Präsidenten der "International Mercantile Marine", die zehn Jahre zuvor die White Star Line aufgekauft hatte, Joseph Bruce Ismay, wurden von Senator Smith abgeschmettert.

Neben dem engagiert und beherzt aufspielenden Hans Korte, welcher in seiner Rolle als Senator Smith der Tragödie Würde und Respekt zollt und sich als Vertreter jener sieht, die nicht oder nicht mehr aussagen können, sorgt Gisela Dreyer als seine Ehefrau für angenehm ausgleichende Impulse. Sie fängt mit ihrer heiteren Gelassenheit viele seiner Zweifel, Beunruhigungen und Resignationen auf und glättet die Wogen, wenn die Wucht der Presse immer wieder neue Tiraden über ihn hinwegspült. Arthur Brauss ist als Sheriff von Michigan und alter Freund Smiths eine wichtige Stütze und bodenständiger Mann offener Worte, der sich aufs Handeln und nicht aufs Aussitzen von Problemen versteht. Den Schauspieler umweht ein Hauch jener Freiheit, für die Amerika so berühmt ist. Weitaus steifer und blasierter präsentieren sich Sigmar Solbach und Volkert Kraeft, die als Angehörige der Offiziers-Elite bzw. der Führungsebene der Direktion kein Interesse daran haben, etwaige Versäumnisse oder Fehlkalkulationen offenzulegen. Die beiden Mimen zeichnen ihre Rollen mit klaren und festen Pinselstrichen, ohne auch nur einmal von ihrer strukturierten Vorlage abzuweichen. Disziplin und Willensstärke sprechen aus all ihren Szenen. Um nicht nur jenen eine Stimme zu verleihen, die sich im Zeugenstand zu profilieren zu versuchen, treten mit Veronika Faber und Tilly Breidenbach zwei Vertreterinnen der vox populi auf, die jene Fragen stellen, welche den gemeinen Zuschauer beschäftigen und sich über die Contenance jener wundern, die trotz eines menschlichen Verlustes von über eintausendfünfhundert nicht einmal die Augenbrauen heben. Flankiert wird Hans Korte bei der Anhörung in einem Saal des Waldorf-Astoria-Hotels von Benno Sterzenbach, der sich auffallend ruhig verhält, kennt man den Schauspieler sonst doch als zeitweise aufbrausenden, wortgewaltigen Mann, dessen Bedürfnis nach Redeanteil stets sehr groß ist, sowie von Johannes Grossmann, der immer wieder wichtige Eingaben macht. Das Fernsehspiel profitiert von einer hochwertigen Ausstattung und einem punktgenauen Timing, wobei die Anhörungen immer wieder durch Szenen in Smiths Wohnsitz oder in seinem Hotelzimmer aufgebrochen werden, sodass der Geist eine kurze Verschnaufpause erhält, bevor die nächsten verbalen Geschütze vor dem Untersuchungsausschuss aufgefahren werden. Den Zuschauer erwartet eine korrekte und lehrreiche filmische Umsetzung eines Themas, das sowohl "Titanic"-Passionierte, als auch Freunde guter Gerichtsfilme anspricht. Sehenswert!


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