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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: ... UND NICHTS ALS DIE WAHRHEIT - Franz Peter Wirth
BeitragVerfasst: 06.08.2018 14:05 
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mit: O.W. Fischer, Marianne Koch, Ingrid Andree, Friedrich Domin, Paul Verhoeven, Herbert Tiede, Walter Rilla, Ettore Cella, Heinrich Gretler, Max Mairich, Ernst Ronnecker, Georg Lehn, Franziska Liebing u.a. | Drehbuch: Andrew Solt, H.O. Wuttig und Leopold Ahlsen nach Motiven des Romans "Der Fall Deruga" von Ricarda Huch | Regie: Franz Peter Wirth

Dr. Stefan Donat wird beschuldigt, mit Gift den Tod seiner geschiedenen kranken Frau Agnes verursacht zu haben. Das Testament weist ihn als Alleinerben des Vermögens von DM 320.000 aus, obwohl Agnes' Cousine Mingo Fabian eigentlich den Hauptteil erhalten sollte. Es kommt zum Prozess gegen den Arzt, der für den Todestag seiner Exfrau kein Alibi vorweisen kann. Dr. Bernburger, der Anwalt von Mingo, ficht das Testament an und liefert dem Gericht Hinweise für die Schuld von Dr. Donat, während Mingo nach und nach mehr von der Unschuld des Mannes überzeugt ist....

Bild Bild Bild

Der Vergleich mit "Der Fall Deruga" (1938) lädt dazu ein, sich mit der Verfilmung zu befassen, die zwanzig Jahre später entstand, in einigen Punkten jedoch weniger innovativ ist als der Film mit Willy Birgel in der Hauptrolle. Hier wie dort jedoch benötigte die Romanvorlage dreier Drehbuchschreiber, um die sentimentale Vorlage zu einem stimmigen Kriminalfilm zu formen. Änderungen gibt es vor allem beim Alter der handelnden Personen. Mingo Fabian in Gestalt von Marianne Koch ist keineswegs so mädchenhaft wie ihre Vorgängerin Geraldine Katt, weswegen sich die Jugendschwärmerei der Romanvorlage hier in bestem Fünfziger-Jahre-Gewand zu einer (anfangs wenigstens) einseitigen Liebe wandelt. Das Engagement der Mingo beschränkt sich auf ihre Aussagen im Gerichtssaal und Besuche im Gefängnis, eigene detektivische Recherchen gibt es nicht, man vertraut auf die Wahrheitsfindung des Gerichts. O.W. Fischer macht es weder seinen Freunden, noch seinem Anwalt und schon gar nicht sich selbst einfach. Er zeigt den fähigen Arzt als verschlossenen Mann, der voller Misstrauen gegenüber seinem Umfeld ist und den Prozess gegen ihn ebenso verachtet wie die Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Jeder scheint mehr an seinem Schicksal interessiert zu sein als er; stellenweise fügt er sich gleichgültig in die trüben Aussichten, dann rebelliert er wieder, weil er die Einmischungen in sein Leben ungeheuerlich findet; weniger, weil er Angst vor dem Urteilsspruch hat. In Rückblenden erzählt der Film von seiner Bekanntschaft mit der vermögenden Agnes, die von ihrer Cousine als oberflächlich geschildert wird, deren Leiden hier - im Gegensatz zur Dreißiger-Jahre-Umsetzung - ausführlich gezeigt werden. Hier spielt der Film seine Stärken aus, indem er die sensible Schilderung der Sterbeszene aus dem Buch feinfühlig in Szene setzt und die beiden bisher kalt und unnahbar wirkenden Protagonisten greifbar macht. Die gegenseitige Rücksichtnahme und das Mitgefühl für den Anderen lassen ihre versteinerten Gesichter weichere Züge annehmen und entlocken ihrer Mimik jene Regungen, die Verständnis für ihr Handeln aufbringen lassen und Vieles erklären, was zunächst für offene Fragen sorgte.

Die Rechtswissenschaften begegnen dem Zuschauer in Gestalt von Paul Verhoeven, Friedrich Domin und Herbert Tiede, während Walter Rilla als Vater von Mingo Fabian nur eine kleine Rolle zukommt. Er steht ihr mit diskretem Rat zur Seite, sucht Konzentration und Entspannung beim Schach und lässt die Chemiestudentin ansonsten das tun, was sie für richtig hält. Herbert Tiede, der Anwalt konfrontiert die junge Frau hingegen mit Vorwürfen, weil er sie nicht nur in Rechtssachen vertreten möchte, sondern ihr auch privat zur Seite stehen möchte. Das Wechselspiel der Gefühle vor Gericht zeigt sich sehr anschaulich, wenn die Kamera die Emotionen einfängt, die von den diversen Zeugenaussagen hervorgerufen werden. So kämpft Mingo nicht nur gegen belastende Beweise für die angebliche Schuld des Arztes, sondern auch gegen ihren Begleiter, der es ihr längst übel nimmt, dass sie sich wider Erwarten auf die andere Seite geschlagen hat. Ingrid Andree nimmt sich anfangs sehr zurück, bleibt über weite Strecken wortlos und wirft Erinnerungen an ihre tragische Rolle in "Der Rest ist Schweigen" in den Raum. Zunächst stolz und unnahbar wie eine Elfe, brechen ihre Gefühle sich langsam Bahn und kulminieren im Schmerz ihrer Krebserkrankung, die ihre zarte Figur beutelt und entstellt. Friedrich Domin ist der herrische Verteidiger von Fischer und sieht sich mehr als einmal von seinem Mandanten unzureichend informiert und in Stich gelassen. Während der Film zu Beginn ein wenig schwerfällig daherkommt und es einem Fischer wie so oft nicht leicht macht, für seine Rolle Partei zu ergreifen, können die Augenblicke in den Rückblenden und vor allem die spannenden Nebelsequenzen Vieles später wettmachen. Gerade den Szenen mit Max Mairich sind sehr atmosphärisch und zaubern ein nostalgisches Kriminalflair in den größtenteils konventionell ablaufenden Film, der zwischen Gerichtsdrama und Schmonzette pendelt. Liest man sich die Schlusspassagen im Roman durch, kommt man jedoch nicht umhin, die Streichung der Philosophieanklänge einer Baronin von Truschkowitz gerne zu entbehren. Allzu viel der Fünfziger-Jahre-Biederkeit hätte dem Stoff geschadet, ein Rest Bitterkeit muss bleiben.

Die Frage nach Schuld, Beihilfe und Vertuschung durchzieht den prominent besetzten Film wie ein roter Faden. Marianne Koch zeigt eine gefestigte junge Frau mit Prinzipien, die angesichts ihrer Zuneigung zum desillusionierten O.W. Fischer mehr und mehr ins Wanken geraten mit stringenter Geradlinigkeit. Charakterköpfe der alten Schule geben dem Gerichtsdrama Würde und stellen die Pfeiler der Gesellschaft dar, die zwischen Sensationsgier und Mitleid alles aufbietet. 4 von 5 Punkten


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